Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Staunen. Die Wunder im Alltag entdecken

 

 

 

Anselm Grün, Staunen. Die Wunder im Alltag entdecken, Herder 2018, ISBN 978-3-451-00657-9

 

Alle Menschen träumen schon im jungen Alter von einen glücklichen und erfüllten Leben. Im Laufe ihres Lebens mögen sich die Vorstellungen davon verändern. Sind es bei jungen Menschen wie etwa meinem 15- jährigen Sohn Träume von einem Studium und einem bestimmten Beruf, sind es bei mir persönlich im Augenblick Wünsche nach dem Gelingen einer bevorstehenden schwierigen Operation. Wird es mir in meinem letzten Lebensviertel gelingen, jede Stunde und jeden Tag als Geschenk anzunehmen und mit den mir nahen Menschen zu leben, als wäre es mein letzter?

 

Schon immer waren die Träume von einem glücklichen und erfüllten Leben mehr oder weniger stark beeinflusst von materiellen Wünschen. Eine schöne, größere Wohnung haben, sich einen Urlaub leisten können, im Beruf aufsteigen und mehr Geld verdienen, davon träumten meine Eltern schon in den fünfziger Jahren.

 

Dass auch ohne viel Geld und ohne das medial vermittelte Bedürfnis nach Erfolg, jugendlicher Schönheit und Anerkennung, der Sinn des Lebens, das Gefühl von Glück und Sinnhaftigkeit dessen, was ich bin und tue, meistens mitten in unserem Alltag verborgen legt und entdeckt werden will, dieser Wahrheit geht der Benediktinerpater Anselm Grün in einem neune bei Herder erschienen Buch nach.

 

Er hat seinen auch aus seinen früheren Büchern schon bekannten Gedanken den Titel „Staunen“ gegeben.

„Staunen ist eine Voraussetzung dafür, dass jeden Tag etwas Neues in uns beginnen kann, dass wir herauskommen uns den alten, festgefahrenen Wahrnehmungs- und Lebensmustern. Staunen heißt offen sein für da Neue und das Wunder im Alltäglichen erkennen. Kinder können das noch: sich mit offenem Herzen einlassen, ganz im Augenblick sein, ohne Erwartungen, ohne Nebenabsichten, ohne Vorurteile.“

Es ist wie eine „Offenbarung, die keinen Glaubensakt, sondern bloße Aufmerksamkeit fordert.“ (Peter Schellenbaum)

 

Lassen Sie sich von diesem wunderbaren Buch inspirieren und versuchen Sie, nur einmal am Tag für eine kurze Zeit sich in einen solchen Zustand des Staunens zu versetzen und fangen Sie dabei mit sich selbst an, denn Sie sind ein Wunder.

 

 

 

 

 

Der Panther

 

 

 

Julia Nüsch, Rainer Maria Rilke, Der Panther, Kindermann Verlag 2018, ISBN 978-3-934029-71-2

 

„Der Panther“ ist das wohl bekannteste Gedicht des 1875 in Prag geborenen Poeten Rainer Maria Rilke. Im Jahr 1902 oder 1903 war Rilke nach einem Besuch des Jardin des Plantes in Paris von einem eingesperrten Panther so tief beeindruckt, dass er kurz danach seine Eindrücke in ein Gedicht fasste, dass wegen seiner Tiefe und seinen Anklängen an die letztliche Gefangenheit aller menschlicher Existenz weltberühmt geworden ist und bis heute auch Menschen bekannt ist, die sonst wenig sich mit Poetik beschäftigen. Rilke beschreibt die Welt aus der Sicht des Panthers hinter seinen Stäben und legt doch viel existienzielle menschliche Erfahrung hinein.

Der Panther hat keinen Bezug mehr zur Welt außerhalb seines Käfigs, sein Sein hat kein Du, an dem es sich reiben oder mit dem es sich messen kann. Mit nur wenigen Zeilen stellt Rainer Maria Rilke das Leben des Panthers dar und tut dies mit einem Gefühl für den Verlust von Identität, wie es nicht unmittelbarer mitzuteilen ist.

 

In der durchweg empfehlenswerten Reihe „Poesie für Kinder“ des Kindermann Verlags ragt dieses Buch durch die Illustrationen von Julia Nüsch heraus.1979 geboren und an der HAW ausgebildet, arbeitet sie seit 2009 freiberuflich für Agenturen, Verlage und Zeitschriften. Für den „Kindermann Verlag“ hat sie zuvor „Der Kaufmann von Venedig“ illustriert.

