Unsere Jahre in Miller‘ s Valley

 

 

 

 

 

 

Anna Quindlen, Unsere Jahre in Miller‘ s Valley, DVA 2017, ISBN 978-3-421-04758-8

 

 

Die Autorin Anna Quindlen gehört in den USA zu den ganz großen Autorinnen, die es nicht nur in die Bestsellerränge der Romanlisten, sondern auch der Sachbuchlisten schafft. Und diese Leidenschaft für zwei unterschiedliche Sparten merkt man den Romanen auch an. Schon als ich den Vorgängeroman „Ein Jahr auf dem Land“,  komponiert nicht nur als Befreiungsgeschichte einer Frau, sondern auch als Liebesgeschichte mit einem Happyend, 2015 gelesen habe, war ich von dieser Autorin und ihrem Stil begeistert.

 

Erzählt wird die neue Geschichte von der am Anfang des Buches etwa um 1965 herum 11-jährigen Mimi Miller, die zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern auf der Millerfarm im Millervalley wohnt. Über 200 Jahre schon währt die Tradition dieser Familie, die sich in der unwirtlichen und feuchten Tallandschaft eingerichtet hat und im ganzen Tal bekannt und beliebt ist. Eine schrullige Tante bewohnt ein kleines Haus am Anfang der Auffahrt zur Farm. Mimis Mutter bestreitet als Nachtschwester im Krankenhaus den Hauptteil des Familieneinkommens, während der Vater überall im Tal kleine Reparaturen übernimmt, bis ein  Schlaganfall ihn zum Nichtstun verurteilt.

 

Nach und nach erfahren wir von Mimi Details aus dem nur auf den ersten Blick eintönigen Leben der Farmer des Tals und den Beginn der Aufregung über den schon lange von der Regierung geplanten Staudamm, der das Ende alle Häuser und Farmen im Tal bedeuten würde.

 

Mimi ist mit LaRhonda, der Tochter des Dinerbesitzers befreundet, ein Mädchen, das sich im Gegensatz zu Mimi um nichts kümmern muss. Mit dem Jungen Donald, dessen Mutter weit weg wohnt und der immer wieder für lange Monate zu seinen Großeltern ins Tal kommt, verbindet Mimi eine enge Freundschaft, die auch am Ende des Buches, als die Erzählerin schon eine ältere Frau geworden ist, noch überaus lebendig ist.

 

Mimi erlebt, wie der große Bruder als Jahrgangsbester an die Uni geht und später weit weg eine Familie gründet. Sie erlebt erschüttert, wie ihr mittlerer Bruder Tommy, sich zur Army meldet und total zerstört und sich immer weiter selbst zerstörend aus Vietnam zurückkehrt und sie setzt sich im Laufe ihrer Jugend und ersten Erwachsenjahre mit dem geplanten Überflutung des Tals auseinander, deckt Missstände und Betrug der Regierungsstellen auf.

 

Mimi`s Leben ist, je älter sie wird, immer mehr mit diesem Fluten des Tales verknüpft, sei es durch ihren Freund Steven, sei es durch ihr Studium, sei es durch ihre Familie… und letztendlich bleibt diese Verknüpfung bis an ihr Lebensende bestehen.

 

Eine kraftvolle, emotionale Geschichte über eine Familie und eine Dorfgemeinschaft, die sich unabwendbaren Veränderungen stellen muss; über sonnendurchflutete Kindheitstage, Wachstumsschmerzen und die Kunst, sich selbst und eine neue Heimat zu finden. Unsere Jahre in Miller’s Valley erinnert uns daran, dass der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, und die Menschen darin zwar verschwinden mögen, aber in unserem Herzen auf immer weiterleben.

 

Gute und anspruchsvolle Unterhaltung auf hohem erzählerischen Niveau, wie schon bei „Ein Jahr auf dem Land“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In 30 Städten um die Welt

 

 

 

 

James Brown, In 30 Städten um die Welt, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5620-8

 

Von New York bis nach Tokio: dieses großformatige Buch des britischen Illustrators James Brown nimmt die ganze Familie mit auf eine Weltreise in einzigartigen Bildern. Denn dieses Buch richtet sich an Kinder und Erwachsene gleichermaßen. James Brown zeigt die Städte und ihre berühmten Wahrzeichen in großformatigen, doppelseitigen Plakaten, auf denen er sehr geschickt Wissenswertes und Kurioses in kurzen Texten verbindet mit außergewöhnlich atmosphärischen Grafiken im Retrostil.

