Das Leben lesen

 

 

 

 

 

Ulrich Bahnsen, Das Leben lesen. Was das Blut über unsere Zukunft verrät, Droemer 2017, ISBN 978-3-426-217711-9

Das vorliegende neue Buch des bekannten Wissenschaftsjournalisten Ulrich Bahnsen entführt nach über fünfjähriger Recherchearbeit  zum Thema Blutdiagnostik seine Leser in die Welt der Forschung, wo sich derzeit atemberaubenden Entwicklungen abzeichnen. Denn dort wird mit hohem Einsatz an Mensch und Geld an neuen Bluttest gearbeitet, die genaue genetische Informationen liefern. Diese bisher verborgenen Informationen im Blut sollen lesbar gemacht werden. Damit würden mit einer sehr viel höheren Zuverlässigkeit sehr viel früher als bisher mögliche Erkrankungen angezeigt bei einer wesentlich geringeren Belastung und Risiko der Testpersonen. An den Beispielen der Krebsfrüherkennung, der vorgeburtlichen Diagnostik und der Forschung über die biologischen Prozesse des Alterns macht Bahnsen die neuen Erkenntnisse verstehbar.

 

Er diskutiert aber auch die Folgen, besonders die ethischen Fragen, die durch die neuen Erkenntnisse aufgeworfen werden.

Lebensführung: Wie werden wir mit diesem neuen Wissen umgehen?

Eigenverantwortung: Wie können wir entscheiden, was wir wissen wollen und was nicht?

Datensicherheit:  Was ist, wenn die neuen Informationen  in falsche Hände geraten?

 

Auf jeden Fall öffnen sich durch diese neuen Erkenntnisse nicht nur viele Perspektiven für den Einzelnen, mit denen er lernen muss umzugehen, sondern auch ein gigantischer Markt, in dem richtig viel Geld gemacht werden wird.

 

 

 

 

Schluss mit der Angst

 

 

 

 

Notker Wolf, Schluss mit der Angst, Herder 2017, ISBN 978-.3-451-37620-7

 

Der optimistische Untertitel dieses Buches von Notker Wolf „Deutschland schafft sich nicht ab“ deutet an, gegen welche Geisteshaltung und Philosophie es sich richtet. Mit diesem Titel nämlich hatte Thilo Sarrazin vor Jahren den Untergang unseres Landes prophezeit und damit hohe Auflagen und viel auch unausgesprochene Zustimmung erreicht.

 

Und in den folgenden Jahren ist sie auch gewachsen, die Angst der Menschen vor Überfremdung, Angst vor einer angeblich drohenden Islamisierung unseres Landes. Dazu ist seither noch die Angst vor Terror und Anschlägen gekommen. Während die AfD und andere daraus Kapital schlagen wollen und auch die anderen Parteien eine ihrer einst hochgehaltenen Positionen nach der anderen schleifen, formuliert  der Abtprimas Notker Wolf in diesem Buch sein eigenes „Prinzip Hoffnung“.

 

Er verortet es im christlichen Glauben. Er, so Wolf, befähigt uns, der Angst entgegenzutreten, ihr ihre Diffusität zu nehmen und dahinter Aufgaben und Herausforderungen zu entdecken und sich ihnen zu stellen.

 

Wir müssen Verantwortung übernehmen, aus der Angst sozusagen heraustreten, wenn wir das Grundvertrauen ins Leben nicht verlieren wollen. Er sagt: „Deutschland ist eine Angstgesellschaft geworden. Es ist auch okay, Angst zu haben. Aber ich möchte den Menschen helfen, damit umzugehen, damit sie frei sind für das Wesentliche.“

Die tollkühnen Schafe in ihrer fliegenden Kiste

 

 

 

 

Peter Bently, David Roberts, Die tollkühnen Schafe in ihrer fliegenden Kiste, Knesebeck  2017, ISBN 978-3-86873-920-6

 

 

Vielleicht angeregt von dem Film „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ aus dem Jahr 1965 haben 2014 Peter Bently und David Roberts eine Bilderbuchgeschichte erzählt, die der Knesebeck Verlag nun in einer Übersetzung von Salah Naoura veröffentlicht.

