Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Helden der Meere

 

 

 

York Hovest, Helden der Meere, teNeues 2019, ISBN 978-3-96171-214-4

 

Seit es Menschen gibt, haben sie sich angezogen gefühlt von der Kraft, der Gewalt und der Schönheit des Meeres. Es gab ihnen Nahrung und bot ihnen Wege zu anderen neuen Kontinenten. Immer aber löste das Meer im Menschen so etwas wie Ehrfrucht aus.

 

Doch seit längerer Zeit schon sind unsere Weltmeere bedroht und die Bedrohung nimmt mit jedem Jahr zu. Zunächst war es die Überfischung, die lange im Zentrum der Kritik stand. Mittlerweile ist es die grassierende und alle Meereslebewesen bedrohende Verschmutzung der Meere durch Plastik, die die Meere in den Fokus weltweiter Aufmerksamkeit rücken. Und dazu kommt unaufhaltbar: Die Erderwärmung und der daraus resultierende Klimawandel führen zu immer größeren Schäden im marinen Ökosystem.
York Hovest, erfolgreicher Fotograf, Abenteurer und Autor, hat sich zur Aufgabe gemacht, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Er hat die unterschiedlichsten „Helden der Meere“ begleitet,  Menschen, die der oben beschriebenen Entwicklung etwas entgegensetzen wollen. Hoivest hat mit ihnen gesprochen und ihre Lösungen beschrieben. Da sind  Wissenschaftler, Aktivisten und Visionäre, die Projekte entwickelt haben, wie unsere Ozeane gerettet werden können.  Doch auf diesen Reisen in alle Teile der Welt hat er auch wunderbare Bilder gemacht, Bilder, die die Schönheit und die Bedrohung des Meeres gleichermaßen zeigen über und unter Wasser.

 

Der Dalai Lama hat für dieses Buch ein Vorwort geschrieben, in dem er die Bedeutung von Mitgefühl ausweitet auf die gesamte Schöpfung, auch auf die bedrohten Meere.

 

Ein beeindruckender Band, der betroffen  macht, aber auch durch die Beschreibung der Arbeit der „Helden der Meere“ Hoffnung macht.

 

 

 

 

Käfer-Helden. Die VW –Edition

 

Christian Banck, Käfer-Helden. Die VW –Edition, Delius Klasing 2019, ISBN 978-3-667-11688-8

 

Schon in seinem Buch „Kinderzimmerhelden“ ließ der Fotograf Christian Blanck die Modellautos seiner Kindheit wiederauferstehen,  setzte das dann in einem Buch mit Porschemodellautos fort und legt nun ein drittes Buch vor, in dem er seine Sammlung von VW Käfer Spielzeugautos unverwechselbar in Szene setzt.

 

Kratzer und Dellen zeugen von heißen Rennen, bei denen sich die Kontrahenten nichts geschenkt haben. Hier blättert die Farbe ab, dort fehlt ein Rad, dort eine Tür. Sie sind alle das, was man abgespielt nennen würde. Verkratz, zerbeult, aber in der Kindheit unendlich geliebt.

 

Blanck hat seine Sammlung in verschiedene Kapitel unterteilt und sie zum schnellen Wiederfinden mit Symbolen versehen. Jedes Kapitel (z.B. Helden der Arbeit, Blumenkinder, dein Freund und Helfer) hat er mit einem einseitigen Text eingeleitet, die erklären, in welcher Vielfalt die VW-Helden über viele Jahrzehnte eingesetzt waren und ihren Dienst taten.

Wunderschöne VW-Käfer – Modellautos, liebevoll und einzigartig fotografiert.  Eine  sehr persönlicher Liebeserklärung, bei der der eine oder andere Leser sicher das eine oder andere Auto wiederfinden wird, das er selbst besaß und bespielte.

 

Das große Handbuch der Abenteuer, für drinnen und draußen

 

 

 

Paul Beaupere, Das große Handbuch der Abenteuer, für drinnen und draußen, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-473-55464-5

 

Das vorliegende zuerst in Frankreich erschienene und von Silvia Bartholl ins Deutsche übertragene Buch für Kinder und Jugendliche will sie locken. Weglocken vom Smartphone und von anderen digitalen Spielzeugen, hin zu Beschäftigungen und Abenteuern, die sie sowohl in der Wohnung als auch draußen erleben können.

