Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Von Hass erfüllt. Warum Menschen zu Terroristen und Amokläufern werden

 

 

 

 

Nils Böckler, Jens Hoffmann, Von Hass erfüllt. Warum Menschen zu Terroristen und Amokläufern werden, mvgverlag 2018, ISBN 978-3-86882-691-3

 

Nach jedem neuen Anschlag in Europa (die unzähligen Selbstmordattentate im Irak etc. bekommen wir ja schon gar nicht mehr mit) fragt sich die Öffentlichkeit, was in einem Menschen vorgehen muss, dass er sich selbst im Namen einer Religion (meist der Islam) oder Ideologie opfert und oft Dutzende von Menschen mit in den Tod reißt.

 

Wie wird ein Mensch zum Terroristen? Ist das die in den letzten zehn Jahren zunehmende schnelle Radikalisierung durch das Internet, sind es Elemente einer unversöhnlichen Religion, die alle Nichtgläubigen als Todfeinde erachtet, ist es, wie im Falle von Anders Breivik, der in dem vorliegenden Buch auch diskutiert wird, eine rechtsextreme Ideologie, die in allem Fremden eine Bedrohung des eigenen, natürlich als rein und edel imaginierten Volkes sieht?

 

Die beiden Autoren des vorliegenden Buches gehen nicht nur dem Attentat von Anders Breivik nach, sondern erklären auch die Gedankenwelt von jugendlichen Syrien-Reisenden. Sie behandeln die Aktionen des NSU ebenso wie die psychologischen Hintergründe der Anschläge von Brüssel und Paris.

 

Interessant ist, dass sie auch zeigen, dass das Phänomen terroristischer Einzeltäter nicht unbedingt ein neuzeitliches ist. Schon seit vielen Jahrzehnten stellen diese Attentate eine erhebliche Bedrohung demokratischer Gesellschaften dar.

 

Mein Fazit nach einer ziemlich ernüchternden Lektüre: wir müssen lernen mit solchen Attentaten zu leben und unsere Ängste davor nicht die Oberhand gewinnen lassen. Das betrifft auch den Umgang der Politik damit. Wir müssen aufpassen, dass die Reaktionen auf solche Anschläge nicht genau das befördern, was die Terroristen wollen.

 

 

Der Insasse (Hörbuch)

 

 

 

Sebastian Fitzek, Der Insasse (Hörbuch), Argon 2018, ISBN 978-3-8398-1636-3

 

In seinem neuen Psychothriller, der mit seinem Aufbau, seiner Thrillerqualität und seinen tollen Überraschungseffekten seinen Vorgängern in nichts nachsteht, begibt sich Sebastian Fitzek in die geschlossene Welt einer psychiatrischen Anstalt, in der in einem besonderen Hochsicherheitstrakt Täter inhaftiert sind, für die das Gericht eine solche Verwahrung angeordnet hat.

 

Zu ihnen gehört auch Guido Tramitz, ein gefühlloser Mann, der nach etlichen anderen Kindern auch vor einem Jahr den kleinen Max, den Sohn  von Till Berghoff entführt und wohl auch getötet hat. Doch während Tramitz der Polizei zu den Leichen seiner früheren Opfer geführt hat, verweigert er auf Anraten seiner Anwältin, die sich in ihn verliebt hat, jegliche Auskunft.

 

Nachdem Till Berghoffs Ehe gescheitert ist und er durch seine aufbrausende Art auch seinen Job verloren hat, glaubt er keine andere Wahl zu haben, als sich mit Hilfe seines bei der Polizei arbeitenden Schwagers als „Insasse“ in die Klinik einwiesen zu lassen, in der Tramitz sich befindet.

So will er herausfinden, was mit seinem Sohn geschehen ist und wo seine Leiche zu finden ist.
Kaum in der Klinik angekommen, tut sich für Till Berghoff ein Alptraum auf, der den Leser gleich von Anfang an regelrecht gefangen nimmt. In dieser Klinik ist nichts so, wie es sein sollte, Abgründe von Hass, Bosheit und Korruption tun sich auf, die es Till zunächst fast unmöglich machen, an Tramitz heranzukommen. Als er dies endlich geschafft hat, geht das Drama aber erst richtig los.

