Lied der Weite

 

 

 

 

 

Kent Haruf, Lied der Weite, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07017-0

 

Im vergangenen Jahr hatte ich mit vielen anderen überraschten Lesern das Glück, den amerikanischen Schriftsteller Kent Haruf mit seinem letzten Roman kennenzulernen, der wohl auch zur großen Überraschung des Diogenes Lektorats sich zu einem großen Verkaufserfolg mit begeisterten Kritiken entwickelte und 2017 verfilmt wurde.

 

„Unsere Seelen bei Nacht“ erschien in den USA als Kent Harufs fünfter Roman, kurz bevor er starb. Nun legt Diogenes nach dem großen Erfolg den zuerst 1999 erschienenen Roman „Plainsong“ unter dem deutschen  Titel „Lied der Weite“ vor und zeigt, dass er beabsichtigt, in den nächsten Jahren alle Bücher von Kent Haruf zu verlegen. Ich begrüße das sehr. Als im Jahr 2001 bei btb das gleiche Buch unter dem Titel „Flüchtiges Glück“ erschien, hat es kaum jemand bemerkt.

 

Kent Harufs Romane spielen alle in der fiktiven Kleinstadt Holt in der Prärie des US-Bundesstaats Colorado, die wahrscheinlich viel Ähnlichkeit hat mit der Stadt, in der er mit seiner Familie als Lehrer und Autor lebte.

 

Mit „Lied der Weite“ begann Kent Haruf seinen fünfteiligen Zyklus über das Leben, Leiden und Lieben von unterschiedlichen Menschen in einer ganz normalen amerikanischen Kleinstadt. Es geht mit vielen Nebenhandlungen und -personen um das Schicksal des 17- jährigen Mädchens Victoria Roubideaux, die ungewollt schwanger geworden, von ihrer tendenziell asozialen Mutter aus dem Haus geworfen wird. Victoria flüchtet sich zu Maggie Jones, eine Lehrerin ihrer Schule, die sie zunächst tröstet und verständnisvoll aufnimmt. Zur gleichen Zeit gerät die Ehe vom Maggies Lehrerkollegn Guthrie in die Krise und Haruf verfolgt sehr einfühlsam, wie sich die Krankheit der Mutter auf den Vater und seine beiden Sohne Ike und Bobby auswirkt.

 

Etliche Meilen außerhalb von Holt leben die beiden älteren Brüder McPherson relativ abgeschieden und schlicht auf einer Farm, mit der sie mit Viehzucht seit Jahrzehnten ihren Lebensunterhalt bestreiten, nachdem die Eltern gestorben waren. Maggie Jones verfolgt nun zielstrebig und schlußendlich auch erfolgreich ihren Plan, Victoria Roubideaux bei diesen beiden alten Männern unterzubringen, bis sie ihr Kind zur Welt gebracht hat und sich mehr darüber klar geworden ist, wie ihr Leben weiter gehen soll.

 

Zunächst eher widerstrebend, willigen die beiden Männer in Maggies ungewöhnliches Begehren ein, doch dann geschieht nicht nur mit den beiden, sondern auch mit Victoria und den anderen beschrieben Protagonisten Guthrie, Maggie, Ike und Bobby etwas ganz Ungewöhnliches. Aus einem Akt der Güte werden liebevolle und heilende Beziehungen, die die daran beteiligten Menschen wohl für ihr ganzes Leben verwandeln werden.

 

Ein warmherziges, stellenweise den Leser sehr bewegendes  Buch über Liebe und sozialen Zusammenhalt, über menschliche Stärken und Schwächen und über Menschlichkeit und Hoffnung, die man nie aufgeben darf, egal was passiert und gleich, wie ausweglos die Lage scheint.

 

Moorbruch

 

 

 

 

 

Peter May, Moorbruch, Zsolnay Verlag 2017, ISBN 978-3-552-05817-0

 

Mit seiner Serie um den Polizisten Fin Macleod aus Edinburgh hat der 1951 in Glasgow geborene schottische Schriftsteller und Drehbuchautor Peter May in seiner Heimat großen Erfolg gehabt und wurde mehrfach ausgezeichnet.