 

„Sei dein eigener Held!“ fordert es seine jungen Leser auf und entführt sie an unzählige Stellen zuhause, in der Stadt, auf dem Land, im Wald, in den Bergen oder am Meer.

 

Überall entdeckt Paul Beaupere spannende Abenteuer und interessante Tätigkeiten, die die Langeweile vor dem digitalen Spielzeug vertreiben helfen.

 

Da werden viele Spiel-und Bastelideen, Experimente und Aktionen vorgestellt. Anleitungen zum Selbermachen dominieren, und viele praktische Hinweise wollen die Kinder dazu verführen, sich zu trauen, aufzustehen, nach draußen zu gehen, Abenteuer zu erleben, neue  Erfahrungen zu machen und vor allen Dingen vieles selbst zu tun.

 

Vielleicht finden sich ein oder zwei Freunde oder auch mehr, denn die meisten der in diesem Buch vorgestellten und beschriebenen Abenteuer machen in der Gemeinschaft mehr Spaß und man kann sich gegenseitig helfen.

 

In einer Zeit, in der meisten Kinder aus verschiedenen Gründen nicht mehr draußen spielen und dort ihre Erfahrungen machen, ist das Buch eine Einladung, ihr Spektrum zu erweitern, ihre Hände und Füße zu benutzen und der Langeweile etwas entgegenzusetzen. Und mit anderen zusammen mehr zu erleben, als das Handy bieten kann.

 

 

Dieser weite Weg (Hörbuch)

 

 

 

Isabel Allende, Dieser weite Weg (Hörbuch), der Hörverlag 2019, ISBN 978-3-8445-3592-1

 

In ihrem neuen Roman, der in seiner epischen Kraft und sprachlichen Qualität nach vielen anderen Romanen endlich wieder an den Zauber von „ Das Geisterhaus“ anschließen kann, spannt Isabel ihren erzählerischen Bogen vom spanischen Bürgerkrieg bis ins Chile Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

 

„Dieser weite Weg“ ist die Geschichte des Schicksals der Familie der Dalmaus. Seit Generationen ist diese gebildete und wohlhabende Familie in Barcelona ansässig. Das Leben dieser katalanischen Familie ändert sich schlagartig, als 1936 der Spanische Bürgerkrieg beginnt. Victor Dalmau, der gerade kurz zuvor begonnen hat, als Arzt zu praktizieren, tut in den Reihen der Republikaner als Sanitäter und Arzt Dienst an der Front. Während des Bürgerkrieges stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt und sein Bruder Guillem findet auf dem Schlachtfeld den Tod.

 

Nachdem Franco nach seinem Militärputsch eine Diktatur errichtet, flieht Victor Dalmau aus Barcelona nach Frankreich. Bei ihm ist die talentierte Pianistin Roser Bruguera, die von seinem toten Bruder schwanger ist. Victor bringt es lange Zeit nicht über sich, Roser die Wahrheit über den Tod des Bruders zu sagen. Auf dieser Flucht verschwindet die Mutter Victors und alle, auch der schon hier gebannte Leser, glauben, sie sei tot. Die Szenen, die sich in Frankreich abspielen, die Ablehnung, die den politischen Flüchtlingen dort begegnet, erinnert in vielem an heutige Zustände: „Niemand wollte diese Ausländer haben, diese Roten, diese widerwärtigen, dreckigen Fahnenflüchtigen und Verbrecher, wie sie in der Zeitung genannt wurden, sie würden Seuchen verbreiten, stehlen und vergewaltigen und einen kommunistischen Umsturz anzetteln.“

 

An dieser Stelle baut Isabel Allende zum ersten Mal den Teil ihres Romans ein, der in Chile spielt. Sie lässt den damals noch jungen Dichter Pablo Neruda ein Schiff namens „Winnipeg“ chartern, das weit über tausend spanische Bürgerkriegsflüchtlingen nach Südamerika bringen soll. Er sorgt selbst dafür, dass auch Intellektuelle und politisch links verorte Menschen auf das Schiff dürfen, darunter Viktor Dalmau und Roser, die der als seine Frau ausgibt.