 

Als eines Tages ein Flugzeug über die Weise der Schafe fliegt, lässt ihnen das keine Ruhe und sie folgen seinem Weg. Sie entdecken einen Flugplatz und dort ein leeres Flugzeug. Klar, dass sie einsteigen und dann auch losfliegen.

 

Sie kommen nach Frankreich, nach Spanien, zu den Pyramiden in Ägypten, zum Yeti in Tibet, nach Indien und Florida. Der zunächst ängstliche Herr Rammbock möchte immer weiter fliegen, doch die anderen wollen zurück:

„Wir vermissen den Berg, wir vermissen das Gras,

das Rumstehn und Kauen, es reich mit dem Spaß…

Verreisen ist fein, man kann sein wo man will.

Doch daheim ist es friedlich und angenehm still!“

 

Das, wie man sieht, in Reimen abgefasste Bilderbuch ist ein schöner Vorlesespaß mit beeindruckenden Illustrationen und eigenwilligen Textanordnungen.

Liebster Papa Brumm

 

 

 

 

 

Mark Sperring, Sebastien Braun, Liebster Papa Brumm, Orell Füssli 2017, ISBN 978-3-280-03539-9

 

Papa Brumm und sein kleiner Sohn Klein-Pip sind ein wunderbares Team. Schon in dem Bilderbuch „Wann habe ich endlich Geburtstag?“, das im Frühjahr 2015 erschien, und dann 2016 in dem Buch „Wann ist endlich Weihnachten?“ hatte der englische Bilderbuchautor Mark Sperring die beiden vorgestellt und die unendliche Geduld eines liebevollen Vaters mit seinem kleinen Sohn beschrieben.

 

In seinem dritten hier vorliegenden Buch über die beiden erzählt Mark Sperring, wie der liebevolle und geduldige Papa Brumm mit seinem Sohn einen Tagesausflug unternimmt, bei dem sie viele lustige Dinge erleben. Sie machen ein Lagerfeuer, fahren mit dem Boot und sind guter Dinge.

Wieder einmal wird dem Kleinen klar: „Wie lieb ich dich habe, Papa Brumm!“

Und selbst als das nicht festgebundene Boot auf dem See entschwindet, weiß Papa Brumm einen Rat. Zum krönenden Abschluss eines wunderschönen Tages bauen sie gemeinsam ein Floß und kehren damit zurück.

 

Ein schönes Bilderbuch, von Sebastien Braun wunderbar illustriert.

 

Das Rauschen in unseren Köpfen

 

 

 

 

 

Svenja Gräfen, Das Rauschen in unseren Köpfen, Ullstein 2017, ISBN 0978-3-96101-004-2

 

Lene, die uns in diesem mit kunstvoller Sprache verfassten Roman von Svenja Gräfen die Geschichte ihrer ersten großen Liebe erzählt, ist in einer guten, gebildeten Familie behütet aufgewachsen und hat zu dieser auch nach ihrem Wegzug nach Berlin ein gutes Verhältnis. Nun lebt sie mit ihrer besten Freundin in einer WG.

„Als ich Hendrik traf, vergaß ich für einen Moment, dass es je eine Zeit gegeben hatte, in der er noch keine Rolle spielte.“ So beginnt ihre Erzählung. Eine eigentümlich schöne Beschreibung dessen, was passiert, wenn ein Mensch sich verliebt. Sie stürzen regelrecht ineinander, nicht nur ihre Körper verschmelzen, sondern auch ihre Zukunft:

„Die Abende, die Nächte gehörten uns. Wir gingen nicht raus. Wir hatten hier alles, was wir brauchten, das heißt: uns. Wir hätten uns auch in einer Bar gehabt, im Kino, in einem Restaurant; aber eben nicht so, wir hätten uns teilen müssen mit einer ganzen Welt, die nach Aufmerksamkeit schrie.“

 

Lene ist glücklich, und zunächst macht es ihr nichts aus, dass der eher stille Hendrik so wenig aus seinem Leben erzählt. Das war, wie sich sukzessive herausstellt, nicht leicht. Ob Hendrik im Laufe des Jahres, das in dem Roman beschrieben wird, alles selbst erzählt hat, oder ob die Autorin einen auktorialen Erzähler eingeschaltet hat, bleibt undeutlich.

