Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck

 

 

 

 

Friedrich Ani, Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck, Suhrkamp 2017, ISBN 978-3-518-42755-2

 

Selbst versierte Krimileser könnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen  literarischen Tätigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor Süden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen Büchern ermitteln ließ. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie über ein Dutzend Bücher über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei Büchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser Männer hatte eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.

 

Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigentümliche Weise in der Lage, das Schicksal der Täter und ihrer Opfer auf eine fast körperliche Art zu spüren und zu erleben, die sie während ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.

 

Ani lässt sie mit Regelmäßigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungewöhnliche Art, Kriminalfälle zu lösen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Menschenwürde zurück.

 

Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nun schon in einem zweiten Fall präsentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit einiger Zeit im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben  jenseits der Toten  beginnen zu können, nachdem er über viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener Einschätzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner Vorgänger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein  Job als Polizist seine Ehe scheitern ließ. Schon in seinem ersten Fall, „Der namensloseTag“, für den Ani völlig zu Recht den Deutschen Krimipreis erhielt, führten ihn seine Ermittlungen nicht nur in die Katakomben seiner eigenen  Vergangenheit, sondern auch auf eine ganz besondere Weise zurück in eine Verbindung zu seiner Ex-Frau Marion Siedler, die einzige Frau, die ihn wirklich kennt und versteht.

 

Auch im neuen Fall wird Jakob Franck schmerzlich mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Als nach 34 Tagen, in dem der 11-jährige Lennard Grabbe vermisst wird, seine Leiche gefunden wird, überbringt Franck den verzweifelten Eltern die Nachricht und bleibt die ganze Nacht bei ihnen, schweigend und schon hier mit der schmerzlichen Erinnerung an seine eigene in der Jugend ermordete Schwester konfrontiert.

 

Obwohl Franck alle Protokolle der Mordkommission, die ihn wieder um Unterstützung gebeten hat, durchgeht, und alle Zeugen erneut befrag, fehlt vom Mörder jede Spur. Mit vielen Details, die Franck so herausfindet, baut Ani eine richtige Spannung auf. Auch die umfangreiche Beschreibung des seelischen Zustandes der Eltern des Jungen und eines, wie Jakob Franck bald richtig vermutet, Geheimnisses, das den Onkel von Lennard mit dessen Mutter Tanja verbindet, unterscheidet Anis Stil und literarische Technik von den meisten anderen Kriminalromanen.

 

Während etwa ein Gerichtsmediziner völlig ohne Emotionen arbeitet, setzt sich Franck seinen eigenen Emotionen und denen der Menschen, denen er begegnete, bedingungslos aus. Ani beschreibt das so:

„Was Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn nötig rücksichtsloses Zerstückeln der Umstände, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten,  das Offenlegen ebenso verständlicher wie oftmals schmutziger Überlebenstricks. Die Aufklärung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war, von Grund auf zu erschüttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der Kälte standen und sich ihrer Erbärmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an – davon war Franck überzeugt – gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.“

 

So wie viele seine Vorgänger ist Franck nicht religiös, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den sündhaften Abgründen menschlicher Existenz. Er nähert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten  Methode, die er  „Gedankenfühligkeit“ nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.

 

Das macht ihn in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen lässt, dem, was Ani seit vielen Jahren beschäftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.

 

Im neuen Fall wird von Ani die spirituelle Dimension dieser Essenz ganz besonders betont. Das überraschende Ende des Buches ist meiner nach ernst gemeint und drückt eine leidenschaftliche und unzerstörbare Hoffnung aus auf gelingendes und versöhntes Leben, auch nach dem Tod.

 

 

 

 

Lichter als der Tag

 

 

 

 

 

Mirko Bonne, Lichter als der Tag, Schöffling & Co. 2017, ISBN 978-3-89561-408-8

 

Dieser auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 nominierte Roman des in Hamburg lebenden Schriftstellers Mirko Bonne erzählt die Geschichte von vier Menschen, die sich seit ihrer Jugend kennen und ihrer Freundschaft und Liebe zueinander.  Raimund Merz, die Hauptperson, kennt seit seiner Kindheit Moritz und Floriane. Ein wilder Garten am Dorfrand ist nicht nur ihr regelmäßiger Treffpunkt, sondern so etwas wie Heimat für sie. Eine Tages stößt die Tochter eines dänischen Künstlers zu ihnen, Inger. Schnell ist sie integriert und die vier wachsen zu einer engen und verschworenen Gemeinschaft zusammen, bis sich beide Jungen in Inger verlieben. Schlussendlich entscheidet sich Inger für Moritz und Raimund und Floriane werden auch ein Paar.

