Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Cornell und der Toaster

 

 

Robert Scheffner, Cornell und der Toaster, Oetinger 2018, ISBN 978-3-7891-0907-2

 

Cornell ist eine Figur, von der man nicht genau weiß, wie alt er wohl ist. Jedenfalls scheint er alleine zu leben. Im Buch wird erzählt , dass er schon lange nicht mehr mit Menschen sprach. Deshalb mag man annehmen, dass er schon erwachsen ist. Cornell frühstückt gerne und dabei lebt er seinen Toaster über alles.

 

Eines Tages hört er ein Klopfen aus der Nachbarwohnung und schließt nicht gerade begeistert daraus, dass ein Neuer neben ihm wohnt. Auch dieser Unbekannte geht niemals aus, das findet er schnell heraus.

 

Als dann am nächsten Tag sein geliebter Toaster Feuer fängt und kaputt geht, is Cornell sehr traurig und beerdigt seinen Toaster in der nächsten Nacht in seinem Garten. Als er am frühen Morgen wieder ins Haus geht, sieht er hinter seiner Gardine den neuen Nachbar mit finsterer Miene lauern.

 

Nach einer kurzen Nacht mit wenig Schlaf, denkt Cornbell am Frühstücktisch noch nach, wie er denn zu einem neuen Toaster kommt, als er mit Schrecken wahrnimmt, dass im Garten ein großes Loch ist und der Toaster gestohlen wurde.  Nach großer Überwindung klopft er beim Nachbarn, der ihm öffnet. Nach einigen Missverständnissen wird klar: der Nachbar hat den Toaster repariert.

„So wundert es kaum, dass sie bald schon beschlossen:

Ab jetzt wird das Frühstück zu dritt nur genossen.“

 

Ein schönes, ungewöhnliches Bilderbuch, mit einer liebevoll in Stop-Motion-Optik inszenierte Geschichte über Freundschaft, für Kinder und erwachsene Trickfilmliebhaber.

 

 

 

 

Eine Stimme in der Nacht. Commissario hört auf sein Gewissen (Hörbuch)

 

 

Andrea Camilleri, Eine Stimme in der Nacht. Commissario hört auf sein Gewissen (Hörbuch), Lübbe Audio  2018, ISBN 978-3-7857-5678-2

Der vorliegende Roman mit Commissario Montalbano aus Vigata in Sizilien ist der nunmehr 20. ins Deutsche übersetzte einer Reihe, die ihr Schöpfer Andrea Camilleri, mittlerweile 93 Jahre alt, in Italien schon auf 25 Bände ausgeweitet hat.

 

Ich habe alle bisher erschienenen Bände vom ersten Band „Die Form des Wassers“ bis zum dem aktuellen vorliegenden in Italien zuerst 2011 erschienenen gelesen, und ich muss sagen, dass ich selten in einer Krimireihe (die meisten mit deutlich weniger Bänden) so wenig qualitative Unterschiede gesehen habe wie bei Camilleri.

 

Obwohl die Besetzung bis auf unwesentliche Veränderungen in seinem Ermittlerteam immer gleich bleibt, ist es jedes Mal ein Genuss zu lesen, wie Montalbano etwa seinen Vorgesetzten mit dessen eigenen Mitteln austrickst oder wie sein tolpatschiger Assistent Catarella jeden Namen verwechselt, der ihm unter die Nase kommt.

 

In den letzten Bänden spielt Camilleri immer wieder mit dem Thema Alter. Montalbanos Zwiegespräche mit seinem Alter Ego deren sich immer mehr um seine Vergesslichkeit und seine abnehmende Energie.

Doch dann zeigt sich der auf sie sechzig zugehende Commissario wieder wie im vorliegenden Band von seiner besten Seite, lässt sich von ermittlungstechnischen Sackgassen nicht entmutigen und stellt wieder einmal fest, dass seine Libido noch nicht erloschen ist.

 

Wider mit viel Sprachwitz hat der Schauspieler Bodo Wolf zusammen mit anderen auch dieses Hörbuch eingelesen und begeistert seine Hörer erneut mit seinem Gespür für die lauten und die leisen  Zwischentöne Andrea Camilleris.

