Lennon

 

 

 

David Foenkinos, Lennon, DVA 2018, ISBN 978-3-421-04799-1

 

Er ist seit Jahrzehnten ein Liebhaber seiner Musik und hat sich schon sehr lange mit dem Gedanken getragen, etwas über ich n zu schreiben um ihm näher zu kommen und mehr zu verstehen, was für ein Mensch dieser John Lennon war. Nun hat der französische Schriftsteller David Foenkinos diesen Versuch gewagt und es ist ihm hervorragend gelungen.

In einem Interview sagt Foenkinos dazu: „Ich lasse John Lennon in der Ich-Form erzählen, aber auf meinem Buch steht ja ‚Roman‘. Insofern verrate ich ihn nicht. Und natürlich habe ich versucht, ihm so nahe wie möglich zu kommen. Ich habe versucht, mir Lennons Sprache anzueignen, seine lustige und sehr poetische Art, die Dinge zu sehen, auch in Momenten der Verzweiflung.“

 

Nach umfangreicher Recherche setzt David Foenkinos John  Lennon im Jahr 1975 auf die Couch eines Psychoanalytikers. Nachdem er kurz vorher entschieden hatte, eine Bühne mehr zu betreten, lässt ihn Foenkinos in insgesamt achtzehn Sitzungen, die sich über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren hinziehen und immer wieder längere Zeit unterbrochen werden, sein Leben erzählen. Seine problematische und einsame Kindheit, die in ihm eine lebenslang schwärende Wunde zurückgelassen hat, die er auch mit Drogen, Alkohol und Frauen und erst recht nicht mit Erfolg heilen kann, der kometenhafte Aufstieg der Beatles und wie er daran fast zugrunde gegangen wäre. Er erzählt von seiner Liebe zu Yoko Ono, den Jahren des Suchens, der Drogen, des Größenwahns – und seinem Kampf für den Frieden.

 

Wer war dieser John Lennon wirklich, den sie alle zu kennen glauben? David Foenkinos versucht in seinem Roman das Seelenleben von John Lennon zu ergründen. Die Grenze zwischen Fiktion und Fakten verwischt dabei an vielen Stellen. Doch die im Buch erzählten Begebenheit sind genau so geschehen. Seine Interpretation dieser Ereignisse jedoch, die er seinem John Lennon auf der Couch in den Mund legt, ist jedoch frei erfunden.

 

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt, manchmal total erschüttert, besonders die immer wieder schmerzhaft spürbar Tatsache, Dass alles, was dieser letztlich einsame Mann versucht hat, die große Kindheitswunde nicht heilen kann.

 

Seine Musik hat hunderte von Millionen Menschen überall auf der ganzen Welt berührt und bewegt. Viele Generationen von den sechziger Jahren bis heute haben sie gehört und sich je länger je mehr von Lennons Texten inspirieren. Wie autobiographisch geprägt sie alle waren, kann man in dem Buch von David Foenkinos nachlesen.

 

 

 

Der Gedankenspieler

 

 

 

 

 

Peter Härtling, Der Gedankenspieler, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3462-05177-3

 

Mehr als andere Schriftsteller seiner Generation  hat sich der kürzlich verstorbene Peter Härtling in seinen vielen Büchern, die er vor allen Dingen schrieb, nachdem er seine Tätigkeit bei S. Fischer beendet hatte und nur noch als freier Schriftsteller arbeitete, nicht nur mit den Biographien berühmter Menschen befasst, sondern immer wieder auch mit eigenen ganz persönlichen Erlebnissen, die er, kaum verfremdet, in vielen Romanen reflektierte. Ich erinnerte mich zum Beispiel, als ich seinen hier vorliegenden letzten Roman zur Hand nahm, an sein Buch „Herzwand“ das er 1990 nach seiner ersten Herzoperation veröffentlichte.

