Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

 

 

 

 

John Green, Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25903-4

 

Lange hat eine internationale Fangemeinde, die bei weitem nicht nur aus Jugendlichen besteht, auf den neuen Roman von John Green gewartet. Nun ist er da. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“.

Aza Holmes heißt seine neue Heldin, eine Halbwaise aus Indianapolis, ihr Vater lebt nicht mehr. Sie wird gepeinigt und geplagt von pathologischen Phobien. Sie ist sich zu sehr dessen bewusst, dass sie besiedelt ist von Parasiten und Mikroben. Sie sei, schreibt sie, eine wandelnde Bazillenkolonie. Nichts aber ängstigt Aza mehr, als der Gedanke an den Saugwurm „Diplostomum pseudospathaceum“, der in Fischen lebt und ihnen seinen Willen aufzwingt.

So denkt Aza Holmes den lieben langen Tag: Wer bin ich, wenn mein Organismus nicht von mir und meinem Hirn gelenkt wird, sondern von winzigen Wesen? Was wiederum dazu führt, dass sie nichts mehr fürchtet als fremde Körperflüssigkeiten und daher nur schwer erwachsen werden kann. Sie ist seit langem in psychologischer Behandlung, aber sie nimmt die verordneten Medikamente nur selten und unregelmäßig ein. Und ihre Gedanken, haben sie einmal angefangen – und das kann jederzeit passieren, selbst wenn sie später den Jungen küssen wird, in den sie sich verliebt hat, verselbständigen  sich und führen ihr krudes zerstörerisches Eigenleben.

Der Junge, den sie kennenlernt heißt Davis, ist einer von zwei Söhnen eines verschwundenen Milliardärs. Auf dessen Auffindung ist eine Belohnung von 100.000 Dollar ausgesetzt, was Azas beste Freundin Daisy auf die Idee bringt, gemeinsam nach ihm zu suchen und den Lohn einzustreichen. Dann wäre auch Azas Collegeausbildung gesichert. (Es ist immer wieder ein Schock für mich, was eine solche Ausbildung in den USA kostet!).

 

Wie die beiden Freundinnen sich auf den Weg machen zum Haus des Milliardärs, wie insbesondere Aza Davis näherkommt und dennoch immer wieder von ihren „fiesen Gedanken“ gehindert wird, sich wirklich auf ihn und eine mögliche Beziehung einzulassen, das ist die Story im Vordergrund.

Mit vielen Zitate aus der Weltliteratur, die geschickt in die Handlung eingebettet sind, gibt John Green seinen Lesern  (darunter werden sicher auch viele Erwachsene sein) immer wieder interessante Denkansätze mit auf den Weg. Nie ist er belehrend, nie wird es kitschig.

 

Im Hintergrund geht es um Zwangsstörungen, Trauerbewältigung, Freundschaft und Ehrlichkeit. Erzählt wird eine traurige und dennoch hoffnungsvolle Geschichte, eine bewegende, tiefgründige und stellenweise auch poetische Geschichte über Einsamkeit, Verlust, Selbstzweifel, aber auch Freundschaft, Liebe und Zusammengehörigkeit.

John Green, schreibt immer auch über den Jungen, der er einmal war. In seiner ausführlichen Danksagung am Ende von „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ grüßt er seine Therapeuten, die es ihm nicht nur ermöglicht haben, seine Jugend durchzustehen, sondern in Romanen auch davon erzählen zu können.

 

 

 

 

 

 

 

 

Melchior und das Gold der Armen

 

 

 

 

Georg Dreißig, Maren Briswalter, Melchior und das Gold der Armen, Urachhaus 2017, ISBN 978-3-8251-5114-0

 

In diesem von Maren Briswalter eindrucksvoll illustrierten Bilderbuch erzählt Georg Dreißig, das in einer märchenhaften Geschichte versucht einzufangen, welche radikale Wirkung die Weihnachtsbotschaft auf einen Menschen haben kann.