 

Eine atemberaubende Handlung zwingt den Leser atemlos in seine Couch oder seinen Lesesessel, gerne übersieht er auch Stellen, wo es mit der Logik und der Wahrscheinlichkeit der geschilderten Ereignissen eher hapert. Das geht sich stiegrend so wieter bis zu einem Ende, mit dem, wie immer bei Fitzek, nicht zu rechnen war.

 

Auch seine Danksagung fällt dieses Mal aus dem Rahmen.

 

Ein Thriller, mit zum Teil sehr brutalen Stellen, die mir einige Male sofort auf den Magen geschlagen sind.

 

Simon Jäger, der bisher alle Thriller von Sebastian Fitzek in autorisierten Lesefassung auf Hörbücher gebannt hat, hat auch dieses neue Buch so eingelesen, dass der Hörer eine plastische Vorstellung davon bekommt von dem, was da beschrieben wird. Insbesondere die Zustände in der psychiatrischen Klinik werden so lebendig, dass sich der Hörer mittendrin wähnt und ihm manches Mal schon der Schauer über den Rücken läuft.

 

 

Nicht schon wieder stöhnt das Grubenpony und macht sich auf den Weg

 

 

 

Renate Habinger, Nicht schon wieder stöhnt das Grubenpony und macht sich auf den Weg, Tyrolia 2018, ISBN 978-32-7022-3697-7

 

Einen außergewöhnlichen Titel und eine außergewöhnliche Hauptperson hat die Künstlerin und Illustratorin Renate Habinger für ihr neues Bilderbuch im Tyrolia Verlag ausgewählt.

 

Es ist eine ganz eigene Welt, die Renate Habinger hier aufbaut – nicht zuletzt im wortwörtlichen Sinn. Aus den verschiedensten Materialien erstellt sie in beeindruckender Kleinarbeit Kulissen und Figuren, arrangiert und fotografiert sie und kombiniert diese Fotos letztlich wieder mit Illustrationen. So entstehen faszinierend vielschichtige Bilder: idealer Schauplatz für all die ungewöhnlichen Figuren, die sich hier mitten in der Nacht im Ort Unterdachsberg treffen, obwohl ja eigentlich ganz Unterdachsberg schläft – so mehr oder weniger.

 

Eine lustige und stellenweise skurille Geschichte wird da erzählt über ein schlafwandelndes Haus, ein müdes und frierendes Grubenpony, das sein Haus sucht und seine drei Begleiter: seine liebe Lore, der arme, schwarze Kater und Aua, der es liebt, krank zu sein.

 

Es ist ein ungewöhnliches Bilderbuch, abseits der sonstigen Standards von Figuren und Ausführung. Es fördert die Kreativität und die Phantasie der Kinder und ermutigt zum Selberbasteln. Nicht nur als Gute-Nacht-Buch geeignet.

 

Grenzgänger (Hörbuch)

 

 

 

 

 

Mechthild Borrmann, Grenzgänger (Hörbuch), Argon 2018, ISBN 978-3-8398-1651-6

 

In ihrem 2016 erschienenen Bestsellerroman „Trümmerkind“ schilderte die schon mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnete Mechthild Borrmann in einer Geschichte aus der deutschen Vergangenheit die schmerzliche Suche einer Frau nach der Wahrheit. Eine Frau, die erkennen muss, dass und wie ein Verbrechen auf schicksalhafte Weise mit der Geschichte ihrer Familie verbunden ist. Ich habe diesen sehr gelungenen Roman damals geradezu verschlungen.

 

Entsprechend gespannt war ich auf ihren gerade erschienenen neuen Roman „Grenzgänger“. Wieder siedelt sie den einen Teil der Handlung in den Nachkriegsjahren an und den anderen in das Jahr 1970. Und wieder schafft sie es mit einer ausgefeilten Sprache ihren Leser wie in einem Sog sofort an sich zu binden mit einem Plot, der die Geschichte einer lebenshungrigen Frau erzählt, die trotz einer langen und brutalen Vergangenheit als Heimkind an die Gerechtigkeit glaubt und fast daran zerbricht.