Rechtzeitig bevor er starb, hat er das Manuskript seines letzten Buches angeschlossen, dem sein Lektor und seine Frau den Titel „Der Gedankenspieler“ gaben und in dem er sein Alter Ego Johannes Wenger seine gesamte Krankengeschichte erzählen lässt und sich dankbar und ohne Verbitterung aus dem Leben verabschiedet

Peter Härtling war schon lange schwer krank, litt an Herzrhythmusstörungen, an Diabetes und war in den letzten beiden Jahren seines Lebens auf Dialyse und den Rollstuhl angewiesen. All das reflektiert er in „Der Gedankenspieler“, in dem er sich mit dem alten, knurrigen Architekten Johannes Wenger ein Alter Ego geschaffen hat, dem er die Erfahrung aufbürdet, zum Hilfsbedürftigen zu werden.

Ein immer gleicher Tagesrhythmus durch das Erscheinen verschiedener Pfleger, die ihn betreuen und waschen, durch die Essenslieferung durch einen jungen Mann, der – unsicher – gerne dem kranken alten Mann Gesellschaft leisten würde, aber nicht weiß, wie er dessen Ablehnung durchbrechen soll.

Johannes Wenger war sein ganzes Leben lang allein, und kann sich nur schwer an die permanente Gesellschaft der Pflegekräfte gewöhnen. Peter Härtling hat in seinem Buch aus eigener Erfahrung nicht nur erzählt, wie sich so etwas anfühlt, sondern auch , wie schwer es ist, in einen solchen Zustand seine Würde zu bewahren.

 

Kaum habe ich ein literarisches Alter Ego seinem Schöpfer so nahe kommen sehen, wie Wenger seinem Erfinder Peter Härtling. Mit der Ausnahme, dass Wenger Essays über Architekturgeschichte schreibt und immer wieder Gedankenbriefe verfasst an berühmte Architekten und seinen spät gewonnen Freund, den Arzt Dr. Mailänder. Der kümmert sich aufopferungsvoll um ihn, stellt ihn auch seiner Frau und seiner kleine Tochter vor und nimmt ihn  sogar mit zu einem Osterurlaub nach Travemünde. Er steht wahrscheinlich für die Menschen, die Peter Härtling in seinen beiden letzten schweren Jahren zur Seite standen.

 

Was allerdings den Mittelpunkt des Buches darstellt, sind nicht seine unterschiedlichen Ausflüge die Wenger noch unternimmt, sondern die detaillierte Darstellung des Krankheitsgeschehens und -verlaufs selbst und was es mit einem Menschen macht, wie es ihn verändert und quält. Wie kommt man etwa damit klar, wenn plötzlich die Niere versagt und man nur noch mit Hilfe der Dialyse überleben kann? Ist das noch ein Leben? Welchen Sinn hat dieses Leiden, wenn sein Ende doch absehbar vor der Tür steht und der Tod immer wieder anklopft?

 

Auch die (autobiographischen) Erinnerung an Kindheitserlebnisse hilft nicht viel weiter. Er muss sich der Gegenwart stellen. Wenger tut das relativ unaufgeregt und auch sein  letzter Brief an seinen  Freund Dr. Mailänder bleibt gelassen und wahrhaftig,  „ … denn ich verschwinde nun aus meiner, aus unserer  Geschichte.“

 

„Der Gedankenspieler“ ist ein bewegender und berührender Roman, der den Leser damit konfrontiert, womit er sich mit einer mit zunehmendem Alter immer größer werdenden wahrscheinlich selbst wird auseinandersetzen müssen. Möge es viele geschenkt sein, das ähnlich würdevoll und von Freunden betreut tun zu können, wie der große Schriftsteller Peter Härtling. Mit ihm schweigt eine große Stimme der deutschen Literatur.

Kaltenbruch

 

 

Michaela Küpper, Kaltenbruch, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-28200-7

 

Sie hat sich bisher mit einigen Kriminalromane im Gmeiner-Verlag unter Kennern einen Namen gemacht. Nun aber legt die Schriftstellerin Michaela Küpper im Droemer – Verlag ihren ersten großen Roman vor, der in vielem an die letzten Bücher von Mechthild Borrmann erinnert.

 

Es ist ein Roman, der nicht nur eine Kriminalgeschichte erzählt mit Kommissar, Verdächtigen und Opfern, sondern dem es hauptsächlich darum geht, die gesellschaftliche Atmosphäre der Nachkriegsjahre zu beschreiben, den Spuren zu folgen, die das Chaos und das Leid des Krieges bei den immer noch traumatisierten Menschen hinterlassen haben. Trotz Aufbaustimmung und massenhafter Verdrängung der Vergangenheit ist sie auf bedrückende Weise präsent.