 

 

Lange habe ich mich in den letzten Jahren gefragt, warum Montalbano  immer noch jeden Abend mit seiner Freundin Livia telefoniert, obwohl er jedes Mal mit ihr in einen  Streit gerät. Man spürt, dass Montalbano sie durch die Zeiten aufrichtig liebt. Und nach der Lektüre dieses Buches, in dem Camilleri viel Einblick gibt in Montalbanos Vergangenheit, auch seine Geschichte mit Livia, weiß man auch warum. Ich glaube jedenfalls mittlerweile nicht mehr daran, dass Camilleri an dem Beziehungsstand der beiden in den insgesamt fünf in Italien schon erschienenen, aber noch nicht ins  Deutsche übersetzte Bände, etwas ändern wird, auf die  sich alle Freunde dieses Commissarios, der nach wie vor gutes Essen und guten  Wein goutiert, in den nächsten Jahren freuen können.

 

Wider mit viel Sprachwitz hat der Schauspieler Bodo Wolf auch dieses Hörbuch zusammen mit anderen eingelesen und begeistert seine Hörer erneut mit seinem Gespür für die lauten und die leisen  Zwischentöne Andrea Camilleris.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Revanche (Hörbuch)

 

Martin Walker, Revanche (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80392-1

 

In seinen bisherigen Büchern mit dem sympathischen Bruno Courreges, dem Chef de Police in dem kleinen Städtchen St. Denis im Perigord ist es dem Engländer Martin Walker jedes Mal sehr gut gelungen, ein aktuelles Thema in einem konkreten Kriminalfall zu verbinden mit sehr aufschlussreichen Rückblicken in die dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

 

Auch im zehnten Band einer Reihe, die an Unterhaltungsqualität nicht nachlässt, lässt Martin Walker seinen Bruno nicht nur wieder einer Menge Menschen begegnen ( man muss sich wirklich konzentrieren beim Lesen, dass man mit den vielen Namen nicht durcheinander kommt), sondern erfreut den Leser mit einer Menge an historischen Informationen, die er erneut hervorragend recherchiert hat. Dieses Mal gehen die Zusammenhänge zum einen weit zurück in die Zeit des Mittelalters und dem legendären Schatz der Templer und ihn direktem Zusammenhang damit geht es um ein geheimnisvolles Dokument mit möglichen und erheblichen Auswirkungen auf den Nahostkonflikt um die Frage, wem Jerusalem historisch gehört.

 

Als auf der alten Burg Commarque in der Nähe von St. Denis  eine Frau von einer Mauer zu Tode stürzt, nachdem dort eine seltsame Inschrift hinterlassen wurde. Es stellt sich heraus, dass diese Archäologin zusammen mit anderen auf der Suche nach einem höchst explosiven historischen Dokument war, das die politisch höchst aktuelle Frage um Jerusalem völlig neu stellen würde.

 

Schon ganz am Anfang der Ermittlungen stellt sich eine schöne, attrakrti8be Frau bei Bruno vor, die für das Justizministerium in Paris arbeitet und bei Bruno zwei Wochen lang sozusagen eine Art Praktikum machen soll. Im Verlaufe des Buches wird sie nicht nur den in digitaler Hinsicht eher unbedarften Bruno in die Tricks der digitalen Welt einführen, sondern damit auch wesentlich zur Aufklärung beitragen. Auch ein israelischer Agent namens Jacov wird neben dem aus den anderen Büchern schon bekannten Brigadier vom französischen Geheimdienst und Brunos großer Liebe Isabel in die Ermittlungen eingeschaltet (eine arabische Terrorgruppe ist auch hinter dem sagenumwobenen Dokument her), mit dem Amelie sehr schnell eine amouröse Beziehung aufnimmt.