 

In Chile angekommen, holt Viktor sein Arztdiplom an der Universität Santiago nach und Roser macht Karriere als Pianistin. Über die Jahre und Jahrzehnte wird aus einer liebe- und respektvollen Vernunftehe eine große Liebe.

 

Viktor wird den noch jungen Salvador Allende kennenlernen, mit ihm regelmäßig Schach spielen, aber er kritisiert auch seine „bourgeoise Gewohnheiten, seine Maßanzüge, sein erlesener Geschmack, der sich in den Kunstgegenständen zeigte, mit denen er sich umgab.“

 

Isabel Allende erzählt mit viel Temperament, wie Victor und Roser und deren Sohn Marcel sich in Chile einen Namen schaffen und versuchen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich in der chilenischen Klassengesellschaft zurechtzufinden. Doch der Leser ahnt schon früh, dass der Militärputsch 1973 die Familie erneut zur Flucht zwingen wird, dieses Mal nach Venezuela. Dort, so berichtet Isabel Allende, habe sie auch während ihres eigenen Exils jenen Victor Pey getroffen, der für die Romanfigur des Victor Pate stand und erst im Alter von 103 gestorben ist.

 

„Dieser weite Weg“ ist die bewegende und auf vielen historischen Tatsachen beruhende Geschichte eines Paares durch die turbulenten Zeitläufe des vergangenen Jahrhunderts.

Wie weit ist der Weg, den Menschen manchmal gehen müssen, um im Leben anzukommen? Eine Geschichte von Flucht und Neuanfang, von politischem Engagement und von Intrigen und Gewalt.

Und eine wundervolle Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich erst langsam näher kommen, nachdem sie vorher schon unendlich viel miteinander erlebt und bewältigt haben.

 

Mit diesem neuen Roman hat Isabel Allende nach etlichen eher durchschnittlichen Romanen zu ihrer alten Qualität zurückgefunden. Weil besonders die Teile, die nach der historisch belegten Überfahrt der „Winnipeg“ in Lateinamerika spielen, von vielen autobiographischen Erfahrungen geprägt, besonders authentisch und leidenschaftlich erzählt sind.

 

Ein Roman, den man als auch historisch und politisch interessierter Leser nicht aus der Hand legen möchte und der von Menschen erzählt, die trotz Flucht und Verfolgung niemals die Hoffnung aufgeben, dass das Leben einen Sinn hat und die Liebe sie weiter trägt, als sie es für möglich hielten.

 

In der hier vorliegenden gekürzten Lesung  aus dem Hörverlag gelingt es Wiebke Puls ganz hervorragend, die Geschichte von Victor, Roser und anderen als eine persönliche Tragödie in Szene zu setzen, eine Tragödie, in der es geht um Vertreibung, Flucht, Exil und die Unmöglichkeit, an einem Ort dauerhaft anzukommen.

 

Die Interpretation der Hauptfiguren ist überzeugend und der leidenschaftliche Sprachstill Allendes findet in der Stimme von Wiebke Puls einen engagierten Widerhall.

 

Ein gelungenes Hörbuch, das trotz seiner notwendigen, aber gelungenen Kürzungen dem Buch ebenbürtig ist.

 

 

 

Geblendet (Hörbuch)

 

 

 

Andreas Pflüger, Geblendet (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4393-5

 

Mit dem vorliegenden dritten Band der Thrillerreihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron  schließt Andreas Pflüger seine Trilogie ab. Viele Fragen blieben nach dem zweiten Band offen, die nun geklärt und zu einem vorläufigen (?) Abschluss gebracht werden.

 

Dazu führt er zu Beginn der wieder absolut spannenden und auch sprachlich mitreißenden Handlung eine neue Figur ein. Zunächst weiß man bei der Geschichte des 12-jährigen Mädchens und ihres Vaters, die im Prolog erzählt wird, nicht, um wen es sich handelt, aber sie wird später einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die der von Jenny Aaron wie ein Spiegelbild ähnelt und ihr auf eine beeindruckende Weise helfen wird, endlich zu sich selbst zu kommen.

