Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Liese frisst alles

 

 

 

 

Petr Horacek, Liese frisst alles, Atlantis 2017, ISBN 978-3-7152-0718-6

 

Der tschechisch-britische Illustrator und Autor Petr Horacek schildert in seinem neuen Bilderbuch in leuchtenden Farben, die Geschichte der Ziege Liese. Sie lebt auf einem Bauernhof, kann frei herumlaufen und sich von allerlei Futterangeboten locken lassen: Hundefutter, Katzenmilch, die Unterhose des Bauern und die Schuhe des Bauernmädchens. Eines Tages beschließt sie, statt am Grünfutter ihren Leib an diesen Dingen zu laben. Wunderbar und witzig schildert Horecek diesen Beutezug quer über den Bauernhof.

 

Doch das Elend der magenkranken Liese folgt auf dem Fuß und wird nicht weniger eindrücklich bildlich dargestellt. Sie wird rot, gelb, grün und  blau. Mit nach innen gedrehten Beinen leidet sie unter ihren Magenkrämpfen. Nicht zu reden von der blauen Zunge, die, anatomisch fast erschreckend korrekt,  aus dem Maul der verfressenen Ziege ragt, die alle viere in den Himmel streckt.

Nach einer Woche des Katarrhs und der Genesung, die Horacek von vorn und im Profil zeigt, ist alles wieder gut.

 

Das Abenteuer einer neugierigen und etwas gierigen Ziege und eine Geschichte über alle, die sich freuen, wenn es ihr gut geht.

Wir sind alle nett von A bis Z

 

 

 

Heinz Janisch, Helga Bansch, Wir sind alle nett von A bis Z, Jungbrunnen Verlag 2017, ISBN 978-3-7026-5914-1

 

Auch in diesem Jahr haben der Schriftsteller Heinz Janisch und die Künstlerin Helga Bansch ein gemeinsames Bilderbuch vorgelegt, das nicht nur den Kindern ab etwa 4 Jahren, die beginnen, das ABC für sich zu entdecken, sondern auch den vorlesenden Eltern gut gefallen wird.

 

Mit je zwei Buchstaben, die jeweils der Anfang eines Vornamens eines Kindes sind, formuliert und reimt Heinz Janisch ganz einfache Sätze. Etwa: „Anton und Bill sind heut` seltsam still“  oder „Emil und Finn bemalen ein Kinn“.

 

Neben diesem spielerischen ABC- Kennlernangebot hat Helga Bansch in ihren typischen Stil diese Sätze illustriert und sie bringt viele ihrer aus früheren Büchern von ihr bekannten Kinder- und Tierfiguren farbenprächtig aufs Papier.

 

Auf den beiden letzten Seiten sind alle auftauchenden Kinder und Buchstaben noch einmal zusammengestellt: „Wir sind alle nett, von A bis Z!“

 

 

 

Stelvio. Stilfser Joch-Italien-2757 m

 

 

 

 

Stefan Bogner, Jan Karl Baedeker, Stelvio. Stilfser Joch-Italien-2757 m, Delius Klasing 2017, ISBN 978-3-667-11086-2

 

Kaum ein anderer der unzähligen Alpenpässe wird von Serpentinenliebhabern so verehrt wie das Stilfser Joch. Anfang des 19. Jahrhunderts vom genialen Baumeister Carlo Donegani im Auftrag der österreichischen Krone gebaut, führt die bis heute kühnste und kurvenreichste Straße der Alpen in 48 Kehren hinauf auf 2757 Meter.  Ich erinnere mich 1976 mit einer Jugendgruppe und einem VW-Bus als junger Zivildienstleistender im Rahmen einer Freizeit in Südtirol einmal diesen Pass hinauf- und hinuntergefahren zu sein. Es war ein atemberaubendes Erlebnis.

Unter dem Titel „Porsche Drive – 15 Pässe in 4 Tagen“ haben der Fotograf Stefan Bogner und der Autor Jan Karl Baedeker bereits einen eindrucksvollen und erfolgreichen Bildband vorgelegt und die perfekte Route für eine „Mille Miglia der Alpen“ definiert.