 

Auch in dem nach „Beim Leben deines Bruders“ nun folgenden Band lebt der ehemalige Polizist Fin Macleod auf seiner Heimatinsel Lewis auf den Hebriden, eine rauen Landschaft, die der ortskundige Peter May sensibel und spürbar nachvollziehbar beschreibt, die entsprechende Menschen hervorbringt, die versuchen, dort in einer ebenso faszinierenden wie unwirtlichen Umwelt ihr Leben zu fristen. Um seinen  Lebensunterhalt weiter bestreiten  zu können, verdingt sich Fin dazu, für einen großen Gutsbesitzer Wilderer zu bekämpfen. Der erste, den er dingfest machen soll, ist sein alter Jugendfreund Whistler. Auf einer gemeinsamen Tour, bei der sie versuchen, ihrer alten Beziehung wieder Leben einzuhauchen, werden sie Zeugen eines seltsamen Naturschauspiels, einem Moorbruch, der das Wrack eines Flugzeugs freilegt, das vor siebzehn Jahren mit ihrem gemeinsamem Freund Roddy Mackenzie abgestürzt und verschollen gemeldet wurde. Roddy war die Leader einer damals sehr erfolgreichen Band namens Amran, in der auch Whistler mitspielte und für die Fin jahrelang als Roadie arbeitete.

An Whistlers Reaktion auf diesen Fund und das was, sie Inneren des Flugzeuges vorfinden, erkennt Fin, dass irgendetwas nicht stimmt. Über Nacht sieht sich Fin mit längst vergangenen aber nicht vergessenen Ereignissen aus seinem Leben konfrontiert. Wie schon im letzten Band lässt Peter May Handlungsstränge aus der Gegenwart sich abwechseln mit solchen aus der Vergangenheit und mit literarisch hochwertiger Qualität langsam und spannend zu einer Geschichte zusammenwachsen, die voller Geheimnisse scheint. Es geht um Freundschaft, um Liebe, um scheinbaren Verrat und lebenslange Loyaliäten.

 

„Moorbruch“ ist wie sein Vorgänger nicht nur ein spannend erzählter Kriminalroman mit einer sich über Jahrzehnte hinziehenden Vorgeschichte, sondern auch ein gewaltiges und liebevoll sinnlich gezeichnetes Porträt einer rauen Inselwelt und ihrer historischen Abgründe.

 

Atemberaubend schöne Naturbeschreibungen erzählen von einer Landschaft, in der das Meer, das Klima und die Armut die Menschen schon immer in ihrer dramatischen Gefangenschaft gehalten haben.

 

König der Lüfte

 

 

 

 

 

Christoph Mett, König der Lüfte, Bohem Verlag 2017, ISBN 978-3-95939-039-2

 

Christoph Mett, den Bilderbuchkenner als Illustrator schätzen gelernt haben, legt mit „König der Lüfte“ im ambitionierten und für die künstlerische Qualität all seiner Bücher bekannten Bohem Verlag aus Zürich ein Bilderbuch für Kinder und Erwachsene vor, für das er nicht nur opulente und phantasievolle Bilder geschaffen, sondern auch eine märchenhafte Geschichte geschrieben hat, die mit viel Hintersinn und satirischen Elementen das Nachdenken über Besitzlosigkeit, Überfluss und den wahren Wert der Freiheit provozieren will. Am Beispiel des Königs Ambrosius werden den das Buch betrachtenden Kindern die Auswirkungen von Machtstreben und Anhäufung von Gütern im Zusammenhang mit den eigentlich wichtigen Dingen im Leben vermittelt.

Denn der König sammelt als, was funkelt. Sein Volk nennt ihn König Klunker. Als eines Tages viele Journalisten ins Schloß kommen, um über den König und seine Sammelleidenschaft zu berichten, kommt es zu einem Zwischenfall, der alles verändert.