 

Zunächst hält sie sich in den USA auf bei einem spirituellen Lehrer fernöstlicher Kampf- und Meditationstechniken. Von dort kehrt sie nach Berlin zurück, um sich einer lange verschobenen speziellen Therapie zu unterziehen, die ihr das Augenlicht zurückbringen soll.

 

Diese Therapie bei Dr. Reimers aber bringt Jenny schnell an ihre Grenzen. Trugbilder verstören zunehmend ihre Wahrnehmung, die regelrecht verrücktspielt. Was noch schlimmer ist: mit zunehmendem Sehen entwickeln sich ihre überscharfen anderen Sinne zurück auf das normale Maß.

 

Mitten in diese vom Autor lang und ausführlich geschilderte prekäre persönliche Situation ereilt Jenny Aaron eine Bitte der Abteilung, wie ihre Eliteeinheit genannt wird. Die Abteilung unter der Leitung von Demirci hat die Möglichkeit, den Mann im Hintergrund zur Strecke zu bringen, jene dunkle Gestalt, die für den Tod so manches ehemaligen Mitglieds der Abteilung verantwortlich ist. Dafür brauchen sie Jennys schnelle Hilfe.

 

Und nun entspannt sich ein Kampf zwischen diesen beiden Mächten und das am Anfang beschriebene, mittlerweile erwachsen gewordene Mädchen spielt eine entscheidende Rolle auf der anderen, feindlichen Seite.

 

Zu diesem Kampf, der die Abteilung fast auszulöschen droht, kommt für Jenny noch ein dramatischer innerer Kampf dazu. Wieder mit zahlreichen Rückblicken in Jennys früheres Leben versehen (dennoch sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, um in diesen dritten, die Reihe abschließenden wirklich hinein zu kommen), schildert Pflüger in einem aus den anderen Büchern bekannten Wechsel zwischen Action und Reflexion, auch spiritueller Reflexion, den Kampf der Abteilung gegen ihre Feinde, die auch im deutschen Geheimdienstsystem sich befinden und befanden und den tapferen Kampf Jennys mit sich selbst. Die zu Anfang des Buches beschriebene Person wird dabei eine wichtige Rolle spielen und  sie auf eine völlig überraschende Art und Weise retten.

 

Am Ende sagt sie sich, dass nichts, was sie in den letzten Jahren erlebt hat, vergebens war. Und sie hätte gar nicht früher erkennen können, was sie jetzt weiß und wo sie nun angekommen ist: „dass es ihr nicht bestimmt war, wieder zu sehen, sondern wieder zu lieben.“

 

Vielleicht hängt mein durchgängiger Eindruck beim Lesen, dass der abschließende Band schwächer ist als die beiden ersten, auch damit zusammen. Dass nämlich die Geschichte von Jenny Aaron an ein Ende kommt, ein offenes Ende zwar, aber wohl ein endgültiges.

 

Was wird sie als Liebende in Zukunft mit all ihren Fähigkeiten anfangen? Wie wird sie leben, was wird sie tun und für wen?  Wird sie ihre Vergangenheit je wieder einholen?

 

Ob Andreas Pflüger dem Reiz widerstehen kann,  sie in einer neuen Reihe noch einmal in anderer Konstellation ins literarische Leben zu rufen?

 

Ein auch literarisch sehr gelungenes Buch, dessen hier anzuzeigende ungekürzte Hörbuchfassung so gut von Nina Kunzendorf  eingelesen ist, dass man es vor spannendem Kitzel kaum aushält. Insbesondere die inneren Kämpfe von Jenny Aaron hat sie sehr einfühlsam interpretiert.

 

 

 

 

 

Neil Armstrong. Der erste Mensch auf dem Mond

 

 

 

Katrin Hahnemann, Neil Armstrong. Der erste Mensch auf dem Mond, arsedition 2019, ISBN 978-.3-8458-3434-4

 

Fünfzig Jahre ist es jetzt her, dass mit Neil Armstrong mit 39 Jahren als erster Mensch den Mond betrat und so zu einer lebenden Legende wurde, bis er 2012 nach einer Herzoperation starb.