Es ist beeindruckend, wie Brown Stimmung, Wahrzeichen und Spezialitäten der Städte einzufangen versteht. Es sind die typischen Farben und Formen, die er wie Elemente eines Steckbriefes einsetzt. Kairo etwa zeigt er als magische Silhouette an einem tiefblauen Nil vor einer gelb aufragenden Pyramide. Tokio wird von einem im Kirschblütenmeer ruhenden Buddha symbolisiert, mit dem schneebedeckten Fuji im Hintergrund und einer roten Sonne am Horizont. London inszeniert der Zeichner unter anderem mit Big Ben, Doppeldecker-Bus, Tower Bridge und Dauerregen; weiße Linien auf blauem Hintergrund.

Als Reiseführer dienen die im Retrostil gehaltenen Illustrationen sicher nicht. Aber sie sind zum schön, setzen Wesentliches originell in Szene, und Fernweh wecken sie allemal!

 

 

 

 

Smon Smon

 

 

 

 

 

Sonja Danowski, Smon Smon, Nord Süd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10415-2

 

Mit ihrem Fabelwesen Smon Smon, das auf dem Planeten Gon Gon lebt, hat die mehrfach preisgekrönte Illustratorin Sonja Danowski eine Bilderbuchfigur und ein feinsinniges Universum in einen zauberhaften Bilderbuch geschaffen, das die kleinen Betrachter dieses Buches in eine fantastische Bilder- und Sprachwelt entführt, in der sie schnell eintauchen und sich auf eine ungewöhnliche Art wohlfühlen werden.

„Das Smon Smon lebt auf dem Planeten Gon Gon. Morgens hängt das Smon Smon sein letztes Ron Ron neben sein Won Won und schwimmt in einem Ton Ton davon.“   Mit einer wundersamen und absolut ungewöhnlichen Sprache beginnt die Geschichte des puppenhaften Wesens Smon Smon, die in einem vollkommen fantastischen Raum spielend, das zunächst in eine große Not gerät am Ende doch auf wundersame Weise sein ganz persönliches Glück findet, als es auf sein Ebenbild trifft und eine wunderbare Freundschaft ihren Anfang nimmt.

 

Es geht in erster Linie um die Darstellung einer fantastischen Welt und darum, den Reichtum unsere Sprache bewusst zu machen. Denn das lieben Kinder ganz besonders, wenn sie für fremde Dinge eigene Begriffe zulassen und erfinden können.

 

Von dieser, mit vielen Doppel-worten ausgestatteten Sprache werden die Kinder ebenso bezaubert und begeistert sein, wie von der magischen Welt, in die sie die Künstlerin Sonja Danowski mit ihren Bildern entführt.

 

Eine zarte und fein gesponnene Geschichte über Zusammenhalt und Freundschaft. Absolut preiswürdig.

 

 

Das Flüstern des Orients. Arabische Märchen zum Vorlesen und Entdecken

 

 

 

 

 

Franziska Meiners, Das Flüstern des Orients. Arabische Märchen zum Vorlesen und Entdecken, Nord Süd Verlag 2918, ISBN 978-3-314-10429-9

 

„Das Anderssein des Anderen als Bereicherung des eigenen Seins begreifen; sich verstehen, sich verständigen, miteinander vertraut werden, darin liegt die Zukunft der Menschheit.“

 

Diese weisen Worte des Pädagogen Rolf Niemann hat Franziska Meiners als eine philosophische Überschrift über ihre von ihr selbst ausgewählte, nacherzählte und auch illustrierte Sammlung von sechs arabischen Volksmärchen gestellt. Sie entführt mit diesen Geschichten Erwachsene und Kinder ab etwa dem Grundschulalter in die faszinierende Welt des Morgenlandes. Die magischen Geschichten erzählen von dem Geist aus der Flasche, einem verzauberten Prinzen und einer geheimnisvollen Meerjungfrau.

 

Zauberhafte an Holzschnitte erinnernde Illustrationen geben dem Buch eine ganz eigene Note und präsentieren es in einem schönen Design.

 

Die Mitmachseiten im Anhang liefern zum einen kindgerechte Informationen zum Orient, zum anderen gibt es tolle Märchenmotive zum Selbstausmalen.