 

Es ist eine stellenweise lustige, fast durchgängig sehr philosophisch daherkommenden Geschichte, die oft aus der heutigen Welt gegriffen scheint mit vielen aktuellen Bezügen und die doch besonders am Ende das Geschehen in eine phantastische Märchenwelt verlegt.

 

Ein anspruchsvolles Bilderbuch, das auch die vorlesenden Erwachsenen ins Nachdenken bringen wird.

 

 

 

Und morgen regieren wir uns selbst

 

 

 

 

Andrea Ypsilanti, Und morgen regieren wir uns selbst, Westend 2017, ISBN 978-3-86489-160-1

 

In den letzten Jahren war es in der politischen  Öffentlichkeit des Landes eher still um sie geworden und sie fristete im Hessischen Landtag ein unspektakuläres Hinterbänklerdasein. Nun, da Andrea Ypsilanti, die 2008 als erste an einem Versuch scheiterte, mit der Linken eine Koalition zu bilden, nachdem sie mit ihrer SPD Roland Koch eine schwere Niederlage bereitet hatte, in diesem Jahr nicht mehr zur hessischen Landtagswahl antreten und sich sozusagen in den politischen Ruhestand verabschieden wird, legt sie eine Streitschrift vor, in der sie ihrer eigenen  Partei gehörig die Leviten liest.

 

Es ist eine dezidiert linke Politik, die sie vertritt und für die sie bei dem britischen  Labourvorsitzenden Jeremy Corbyn ein immer wieder zitiertes Vorbild findet. Das Buch erscheint in einer Zeit, in der in der deutschen Sozialdemokratie nach der Bundestagswahl, der zunächst klaren Absage an eine Mitwirkung in einer Koalition und der zwischenzeitlichen Abkehr davon, nicht nur die eigenen Funktionäre, sondern eine veritable Mehrheit der 450 000 Mitglieder der Traditionspartei erhebliche Zweifel daran haben, wie es ohne eine grundlegenden Erneuerung an Haupt und Gliedern mit der SPD weitergehen soll. Die Wahl zwischen Pest und Cholera scheint die Partei in diesen Tagen zu zerreißen.

 

Ein gründliches Studium des Buches von Andrea Ypsilanti könnte nicht nur den Funktionären, die um ihr politisches Schicksal kämpfen, sondern gerade den vielen neuen Mitgliedern, eine dringend nötig Orientierung dafür geben, wie die Ohnmacht der sozialdemokratischen Partei nicht nur in Deutschland überwunden werden könnte. Aber vielleicht kommt das Buch zu spät für diesen Prozeß.

 

Normalerweise legen Politiker solche Bücher vor (zuletzt Robert Habeck und Christian Lindner) um sich für eine politische Zukunft inhaltlich zu positionieren. Der Rückzug Andrea Ypsilantis aus der parlamentarischen Arbeit in diesem Herbst scheint dazu so gar nicht zu passen.  Man möchte sie und andere ermutigen, ihre Positionen, die ich bei weitem nicht alle teile, aktiv und engagiert in ihre Partei und in die Öffentlichkeit zu tragen.

 

Wer hat schon eine normale Familie?

 

 

 

 

Belinda Nowell, Wer hat schon eine normale Familie, Carl Auer Verlag 2017, ISBN 978-3-8497-0203-8

 

Dieses zuerst in England erschienene, von Christel Rech-Simon ins Deutsche übersetzte Bilderbuch zeigt mit liebevollen Illustrationen und lustigen Texten, welche vielfältigen Familienformen es gibt, und hilft Kindern, die in solchen, teilweise ungewöhnlichen Familienkonstellationen aufwachsen, ihr Anderssein zu akzeptieren.

 

Es beginnt, als Alex eine Tages seinen Schulfreunden erzählt, mit Emma sei gestern eine neue Schwester in seine Familie gekommen, ein Pflegekind so wie er selbst. Alle Kinder freuen sich darüber, nur der rüpelhafte Jimmy Martin schreit laut und abfällig, dass Alex` Familie doch nicht normal sei.

