Der Dorfgescheite. Ein Bibliothekarsroman

 

 

 

Marjana Gaponenko, Der Dorfgescheite. Ein Bibliothekarsroman, C.H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-72627-9

 

Wer Bücher, besonders alte Bücher liebt, wer mit Freude und Begeisterung Umberto Ecos „Der Name der Rose“ gelesen oder seine Verfilmung gesehen hat, der wird auch an diesem neuen Roman von Marjana Gaponenko seine ungetrübte Freude haben. „Einen Bibliothekarsroman“ nennt sie ihre Geschichte des einäugigen Ernest Herz, der ziemlich erschöpft und seines exzessiven Liebeslebens überdrüssig ins Kloster geht. Im Stift W. hat er nach dem rätselhaften Selbstmord seines Vorgängers die Stelle des Bibliotheksleiters angenommen. Für Ernest Herz, der Bücher, besonders aber alte Bücher liebt, die Aufgabe seines Lebens.

 

Sein Vorgänger, Pater Mrozek, hat auf eine sehr kuriose Art seinem Leben ein Ende gesetzt, und weil Herz dessen Wohnung bezieht, verfolgt ihn des Paters Geschichte auf Schritt und Tritt.

 

Schon bald stößt der aufgeklärte Herz mit seinen Vorstellungen von einer zeitgemäßen Bibliothek auf den Widerstand der konservativen klerikalen Bewohnerschaft und auch der Leitung des Klosters. Immer mehr Zweifel ergeben sich Herz an dem Selbstmord des Vorgängers und als sein Radiogerät, das er ins Kloster mitgebracht hat, nur noch „Radio Gabriel“ empfängt, beginnt sich Herz auf eine spannende und unterhaltsam zu lesende Suche zu machen. Er will wissen, was im Kloster los ist, zumal der Fund eines mittelalterlichen Bestsellers mit dem Titel “Dialogus Miraculorum“, dessen Einband fehlt, seine detektivische Neugier geweckt hat.  Warum hat sich Pater Mrozek umgebracht? Wer oder was hat ihn dazu getrieben?

 

Als Herz im Dorf den schönen Kellner der Gastwirtschaft „Zum Lamm“ trifft, hat er sofort das Gefühl, dieser junge Mann könnte ihm weiterhelfen. Aber was hat dieser für ein Geheimnis?

 

Mit ihrem neuen Roman hat Marjana Gaponenko die Welt der Bibliothek und die Kultur eines alten Klosters zum Thema eines spannenden Romans gemacht, der mit Gespür für Komik liebevoll erzählt ist, und einen selten so erlebten literarischen Blick für die schrägen und skurrilen Details offenbart.

 

Ich habe dieses Buch mit Freude gelesen. Gute Unterhaltung ist das auf hohem sprachlichem Niveau. Die Autorin geht virtuos mit der Sprache um und man spürt ihre regelrecht sinnliche Freude an Wörtern, die ansteckend ist.

 

 

 

 

Die Glücksreisenden

 

 

 

 

Sybil Volks, Die Glücksreisenden, DTV 2018, ISBN 978-3-423-26203-3

 

Kann man sein eigenes Glückes Schied sein? Oder muss man warten, bis es einem zufällt, oder auch nicht?

In ihrem hier vorliegenden Buch erzählt die Schriftstellerin Sybil Volks davon und setzt die mit dem Roman „Wintergäste“ begonnene Geschichte der Familie Boysen auf unterhaltsame Weise fort. Zu Beginn steht Inge Boysen Feier zu ihrem 80. Geburtstag an, den sie gleichzeitig mit ihrer Enkelin Inka feiern will, die volljährig wird. Neben zahlreichem Besuch hat sich auch ein Komet angekündigt, der an diesem tag auf die Erde stürzen soll.

Alle Familienmitglieder bereiten sich auf das Fest vor und suchen nach ihrem ganz besonderen Glück, das gar nicht so einfach zu finden scheint. Bald schon ist das Haus Tide wieder Ort zahlreicher Konflikte, kein Wunder, wenn drei Generationen und viele unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen. Einige der Fragen, die im ersten Buch über die Familie beschrieben wurden, sind nach wie vor aktuelle, aber wie wir sehen werden, stellen sich auch viele neue.