Das muss zunächst im Frühsommer 1954 auf ganz persönliche Weise der Düsseldorfer Kommissar Peter Hoffmann erfahren. Er, der sich Hoffnungen Machte auf eine steile Karriere bei der Düsseldorfer Polizei, wird wegen einer vorlauten Bemerkung über die Nazivergangenheit seines Chefs in die rheinische Provinz versetzt.

 

Dort geschieht schon kurz nach der Versetzung in dem kleine Provinzort Kaltenbruch ein Mord, der die Gemüter aller Menschen im Dorf bewegt. Gemeinsam mit seiner neu eingestellten Mitarbeiterin Lisbeth Pfau, die er zunächst nicht haben wollte, mit der er aber im Laufe der Ermittlungen  ein Beziehung entwickelt, die auf Respekt aufgebaut ist, logiert er sich in einem Hotel in Kaltenbruch ein und macht sich dort auf die Suche nach dem Täter. Er trifft dort auf Menschen. Die sich immer Fragen stellen über die Vergangenheit und ihre Zukunft. Die Wunden des Krieges sind noch frisch in den Seelen der meisten Protagonisten die Michaela Küpper abwechselnd das Geschehen fortschreitend erzählen lässt. Man lernt ihre Vorgeschichte und Familiengeschichte kennen und in vielen Rückblicken auch das, was sie während des Krieges erlebt haben.

 

Da ist die Familie Schlüter. Sie besitzt eine große Fabrik, gibt vielen Menschen im Ort Arbeit, hat aber den meisten Reichtum mit Deals mit den Nazis angehäuft. Und die Familie Leitner. Ihnen gehört ein großer Bauernhof, mit dem sich aber nur mehr schlecht als recht durchschlagen. Und da ist auch noch die aus Schlesien vertriebene Familie Kaminski, die in armen Verhältnissen lebt.

 

Spannend und sukzessive öffnet Michaela Küppers dem Leser, welche die Geschichte und welche Geschichten diese Familien verbindet. Denn je mehr die den Ermittlerin klar werden, desto eher kommen sie schlussendlich dem Täter auf die Spur.

 

Spannend bis zu letzten Seite und von hoher literarischer Qualität, die auf ein weiteren Roman dieser Autorin hoffen lässt.

 

 

Mr. Griswolds Bücherjagd. Das Spiel beginnt

 

 

Jennifer Chambliss Bertman, Mr. Griswolds Bücherjagd. Das Spiel beginnt, Mixtvision 2018, ISBN 97-3-95854-065-1

 

Als Emily mit ihren Eltern, die seit sie auf der Welt ist, nie länger als ein bis zwei Jahren an einem Ort geblieben sind weil sie so eine Art Globetrotter sind mit Berufen, die ihnen das ermöglichen, nach San Francisco umzieht, ist ihr das wie immer zuerst nicht so recht. Der einzige Vorteil, den ihr San Francisco zu bieten hat, ist die Tatsache, dass ihr großes Idol, der Verleger Garrison Griswold in dieser Stadt wohnt. Dieser geniale Mann hat neben vielen anderen Spielen die Internet-Plattform „Mr. Griswolds Bücherjagd“ erfunden, ein intelligentes und überaus anspruchsvolles Büchersuchspiel mit hohem literarischem Anspruch, bei dem es darum geht, selbst Bücher zu verstecken und von anderen versteckte Bücher zu finden. Das geschieht durch das Lösen von unterschiedlich schweren Rätseln. Es gibt wie bei vielen Internetspielen eine Rangliste, auf der Emily schon sehr weit nach oben geklettert ist.

 

Kurt nachdem sie sich in der neuen Wohnung und ihrer neuen Schule einigermaßen eingerichtet hat, will Emily in San Francisco eine neue Runde in diesem Spiel starten, als sie erfährt, dass Mr. Griswold von Unbekannten überfallen und schwer verletzt wurde. Er liegt im Krankenhaus im Koma, und niemand weiß, ob er überleben wird. So steht auch die Zukunft seiner Bücherjagd in den Sternen.

