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Bretonisches Vermächtnis, Kommissar Dupins achter Fall

 

 

 

Jean-Luc Bannalec, Bretonisches Vermächtnis, Kommissar Dupins achter Fall, Kiepenheuer & Witsch 2019, ISBN 978-3-462-05265-7

 

In seinem neuen, dem mittlerweile achten Fall seines Kommissar Dupin aus Concarneau, lässt der unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec schreibenden deutsche Schriftsteller und Verleger Jörg Bong seinen sympathischen Kommissar in seinem als „blaue Stadt“ am Meer bezeichneten Wohnort selbst ermitteln.

Georges Dupin ist nun schon seit vielen Jahren im Finstere tätig und sein Privatöleben hat sich im Gegensatz zu dem anderen Serienkommissare gesettelt, seit er mit der Ärztin Claire zusammengezogen ist.  Über die bevorstehenden Pfingsttage planen sie ein Wochenende mit Claires Eltern, doch wie es oft so ist, ein mysteriöser Todesfall kommt dazwischen. Claire nimmt es locker und Georges ist es recht, denn seine Schwiegereltern in  spe nerven ein wenig.

 

In der Altstadt Ville Close feiern die Einheimischen und die noch wenigen Touristen mit viel Musik und Tanz den Beginn des Sommers, als ein stadtbekannter Arzt direkt vor Dupins Lieblingsrestaurant Amiral zu Tode kommt. Dessen tatsächliche Eigentümer haben an Bannalecs Bretonischen Kochbuch mitgearbeitet.

Docteur Chaboseau ist offensichtlich aus dem großen nicht mit Sicherheitsglas versehenen Fenster seiner Wohnung in die Tiefe gestürzt worden. Dupin muss die sich als sehr kompliziert und undurchsichtig herausstellenden Ermittlungen zunächst ohne seine bewährten Mitarbeiter Nolwenn und seine beiden Inspektoren Rival und Kadeg aufnehmen. Zwei neue Mitarbeiterinnen unterstützen ihn. So kompetent und sympathisch Bannalec sie beschreibt, ist anzunehmen, dass sie im nächsten Band Dupins Team erhalten bleiben.

 

Weder Chaboseaus Frau noch seine beiden Freunde, der stadtbekannte Apotheker Priziac und der Weinhändler Luzel können sich auf den Tod des Arztes einen Reim machen. Mit Hilfe seiner beiden neuen Mitarbeiterinnen geht Dupin den Verbindungen der drei angesehenen Geschäftsleute nach und beschreibt so ganz nebenbei die Straßen und Plätze, die Parks und Kneipen einer Stadt, die im Leser sofort Sehnsucht weckt.

 

Dupin hat kaum mit seinen Ermittlungen begonnen, da erschüttert ein Anschlag auf einer Werft, an der die drei Freunde und Geschäftspartner beteiligt waren, den Ort.

 

Hat der Anschlag etwas mit dem offensichtlichen Mord zu tun?

 

Von Anfang an spielt ein Roman von Georges Simenon mit dem Titel „Der gelbe Hund“, der Maigret bei Ermittlungen in Concarneau zeigt, eine zunächst unklare Rolle. Bald jedoch wird Dupin immer klarer, was die Personen in dem Roman mit den aktuellen Todesfällen (Luzel wird auch ermordet) zu tun haben.

 

Mit einem genialen Trick schafft es Dupin seine unerreichbaren Mitarbeiter über die Notlage zu informieren und als sie bald darauf eintreffen nehmen die Ermittlungen durch Nolwenns Können und  Erfahrung und Rivals Lokalkenntnisse sofort Fahrt auf.

 

Viele Menschen sind verdächtig, auch der Bürgermeister Kirag ist darunter, doch schließlich bietet der „Gelbe Hund“ den Schlüssel zu einem überraschenden Ende eines unterhaltsamen und spannenden Falles, der seine Leser mit den traumhaften Beschreibungen von Concarneau und Umgebung in eine Art permanente Urlaubsstimmung versetzt.

 

 

 

 

Die Stunde der Optimisten. So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft

 

 

 

 

Thomas Straubhaar, Die Stunde der Optimisten. So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft, edition Körber 2019, ISBN 978-3-89684-271-8

 

Besonders in den letzten Jahren ist es in Deutschland zu einer regelrechten Mode geworden, alles niederzumachen und eher das Negative zu betonen. Auch wenn in sicher auch zunehmenden Maße ein größer werdender Handlungs- und Veränderungsbedarf besteht, ist die wirtschaftliche Lage unseres Landes bei weitem nicht so schlecht, wie die Pessimisten es posaunen.