 

Traurig kehrt Alex nach Hause zurück und fragt seine Mama: „Sind wir normal?“ Die Mutter nimmt die Frage ernst und sagt“ „Ganz und gar nicht!“ Dann holt sie das letzte Klassenfoto heraus und sie gehen miteinander die einzelnen Schüler durch. Sie finden gemeinsam heraus, dass jeder Schüler in einer anderen Familienkonstellation lebt und erleben, dass das ganz normal ist.

 

In einem Nachwort für Eltern Erzieher und Vorleser beschreibt die analytische Kinder- und Jugendtherapeutin Christel Rech-Simon die sozialen, psychologischen und therapeutischen Zusammenhänge des Themas. Sie resümiert, „dass jede Familie einzigartig ist, dass es keine ‚normale‘ Familie im Sinne einer Gleichheit gibt und dass ihre Besonderheit ein wichtiger Bestandteil des individuellen Identitätsbildung ist.“

 

 

Durst. Ein Fall für Harry Hole

 

 

 

 

 

Jo Nesbo, Durst. Ein Fall für Harry Hole, Ullstein 2017, ISBN 978-3-550-08172-9

 

Lange  mussten die Fans von Harry Hole auf den neuen Roman seines Schöpfers warten, doch nun ist er wieder da, und er ist besser als je zuvor. Eigentlich gehört Harry Hole ja gar nicht mehr zur Truppe im aktiven Polizeidienst, er unterrichtet mittlerweile an der Polizeihochschule Oslo, aber für den vorliegenden Fall gibt es natürlich doch keinen besseren Kriminalisten als ihn, gerade bei stockenden Ermittlungen. Wer ist dieser Serienkiller, der seine Opfer über eine Dating- App findet, sie misshandelt und vampirhaft beisst und tötet, der Blut trinkt und neue Seiten perversester Verbrechen aufschlägt. „Wir haben es mit einem Doppelmord zu tun, Harry, vielleicht mit einer Serie. Kann es da noch schlimmer werden? – Ja, sagte Harry, es kann.“

 

Über 620 Seiten knüpft Nesbo an viel Altes an, doch auch der Erstleser kommt voll auf seine Kosten.

Harry Hole ermittelt in einer Spezialtruppe, die für diesen Fall jede erdenkliche Kompetenzen erhält. Ermittlungen, die auch in die Vergangenheit reichen und die den in die Jahre und zur Legende gewordenen Kommissar an Grenzen bringen. Es sei, so sagt er, „wie wenn du Musik hörst, die du noch nie gehört hast, gespielt von einer Band, die du nicht kennst, und trotzdem hörst du, wer das Lied geschrieben hat. Weil da etwas ist. Aber etwas, das du nicht greifen kannst.“ Nesbo ist ein Meister der Andeutungen, der seinen Leser geradezu quält und mit Details und scheinbaren Nebensächlichkeiten, mit kleinsten Puzzlestücken und Andeutungen, mit beiläufigen Bemerkungen und zunächst unwichtig erscheinenden Informationen einen stetig an Spannung immer reicher werdenden Erzählfluss schafft.

 

Ein tolles, spannendes Buch.

 

 

 

Unter der Drachenwand

 

 

 

Arno Geiger, Unter der Drachenwand, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25812-9

 

In seinem neuen Roman erzählt der österreichische Schriftsteller Arno Geiger von Menschen, die im Jahr 1944 in einem kleinen Ort namens Mondsee bei Salzburg zu Füßen der Drachenwand versuchen, in einer Atempause des Zweiten Weltkrieges zu sich selbst zu kommen.

 

Hauptperson ist der ich-erzählende kriegsversehrte Soldat Veit Kolbe. An der Ostfront schwer verletzt worden, reist er auf Anraten eines Hauptmannes im Lazarett nach Mondsee aufs Land, wo ein Onkel von ihm, der dort als Postenkommandant Dienst tut, ihm eine Unterkunft verschafft. Kolbes Vermieterin ist eine bösartige Frau, die ihm während seines gesamten Aufenthaltes das Leben schwer macht. Richtig gefährlich werden kann ihm allerdings der Mann der Vermieterin, ein fanatischer Nazi, der bei seinen Heimaturlauben alle mit Durchhalteparolen quält.