 

Das Buch und seine Geschichten können Kindern und Erwachsenen bei der gemeinsamem Lektüre oder Vorlesen einen authentischen Eindruck von einer Kultur vermitteln, von der in diesen Zeiten schon Kinder lernen, dass sie angeblich mit der unseren nicht vereinbar sei.

 

Das Anderssein des Anderen als Bereicherung des eigenen Seins begreifen – zu dieser großen Menschheitsaufgabe können Bücher wie das vorliegende einen  wichtigen Beitrag leisten.

 

Faceless

 

 

 

 

 

Alyssa Sheinmel, Faceless, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25703-0

 

Maisie, die ich-erzählende Hauptperson dieses 2015 in New York erschienenen Jugendbuches von Alyssa Sheinmel, ist eine sportbegeisterte 16- jährige, die bei guten und besorgten Eltern aufwächst, eine sehr gute, fleißige und ehrgeizige Schülerin und erfolgreiche Sportlerin. Seit einiger Zeit ist sie mit Chirag befreundet und es steht fest, dass sie bald mit ihm zum Abschlussball gehen wird.

 

Doch eines Tages verändert sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere. Während sie morgens Laufen geht, wird Maisie von einem Gewitter überrascht und ein Blitz trifft die Oberleitung, unter der Maisie gerade durch läuft. Der entstehende Funkenregen verbrennt ihren Körper und besonders ihr Gesicht auf eine furchtbare Weise.

 

Als sie dick verpackt im Krankenhaus aufwacht, spürt sie vor allem an der Reaktion ihrer Eltern, dass etwas Furchtbares passiert sein muss und langsam kommt ihre Erinnerung zurück.  Wer ist sie nun noch, nachdem ihr das Kinn, die Nase und eine Wange fehlen, wie ihr vor allem ihr Vater offenbart. Ihre Mutter versucht ihr dauernd zu vermitteln, sie habe bei allem noch Glück gehabt. Glück nennt sie auch einige Zeit später die Entscheidung der Ärzte, ihr ein Spendergesicht, bzw. Elemente davon zu transplantieren. Maisie stimmt notgedrungen zu und muss sich damit auseinandersetzen, dass sie, um die Abstoßung des fremden Gewebes zu verhindern, ihr Leben lang starke und mit vielen Nebenwirklungen behaftete Medikamente nehmen muss.

 

Bei aller Einsicht, dass ihr die Transplantation wohl das Überleben gerettet hat, empfindet Maisie ihre OP nicht als Glück. Im Spiegel, den ihr der Vater auf ihr flehendes Bitten reicht, kann sie sich nicht mehr erkennen. Ihr Freund Chirag hält zu ihr, obwohl sie immer mehr spürt, dass er eigentlich nur aus Mitleid bei ihr bleibt.

 

Als sie nach vielen Monaten so weit hergestellt ist, dass sie wieder in die Schule gehen kann, beginnt für sie eine schwere Zeit, von der sie zunächst nicht glaubt, dass sie sie überleben wird. Und immer strahlt jener Satz vom Anfang des Buches nach: „Zerstört. Was für ein unpassendes Wort. Zerstört sind Dörfer, über die ein Tsunami hereingebrochen ist. Oder Gebäude, die von einer Bombe getroffen wurde. Schiffe, die auf den Meeresgrund sinken. Aber etwas so Kleines, Unbedeutendes wie das Gesicht eines einzelnen Menschen kann doch nicht zerstört werden.“

 

Ihre beste Freundin versucht ihr Bestes, doch auch diese Freundschaft leidet an der Situation. Wer bin ich noch, wenn sich mein Äußeres so verändert hat, dass ich weder für mich noch für andere noch erkennbar bin?

 

Alyssa Sheinmel beschreibt mit einer beeindruckenden und unter die Haut gehenden Sprache ein junges Mädchen auf der Suche nach ihrer alten Identität und beim schwierigen Entdecken einer neuen. Und sie hat dazu mit den Eltern, den Freunden und Lehrern Figuren geschaffen, deren jeweilige und unterschiedliche Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist, überzeugend und bewegend dargestellt wird.