 

Etwa gleichzeitig trifft Emily auf den ruhigen und introvertierten James, der sich auch als begeisterter „Bücherjäger“ entpuppt.  Nachdem sie bei ihren Nachforschungen auf ein mysteriöses Buch aus Mr. Griswolds Besitz stoßen (es ist ein eher unbekanntes Buch von Edgar Allen Poe) gibt ihnen dieses Buch immer mehr Hinweise. Gemeinsam machen sich Emily und James auf eine spannende und in zunehmendem Maße auch gefährliche Suche nach eine Geheimnis, bei dem sie viele Rätsels Codes und Knobeleien zu knacken haben.

 

Irgendjemand hat es auf das Buch und auf das zu lösenden Rätsel abgesehen und ist offentlcih bereit, vor nichtds zurückzuschrecken.

 

Die beiden bei ihrer Suche lesenderweise zu begleiten ist ein großes Lesevergnügen. Hat man es durch, beginnt man schon ungeduldig, den Juli 2018 erscheinenden zweiten Teil zu erwarten,.

 

Ein großer Spaß für aller Bücherfreunde.

 

 

Leinsee

 

 

Anne Reinecke, Leinsee, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07014-9

 

Der hier anzuzeigende Debütroman der 1978 geborenen und mit ihrer Familien in Berlin lebenden  Schriftstellerin Anne Reinecke ist ein wirkliches literarisches Ereignis, das schon vor einem Erscheinen mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet wurde.

 

Wegen seines künstlerischen Reichtums, seiner poetischen Sprache und seiner menschlichen Tiefe werden sicher noch weitere Auszeichnungen dazu kommen, vielleicht eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2018.

Die Hauptperson des bewegenden Romans ist Karl, der zu Beginn der Handlung 26 Jahre alt ist. Er ist der Sohn von August und Anna Stiegenhauer, die seit langem als die die deutsche Kunstszene dominierenden Künstler nicht nur in ihrem Heimatland gefeiert werden.

 

In dieser total symbiotischen Beziehung war von Anfang an kein Platz für ein Kind. Karl ist vor etwa zwei Jahrzehnten mit der Begründung, ihm die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen, in ein Internat gekommen und dort aufgewachsen. Dort hat er auch einen neuen Nachnamen angenommen.  Unter diesem Namen ist er seit einigen Jahren als Künstler in Berlin erfolgreich und total angesagt.

 

Als Karl, der seit seinem Abitur vor sieben Jahren nicht mehr zu Hause bei seinen Eltern war, die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, wird sich sein Leben, wie sich herausstellen wird, ab diesem Augenblick total verändern. Der Vater hatte sich selbst getötet, weil er die Vorstellung, ohne seine im Sterben liegende Frau leben zu müssen nicht ertragen konnte.

 

Er fährt nach Leinsee, jenen Ort, an dem seine Eltern wohnen. Er muss dort die Beerdigung des Vaters organisieren und sich um die sterbende Mutter kümmern. Die jedoch erholt sich nach einer Operation auf geien auch für die Ärzte überraschend Weise von ihrer Krankheit und Karl kommt ihr so nahe, wie er es sein ganzes Leben nicht erlebt hat. Allerdings verwechselt seine Mutter ihn konsequent mit ihrem Mann.

 

Während seine Freundin Mara in Berlin ihn immer heftiger drängt, nach der Beerdigung des Vaters, schnell nach Berlin zurückzukehren, auch weil wichtige Kunsttermine auf ihn warten. Denn Karl hat sich zwar mit einem eigenen, sich von dem der Eltern scharf abhebenden Stil nicht nur in Berlin einen Namen gemacht und die Händler reißen ihm seine Werke geradezu aus den Händen.  Doch er weiß, dass er von dem Lebensstil von Vater und Mutter geprägt ist, der nicht nur in deren Arbeiten eingeflossen ist, sondern auch Fundament für seine eigene Karriere als Künstler bildet, indem er sich deutlich von ihm abhebt.

 

Nun in Leinseesieht er sich in einer für ihn ungewohnten Lage, die seine gewohnte Ordnung durcheinanderwirbelt. Da ist zum einen der persönliche Assistent seiner Eltern, der genau zu wissen scheint, was mit dem Werk der Stiegenhauers zu geschehen hat, den Karl aber abblitzen lässt.