 

Thomas Straubhaar ruft in dem vorliegenden Buch die „Stunde der Optimisten“ aus und plädiert für mehr Zuversicht in die Zukunft unseres Landes. Während viel Autoren und Zeitschriften in der Vergangenheit düstere Zukunftsaussichten an die Wand malten, vom „Abstieg eines Superstars“ (Gabor Steingart) sprachen oder die „fetten Jahre vorbei“ wähnten (Spiegeltitel).

 

Thomas Straubhaar zeigt in seinem Buch, dass das Gegenteil der Fall ist. Besonders dramatisch zeigt sich die Fehleinschätzung nach ihm bei einem Vergleich, wie sich die realen Pro-Kopf-Einkommen in der letzten Dekade verändert haben. Mitte der 2000er-Jahre erreichte Deutschland ziemlich genau den Durchschnitt aller hoch entwickelten Volkswirtschaften. Ein Jahrzehnt später liegt die Bundesrepublik zehn Prozent voran.

 

In einem das Buch begleitenden Artikel schreibt Straubhaar:

„Abstieg und Untergang sehen anders aus. Es gibt kaum einen sozioökonomischen Indikator, bei dem Deutschland heute schlechter dasteht als vor einer Dekade. Die Bevölkerung lebt besser, länger und gesünder. Die Lebenserwartung bei Geburt ist weiter gestiegen, um zwei Jahre für Mädchen auf über 83 Jahre und für Jungen gar um drei auf mehr als 78 Jahre. Alleine schon, dass Deutschland wie ein Magnet auf Erwerbssuchende aus Europa wirkt, zeigt, wie attraktiv das ‚Modell Deutschland‘ all seiner Schwächen zum Trotz gerade heutzutage unverändert ist.“

 

Sicher gibt es vor allen Dingen in der Infrastruktur des Landes einen schon lange bekannten Investitionsmangel, der dringend in den nächsten Jahren angegangen werden muss, sicher gibt es durch die Überalterung der Gesellschaft große Probleme und eine sich andeutende Ablösung der großen Koalitionen der letzten 15 Jahre löst Unsicherheiten über die politische Zukunft aus, doch zu Pessimismus besteht kein Anlass. Laut Straubhaar hat die „Stunde der Optimisten“ geschlagen.

 

Wünschen wir ihn überall, wo sie Verantwortung tragen (werden) viel Erfolg!

 

Freiraum

 

Svenja Gräfen, Freiraum, Ullstein fünf 2019, ISBN 978-3-96101-037-0

 

Nachdem Svenja Gräfens literarisches Debüt „Das Rauschen in unseren Köpfen“ nicht nur den Rezensenten begeistert hat, sondern mit seiner kunstvollen Sprache und eigentümlichen Schönheit auch andere Kritiker überzeugte, geht es auch in ihrem nun vorliegenden zweiten Roman, der bei Ullstein fünf erschienen ist, um die Geschichte eine Paares. Waren es im ersten Buch Lene und Hendrik, in deren zunächst so leichte und lockere Liebesbeziehung sich immer mehr Probleme aus der Vergangenheit des jungen Mannes mischten und die Beziehung gefährdeten, sind es in  der Beziehung der beiden jungen Frauen Vela und Maren eher gegenwärtige Geschehnisse, die die Beziehung der beiden unter eine große Belastungsprobe stellen.

 

Über die Schilderung der privaten  Situation der beiden Frauen nähert sich Svenja Gräfen zwischen den Zeilen aber immer wieder sehr schnell dem Poltischen und der Frage, die die Generation der nach 1990 geborenen Menschen umtreibt: wie wollen wir leben?

 

Mit fast zärtlichem Mitgefühl beschreibt die Autorin ihre beiden Protagonistinnen, die seit einiger Zeit eine glückliche Beziehung führen. Sie haben einen gemeinsame Kinderwunsch und suchen seit langem schon vergeblich nach einer größeren Wohnung, ohne die sie diesen Wunsch nicht verwirklichen können. Ihre jeweiligen Jobs sind wie die vieler in dieser Generation eher prekär und stellen selbst kleine Mieterhöhungen sie vor ernste Probleme.