 

Es geht um Melchior, einen der Heiligen Drei Könige. Der mächtige Herrscher bricht eines Tages mit einer großen Karawane auf, um einem Stern zu einem Kind zu folgen, das er anzubeten gedenkt. Doch je länger die Reise dauert und je beschwerlicher sie wird, umso größer wird der Protest in der Gruppe der Reisenden – zumal nur Melchior den Stern von Bethlehem sehen kann. Noch größer wird die Verwirrung, als er endlich das Jesuskind findet, seinen Schmuck ablegt, „sich wie ein niedriger Knecht vor dem Knaben und dessen einfältigen Eltern“ neigt und sie reich beschenkt.

 

Auf dem Rückweg löst das Verhalten des Königs in seiner Mannschaft großen Ärger aus. Weil er jedem Bettler ein Goldstück schenkt, hetzt der Wesir das Gefolge auf gegen den Herrscher. Der findet sich am nächsten Morgen allein und nur mit einem einfachen Umhang bekleidet, allein wieder. Doch das stört ihn nicht. Wo er auch hinkommt auf seinem beschwerlichen Rückweg, erzählt er von dem leuchtenden Stern und „dem unscheinbaren Haus, in welchem doch der größte König der Welt geboren war“. Zurück in seiner Heimat sieht der König dass inzwischen sein Sohn die Herrschaft übernommen hat. Als er seinen Vater erkennt, beginnt er zu verstehen, welche Bedeutung dessen Begegnung mit jenem besonderen Kind für ihn hatte.

 

Eine bewegende Geschichte, die der Botschaft im Kern nahe kommt.

 

 

 

 

Iceland. Nature of the North

 

 

 

 

Jürgen Wettke, Iceland. Nature of the North, teNeues 2017, ISBN 978-3-96171-028-

Jürgen Wettke, 1953 geboren, frönt neben seiner erfolgreichen beruflichen Karriere – u. a. in führender Position bei einer großen Unternehmensberatung – einer ganz besonderen Leidenschaft: der Fotografie. In den letzten Jahren konzentrierte er sich vermehrt auf die Landschaftsfotografie. Mit seinen fesselnden Aufnahmen möchte er ein größeres Bewusstsein für die Fragilität der Ökosysteme unseres Planeten schaffen. Bücher über das Wattenmeer und die namibische Wüste (alle bei teNeues)  belegen das genauso eindrücklich wie das nun vorliegende neue Buch „Iceland. Nature oft he North“.

 

Der repräsentative Bildband ist in vier Teile gegliedert: Erde und Feuer, Eis und Gletscher, Wasser und Meer, Luft und Licht. Die jeweiligen Fotografien bleiben zunächst unkommentiert. Doch am Ende jedes Abschnitts findet man sie noch einmal in kleinem Format mit Kommentaren.

 

Eine Insel voller Schönheit ist Island. Wettkes Fotografien haben diese Schönheit in ihrer eigenen, für manchen sicher gewöhnungsbedürftigen Aart eingefangen und machen dem Betrachter Lust, irgendwann  einmal diese Insel zu besuchen. Der Rezensent wird das 2019 tun und freut sich schon sehr darauf.

 

 

Kind ohne Namen

 

 

 

 

Christoph Poschenrieder, Kind ohne Namen, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257 07000-2

 

In seinem neuen Roman erzählt der in München lebende Schriftsteller Christoph Poschenrieder von einem Dorf, das Angst vor Fremden hat. Seine Hauptperson ist Xenia, eine junge Frau, die nach dem Abitur sofort in die Großstadt flüchtet, um dort ein Studium der Literaturwissenschaft aufzunehmen:

„Mir tun die leid, die nicht auf dem Dorf aufwachsen; und die, die ihr ganzes Leben dort verbringen müssen. Sobald ich konnte, ging ich in die Stadt, weil ich dachte, nur dort finde ich die Welt.“  Doch bald schon tut sie schwer: „Auf einmal musste ich das, was mir immer warm und vertraut in der Hand lag, mit Zangen und Pinzetten anfassen – und das Papier wurde starr und spröde, die Worte darauf bockig und verstockt. Damit hatte ich nicht gerechnet.“

 

Voller Heimweh und ungewollt schwanger kehrt sie in das abgelegene Dorf zurück, wird von ihrer Mutter, die früher die Bürgermeisterin und Lehrerin des Dorfes war, gut aufgenommen und beginnt  in der Dorfkneipe von Georg, der ihr heimlich den Hof macht, zu jobben.