 

Und da ist etwa achtjähriges Mädchen, das eines Tages im Garten des Hauses am Leinsee, das der Vater ihm vermacht und das er, so wird sich herausstellen,  in den folgenden Jahren zurückgezogen als Atelier und bescheidenen Wohnraum nutzten wird, auf einem Baum sitzt. Zu diesem Mädchen entwickelt Karl bald schon eine besondere Beziehung. Tanja, so heißt sie, wohnt offenbar in der Nachbarschaft und kommt, wahrscheinlich ohne Wissen ihrer Eltern, immer wieder in den Garten Karls. Mit ihrer kindlichen Unbekümmertheit und ihrem fröhlichen Wesen lockt sie Karl zurück in ein Leben voller ungeahntere Leichtigkeit, das er völlig umkrempelt und, obwohl nach wie vor mit seinem Werken sehr erfolgreich, sich von dem Druck des Kunstmarktes löst. Tanja bringt Karls Kreativität zu völlig neuen Höhepunkten, genauso wie er ihren zum Leuchten verhilft. In der Freundschaft mit Tanja, die sich über zehn Jahre über das ganze Buch hinzieht, begegnet ihm seine eigene Kindheit und Jugend und er macht Frieden mit seiner Vergangenheit.

Ihre Präsenz, Ihr Wesen und was sie in ihm auslöst, ist auch der Hauptgrund für seine Entscheidung, in Leinsee zu bleiben.

 

Anne Reinecke hat jedes Kapitel ihres spannenden und berührenden Buches mit einer Farbe überschrieben, die durch ein Adjektiv nähe qualifiziert wird. Die so entstehende Farbpalette kann man als Metapher sehen für Karls vielfältigen und sich auch im Laufe der Handlung verändernden Gefühlen sehen.

 

„Leinsee“ ist ein Roman über einen Menschen, der sich aus einer großen Traurigkeit befreit, und dem es gelingt, mit seiner Vergangenheit sich auszusöhnen und sogar zwischen ihr und seiner Gegenwart ein Band zu spannen. Ein Roman, der erzählt von einer ungewöhnlichen Eltern-Kind –Beziehung und von einer zarten, sich langsam entwickelnden Liebe.

 

Ich bin begeistert von diesem Debüt, das der Lektor von Diogenes mit viel literarischem Gespür aus der Vielzahl der eingesandten Manuskripte  zielsicher ausgewählt hat. Glückwunsch an den Verlag und Hochachtung vor der Autorin, die uns hoffentlich bald schon mit einem Nachfolgeroman beschenkt.

 

 

 

 

Singt, ihr Lebenden und Toten, singt

 

 

Jesmyn Ward, Singt, ihr Lebenden und Toten, singt, Kunstmann Verlag 2018, ISBN 978-3-95614-224-6

 

Im Jahr 2015 hat der Kunstmann Verlag in München die in Amerika mittlerweile sehr bekannte und preisgekrönte Schriftstellerin Jasmyn Ward mit ihrem schon 2011 in den USA erschienenen Erstling „Vor dem Sturm“ bekannt gemacht, der in den letzten zehn Tagen spielt, bevor der Wirbelsturm Katrina mit verheerender Wucht auf die Küste trifft und 2011 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Sie überzeugte mich damals mit ihrer an Metaphern reichen und oft lyrischen Sprache und mit Figuren, die dem  Unglück, das ihnen widerfährt, Zuversicht und Hoffnung entgegensetzen. Immer wieder findet sie für ihre Figuren etwas Schönes, Bestaunenswertes, Wertvolles, was sie die Welt und ihr Leben trotz allem lieben lässt.

Auch für das hier vorliegende Buch „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ hat Jesmyn Ward 2017 den National Book Award erhalten.

 

Das Buch schildert mit vielen Rückblenden einen zweitägigen Roadtrip, den der 15-jährige Jojo und seine jüngere Schwester Michaela, die alle nur Kayla nennen, zusammen mit ihrer drogenabhängigen Mutter Leonie und deren Freundin von ihrer Heimatstadt an der Golfküste des Mississippi nach Parchment unternehmen, um dort den weißen Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis abzuholen.