 

Die Familie Schöning, um die es geht, lebt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in einem kleinen Dorf nahe der deutsch-belgischen Grenze. Dort blüht der Kaffeeschmuggel, ohne den viele Menschen dort nicht überleben könnten. Auch die 17- jährige Henni, die nach dem frühen Tod der Mutter die Familie führt und die jüngeren Geschwister versorgt, macht bald dabei mit und kann mit den Erlösen des Schmuggels den totalen Ausfall des Vaters mehr als ausgleichen. Der hatte sich, nachdem er aus der Gefangenschaft heimkehrte, keine Arbeit gesucht, auch zuhause nichts gemacht und -fromm geworden- seine ganze Zeit in der Kirche und bei dem katholischen Priester verbracht, der im Laufe der Handlung noch eine sehr unrühmliche Rolle spielen wird.

 

Als dann aber irgendwann eine Schmugglergruppe erwischt wird, wandern die Erwachsenen ins Gefängnis und Hennis Vater will sie mit der Unterstützung des Priesters in ein Heim geben und die anderen Kinder mit dazu. Doch noch kann Henni das verhindern, indem sie heimlich erst allein und dann auch mit ihren Geschwistern und anderen alte Schmugglerouten durch das tückische Moorgebiet der Hohen Venn nutzt.

 

Lange geht das gut und Henni kann für ihre Geschwister sorgen, doch eines Tages werden sie erwischt und ihre jüngere Schwester wird von einem Zöllner erschossen, der im Dorf wohnt. Henni wird daraufhin, 1951, in eine Besserungsanstalt gesteckt und ihre Geschwister werden vom Vater mit tatkräftiger Unterstützung der Pfarrers in ein kirchliches Kinderheim in Trier gegeben.

 

Der Roman schildert eindrucksvoll und bewegend die Zustände sowohl in der Besserungsanstalt, wo Henni geduldig wartet bis sie volljährig ist, als auch in dem kirchlichen Heim in Trier, in dem ihr Bruder Matthias nach einer wahren Folterbehandlung an Lungenentzündung stirbt.

 

Nachdem Henni nach ihrer Entlassung bei der Familie eines Landtagsabgeordneten als Haushaltshilfe unterkommt, ruht sie nicht, Kontakt mit ihren Geschwistern aufzunehmen. Als sie vom Tod des Bruders erfährt, dreht sie fast durch und sucht verzweifelt nach Gerechtigkeit.

 

Auch als sie schon verheiratet ist, gibt sie die Suche nicht auf. Immer gegen den Willen ihres Vaters, der sich immer noch weigert, sich um seine Kinder zu kümmern.  Als der bei einem Brand seines Hauses ums Leben kommt, wird Henni angeklagt.  Und viele frühere Freunde trauen sich aus der Deckung um ihr zu helfen.

 

Mechthild Borrmann erzählt eine unter die Haut gehenden Geschichte, in der sie Tausende von Opfern gerade kirchlicher Kinderheime in den Jahrzehnten nach dem Krieg so etwas wie Gerechtigkeit erfahren lässt. Man kann es aus heutiger Sicht kaum glauben, welche brutalen und menschenunwürdigen Zustände dort unter dem Deckmantel der Religion herrschten und kleine Menschenkinder für ihr ganzes Leben zerstörten.

 

Ein Roman, der sich liest wie ein Krimi und doch auch ein Teil deutscher Sozialgeschichte erzählt. Auf den nächsten Roman von Mechthild Borrmann darf man gespannt sein.

 

Die Schauspielerin und Synchronsprecherin Vera Teltz hat dieses wunderbare Buch vom Hunger nach Leben und der verzweifelten Suche nach Gerechtigkeit einfühlsam in einer ungekürzten Hörbuchfassung eingelesen.  Ihre ausdrucksstarke Stimme verleiht den Protagonisten des Romans Charakter und Profil.

 

 

 

 

 

 

In meinem Ich. Wege zur Selbstliebe

 

 

 

 

Sabine Pelzmann, In meinem Ich. Wege zur Selbstliebe, Ueberreuter 2018, ISBN 978-3-8000-7705-2

 

Kennen Sie das aus Ihrem Leben? Es ist lange alles gut gegangen, im Beruf waren sie zufrieden, vielleicht auch erfolgreich, ihre Beziehung oder Ehe wähnten Sie normal. Oder Sie waren sicher, dass die Art und Weise, wie Sie ihre Kinder erziehen, die richtige ist. Alles in allem waren Sie sich immer sicher, was sie genau wollten und sahen keinen  Anlass, irgendetwas an ihrer Haltung oder Einstellung zu ändern.

