Geistergeschichte

 

 

 

Laura Freudenthaler, Geistergeschichte, Droschl 2019, ISBN 978-3-99059-025-6

 

Zu ihrem mit dem Bremer Literaturpreis 2018 augezeichneten letzten 2017 erschienenen Roman „Die Königin schweigt“ schrieb die Jury vor einem Jahr:

„Mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird Laura Freudenthaler für „Die Königin schweigt“ ausgezeichnet. Ein stiller, konzentrierter Roman, der eine alte Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt, auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben zurückblicken lässt. Freudenthaler zeichnet das eindringliche Porträt einer Generation, die ein scheinbar unspektakuläres Dasein führte, in dem sich aber tatsächlich die große Geschichte verbirgt.“

 

Auch der neue Roman von Laura Freudenthaler, der wieder beim kleinen ambitionierten Droschl Literaturverlag in Österreich erschienen ist, entzieht sich auffallend deutlich dem literarischen Mainstream der Gegenwartsliteratur.

 

„Geistergeschichte“ erzählt von der etwa 50 -jährigen Klavierlehrerin Anne. Sie hat beschlossen, sich ein Freijahr, andernorts auch „Sabbatjahr“ genannt, zu gönnen und während dieser Zeit sich ohne Unterrichtsverpflichtungen ausschließlich dem eigenen Klavierspiel zu widmen und nebenbei ein Lehrbuch zu verfassen.

 

Doch bald schon kommt sie von dem vorgezeichneten Weg ab und sie gerät in einen Sog, in dem sie sich regelrecht aufzulösen droht und in den die Autorin den Leser auf eine Weise mitnimmt, der er sich nicht entziehen kann. Ihre üblichen Gewohnheiten vernachlässigend und ihr Vorhaben aus den Augen verlierend, streift Anne tagsüber durch die Stadt und überschreitet die Grenzen des ihr bisher Bekannten. Nachts hält sie ihre Beobachtungen in einem Notizheft fest. Diese Auflösung der  bisher für sie gewohnten Struktur hat auch Folgen für das Leben mit ihrem Partner Thomas, mit dem Anne seit zwanzig Jahren schon in einer gemeinsamen Wohnung lebt. Über diese lange Zeit sind zu einem Paar zusammengewachsen, das viele gemeinsame Erinnerungen teilt und den anderen perfekt zu lesen weiß.

Doch mit Annes Verwandlung werden sie sich immer fremder. Das was Anne schon seit einiger Zeit vermutet, dass Thomas eine Affäre hat, wird für sie nun  zur Gewissheit.  Ihre Wahrnehmung verändert sich mit jedem Tag mehr, für den Leser eine ebenso interessante wie irritierende Wendung. Immer mehr (ver)führt Laura Freudenthaler ihre Leser hinein in eine verfremdete Welt voller Spiegelungen und doppelten Bedeutungen, eine Wahrnehmungswelt von Anne, in der ihre Wirklichkeit und ihre Phantasie (oder soll man es anders nennen?) mehr und mehr sich vermischen. Zwischendrin taucht das Mädchen, mit dem Thomas sie angeblich betrügt, wie ein Geist auf, Anne hört Geräusche und nimmt Dinge wahr, die sie (und auch der Leser) nicht mehr eindeutig zuordnen kann.

 

Eine fragile Welt ist das, in der sich Freudenthalers Protagonistin da zunehmend bewegt. Die Grenzen von Wirklichkeit und Traum, das was Realität ist und was Einbildung, verschwimmen auch für den irritierten Leser, dem zwischendurch immer erschreckender deutlicher wird und werden soll, wie zerbrechlich und knapp von einer fürchterlich Grenze entfernt sein eigenes Leben und seine eigene Existenz verläuft. Das Lesen dieses Buches ist eine fast körperliche und auf jeden Fall seelische Grenzerfahrung.

 

Wer hätte eine solche Entfremdung, wie sie Anne erlebt, nicht schon einmal selbst erfahren, oder hat zumindest Angst davor?