 

Mit hoher Spracheleganz und Humor und stellenweise sehr poetisch erzählt Sybil Volks wie es it der immer sehr emotionalen Geschichte der Familie Boysen weitergeht. Man muss den ersten Band nicht kennen, um „Die Glücksreisenden“ zu genießen.

 

Angenehme literarische Unterhaltung vom Besten.

 

 

 

Die stramme Helene

 

 

 

Steffen Herbold, Die stramme Helene, Kunstanstifter 2018, ISBN 978-3-942795-68-5

 

„Geschichten sind aus Resten von Erinnerungen. Das Wahre und das Falsche, das Sichere und die Spekulation, das eigene Gedächtnis und das Gedächtnis anderer, Blickwinkel und Sichtweisen. Der Erzähler versucht, all das zu einem plausiblen ganzen zusammenzusetzen… So könnte es gewesen sein.“

 

So beschreibt der Autor der vorliegenden Geschichte aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhundert, Steffen Herbold den literaturtheoretischen Hintergrund seines Buches.

In „Die stramme Helene“ erzählt er, von Martin Burkhardt beeindruckend illustriert, die Geschichte einer starken Arbeiterfrau. Jahrelang in einer regelrechten Ehehölle unter ihrem Mann  leidend, schafft sie es an einem schicksalhaften Nachmittag im Frühjahr 1965 aus dieser Hölle zu entkommen. Vorher hat sie sich, geprägt von Krieg und Nachkriegszeit, durch die dumpfe Fröhlichkeit der frühen Sechziger und die leidvolle Beziehung zu ihrem Mann laviert, bis es ihr gelingt, sich ihr eigenes Stück Freiheit zu schaffen.

 

Diese fiktive Erzählung beruht auf tatsächlichen Begebenheiten und kann Kindern ab dem Grundschulalter einen lebendigen Eindruck der Lebensverhältnisse einer einfachen Frau in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts geben.

 

Ein sehr außergewöhnliches Kinderbuch, wie man sie aber mittlerweile aus dem Kunstanstifter Verlag schon gewöhnt ist.
 

 

Über das Strafen

 

 

Thomas Fischer, Über das Strafen, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-27687-7

 

 

In einer Zeit, in der trotz zurückgehender Kriminalität sich in Deutschland eine Stimmung immer mehr ausbreitet, die insbesondere im Strafrecht, aber auch in den meisten anderen Bereichen, wo Menschen das Recht brechen, eine härtere Gangart in der Rechtsprechung fordert bzw. wo die volle Ausschöpfung des Rahmen des Strafmaßes für eine Tat durch einen Richter öffentliche Zustimmung findet, in einer Zeit, wo nach jedem die Öffentlichkeit erregenden Vorfall nach neuen und härteren Gesetzen gerufen wird, in so einer Zeit kommt das vorliegende Buch gerade recht.

 

Der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer, der sich im Ruhestand in den letzten Jahren einen Ruf als streitbarer, leidenschaftlicher und wortmächtiger Vertreter seiner Zunft erworben hat, beschreibt in diesem Buch unser Rechtssystem als das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Insbesondere das Strafrecht verspricht als Grundlage staatlichen Handelns Sicherheit für die Bevölkerung. Es ist ein selbstgegebenes Regelwerk, das von vielen Bedingungen abhängt und vor allen Dingen durch die Rechtsprechung in ständiger Bewegung ist.

Es ist aber auch ein Ort, an dem grundlegende Fragen des gesellschaftlichen Lebens, der Freiheitsspielräume und der Verantwortung verhandelt und besprochen werden. Ein  lebendiges System also.

 

Mit seiner These vom Strafrecht als Kommunikation und Gewalt hält Fischer ein leidenschaftliches Plädoyer für unsere Idee des Rechtsstaats:

„Demokratie an sich erzeugt nicht gutes Strafrecht. Sie ist aber ein Legitimationsmodell, das ein rationales, auf Menschenwürde basierendes Modell einer Wahrheits-Findung ermöglicht, die den Einzelnen vor fremdem Unrecht, aber auch vor obrigkeitlicher Unfreiheit und Objektstellung schützt und es ermöglicht – mit allen Vorbehalten, Unsicherheiten und Fehlern- an einer Idee des Rechtsstaates weiterzuarbeiten.“

Ein auch für Nichtjuristen verständliches und für alle Demokraten empfehlenswertes Buch.