Und so scheinen all ihre Träume und Pläne von einem gemeinsamen Leben mit einem Kind immer mehr an den Gegebenheiten und Anforderungen der Großstadt zu scheitern.

 

In dieser Situation, in die Gräfen ihre Leser am Beginn des Romans einführt, macht Maren ihrer Partnerin einen unerwarteten Vorschlag, dessen Realisierung vor allem Vela im Verlauf des Romans vor schwere Probleme stellen wird. Marens Schwester Jo lebt am Rande der Stadt zusammen mit anderen Menschen in einem ambitionierten Lebensprojekt  in einem großen alten Haus mit Garten, das ein Mitbewohner namens Theo geerbt hat und das er der Gemeinschaft zur Verfügung stellt. Dort ist ein großes Zimmer frei geworden (über die Umstände dieses Leerstandes erfahren wir später im Buch sehr Wichtiges) und Maren überzeugt Vela davon, dass sie beide das Angebot der Gemeinschaft annehmen und dort einziehen. Für beide bedeutet es nicht nur, mit neuen Menschen zusammenzuleben und sich in deren besondere Gemeinschaft einzufügen, sondern sie haben zu ihren bisherigen Arbeitsplätzen auch viel weitere Wege. Doch durch die idyllische ruhige Lage scheint das mehr als wettgemacht zu werden.

 

Eine ganz besondere Rolle in diesem Wohn- und Lebensprojekt spiellt, das wird mit jedem Kapitel mehr deutlich, der Eigentümer des Hauses, Theo, der als Gartenarchitekt gutes Geld verdient und sich als so etwa wie er ideologische spiritus rector der Gemeinschaft herausstellt. Ein Menschen, dessen wahren Beweggründe eher im Dunkeln bleiben (falls sie ihm selbst denn je bewusst geworden sind) und der insbesondere Vela von Anfang an suspekt ist. Es ist auch Vela, die sich mit dem Einleben in der Gruppe schwerer tut als Maren,mit ihrem Zweifeln und Gefühlen aber alleine bleibt.

 

Als Theo sich als Samenspender für Maren anbietet, als diese ihren Kinderwunsch nun in der neuen Umgebung umsetzen möchte und Maren darauf positiv reagiert, da stürzt für Vela die ganze gemeinsame Zukunftshoffnung eines Lebens mit Maren scheinbar zusammen.

 

Nach und nach werden Velas Vorahnungen über Theos Rolle im Projekt und über dessen inneren Zustand bestätigt und sie fühlt sich immer einsamer. Lediglich mit Darek, der sie mit seinem Auto oft mit in die Stadt nimmt, hat sie so etwas wie eine warme Beziehung.

 

„Freiraum“ spielt auf zwei Zeitebenen. In einer Ebene beschreibt Svenja Gräfen fortlaufend in Rückblicken, wie Vela Maren kennenlernt, wie sie sich ineinander verlieben. Der Leser erfährt von vorübergehenden Jobs, die sich als prekärer Dauerzustand entpuppen, davon, wie sich Träume junger Menschen einfach nicht verwirklichen lassen angesichts mangelndem sicheren Einkommen, steigender Mieten und erfolgloser Wohnungssuche. Diese Rückblicke bis zu dem Zeitpunkt , an dem sich Vela mit widersprüchlichen Gefühlen auf das Wohnprojekt einlässt, zeigen am Beispiel zweier Frauen, in welcher beruflichen und persönlichen Situation sich gegenwärtig viele Millenials befinden.

 

Auf der anderen Ebene des Romans beschreibt Svenja Gräfen die Menschen und ihr Zusammenleben im Haus. Ihr Versuch anders zu leben und ihr jeweiligen ganz persönlichen Probleme, sich auf ein solches Leben einzulassen. Immer mehr wird auch die besondere und nicht immer sympathische Rolle von Theo dabei klarer und so manches bisher gehütete Geheimnis kommt ans Tageslicht und bringt Unruhe in die langsam bröckelnde Gemeinschaft.

 

Mit großer Sprachkunst gelingt es Svenja Gräfen, der wohl auch biografisch konnotierten Frage nachzugehen, wie das ist mit Lebensträumen, wie es passiert, dass als Provisorium gedachte Zustände ein traumvernichtenden Endgültigkeit bekommen. Wann sollte man sich mit Realitäten abfinden und sich eingestehen, dass eben manche erträumte Lebenstüren geschlossen bleiben werden.