 

 

 

 

 

 

Ich auch

 

 

 

Daniela Kulot, Ich auch, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-5684-0

 

Daniela Kulot ist bekannt für ihre lustigen und meist witzig gereimten Bilderbücher. Auch ihr neues im Gerstenberg Verlag erschienenes kleines Buch für Kinder ab etwa 18 Monaten reiht sich in die Riege ihrer erfolgreichen und beliebten Kinderbücher ein.

 

Es geht darum, zusammen mit den kleinen Kindern den Spaß und die Freude am eigenen Körper zu entdecken. Mit lustigen Reimen wird daraus ein tierisch guter Mitmachspaß, denn die eigenen Körperteile werden mit denen von Tieren verglichen. Beispiel gefällig: „Das Schwein hat einen runden Bauch. Ich auch !“

 

Ein wunderschönes Buch zum gemeinsamen Anschauen, Vorlesen, Mitreimen und miteinander spielen!

 

 

Warum ich Christ bin. 26 Antworten von Persönlichkeiten der Gegenwart

 

 

 

Predrag Bukovec, Christoph Tröbinger (Hg), Warum ich Christ bin. 26 Antworten von Persönlichkeiten der Gegenwart, Patmos 2019, ISBN 978-38436-1126-8

 

Waren die Christen vor wenigen Jahrzehnten noch in unserem Land die zahlenmäßig dominierende Bevölkerungsgruppe, so ist die Zahl der Kirchenmitglieder heute stark geschrumpft, und bald wird es weniger als die Hälfte der Bevölkerung sein, die noch einer christlichen Kirche angehören.

 

Noch stärker ist die Zahl der Menschen gesunken, die heute noch an Gott glauben und ihr Leben als Christ oder Christin bewusst gestalten und leben. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes sind der Frage nach der Relevanz des christlichen Glaubens dadurch nachgegangen, dass sie insgesamt 26 Persönlichkeiten der Gegenwart aus Politik, Kirche und Gesellschaft um Auskunft über den Grund ihres Glaubens gebeten haben.

 

In ihren sehr unterschiedlichen, aber ausnahmslos interessanten Antworten wird genau die Spannung deutlich, die auch in vielen religionssoziologischen Untersuchungen schon beschrieben wurde. Neben viele Aspekten, die das Christentum wesentlich ausmachen und die sich über die Zeiten nicht verändert haben, auch wenn sie durchaus unterschiedlich und persönlich konnotiert gedeutet werden, ist auch bei den um einen Beitrag gebetenen Personen der Glaube durchweg und oft sehr stark von sehr persönlichen und biografischen Erfahrungen und Erlebnissen geprägt.

 

Deutlich wird immer wieder: Christsein ist nicht subjektiv, aber es kann nur subjektiv ins eigene Leben übersetzt werden. In dieser Spannung befinden sich alle Menschen, die bewusst als Christin oder Christ leben wollen.  Als Christ ist man heute gefragt, den eigenen Glauben und die eigene vom Glauben geprägte Lebenspraxis bis ins Politische hinein vor der eigenen Vernunft, aber auch vor den Anfragen und Herausforderungen der Gesellschaft und der anderen Religionen zu verantworten.

 

Die Auswahl der an diesem aufschlussreichen Stimmungsbild teilnehmenden Persönlichkeiten ist vielfältig und hat mich in den unterschiedlichen Beiträgen selbst sehr bereichert.

 

Das Buch reflektiert die Verschiedenartigkeit heutigen gelebten Christseins im deutschsprachigen Raum. Für jeden motivierten Leser werden seine Beiträge so zu wichtigen Impulsen, sein eigenes Christsein zu reflektieren und sich darüber mehr Klarheit zu verschaffen.

 

 

Gott wohnt im Wedding

 

 

 

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding, Penguin 2019, ISBN 978-3-328-60016-9

 

Schon zuvor sei es gesagt: der neue Roman von Regina Scheer ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Noch besser als in ihrem ersten Roman „Machandel“ gelingt es ihr, Gegenwart und  Vergangenheit auf dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen miteinander zu verknüpfen.