Die Zeichnungen sind so etwas wie Gedichte ohne Worte. Wer die Zeichnungen ansieht, kann vielleicht eine Ahnung davon bekommen, wie sich Rainer Maria Rilke gefühlt hat, als er dem Panther begegnete. Es geht nämlich nicht um den Panther allein, es geht um die Beziehung zwischen dem Panther und dem Dichter. Dies macht das Buch zu einem besonderen Erlebnis. Die Trennung zwischen dem Gegenstand der Betrachtung und dem Betrachter ist also aufgehoben. Und führt dazu, dass die Bilder eine eigene Sprache haben, die mit der Sprache des Dichters korrespondiert.

 

Ein wunderschönes Buch nicht nur für Kinder.

 

 

 

Zwanzig beste Reiseziele

 

 

 

Claudia Jörg-Brosche, Zwanzig beste Reiseziele, Ueberreuter 2018, ISBN 978-3-8000-7715-1

 

Claudia Jörg-Brosche hat als Reisejournalistin schon die ganze Welt bereist. In ihrem neuen Buch präsentiert sie voller Leidenschaft in 18 Kapiteln 20 Reiseziele mit dem Schwerpunkt Österreich und Europa, die sie alle selbst bereist hat.

Da ist für jeden Geschmack ein Ziel dabei. Es geht von Entspannung bis zum Abenteuer, es gibt Vorschläge für Menschen, die Städtereisen leiben und für Globetrotter, die hinaus in die weite Welt wollen, ist auch etwas dabei. Man spürt bei diesen authentisch und sehr lebendig erzählten Geschichten auf jeder Seite, dass die Autorin alles selbst erlebt hat. Entsprechend getönt sind auch ihre zahlreichen Tipps für Unternehmungen an den entsprechenden Orten.

 

Es sind Ziele und Orte, die entweder noch die Bezeichnung „Geheimtipp“ für sich in Anspruch nehmen dürfen oder Reiseziele, die besonders schön oder aktuell sind.

 

Wählen Sie aus. Zur Wahl stehen:

Portugal, Madeira, Andalusien, Okzitanien – Toulouse, Palermo, Soca-Tal, Basel, Island, Lemberg, Georgien – Swanetien, Dominikanische Republik – Samaná Halbinsel, Tokio, Namibia, Vietnam, Almtal, Sölden – Ötztal sowie die Kulturhauptstädte Europas: Valetta/Malta & Leeuwarden/Niederlande (2018), Matera/Italien & Plovdiv/Bulgarien (2019)

 

Für die, die nicht weg können, kann das Buch auch beim Anschauen und Lesen ein Erlebnis werden.

Komplizen. Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern

 

 

 

 

Anuschka Roshani, Komplizen. Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern, Kein & Aber 2018, ISBN 978-3-0369-5782-1

 

Es gibt im Leben vieler Menschen einen Zeitpunkt, in dem er beim Blick in den Spiegel von einem Tag auf den anderen mit Erschrecken sieht, dass er alt geworden ist. Andere spüren es bei gewohnten körperlichen Tätigkeiten, oder nach einem nach langen Vorsätzen durchgeführten Arztbesuch, der beängstigende Werte zu Tage brachte.

 

Mit dieser Ernüchterung einher geht nicht selten eine Veränderung des Blickes auf die eigenen Eltern. Denn die Zeit um das 50. Lebensjahr (Anuschka Roshani ist 1966 geboren) fällt sehr oft mit der Zeit zusammen, in der die bisher zwar alten, aber immer noch auf ihre Weise jung und lebendig wahrgenommenen Eltern, plötzlich krank und gebrechlich werden. Und auf einmal stellt sich dem Sohn oder der Tochter die Frage, wer man eigentlich ist. Wie ist man der Mensch geworden, der heute ist? Was haben die eigenen Eltern damit zu tun? Haben sie mich geprägt oder bin ich meine eigenen Wege gegangen?

An was erinnere ich mich besonders gern, und welche Erfahrungen  schmerzen noch heute? Auch Anushka Roshani stellt sich diese Fragen und geht dafür erzählend in die Geschichte ihrer Eltern zurück. Eine schillernde Geschichte, besonders eines exzentrischen Vaters, von dem sie zu Beginn ihrer Recherchen noch nicht einmal sein Geburtsdatum, weiß.