 

„Freiraum“ (so ist die Bezeichnung Theos für das gemeinsame Leben im Haus) ist ein nachdenklicher Roman, der am Ende trotz aller Enttäuschungen einen gewissen Spielraum lässt für ein gutes Ende von Vela und Maren. Aber es bleibt unklar.

 

Svenja Gräfen zeichnet ihre Figuren mit großem und warmherzigem Einfühlungsvermögen und scharfer Beobachtungsgabe und konnte mir als 1954 Geborenem einen Eindruck vermitteln über das Lebensgefühl vieler junger großstädtischer Menschen in der Gegenwart, ihrem Lebensgefühl und ihren Träumen von einem selbstbestimmten Leben.

 

Ich freue mich auf den nächsten Roman dieser sprachbegabten Schriftstellerin.

 

 

 

 

Ein Narzisst packt aus. Ehrlichkeit gegenüber dem inneren Kind und gesellschaftliche Anerkennung

 

 

 

Leonard Anders, Ein Narzisst packt aus. Ehrlichkeit gegenüber dem inneren Kind und gesellschaftliche Anerkennung, Tectum Verlag 2019, ISBN 978-8288-4043-0

 

Das vorliegende Buch ist eine wie ich finde gelungene Mischung aus biografischen Notizen, eigenen Therapieerfahrungen, wissenschaftlichen Erläuterungen und zahlreichen Interviews mit Experten (unter anderen Hans-Joachim Maaz). Dem seit seiner Jugend unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidende Leonard Anders gelingt es in einer wahren Fleißarbeit dem Leser und wohl auch vielen anderen von der Störung betroffenen Menschen nicht nur einen überzeugenden und grundlegenden Einblick in das Phänomen zu geben, sondern durch die Beschreibung seiner ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse vermittelt er dem nicht betroffenen, sondern nur am Thema interessierten Leser einen bewegenden und betroffen machenden Einblick in die Innenwelt eines unter narzisstischer Persönlichkeitsstörung leiden Menschen.

 

Einer der von Leonard Anders in dem Buch interviewten Fachleute, Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach schreibt zu diesem Buch:

„Die in diesem Buch vorliegende Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist ein Aufruf an die Gesellschaft, sich kritisch zu hinterfragen. Es verdeutlicht, wie unendlich wertvoll ungeteilte Aufmerksamkeit, Respekt, Einfühlungsvermögen, Wahr- und Ernstgenommenwerden, Ermutigung, Anerkennung und eine wertschätzenden Auseinandersetzung für Kinder sind.“

 

Deshalb ist das Buch nicht nur für betroffene Menschen und ihre Angehörigen zu empfehlen, sondern auch für alle, die in irgendeiner Weise an der Erziehung von Kindern beteiligt sind.

 

 

 

Die galaktische Weltraum-Mission

 

 

 

Karla Recke, Antje Hagemann, Die galaktische Weltraum-Mission, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-47355489-8

 

Vor vielen Jahren hatte der Ravensburger Verlag 2010 mit seinem TipToi Stift und den entsprechenden Büchern eine vollkommen neue  Weise ermöglicht, wie Kinder interaktiv mit Büchern und neuem Wissen umgehen können. Tip Toi ist ein audiovisuelles Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

 

Nun hat der Verlag einen neuen Stuft produziert, „TiptoiCreate“, und wird wohl alle neuen Bücher nach diesem System ausrichten. Zusätzlich zum alten Stift ist im neuen ein Mikrofon integriert, das es Kindern ermöglicht, Geräusche und Sprache selbst aufzunehmen. Nach wie vor ist der Stift leicht zu bedienen und passt in jede Kinderhand.

 

In dem vorliegenden neuen Buch von Karla Recke mit Illustrationen von Antje Hagemann erreicht Captain Fleck mit seiner Crew (sie sind alle witzige Tierfiguren, die lustig gezeichnet sind) eine geheime Nachricht aus dem Weltall. Und schon nimmt ein galaktisches Abenteuer seinne spannenden Anfang.

 

Auf der Suche nach dem Absender der geheimen Nachricht, reisen der Captain und seine Crew zu fremden Planeten. Dabei erfahren sie (und natürlich die das Buch lesenden und hörenden Kinder) Faszinierendes über den Weltraum und sie finden viele Freunde fürs Leben.