 

Auf über 400 Seiten geht es um ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und in den ersten 15 Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Lebensgeschichten der Menschen, die mit diesem Haus verknüpft sind, sind alle quasi schicksalhaft miteinander verbunden und erzählen eindrucksvoll von deutscher, jüdischer und ziganer Vergangenheit und Gegenwart.

 

Leo Lehmann kehrt nach 70 Jahren, die er in Israel in einem Kibbuz gewohnt hat, zusammen mit seiner Enkel Nira nach Berlin zurück, um mit seinem Anwalt Ansprüche nach Rückgaben von Eigentum zu klären, das seiner Familie von den Nazis gestohlen wurde. Eigentlich wollte er nie wieder zurückkehren, doch nun steht er vor dem Haus in der Utrechter Straße im ehemals roten Wedding und erinnert sich. Während die Autorin Leo während seines Aufenthaltes seine ehemalige Heimat erkunden lässt und in vielen Rückblicken nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern auch die seines ebenfalls jüdischen Freundes Manfred, verliebt sich seine Enkelin Nira in Amir und wird am Ende ihren Großvater nicht mehr zurück nach Israel begleiten.

 

In dem alten Haus, das von Spekulanten heruntergewirtschaftet wurde, wohnt noch die über neunzigjährige Gertrud, die mit der Geschichte von Manfred und Leo während der Nazizeit eng verbunden ist. Auch sie wird sich in vielen Rückblicken erinnern. Der Roman ist so konstruiert, dass sich Leos und Gertruds Erinnerungen fast zwangsläufig aufeinander zu bewegen.

 

Doch nicht nur dieser Strang jüdischer Verfolgungsgeschichte durchzieht das Buch, sondern auch die der Sinti und Roma. Laila, die seit einiger Zeit in dem verfallenden Haus wohnt, lernt erst im Laufe des Buches, dass ihre Sintifamilie einst auch in diesem Haus gewohnt hat.

Regina Scheer ist deren Verfolgungsgeschichte bis auf den heutigen Tag (in dem Haus wohnen aktuell viele Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien, die sich in Berlin ein bessere Leben erhoffen und schamlos ausgebeutet werden) sehr wichtig und sie nimmt neben den Erinnerungen von Leo und Gertrud sehr viel Platz ein. Tatsächlich ist dieser Roman der erste dieser Art, der mir zur Kenntnis gelangt ist, der den Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart eine angemessene Würdigung zukommen lässt.

 

All diese Geschichten bündeln sich in einem Haus, das Regina Scheer durch einen literarischen Kunstgriff immer wieder selbst von seiner bewegten Geschichte und die ihrer unterschiedlichen Bewohner in Vergangenheit und Gegenwart erzählen lässt. All diese Leben hat Regina Scheer zu einem großen literarischen Epos verwoben, ein Epos voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

 

Es sind diese vielen unterschiedlichen Menschen, die sich trotz allem etwas bewahrt haben von ihrer tiefen Menschlichkeit, die den Leser berühren und bewegen.

 

Ein großer Roman, vielschichtig konstruiert und mit viel Herzblut geschrieben. Mit diesem Buch empfiehlt sich Regina Scheer schon jetzt für eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2019.

 

 

 

 

Schluss mit everbodys Darling

 

 

Carsten K. Rath, Schluss mit everbodys Darling, Goldegg Verlag 2019, ISBN 978-3-99060-105-1

 

In den Zeiten, in denen der Autor dieser Rezension aufgewachsen ist, da war es gängige Erziehungspraxis von Eltern und Großeltern, den Kindern immer wieder zu vermitteln, dass „das, was die Leute denken“ eine Größe ist, die man nur selten ungestraft missachtet. Erst in meiner Jugend, auch unterstützt von Studenten- und Schülerbewegung gelang es mir teilweise, mich von dieser Maxime zu lösen.