Leonie hat sich in der Vergangenheit kaum ihre Kinder gekümmert. Jojo und Kayla wachsen bei ihren Großeltern Mam und Pop auf. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt und stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Pop war vor Jahrzehnte selbst Insasse jenes berüchtigten Gefängnisses in Parchment, nachdem er wegen Aufsässigkeit als Schwarzer zu mehrjähriger Zwangsarbeit verurteilt worden war.

Kapitel für Kapitel wechseln sich Jojo und seine Mutter ab, eingeflochten von Erinnerungen der Großeltern, unterbrochen von der Stimme eines Jungen, den Pop einst in Parchman unter seine Fittiche nahm: „Die Geschichte ist ein mottenzerfressenes Hemd, zu Fetzen geschreddert“, lässt sie diesen Jungen sagen: „Die Form stimmt, aber die Einzelheiten sind ausradiert“, nur flicken könne man die Löcher.

Vater weiß, Mutter schwarz, ein Großvater, der als junger Mann angekettet in einer Gefangenengruppe schuften musste, eine Großmutter, die an die Heilige Teresa genauso glaubt wie an die Yoruba-Göttin Oya, die „Herrin der Winde, des Blitzes und der Stürme“, ein toter Onkel, als Schüler erschossen von einem aus der weißen Familie väterlicherseits: Dass all dies zugleich gültig sein kann, dass die Vorfahren, die Ungeborenen und die Lebenden einen Raum teilen, gehört zum Glauben der Yoruba in Nigeria. Darum der Titel: „Sing, Unburied, sing“.

Jesmyn Ward erzählt so berührend wie unsentimental von einer schwarzen Familie in einer von Armut und tief verwurzeltem Rassismus geprägten Gesellschaft. Was bedeuten familiäre Bindungen, wo sind ihre Grenzen? Wie bewahrt man Würde, Liebe und Achtung, wenn man sie nicht erfährt?

 

Ein großer Roman, in dessen Mittelpunkt eine berührende in ihrer Intensität selten so überzeugend beschriebene Geschwisterliebe steht.

 

Und wieder bezaubert Jesmyn Ward ihre Leser mit einer an Metaphern reichen und oft lyrischen Sprache und mit Figuren, die dem  Unglück, das ihnen widerfährt, Zuversicht und Hoffnung entgegensetzen. Wie in ihrem ersten Buch findet sie für ihre Figuren etwas Schönes, Bestaunenswertes, Wertvolles, was sie die Welt und ihr Leben trotz allem lieben lässt.

 

Eine große schwarze Schriftstellerin, die durchaus in Fußstapfen einer Toni Morrison treten kann in der Zukunft.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Insel zwischen Himmel und Meer

 

Lauren Wolk, Eine Insel zwischen Himmel und Meer, DTV 2018, ISBN 978-3-423-64035-0

 

Nach ihrem beeindruckenden Debütroman „Das Jahr in dem ich lügen lernte“ das vor einem Jahr bei Hanser in München erschienen ist und in dem sie schonungslos menschliche Schwächen beschrieb, legt die Amerikanerin Lauren Wolk nun bei DTV ihren zweiten Jugendroman vor unter dem Titel „Eine Insel zwischen Himmel und Meer“. Die Handlung spielt auf den Cape Cod in Massachusetts vorgelagerten kleinen Inseln im Jahr 1925.

 

In diesem Jahr beginnt die mittlerweile schon fast jugendliche Ich-Erzählerin Crow sich Gedanken zu machen über ihre Wurzeln. Denn vor über einem Jahrzehnt wurde sie, kaum ein paar Stunden alt, als Säugling in einem kleinen Boot an den Strand einer winzigen Insel gespült, auf der der Einsiedler Osh als einziger Bewohner seit einiger Zeit lebt. Osh rettet den Säugling, nennt ihn Crow und obwohl er von Kindern überhaupt keine Ahnung hat, zieht er das Mädchen groß. Eine Hilfe ist ihm dabei seine Freundin auf der benachbarten Insel, Miss Maggie, eine alleinstehenden Frau, die Osh und Crow tief in ihr Herz schließt und den beiden im späteren Verlauf der Handlung, als Crow sich unter abenteuerlichen Umständen auf die Suche nach ihrer Herkunft begibt, eine unverzichtbare Hilfe ist.