 

Als der Vater in hohem Alter eine schwierige Diagnose erhält, und dann schlussendlich bricht, beginnt sie zunächst tastend ihre Suche nach ihren eigenen Ursprüngen und entdeckt überraschende Komplizenschaften.

Sensibel, sehr persönlich, stellenweise schonungslos  aber immer mit großer Empathie erzählt Roshani das Leben ihrer Eltern, das Leben in einer bestimmten Zeit und Stimmung.

Die Eltern und die Tochter sind in diesem Buch nicht nur die Protagonisten einer außergewöhnlichen Familiengeschichte. Die nich nur eine Zeitreise in die Vergangenheit ist, sondern auch die Gegenwart einer Frau mittleren Alters in einem neuen Licht erscheinen lässt.

 

 

 

 

 

Der meistgereiste Mann der Welt

 

 

Mike Spencer Bown, Der meistgereiste Mann der Welt, Riva 2018, ISBN 978-3-7423-0534-3

 

Als Mike Bown im Jahr 1990 begann, seine schon lange in ihn schwelenden Leidenschaft wahr zu machen und seinen Rucksack packte, da wusste er nicht, wie lange er so in der Welt unterwegs sein würde.

 

Mittlerweile, so erzählt er in diesem unterhaltsamen und informativen Buch, ist er seit 23 Jahren unterwegs und hat dabei alle 195 Länder der Welt besucht. Aber wie schon bald nach Beginn der Lektüre wohltuend feststellen kann,. geht es ihm nicht um viele Stempel im Pass, sondern immer darum, das Land, das er gerade besuch und die Menschen, denen er dort begegnet wirklich kennenzulernen. Wovon andere nur träumen können, er hat es gemacht:

Er folgte dem Lauf des Amazonas in einem Boot, durchquerte Wüsten und Dschungelgebiete zu Fuß oder in Militärfahrzeugen, schlief in Stammeshütten, lag an unberührten weißen Sandstränden und wartete das Ende eines Schneesturms in einer tibetischen Höhle ab.

 

Immer will er sich, so authentisch er kann, auf das einlassen, was ihm begegnet.  Man spürt es auf fast jeder Seite seiner wunderbaren Reiseerzählungen. Er bringt dem Leser die Welt ein Stück näher und zeigte ihm das ein oder andere Wunder unserer Erde.

 

Da es nicht so aussieht, als würde er seine Reisen beenden, darf man sich vielleicht über weitere Bücher von ihm freuen.

 

 

 

 

 

 

Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums,(Hörbuch)

 

 

 

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums,(Hörbuch) Herder 2018, ISBN 978-3-451-35194-5

 

Im Jahr 2007 hatte der Münsteraner Religionshistoriker und Priester Arnold Angenendt in einem monumentalen Werk mit dem Titel „Toleranz und Gewalt“ (ist jetzt auch als Taschenbuch lieferbar) letztlich die Grundlage dafür geschaffen, was der Psychotherapeut Manfred Lütz nun in seinem hier vorliegenden Buch „Skandal der Skandale“ als geheime Geschichte des Christentums erzählt.

 

Hauptsächlich geht es um die Tatsache, dass die drei Schwert-Worte im Neuen Testament immer wieder in ihrer wahren Bedeutung beachtet werden müssen, um ihrem neuerlichen Missbrauch entgegenzuwirken:
Einmal das beim ersten Hinhören erschreckende Wort: ‚Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘ (Mt.10,34). Gemeint ist das geistige Schwert der Abtrennung von der blutsverwandten Eigenwelt, also ein metaphorischer Gebrauch zur Bezeichnung schmerzhaft – notwendiger Lebensentscheidungen. Dem zweiten Schwert-Wort zufolge ist das Wort Gottes ’schärfer als jedes zweischneidige Schwert…; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens.‘ Das physische Schwert jedoch wird abgelehnt. Als Jesu Jünger ihn bei seiner Verhaftung mit einen realen Schwert verteidigen wollen, gebietet er: ‚Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.'(Mt. 26,52)

Das sind die theologischen Grundlagen des Christentums und beiden Autoren gebührt Dank dafür, mit ihren nun auch für einen breiten Kreis von Lesern zugänglich gemachten Erkenntnissen erneut darauf hingewiesen zu haben. Ich kann es nur empfehlen für alle die Menschen, die die platte Kritik meiden und es lieber mit der wirklichen Aufklärung halten, eben auch im Diskurs um das strittige Thema Religion.