 

Veit Kolbe, so würde man es heute nennen, leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, hat immer wieder Panikattacken und kann ohne das Medikament Pervitin nicht sein. Er hat auf dem Weg der Wehrmacht nach Osten alles gesehen, „was niemand sehen will“. Massenerschießungen von Juden, die wahllose Zerstörung von Dörfern und die Liquidierung unzähliger Zivilisten haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt und er wird die inneren Bilder einfach nicht los.

 

So wie sein literarischer Schöpfer selbst es einmal von sich sagte, versucht auch Veit Kolbe mit Schreiben diese Leerstellen des Grauens zu füllen und zu bannen. Er hofft, dass sein Genesungsurlaub so lange dauern wird, bis der Krieg hoffentlich bald zu Ende ist, und tut auch einiges selbst dazu, um ihn  immer wieder zu verlängern. Dennoch schwebt die drohende Rückkehr an die dann wohl sicher für ihn tödliche Front wie ein Damoklesschwert über ihm und bedroht die zarten Pflänzchen von Liebe, die mit der in der Wohnung neben ihm zusammen mit ihrem Baby wohnende Margot aus Darmstadt keimen.

 

Langsam lässt Arno Geiger ihre Beziehung sich entwickeln. Ähnlich behutsam führt er sukzessive weitere Personen in seinen dichten Roman ein. Da sind die Mädchen im Lager Schwarzindien, die dort aus verschiedenen Städten des Reichs gebracht wurden. Insbesondere das Schicksal des Mädchens Nanni Schaller bewegt ihn und seinen Erzähler, denn als es spurlos verschwindet, sind nicht nur die Bewohner Mondsees erschüttert, sondern auch der Cousin des Mädchens, dessen  zahllose unbeantwortete Briefe von der Front an seine Freundin Geiger dokumentiert.  Er wechselt auch immer wieder nach Darmstadt, der Heimat von Margot und lässt deren Mutter, die ihr Überleben in einer von Bomben gänzlich zerstörten Stadt zu organisieren sucht, zu Wort kommen.

 

Und da ist der „Brasilianer“, ein aus Brasilien zurückgekehrter Auswanderer und Bruder der garstigen und fanatischen Vermieterin. Veit Kolbe und Margit freunden sich mit dem regimekritischen Reformbiologen an, und führen, als er wegen einer abfälligen Bemerkung über das Regime  für sechs Monate in Haft kommt, sein Gewächshaus weiter.

 

Doch der wichtigste Erzähler neben Veit Kolbe ist wohl der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer. Er ist mit seiner Familie nach langem Zögern von Wien aus nach Budapest geflohen, wo er als Zwangsarbeiter zufällig auf Veit Kolbe trifft. Sonst allerdings gibt es keine Verbindung zwischen Oskar Meyer und dem Geschehen am Mondsee.

 

Selten habe ich die inneren Nöte einer jüdischen Familie, die versucht sich vor der tödlichen Gefahr der Nazis zu retten, so eindringlich und unter die Haut gehend beschrieben gelesen, wie in den Schilderungen von Arno Geiger.

 

Nachdenklich und eindrücklich erzählt Arno Geiger in einer sensiblen Sprache vom Krieg und von Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass es auch nach dem Ende des Krieges eine Zukunft für sie geben kann. Wenn er in einer Nachbemerkung zu seinem Roman das Leben bzw. Sterben dieser fiktiven Figuren nach dem Krieg dokumentiert, verleiht er ihnen eine Form der Realität, die weit über die Fiktion hinausgeht und weit mehr ausdrücken möchte als ein herkömmliches versöhnliches Ende. Es ist Hoffnung auf Zukunft trotz allem gerade zu Ende gegangenen Schreckens.