 

 

 

 

Auch auf dieser verrückten Reise durch das Welt all ist die Mithilfe der das Buch betrachtenden Kinder zwischen sechs und 9 Jahren nötig. Es gilt Geschichten zu erfinden, Logbuch zu führen oder Witze zu erzählen. Ganz spielerisch trainiert tiptoi® CREATE so die Kreativität und Sprachkompetenz kleiner Entdecker.

 

Hat man den Stift einmal angeschafft, kann er sicher für viel Jahre und viele weitere Bücher nach diesem System genutzt werden.

 

 

 

 

 

 

 

Toleranz- einfach schwer

 

 

Joachim Gauck, Toleranz- einfach schwer, Herder Verlag 2019, ISBN 978-3-451-38324-3

 

Dass ein Buch des Altbundespräsidenten Joachim Gauck über das Thema Toleranz zu heftigen Debatten führen würde, war in diesen aufgeheizten Zeiten zu erwarten. Zeiten, in denen Gauck und andere von rechts schon lange als Volksverräter denunziert werden und in denen jegliche Differenzierung zu bestimmten Themen sofort in die rechtsradikale Ecke gestellt wird.

 

Und tatsächlich ist Gauck nach seinen zahlreichen Interviews und Fernsehauftritten zur Promotion seines Buches (das ist eben so üblich) insbesondere in den „sozialen“  Netzwerken viel Hass und Häme entgegengebracht worden.

 

Dabei hätten sie besser einmal das Buch gelesen um genau zu verstehen, was Gauck eigentlich meint, wenn er von kämpferischer Toleranz spricht, die auch Gespräche und Kommunikationsversuche mit AfD-Anhängern nicht ausschließt, sofern sie nicht kriminelle Haltungen vertreten.

 

Gauck will der zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen, was helfen könnte, so etwas wie einen Heilungsansatz zu entwickeln. Dafür, so sagt er, brauchen wir einen erweiterten Begriff und eine erweitere Praxis von Toleranz einerseits und eine reflektierte Pflicht zu einer von aufklärerischen Werten geleiteten Intoleranz, die den Feinden der Freiheit sich in den Weg stellt.

 

Toleranz ist eben nicht ein Zeichen für „anything goes“ und politische  Indifferenz, sondern eine aktive und politisch bewusste Haltung, die uns und andere bereichert und unsere Gesellschaft in Zeiten schwerwiegender Umbrüche wieder zusammenführen kann:

„Wir sollten Toleranz nicht nur als Zumutung begreifen, sondern als beglückende Tugend und zugleich als ein Gebot der politischen Vernunft.“

Ein wichtiger Denkansatz von einem Politiker und Theologen, dem das, was die Menschen zusammenhält immer wichtiger war, als das was sie trennt und der die vorschnelle Unterteilung der Menschen in Böse und Gute mit der anschließenden Ausgrenzung der jeweils als Böse definierten aus dem Diskurs schon immer verurteilt hat.

 

Lieber woanders,(Hörbuch)

 

 

Marion Brasch, Lieber woanders,(Hörbuch) Argon Verlag 2019, ISBN 978-3-8398-1709-4

 

Marion Braschs neuer Roman „Lieber woanders“  erzählt auf knappem Raum eine intensive, den Leser sofort auf seltsam persönliche Weise packende Geschichte zweier Menschen, die handelt von Zufall und Schicksal, eine bewegende Geschichte über Schuld und Verluste. Eine Geschichte auch über schmerzhafte Abschiede – alles Erfahrungen, die jeder Mensch, auch der vom Buch sofort gefesselte Leser, in seinem Leben macht und auf die er eine persönliche Antwort finden muss.

 

Das Buch erzählt von der 28-jährigen Toni, die irgendwo in ihrem Wohnwagen auf dem Land lebt. Eines Tages macht sie sich auf den Weg in die Stadt, wo sie für ihre Bildergeschichten von einem Verlag zu Verhandlungen eingeladen ist. Mit dem ersehnten Geld will sie in Neuseeland einen alten Schulfreund wiedersehen.

 

Alex hat Autoklempner gelernt, als LKW-fahrer gearbeitet und ist zurzeit als Roadie mit einer Band unterwegs. Er ist verheiratet und hat eine neunjährige Tochter, aber seit etlichen Jahren betrügt er seine Frau mit einer anderen. Als er erfährt, dass seine Tochter ins Krankenhaus gekommen ist, macht er sich auf den Weg nach Hause.