Sie hilft ihrer Mutter, das ehemalige Schulhaus für eine Gruppe von Flüchtlingen unterschiedlichen Alters herzurichten und engagiert sich auch beim Begrüßungsfest für die Flüchtlinge, das aber von den Einheimischen gestört wird. Sie schleudern Beuteln mit Hundekot auf die Tische und Xenias Bruder Josef, ein scharfer Nazi im Dienst des geheimnisvollen Burgherren, lässt Bananen regnen.

Xenia hat Mitleid mit den Flüchtlingen und nähert sich einem Jungen namens Ahmed an: „Einer der Jungs sah mich an, ich nahm seinen Blick und lenkte ihn weiter in Richtung Handyberg, unsichtbar über dem dunklen, stillen Wald. Fremder, der du hier eingehst, lass alle Hoffnung fahren, hätte ich auch sagen können. Er tat mir sofort leid, der Junge. Telefone, das sind die Luftwurzeln, die weit reichen, dorthin, woher sie gekommen sind, diese Leute.“

 

„Kind ohne Namen“ ist nicht so sehr ein Flüchtlingsroman, denn ein Bild eines aussterbenden Dorfes, das sich radikalisiert und ein Porträt einer jungen selbstbewussten und kritischen Frau, die ihren Weg ins Erwachsensein sucht. Poschenrieder nimmt Anleihen bei der Novelle des Schweizer Pfarrers Jeremias Gotthelf „Die schwarze Spinne“ aus dem Jahr 1842, in  der eingebettet in eine idyllisch angelegte Rahmenerzählung alte Sagen zu einer gleichnishaften Erzählung über christlich-humanistische Vorstellungen von Gut und Böse verarbeitet werden.

 

„Kind ohne Namen“ Poschenrieders fünfter Roman, ist ein unterhaltsames Buch, das den Leser ins Nachdenken bringen soll. Dennoch reicht es für mich nicht ganz an seine Vorgänger heran.

 

 

 

 

Die Königin schweigt

 

 

 

 

 

Laura Freudenthaler, Die Königin schweigt, Droschl 2017, ISBN 978-3-99059-001-0

 

In ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“  hatte die Österreicherin Laura Freudenthaler im Jahre 2016 überzeugend und sehr einfühlsam das Scheitern, den Absturz und die Einsamkeit einer jungen Frau in ihrem Konflikt zwischen ihrer Beziehung und ihrer Arbeit beschrieben. Sie schilderte damals ihre Hauptfigur drastisch, gleichzeitig aber mit großer Sensibilität, viel sprachlichem Geschick ohne sentimental zu werden.

 

Dieses sprachliche Geschick hat sie auch bei ihrem zweiten Roman unter Beweis gestellt, der unter dem Titel „Die Königin schweigt“ 2017 ebenfalls bei dem kleinen ambitionierten österreichischen Droschl Verlag erschienen ist, und der soeben mit dem Bremer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Die Jury schreibt dazu:

„Mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird Laura Freudenthaler für „Die Königin schweigt“ ausgezeichnet. Ein stiller, konzentrierter Roman, der eine alte Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt, auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben zurückblicken lässt. Freudenthaler zeichnet das eindringliche Porträt einer Generation, die ein scheinbar unspektakuläres Dasein führte, in dem sich aber tatsächlich die große Geschichte verbirgt.“

 

 

„Die Königin, die schweigt“  ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrem langen und bewegten Leben erzählt Laura Freudenthaler, und sie tut es so, als hätte sie diese Frau gut gekannt. Sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens, an das Leben mit Bruder und Eltern auf dem Bauernhof,  an den Besuch der Wirtschaftsschule, wo sie das einzige Mädchen war.