 

Dies feststellend und seiner Isabel nachtrauernd (sie hat in einem der früheren Bücher ein Kind von Bruno abgetrieben, weil sie sich für die Karriere in Brüssel und Paris entschied), lässt Martin Walker seinen Bruno angesichts dieser neuen Beziehung und angesichts der Heirat der beiden Archäologen Horst und Clothilde( auch sie kennen wir aus dem letzten Buch) sich fragen:

„Ob ihm auch einmal eine Frau begegnen würde, die mit ihm zu leben bereit war, ihm Kinder schenkte und mit ihm alt werden möchte, während Enkel nachwuchsen?“  Und der Leser fragt sich erneut, ob ihm Martin Walker in einem der nächsten Bücher wohl diese Gnade erweisen wird?

Ich liebe diese Bücher mit ihrer Fülle von Beziehungen der Dörfer untereinander, ihrer Liebe zu gutem Essen und guten Wein. Dem Perigord jedenfalls haben sie in den letzten Jahren eine deutlich gestiegene Zahl an Touristen gebracht. Der Rezensent bedauert, es immer noch nicht dorthin geschafft zu haben.

Johannes Steck hat auch das neue Buch von Martin Walker wieder in einer ungekürzten Lesung für die Hörbuchfreunde zu einem ganz besonderen Hörerlebnis gemacht.

Sie ist auch nach der ersten Lektüre des gedruckten Buches auf jeden Fall zu empfehlen. Sie ist aber auch ein adäquater Ersatz für das Buch, weil es ihr gelingt, jene ganz besondere Atmosphäre der Bruno-Romane und der Region, in der sie spielen, wunderbar einzufangen.

 

 

 

 

Living in Style. The New Art Deco

 

Claire Bingham, Living in Style. The New Art Deco, teNeues 2018, ISBN 978-3-96171-093-5

 

Das neue in ansprechendes ockerfarbenes Leinen gebundene Buch der Interior-Journalistin Claire Bingham beschäftigt sich mit einem neuen Trend in der Inneneinrichtung, deren schwelgerischer Stil sehr stark beeinflusst ist vom Design des Art Deco zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Claire Bingham präsentiert eine erstaunliche Ansammlung extrem glamouröser Interieurs mit einer Reise durch Privathäuser, schicke Hotels, ­sty­lische Restaurants und trendige Bars. In „Living in Style The New Art Deco“ dreht sich alles um die Welt der vom Art déco inspirierten Inneneinrichtung. Geschliffen, selbstbewusst und voller Leben präsentiert sich der moderne Glamour. Seite an Seite mit Vintage-Fotografien, in denen die Art-déco-Ära als glücklicher Augenblick der Geschichte verewigt ist, umfasst dieses Buch glänzende Designtalente von damals und heute.

Dieser anspruchsvolle Stil beschwört einen Geist, der ebenso modern und erstrebenswert wie luxuriös und außergewöhnlich ist.

 

 

Margot Käßmann. Folge dem, was Dein Herz Dir rät

 

 

Uwe Birnstein, Margot Käßmann. Folge dem, was Dein Herz Dir rät, Bene Verlag 2018, ISBN 978-3-96340-000-1

 

Obwohl Uwe Birnstein, der Autor der von Margot Käßmann autorisierten Biografie, die hier im neuen christlichen Bene Verlag innerhalb der Droemer Gruppe vorliegt, über eine lange Zeit immer wieder eng mit Margot Käßmann zusammengearbeitet und dieser auch freundschaftlich verbunden ist, ist es ihm gelungen, eine wirklich unabhängige und kritische Würdigung des Lebens und Wirkens dieser außergewöhnlichen Frau zu verfassen, die man „die Bischöfin der Herzen“ nannte.

 

Aus der intensiven Zusammenarbeit der beiden, zu denen auch die Besuche vieler originale Schauplätze gehörte, stammen auch die vielen bisher unveröffentlichten Fotos aus dem Privatarchiv der engagierten Theologin.

 

Wie wurde Margit Käßmann zu einer populärsten und angesehensten Persönlichkeiten Deutschlands? Was sind die sie bis heute prägenden Kindheitserfahrungen ?  Wie lernte sie Toleranz und Courage, woher stammen ihre Geradlinigkeit, ihr Mut und ihre Friedensliebe? Wie bringt sie Familienleben und Beruf unter einen Hut? Und vor allem: Welche Rolle spielt der christliche Glaube in ihrem Leben, wie schenkt er ihr Trost und Bestärkung?
 