Tatsächlich aber wird deutlich, dass sein manchmal äußerst merkwürdiges Verhalten, das auch Lenes große Liebe nicht mehr übersehen kann in einem Zusammenhang steht mit Hendriks Vergangenheit, seiner Herkunftsfamilie, aus der er floh, nachdem der mysteriöse Tod seines Vaters sie zerstört hatte. Und da ist zunehmend Hendriks Beziehung zu seiner früheren Partnerin Klara, seiner ersten großen Liebe die sich bei ihm meldet und sich in Erinnerung bringt

 

All das schleicht sich immer mehr in die vorher so lockere Beziehung zwischen Lene und Hendrik und nagt an ihr. Wie die Geschichte ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Doch der Hinweis sei gestattet, dass dieses Buch auch für den schon etwas älteren Leser eine Menge Erinnerungen wachruft an Zeiten, wo die Liebe über einen kam wie ein plötzlicher Sturm. Aber vielleicht auch an Beziehungen, die durch die Vergangenheit und das erlebte Schicksal des Partners schweren Belastungsproben ausgesetzt waren.

 

 

 

Der Bruch. Frankreichs gespaltene Gesellschaft

 

 

 

 

Gilles Kepel, Der Bruch. Frankreichs gespaltene Gesellschaft, Kunstmann 2017, ISBN 978-3-956714-188-1

 

Schon in dem in Frankreich schon 2015 erschienenen und 2016 bei Kunstmann verlegten Buch „Terror in Frankreich“ hat der bekannte Soziologe Gilles Kepel vor einer Spaltung der französischen Gesellschaft gewarnt. In einer nüchternen Analyse zeigte er, dass es das erklärte Ziel der Dschihadisten ist, die Gesellschaft zu spalten und die bisher noch loyale Mehrheit der Muslime zu radikalisieren. Dies führe dann dazu, dass auch Menschen, die bisher dem Islam wohlwollend bis gleichgültig gegenüber standen, zu Gegner bzw. Feinden dieser Religion werden, rechte Bewegungen wie den Front National in Frankreich oder die AfD in Deutschland immer stärker machen und so wiederum die Begründung für immer neue Attentate und Attentäter schaffen. Ein bürgerkriegsähnliches Szenario wurde da an die Wand gemalt, das mir schon im letzten Jahr große Angst machte.

 

In seinem neuen Buch, in dem er nach einem langen Prolog und einem Vorwort für die deutsche Ausgabe Radiointerviews dokumentiert, die er , jeweils vier oder fünf an der Zahl, in den Monaten von September 2015 bis Juli 2016 gegeben hat, verschärft er seine Analyse noch und beschreibt einen „identitären Bruch in der Gesellschaft“, ein Bruch zwischen denen die Wohlstand haben und denen, die draußen sind, den „Outsidern“. Die schlüsselt er auf:

„Es gibt zwei Typen dieser Outsider: Zum einen Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Banlieues der Großstädte, zum anderen das „weiße Frankreich“ vom Land oder in den Kleinstädten. Die einen verfallen der Logik einer islamischen Parallelgesellschaft, die anderen den Rechtsextremen.“

 

Seine Thesen in „Terror in Frankreich“ noch radikaler formulierend,  führt Gilles Kepel aus, wie der dschihadistische Terror diese Spaltung gezielt vorantreibt. Der Aufstieg rechtsextremer islamfeindlicher Parteien gehört zum Kalkül dieses Terrors. Deren islamfeindliche Propaganda macht auch bisher unauffällige Muslime  empfänglich für islamistische Propaganda.

 

Noch mehr als im vergangenen Jahr scheint der einst so besonnene Soziologe selbst zu spalten, wenn er eine „Verschleierung des Dschihadismus in Europa (konstatiert) unter dem Vorwand, Islamophobie sei das bedeutendere soziale Phänomen“.