 

 

Stella

 

 

Takis Würger, Stella, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-25993-5

 

Der Spiegelredakteur Takis Würger hat nach seinem vielgelobten Debütroman „Der Club“, der 2017 bei Kein und Aber in Zürich erschien nun den Verlag gewechselt. Sein neuer Roman „Stella“ wird von Hanser in München verlegt und hat schon kurz nach seinem Erscheinen in der Szene der Kritiker heftige Reaktionen ausgelöst. Dazu später einige Worte.

 

Der Roman erzählt zunächst von der Kindheit und Jugend des 1922 in der Schweiz geborenen Friedrich, Sohn eines sehr reichen  Samthändlers und einer alkoholabhängigen Mutter. Sein Vater erzieht ihn dazu, immer die Wahrheit zu sagen und ihr verpflichtet zu sein. Als er eines Tages mit anderen Jungen einen Kutscher mit Schneebällen bewirft und das auf dessen Vorhaltungen auch zugibt, verletzt dieser ihn schwer im Gesicht. Durch diese Verletzung, von der eine große Narbe an der Wange zurückbleibt, wird er farbenblind und kann fortan keine Farben mehr erkennen. Seine Mutter ist eine glühende Verehrerin von Hitler und seiner Bewegung.

 

Erwachsen geworden zieht es Friedrich nach Berlin, wo er in einer Kunstschule Unterricht nimmt. Er will herausfinden, was es mit den angeblich so starken Deutschen auf sich hat, und ob die Gerüchte über die Möbelwagen stimmen, mit denen die Juden im Schanzenviertel abgeholt werden. Sein reicher Vater, der nach dem Ende seines lukrativen Samtgeschäftes nach Istanbul gezogen ist und dort die Sufis studiert, finanziert seinem Sohn Friedrich das ganze Jahr 1942 über (über diesen Zeitraum erstreckt sich auch die Handlung des kurzen Romans) einen Aufenthalt im teuersten Hotel Berlins, dem Adlon.

 

Bei seinem Kunstunterricht lernt Friedrich in der ersten Stunde jene junge Frau kennen, die den Schülern Modell gestanden hat. Sie heißt Kristin und nimmt den unbedarften Friedrich mit in die Clubs Berlin, trinkt Champagner und Kognak mit ihm. Mit ihr hat der junge Schweizer seine ersten sexuellen Erfahrungen. Der Krieg, dessen Verlauf Takis Würger zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen des jeweiligen Monats kapitel- und monatsweise dokumentiert, scheint weit weg.

 

Eines Tages bleibt Kristin tagelang verschwunden, bevor sie an einem frühen Morgen, schwer verletzt und mit blutigen Striemen im Gesicht an Friedrichs Hotelzimmertür klopft und ihm gesteht, ihn bisher über ihre wahre Identität belogen zu haben. Sie ist Jüdin, heißt Stella Goldschlag und die Gestapo hat ihre falsche Identität enttarnt. Ihre Eltern sind verhaftet worden und nur wenn Stella als sogenannte  „Greiferin“ der Gestapo ihr bekannte Juden für die Verhaftung und Vernichtung zuführt, kann  sie ihre Eltern vor der Deportation bewahren. Stella lässt sich darauf ein, und so wie die historische Stella Goldschlag wird sie auch weiter Juden verraten, auch nachdem ihre Eltern längst in einem KZ umgekommen sind.

Friedrich, der sich in Stella verliebt hat, wie besessen von ihr ist und sich auch mit dem SS-Offizier Tristan van Appen, der Stella seit langem kennt, gut versteht, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Selbstachtung und seiner Entrüstung darüber, was Stella da tut und seiner Liebe zu ihr. Mit Hilfe seines Vaters wird der den Leiter des KZ-Gefängnisses Walter Dobberke vergeblich versuchen zu bestechen.