 

Wie so vielen anderen Menschen, denen diese neue Zeit geholfen hat, ihren eigenen Weg zu gehen. Doch auch der war damals oft bestimmt durch andere. Die „Leute“ der fünfziger Jahre wurden abgelöst durch so manche Ideologie, so manche hegemoniale Bestrebungen bestimmter Gruppen, die immer schon genau wussten, wie „richtiges, freies“ Leben geht und wie nicht.

 

Und so kamen neue Zwänge über die Menschen.  Heute ist es so, dass im Zeitalter der Likes und die das Selbstbewusstsein vieler Menschen bestimmende Zahl der „Freunde“ in den angeblich „sozialen“ Medien viele Menschen vielleicht noch nie so fremdbestimmt  waren wie nie zuvor.

 

Beliebt sein, erfolgreich sein, Geld haben, mehrmals im Jahr in Urlaub fahren, schön und fit daher kommen, das sind die modernen Fremdbestimmer.

 

Oft ist es durchaus so, dass der Einzelne durchaus spürt, wenn er gegen seine Prinzipien, gegen seine Werte, seine Überzeugung und sein Bauchgefühl handelt. Andere gehen sogar noch weiter um beliebt zu sein. Sie geben sich und ihr Selbst zeitweise oder ganz auf, verbiegen sich bis zur Selbstverleugnung, nur um bei anderen beliebt zu sein und deren Bewunderung zu bekommen. Kurzfristig erreichen sie dadurch Zuspruch. Auf lange Sicht verlieren sie sich aber selbst.

 

Der Autor des vorliegenden Buches Carsten K. Rath betont immer wieder, dass Erfolg viel damit zu tun hat, dass man seinen eigenen Weg geht.  Dazu gehört notwendigerweise, dass man endlich damit aufhört, sich mit anderen zu vergleichen. Meine Erfahrung ist es, dass der Vergleich, wo und wann immer er angestellt wird, der Tod nicht nur  jeder Individualität. sondern auch jeder Beziehung ist.

 

Sein Leben selbst aktiv zu leben, sich nicht verstellen, mutig den eigenen Weg gehen, gegen alle meist erziehungsbedingte Widerstände, um sein eigenes persönliche Glück zu finden, dazu ermutigt der Autor in seinem Buch seine Leser mit vielen aufschlussreichen Beispielen.

 

Dass der Weg zum eigenen Selbst auch ein spiritueller Weg ist, habe ich vor langer Zeit schon im wunderbaren immer noch lieferbaren Buch von Ulrich Schaffer gelernt, dass ich in diesem Zusammenhang immer noch empfehlen kann: „GrundRechte- Ein Manifest.“

 

 

 

 

Hinten und vorn. Alles, was krabbelt und fliegt

 

 

 

John Canty, Hinten und vorn. Alles, was krabbelt und fliegt, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-26208-9

 

Mit diesem einzigartigen und von der Hanser Lektorin Christiane Schwabbaur aus dem Englischen übersetzten Sachbilderbuch für  Kinder ab etwa 2-3 Jahren des australischen Künstlers John Canty zeigt sich Hanser erneut als Verlag, der seine Kinderbuchabteilung nicht nur nebenher betreibt, sondern mit sehr viel Sorgfalt pflegt.

 

In diesem Buch können die Kinder nicht nur Insekten und ihr unterschiedliches Aussehen kennenlernen, sondern sie können es auf eine Art tun, die Kindern gefällt, mit kleinen Rätseln nämlich.

 

Zunächst sieht man nur das Hinterteil, dann folgen drei Hinweise, und schon können auch kleine Leser das richtige Insekt erraten. Spielerisch und mit wunderbar zarten Bildern lenkt Canty die Aufmerksamkeit der Kinder auf bekannte Krabbeltiere mit und ohne Flügel.

 

Auf diese Weise können schon die Kleinsten die Wunderwelt der Insekten kennenlernen.

 

Ein sehr empfehlenswertes und künstlerisch gelungenes Sachbilderbuch.