 

Die beiden Hauptpersonen, die sich in der Handlung des Buches nun innerhalb von 24 Stunden aufeinander zubewegen werden, kennen sich nicht, sind aber dennoch auf eine verhängnisvolle Weise miteinander verbunden, denn sie tragen beide an einer Schuld. Toni macht sich für den Tod ihres kleinen Bruders verantwortlich und Alex leidet in seinem Doppelleben an einer Schuld, über die er noch nie gesprochen hat.

 

Irgendwann kreuzen sich ihre Wege, nachdem sie viele Umwege gemacht, Hindernisse überwunden und komische Zufälle erlebt haben. Und der Leser erinnert sich an eine Bemerkung der Autorin in einem kurzen Prolog, dass sich Toni und Alex schon einmal begegnet sind. Diese Begegnung hat das Leben beider beeinflusst. Sie haben es nicht vergessen, obwohl sie damals „lieber woanders“ gewesen wären.

 

Das, was Marion Brasch in ihrem Roman beschreibt, kann jedem von uns geschehen. Auch deshalb ist die Geschichte so nachvollziehbar und berührt den Leser persönlich, weil es ihn erinnert an Szenen und Menschen in seinem eigenen Leben und dessen Weggabelungen.

 

Marion Brasch will deutlich machen, dass wir Menschen das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, was uns geprägt und auch verändert hat, was wir an Schuld auf uns geladen haben, indem wir uns entschieden oder eben nicht entschieden haben, was wir getan oder unterlassen haben, eben nicht ändern können. Es bleibt nur, all das zu akzeptieren und zu lernen damit weiterzuleben.

 

Sie hat ihre Geschichte sehr warmherzig erzählt und mit einem feinfühligen Gespür für jene kurzen Augenblicke, die für ein ganzes Leben entscheiden können.

 

Ein starkes und sehr intensives Buch, das den Leser nicht immer angenehm mit sich selbst und seinem Leben konfrontiert.

 

Diese bewegende Geschichte über Schuld und Zufall in einem Hörbuch zu hören, ist mit der vorliegenden Einspielung ein ganz besonderes Erlebnis. Marion Brasch selbst spricht die Worte der auktorialen Erzählerin. Die Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer leiht Toni ihre sympathisch raue Stimme und Thorsten Merten, ebenfalls Schauspieler interpretiert die Figur des Alex.

 

Im Zusammenspiel der drei Stimmen wird die Handlung als Hörbuch zu einem unvergesslichen Gesamterlebnis und schenkt dem Leser des Buches beim Hören noch einmal völlig neue Eindrücke und Einsichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Raupe Berta hoch im Baum

 

Dirk Schmidt, Barbara Schmidt, Raupe Berta hoch im Baum, Kunstmann Verlag 2018, ISBN 978-3-95614-263-5

 

Wieder haben Dirk und Barbara Schmidt im Kunstmann Verlag ein wunderbares Bilderbuch vorgelegt. Dirk Schmidt hat dazu die sympathische Figur einer kleinen Raupe namens Berta erfunden und Barbara Schmidt hat ihr mit ihren Illustrationen eine zarte und witzige Gestalt gegeben.

 

Die Raupe Berta lebt hoch oben in einem Baum und ist gerade dabei, mit einem elektrischen Rasierer ihren zarten Flaum zu rasieren. Als ein Vogel fast auf ihren Kopf kackt, erschrickt sie so sehr, dass ihr der Rasierer aus der Hand und auf den Waldboden fällt.

 

Langsam kriecht sie vom Baum herunter um ihn zu suchen. Bei dieser Suche trifft sie auf dem Weg nach unten mehrere interessante Nachbarn, die zwar nichts von den Rasierer gesehen haben, ihr (und den Kindern) aber viel und ausführlich erzählen, was sie gerade treiben. Der Tausendfuß zählt seine Schleifen, die Schnecke streicht ihr Haus mit vielen unterschiedlichen Farben, von denen ihr eine schon heruntergefallen ist, der Specht schnitzt eine schöne Figur aus einem Baum und auch die Spinne ist sehr mit dem Bau ihres Netzes beschäftigt. Vom Rasierer keine Spur.