 

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich am 20. Juli 1969 mitten in der Nacht zusammen mit meinem Vater vor dem neu angeschafften  schwarz-weiß Fernseher atemlos diese Mondlandung beobachtet habe.

 

Das vorliegende reich bebilderte und mit Illustrationen von Uwe Mayer versehene Sachbuch für Kinder ab etwa 8 Jahren erzählt, wie es dazu kam, dass Neil Armstrong an diesem Tag seine berühmten Worte sprach: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen – ein großer Sprung für die Menschheit.“

 

Katrin Hahnemann beschreibt lebendig und kindgerecht das Leben von Neil Armstrong, seinen frühen Traum vom Fliegen und seinen Weg als Student und Soldat bis hin zu seiner Berufung als Astronaut.

 

Spannend erzählt, können die Kinder und Jugendlichen in diesem empfehlenswerten Sachbuch nachvollziehen, wie aus einem stillen, flugzeugbegeisterten Jungen der Mann geworden ist, den die NASA auswählte, um als Erster einen fremden Himmelskörper zu betreten?

 

Auch die mit vielen Problemen, Schwierigkeiten und Rückschlägen behaftete Geschichte vor der schließlich mit Apollo 11 gelungenen ersten Mondlandung wird ausführlich beschrieben. Der Wettlauf mit der Sowjetunion und die hohe Bedeutung, die diese Mission in den USA hatte.

 

Auch Neil Armstrongs persönliches Erleben dieser Mission kommt ausführlich zur Sprache und wie er später damit umging, wegen dieser einen Tat für alle Zeiten berühmt zu sein?

 

Für alle kleinen und großen Fans von Weltraum und Raumfahrt liefert das Buch detaillierte Informationen über Raumschiffe, das Leben der Astronauten und die Reise zu fremden Planeten.

 

Ein gut gemachtes und spannend erzähltes Buch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Geblendet

 

 

Andreas Pflüger, Geblendet, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42895-5

 

Mit dem vorliegenden dritten Band der Thrillerreihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron  schließt Andreas Pflüger seine Trilogie ab. Viele Fragen blieben nach dem zweiten Band offen, die nun geklärt und zu einem vorläufigen (?) Abschluss gebracht werden.

 

Dazu führt er zu Beginn der wieder absolut spannenden und auch sprachlich mitreißenden Handlung eine neue Figur ein. Zunächst weiß man bei der Geschichte des 12-jährigen Mädchens und ihres Vaters, die im Prolog erzählt wird, nicht, um wen es sich handelt, aber sie wird später einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die der von Jenny Aaron wie ein Spiegelbild ähnelt und ihr auf eine beeindruckende Weise helfen wird, endlich zu sich selbst zu kommen.

 

Zunächst hält sie sich in den USA auf bei einem spirituellen Lehrer fernöstlicher Kampf- und Meditationstechniken. Von dort kehrt sie nach Berlin zurück, um sich einer lange verschobenen speziellen Therapie zu unterziehen, die ihr das Augenlicht zurückbringen soll.

 

Diese Therapie bei Dr. Reimers aber bringt Jenny schnell an ihre Grenzen. Trugbilder verstören zunehmend ihre Wahrnehmung, die regelrecht verrücktspielt. Was noch schlimmer ist: mit zunehmendem Sehen entwickeln sich ihre überscharfen anderen Sinne zurück auf das normale Maß.

 

Mitten in diese vom Autor lang und ausführlich geschilderte prekäre persönliche Situation ereilt Jenny Aaron eine Bitte der Abteilung, wie ihre Eliteeinheit genannt wird. Die Abteilung unter der Leitung von Demirci hat die Möglichkeit, den Mann im Hintergrund zur Strecke zu bringen, jene dunkle Gestalt, die für den Tod so manches ehemaligen Mitglieds der Abteilung verantwortlich ist. Dafür brauchen sie Jennys schnelle Hilfe.