 

Am Ende wird er mit zwei Gefühlen in die Schweiz zurückfahren. Das erste ist die Erkenntnis, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, obwohl sein Vater das in seiner Kindheit abstritt. Das zweite Gefühl ist Dankbarkeit Stella gegenüber: „Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist.“

 

Immer wieder zitiert Takis Würger aus den originalen Protokollen eines Sowjetischen Militärtribunals über die hunderte von Fällen, in denen Stella Goldschlag Juden an die Gestapo verraten hat.

 

Das Buch hat wie zu Beginn erwähnt, sehr schnell eine noch andauernde so schon lange nicht mehr geführte Kritikerdebatte ausgelöst, in der es keine Zwischentöne mehr zu geben scheint.

 

Zugegeben, die Erfindung jenes doch ziemlich naiven jungen Schweizers, dem offenbar auch in diesen Zeit 1942 das Geld nicht ausgeht (schwer vorstellbar), der nach Berlin zieht und dort die historische Stella Goldschlag trifft und sich in sie verliebt, als Rahmen für ein Porträt dieser Frau und der Fragestellung der Bewertung ihrer Taten, scheint nur als Notlösung haltbar. Denn Stella Goldschlag selbst erzählen zu lassen, diesen Schritt hat der Autor nicht gewagt.

 

Doch die sehr grundsätzlich und moralisch gestellte Frage geistert durch die Feuilletons, ob man ein solches Thema auf diese Weise darstellen darf und kann. Während die Kulturredaktion des NDR das Buch zum „Buch des Monats“ gewählt hat, lehnen es andere zum Teil mit Empörung ab, so als hätte Takis Würger hier ein größtmögliches Sakrileg begangen. Es geht dabei um den Vorwurf der Effekthascherei, des Kitsches, die Tatsache, dass Würger beim Spiegel arbeitet, weckt bei vielen Assoziationen zum Fall Relotius. Letztlich geht es um die Frage: darf man in Deutschland über die Nazizeit und oder eine jüdische Hauptfigur auf eine so kurzweilige und unterhaltsame Weise schreiben? Darf ein Buch über ein solches Thema von einem Nichtjuden geschrieben werden und darf es unterhaltsam sein?

 

Hannah Lühmann schrieb in der WELT: „Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch über eine entsetzliche Zeit zu schreiben?“

 

Das habe ich mich beim Lesen und Schreiben auch gefragt. Dass man an der nun wirklich naiven männlichen Hauptperson einiges kritisieren kann, okay. Aber einem Autor quasi zu untersagen, eine solche Geschichte zu erfinden, grenzt an hypermoralische Zensur.

 

 

Parker

 

 

 

Matthias Göritz, Parker, C.H.Beck Verlag 2018, ISBN 978-3-406-70063-7

 

Mit einem auch international sehr erfolgreichen Buch über Coaching hat sich Matthew Parker einen Namen gemacht. Er hat jahrelang in den USA gelebt, hat mit seiner unbestrittenen Beraterkompetenz sogar eine Rolle in Barack Obamas Präsidentschaftswahrkampf  gespielt. Während er beruflich kurz vor einem Wendepunkt in seiner Karriere steht (und zwar in Richtung Absturz) hat Parker diesen in seinem Privatleben schon hinter sich, bzw. steckt mittendrin. Seine letzte Freundin hat ihn vor die Tür gesetzt, auch sie konnte seine permanente Flucht vor größerer Nähe und sein notorisches Fremdgehen nicht mehr ertragen. Schon als Student hatte er mit seiner Flucht in die USA die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft und seiner Vergangenheit gescheut.

 

Nun  scheint ihn alles wie einzuholen. Er ist praktisch pleite, konnte während der Jahre des Erfolgs nicht mit Geld umgehen, der Verkauf seines schon in die Jahre gekommenen Buches geht gegen Null und er braucht dringend nicht nur Geld, sondern was für Menschen seines Schlages eine ebenso lebensnotwendige Droge ist: den Erfolg.

 

Da wird er durch die Vermittlung seines väterliches Freundes Eberhard Jansen nach Deutschland eingeladen, wo er gegen gutes Honorar in Kiel ein einwöchiges Rhetorikseminar halten soll.

 

Außerdem versucht Jansen, Matthew Parker als Berater in die Mannschaft eines nach Höherem strebenden mächtigen schleswig-holsteinischen Lokalpolitikers namens Mahler zu schleusen. Er soll von seiner Partei zu einem ganz Großen aufgebaut werden.