 

Doch dann fängt es an. Unmerklich zunächst, mit fremden Gedanken beim Einschlafen oder nach dem Aufwachen. Unruhe breitet sich aus wie ein Nebel, der sich langsam aber wirksam über die Seele legt. Und mit jedem Tag, mit jedem Monat mehr wächst de vielleicht auch Angst machende Einsicht, dass sich etwas ändern muss, wollen Sie nicht vor die Hunde gehen.

 

Menschen, die solcherart irgendwann in ihrem Leben vor einer wichtigen Entscheidung stecken oder einen Neubeginn wagen wollen, haben nicht selten das Gefühl geradezu in sich selbst festzustecken. Sie wissen, es muss sich etwas ändern, sie wollen es auch, aber irgendetwas hindert sie daran. Sie wollen das Neue und können doch das Alte nicht loslassen. Es fehlt an der Selbstliebe und dem Selbstvertrauen, neue Schritte zu wagen.

Das vorliegende Buch der Beraterin Sabine Pelzmann aus Graz will solche Menschen bei ihrem Transformationsprozess unterstützen. Mit zahlreichen Übungen und Selbstreflexionen unterstützt Sabine Pelzmann den Nutzer des Buches (man muss es „nutzen“ nicht nur lesen), herauszufinden, wer man wirklich ist und führt ihn auf den Weg der Selbstliebe und Selbstachtung. Auf das eigene Herz hören, Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen, die eigene Wahrheit finden und leben.

 

Das Literaturverzeichnis am Ende des Buches lädt zur spirituellen Weiterbeschäftigung ein und ist ein beeindruckendes Zeugnis des Spektrums mit dem Sabine Pelzmann arbeitet und auf dessen Hintergrund sie auch diesen empfehlenswerten Ratgeber geschrieben hat.

Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst als Basis zu mehr Lebensfreude und Erfolg.

 

 

 

Hippie(Hörbuch)

 

 

 

Paulo Coelho, Hippie(Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257- 80397-6

Mit seinem neuen Buch geht der brasilianische, mittlerweile in Genf lebende Bestsellerautor von spirituellen Büchern, Paulo Coelho, in einem Roman mit autobiographischen Zügen weit zurück in sein Leben Ende der sechziger Jahre in Brasilien. Dort geriet er als ganz junger Mann schon früh in schmerzhaften Kontakt mit den Schergen der dortigen Militärdiktatur und floh dann gegen den Willen seiner Eltern aus dem Land nach Europa, wo er sich in Amsterdam der Hippiebewegung anschließt.

 

Kaum in Amsterdam angekommen, trifft der rebellische und nach Lebenssinn suchende Paulo auf die etwas ältere Karla aus den Niederlanden. Zwischen ihnen gibt es sofort eine ganz besondere Anziehung.

 

Karla will mit dem „magic bus“ nach Katmandu fahren und dort eigene spirituelle Erfahrungen jenseits der bisher benutzten Drogen sammeln. Nach einigen Abenteuern in Amsterdam, die sich für Paulo so anfühlen wie Prüfungen, entschließt er sich, Karla auf der langen Busreise zu begleiten. Solche Reisen nach Indien und Nepal wurden damals von vielen europäischen Hauptstädten in zweiwöchigem Rhythmus zu sehr niedrigen Preisen angeboten.

 

Zusammen mit den beiden Fahrern Rahul und Michael, dem Iren Ryan und seiner Tochter Mirthe und etlichen anderen anderen brechen sie auf, um als Reisende auf dem berühmten Hippie-Trail Erfahrungen zu sammeln und nach ihren eigenen Werten zu suchen. Mehrfach fällt Paulo in Panikattacken, wenn sie auf der Reise Polizisten begegnen, traumatische Erinnerung seiner Erfahrung mit der brasilianischen Diktatur.

 

Coelho erzählt in diesem Roman in seinem von seinen anderen Büchern gewohnten Stil nicht nur von seinen frühen spirituellen Erfahrungen in der dritten Person, sondern auch die Geschichten etlicher seiner Mitreisenden, alle auf der Suche nach sich selbst und der Erkenntnis ihrer Schwächen und Stärken.

 

Wegen der Anschläge des palästinensischen Schwarzen Septembers in  Jordanien müssen sie in Istanbul einen längeren Stopp einlegen, den Paulo zu einer intensiven Beschäftigung mit den Sufis und dem Tanz der Derwische nutzt.