All diesen Fragen geht Uwe Birnstein, selbst Theologe, in seiner über 200 Seiten langen Spurensuche nach und beschreibt ein ganz außergewöhnliches Frauenleben und ein Glaubensleben und eine Lebenspraxis, die Respekt hervorruft. Feinfühlig porträtiert er eine Frau, die oft im Scheinwerferlicht steht.

 

Eine beeindruckende und gelungene Biografie.

 

 

Das Böse es bleibt

 

 

Luca D‘ Andrea, Das Böse es bleibt, DVA 2018, ISBN 978-3-421-04806-6

„Das Böse, es bleibt“ ist der zweite Thriller des Südtirolers Luca D’Andrea. Wieder hat er die spannende Handlung in die raue Bergwelt Südtirols verlegt, in der er sich zweifellos gut auskennt und die er liebt.

Das Buch beginnt mit der dramatischen Flucht von Marlene. Sie ist die Frau eines Kriminellen, den sie verlassen hat und vor dessen furchtbarer Rache sie in ein hoffentlich neues Leben flüchtet. Mitten in den Südtiroler Bergen ist sie mit ihrem Auto in einem Schneesturm unterwegs. Bei sich hat sie einen Beutel mit wertvollen Saphiren, den sie quasi als Entschädigung ihrem Mann aus seinem Safe gestohlen hat. Sie sollen die Versicherung ihres neuen Lebens sein. Wegener, so heißt der Mann, älter als Marlene ist der Chef einer Mafiabande, die mit Erpressungen ihr Geschäft macht. Er wird seine Killer auf sie ansetzen, das ist sicher.

Marlene stürzt im Schneesturm mit ihrem Auto in eine Schlucht. Als sie in einer abgelegenen Berghütte des Alten der sie in der Schlucht gefunden und gerettet hat, erwacht, glaubt sie sich zunächst bei dem wortkargen alten Mann und seinen Schweinen sicher. Simon heißt der kräuterkundige Kauz, der den Hof seiner verstorbenen Eltern bewirtschaftet.

 

Zwischen Marlene und Simon entwickelt sich in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes auf dem einsamen Hof ein fast freundschaftliches Verhältnis, bis sie tief im Keller des Hauses Simons Schweine entdeckt und eine immer angsterregendere Ahnung von seinem besonderen Verhältnis zu diesen Tieren, insbesondere zu „Lissy“ bekommt.

 

Doch Marlenes Mann hat schon jemand auf sie angesetzt und er ist schon auf dem Weg zu ihr…

 

Luca D’Andrea nutzt immer wieder wechselnde Erzählperspektiven um zum einen die extrem spannende Handlung ganz langsam und gegen Ende immer schneller voranzubringen, sondern auch um dem Leser die einzelne Charaktere und ihre Vergangenheit vorzustellen. Dies hilft dem Leser, sich mehr und mehr ein Bild zu machen, wie die einzelnen Menschen zu dem geworden sind, was sie heute sind und zu dem kamen, was sie heute antreibt, sie aber auch quält.

 

Es ist, neben den wunderbaren Naturschilderungen, gerade jene besondere Atmosphäre, die dunkle, sich bedrohlich steigernde Ahnung von etwas ganz Bedrohlichem und Schrecklichem, die den Leser das Buch einfach nicht aus der Hand legen lässt, aber auch die Art und Weise, wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Hauptfiguren Simon und Marlene langsam aber sicher in eine Richtung verändert, die nichts Gutes ahnen lässt.
Doch es geht nicht nur um Marlene und Simon oben auf dem Berghof. Immer wieder wird auch erzählt von Simon, der seine Edelsteine zurückhaben will und einem sogenannten im Dunkel bleibenden  „Konsortium“, von dem Simon abhängig ist. Und schicken auch sehr schnell ihren besten Mann auf die Spuren von Marlene. Er hat keinen Namen, man nennt ihn „Mann des Vertrauens“ und trotz aller hervorragender Manieren ist dieser Mann, der nie versagt, ein Ungeheuer mit ungeheuerlicher Vergangenheit.