Mit ihrem neuen hier vorliegenden Buch „Porsche Drive – Stelvio“ möchten die beiden nun dem Stilfser Joch eine bildgewaltige und einzigartige Hommage bereiten. Auf mehr als 300 Seiten, mit spektakulären Luftaufnahmen, Geschichten und Interviews, wird der Stelvio-Pass erstmals ausführlich dokumentiert und porträtiert, ehe die Traumstraße am Steuer einiger der schnellsten und sportlichsten Porsche aller Zeiten Kurve um Kurve „erfahren“ wird. Zu Wort kommen im Buch nicht nur Alpenhistoriker und Architekten, sondern auch Porschefahrer, die ihre Leidenschaft für den Pass der Pässe mit den Lesern teilen. Fehlen dürfen bei Baedeker und Bogner auch nicht die Reise-Empfehlungen: In welche Restaurants man am Stilfser Joch einkehren und wo man am besten übernachten soll, verheimlicht das Buch ebenfalls nicht – und stiftet so zur Nachahmung an.#

 

Man  muss aber nicht unbedingt  mit einem Porsche hinauffahren um das einzigartige Erlebnis zu genießen. Wie gesagt, mit einem VW Bus ging es auch.

Rolling Stones. Alle Songs

 

 

 

 

Philippe Margotin, Jean-Michel Guesdon, , Delius Klasing 2017, ISBN 978-3-667-11088-6

 

Dieses voluminöse zuerst in Frankreich erschienene Werk ist ein Megakompendium über eine der besten und wichtigsten Bands der Popgeschichte und ihre Songs.

 

Es verspricht alle Informationen und Hintergründe über alle Songs, ihre Entstehungsgeschichte, Details über die jeweiligen Aufnahme und ihre Orte und die beteiligten Musiker und Techniker, eine Menge Anekdoten und vielen interessanten Story hinter den einzelnen Tracks.

Neben diesen Informationen und Entstehungsgeschichten sind es aber die großzügigen  Illustrationen, die diesen Rolling-Stones-Band auszeichnen. Hunderte Bilder (oft großformatig) der englischen Rockband, dabei einzigartige, teils seltene Fotos, die die Texte untermalen. Und man begegnet in vielen Bildern vielen anderen Grüßen der Popgeschichte.

 

Dieser Band ist ein Muss für jeden passionierten Stones Fan, und eignet sich sehr gut als Weihnachtsgeschenk, wenn Sie einen solchen in ihrer Familie haben.

Der wilde Watz

 

 

Edouard Manceau, , Moritz 2017, ISBN 978-3-89565-343-8

 

Das hier vorliegende, von Markus Weber aus dem Französischen übersetzten Bilderbuch von Edouard Manceau ist ein witziges und sehr einfach illustriertes Beispiel eines Buches über Monster, die kleine Kinder insbesondere abends vor dem Schlafen sich oft ausdenken und vor denen sie dann Angst haben.

 

Das Monster hier heißt „Wilder Watz“ und ist ein kleines Wesen mit geben Hörner und grünen Händen und Füßen. Schon auf der ersten Seite sieht er den kleinen Betrachter wild an, doch der wird im Text eingeladen, den wilden Watz zu kitzeln. Zunächst an den Hörnern, dann unter den Armen, an den Füßen, an den Zähnen und so weiter.

 

Jedes Körperteil, das gekitzelt ist, hat sich auf der folgenden Seite vom Körper des Watz abgelöst und im zweiten Teil des Buches bilden sich aus diesen Teilen ein schönes Haus, Bäume, ein Mond und ein Auto.

 

Und der Watz wird gewarnt: falls er wieder kommen sollte, wird er wieder gekitzelt: “Du machst mir keine Angst, du wilder Watz!“

 

Eine witzige und schöne Idee.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

 

 

 

 

John Green, Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25903-4

 

Lange hat eine internationale Fangemeinde, die bei weitem nicht nur aus Jugendlichen besteht, auf den neuen Roman von John Green gewartet. Nun ist er da. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“.

Aza Holmes heißt seine neue Heldin, eine Halbwaise aus Indianapolis, ihr Vater lebt nicht mehr. Sie wird gepeinigt und geplagt von pathologischen Phobien. Sie ist sich zu sehr dessen bewusst, dass sie besiedelt ist von Parasiten und Mikroben. Sie sei, schreibt sie, eine wandelnde Bazillenkolonie. Nichts aber ängstigt Aza mehr, als der Gedanke an den Saugwurm „Diplostomum pseudospathaceum“, der in Fischen lebt und ihnen seinen Willen aufzwingt.