 

Ich dachte auf den ersten Seiten zunächst, so etwas wie eine mehr oder minder vollständige Gesichtstransplantation gäbe es gar nicht, doch ein Blick ins Internet konfrontierte mich mit Bildern, die ich dann beim weiteren Lesen nicht mehr aus dem Kopf bekam, die mir aber eine intensive und plastische Vorstellung davon gaben, vor welche enormen psychischen Leistungen die Hauptfigur Maisie sich gestellt sieht.

 

Erst als sie vermehrt Menschen trifft zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe, die ihr früheres Gesicht nicht kennen, lernt sie Schritt für Schritt, sich auch mit anderen Augen zu sehen und ihr neues Ich zu akzeptieren.

 

Ein wunderbares Buch, ein anspruchsvolle Lektüre nicht nur für Jugendliche mit einer wichtigen Botschaft. Es ist nicht unser Äußeres, das definiert, wer wir wirklich sind.

 

 

 

 

Anatomie. Das faszinierende Innenleben des Menschen

 

 

 

Helene Druvert, Anatomie. Das faszinierende Innenleben des Menschen, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5989-6

 

Einmal einen Blick in den menschlichen Körper werfen – dieses Buch macht es ganz ohne Röntgengerät möglich.  Zwar ist das für Kinder gedachte Buch vor allem für Grundschulkinder in seinen Erklärungen noch etwas schwer zu verstehen, aber sie bekommen einen guten Einblick. So sind etwa die Nieren und die Fortpflanzungssysteme  verständlich und angemessen dargestellt. Die Klappensysteme wecken die Neugierde und helfen dabei, unter der Oberfläche zu forschen, was sich im menschlichen Körper so alles tut.  Das allmähliche Verstehen wird dann mit der weiteren Beschäftigung der Kinder mit Buch wachsen.

 

Dem Buch gelingt es mit Lasercutschnitten das Innenleben eines Menschen darzustellen, den Aufbau des Skeletts vor Augen zu führen,  sie veranschaulichen Atmung, Verdauung und das Herzkreislaufsystem. Unter den großzügigen Klappen verbergen sich Organe, Muskeln und Knochen und geben ein Bild davon, wie das Herz schlägt, wie Hören und Sehen funktionieren und was in unseren Köpfen vor sich geht.

 

Ein lehrreiches Buch, dessen Nutzung für jüngere Kinder manchmal vielleicht die Unterstützung von Erwachsenen nötig macht. Ein Buch, das helfen kann, mit dem eigenen Körper und dem von anderen achtsamer umzugehen.
 

Hangman

 

 

 

„Hangman“ ist nach „Ragdoll“ der zweite Roman aus der „William Fawkes“-Reihe von Daniel Cole, auch wenn der im ersten Band am Ende spurlos verschwundene „Wolf“ im zweiten Band erst ganz am Ende im Epilog auftaucht, und für den nächsten Band eine wieder tragendere Rolle verspricht. Cole schriebt im Nachwort, man müsse „Ragdoll“ nicht unbedingt gelesen haben, um „Hangman“ zu verstehen ( was er auch durch zahlrieche Rückblicke zu unterstützen versucht), ich jedoch fand es hilfreich, dass ich beide Bücher innerhalb einer Woche hintereinander gelesen habe.

 

Nachdem Emily Baxter schwer verletzt den ebenfalls verletzten „Wolf“ im Gerichtssaal laufen ließ, ist sie mittlerweile befördert worden zum Detective Chief Inspector und hat acht Monate bevor die Handlung von „Hangman“ beginnt, mit dem Anwalt Thomas einen Mann kennengelernt, der ihr auf ihr bisher unbekannte Art Sicherheit gibt durch sein sanftes und verständnisvolles Wesen. Auch die Freundschaft zu Edmunds und seiner Frau Tia hat sich intensiviert. Dennoch ist Emily keine andere geworden. Sie kämpft weiter mit den Dämonen aus ihrer Vergangenheit, die Daniel Cole auch im zweiten Buch für kurze Momente lüftet.

 

Eben noch bei einem gemütlichen Abend mit Thomas, Edmunds und Tia zusammen, wird Emily mit einem neuen Fall konfrontiert, der nicht nur sie an die „Ragdoll“ erinnert.