 

Als der Bruder im Krieg fällt, ist dies das erste Lebensunglück, dem sich in den folgenden Jahrzehnten weitere anschließen werden. Nachdem Fanny nach dem Krieg den in der KPÖ aktiven Schulmeister geheiratet hat und ins Schulmeisterhaus gezogen ist, muss trotz ihrer tatkräftigen Unterstützung der elterliche Hof verkauft werden. Ihr Mann verunglückt tödlich und auch die Eltern sterben. Nachdem Fanny in der Großstadt gezogen ist, doch bald schon wieder in einer kleinen Stadt in der Nähe des Heimatsdorfes seßhaft wird, bleibt ihr nur ihr Sohn Toni, der, ihr im Wesentlichen fremd, schließlich erwachsen wird und sein eigenes Leben lebt.

 

Irgendwann wird Toni seinem Leben ein Ende setzen und seine Tochter Hanna zurücklassen. Doch auch mit ihr kann Fanny nicht wirklich Nähe aufbauen:

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

 

Erinnerungsfragmente als Momentaufnahmen eines Lebens, das Fanny zu einer unnahbaren und schweigsamen Frau gemacht hat: Laura Freudenthaler zeigt auch in ihrem zweiten Roman  ein feinsinniges Gespür für Stimmungen und Emotionen.

 

Hier wurde ein literarisches Talent ausgezeichnet, von dem wir sicher in den nächsten Jahren noch mehr hören und lesen werden.

 

 

Als flögen wir davon. Über die letzte Wegstrecke

 

 

 

 

Nikolaus Schneider (Hg.) Als flögen wir davon. Über die letzte Wegstrecke, Kreuz Verlag 2017, ISBN 978-3-946905-10-3

 

Nikolaus Schneider war bis 2014 Ratsvorsitzender der EKD. Er trat von diesem Amt zurück, um sich ganz der Pflege seiner schwer an Krebs erkrankten Frau Anne zu widmen. Schon im Jahr 2005 war die gemeinsame Tochter Meike an Krebs gestorben. Seit dieser Zeit beschäftigt sich Nikolaus Schneider mit Fragen des Sterbens, der Sterbehilfe und der spirituellen Vorbereitung auf den eigenen Tod.

 

Obwohl sich durch eine viel längere Lebenserwartung der Tod für die meisten Menschen viele Jahre nach hinten verschoben hat, wird er nach wie vor von den meisten verdrängt. Dennoch kommt niemand wirklich daran vorbei, der Erkenntnis, den Zenit des eigenen Lebens überschritten zu haben, ins Auge zu blicken.

Wer auf ein langes Leben zurückblickt, wird seine/ ihre je eigenen Schlüsse ziehen: Würde ich es noch einmal so machen? Wie gestalte ich den Rest meines Lebens? Bereite ich mich auf den Tod vor oder verdränge ich die Tatsache meiner Sterblichkeit?

 

Nikolaus Schneider, der wie kaum ein anderer in den letzten Jahren auch ganz persönlich vom Sterben gesprochen  und geschrieben hat, hat für das vorliegende Buch insgesamt 18 Weggefährten und Gesprächspartner eingeladen, auf jeweils 10-12 Seiten davon erzählen, wie und wie bewusst sie sich auf „die letzte Wegstrecke“ machen.

 

Dabei schreibt zum Beispiel der von mir sehr geschätzte Fulbert Steffensky: „Was wird nach meinem Tod sein? Ich weiß es nicht, und ich muss es nicht wissen. Aber wenn Gott lebt, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Tränen umsonst geweint wurden und dass die Opfer ungetröstet bleiben.“

 

Und Bärbel Wartenberg-Potter spricht wie ihre jüngst verstorbene Freundin Luise Schottroff vom “Sterbeglück“, eine Gedichtzeile von Dorothee Sölle zitierend: „Schmerzlos flöge ich in dich, mein immer dunklerer Himmel.“

 

 

Ein ehrliches, ein wahrhaft frommes Buch, das einlädt, sich mit der eigenen letzten Wegstecke auseinanderzusetzen.