 

Sich über die positiven Wurzeln der eigenen Religion bewusst zu werden, ohne die dunklen Zeiten zu verdrängen oder sich ihrer zu schämen und sie für die eigentliche Essenz des Christentums zu halten, sondern selbstbewusst und mit Überzeugung die wahre Essenz zu leben und sie auch im Dialog und Streitgespräch mit dem Islam etwa zu vertreten, darum geht es den beiden Autoren.

Das Christentum ist, wie Lütz und Angenendt schreiben, „die Geschichte der Heiligen, der spirituellen Aufbrüche, aber auch der großen und vor allem der stillen Leidenden.“

Das Buch ist ein Weckruf zur „Hoffnung auf den barmherzigen Gott, an den die Christen glauben und dem sie es zuschreiben, diese 2000-jährige Geschichte trotz aller schrecklichen menschlichen Schwächen auch der Christen tatsächlich zur Heilsgeschichte gemacht zu haben.“

 

Es ist eine große Leistung, die wissenschaftliche Erkenntnis von „Toleranz und Gewalt“ nun auf knapp 300 Seiten ohne Fußnoten einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

 

Vielleicht erreicht die hier vorliegende ungekürzte Lesung des Autors mir ihrer Frische und Lebendigkeit noch mehr Menschen.  Noch mehr als das Buch selbst baut die Lesung eine an einen Krimi erinnernde Spannung auf, die ganz erstaunliche und vielen Menschen bislang unbekannte Ergebnisse zeitigt. Immer auf dem Stand der wissenschaftlichen Forschung.

Der Anfang von etwas Schönem

 

 

 

Lizzie Doron, Der Anfang von etwas Schönem, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14630-2

 

 

Lizzie Dorons dritter ins Deutsche übersetzte Roman erzählt verfremdet von ihrer Kindheit im Tel Aviver Viertel Yad Elijahu, einem kleinen, aber geschlossen wirkenden Viertel, in das damals fast nur Überlebende der Konzentrationslager zogen.
Schon in ihrer autobiographischen Novelle „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“ hat die 1953 geborene Lizzie Doron von Yad Elijahu erzählt, von ihrer prinzipienfesten Mutter, die über ihre Vergangenheit in den Lagern der Nazis wie so viele andere beharrlich schwieg. Doron hat erzählt von den Aufträgen und Botschaften der Mutter, die wollte, dass die Tochter ihr Leben ganz auf die Zukunft ausrichtet. Dass ihre Tochter sich womöglich für ein Leben m Kibbuz entscheiden könnte, war ihr ein schrecklicher Gedanke. Und doch kam es genauso.

In ihrem Roman „Der Anfang von etwas Schönem“ erzählt die Autorin von drei Menschen, die in Yad Elijahu geboren sind und miteinander aufwachsen und deren Lebenswege sich 40 (!) Jahre später wieder kreuzen. Dabei hat sie jeder Figur ein eigenes Kapitel gewidmet, lässt sie jeweils in der Ich-Form erzählen, sich erinnern und die sich langsam bei der Lektüre erschließenden Zusammenhänge zwischen den Lebensgeschichten der drei Menschen schildern.

Da ist Malinka Zuckmayer, die sich Amalia Ben Ami nennt und seit drei Jahrzehnten allein im Haus ihrer Mutter lebt. Verkaufen kann sie es nicht, denn die Mutter hat verfügt, dass sie zuvor erst heiraten müsse. So lebt sie, mit wechselnden Affären mit verheirateten Männer auch sinnbildlich „im Haus der Mutter“ und arbeitet, vorzugsweise nachts, als Moderatorin beim israelischen Armeesender.

Da ist Gadi. Durch eine Kinderlähmung behindert, wurde der hinkende junge Mann vom Armeedienst befreit. Seit Kindertagen ist er in Malinka verliebt und träumt von einer Hochzeit mit ihr. Um ihn vor der Schande der militärischen Untauglichkeit zu bewahren, organisiert seine Mutter Sarke seine Auswanderung nach Amerika, wo man „kein Brot aus Erinnerungen backt“, wie sie sagt. Sarke war mit Etka, Malinkas Mutter zusammen in Auschwitz und sie leben in Yad Elijahu als direkte Nachbarn.