 

 

Mission Manifest. Die Thesen für das Comeback der Kirche

 

 

 

 

Johannes Hartl, Mission Manifest. Die Thesen für das Comeback der Kirche, Herder 2018, ISBN 978-3-451-38147-8

 

Wenn in diesem Buch von der Kirche die Rede ist und konstatiert wird, dass sie immer bedeutungsloser wird, dann ist die Katholische Kirche gemeint. Ob das, was in diesem Buch vorgeschlagen wird, auch für andere christliche Kirchen von Bedeutung sein kann, wäre separat zu überprüfen.  Die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Kirche und des Glauben wollen die Autoren des vorliegenden Buches nicht mehr tatenlos hinnehmen.

Sie wollen die Glut des Glaubens wieder entfachen und weitergeben. Damit das gelingt, haben sich die einflussreichsten Leiter religiöser Bewegungen und Organisationen zusammengeschlossen, um dieses Jahrhundert wieder zu einem Jahrhundert des Glaubens zu machen. Mit zehn Thesen zeigt dieses Buch, was sich ändern muss und wie das geht. Eine mitreißende Forderung, dass Mission wieder die höchste Priorität hat. Und eine Einladung an alle, die sich nicht damit abfinden wollen, dass der Glaube verdunstet – der eigene Glaube und der der Welt.

„Wir wollen, dass Mission Priorität Nummer eins wird“, sagen sie und setzten auf eine „Welle des Gebetes“ , den Zusammenschluss verschiedener Initiativen und Gruppen und eine Neuausrichtung kirchlicher Strukturen in der Seelsorge – diese müsse „missionarischer“, „expansiver und offener“ werden. Ohne indoktrinieren zu wollen.

 

Eine Fülle von modernen Events und Aktionen sollen vor allem junge Menschen mit ihren Fragen und Nöten ansprechen und sie für den Glauben gewinnen.  Ich kenne aus den letzten Jahrzehnten aus dem Bereich der evangelischen Kirchen ähnliche Aktionen, die aber nach meiner Einschätzung nie über lokale Wirkungen hinausgingen.

 

Man wird abwarten müssen, ob „Mission Manifest“ mehr Erfolg beschieden ist.

 

 

 

 

Olga

 

 

 

 

Bernhard Schlink, Olga, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07015-6

 

Bernhard Schlink ist einer der vielseitigsten Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Mit seinem „Vorleser“ auch international berühmt geworden, hat er seither zahlreiche Romane veröffentlicht, die in all ihrer Unterschiedlichkeit eines verband: die Liebe für Geschichten und Menschenschicksale im Rahmen deutscher Geschichte.

 

Über einen langen Zeitraum deutscher Geschichte spannt sich auch sein neuer Roman, in dem Bernhard Schlink die fiktive Lebensgeschichte  von Olga Rink erzählt und ihrer lebenslangen schwierigen Liebe zu Herbert Schröder, einem sozial höher gestellten Mann, mit dem sie nie zusammenleben konnte.

 

Schon als Kinder Endes des 19. Jahrhunderts waren sie zusammen und begründeten mit ihrer gegenseitigen Freundschaft eine Beziehung, aus der später ein Sohn namens Eik hervorgehen sollte, den Herbert aber nie kennenlernte. Zu oft und zu lange ist er immer wieder als Abenteurer unterwegs in der Welt, zunächst in Afrika, wo er eine dunkle Rolle beim Völkermord an den Hereros spielt, dann in Asien, später dann vorzugsweise in der Arktis, wo seine Faszination für die legendäre Nordostpassage ihn lange nicht los lässt, bis er bei einer Expedition verloren geht und ihn mehrere nach ihm suchende Expeditionen nicht finden können. Olga macht gegen erhebliche Widerstände eine Ausbildung und arbeitet in verschiedenen Dörfern als Lehrerin.

 

Olga schreibt ihm postlagernde Briefe nach Trömsö in Norwegen, wo er seine letzte Expedition nach Spitzbergen begann.  Ihr Sohn Eik steigt schon vor dem 2. Weltkrieg zu einem hohen Nazischergen auf, was Olga großen Kummer macht.