So denkt Aza Holmes den lieben langen Tag: Wer bin ich, wenn mein Organismus nicht von mir und meinem Hirn gelenkt wird, sondern von winzigen Wesen? Was wiederum dazu führt, dass sie nichts mehr fürchtet als fremde Körperflüssigkeiten und daher nur schwer erwachsen werden kann. Sie ist seit langem in psychologischer Behandlung, aber sie nimmt die verordneten Medikamente nur selten und unregelmäßig ein. Und ihre Gedanken, haben sie einmal angefangen – und das kann jederzeit passieren, selbst wenn sie später den Jungen küssen wird, in den sie sich verliebt hat, verselbständigen  sich und führen ihr krudes zerstörerisches Eigenleben.

Der Junge, den sie kennenlernt heißt Davis, ist einer von zwei Söhnen eines verschwundenen Milliardärs. Auf dessen Auffindung ist eine Belohnung von 100.000 Dollar ausgesetzt, was Azas beste Freundin Daisy auf die Idee bringt, gemeinsam nach ihm zu suchen und den Lohn einzustreichen. Dann wäre auch Azas Collegeausbildung gesichert. (Es ist immer wieder ein Schock für mich, was eine solche Ausbildung in den USA kostet!).

 

Wie die beiden Freundinnen sich auf den Weg machen zum Haus des Milliardärs, wie insbesondere Aza Davis näherkommt und dennoch immer wieder von ihren „fiesen Gedanken“ gehindert wird, sich wirklich auf ihn und eine mögliche Beziehung einzulassen, das ist die Story im Vordergrund.

Mit vielen Zitate aus der Weltliteratur, die geschickt in die Handlung eingebettet sind, gibt John Green seinen Lesern  (darunter werden sicher auch viele Erwachsene sein) immer wieder interessante Denkansätze mit auf den Weg. Nie ist er belehrend, nie wird es kitschig.

 

Im Hintergrund geht es um Zwangsstörungen, Trauerbewältigung, Freundschaft und Ehrlichkeit. Erzählt wird eine traurige und dennoch hoffnungsvolle Geschichte, eine bewegende, tiefgründige und stellenweise auch poetische Geschichte über Einsamkeit, Verlust, Selbstzweifel, aber auch Freundschaft, Liebe und Zusammengehörigkeit.

John Green, schreibt immer auch über den Jungen, der er einmal war. In seiner ausführlichen Danksagung am Ende von „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ grüßt er seine Therapeuten, die es ihm nicht nur ermöglicht haben, seine Jugend durchzustehen, sondern in Romanen auch davon erzählen zu können.

 

 

 

 

 

 

 

 

Melchior und das Gold der Armen

 

 

 

 

Georg Dreißig, Maren Briswalter, Melchior und das Gold der Armen, Urachhaus 2017, ISBN 978-3-8251-5114-0

 

In diesem von Maren Briswalter eindrucksvoll illustrierten Bilderbuch erzählt Georg Dreißig, das in einer märchenhaften Geschichte versucht einzufangen, welche radikale Wirkung die Weihnachtsbotschaft auf einen Menschen haben kann.

 

Es geht um Melchior, einen der Heiligen Drei Könige. Der mächtige Herrscher bricht eines Tages mit einer großen Karawane auf, um einem Stern zu einem Kind zu folgen, das er anzubeten gedenkt. Doch je länger die Reise dauert und je beschwerlicher sie wird, umso größer wird der Protest in der Gruppe der Reisenden – zumal nur Melchior den Stern von Bethlehem sehen kann. Noch größer wird die Verwirrung, als er endlich das Jesuskind findet, seinen Schmuck ablegt, „sich wie ein niedriger Knecht vor dem Knaben und dessen einfältigen Eltern“ neigt und sie reich beschenkt.