Gadi wird in Amerika ein erfolgreicher Mann, doch er beginnt sich immer heftiger nach seinem Geburtsort zu sehnen, sehr zum Unwillen seiner Frau Dina, die ihr Judentum verlassen zu haben glaubt, und mit Gadi kontroverse Diskussionen darüber führt, welche Bedeutung Israel für die Juden hat. Er will zurück und mit Amalia leben.

Und da ist Chesi als dritter im Bunde. Er ist nach Paris gegangen und hat dort als Zeithistoriker Karriere gemacht. Er ist wie besessen von der Idee, dass der Zweite Weltkrieg erst vorbei sei, wenn die Juden bzw. ihre Nachkommen wieder in ihre ursprünglichen Orte in Polen zurückkehren und dort die jüdischen Häuser und Gebetstätten wieder aufbauen. Als er während eines Israelbesuchs Amalias Stimme im Radio hört, die sich mit einen „Schlager aus dem Lager“ nämlich dem Lied „Still, still, mein Kind, schweig still, hier wachsen Gräber“ von ihren Hörern verabschiedet, trifft er sich mit Amalia. Dieses Lied war die Hymne ihrer Kindheit. Er versucht sie zu überzeugen, dass ihre Begegnung „der Anfang von etwas Schönem“ sei, doch sie endet schlussendlich in einem Fiasko, nachdem er sie mit nach Polen zu seinem „Wiederaufbauprojekt“ genommen hat.
Es ist der Umgang mit dem geschichtlichen Erbe, an dem sich in Dorons Büchern entscheidet, ob sich etwas Schönes oder eine versöhnende Idee in einen Schrecken verwandelt oder nicht.

Dorons Figuren sitzen allesamt wie in einer Falle. So wie sie sie schildert, versucht sie nachzuweisen, dass es keinen „richtigen“ Umgang mit dem Gedenken an die Shoa und ihre Opfer geben kann.
Die zweite Generation, aufgewachsen im auch aggressiv vorgetragenen Schweigen ihrer Eltern, hat für ihr ganzes Leben wirksame Beschädigungen erlitten, weil sie ihr Leben nur verstehen können als Trost für die Eltern. So behutsam zum Beispiel Etka und Sarke miteinander umgehen, so aggressiv und lieblos reagieren alle beide auf die Selbstbehauptungsversuche ihrer Kinder.
Die suchen so wie Amalia, Chesi und Gadi ihr eigenes Leben und stoßen doch immer wieder auf die Gräber der Vergangenheit: „chweig still, mein Kind, hier wachsen Gräber“.

Lizzie Doron versucht mit ihren Büchern das Schweigen zu brechen. Es gibt niemand sonst, der in der Lage ist, die widerstrebenden Gefühle der Nachkommen der Überlebenden tiefer und schmerzhafter auszuloten. Man spürt der sensiblen und gelungenen Übersetzung Mirjam Presslers ab, welche unsagbare Anstrengung das Schreiben dieser Bücher für Lizzie Doron bedeutet.

Wie wir wohl die dritte Generation damit umgehen?
Etwa so wie Jonathan Littel in „Die Wohlgesinnten“?

 

Das Leben ist gut

 

Alex Capus, Das Leben ist gut, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14631-9

 

In seinem Roman lässt der in der Schweiz lebende Schriftsteller Alex Capus seinen Ich-Erzähler einfach und in ruhiger Sprache erzählen, davon, wie es sich anfühlt mit sich und seinem Leben zufrieden, im Reinen zu sein. Eher ungewohnt in der ganzen Reihe der zeitgenössischen Romane, die oft Lebensschicksale beschreiben, die gestört oder unglücklich verlaufen. Vielleicht rühren daher auch die Verwunderung so manches Rezensenten und die oft benutzte Abwertung des Buches als belanglos.

 

Alex Capus hat in seinen früheren Büchern bewiesen, dass er ein hervorragender Erzähler ist. Das stellt er in „Das Leben ist gut“ erneut unter Beweis. Sein Ich-Erzähler Max, dem er offenbar viele eigene Beobachtungen und Lebenseindrücke geschenkt hat, und der wie ein Alter Ego von Capus gelesen werden kann, hat vor einigen Jahren mit einem dicken Roman viel Geld verdient. Statt danach weiter zu schreiben, hat er von der Gemeinde, in der er wohnt, ein Haus gekauft, dessen bewegte Geschichte er eindrucksvoll beschreibt. Er richtet dort eine Bar ein, die vom späten Nachmittag an zum  Treffpunkt sehr unterschiedlicher Menschen wird, die er liebevoll beschreibt. Morgens sieht man ihn das Altglas entsorgen und in seiner Bar das eine oder andere reparieren.