 

Eine tragische Geschichte findet vorerst ihren Abschluss, in der die Liebe für Verwirrung, Schmerz, Leid, Lust und Frust sorgt. Falsche Entscheidungen und Untätigkeit führen zu lange nachwirkenden Konsequenzen. Dabei trägt keiner eindeutig die Schuld – aber auch keiner der Vier ist wirklich unschuldig.

 

Doch es gibt ab da keinen Kontakt mehr. Eifersucht und Misstrauen auf Seiten Floris und ein unendlich tief vergrabener Schmerz bei Raimund verhindern dies zuverlässig.

 

Doch dann sieht Raimund viele Jahre später Inger wieder. Sie ist in die Stadt zurückgekehrt. Seit diesem Tag bricht die ganze Leere seines Lebens aus ihm heraus. Er sucht voller Schmerz und Sehnsucht nach einem Weg, der ihn endlich zu sich selbst zurückführt. Dabei spielen Kunst und die Bedeutung des Lichts eine immer wiederkehrende Rolle.

Flori spürt Raimunds Veränderung und vermutet richtig Inger dahinter. Doch Raimund geht seinen zunächst für den Leser unverständlichen Weg, der ihn bis nach Lyon führt zu einem Bild, das eine wichtige Bedeutung für ihn hat, die hier nicht verraten werden soll.

 

Der Roman Bonnes spielt mit Goethes Wahlverwandtschaftenthematik und erzählt die bewegende Geschichte eines Mannes, der konsequent seine Schatten abschüttelt und zu sich selbst finden will. Ein Porträt eines Mannes auf der Suche nach seiner verloren gegangen Lebendigkeit und im Grunde ein wahrer Liebesroman.

 

 

Leben

 

 

 

 

 

 

Cynthia Rylant, Brendan Wenzel, Leben, Nord Süd Verlag 2017, ISBN 978-3-314-10417-6

 

Cynthia Rylant, die in den USA schon viele Kinderbücher veröffentlicht hat, hat mit zarten und poetischen Texten eine Ode an das Leben geschrieben. Wie es klein anfängt und dann wächst, wie es für jeden sich anders anfühlt, und doch für jeden einen Sinn bereit hält. Dass es sich jeden Morgen lohnt aufzuwachen um zu sehen, was vielleicht passiert. Das Leben fängt klein an und es wächst, so wie bei den kleinen Kindern, denen die Großen dieses wunderschöne Bilderbuch vorlesen und dabei auch für sich vieles Nachdenkliche entdecken werden.

Das Buch ist aus der Sicht von Tieren geschrieben, nicht nur deshalb, weil der Illustrator Brendan Wenzel am liebsten Tiere zeichnet.

 

Für jedes Tier ist etwas anderes am Leben wichtig. Doch lieben tun sie es alle, jedes auf seine Weise.  Ein poetisches Lied auf die Schönheit und auf das Geheimnis des Lebens.

Die Schneemacher

 

 

 

 

 

Marsha Diane Arnold, Renata Liwska, Die Schneemacher, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5975-9

 

In unseren Breiten ist Schneefall im Winter ein eher seltenes Phänomen geworden. Wie sehnsüchtig kleine Kinder im Winter auf ein paar Schneeflocken arten, oder auch auf mehr, damit sie ihren Schlitten herausholen und den Berg hinabsausen können, davon erzählt dieses schöne Bilderbuch, das zuerst in New York erschienen ist (wo es mehr Schnee gibt als bei uns).

 

Der Dachs wartet sehnsüchtig auf den ersten Schnee. Er schaut in den Himmel, studiert Landkarten, aber der Igel sagt nur: „Es schneit, wenn es so weit ist. Wir müssen nur warten.“

 

Doch der Dachs ist ungeduldig und will zusammen mit dem Kaninchen, der Beutelratte und der Wühlmaus dem Schnee etwas nachhelfen, indem sie Zucker auf das Dach streuen. Doch dann haben sie ein Einsehen. Sie warten und spielen, warten und spielen – bis es soweit ist.

Ein lustiges und warmherziges Bilderbuch für die kalte Jahreszeit, das das lange Warten auf den ersten Schnee garantiert verkürzt.