Gilles Kepel steht mittlerweile selbst auf der Todesliste des IS. Das hat ihn meiner Meinung nach zu einem werden lassen, der nicht mehr nur wissenschaftlich analysiert sondern auch ungeduldig wird:

„Man wartet auf die politische Vision, die der Versuchung des Bruchs zu widerstehen vermag.“  Doch er will sich von den Dschihadisten nicht den Mund verbieten lassen:

„Ich habe das Buch geschrieben, während die Attentate Frankreich erschütterten und ich selbst zum Tode verurteilt war. Für mich war das eine Art auf die Todesdrohung zu antworten. Weil man mich mit dem Tod bedroht, werde ich nicht schweigen. Im Gegenteil: Ich schreibe erst recht noch ein Buch.“

 

Wenn man es liest, bekommt man zunehmend den Eindruck, dass unserem Nachbarland noch sehr schwierige Zeiten bevorstehen. Entwicklungen, die ganz Europa mit nach unten ziehen könnten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Opas geheimnisvoller Garten

 

 

 

 

Luc Foccroulle, Annick Masson, Opas geheimnisvoller Garten, Orell Füssli 2017, ISBN 978-3-280-03546-7

 

Das vorliegende Bilderbuch aus Frankreich erzählt die schöne Geschichte eines Mädchens aus der Stadt, das in den Sommerferien seinen Opa auf dem Land besucht und dort eine Menge von ihm lernt über die Pflanzen seines Gartens und was man alles aus ihnen machen und kochen kann.

 

Das Mädchen heißt Lina. Bei ihrem Opa angekommen, befällt sie sofort eine große Langeweile und sie ist neidisch auf ihre Freundin Louise, die am Strand des Meeres liegen kann, während sie hier auf dem Land versauert.

 

Doch ihr Opa ist ein weiser Mann. Mit viel Geduld führt er seine Enkelin Lina in die Geheimnisse des Gartens ein und lässt sie selbst eine eigene Bohne pflanzen. Und weil sie sich jeden Tag darum kümmern muss und dann  bald auch will, interessiert sie sich bald für immer mehr Pflanzen des Gartens. Von Langeweile ist bald schon keine Rede mehr und das Essen nach der Ernte schmeckt besonders gut.

Was macht die Königin von früh bis spät?

 

 

 

Catharina Westphal, Was macht die Königin von früh bis spät, Orell Füssli 2016, ISBN 978-.3-280-03519-1

 

Auf acht Wimmel-Seiten gibt es in diesem kleinen Bilderbuch für Kinder ab etwa zwei Jahren eine Menge zu entdecken. Was macht die Königin eigentlich von früh bis spät? Wo frühstückt sie, und wann geht sie schlafen? Was passiert, wenn sie unterwegs einmal ganz dringend muss? Und was treibt ihr Lieblingshund, wenn er sich langweilt?

 

Fragen, die nur ein königliches Wimmelbuch mit vielen abenteuerlichen Szenen beantworten kann. Und das alles ohne Worte, die die Kinder mit den ihnen vorlesenden Erwachsenen finden müssen.

 

Es macht Spaß, die immer wieder vorkommenden Personen zu identifizieren, ihnen vielleicht Namen zu geben  und eine Geschichte über sie zu erfinden.

 

 

 

Die vielen Namen der Liebe

 

 

 

 

 

 

Kim Thuy, Die vielen Namen der Liebe, Kunstmann 2017, ISBN 978-3-95614-168-3

 

Schon in ihrem ersten Buch „Der Klang der Fremde“ (2010), mit dem die in Montreal lebende Schriftstellerin Kim Thuy autobiographisch ihre Kindheit in Saigon und die Flucht der Familie als „boat people“ schilderte, versuchte sie in zum Teil sehr kurzen fast epigrammatischen Texten sich an ihren Vergangenheit und ihre große Familie zu erinnern.

 

Auch in „Der Geschmack der Sehnsucht“ (2014) setzte diese Erinnerungsarbeit fort. So wie ihr neues , hier vorliegende Buch ist es ein bewegendes und eindrückliches literarisches Werk, durchzogen von einer tiefen Dankbarkeit an das Leben, das es bei allem Leid und allem erlebten Schrecklichen doch gut mit ihr gemeint hat.

 

„Die vielen Namen der Liebe“ reflektiert, wieder stark autobiographisch geprägt, die Bedeutung von Heimat und Fremde und fragt am Beispiel der Geschichte der Protagonistin Vi, wie etwas Vertrautes fremd wird und das ursprünglich Fremde vertraut.