 

Er macht mit und findet in der ehrgeizigen und in der politischen Intrige erfahrenen Anneli Schneider, Mahlers wichtigster Mitarbeiterin, eine nicht nur erotische Herausforderung.

 

Auf dem Hintergrund einer politischen Kampagne, die den gegenwärtigen Politikbetrieb ironisiert, dann aber nicht wirklich weiterverfolgt wird, erzählt Matthias Göritz die Geschichte eines global vernetzten Arbeitsnomaden, der orientierungslos und beziehungsunfähig durch sein Leben irrt, sich niemals wirklich festlegen will und erst recht vor jeder privaten Bindung flüchtet. Man mag gar nicht wissen, wieviel dieser wenig lebenstüchtigen „Berater“ sich in den gegenwärtigen Politikfeldern nicht nur unseres Landes tummeln. Ohne innere Orientierung, nur nach dem Erfolg schielend, haben sie ihren eigenen Anteil an der Verdrossenheit immer zahlreicher werdender Bürger.

 

Göritz` gegen Ende des Buches angedeutete mögliche Wendung im Leben von Parker wird er wieder nicht ergreifen können, das war mein deutlicher Eindruck, als ich das Buch nach durchaus unterhaltsamer Lektüre wieder aus der Hand legte.

 

 

Geisterbahn

 

 

 

Ursula Krechel, Geisterbahn, Jung und Jung 2018, ISBN 978-3-99027-219-0

 

Auch in ihrem neuem wieder inhalts- und seitenmächtigen Roman „Geisterbahn“ setzt Ursula Krechel ihre schon in ihren beiden Büchern „Shanghai fern von wo“ und in dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Landgericht“ begonnene historische Rekonstruktionsarbeit fort.

 

In „Geisterbahn“ erzählt sie, ein ganzes Jahrhundert umspannend, die Geschichte einer deutschen Familie, der Dorns. Die Dorns sind Sinti und sind während des Dritten Reiches durch die mörderische Rassenpolitik der Nationalsozialisten mit ihrer ganzen Familie von der Vernichtung bedroht. Sterilisation, Verschleppung und Zwangsarbeit und schließlich der Tod in KZ`s – viele Menschen dieser Familie erleiden während des Dritten Reiches Fürchterliches.

 

Als der Krieg zu Ende ist, haben die überlebenden Dorns nicht nur den Großteil ihrer ehedem großen Familie verloren, sondern auch jegliches Vertrauen in Nachbarn oder Institutionen und stehen vor dem existenziellen Nichts.

 

Und nun sitzen sie in einer Grundschulklasse zusammen: Anna, das jüngste der Dorn-Kinder, die Tochter von Kommunisten und der Sohn eines Nazi-Polizisten.

 

Ursula Krechel erzählt die Geschichte dieser Kinder und die ihrer jeweiligen Eltern. Die Eltern dieser Kinder haben eines gemeinsam: sie schweigen ihren Kindern gegenüber über das, was Jahre zuvor geschehen ist. Sie schweigen über ihr Opfer- und Tätersein.

Wer auf welche Weise überlebt hat, aus Zufall oder durch eigenes geschicktes Zutun, danach fragt niemand. Diese Kinder teilen vieles, nur nicht die Geister der Vergangenheit.

 

Am Beispiel dieser Kinder, ihrer Familien und ihrer Geschichte hängt Ursula Krechel ihren ein knappes Jahrhundert umspannenden Familienroman auf.  Kunstfertig und mit einer wunderbar eleganten und poetischen Sprache, die immer wieder, wie schon in den Büchern zuvor, die Lyrikerin erkennen lässt, beschreibt Ursula Krechel auf eine sehr bewegende und berührende Weise davon, wie sich die Geschichte spiegelt in den Brüchen und den vielfältigen Verheerungen, die sich in die Lebensgeschichte der einzelnen Figuren eingeschrieben, ja geradezu eingebrannt haben.

 

Und wieder, wie schon in den Büchern zuvor, gelingt es ihr mit ihrer seltenen Sprachkunst eine atmosphärische Dichte herzustellen, in der das vermeintlich Vergangene, schon lang Vergangene, auf eine geradezu den Leser bedrängende Weise gegenwärtig und aktuell wird.