 

Und nun entspannt sich ein Kampf zwischen diesen beiden Mächten und das am Anfang beschriebene, mittlerweile erwachsen gewordene Mädchen spielt eine entscheidende Rolle auf der anderen, feindlichen Seite.

 

Zu diesem Kampf, der die Abteilung fast auszulöschen droht, kommt für Jenny noch ein dramatischer innerer Kampf dazu. Wieder mit zahlreichen Rückblicken in Jennys früheres Leben versehen (dennoch sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, um in diesen dritten, die Reihe abschließenden wirklich hinein zu kommen), schildert Pflüger in einem aus den anderen Büchern bekannten Wechsel zwischen Action und Reflexion, auch spiritueller Reflexion, den Kampf der Abteilung gegen ihre Feinde, die auch im deutschen Geheimdienstsystem sich befinden und befanden und den tapferen Kampf Jennys mit sich selbst. Die zu Anfang des Buches beschriebene Person wird dabei eine wichtige Rolle spielen und  sie auf eine völlig überraschende Art und Weise retten.

 

Am Ende sagt sie sich, dass nichts, was sie in den letzten Jahren erlebt hat, vergebens war. Und sie hätte gar nicht früher erkennen können, was sie jetzt weiß und wo sie nun angekommen ist: „dass es ihr nicht bestimmt war, wieder zu sehen, sondern wieder zu lieben.“

 

Vielleicht hängt mein durchgängiger Eindruck beim Lesen, dass der abschließende Band schwächer ist als die beiden ersten, auch damit zusammen. Dass nämlich die Geschichte von Jenny Aaron an ein Ende kommt, ein offenes Ende zwar, aber wohl ein endgültiges.

 

Was wird sie als Liebende in Zukunft mit all ihren Fähigkeiten anfangen? Wie wird sie leben, was wird sie tun und für wen?  Wird sie ihre Vergangenheit je wieder einholen?

 

Ob Andreas Pflüger dem Reiz widerstehen kann,  sie in einer neuen Reihe noch einmal in anderer Konstellation ins literarische Leben zu rufen?

 

 

 

Alles richtig gemacht

 

 

 

 

Gregor Sander, Alles richtig gemacht, Penguin 2019, ISBN 978-3-328-60667-3

 

Gregor Sanders hier vorliegender mittlerweile dritter Roman ist eine funkelnde Geschichte über die frühen und die späten Jahre des wiedervereinten Deutschlands am Beispiel einer Freundschaft zweier Männer.

 

Thomas, der die Geschichte als Ich-Erzähler erzählt kommt genau wie Daniel aus Rostock. Als die DDR zusammenbricht, brechen sie gemeinsam auf nach Berlin. Sie probieren dies und das. Ihr Leben ist unbeschwert und kommt ihnen vor wie eine einzige Party.

 

Doch irgendwann ist Daniel weg. Spurlos verschwunden. Thomas studiert Jura, gründet eine Familie und ist bald schon Partner in einer eigenen Rechtsanwaltspraxis.

 

Als das Buch beginnt, ist Thomas 50 Jahre alt. Er ist auch als Rechtsanwalt mittlerweile ziemlich bürgerlich geworden und hat Mandanten, die er früher sofort abgelehnt hätte. Er ist ziemlich durch den Wind, denn seine Frau hat ihn verlassen und seine beiden Töchter mitgenommen.

 

Als in dieser Phase seines Lebens sein alter Freund Daniel wieder auftaucht, fragt sich Thomas sehr schnell, ob dieser etwa mit dem Auszug seiner Frau zu tun hat. Offenbar ist Daniel mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

 

Hier an dieser Stelle setzen zahlreiche Rückblicke in die Zeit vor dem Fall der DDR ein, in die Kindheit und Jugend der beiden Freunde. Thomas erzählt von ihrer gemeinsamen Zeit in Berlin und so manchem Abenteuer auch abseits der Regeln und Gesetze.

Über die ganze, am Ende des unterhaltssamen Buches doch sehr überraschend Handlung über gelingt es Gregor Sander, das Lebensgefühl einer jungen Generation nach der Wende einzufangen. Aber auch die Schilderung der Verbürgerlichung von Thomas Existenz und Leben und des Absturzes von Daniel als zwei sich entgegenstehenden Lebensentwürfen ist ihm hervorragend gelungen.