 

 

 

 

Mein allererstes Tierlexikon

 

 

 

Ana Weller, Mein allererstes Tierlexikon, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-473-31758-5

 

Kinder zeigen schon sehr früh großes Interesse an Tieren. In dem vorliegenden Bilderbuch für Kinder ab 12 Monaten bis etwa zwei Jahre sind Tiere aus unterschiedlichen Lebensräumen abgebildet und mit ihrem Namen benannt. Die kleinen Kinder können mit Hilfe ihrer Eltern Tiere kennenlernen und irgendwann auch wiedererkennen und benennen aus den Bereichen:

  • Auf dem Bauernhof
  • Wer lebt in der Wiese?
  • Hoch in den Bergen
  • Am Wasser
  • Im Wald
  • In Eis und Schnee
  • Hier ist es heiß (Tiere in Afrika)
  • Im Meer
  • Im Dschungel
  • Zu Hause
  • Tiere und ihre Kinder

 

Schon kleine Kinder lernen mit diesem empfehlenswerten Buch aus der Reihe „ministeps“ die vielfältige und bunte Welt der Tiere kennen. Etwa einhundert sind es, die die Kinder erkennen und benennen lernen können. Es wird ihnen großen Spaß machen und sie werden mit Hilfe ihrer großen Vorleser manches Tier in anderen Bilderbüchern wiederentdecken.

 

Alle Zeit der Welt

 

 

 

Thomas Girst, Alle Zeit der Welt, Hanser Verlag 2019, ISBN 978-3-446-26187-7

 

Das vorliegende kleine Buch des Kunstgeschichtlers Thomas Girst, der persönlich und beruflich schon viel in der Welt herumgekommen ist, ist eine kleine Wissenschaftsgeschichte der besonderen Art.

 

In einer Welt, die jedes Jahr schneller zu werden scheint, bei einem Lebenstempo, bei dem immer mehr Menschen nicht mehr mitkommen und krank werden, in solch einer Welt, so sein Credo, müssen wir lernen, uns bei allem, was wir tun, insbesondere bei dem, was wir selbst bestimmen können, mehr Zeit zu nehmen.

 

In insgesamt 28 kleinen und sehr unterhaltsamen Geschichten erzählt er  von Menschen und Projekten, von Künstlern und Wissenschaftlern, die sich oft notgedrungen, oft aber auch absichtlich viel Zeit nahmen, für das was sie geschaffen haben.

 

Sie alle hatten bei ihrem Tun einen langen Atem und haben Wunderbares geschaffen. Obwohl und gerade weil solche Langsamkeit, eine solche fast meditative Haltung bei unserem Tun überhaupt nicht mehr in unsere schnelle und hektische Zeit zu passen scheint, sind das so etwas wie Gegengeschichten. Denn alles muss schnell gehen, wenn der Erfolg sich nicht sofort einstellt, kriecht die Resignation schnell hoch und das nächste Schnelllebige wird begonnen und genauso schnell wieder weggelegt.

 

Doch wie die Geschichten zeigen, sind dem, der einen langen Atem hat, nicht selten große Dinge möglich. Diese Haltung passt gar nicht mehr in unsere Zeit, und doch ist sie zentral, wenn wir unsere Seele nicht verlieren wollen. Im hessischen Vogelsberg gibt es eine Redewendung eines Bauers, der zu seinem Sohn sagt: „Bub, mach langsam, wir haben wenig Zeit.“

 

 

Kleiner weiser Wolf

 

 

Gijs van der Hammen, Hanneke Siemensma, Kleiner weiser Wolf, Bohem Verlag 2018, ISBN 978-3-95939-061-3

 

In diesem schönen und sehr hintersinnigen Bilderbuch aus den Niederlanden erzählt Gijs van der Hammen mit zarten Illustrationen von Hanneke Siemensma die Geschichte von einem Wolf, der weit hinter den Bergen in einem einsamen kleinen Haus wohnt. Den ganzen Tag und auch den größten Teil der Nacht eignet er sich Wissen an. Er liest dicke Bücher und sammelt, alles, was man so wissen kann. Unter anderem kennt er alle Kräuter der Welt und wie man sie bei Kranken einsetzen kann.