Meer als Alles

 

 

 

 

 

Udo Schroeter, Meer als Alles, Adeo 2017, ISBN 978-3-.86334-166-4

 

In seinem ebenfalls bei Adeo 2016 erschienen Wandkalender „Bin am Meer“, das Motive und Texte seines gleichnamigen Buches variierte, schrieb der auf die Insel Bornholm ausgewanderte Autor und Natur-und Sinncoach Udo Schroter unter ein Bild des Monats Juli:

„Die Vergangenheit ist für viele die Welt der Wunden. Die Zukunft ist oftmals die Welt der Angst. Das Leben findet im Hier und Jetzt statt“.

 

Doch vielen gelingt das nicht. Obwohl sie eigentlich alles erreicht haben im Beruf und der Partnerschaft, fühlen sich insbesondere viele Männer immer mehr als Fremde in ihrem eigenen Leben. Wer bin ich eigentlich wirklich? Was ist meine Bestimmung? Wofür bin ich auf der und was ist der Sinn meines Lebens?

 

Mit seinem neuen Buch nimmt Udo Schroter diese Fragen auf und nimmt den (männlichen) Leser mit auf eine Reise nach ganz persönlichen Antworten, zu denen er ermutigen möchte.

 

Sein Ich-Erzähler heißt Leif, ist so etwas wie das Alter Ego Schroeters. Leif ist Angelführer und verbringt mit dem Sinnsucher (steht für den Leser) eine intensive Zeit von fünf Tagen in der Natur. Sie kommen in ein offenes Gespräch, das auch vor sehr schmerzlichen Erinnerungen und Erfahrungen nicht Halt macht. Leif hilft Daniel sensibel und ehrlich, alte Schmerzen aus der Vergangenheit und seine Sorgen um die Zukunft loszulassen und die beglückende Erfahrung zu machen: das eigentliche Leben ist im Hier und Jetzt. Es ist wichtig, dass du deine Bestimmung erkennst und sie dann auch lebst.

 

„Irgendwann kommt der Tag, da musst du sterben!“ Charlie Brown

„Stimmt, aber an allen anderen werde ich leben!“ Snoopy

 

 

 

 

Die Geschichte der Welt

 

 

 

 

 

Ewald Frie, Die Geschichte der Welt, C.H.Beck 2017, ISBN 978-3-406-71169-5

 

Ewald Frie, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen hat 2009 schon ein erstes historisches Buch unter dem Titel „Das Schokoladenproblem“ vorgelegt, in dem er Kindern auf eine kindgerechte Weise die Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen erklärte und ihnen damit eine wunderbare Einführung in die Grundrechte bot und das, was eine Gesellschaft zusammenhält.

 

In seinem neuen hier vorliegenden, voluminösen, für Jugendliche und Erwachsene geeigneten und von Sophia Martinek hervorragend illustriertem Buch erzählt er die Geschichte der Welt erstmals ganz voraussetzungslos aus einer globalen Perspektive. Athen rückt so an den Rand, aber das traumhaft schöne Kilwa in Afrika wird niemand vergessen, der dieses mit wunderbarer Leichtigkeit geschriebene Buch gelesen hat.
Die Geschichte der Welt wird bis heute von Europa aus erzählt. Höchste Zeit für einen frischen Blick, dachte sich Frie. Denn Australien wurde vom Homo sapiens früher besiedelt als Europa. Menschen fuhren Tausende Kilometer über den offenen Pazifik, als die Römer noch ängstlich an der Küste entlangsegelten. Die Pyramiden und Städte Amerikas können es mit Babylon und Ägypten aufnehmen. Und während Westeuropa in der Neuzeit Glaubenskriege führte, erstreckte sich ein multikultureller Handelsraum von Ungarn bis Südindien. Aber natürlich geht es auch um die Barbaren im Abendland: Ewald Frie erzählt von ihren Entdeckungen und Eroberungen, ihren Revolutionen und Kriegen, die die Welt verändert haben. Seitdem wird unser Planet zu einer globalen Megacity, in der sich die Reichen von den Armen abschotten und trotzdem alle miteinander vernetzt sind.

 

So spannend und gegen den herkömmlichen Strich erzählt, habe ich Weltgeschichte noch nicht wahrgenommen.