 

Schon früh hat Crow als kleine Kind gespürt, dass die Menschen auf den anderen Insel, wenn sie ihr begegneten, verstummten in ihrem Gespräche, sie mit seltsamen Blicken anschauten und insbesondere körperlichen Abstand von ihr hielten. Manche haben sogar Gegenstände, die Crow berührt hatte, mit einem Lappen sauber gewischt.

 

Denn die Menschen haben den Verdacht, dass Crow von einer benachbarten Insel stammt, wo der Staat bis vor wenigen Jahren eine Anstalt für Leprakranke betrieben hat.

 

War ihr das einsame, aber glückliche Leben mit Osh über zehn Jahre lang genug, beginnt Crow nun gegen den Widerstand von Osh nach ihrer Herkunft nicht nur zu fragen, sondern auch aktiv zu forschen. Stammt sie wirklich von dieser Insel ganz in der Nähe? Wer waren ihre Eltern, die sich nicht anders zu helfen wussten als sie in ein kleines Boot zu legen in der Hoffnung jemand möge sie finden und ihr das Leben retten?

Osh gefällt es gar nicht, dass Crow herausfinden möchte, wer ihre „echten“ Eltern sind, er hat Angst, seine Pflegetochter zu verlieren. Er befürchtet, dass sie das, was sie möglicherweise herausfinden wird, sie verletzt. Deshalb kann Crow zunächst nur auf Miss Maggies Hilfe zählen.

Als dann eines Nachts ein unheimliches Feuer auf jener  mittlerweile vermeintlich menschenleeren Insel aufscheint, steigen in Crow all die unausgesprochenen Fragen nach ihrer Herkunft  mit Macht auf.

Nach und nach entdeckt sie erste Hinweise und die Suche wird gefährlich. Das macht neben der menschlichen Dimension des Buches seine extreme Spannung aus, die den jugendlichen Leser nicht loslassen wird. Aufgeben so wie ihr der sie mittlerweile widerwillig unterstützenden Osh ihr rät, ist für Crow keine Option und so begeben die drei sich immer mehr in ziemliche Gefahr, um Crow’s Fragen nach ihrer Herkunft zu beantworten.

 

Dieser wunderbare Roman erzählt eine zu Tränen rührende Geschichte darüber, wie man seinen Platzt in der Welt findet. Eine Geschichte aus dem Jahr 1925 voller Herz und Gefühl, die auch heutige Jugendliche sofort ansprechen wird, weil ihre Lebensthemen darin vorkommen.

Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit

 

Manfred Spitzer, Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-27676-1

 

Die Zahl der Einpersonenhaushalte in unserem Land steigt jährlich schon seit langer Zeit. Was die Menschen in ihren jungen Jahren vielleicht als Ausdruck von Freiheit wertschätzen, wird für manche schon nach den ersten drei oder vier Lebensjahrzehnten zu einem großen  Problem. Sie sehnen sich nach einem Menschen, mit dem sie ihr Leben teilen können, aber hohe Ansprüche und eine Haltung, die immer noch damit rechnet, das etwas Besseres nachkommt, verhindert das oft.

 

Dazu kommen – auch immer mehr- Menschen, die oft nach jahrzehntelanger Ehe oder Partnerschaft diese verlassen und von nun an alleine leben. Auch hier schleicht sich in die lange ersehnte Freiheit nicht selten bald etwas ein, das schon die Alten als „Einsamkeit“ bezeichneten.

 

Nach seiner These über den Zusammenhang vom Missbrauch digitaler Medien und geistiger Demenz hat sich der Neurologe Manfred Spitzer nun dieser Einsamkeit als gesellschaftlichem und medizinischem Phänomen in einem Buch zugewandt. Er identifiziert Einsamkeit- vielleicht etwas reißerisch – als eine „unerkannte Krankheit“ die schwerwiegenden Folgen hat.

 

Denn es ist erwiesen in vielen Studien, dass Menschen, die einsam sind, viel häufiger als andere erkranken an Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz.