Was kann einer schon tun?

 

 

 

 

Peer Martin, Was kann einer schon tun, Oetinger 2017, ISBN 978-3-7891-0867-9

 

Peer Martin ist ein Schriftsteller, der für sein Romandebüt „Sommer unter schwarzen Flügeln“ 2016 den Jugendliteraturpreis erhalten hat. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau, seinen drei Kindern und seinem Hund Lola in Quebec in Kanada, wo wohl auch das kleine hier vorliegende verstörende und verunsichernde Buch entstanden ist.

 

In etlichen fiktiven Gesprächen unter anderem mit seinem Hund Lola geht er mit seinen Gesprächspartner der ihn quälenden Frage nach, was, angesichts der vielen ungelösten Probleme in der Welt ein Einzelner schon tun kann.

 

Man hat schon an einzelnen Stellen das Gefühl, dass das alles schon arg konstruiert daherkommt und mit viel Moral gesättigt. Dennoch: man mag vielleicht über die Verzweiflung, die Martin quält lächeln, doch man nimmt ihm ab, dass ihn  diese Fragen wirklich umtreiben, Fragen, die ich jedenfalls sehr oft denke, aber dann verdränge und nicht weiter verfolge, weil sie mir schlechte Laune machen.

 

Ein Buch für junge Menschen, das zum echten Nachdenken und kritischen Bewusstsein einlädt.

Nachtwächter und Türmer damals und heute

 

 

 

 

Ulrich Metzner, Nachtwächter und Türmer damals und heute, Verlag Anton Pustet, ISBN 978-3-7025-0877-7

 

Die seit den 1980 er Jahren immer noch steigende Beliebtheit des Mittelalters und das Entstehen einer entsprechende Szene und unzähligen Events und Märkten hat auch einen neuen Fokus gebracht auf die Nachtwächter und Türmer, die in früheren Zeiten eine wichtige Arbeit verrichteten. „Leben wie im Mittelalter“ ist mittlerweile eine weit verbreitete Freizeitgestaltung, die in manchen Gegenden für den Tourismus eine große Bedeutung hat.  In Eggenburg in Niederösterreich etwa findet die “Zeitreise ins Mittelalter” seit mehr als 20 Jahren statt. Die Waldviertler Stadtgemeinde, Bewohner und Besucher verkleiden sich wie vor Jahrhunderten, rund 300 Künstler und 200 Händler spielen mit. So verwundert nicht, dass hier auch abseits des Events ein Nachtwächter unterwegs ist, der den Gästen auf einsamen und dunklen Wegen die Geheimnisse der Stadt nahebringt

 

Das vorliegende Buch von Ulrich Metzner aus den Verlag Anton Pustet, der schon viele ähnliche kulturgeschichtlich interessante Werke verlegt hat, widmet sich dem Phänomen der Nahtwächter und Türmer in Vergangenheit und Gegenwart in vielen bunten Mosaiksteinen. Die Geschichten sind in kleine, leicht lesbare Häppchen mit zügigen Titeln unterteilt. Es sind nicht nur amüsante Geschichten. Man erfährt viel über Beruf und Pflichten der Nachtwächter. Noch als das Mittelalter längst vorbei war, sollten sie Vermögen und Gesundheit der Bürger schützen, indem sie für Ruhe sorgten, Feuer, Diebstahl und Raub verhinderten und die Stunden „abzublasen und abzurufen“ hatten. Der Autor konnte eine Reihe von Liedern und Sprüchen – wie das bekannte „Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen. unsere Glock‘ hat Zwölf geschlagen“ – zusammentragen. Er stellt die Ausrüstung, die armselige Besoldung und das geringe Ansehen der Wächter vor, obwohl sie Respektspersonen sein sollten. Darstellungen in Kunst und Literatur kommen nicht zu kurz.

 

Eine lange Liste gegenwärtiger Nachtwächter und Türmer (etwa 150) überall in Deutschland und Österreich) ermöglicht es dem Leser, Kontakt aufzunehmen mit einem von ihnen in seiner Nähe und ggf. mit seiner Familie oder eine Gruppe von Freunden und Interessierten einen Ortstermin zu vereinbaren.