 

Als Raupe Berta endlich unsanft am Boden angekommen ist,  sieht sie den Igel mit ihrem Rasierer in den Hand. Doch was ist mit seinen Stacheln passiert? Durch den Farbtopf, der der Schnecke vom Baum gefallen ist, hat er violette Stacheln, die er sich schon akkurat getrimmt hat.

 

Und Berta hat ihren Rasierer wieder.

 

Eine schöne, originelle und in wunderbaren und sprachlich witzigen Reimen verfasste Geschichte mit den für Barbara Schmidt typischen Illustrationen, die man schon in den vier früheren bei Kunstmann erschienenen Bilderbüchern schätzen gelernt hat.

Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise

 

 

 

 

 

Oskar Negt, Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise, Steidl 2019, ISBN 978-3-95829-522-3

 

In diesen Tagen im Juni 2019 wurde der weltweit geachtete Philosoph Jürgen Habermas 90 Jahre alt. Einer seiner Schüler war der zehn Jahre jüngere Oskar Negt, der hier den zweiten Band seiner autobiographischen Spurensuche vorlegt.

 

Wie schon im ersten Band seiner Erinnerung , der 2017 unter dem Titel „Überlebensglück“ erschienen ist und von den Erfahrungen seiner durch die Flucht geprägten Kindheit und den ersten Jahren nach dem Krieg bis zu Negts Hochschulreife handelte, wechselt er auch in dem hier vorliegenden Band „Erfahrungsspuren“ zwischen biographischen Erinnerungen tiefgehenden philosophischen und politischen Reflexionen.

 

Nun, da er in Oldenburg sein Abitur abgelegt hat, zieht es ihn nach Frankfurt, wo in der sogenannten Frankfurter Schule die Philosophen Horkheimer, Adorno und Habermas  eine große Schar junger Menschen anziehen, die wie Negt nach Wahrheit suchen und die Gesellschaft verändern wollen.  Dort beginnt eine in dem Buch beschriebene beeindruckende „Denkreise“, die auch in der Gegenwart bei dem mittlerweile 80-jährigen Negt längst nicht an ihr Ende gekommen ist.

 

Oskar Negts bewegte Studienzeit endet damit, dass er als noch sehr junger Mann von Jürgen Habermas zum Assistenten gemacht wird. Neben dem Beginn eigener Lehrveranstaltungen tritt Oskar Negt in diesen Jahren weit mehr als seine philosophischen Lehrer in der sich bildenden außerparlamentarischen Opposition mit Vorträgen und Kampfschriften auf und wird einer ihrer viel beachteten Wortführer. Wie kaum ein anderer sucht er schon sehr früh die politischen Auseinandersetzungen mit der RAF, deren Weg er für verhängnisvoll und für die Befreiung der Gesellschaft, der auch er sich verpflichtet weiß, kontraproduktiv hält.

 

Mit 36 Jahren erhält er 1970 einen C 4 Lehrstuhl an der Universität Hannover, wo er bald schon eine neue Gruppe von Schülern um sich schart, unter anderem den genialen Detlev Claussen, bei dem ich als Student in vielen selbstorganisierten Seminaren eine Menge gelernt habe.

 

Aber Negts Arbeit beschränkt sich nie nur auf die akademische Lehre, deren Praxis er in dem Buch zusammen mit seiner Ehefrau Christine Morgenroth reflektiert, sondern er engagiert sich in der gewerkschaftlichen Bildungs- und Kulturarbeit und begleitet sie mit vielen Publikationen, die noch heute lesenswert sind. Mit dem Projekt „Glocksee“ zählt er mit seinem Kollegen Thomas Ziehe zu den Gründern eines alternativen Schulmodells, das zu gleichen Teilen auf soziale Integration und individuelle Förderung setzt. Noten werden erst in der zehnten Klasse vergeben. An der Schule lernen bis heute etwa 210 Schüler.

 

Ich konnte als in den 70 er Jahre politisch sozialisierter Zeitgenosse, der das Wirken von Oskar Negt auch über das damalige Sozialistische Büro in Offenbach immer aufmerksam verfolgt hat, in dem Buch von einer Mange interessanter Begegnungen und lebenslangen Freundschaften lesen und mich gefangen nehmen lassen von einer nach wie vor unerschütterlichen Wahrheitssuche und Veränderungshoffnung.

 

Am Ende des Buches schreibt er: „Wir dürfen nicht warten, bis das Gemeinwesen verrottet ist und die moralische Verkrüppelung ein gesellschaftliches Klima geschaffen hat, das die Mühe um Anstand und politische Urteilskraft immer beschwerliche rund vielfach aussichtslos werden lässt.“

 

Ein beeindruckendes Leben voller „Erfahrungsspuren“.