 

Die sich über mehrere Weihnachtstage hinziehende Lektüre dieses Buches und meine Erfahrung damit, standen in einem immer wieder verstörenden Gegensatz zu der Botschaft dieses Festes.

 

Sechs Jahre hat es seit dem letzten mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Landgericht“  gedauert, bis die in Berlin lebende Ursula Krechel mit ihrem neuen Buch fertig war.

 

Das Warten hat sich gelohnt. Ursula Krechel zählt für mich zu den wichtigsten  zeitgenössischen Schriftstellerinnen deutscher Sprache.

 

Die schwere Hand. Avi Avraham ermittelt

 

 

Dror Mishani, Die schwere Hand. Avi Avraham ermittelt, Zsolnay 2018, ISBN 978-3-552-05884-2

 

Dror Mishani ist als Literaturprofessor in Jerusalem seit langem spezialisiert auf die Geschichte der Kriminalliteratur. Sich auf diesem Gebiet hervorragend auszukennen, war aber keine Versicherung dafür, dass der erste eigene Versuch, einen Kriminalroman zu schreiben, auch erfolgreich sein würde und eine entsprechende Qualität haben würde. Dennoch schlug im Jahr 2013 sein erster Roman „ Vermisst“ nicht nur in Israel voll ein und begeisterte die Kritik und die Leser. Auch der damals noch lebende Henning Mankell nannte das Buch von seinem Verlag um eine Stellungnahme gebeten „originell und hervorragend“ und war von Mishanis Hauptfigur Avi Avraham begeistert.

 

Mit ihm hat ein ganz spezieller Ermittler die Bühne der internationalen Kriminalliteratur betreten. Seine Fälle spielen in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der zunächst noch alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

Im ersten Band, als er nach einem verschwundenen Jungen sucht, lässt er zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen und leidet in der Folge schwer unter seinen Fehlern.

 

Er nimmt eine Auszeit und lernt in Belgien eine Frau kennen. Die nicht unkomplizierte Entwicklung der Beziehung von Avi Avraham zu dieser Frau ist neben einem neuen Fall das Thema des 2015 erschienenen zweiten Bandes der Reihe.

 

 

Nun, nach dreijähriger Pause. Legt der Zsolnay Verlag den dritten Band der Reihe vor, mit dem sich nach Meining des Krimiexperten der ZEIT, Tobias Gohlis, endgültig in die Weltspitze der Krimiautoren geschrieben hat.

 

Die Handlung spielt 2014 oder 2015 wieder in Cholon. (Das Buch ist in Israel schon 2015 erschienen). Marianka, die Frau, die er Belgien kennen- und lieben gelernt hat, ist mittlerweile zu ihm nach Tel Aviv gezogen und sie kann beruflich auch wegen er mangelnden Sprachkenntnisse noch nicht Fuß fassen. Sehr zum  Leidwesen ihrer Eltern, die sie bei einem Besuch der davon überzeugen wollen, wieder nach Hause nach Belgien zu kommen. Wie schon in Band zwei verfolgt Mishani die Entwicklung dieser Beziehung in einem Nebenstrang, der aber wie zu erwarten war wohl bis zum vierte band offen bleibt. Der Rezensent ist skeptisch ob diese junge Beziehung angesichts der Problem, mit denen sie konfrontiert ist, überleben kann.

 

Zu seiner großen Überraschung ist Avi Avraham vor einiger Zeit zum Leiter der Ermittlungsbehörde von Cholon-Ayalon ernannt worden und wird gleich zu Beginn des neuen Buches mit seinem ersten Mordfall betraut, den er in eigener Verantwortung lösen muss.

Avi kennt die ermordete Lea Jäger, denn sie war vor einigen Jahren das Opfer einer Vergewaltigung, die Avi bearbeitet hat. Der damalige Täter kommt nicht in Frage, weil er wegen der Tat verurteilt, noch im Gefängnis sitzt. Avis Chef und sein bei der Beförderung übergangener missgünstiger Kollege gehen sehr schnell davon aus, dass Lea Jägers Sohn der Täter war.