 

Während Karla in Paulo ihre große Liebe gefunden hat, erkennt Paulo, dass er noch nicht so weit ist. Sie zieht glücklich weiter mit den anderen im magic bus nach Asien und Paulo wird über ein Jahr bei den Sufis bleiben und hier den Grundstock legen für seine weitere spirituelle und schriftstellerische Entwicklung.

 

„Nur ein gelebter Traum hat die Kraft, die Grenzen dieser Welt zu überwinden.“

 

Paulo Coelho zeigt in diesem sehr persönlichen Buch, wie er damit schon in sehr jungen Jahren begonnen hat.

 

Sven Görtz hat dieses fesselnde Buch wie schon andere Bücher Paulo Coelhos (zuletzt „Der Weg des Bogens“) auf beeindruckende Weise eingelesen. Es ist eine ungekürzte Lesung, die 440 Minuten dauert.

 

 

 

 

 

Helle Tage, helle Nächte (Hörbuch)

 

 

 

Hiltrud Baier, Helle Tage, helle Nächte (Hörbuch), Argon Verlag 2018, ISBN 978-3-8398-1666-0

 

Anna Albinger ist eine Frau Ende sechzig. Sie lebt in einer Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb. Eines Tages erfährt sie von einem Arzt, den sie wegen ständiger Nackenschmerzen aufgesucht hat, dass sie an Lungenkrebs erkrankt ist.

 

Dieses nahe Lebensende konfrontiert Anna erneut aber dieses Mal mit einer großen Wucht, mit ihren jahrzehntelangen Lebenslügen. Sie will sich bevor sie stirbt, endlich ehrlich machen und schreibt einen langen Brief. Ihre etwa 50-jährige Nichte Frederike, die gerade ihre jüngst erfolgte Scheidung noch verarbeitet, soll diesen Brief, dem ein zweiter kurzer an sie selbst beigefügt ist, nach Lappland bringen, der Heimat ihrer Großmutter Igga.

 

Frederike ist wenig begeistert von dieser Idee, will aber ihrer Tante, die sie vor 40 Jahren nach dem frühen Tod ihrer Eltern aufgenommen und ihr sogar ein Studium ermöglichte, diesen letzten großen Wunsch nicht abschlagen. Sie willigt nach langem Überlegen ein und macht sich auf den Weg nach Nordschweden, in die Gegend, in der die Samen leben und in der ihre Großmutter geboren wurde.

 

Als sie Petter Svattko, den Mann, an den der Brief von Anna adressiert ist, trifft, erkennt dieser in Frederike sofort seine leibliche Tochter. Noch am gleichen Tag verschwindet er für Wochen und Frederike muss sich in Petters Hütte selbst versorgen.

 

In ständig zwischen Anna, die zu Hause ihr Leben reflektiert und Frederike, die oben in den noch schneebedeckten Bergen langsam zu sich selbst kommt, wechselnden Perspektiven, wird eine lange von einer großen Lüge geprägte Familiengeschichte erzählt.

 

Das Buch entwickelt immer mehr einen Charme, dem sich der Leser nicht entziehen kann. Er wird angesteckt von der Liebe der Autorin sowohl zu ihrer süddeutschen Heimat als auch zu ihrer neuen Heimat in Lappland.

 

Wunderschöne Naturbeschreibungen und die Schilderung  einfache Lebensweise der Samen wechseln sich ab mit Porträts von Männern und Frauen, die alle eine bisher verborgene gemeinsame Vergangenheit zusammenhält.

 

Die Schauspielerinnen Hannelore Hoger und Elisabeth Günther haben diese authentische Familiengeschichte in eine sehr empfehlenswerte Hörbuchfassung gebracht, die die Autorin autorisiert hat. Während Hannelore Hoger ihre tiefe, warme und unverwechselbare Stimme Anna leiht, die nach ihrer schlimmen Diagnose ihre Lebenslüge endlich offenbaren will, wird die Rolle der Nichte Friederike, auf der Suche nach einem neuen Platz im Leben von Elisabeth Günther warmherzig und mitfühlend gesprochen.

 

Ein Hörbuch, das die gedruckte Fassung auf einzigartige Weise interpretiert. Empfehlenswert.