 

Er ist sehr stolz auf sein Wissen, die Tiere aus der Nachbarschaft bewundern ihn auch dafür, nennen ihn schon lange den „kleinen weisen Wolf“, doch wenn sie etwas von ihm wissen wollen oder seine Hilfe in Anspruch nehmen wollen, lehnt er ab mit dem Hinweis, er habe keine Zeit, er müsse noch viele dicke Bücher lesen.

 

Eines Tages sitzt die Krähe des Königs an seinem Fenster und hat ein Briefchen um den Hals, in dem der König ihn bittet zu ihm zu kommen. Nur er könne ihn wieder gesund machen.  Der Wolf wehrt zunächst wieder ab, doch die Krähe überzeugt ihn davon, dass man dem König nichts abschlagen dürfe.

 

E macht sich per Fahrrad und dann als die Berge kommen, mühsam zu Fuß auf den langen Weg. Er begegnet dabei vielen Tieren, die sich fragen, ob und wie sie ihm helfen können. Sie tun das, indem sie dem Wolf gerade dann, als er nicht mehr kann, auf eine Weise helfen, die hier nicht verraten werden soll.

 

Er kommt schließlich in die Stadt und dann in das Königsschloss, wo er den kranken König findet und ihm eine Medizin aus Kräutern herstellt, die diesen sehr schnell wieder auf die Beine bringt. Der dankbare König bietet dem kleinen Wolf eine Stelle als Leibarzt an, doch der lehnt ab: „Ich muss zurück zu meinen Freunden hinter den Bergen. Ich kann noch viel von ihnen lernen.“

 

Seit dieser Zeit ist der kleine weise Wolf nicht mehr zu beschäftigt, wenn die anderen Tiere bei ihm vorbeischauen. Er hilft ihnen gerne und immer.

 

Und was niemand erklären kann: er kann noch genauso viele schlaue Bücher lesen wie vorher.

 

Eine schöne und weise Geschichte darüber, wie wichtig wahre Freunde sind, aber auch darüber, dass man, wenn man klug ist und weise ist, diese Gaben auch für seine Nächsten einsetzen sollte.

Der blaue Stein

 

 

 

Anne-Gaelle Balpe, Eve Tharlet, Der blaue Stein, Minedition 2019, ISBN 978-3-86566-3659-7

 

 

In diesem mit zauberhaften Bildern von Eve Tharlet illustrierte Bilderbuch erzählt Anne-Gaelle Balpe die Geschichte eines kleinen Männchens, der aussieht als wäre er der Elfenwelt entsprungen. Er heißt Oli und er hat am Fuß einer Margerite einen blauen Kieselstein gefunden. Ein Stein mit einer ganz besonderen Form.

 

Oli beschließt ihn zu behalten. Er zeigt ihn verschiedenen Tieren, denen er begegnet, dem Wildschwein und dem Wolf. Beide halten so eine Stein für absolut überflüssig und raten Oli, ihn  wegzuwerfen. Doch Oli fühlt, dass er diesen Stein noch einmal brauchen wird. Auch von drei Zwergen  die er trifft, die ihn wegen dem Stein auslachen, lässt er sich nicht beirren.

Und tatsächlich: bald trifft er auf ein  weinendes Mädchen. Sie zeigt dem fragenden Oli stumm ihre Stoffpuppe, der ein Auge fehlt. Jeder sage, spricht sie nun, sie solle ihre Puppe wegwerfen.  Da zieht Oli seinen Kieselstein hinter seinen Rücken hervor und er passt in Farbe und Form genau in das fehlende Auge der Puppe.

 

Beide sind glücklich und Oli sagt: „Ich war sicher, dass ich den Stein irgendwann einmal brauchen  könnte.

 

Er hebt einen Faden auf, den die Puppe verloren hat und macht sich auf seinen Weg.

 

Diesen Faden wird er im nächsten Buch der beiden Autorinnen mit dem Titel „ Der rote Faden“ noch sinnvoll einsetzen. Das vorliegende Buch ist 2011 erschienen, das zweite im Jahr 2014.

 

Eine schöne Geschichte selbstlosen und segensreichen Helfens.