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Stella

 

 

Takis Würger, Stella, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-25993-5

 

Der Spiegelredakteur Takis Würger hat nach seinem vielgelobten Debütroman „Der Club“, der 2017 bei Kein und Aber in Zürich erschien nun den Verlag gewechselt. Sein neuer Roman „Stella“ wird von Hanser in München verlegt und hat schon kurz nach seinem Erscheinen in der Szene der Kritiker heftige Reaktionen ausgelöst. Dazu später einige Worte.

 

Der Roman erzählt zunächst von der Kindheit und Jugend des 1922 in der Schweiz geborenen Friedrich, Sohn eines sehr reichen  Samthändlers und einer alkoholabhängigen Mutter. Sein Vater erzieht ihn dazu, immer die Wahrheit zu sagen und ihr verpflichtet zu sein. Als er eines Tages mit anderen Jungen einen Kutscher mit Schneebällen bewirft und das auf dessen Vorhaltungen auch zugibt, verletzt dieser ihn schwer im Gesicht. Durch diese Verletzung, von der eine große Narbe an der Wange zurückbleibt, wird er farbenblind und kann fortan keine Farben mehr erkennen. Seine Mutter ist eine glühende Verehrerin von Hitler und seiner Bewegung.

 

Erwachsen geworden zieht es Friedrich nach Berlin, wo er in einer Kunstschule Unterricht nimmt. Er will herausfinden, was es mit den angeblich so starken Deutschen auf sich hat, und ob die Gerüchte über die Möbelwagen stimmen, mit denen die Juden im Schanzenviertel abgeholt werden. Sein reicher Vater, der nach dem Ende seines lukrativen Samtgeschäftes nach Istanbul gezogen ist und dort die Sufis studiert, finanziert seinem Sohn Friedrich das ganze Jahr 1942 über (über diesen Zeitraum erstreckt sich auch die Handlung des kurzen Romans) einen Aufenthalt im teuersten Hotel Berlins, dem Adlon.

 

Bei seinem Kunstunterricht lernt Friedrich in der ersten Stunde jene junge Frau kennen, die den Schülern Modell gestanden hat. Sie heißt Kristin und nimmt den unbedarften Friedrich mit in die Clubs Berlin, trinkt Champagner und Kognak mit ihm. Mit ihr hat der junge Schweizer seine ersten sexuellen Erfahrungen. Der Krieg, dessen Verlauf Takis Würger zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen des jeweiligen Monats kapitel- und monatsweise dokumentiert, scheint weit weg.

 

Eines Tages bleibt Kristin tagelang verschwunden, bevor sie an einem frühen Morgen, schwer verletzt und mit blutigen Striemen im Gesicht an Friedrichs Hotelzimmertür klopft und ihm gesteht, ihn bisher über ihre wahre Identität belogen zu haben. Sie ist Jüdin, heißt Stella Goldschlag und die Gestapo hat ihre falsche Identität enttarnt. Ihre Eltern sind verhaftet worden und nur wenn Stella als sogenannte  „Greiferin“ der Gestapo ihr bekannte Juden für die Verhaftung und Vernichtung zuführt, kann  sie ihre Eltern vor der Deportation bewahren. Stella lässt sich darauf ein, und so wie die historische Stella Goldschlag wird sie auch weiter Juden verraten, auch nachdem ihre Eltern längst in einem KZ umgekommen sind.

Friedrich, der sich in Stella verliebt hat, wie besessen von ihr ist und sich auch mit dem SS-Offizier Tristan van Appen, der Stella seit langem kennt, gut versteht, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Selbstachtung und seiner Entrüstung darüber, was Stella da tut und seiner Liebe zu ihr. Mit Hilfe seines Vaters wird der den Leiter des KZ-Gefängnisses Walter Dobberke vergeblich versuchen zu bestechen.

 

Am Ende wird er mit zwei Gefühlen in die Schweiz zurückfahren. Das erste ist die Erkenntnis, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, obwohl sein Vater das in seiner Kindheit abstritt. Das zweite Gefühl ist Dankbarkeit Stella gegenüber: „Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist.“

 

Immer wieder zitiert Takis Würger aus den originalen Protokollen eines Sowjetischen Militärtribunals über die hunderte von Fällen, in denen Stella Goldschlag Juden an die Gestapo verraten hat.

 

Das Buch hat wie zu Beginn erwähnt, sehr schnell eine noch andauernde so schon lange nicht mehr geführte Kritikerdebatte ausgelöst, in der es keine Zwischentöne mehr zu geben scheint.

 

Zugegeben, die Erfindung jenes doch ziemlich naiven jungen Schweizers, dem offenbar auch in diesen Zeit 1942 das Geld nicht ausgeht (schwer vorstellbar), der nach Berlin zieht und dort die historische Stella Goldschlag trifft und sich in sie verliebt, als Rahmen für ein Porträt dieser Frau und der Fragestellung der Bewertung ihrer Taten, scheint nur als Notlösung haltbar. Denn Stella Goldschlag selbst erzählen zu lassen, diesen Schritt hat der Autor nicht gewagt.