 

Wer hat in seinem Leben was richtig gemacht? Das fragt sich am Ende auch ein von dem Buch angenehm unterhaltener Rezensent.  Denn die Frage „Wer waren wir, wer sind wir geworden?“ sind nicht nur die des Autors und seiner Hauptfiguren. Jeder Mensch über 50 stellt sie sich irgendwann einmal. Der Roman tut dies auf eine witzige, ehrliche, stellenweise bestürzende aber immer sehr liebevolle Weise.

 

 

Dieser weite Weg

 

 

 

Isabel Allende, Dieser weite Weg, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42880-1

 

In ihrem neuen Roman, der in seiner epischen Kraft und sprachlichen Qualität nach vielen anderen Romanen endlich wieder an den Zauber von „ Das Geisterhaus“ anschließen kann, spannt Isabel ihren erzählerischen Bogen vom spanischen Bürgerkrieg bis ins Chile Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

 

„Dieser weite Weg“ ist die Geschichte des Schicksals der Familie der Dalmaus. Seit Generationen ist diese gebildete und wohlhabende Familie in Barcelona ansässig. Das Leben dieser katalanischen Familie ändert sich schlagartig, als 1936 der Spanische Bürgerkrieg beginnt. Victor Dalmau, der gerade kurz zuvor begonnen hat, als Arzt zu praktizieren, tut in den Reihen der Republikaner als Sanitäter und Arzt Dienst an der Front. Während des Bürgerkrieges stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt und sein Bruder Guillem findet auf dem Schlachtfeld den Tod.

 

Nachdem Franco nach seinem Militärputsch eine Diktatur errichtet, flieht Victor Dalmau aus Barcelona nach Frankreich. Bei ihm ist die talentierte Pianistin Roser Bruguera, die von seinem toten Bruder schwanger ist. Victor bringt es lange Zeit nicht über sich, Roser die Wahrheit über den Tod des Bruders zu sagen. Auf dieser Flucht verschwindet die Mutter Victors und alle, auch der schon hier gebannte Leser, glauben, sie sei tot. Die Szenen, die sich in Frankreich abspielen, die Ablehnung, die den politischen Flüchtlingen dort begegnet, erinnert in vielem an heutige Zustände: „Niemand wollte diese Ausländer haben, diese Roten, diese widerwärtigen, dreckigen Fahnenflüchtigen und Verbrecher, wie sie in der Zeitung genannt wurden, sie würden Seuchen verbreiten, stehlen und vergewaltigen und einen kommunistischen Umsturz anzetteln.“

 

An dieser Stelle baut Isabel Allende zum ersten Mal den Teil ihres Romans ein, der in Chile spielt. Sie lässt den damals noch jungen Dichter Pablo Neruda ein Schiff namens „Winnipeg“ chartern, das weit über tausend spanische Bürgerkriegsflüchtlingen nach Südamerika bringen soll. Er sorgt selbst dafür, dass auch Intellektuelle und politisch links verorte Menschen auf das Schiff dürfen, darunter Viktor Dalmau und Roser, die der als seine Frau ausgibt.

 

In Chile angekommen, holt Viktor sein Arztdiplom an der Universität Santiago nach und Roser macht Karriere als Pianistin. Über die Jahre und Jahrzehnte wird aus einer liebe- und respektvollen Vernunftehe eine große Liebe.

 

Viktor wird den noch jungen Salvador Allende kennenlernen, mit ihm regelmäßig Schach spielen, aber er kritisiert auch seine „bourgeoise Gewohnheiten, seine Maßanzüge, sein erlesener Geschmack, der sich in den Kunstgegenständen zeigte, mit denen er sich umgab.“

 

Isabel Allende erzählt mit viel Temperament, wie Victor und Roser und deren Sohn Marcel sich in Chile einen Namen schaffen und versuchen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich in der chilenischen Klassengesellschaft zurechtzufinden. Doch der Leser ahnt schon früh, dass der Militärputsch 1973 die Familie erneut zur Flucht zwingen wird, dieses Mal nach Venezuela. Dort, so berichtet Isabel Allende, habe sie auch während ihres eigenen Exils jenen Victor Pey getroffen, der für die Romanfigur des Victor Pate stand und erst im Alter von 103 gestorben ist.