 

In der Ich-Form erzählt Vi, wie sie als achtjähriges Mädchen mit der Mutter und den drei Brüdern aus Vietnam flieht, weil sie unter dem neuen kommunistischen Regime nicht mehr leben wollen.  Sie schildert das Leben in einem Flüchtlingslager in Malaysia und ihren Neuanfang in Kanada.

 

In Ausschnitten hat Kim Thuy in den beiden ersten Büchern diese eigene Geschichte schon erzählt. Sie wird nun noch plastischer, mehr Einzelheiten ihres langen Weges in die Freiheit der Fremde werden erzählt.

 

Vor allen Dingen aber berichtet sie dieses Mal davon, wie die erwachsene Vi nach Vietnam zurückkehrt und sich dort vollkommen fremd fühlt.

 

„Die vielen Namen der Liebe“ bildet mit den beiden ersten Büchern eine nicht nur biographische, sondern auch eine literarische Einheit.

 

Ein wunderbar poetisches Werk über die Kraft der Sehnsucht und der Liebe, und wie sie über ungeahnte Weiten und Hürden tragen kann, auch in einem neuen Leben in der Fremde.

 

Helikoptermoral

 

 

 

 

 

Wolfgang Schmidbauer, Helikoptermoral, Murmann 2017, ISBN 978-3-946514-56-5

 

Das neue Buch von Wolfgang Schmidbauer, dem bekannten Psychotherapeuten ist ein gelungenes Beispiel einer selten gewordenen kritischen Sozialpsychologie.

Der Begriff der „Helikoptereltern“, die ihre Kinder nicht loslassen und unter permanenter Kontrolle haben müssen ist mittlerweile auch einem größeren Publikum durchaus geläufig. Wer ein Kind hat und es in der vergangene Jahren durch die Zeit des Kindergartens und der Schule begleitet hat, hat sie in großer Zahl kennengelernt und in sehr unangenehmer Erinnerung.

 

Ähnlich wie diese Eltern von chronischen Ängsten geplagt sind, ihre Kinder könnten  in einer immer härter werdenden Gesellschaft scheitern (und damit natürlich auch ihr Projekt, als das sie ihre Kinder verstehen),  befindet sich unsere ganze Gesellschaft in eine Zustand der Angst.

Schmidbauer spricht nun in seinem Buch analog zu diesem Phänomen von einer „Helikoptermoral“, ein Produkt der durch massive Ängste verursachten Hyperaktivität, sei es des Übereifers, sei es der unverhältnismäßigen, verschwenderischen Reaktion auf konstruierte Gefahren.

 

Er versteht darunter eine Mischung aus „ängstlicher Aufmerksamkeit und hastigen Bewertungen ohne Empathie und ohne Blick auf Zusammenhänge“.  Die Fähigkeit für ein eigenes selbstkritisches Urteil geht verloren, „weil die Urteile so zwischen Überschätzung und Entwertung polarisiert sind, dass das Augenmaß verloren geht. Fantasien von Erlösung und Befreiung gewinnen eine Macht, die am Ende in Katastrophen führen muss“.

Es geht ihm überhaupt nicht darum etwa Moral und moralische Urteile zu kritisieren. „Es geht um ihren Missbrauch, um den Übereifer, die Grenzüberschreitung im Dienst narzisstischer Bedürfnisse der Eiferer.“

 

Ethik und Moral werden so aus dem Kontext gerissen und ihrer wichtigen Bedeutung für menschliche Gesellschaften beraubt. Das ist für diese eine große Gefahr. Schmidbauer sieht keine perfekte Lösung:

„Dem Angstkranken kann durch Einfühlung und Zuwendung geholfen werden. Wer aber wie der Fanatiker Ängste manisch abwehrt, ist unzugänglich. Er plant, eine neue Welkt zu schaffen, in der er keine Angst mehr haben muss, weil dann die Menschheit entweder belehrt oder tot ist. Erst wenn es gelingt, ihn  zu stoppen, und sich die Aussichtslosigkeit seiner Größenfantasie erweist, wird er sich der Einsicht wieder öffnen.“

 

Schlechte Aussichten für die nächste Zeit, findet ein von dem Buch beeindruckter, aber auch ernüchterter Rezensent.