 

Manfred Spitzer beschreibt in seinem neuen Buch erstmals, warum Einsamkeit ein Krankheitsverursacher ist, wie krankmachende Einsamkeit und soziale Isolation aussehen und welch gravierenden Einfluss das auf die Gesundheit, auf Körper und Seele der Betroffenen hat. Der streitbare Psychiater will damit eine Gesellschaft aufrütteln, die Einsamkeit immer noch als erstrebenswertes Wellnessangebot für gestresste Zeitgenossen betrachtet.

 

 

 

 

Die Heimkehr der Farben

 

 

 

 

Oliver Jeffers, Drew Daywalt, Die Heimkehr der Farben, Nord Süd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10436-7

 

Duncan ist ein Junge, der für sein Leben gerne mit seinen Farbstiften malt. Schon lange tut er das und hat im Laufe der Jahre schon etliche Kästen mit Stuften gehabt. Aber viele davon sind verloren gegangen, haben sich aus dem Staub gemacht. Entweder hat sie Duncan verloren, vergessen an unterschiedlichen Orten, an denen er war, oder sie sind zwischen Sofakissen gerutscht und entzwei gebrochen.

 

Nun sitzt er mit einem neuen Satz Stiften zuhause und malt, als ein dicker Stapel mit Postkarten ins Haus kommt, die alle an ihn adressiert sind: „Duncan, Duncans Zimmer, im 1. Stock“.

 

Aus der ganzen Welt schrieben ihm seine früheren Stifte, erinnern ihn  daran, was sie in welchen Situationen zusammen gemalt haben und wünschen sich alle wieder nach Hause zu kommen.

 

Duncan wird ganz traurig und sammelt die defekten Stifte, die er finden kann auf die Schnelle ein, aber sie passen nicht mehr in die Farbschachtel. Da baut er ihnen aus Pappe ein eigenes Haus in dem die Farben sich offenbar sehr wohl fühlen.

 

Ein neues, recht eigenwilliges Werk des bekannten Illustrators Oliver Jeffers. Eine schöne Fortsetzung von „Der Streik der Farben“ aus dem Jahr 2016, das ebenfalls bei Nord Süd erschienen ist.

Einfach unglaublich

 

 

Rosamund Kidman Cox, , Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-132-6

 

Dieser wunderschöne und atemberaubende Bildband vereinigt die mit dem „Wildlife Photographer of the Year“- Award ausgezeichneten besten Tierfotografien von Fotografen die sich der jährlichen Konkurrenz dieses Wettbewerbs gestellt haben. Alle zeigen sie Tiere unterschiedlicher Größe und Art in besonderen „einfach unglaublichen“ Situationen.

 

Bilder von Tieren in besonderen Situationen, seltene Aufnahmen, die das ganze Können, die Geduld und das Einfühlen des Fotografen erfordert haben. Daneben sind es Fotos mit einer durchgängigen Botschaft: der Klimawandel ist mitten unter uns.

 

Die Faszination der Schöpfung eine andere Botschaft, die sich durch Buch hindurchzieht, verbunden mit der Mahnung, sie zu bewahren. Und letztlich sind es Fotos, die spektakulär die Einzigartigkeit zeigen, mit der Arten ihren Bestand erhalten, schützen und verteidigen. Ein Beispiel dafür: Eine Straße, ein Auto nähert sich, Scheinwerfer, es ist dunkel, und es sieht aus, als schneite es, die Straßenlaternen sind eingeschaltet. Aber was wie ein Schneesturm aussieht, sind „mehr als eine Million Eintagsfliegen, die sich paaren“. Es sei wie ein Sturm gewesen, in dem man stehe, beschreibt es der Fotograf, „bei dem man von Millionen seidener Flügel gestreift wird.“

Bilder von über „50 preisgekrönten Fotografen aus mehr als 20 Ländern“ sind hier auf einzigartige Weise versammelt. Jedes Bild wird umrahmt von einem kurzen Text, der das Bild inhaltlich erklärt und eine geographische Einordnung bietet. Abschließend, wichtig für Fotografen unter den Betrachtern und Lesern, die Angaben zu Kamera und den fototechnischen Details.