 

 

 

Geschichte einer Ehe

 

 

 

 

Geir Gulliksen, Geschichte einer Ehe, Luchterhand Verlag 209, ISBN 978-3-630-87605-4

 

Norwegen ist in diesem Jahr 2019 das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Der Luchterhand Verlag hat mit der Veröffentlichung des Romans „Geschichte einer Ehe“ von Geir Gulliksen schon jetzt einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Denn Geir Gulliksen ist in Norwegens Literaturszene kein Unbekannter. Als Verleger und Autor hat er sich dort schon lange einen Namen gemacht. Und so ist es auch kein Zufall, dass das in Norwegen 2015 erschienene Buch in etlichen anderen europäischen Ländern publiziert wurde, bevor es von Ursel Allenstein im Auftrag von Luchterhand ins Deutsche übersetzt wurde.

 

Ein Mann namens Jon erzählt darin die Geschichte seiner Ehe mit Timmy. Sie führen eine gute Ehe, sie sind glücklich miteinander und mit ihren Kindern. Jedenfalls sind sie das eine lange Zeit. Das mag auch damit zusammenhängen, dass der Journalist und Autor etwas ist, was man seit Längerem einen modernen Mann nennt, auch in Norwegen. Er teilt sich mit seiner Frau den Haushalt und kümmert sich um die Kinder, damit seine Frau Timmy Karriere machen kann. Sie arbeitet als Ärztin bei den norwegischen Gesundheitsbehörden Sein Beruf ermöglicht ihm flexible Arbeitszeiten. Und so scheint das, was in sehr vielen Beziehungen ein großes Problem ist und nicht selten zu ihrem Scheitern führt, bei Jon und Timmy geregelt. Und es scheint nicht unwesentlich zu ihrem Glück beigetragen zu haben. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als das Buch beginnt.

 

Denn schon zu Anfang ist klar: Timmy hat nach 20 Jahren Ehe einen anderen Mann kennengelernt und erklärt die Beziehung für gescheitert.

 

Es ist passiert, was sie beide nie für möglich hielten, denn eine außergewöhnlich große Liebe hat die beiden in die Ehe geführt. Zunächst glaubt der Leser dem Erzähler Jon, der verzweifelt zurückblickt und seine Ehe als  „ein langes Gespräch, das 20 Jahre angehalten hat“ bezeichnet.

 

Doch im weiteren Verlauf des Romans stellen sich Jon und erst Recht dem Leser viele Fragen. Geir Gulliksen ist sehr sparsam damit, diesen Fragen auch Antworten oder auch nur Vermutungen folgen zu lassen.

 

Und so ermöglicht der nüchtern-nordische Stil des Buches dem Leser sehr schnell, seine eigenen Erfahrungen und Gedanken in die Lektüre einzubringen. Er wird sehr schnell in einen regelrechten Sog gezogen, und obwohl man sehr schnell sicher ist, dass das alles nicht gut ausgehen wird, sieht man sich besonders als männlicher Leser stark in die Gefühle und den Schmerz verwickelt, die Jon ausführlich beschreibt.

 

Was hat diese Liebe zerstört, was hat wohl über eine längere Zeit ihren ehemaligen  Zauber und ihre Kraft unterhöhlt und gebrochen?

 

Man folgt der Erzählung mit zunehmender Irritation und der immer stärker werdenden Unsicherheit darüber, ob zu viel gegenseitig zugestandener Freiheit und Unabhängigkeit irgendwann sich als immer stärker werdende Versuchung rächt.

 

Am Ende hatte ich fast so etwas wie Verständnis für die Flucht von Timmy vor einer Ehe, die mit einem Mann mit teilweise skurrilen angeblich modernen und liberalen Ansichten für sie wohl irgendwann zum Gefängnis geworden ist, in dem sie nicht mehr richtig atmen konnte.

 

Und da anfängliche Mitgefühl mit dem verlassenen Mann, der seinem Schmerz und seinen Verletzungen nachsinnt, weicht so etwas wie Verachtung für seine unmännliche Schwäch und sein an Selbstverachtung grenzendes Verständnis für alles, was sein Frau tut und will.

 

Ein Roman, der wohltuend auf Antworten  verzichtet.