 

 

 

 

Allmen und die Erotik (Hörbuch)

 

 

 

 

Martin Suter, Allmen und die Erotik (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80394-5

 

Das hier vorliegende  Buch „Allmen und die Erotik“  ist der mittlerweile fünfte Band einer Serie von Martin Suter, einem extrem vielseitigen Schriftsteller. Johann Friedrich von Allmen ist eigentlich kein richtiger Adliger. Im neuen Buch erzählt er an einigen Stellen von seiner Kindheit auf einem Bauernhof. Doch irgendwie hat er es zu großem Reichtum gebracht, der ihm aber durch seinen aufwendigen und verschwenderischen Lebensstil immer wieder unter den Fingern zerrinnt. So musste er vor längerer Zeit schon seine große Villa verkaufen und sich ein lebenslanges Wohnrecht in dem zur Villa gehörenden Gartenhaus sichern.

 

Dort lebt er auf relativ engem Raum zusammen mit seinem Diener Carlos, einem illegal in der Schweiz lebenden Guatemalteken und dessen Partnerin Maria. Carlos ist für Allmen unersetzbar und mittlerweile zum Teilhaber der Firma Allmen International Inquiries aufgestiegen, einer Agentur, deren Spezialität es ist, wertvolle Kunstgegenstände wieder zu beschaffen. Dass sie diese nicht selten vorher selbst auf unterschiedlich phantasievolle Weise entwendet und in ihren Besitz gebracht haben, ist unverzichtbarer Bestandteil des Geschäftsmodells der Firma.

 

Im neuen Buch ist Allmen wieder einmal pleite. Beim Diebstahl eines kleinen Faberge-Eis wird er von einem Kunsthändlerkollegen namens Krähenbühler gefilmt und dann von diesem erpresst. Es geht um eine große Sammlung erotischer Porzellanstücke, die der ehemalige Antiquar Sterner nach seinem Eintritt in eine Sekte in einem Lagerhaus eingelagert hat.

 

Allmen und Carlos sollen sich dort Zutritt verschaffen, vorher das Vertrauen des für Sterner sprechenden Sektenchefs erschleichen und dann die gestohlenen wertvollen Skulpturen an Hehler verkaufen. Selbstverständlich streicht Krähenbühler die Hälfte des Erlöses ein.

 

Allmen und Carlos gelingt der Coup recht gut. Die ebenfalls im Haus der Sekte lebenden Tochter des alten Sterners, den bald das Zeitliche segnet, hat es Allmen angetan. Er will ihr näher kommen, doch er wird sich über die junge, so unschuldig daherkommende Frau noch wundern. Der Titel hat dieses Mal eine Doppelbedeutung. Zum einen geht es um erotische Figurinen aus dem Rokoko, zum anderen um die erotische Anziehung, die die zwanzig Jahre jüngere Jasmin auf Allmen ausübt.

 

Auch in diesem Band kommen der nüchterne Carlos und der verschwenderische Allmen in heikle Situationen, die ihren finanziellen Erfolg immer wieder gefährden. Doch schließlich scheint sogar, wie beim letzten Mal, ein ganz schöner Batzen für die beiden dabei herauszuspringen, aber ein wirklich überraschender Schluss zwingt den von Suters witziger Sprache faszinierten Leser, den nächsten erscheinenden sechsten Band unbedingt zu lesen.

 

Vielleicht überrascht uns Martin Suter aber auch zunächst mal wieder mit etwas ganz anderem.

 

Wie schon die anderen Allmen Bände hat Gert Heidenreich auch den neuen fünften Band mit hintersinnigem Witz und Humor eingelesen. Ihm gelingt es, mit seiner Stimme den schillernden Charakter des gaunernden Lebemannes Allmens wunderbar zu erfassen und zur Geltung kommen zu lassen.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hippie

 

 

 

Paulo Coelho, Hippie, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07049-1

 

Mit seinem neuen Buch geht der brasilianische, mittlerweile in Genf lebende Bestsellerautor von spirituellen Büchern, Paulo Coelho, in einem Roman mit autobiographischen Zügen weit zurück in sein Leben Ende der sechziger Jahre in Brasilien. Dort geriet er als ganz junger Mann schon früh in schmerzhaften Kontakt mit den Schergen der dortigen Militärdiktatur und floh dann gegen den Willen seiner Eltern aus dem Land nach Europa, wo er sich in Amsterdam der Hippiebewegung anschließt.