 

Auf dem Rückweg löst das Verhalten des Königs in seiner Mannschaft großen Ärger aus. Weil er jedem Bettler ein Goldstück schenkt, hetzt der Wesir das Gefolge auf gegen den Herrscher. Der findet sich am nächsten Morgen allein und nur mit einem einfachen Umhang bekleidet, allein wieder. Doch das stört ihn nicht. Wo er auch hinkommt auf seinem beschwerlichen Rückweg, erzählt er von dem leuchtenden Stern und „dem unscheinbaren Haus, in welchem doch der größte König der Welt geboren war“. Zurück in seiner Heimat sieht der König dass inzwischen sein Sohn die Herrschaft übernommen hat. Als er seinen Vater erkennt, beginnt er zu verstehen, welche Bedeutung dessen Begegnung mit jenem besonderen Kind für ihn hatte.

 

Eine bewegende Geschichte, die der Botschaft im Kern nahe kommt.

 

 

 

 

Iceland. Nature of the North

 

 

 

 

Jürgen Wettke, Iceland. Nature of the North, teNeues 2017, ISBN 978-3-96171-028-

Jürgen Wettke, 1953 geboren, frönt neben seiner erfolgreichen beruflichen Karriere – u. a. in führender Position bei einer großen Unternehmensberatung – einer ganz besonderen Leidenschaft: der Fotografie. In den letzten Jahren konzentrierte er sich vermehrt auf die Landschaftsfotografie. Mit seinen fesselnden Aufnahmen möchte er ein größeres Bewusstsein für die Fragilität der Ökosysteme unseres Planeten schaffen. Bücher über das Wattenmeer und die namibische Wüste (alle bei teNeues)  belegen das genauso eindrücklich wie das nun vorliegende neue Buch „Iceland. Nature oft he North“.

 

Der repräsentative Bildband ist in vier Teile gegliedert: Erde und Feuer, Eis und Gletscher, Wasser und Meer, Luft und Licht. Die jeweiligen Fotografien bleiben zunächst unkommentiert. Doch am Ende jedes Abschnitts findet man sie noch einmal in kleinem Format mit Kommentaren.

 

Eine Insel voller Schönheit ist Island. Wettkes Fotografien haben diese Schönheit in ihrer eigenen, für manchen sicher gewöhnungsbedürftigen Aart eingefangen und machen dem Betrachter Lust, irgendwann  einmal diese Insel zu besuchen. Der Rezensent wird das 2019 tun und freut sich schon sehr darauf.

 

 

Kind ohne Namen

 

 

 

 

Christoph Poschenrieder, Kind ohne Namen, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257 07000-2

 

In seinem neuen Roman erzählt der in München lebende Schriftsteller Christoph Poschenrieder von einem Dorf, das Angst vor Fremden hat. Seine Hauptperson ist Xenia, eine junge Frau, die nach dem Abitur sofort in die Großstadt flüchtet, um dort ein Studium der Literaturwissenschaft aufzunehmen:

„Mir tun die leid, die nicht auf dem Dorf aufwachsen; und die, die ihr ganzes Leben dort verbringen müssen. Sobald ich konnte, ging ich in die Stadt, weil ich dachte, nur dort finde ich die Welt.“  Doch bald schon tut sie schwer: „Auf einmal musste ich das, was mir immer warm und vertraut in der Hand lag, mit Zangen und Pinzetten anfassen – und das Papier wurde starr und spröde, die Worte darauf bockig und verstockt. Damit hatte ich nicht gerechnet.“

 

Voller Heimweh und ungewollt schwanger kehrt sie in das abgelegene Dorf zurück, wird von ihrer Mutter, die früher die Bürgermeisterin und Lehrerin des Dorfes war, gut aufgenommen und beginnt  in der Dorfkneipe von Georg, der ihr heimlich den Hof macht, zu jobben.

Sie hilft ihrer Mutter, das ehemalige Schulhaus für eine Gruppe von Flüchtlingen unterschiedlichen Alters herzurichten und engagiert sich auch beim Begrüßungsfest für die Flüchtlinge, das aber von den Einheimischen gestört wird. Sie schleudern Beuteln mit Hundekot auf die Tische und Xenias Bruder Josef, ein scharfer Nazi im Dienst des geheimnisvollen Burgherren, lässt Bananen regnen.