 

Doch Avi Avraham folgt einer anderen Spur. Denn es taucht in den Ermittlungen bei den Zeugenbefragungen die Figur eines Polizisten auf, der Vergewaltigungsopfer anruft und sie noch einmal verhören will.

 

In einem Erzählstrang, den Dror Mishani geschickt im  Lafe des buches mit dem ersten ich verbinden lässt, wenn er der überraschenden Lösung des Falls näherkommt, wird erzählt von der jungen Mali. Sie ist vor einigen Jahren bei einem betrieblichen Aufenthalt in einem Hotel in Eilat vergewaltigt worden. Die damaligen Ermittler der Polizei hatten damals erhebliche Zweifel an ihrer Darstellung des Geschehens und so  muss sie damit leben, dass der Täter immer noch nicht gefasst worden ist. Immer noch leidet sie unter Albträume, wenn sich „die schwere Hand“ des Täters auf sie legt. Ihr Mann Coby ist ihr bis auf den heutigen Tag immer mit zärtlichem Verständnis begegnet, doch er hat Probleme seine Jobs zu behalten. Immer wieder wird der ehemalige Mitarbeiter des Geheimdienstes entlassen, weil er seine Gefühle nicht im Griff hat. Er zieht sich immer weiter zurück und wird Mali immer fremder. Und zunehmend ahnt Mali zunächst gegen viele innere Widerstände kämpfend, dass ihr Mann Coby nicht nur Probleme damit hat, dass er seine Familie nicht ernähren kann, sondern dass hinter seinem immer seltsamer werdenden Verhalten mehr steckt.

 

Schon bald wird dem Leser deutlich. Dass dieser zweite Erzählstrang etwas mit dem Mordfall zu hat. Doch Mishani kommt es weniger darauf an, die Aufklärung bis zur letzten Seite offen zu lassen, sondern sein Interesse liegt in der sensiblen Beschreibung der seelischen Zustände der Menschen, die auf unterschiedliche Weise Opfer eine Vergewaltigung geworden sind.

 

Auch Mishanis neues Buch ist Krimikunst vom Feinsten, von hoher Intensität. Er wechselt gekonnt zwischen der Sicht des Ermittlers und der der Beteiligten, und doch bleibt bis zum Ende etwas offen, was den Leser lange weiter bewegen wird.

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren.  Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neuen Partnerin weiter reifen. Es ist, nachdem er sich im Beruf wieder gefangen hat, das größte Problem, das er zu lösen haben wird. Sind wir gespannt, ob und wie ihm das im vierten Band gelingen wird.

 

 

 

 

Giraffe und ab ins Bett

 

 

 

David Grossman, Giraffe und ab ins Bett, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26053-5

 

 

Zum größten Teil in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als seine eigenen Enkel noch klein waren, hat der große israelische Schriftsteller und Friedenspreisträger David Grossmann eine ganze Menge Gutenachtgeschichten für sie geschrieben. Teilweise sind sie damals in eigenen Bilderbüchern erschienen, lange waren sie nicht mehr zugänglich.

Nun hat der Hanser Verlag alle Geschichten von Ruthi, Jonathan, Joram und anderen in einem von Henrike Wilson traumhaft illustrierten Hardcoverband wieder aufgelegt und sie so einer ganz neuen Generation von vorlesenden Eltern und ihren Kindern wieder zugänglich gemacht. Die älteren Geschichten von Joram hat schon damals Mirjam Pressler übersetzt. Die anderen, die in diesem schönen Buch versammelt sind, hat Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.

David Grossmann, neben dem gerade verstorbenen Amos Oz für mich der größte Schriftsteller Israels der letzten 50 Jahre, sagt zu seinen Geschichten und zu den Wesen, für er sie geschaffen hat:
„Diese Energie, die Welt zu erforschen – ich liebe es, für Kinder zu schreiben.“

Das letzte Buch, das er für Erwachsene vorlegte, war das Buch „Kommt ein Pferd in die Bar“ aus dem Jahr 2016, dessen Sog, Dramatik und Emotionalität ich mich damals nicht entziehen konnte. Nun wo die Stimme von Amos Oz fehlt, erhoffe ich mir bald einen neuen Roman von Grossman.