 

Kaum in Amsterdam angekommen, trifft der rebellische und nach Lebenssinn suchende Paulo auf die etwas ältere Karla aus den Niederlanden. Zwischen ihnen gibt es sofort eine ganz besondere Anziehung.

 

Karla will mit dem „magic bus“ nach Katmandu fahren und dort eigene spirituelle Erfahrungen jenseits der bisher benutzten Drogen sammeln. Nach einigen Abenteuern in Amsterdam, die sich für Paulo so anfühlen wie Prüfungen, entschließt er sich, Karla auf der langen Busreise zu begleiten. Solche Reisen nach Indien und Nepal wurden damals von vielen europäischen Hauptstädten in zweiwöchigem Rhythmus zu sehr niedrigen Preisen angeboten.

 

Zusammen mit den beiden Fahrern Rahul und Michael, dem Iren Ryan und seiner Tochter Mirthe und etlichen anderen anderen brechen sie auf, um als Reisende auf dem berühmten Hippie-Trail Erfahrungen zu sammeln und nach ihren eigenen Werten zu suchen. Mehrfach fällt Paulo in Panikattacken, wenn sie auf der Reise Polizisten begegnen, traumatische Erinnerung seiner Erfahrung mit der brasilianischen Diktatur.

 

Coelho erzählt in diesem Roman in seinem von seinen anderen Büchern gewohnten Stil nicht nur von seinen frühen spirituellen Erfahrungen in der dritten Person, sondern auch die Geschichten etlicher seiner Mitreisenden, alle auf der Suche nach sich selbst und der Erkenntnis ihrer Schwächen und Stärken.

 

Wegen der Anschläge des palästinensischen Schwarzen Septembers in  Jordanien müssen sie in Istanbul einen längeren Stopp einlegen, den Paulo zu einer intensiven Beschäftigung mit den Sufis und dem Tanz der Derwische nutzt.

 

Während Karla in Paulo ihre große Liebe gefunden hat, erkennt Paulo, dass er noch nicht so weit ist. Sie zieht glücklich weiter mit den anderen im magic bus nach Asien und Paulo wird über ein Jahr bei den Sufis bleiben und hier den Grundstock legen für seine weitere spirituelle und schriftstellerische Entwicklung.

 

„Nur ein gelebter Traum hat die Kraft, die Grenzen dieser Welt zu überwinden.“

 

Paulo Coelho zeigt in diesem sehr persönlichen Buch, wie er damit schon in sehr jungen Jahren begonnen hat.

 

 

 

 

Merkel am Ende

 

 

 

 

Ferdinand Knauß, Merkel am Ende, Finanzbuchverlag 2018, ISBN 978-3-95972-148-6

 

Dass seine Diagnose, „warum die Methode Angela Merkles nicht in unsere Zeit passt“ so schnell und praktisch zeitgleich mit der Veröffentlichung seines Buches sich bewahrheiten würde, das hätte der Journalist wahrscheinlich nicht erwartet.

 

Nun, nach Angel Merkels Rücktritt vom Vorsitz ihrer CDU, wird sein Buch erklären helfen, wie es dazu gekommen ist, und warum dieser Schritt unausweichlich war.  Es wird auch eine Menge Hinweise darauf geben, warum Merkels Plan, bis 2021 als Kanzlerin weiter zu regieren, wahrscheinlich nicht aufgehen wird. Nach der Wahl eines neuen Vorsitzenden der CDU (die Chancen des Überraschungskandidaten Friedrich Merz, der sich aber unter der Protektion von Wolfgang Schäuble lange auf diesen Schritt vorbereitet hat, scheinen in diesen Tagen am besten) jedoch könnte es schneller als man heute denkt, zum Austritt des SPD aus den Koalition kommen, zu Neuwahlen und einer neuen Regierung (Jamaika 2.0?)

Ferdinand Knauß spannt einen Bogen von Merkels Machtantritt bis in die Gegenwart und wirft dabei nicht nur die Frage auf, was das für eine Partei ist, die sich so lange von dieser Frau führen lässt, sondern auch, was das für eine Gesellschaft ist, die sich so lange von ihr regieren lässt.

 

Doch die Bewegung, die durch ihren Abtritt in die CDU aber auch in die anderen Parteien kommt, ist Mut machend. Es gibt ein Leben nach Merkel, für eine neue deutsche Regierung und für unser Land.