 

Es ist eine Geschichte voller Kobolde und Märchen, Traditionen und altem Wissen. Eine Reise in Gedanken und Erinnerungen, in Träume und Wahnvorstellungen.
„Entweder hatte man Vertrauen, oder man hatte es nicht. Etwas dazwischen gab es nicht.“

 

Es gelingt Luca D’Andrea ganz hervorragend, seine Leser sofort mit hineinzuziehen in diesen Bann und atemlos in der Lektüre fortzuschreiten, die ihn mit immer neuen ungeahnten Wendungen, völlig gefangen nimmt.

 

Ein wirklich empfehlenswerter Thriller, der in 30 Sprachen gleichzeitig erscheint.

 

 

 

 

 

 

Die Möglichkeit eines Verbrechens

 

 

 

Dror Mishani, Die Möglichkeit eines Verbrechens, DTV 2019, ISBN 978-3-423-21717-0

 

Henning Mankell, der nun wirklich Ahnung hat von guter Kriminalliteratur, hat den vor vier Jahren erschienenen  Debütroman „Vermisst“ des israelischen Literaturprofessors und Lektors Dror Mishani „originell und beeindruckend“  genannt und war insbesondere angetan von Avi Avraham, mit dem ein neuer, sehr spezieller Ermittler die Krimibühne betrat.

Auch sein neuer, hier vorliegender Roman „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ spielt in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

 

Nach seinem letzten Fall, als er beim Verschwinden eines 16- jährigen Jungen insbesondere zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen ließ, leidet Avi Avraham unter diesen Fehlern. Während einer Auszeit in Belgien hat er eine Frau kennengelernt und auch neuen Mut für sein eigenes, eher einsames Leben geschöpft. Neben der spannenden Handlung des zu lösenden Falles, verfolgt Dror Mishani auch sensibel die beginnende Geschichte dieser nicht ganz unproblematischen Beziehung.

Im neuen Fall wird vor einem Kindergarten in Cholon eine Bombenattrappe gefunden. Ein am Tatort Festgenommener muss wieder freigelassen werden. Als Avraham mit der Betreiberin spricht, spürt, dass die nicht die Wahrheit sagt und irgendetwas zu verbergen hat. Als wenig später die Betreiberin des Kindergartens auch noch Opfer einer gewalttätigen Attacke wird, und ins Koma fällt, gerät der Cateringunternehmer Chaim Sara schnell in Tatverdacht. Denn der hatte, wie er auch zugibt, vor kurzem mit Frau einen heftigen Streit um die Qualität ihrer Arbeit. Und er verwickelt sich in Widersprüche, insbesondere über seine philippinische Frau, die angeblich zu ihren Eltern auf die Philippinnen geflogen ist.

Dror Mishani fängt sehr sensibel das Leben und den Alltag in Cholon ein, von den „typischen“ israelischen Themen ist kaum die Rede, wohl aber vom Alltag und den Sorgen der auftretenden Personen. So entsteht nicht nur eine faszinierende Milieustudie, sondern auch ein spannender Psychothriller, dessen Handlung sich zuspitzt und am Ende mit einem völlig unerwarteten Höhepunkt glänzt.

 

Avi Avraham ist ein Ermittler ganz anderer Art. Er will keine Fehler machen und entscheidet dennoch fast nur aus dem Bauch. Aus seiner Sicht ist der ganze Roman erzählt und auch Chaim Saras Perspektive wird immer wieder dargestellt. Erst allmählich löst sich die Verwirrung beim Leser und die Fäden einer wieder nicht ganz fehlerfreien Ermittlung laufen zusammen.

 

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren.  Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neue Partnerin die persönliche Bodenhaftung bekommen, die im noch fehlt. Sind wir auf den dritten Band mal gespannt.

 

Mit jedenfalls hat auch das neue  Buch ausgesprochen gut gefallen.

 

 

 

 

Es geht uns gut

Arno Geiger, Es geht uns gut, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14650-0

 

 

Philipp Erlach (36) lebt als Schriftsteller in Wien. Was er schreibt bzw. geschrieben hat, wird nicht einmal angedeutet, man bekommt den Eindruck, dass er nicht wirklich erfolgreich ist oder aber in einer Schaffenskrise. So wie er sich in den Monaten Mai und Juni des Jahres 2001 durch sein Leben wurstelt, wäre das auch gar nicht verwunderlich.