In New York wurde ein Toter an der Brooklyn Bridge aufgehängt, das Wort „Köder“ tief in seine Brust geritzt. Das lässt für die FBI-Ermittler nur einen Schluss zu: Ein Killer kopiert den berühmten Londoner Ragdoll-Fall. Chief Inspector Emily Baxter wird sofort von den US-Ermittlern angefordert. Wenig begeistert, fliegt Baxter in die USA und macht sich zusammen mit den FBI Agents Curtis und Rouche an einen Wettlauf gegen die Zeit. Denn der Druck der Medien in den USA ist groß, erst recht  als ein zweiter Toter entdeckt wird, dieses Mal mit dem Wort „Puppe“ auf der Brust.

 

Und dann geschehen in schneller Abfolge abwechselnd grausame Morde in London und New York, die das zunächst sehr ungleiche Ermittlertrio DCI Emily Baxter von New Scotland Yard, FBI Agentin Eliot Curtis und CIA Agent Damien Rouche  vor fast unlösbare Aufgaben stellen. Sie fühlen sich wie ein Spielball eines grausamen Mörders, der sie jeweils unterschiedlich mit ihren eigenen Schatten aus der Vergangenheit konfrontiert.  Die Beschreibungen und Andeutungen dieser aus den jeweiligen Lebensgeschichten der Ermittlerpersonen herrührenden Persönlichkeiten machten für mich eine der vielen Stärken des Buches aus.

 

Sie raufen sich zusammen, überwinden ihr gegenseitiges Misstrauen und versuchen, auch mit Edmunds tatkräftiger Hilfe auf der anderen Seite des Atlantiks, das immer undurchsichtiger werdende Netz an Mordfällen aufzuklären. Wer steckt hinter diesem mörderischen Wahnsinn m? Und was hat er für ein Motiv?

So wie „Ragdoll“ ist auch „Hangman“ ein – vielleicht zu schnell auf den ersten Band folgender-  spannend geschriebener Thriller, der mit jeder Seite an Spannung gewinnt und zum Schluss in einem Showdown mit viel Action endet. Daniel Cole führt seinen Leser lange immer wieder in Irre bis zu einem dann doch völlig überraschenden Ende.

 

Ich wünsche Daniel Cole, dass er sich mit den nächsten Band mehr Zeit lässt, und so besser an der sprachlichen Gestalt seiner Geschichten feilen kann. Denn hier ist noch Luft nach oben.

 

 

 

Glanz und Elend in der Weimarer Republik

 

 

 

 

Ingrid Pfeiffer (Hg.), Glanz und Elend in der Weimarer Republik, Hirmer 2017, ISBN 978-3-7774-2932-8

 

Nach dem Ende des verheerenden Ersten Weltkriegs, der das Ende des deutschen Kaiserreichs bedeutete, bildete sich mit der später so genannten Weimarer Republik die erste Demokratie auf deutschem Boden, der aber wegen vieler innenpolitischer Konflikte und zunehmender Radikalisierungen links und vor allen rechts des politischen Spektrums keine gute Zukunft beschieden war, sondern die schlussendlich in einem totalitären Regine endete, wie es die Welt so vorher noch nicht erlebt hatte. Graue und brutale politische Wirklichkeit traf sich damals mit einer glanzvollen Zeit für Kunst und Kultur.

 

Dieser Diskrepanz hat sich die bis zum 28.2.2018 in der Frankfurter Schirn zu sehenden Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ zum Thema gemacht, deren Katalog hier bei Hirmer vorliegt.

Mit rund 200 Arbeiten von 62 bekannten und wenig beachteten Künstlern/innen der Weimarer Republik, etwa George Grosz, Max Beckmann oder Lea Grundig, verdeutlicht sie die Risse in der damaligen Gesellschaft

Die aufschlussreichen und informativen Texte weisen immer wieder darauf hin, wie die Künstler auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, ab er auch auf die Probleme der Weimarer Republik reagiert haben: realistisch, direkt, ironisch, wütend, humorvoll, oder verhalten und voller innerer Symbolik. Dabei lassen sich die unterschiedlichen Stile – vom Expressionismus über Dadaismus, verschiedene Formen des Realismus bis hin zu geometrisch-abstrakten Tendenzen nicht immer klar voneinander abgrenzen. Der Fokus der Ausstellung (und damit des Katalogs) liegt jedoch bei Künstlern, die eher einen kritischen, oft einen sezierenden Blick auf ihre Epoche geworfen haben. Durch ihre Arbeiten sehen wir heute die Weimarer Republik in zugespitzter Form und in manchen Aspekten auch seltsam aktuell.