Verwirrnis

 

 

 

 

Christoph Hein, Verwirrnis, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-51842822-1

 

Der neue Roman von Christoph Hein erzählt auf dem Hintergrund der Nachkriegsgeschichte der DDR die Geschichte zwei homosexueller Freunde.

Friedeward Ringeling und Wolfgang Zernick wachsen beide in Heiligenstadt im streng katholischen Eichsfeld auf. In beiden Elternhäusern spielt die Religion auch im neuen sozialistischen Staat eine große Rolle. Friedewards Vater ist ein strenger Lehrer, der ihn und seinen Bruder Hartwig bei jedem möglichen Vergehen mit dem Siebenstriemer schlägt. Wolfgangs Vater ist Kantor der örtlichen Kirchengemeinde und regiert in seiner Familie weitaus weniger streng.

 

Friedewald und Wolfgang lieben sich und erleben auf vielen Zelturlauben an der Ostsee ihr Coming-Out. Natürlich darf keiner im katholischen Heiligenstadt von ihrer verbotenen Liebe erfahren. Würde ihre Beziehung entdeckt, würden die beiden in der Schule sehr erfolgreichen jungen Männer alles verlieren.

 

Nach ihrem erfolgreichen Abitur gehen beide nach Leipzig zum Studium. Während Friedeward nach einem Semester in Jena schon sein Fach wechselt, nach Leipzig zieht und schließlich mit wachsender Begeisterung und großem Erfolg Germanistik studiert, widmet sich Wolfgang dem Studium der Musik und wird später mit wechselndem Erfolg als Kantor arbeiten.

 

In Leipzig entfliehen sie der Enge des Eichsfelds, tauchen ein in eine Welt von berühmten und gefeierten Intellektuellen und erleben eine vorher nicht gekannte Freiheit. Sie lernen die sympathische Jacqueline kennen, die eine heimliche Beziehung zu einer älteren Dozentin namens Herlinde hat, die sie ein Leben lang führen wird. Diese Freundschaft zu Jacqueline wird Friedeward lange schützen und auch die junge Frau hat mit ihrer Beziehung zu dem bald zum Assistenten aufsteigenden Friedeward ein willkommenes Alibi.

 

Später, als nach dem 17. Juni 1953 und erst recht nach dem Mauerbau 1963 die Verhältnisse rigider werden und auch der berühmte Hans Mayer, der bald schon zum väterlichen Mentor von Friedeward geworden ist, seine Privilegien verliert und schließlich in den Westen flieht, kann nur noch die Heirat Friedewards mit Jacqueline ihn in der Fakultät weiter schützen.

 

Christoph Hein nimmt seinen Leser mit in die Geschichte Leipzig zwischen 1950 und 1993, seine berühmte Universität und ihre auch im Westen bekannten und anerkannten Gelehrten, „auf die ganz Leipzig stolz war und die überall in der Stadt, in jedem Café mit bewundernden Blicken bedacht wurden und deren Namen selbst den Taxifahrern vertraut waren…, die heimlichen, die eigentlichen Fürsten von Leipzig“.

Sein Roman ist eine berührende Geschichte zweier homosexueller Männer, die sich später trotz verschiedener Wege nie aus den Augen verlieren und gleichzeitig ein lebendiges Panorama deutschen Geisteswesens.

 

Er wirft, wenn er die Zeit nach der Wende beschreibt, einen sehr kritischen Blick darauf, wie nach der Wende auch die Universitäten abgewickelt und unzählige wissenschaftliche Existenzen für immer zerstört wurden. Gleichzeitig ist es eine Hommage an den unvergessenen Germanisten Hans Mayer, in dessen geistige Nähe Hein seinen Protagonisten Friedeward angesiedelt hat.

 

Friedewards trauriges Lebensende 1993 zeigt nicht nur die persönlichen Folgen einer rigiden Wendepolitik, sondern auch, wie noch vor 25 Jahren bei aller Liberalität Homosexuelle ihre Sexualität und Liebe verstecken mussten.

 

„Verwirrnis“ ist deshalb ein doppeldeutiger Titel eines Buches, das nüchtern erzählt ist und doch zu seinen Figuren eine große Nähe spüren lässt.

 

Nicht nur wegen diesem neuen Buch zählt Christoph Hein zu den wichtigsten Zeitzeugen der Geschichte der DDR und der Wendezeit.