 

Philipp Erlach hat in Hietzing, einer Wiener Nobelgegend, die alte Villa seiner Großeltern geerbt. Wohl hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nimmt er dieses Erbe an, aber er wehrt sich auch dagegen. Denn alles, was diese Villa an Familiengeschichte atmet, allem, was sich auf dem tatsächlichen und dem virtuellen Dachboden versteckt, begegnet er feindlich.

 

Sein Privatleben ist genauso ungeordnet und unklar, wie ihm seine eigene Vergangenheit und erst recht seine persönliche Zukunft erscheint.

„Insgeheim möchte doch jeder wissen, wie die Zukunft sein wird, und sei es nur, damit es in der Gegenwart leichter fällt sich einzubilden, dass man weiß, was man tut.“

So formuliert er in seinen persönlichen Notizen, als er beginnt, das Haus zu entrümpeln. Seine verheiratete Freundin Johanna, zu der er nicht wirklich eine tiefe Bindung aufbauen kann, schickt ihm zwei Schwarzarbeiter, Steinwald und Atamatov, ein Ukrainer. Sie tut das, weil sie ihren Philipp kennt: alleine wäre er nicht imstande, irgendetwas an den Haus zu machen.

 

Vor allen Dingen nicht, sich mit der Vergangenheit zu konfrontieren, die in dem Haus lebt und „aufbewahrt“ ist. Und so müssen die beiden Schwarzarbeiter, mit denen er im Laufe der Zeit, die sie für ihn arbeiten, ziemlich hilflos eine Freundschaft anknüpfen will, den Dachboden entrümpeln, in denen sich eine Menge Tauben ein neues Zuhause eingerichtet haben.

 

Kistenwiese verschwinden Sachen, Bücher und Einrichtungsgegenstände, die auf dem Boden zum Teil über Jahrzehnte gelagert waren, in den bestellten Containern. Steinwald und Atamatov entwickeln noch das realistischste Verhältnis zu den Hinterlassenschaften: sie schaffen alles, was noch irgendeinen Wert haben könnte, in Steinwalds gebrauchten Mercedes und verhökern es auf Flohmärkten.

 

Philipp Erlach will und kann sich nicht mit der Vergangenheit seiner beiden Herkunftsfamilien auseinandersetzen, vielleicht weil er so gar keine Vorstellung hat von seiner Zukunft und seine Gegenwart so trostlos.

 

Wie reich an menschlichem Schicksal und politischer Bedeutung seine Familiengeschichten sind, erzählt Arno Geiger in literarischen Blitzlichtern, in denen er in einem Zeitrahmen zwischen 1938 und 1989 immer wieder an einen Tag in der Vergangenheit zurückkehrt und schildert, was passiert.

 

Hier, in diesen Kapiteln, hat man das Gefühl, dass die beschriebenen Menschen leben, ihr Leben gestalten, und dort , wo sie keine Macht darüber haben, sich wenigstens mit ihrem Schicksal auseinandersetzen, anders als Philipp Erlach im Jahre 2001. Dem Leser entschlüsselt sich nicht die Antwort auf die Frage, welche Details aus der beschriebenen Familiengeschichte ihm tatsächlich bekannt sind. Diese beziehungslose Aneinanderreihung der aktuellen Kapitel und denen aus der Geschichte verstärkt noch den Eindruck, dass Erlach ein Mensch ohne wirkliche Wurzeln ist, und dass darin auch sein eigentliches menschliches und wohl auch schriftstellerisches Dilemma begraben liegt.

 

Für einen Leser aus Deutschland, der sich mit der österreichischen Geschichte nicht so auskennt wie mit der des eigenen Landes, ist das Buch auch als Informationsquelle über das Land und seine Menschen aufschlussreich.

 

Arno Geiger liebt seine Personen, die er schildert, er liebt und leidet mit ihnen. Sein Buch ist eine Einladung an seine Leser, die eigene Lebensgeschichte ernster zu nehmen.