Xenia hat Mitleid mit den Flüchtlingen und nähert sich einem Jungen namens Ahmed an: „Einer der Jungs sah mich an, ich nahm seinen Blick und lenkte ihn weiter in Richtung Handyberg, unsichtbar über dem dunklen, stillen Wald. Fremder, der du hier eingehst, lass alle Hoffnung fahren, hätte ich auch sagen können. Er tat mir sofort leid, der Junge. Telefone, das sind die Luftwurzeln, die weit reichen, dorthin, woher sie gekommen sind, diese Leute.“

 

„Kind ohne Namen“ ist nicht so sehr ein Flüchtlingsroman, denn ein Bild eines aussterbenden Dorfes, das sich radikalisiert und ein Porträt einer jungen selbstbewussten und kritischen Frau, die ihren Weg ins Erwachsensein sucht. Poschenrieder nimmt Anleihen bei der Novelle des Schweizer Pfarrers Jeremias Gotthelf „Die schwarze Spinne“ aus dem Jahr 1842, in  der eingebettet in eine idyllisch angelegte Rahmenerzählung alte Sagen zu einer gleichnishaften Erzählung über christlich-humanistische Vorstellungen von Gut und Böse verarbeitet werden.

 

„Kind ohne Namen“ Poschenrieders fünfter Roman, ist ein unterhaltsames Buch, das den Leser ins Nachdenken bringen soll. Dennoch reicht es für mich nicht ganz an seine Vorgänger heran.

 

 

 

 

Die Königin schweigt

 

 

 

 

 

Laura Freudenthaler, Die Königin schweigt, Droschl 2017, ISBN 978-3-99059-001-0

 

In ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“  hatte die Österreicherin Laura Freudenthaler im Jahre 2016 überzeugend und sehr einfühlsam das Scheitern, den Absturz und die Einsamkeit einer jungen Frau in ihrem Konflikt zwischen ihrer Beziehung und ihrer Arbeit beschrieben. Sie schilderte damals ihre Hauptfigur drastisch, gleichzeitig aber mit großer Sensibilität, viel sprachlichem Geschick ohne sentimental zu werden.

 

Dieses sprachliche Geschick hat sie auch bei ihrem zweiten Roman unter Beweis gestellt, der unter dem Titel „Die Königin schweigt“ 2017 ebenfalls bei dem kleinen ambitionierten österreichischen Droschl Verlag erschienen ist, und der soeben mit dem Bremer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Die Jury schreibt dazu:

„Mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird Laura Freudenthaler für „Die Königin schweigt“ ausgezeichnet. Ein stiller, konzentrierter Roman, der eine alte Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt, auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben zurückblicken lässt. Freudenthaler zeichnet das eindringliche Porträt einer Generation, die ein scheinbar unspektakuläres Dasein führte, in dem sich aber tatsächlich die große Geschichte verbirgt.“

 

 

„Die Königin, die schweigt“  ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrem langen und bewegten Leben erzählt Laura Freudenthaler, und sie tut es so, als hätte sie diese Frau gut gekannt. Sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens, an das Leben mit Bruder und Eltern auf dem Bauernhof,  an den Besuch der Wirtschaftsschule, wo sie das einzige Mädchen war.

 

Als der Bruder im Krieg fällt, ist dies das erste Lebensunglück, dem sich in den folgenden Jahrzehnten weitere anschließen werden. Nachdem Fanny nach dem Krieg den in der KPÖ aktiven Schulmeister geheiratet hat und ins Schulmeisterhaus gezogen ist, muss trotz ihrer tatkräftigen Unterstützung der elterliche Hof verkauft werden. Ihr Mann verunglückt tödlich und auch die Eltern sterben. Nachdem Fanny in der Großstadt gezogen ist, doch bald schon wieder in einer kleinen Stadt in der Nähe des Heimatsdorfes seßhaft wird, bleibt ihr nur ihr Sohn Toni, der, ihr im Wesentlichen fremd, schließlich erwachsen wird und sein eigenes Leben lebt.

 

Irgendwann wird Toni seinem Leben ein Ende setzen und seine Tochter Hanna zurücklassen. Doch auch mit ihr kann Fanny nicht wirklich Nähe aufbauen:

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

 

Erinnerungsfragmente als Momentaufnahmen eines Lebens, das Fanny zu einer unnahbaren und schweigsamen Frau gemacht hat: Laura Freudenthaler zeigt auch in ihrem zweiten Roman  ein feinsinniges Gespür für Stimmungen und Emotionen.

 

Hier wurde ein literarisches Talent ausgezeichnet, von dem wir sicher in den nächsten Jahren noch mehr hören und lesen werden.