Der selbstsüchtige Riese

 

 

 

 

Oscar Wilde, Lisbeth Zwerger, Der selbstsüchtige Riese, minedition 2017, ISBN 978-3-86566-348-1

 

Für diese, nun in der Miniversion von Minedition erschienene Ausgabe von Oscar Wildes Kunstmärchen „Der selbstsüchtige Riese“ hat Lisbeth Zwerger schon 1984 bei seinem ersten Erscheinen mit bezaubernden Bildern genau die Stimmung geschaffen, in der sich diese berührende Geschichte abgespielt haben könnte.

 

Als dieser große Mann von einer langen Reise zurückkehrt, stellt er fest, dass sich fröhliche und spielende Kinder in großer Zahl in seinem Garten eingerichtet haben. Er jagt sie zornig weg und verbietet ihnen jeglichen weiteren Zutritt. Ein Schild an der Tür zum Garten droht jedem Zuwiderhandelnden Strafe an.

 

Als nach einigen Monaten der Frühling nach einem langen  Winter kommt, wollen die Vögel in seinem Garten nicht singen und die Bäume nicht blühen. Doch eines Morgens, geweckt durch seltsame und liebliche Musik, entdeckt er aus seinem Fenster schauend  in seinem Garten neben vielen anderen Kindern einen kleinen zarten Jungen, der ihn schlussendlich erkennen lässt, dass er mit dem Vertreiben der Kinder im letzten Sommer einen großen Fehler gemacht hat.

 

Christliche Anklänge (der kleine Junge hat Stigmata Christi an seinen Händen) machen den Tod des Riesen auch für die zuhörenden Kinder erträglich: Der Junge sagt zu dem Riesen: „Du ließest mich in deinem Garten spielen, heute sollst du mit mir in meine Garten kommen, welcher das Paradies ist.“

 

Ein wunderschönes Märchen, das aber nach Erklärungen der vorlesenden Erwachsenen verlangt.

 

 

Zu groß oder zu klein

 

 

 

 

 

Catherine Leblanc, Eve Tharlet, Zu groß oder zu klein, minedition 2017, ISBN 978-3-86566-311-5

 

Der kleine Bär Martin macht mit seinen Eltern bei den verschiedensten Gelegenheiten die Erfahrung, dass sie ihn  für manches zu klein und für wiederum anderes zu groß halten. Für die Babyflasche ist er zu groß, für das Essen mit Messer und Gabel zu klein. Für das Festhalten an seinem Kuscheltier ist er zu groß, für Papas Handy zu klein. Und so macht er viele Erfahrungen. Das macht ihn unglücklich und er beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Martin dreht den Spieß um.

Als sein Vater nicht an das oberste Regal seines Bücherschranks kommt, sagt er ihm, er sei zu klein. Und als er seine Mutter dabei beobachtet, wie sie einen Finger ins Marmeladenglas steckt um zu naschen, sagt er ihr, dafür sei sie doch nun wirklich zu groß.

 

Beide Eltern verstehen sofort, was ihr Kind ihnen damit sagen will und gemeinsam finden sie heraus, was sie gemeinsam machen können, und wofür niemand zu klein oder zu groß ist: sich kitzeln, sich Geschichten zu erzählen und gemeinsam Unfug und Quatsch zu machen.

 

Für gemeinsame Unternehmungen ist niemand zu klein oder zu groß. Ein schönes, warmherzig von Eve Tharlet illustriertes Bilderbuch, das Kindern und Eltern Mut macht, sich gegenseitig ernst zu nehmen.

Essen kommen. Familientisch-Familienglück

 

 

 

 

 

Jesper Juul, Essen kommen. Familientisch-Familienglück, Beltz 2017, ISBN 978-3-40786478-9

 

Der mittlerweile nach schwerer Krankheit seit längerer Zeit schon an den Rollstuhl gefesselte Jesper Juul hat ein neues Buch geschrieben über ein meiner Meinung nach zentrales Thema gelungenen Familienlebens und gelungener Erziehung von Kindern.

 

Es geht um die Wiederbelebung des Familientisches als Zentrum des Familienglücks. Gemeinsames Essen schon beim unter der Woche sicher kurz bleibenden Frühstück, ein längeres, vielleicht zusammen selbst gekochtes und zubereitetes Essen am Tag nach getaner Arbeit bzw. Schule identifiziert Juul als wichtiges Ritual nicht nur für die gemeinsame Nahrungsaufnahme, sondern auch als Forum für Gespräche, Austausch und Gemeinschaftspflege.