 

Dennoch lehrt die Ausstellung, dass man mit vorschnellen Vergleichen zur gegenwärtigen politischen Entwicklung in Deutschland vorsichtig sein sollte.

 

Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten

 

 

 

 

 

Julian Nebel, Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten, Finanzbuchverlag 2017, ISBN 978-3-95972-048-9

 

Julian Nebel erzählt in dem vorliegenden Buch in einer spannenden und lockeren Weise von Adele Spitzeder, einer Frau die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in München mit einer später als Schneeballgeschäft bezeichneten Geschäftsidee Furore machte und schließlich  mindesten 30.000 Menschen aus München und ganz Bayern in den Ruin trieb.

 

Ursprünglich als Sängerin und Schauspielerin tätig, hatte sie eines Tages eine lukrative Idee. Sie lieh sich Geld von Freunden sozusagen als Startkapital. Dann ging sie an die Öffentlichkeit und versprach für Einlagen bei der „Spitzeder`schen Privatbank“ monatliche Zinsen von bis zu 10%. Die zahlte sie auch gleich für die ersten zwei Monate aus (von dem Geld, das die Leute in immer größeren Mengen zu ihr brachten). Und so kamen immer mehr und ein richtiger Hype brach aus, obwohl es an kritischen Stimmen nicht fehlte.

 

Als sie selbst, von Zweifeln geplagt, bei den Behörden nachfragte, ob ihr Handeln denn rechtmäßig sei, bekam sie den Bescheid, alles sei rechtens. Solange die Geldzufuhr andauerte, konnte sie dieses Geschäftsmodell fortführen, bis es schließlich im November 1872 zusammenbrach und Adele Spitzeder verhaftet und zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

 

Auf lockere und sehr unterhaltsame Weise erzählt Julian Nebel die Lebensgeschichte dieser Frau, bei deren Lektüre man mehr als einmal geneigt ist, Parallelen zu heutigen Finanzphänomen zu ziehen.

 

 

Die Geschichte des Kinderbuches in 100 Büchern

 

 

 

 

 

Roderick Cave, Sara Ayad, Die Geschichte des Kinderbuches in 100 Büchern, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-2123-7

 

Wer als Freund von Kinder- und Bilderbüchern, zu denen sich der Rezensent seit der Geburt seines Sohnes 2003 begeistert zählt,  dieses voluminöse Buch in die Hand bekommt, wird es so schnell nicht wieder aus der Hand geben. Ein Buch hat der Gerstenberg Verlag in Hildesheim verlegt, das in ganz besonderer Weise in Texte und grafischer Gestaltung die lange Geschichte des Kinderbuches verfolgt. Viel mehr als die im Titel genannten 100 Bücher werden vorgestellt: „In diesem Buch erwähnen wir neben den hundert ausgewählten noch viele andere Bücher und Autoren.“

 

Die beiden Autoren, Roderick Cave , der als Bibliothekar und Spezialist für historische Bücher die Texte verantwortet und Sara Ayad, eine gefragte Bildrechercheurin beginnen mit mündlichen und vorschriftlichen Traditionen. Sie gehen zurück bis in die Zeit um 2500 v.Chr. mit einem in Stein gemeißelten Schlaf- und Heillied der Sumerer. Eine Mutter bittet darum, ihr Kind möge wieder gesund und stark werden. Schon lange bevor im 18. Jahrhundert die ersten speziell für kleine Kinder verfassten Bücher erschienen, standen Wiegenlieder, Kinderreime, Fabeln und Mythen, die mündlich überliefert wurden.

Auf 275 Seiten schildert dieser repräsentative Band sehr anschaulich und unterhaltsam, wie Erwachsene auf der ganzen Welt Kinder mit Geschichten unterhalten, gebannt, belehrt und zuweilen auch verängstigt haben. Die ältesten sind die Äsop-Fabeln, Tausendundeine Nacht und das indische Panchatantra, jüngeren Datums sind die Märchen der Brüder Grimm und Abenteuer wie Gullivers Reisen. Doch nicht nur Klassiker und Bestseller werden hier präsentiert, sondern auch Erfindungsreichtum: Das erste Fühlbuch etwa wurde bereits 1940 veröffentlicht. Roderick Cave hat erstaunliche Fakten über die Entstehung und Entwicklung des Kinderbuches zusammengetragen.

 

Dieses Buch gehört in die Bibliothek jedes Freundes von Kinderbüchern.