 

„Dieser weite Weg“ ist die bewegende und auf vielen historischen Tatsachen beruhende Geschichte eines Paares durch die turbulenten Zeitläufe des vergangenen Jahrhunderts.

Wie weit ist der Weg, den Menschen manchmal gehen müssen, um im Leben anzukommen? Eine Geschichte von Flucht und Neuanfang, von politischem Engagement und von Intrigen und Gewalt.

Und eine wundervolle Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich erst langsam näher kommen, nachdem sie vorher schon unendlich viel miteinander erlebt und bewältigt haben.

 

Mit diesem neuen Roman hat Isabel Allende nach etlichen eher durchschnittlichen Romanen zu ihrer alten Qualität zurückgefunden. Weil besonders die Teile, die nach der historisch belegten Überfahrt der „Winnipeg“ in Lateinamerika spielen, von vielen autobiographischen Erfahrungen geprägt, besonders authentisch und leidenschaftlich erzählt sind.

 

Ein Roman, den man als auch historisch und politisch interessierter Leser nicht aus der Hand legen möchte und der von Menschen erzählt, die trotz Flucht und Verfolgung niemals die Hoffnung aufgeben, dass das Leben einen Sinn hat und die Liebe sie weiter trägt, als sie es für möglich hielten.

 

 

Die Untermieterin

 

 

 

Wioletta Greg, Die Untermieterin, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-40674085-5

 

Wiolka heißt die junge Ich-Erzählerin im neuen Roman der seit 2006 in England lebenden polnischen Schriftstellerin Wioletta Greg. Ich vermute deshalb, dass in die Gestalt und die Erlebnisse ihrer Protagonistin etliche eigene Erfahrungen eingeflossen sind. Als Wiolka noch in ihrem Heimatdorf Hektary wohnte, bevor sie zum Studium wegging, hat sie Herrn Kamil getroffen, einen zehn Jahre älteren Ethnologen, der von Wiolkas Großvater zunächst gegen dessen  heftige Vorbehalte und Widerstände über polnische Folklore informiert wurde und sie eifrig aufschrieb.

 

Wiolka hat sich während der Aufenthalte von Herrn Kamil in ihrem Dorf heftig in ihn verliebt. Auch deswegen wählt sie als Ort für ihr Studium Tschenstochau, denn Herr Kamil wohnt dort.

 

Im Studentenwohnheim ist kein Platz mehr frei, deshalb kommt sie zunächst im barackenartige Arbeiterhotel „Wega“ unter. Dort fühlt sie sich nicht sehr wohl und verstrickt sich sehr schnell, was ihren fluchtartigen Auszug zur Folge hat.

Nachdem Wiolka auf der Straße der Oberin der Ordensgemeinschaft der Schwestern vom Herzen Jesu begegnet ist, kann sie im Haus der Schwestern einziehen. Es stellt sich im Laufe des Buches heraus, dass die aus der NS-Zeit noch traumatisierte demente Oberin Wiolka mit ihrer Tochter verwechselt, die von den Nazis getötet wurde.

 

Als Wiolka dann eines Tages unverhofft am Klostertor auf Herrn Kamil, den sie vorher erfolglos gesucht hat in der Stadt, scheint sie an ihrem Ziel angekommen. Doch ob diese Beziehung eine Zukunft hat bleibt offen, genauso wie Wiolkas Zukunft. Während die viele Rückblicke Wiolkas in ihre Kindheit in Hektary und die Kriegsepisoden, die von dem Schicksal der Oberin und ihrer Tochter berichten, sehr stimmig erzählt sind, fällt der Roman in seiner Gegenwartsebene doch sprachlich etwas aus dem positiven Rahmen.

 

Dennoch ist „Die Untermieterin“ ein lustiges Lesevergnügen. Vielleicht macht ein weiterer Roman die in Deutschland bisher wenig bekannte Schriftstellerin noch bekannter.