 

 

 

Nur für Boys

 

 

Lizzie Cox, Nur für Boys, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-55455-3

 

Witzig und peppig aufgemacht, mit vielen humorvollen Illustrationen versehen kommt dieses zunächst in England für Jungen in der Pubertät erschienen kleine Handbuch daher, das „alles was du wissen musst“ seinen männlichen Lesern im Untertitel ankündigt.

 

In kurzen, verständlichen Texten wird alles Wesentliche erklärt, was in dieser schwierigen Zeit der Entwicklung zum Erwachsenen in Körper und Seele vor sich geht.

Worterklärungen und ein Register sowie ein Wort an die Erwachsenen finden sich im Anhang eines handlichen und sehr empfehlenswerten Buches.

Krokodilwächter

Katrine Engberg, Krokodilwächter, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07028-6

 

Mit „Krokodilwächter“ beginnt der Diogenes Verlag die Veröffentlichung einer neuen Krimiserie aus Dänemark. Katrine Engberg war mit ihrem Debütroman dort sehr erfolgreich und man darf schon jetzt sehr gespannt auf die weiteren Folgen der Serie um die beiden Ermittler Jeppe Korner und Anette Werner sein. Jedenfalls ist dem Diogenes Verlag nach Anne Reineckes „Leinsee“ ein weiteres vielversprechendes Debüt ins verlegerische Netz geraten.

 

Als der Rentner Greger Hermansen, einer der Mieter der emeritierten Hochschullehrerin Esther de Laurenti, seinen Müll vor das Haus bringen will, entdeckt er im ersten Stock, dass die Wohnungstür der beiden jungen Frauen die dort seit einiger Zeit zusammen wohnen, offen steht. Als er nachschauen will, stolpert er über die grauenhaft zugerichtete Leiche von Julie, die erst vor kurzem nach Kopenhagen gezogen war um dort Literatur zu studieren, und erleidet dabei einen Herzanfall.

 

Jeppe Korner und Anette Werner von der Kopenhagener Mordkommission werden mit den Ermittlungen beauftragt. Anette ist ein ausgeglichener Mensch, glücklich verheiratet und hat eine Familie, bei der sie sich wohl fühlt.

 

Jeppes Frau hat sich seit einiger Zeit von ihm getrennt. Sie konnte das Polizistenleben nicht mehr ertragen. Jeppe versucht krampfhaft wieder auf die Füße zu kommen, kommt aber in diesem ersten Band der auf mehrere Teile angelegten Reihe noch nicht viel weiter. Das Band ihrer gegenseitigen Sympathie ist dünn, aber sie mühen sich um eine gute Zusammenarbeit. Wie die sich weiterentwickeln wird, werden die nächsten Bände zeigen.

 

Schnell ist klar, dass es sich bei der Toten um Julie Stender handelt.  Lange rätseln die Ermittler darüber, dass der Täter ihr irgendeine Form von Botschaft ins Gesicht geschnitten hat.

 

Rätselhaft bleibt auch lange, dass in einem Roman, den Esther de Laurenti im Ruhestand begonnen hat, ein fast ähnlicher Mord in allen Einzelheiten geschildert wird. Doch es gibt weitere Opfer mit weiteren Zeichen.

Nach und nach bieten sich viel Personen als mögliche Täter an. neben Esther de Laurenti ist da noch ihr Gesangslehrer und jugendlicher Freund Kristoffer.

 

Im Laufe der Ermittlungen taucht eine Gruppe von Literaten auf, mit denen Esther de Laurenti auf einer nur dieser Gruppe zugänglichen Internetseite die Teile ihres Romans ausgetauscht hat. Doch es scheint, als hätten auch noch andere Zugang zu dieser Seite….

 

Eine sich ständig steigende Spannung erzeugend, führt Katrine Engberg den zunehmend begeisterten Leser  zu einer Lösung, die er nicht für möglich gehalten hätte.

 

Ein absolut gelungenes Debüt, das Lust auf weitere Bände dieser Reihe macht. Ob Diogenes damit ähnlichen Erfolg hat wie mit den Büchern von Donna Leon oder Martin Walker?