Ein aufschlussreiches kulturhistorisches Buch.

Die Entstehung der Arten. Illustrierte Edition

 

 

 

 

Charles Darwin, Die Entstehung der Arten. Illustrierte Edition, Theiss 2017, ISBN 978-3-8062-3585-2

 

Darwins „Entstehung der Arten“ ist nicht bloß irgendein Werk. Mit seinem Erscheinen 1859 löste es eine kopernikanische Wende in den Natur- und Geisteswissenschaften aus, die allein mit der Wende vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild vergleichbar ist.
Was ist die bedeutende Leistung Darwins?
Sie liegt nicht darin, eine Evolutionstheorie entwickelt zu haben – das vor ihm schon anderen (u.a. Lamarck) gelungen. Nein, ihm gelang es, einen Mechanismus anzugeben, mit dem eine Entwicklung von einfachen zu immer komplexeren Arten möglich schien. Diese Möglichkeit begründete er in seinem Werk so gewissenhaft, dass daraus eine wissenschaftliche Hypothese erwuchs, die bis heute die Grundlage der modernen Evolutionstheorie darstellt. Darwins Hebel war die natürliche Zuchtwahl (Selektion), die unter ganz bestimmten Umständen ein besser geeignetes Lebewesen gegenüber einem weniger gut geeigneten Lebewesen vorzieht. Damit löst sich Darwin von der Schöpfungslehre und stellt an die Stelle göttlicher Planung, den blinden Zufall.
Dabei geht Darwin in seiner „ Entstehung der Arten“ nur in einem Nebensatz auf den Menschen ein, der aber auf jene, die sein Buch gelesen haben äußerst erhellend wirkt. So schreibt er gegen Ende seiner Ausführungen: „Licht wird auch fallen auf den Menschen und seine Geschichte.“

So ist Darwins Werk ein Meilenstein der Wissenschaft. Seine Wirkungsgeschichte ist grandios. Darwins Gedankengut beeinflusste nicht nur die moderne Biologie und Anthropologie, sondern findet auch in den Sozial- und Geisteswissenschaft seinen Niederschlag.

 

Die hier vorliegende illustrierte Edition aus dem Theiss Verlag bietet interessierte Menschen die einzigartige Möglichkeit, das Original einmal selbst zu lesen, sic einzulassen auf seine akribische Arbeitsweise, seinen wissenschaftlicher Anspruch und  viele stilistische Feinheiten.

 

Diese Ausgabe hat einem der wichtigsten Bücher der modernen Wissenschaft eine großartige und sehr gut lesbare Generalüberholung verschafft.
 

Maus, Maus, komm heraus

 

 

 

 

 

 

Helga Bansch, Maus, Maus, komm heraus, Tyrolia 2017, ISBN 978-3-7022-3638-0

 

Schon in ihrem letzten Buch „Was macht die Maus?“ hat die österreichische Künstlerin und Kinderbuchautorin Helga Bansch die Figur einer kleinen Maus eingeführt, die kleinen Kindern helfen sollte bei ihrer Sprachentwicklung.

 

Nun hat sie mit ihren ganz typischen Illustrationen, die wir schon von vielen anderen Bilderbüchern von ihr kennen, die sie zum Teil mit anderen Autoren wie etwa Heinz Janisch veröffentlicht hat, die Maus wieder lebendig werden lassen. Sie steckt in vielen verschiedenen Büchern und die Kinder können sie herauslocken, damit sie ihnen  etwas vorliest von Geschichten aus der ganzen Welt.

 

In schönen und lustigen Reimen entführt Helga Bansch mit ihren Bildern die Kinder in ferne und nahe Welten, nach Spitzbergen, in den Dschungel, auf den Rummel und „vielleicht auch noch ein kleines Stück von Freundschaft und vom Glück.“

 

Ein Bilderbuch, das schon kleinen Kindern etwas vermittelt vom Zauber des Lesens und der Bücher und ihrer Geschichten.