 

In vier Schritten, die er jeweils mit leckeren und leicht zuzubereitenden  Rezepten abschließt, schreibt er einladend und werbend über die „Eltern als Gastgeber“, über das gemeinsame Essen als „Salz in der Suppe guter Beziehungen“, über „Tischmanieren“ und über „Konflikte rund um den Esstisch“.

 

In einem Nachwort ermutigt er alle seine Leser zu einer Art Neuanfang: „Machen wir den Familientisch wieder zu einem zentralen Bestandteil unseres Familienlebens. Nicht jeden Tag wird das Familienglück mit am Tisch sitzen, aber ich glaube fest daran: Gemeinsam essen macht Familie stark.“

 

Der Rezensent kann das seit 14 Jahren als Familienvater nur bestätigen.

 

 

 

 

Das Cafe der kleinen Wunder

 

 

 

 

Nicolas Barreau, Das Cafe der kleinen Wunder (tb), Piper 2017, ISBN 978-3-492-31053-6

 

Der neue Roman von Nicolas Barreau (mir ist es gleich, ob das ein Pseudonym ist oder nicht) erzählt wieder einmal von einer jungen Frau, die durch viele Widrigkeiten hindurch ihre Angst und Zurückhaltung überwindet und nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu ihrer großen Liebe findet. Barreaus Romane sind für Leser großer „wertvoller“ Literatur sicher wenig geeignet. Aber wer sich, wie der Rezensent, zwischendurch gerne einmal von einem durchaus anspruchsvollen Liebesroman entführen und unterhalten lassen will, findet immer wieder großen Gefallen an ihnen.

 

Der neue Roman mit dem Titel „ Das Cafe der kleinen Wunder“ hat es mir schon von Anfang an angetan, weil Barreau seine Protagonistin, die Philosophiestudentin Nelly, sich mit den Theorien des Franzosen Paul Virilio beschäftigen lässt und sie dem Leser auch auf eine verständliche Weise nahe bringt.

In ihren Professor, ein Virilio-Spezialist, ist sie schon lange heimlich verliebt. Als sie ihre Masterarbeit über Virilio, seine Wissenschaft von der Dromologie und seine Theorie vom Rasenden Stillstand abgibt, will sie ihm seine Liebe gestehen. Doch noch bevor sie einen langen Brief übergibt, erzählt der ihr, dass er ihr die versprochene Stelle nicht geben könne, das er sich in eine italienische Kollegin verliebt habe und nach Italien gehe.

 

Nelly ist am Boden zerstört, kauft sich spontan die begehrte rote Handtasche, an der sie schon tausend Mal vorbeigelaufen ist und flieht in ihre Wohnung. Dort findet sie eine Kiste mit zahlreichen Büchern ihrer verstorbenen Großmutter. In einem der Bücher und auf einem Granatring, den ihr die Großmutter überlassen hat, findet sie eine Gravur, die sie berührt: Amor vincit omnia.  Überzeugt davon, dass ihre Flugangst Schuld daran ist, das ihr Professor mit eben dieser italienischen Wissenschaftlerin nach New York geflogen ist, statt mit ihr, die zunächst eingeladen war,  hebt sie ihr Erspartes ab, mietet sich über das Internet eine Wohnung in Venedig und begibt sich auf sie Suche nach den Spuren dieser Widmung.

Dort trifft sie durch Zufall den Italiener Valentino, der ihr mehrfach aus der Patsche hilft und sich sofort in Nelly verliebt. Doch die zögert und halt ihn für einen Gigolo.

 

Dennoch kommen sie sich näher, erst recht, als Nelly im Cafe von Valentinos Vater sich den Spuren ihrer Großmutter nähert und deren Liebesgeschichte.

 

Als sich Valentino fast zwei Wochen für Nelly ziemlich rar macht, um mit Hilfe von Freunden an einer Riesenüberraschung zu arbeiten, mit der er ihr seine Liebe gestehen will, glaubt Nelly schon das auch bei ihr keimende zarte Pflänzchen verloren. Doch dann muss sie sich ihrer größten Angst stellen…

 

Mit vielen Wendungen, die immer wieder neue Geheimnisse hervorbringen, die dem Leser erst allmählich deutlich werden, erzählt Barreau eine romantische Liebesgeschichte voller wunderbarer Reminiszenzen an die beiden Städte, die immer wieder mit der Liebe in Verbindung gebracht werden: Paris und Venedig.