 

Er ist mit sich im Reinen und hat die außergewöhnliche Fähigkeit, alles das wahrzunehmen und auch engagiert zu verteidigen, was in der Hektik des Alltags gerne übersehen wird.

 

Als seine Frau Tina zu einem Aufenthalt nach Paris aufbricht (sie hat dort eine Gastprofessur erhalten), schläft Max seit 25 Jahren zum ersten nicht mit seiner Frau in einem Bett. Die Tage, bis sie zum ersten Mal für ein Wochenende wieder nach Hause kommt, verbringt er damit, über sein Leben nachzudenken und zu erzählen davon, was ihm im Leben wirklich wichtig ist.

 

Und obwohl er am Ende von einem Aufenthalt in der Everglades träumt, wo Tom Stark wohnt, den er in seiner Bar kennengelernt hat, möchte er doch nie woanders sein als in seiner Stadt, seiner Bar, mit seiner Frau und Familie und mit seinen vielen Freunden.

 

Max erzählt von Freundschaften und vom Leben, wie er es sich vorstellt. Er ist zufrieden mit seinem Alltag. Da passiert nichts Spektakuläres. Indem er jeden Tag vielen seiner Kunden zuhört, indem er mit seiner Bar Menschen die Gelegenheit zur Begegnung gibt, erfährt er Sinn. Und im Leben mit seiner geliebten Frau. Eng verbunden, lassen sich die beiden die Freiheit, die sie zum glücklichen Leben brauchen.

 

Ich habe das unaufgeregte, viele kleine Alltagsbeobachtungen in den Mittelpunkt stellende Buch gerne gelesen.

 

 

 

 

 

 

Fabelhaftes Meer

 

 

Willy Puchner, Fabelhaftes Meer, Nilpferd 2017, ISBN 978-3-7074-5186-3

 

„Ich träumte vom großen Ozean. Von Schiffen, Meerestieren und Inseln, von wunderbaren Menschen, kostbaren Pflanzen und fabelhaften Tieren…“

 

Willy Puchners Phantasien über das Meer ist ein Buch für Poeten, egal ob es Kinder oder Erwachsene lesen und betrachten. Es ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung eines Künstlers an alles Leben im Meer und um es herum. In unzähligen Facetten aufgefächert verbinden sich Beobachtung und Phantasie, Gedanke, Idee und Poesie.

 

Es ist eine  geheimnisvolle Sehnsuchtswelt, die wir so gut zu kennen meinen und die doch immer neue Überraschungen bereithält in die Puchner die entführt, die das großformatige Bilderbuch in ihren Händen halten.

 

Ein beglückendes Buch für alle, die das Meer lieben.

Susi Schimmel. Vom Verfaulen und Vergammeln

Leonora Leitl, Susi Schimmel. Vom Verfaulen und Vergammeln, Tyrolia 2018, ISBN 978-3-7022-3665-6

 

Sie hat eine Mission, sie ist unerbittlich und sie ist nicht allein: Susi Schimmel die Hauptperson des hier vorliegenden Sachbilderbuchs von Leonora Leitl. Sie widmet sich zusammen mit ihren verschiedenen Artgenossen dem Verfaulen und Vergammeln, in den Jausenboxen der Kinder, hinter Schlafzimmerschränken und sogar auf Babypopos.

 
Nach „Gerda Gelse“ und „Willi Virus“  legt Leonora Leitl nun mit „Susi Schimmel“ das dritte Sachbilderbuch vor. Informativ berichtet Susi Schimmel aus ihrem Pilzleben, schwärmt von den wunderbaren Farben, mit denen sie Lebensmittel und Wände überzieht, schimpft über ihre ruhmsüchtigen Verwandten, die bei der Erzeugung von edlem Käse und Penicillin mithelfen, und berichtet von so mancher großer Errungenschaft.
Mit Witz und Humor bringt dieses Buch den Kindern von klein auf bei, was Schimmel ist, woher er kommt und was man dagegen tun kann. Aber auch die vielen Arten von Schimmel werden lexikonartig vorgestellt.. Die Bilder sind farbig, modern und kindgerecht illustriert und verbildlichen die kurzen Sachtexte sehr gut.