 

All das wird erzählt von Ferdinand, einem pensionierten Beamten, in dessen Familie Olga nach dem Krieg als Näherin arbeitet. Seine Beziehung zu der alten Frau ist eng, sie liebt ihn wie einen eigenen Sohn. Der Erzähler vermittelt dem Leser in einem ausführlichen zweiten Teil des Buches seinen persönlichen Eindruck der gealterten Olga, die ihm seit seiner Kindheit gern Geschichten über Herberts Abenteuer erzählt und zu der er auch als Erwachsener Kontakt hält. Schon hier wundert man sich über seine Kenntnis zahlreicher Details aus der Lebensgeschichte Olgas, über deren Beschaffung er dann erzählt. Nach langen Recherchen gelingt es dem selbst schon gealterten Ferdinand in einem Antiquariat in Trömsö einen Packen von postgelagerten Briefen zu erwerben, die wie durch ein Wunder all die Jahrzehnte überdauert haben.

 

Diese Briefe, die in einem dritten Teil des Buches abgedruckt sind, geben nun Olga selbst das Wort und der Leser erfährt von manchem neuen Aspekt ihrer langen Lebensgeschichte, die er vorher schon von Ferdinand, dem Erzähler, erfahren hat. Wenn Ferdinand am Ende resümiert, dann spricht da durchaus Bernhard Schlink selbst von seiner Begeisterung über seine literarische Figur, für die es in seiner eigenen Lebensgeschichte vielleicht das eine oder andere Vorbild gegeben haben mag:

„Ich war stolz auf sie. Welches Glück, wenn das Leben, das ein Mensch lebt, und die Verrücktheit, die er begeht, zusammenstimmen wie Melodie und Kontrapunkt! Und wenn beides nicht nur zusammenstimmt, sondern der Mensch es selbst zusammenfügt. Die Melodie von Olgas Leben war ihre Liebe zu Herbert und ihr Widerstand gegen ihn, als Erfüllung und Enttäuschung. Nach dem Widerstand gegen Herberts Verrücktheit die verrückte Geste, am Ende des stillen Lebens der laute Schlag – sie hatte den Kontrapunkt zur Melodie ihres Lebens gesetzt.“

 

Olga ist ein lesenswerter und sprachlich anspruchsvoller Roman über das Leben einer Frau zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren.

Kleiner Eisbär. Lars und die verschwundenen Fische

 

 

 

Hans de Beer, Kleiner Eisbär. Lars und die verschwundenen Fische, NordSüd Verlag 2017, ISBN 978-3-314-10413-8

 

Kaum ist der Sammelband mit den ersten 10 Geschichten von Lars, dem kleinen Eisbär, erschienen, da legt Hans de Beer den elften Band der Reihe vor. Wie schon in früheren Büchern über den Eisbären, setzt sich Hans de Beer kindgerecht, aber deutlich mit der Tatsache auseinander, dass durch die zunehmenden Erderwärmung der Lebensraum nicht nur der Eisbären stark eingeschränkt und ihr Überleben gefährdet ist.

 

Es beginnt damit, dass Lars aus seinem Winterschlaf erwacht. Er hat Hunger. Doch das erste, was er wahrnimmt: Es ist wärmer als in früheren Jahren und Menschen sind in Gebieten vorgedrungen, wo sie früher nicht waren. Das Eis ist dünner, der Mensch näher und die Fische drohen zu verschwinden.

Doch Lars und seine Freunde Berti und Isa schaffen es mit Hilfe von Freunden und Familie die Technik aus ihrem Lebensraum und somit auch den Menschen wieder zu verdrängen.

 

„Lars und die verschwundenen Fische“ ist eine ermutigende Rückeroberungsgeschichte, in der sich der kleine Lars als ein kleiner Held erweist.

 

Absolut kindgerecht wird hier ein schwieriges, und wohl auch trauriges Kapitel der Erderwärmung thematisiert. Für alle alten großen und neuen kleinen Eisbärfreunde sehr zu empfehlen.