 

Doch die sehr grundsätzlich und moralisch gestellte Frage geistert durch die Feuilletons, ob man ein solches Thema auf diese Weise darstellen darf und kann. Während die Kulturredaktion des NDR das Buch zum „Buch des Monats“ gewählt hat, lehnen es andere zum Teil mit Empörung ab, so als hätte Takis Würger hier ein größtmögliches Sakrileg begangen. Es geht dabei um den Vorwurf der Effekthascherei, des Kitsches, die Tatsache, dass Würger beim Spiegel arbeitet, weckt bei vielen Assoziationen zum Fall Relotius. Letztlich geht es um die Frage: darf man in Deutschland über die Nazizeit und oder eine jüdische Hauptfigur auf eine so kurzweilige und unterhaltsame Weise schreiben? Darf ein Buch über ein solches Thema von einem Nichtjuden geschrieben werden und darf es unterhaltsam sein?

 

Hannah Lühmann schrieb in der WELT: „Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch über eine entsetzliche Zeit zu schreiben?“

 

Das habe ich mich beim Lesen und Schreiben auch gefragt. Dass man an der nun wirklich naiven männlichen Hauptperson einiges kritisieren kann, okay. Aber einem Autor quasi zu untersagen, eine solche Geschichte zu erfinden, grenzt an hypermoralische Zensur.

 

 

Parker

 

 

 

Matthias Göritz, Parker, C.H.Beck Verlag 2018, ISBN 978-3-406-70063-7

 

Mit einem auch international sehr erfolgreichen Buch über Coaching hat sich Matthew Parker einen Namen gemacht. Er hat jahrelang in den USA gelebt, hat mit seiner unbestrittenen Beraterkompetenz sogar eine Rolle in Barack Obamas Präsidentschaftswahrkampf  gespielt. Während er beruflich kurz vor einem Wendepunkt in seiner Karriere steht (und zwar in Richtung Absturz) hat Parker diesen in seinem Privatleben schon hinter sich, bzw. steckt mittendrin. Seine letzte Freundin hat ihn vor die Tür gesetzt, auch sie konnte seine permanente Flucht vor größerer Nähe und sein notorisches Fremdgehen nicht mehr ertragen. Schon als Student hatte er mit seiner Flucht in die USA die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft und seiner Vergangenheit gescheut.

 

Nun  scheint ihn alles wie einzuholen. Er ist praktisch pleite, konnte während der Jahre des Erfolgs nicht mit Geld umgehen, der Verkauf seines schon in die Jahre gekommenen Buches geht gegen Null und er braucht dringend nicht nur Geld, sondern was für Menschen seines Schlages eine ebenso lebensnotwendige Droge ist: den Erfolg.

 

Da wird er durch die Vermittlung seines väterliches Freundes Eberhard Jansen nach Deutschland eingeladen, wo er gegen gutes Honorar in Kiel ein einwöchiges Rhetorikseminar halten soll.

 

Außerdem versucht Jansen, Matthew Parker als Berater in die Mannschaft eines nach Höherem strebenden mächtigen schleswig-holsteinischen Lokalpolitikers namens Mahler zu schleusen. Er soll von seiner Partei zu einem ganz Großen aufgebaut werden.

 

Er macht mit und findet in der ehrgeizigen und in der politischen Intrige erfahrenen Anneli Schneider, Mahlers wichtigster Mitarbeiterin, eine nicht nur erotische Herausforderung.

 

Auf dem Hintergrund einer politischen Kampagne, die den gegenwärtigen Politikbetrieb ironisiert, dann aber nicht wirklich weiterverfolgt wird, erzählt Matthias Göritz die Geschichte eines global vernetzten Arbeitsnomaden, der orientierungslos und beziehungsunfähig durch sein Leben irrt, sich niemals wirklich festlegen will und erst recht vor jeder privaten Bindung flüchtet. Man mag gar nicht wissen, wieviel dieser wenig lebenstüchtigen „Berater“ sich in den gegenwärtigen Politikfeldern nicht nur unseres Landes tummeln. Ohne innere Orientierung, nur nach dem Erfolg schielend, haben sie ihren eigenen Anteil an der Verdrossenheit immer zahlreicher werdender Bürger.

 

Göritz` gegen Ende des Buches angedeutete mögliche Wendung im Leben von Parker wird er wieder nicht ergreifen können, das war mein deutlicher Eindruck, als ich das Buch nach durchaus unterhaltsamer Lektüre wieder aus der Hand legte.

 

 

Geisterbahn

 

 

 

Ursula Krechel, Geisterbahn, Jung und Jung 2018, ISBN 978-3-99027-219-0

 

Auch in ihrem neuem wieder inhalts- und seitenmächtigen Roman „Geisterbahn“ setzt Ursula Krechel ihre schon in ihren beiden Büchern „Shanghai fern von wo“ und in dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Landgericht“ begonnene historische Rekonstruktionsarbeit fort.

 

In „Geisterbahn“ erzählt sie, ein ganzes Jahrhundert umspannend, die Geschichte einer deutschen Familie, der Dorns. Die Dorns sind Sinti und sind während des Dritten Reiches durch die mörderische Rassenpolitik der Nationalsozialisten mit ihrer ganzen Familie von der Vernichtung bedroht. Sterilisation, Verschleppung und Zwangsarbeit und schließlich der Tod in KZ`s – viele Menschen dieser Familie erleiden während des Dritten Reiches Fürchterliches.

 

Als der Krieg zu Ende ist, haben die überlebenden Dorns nicht nur den Großteil ihrer ehedem großen Familie verloren, sondern auch jegliches Vertrauen in Nachbarn oder Institutionen und stehen vor dem existenziellen Nichts.

 

Und nun sitzen sie in einer Grundschulklasse zusammen: Anna, das jüngste der Dorn-Kinder, die Tochter von Kommunisten und der Sohn eines Nazi-Polizisten.

 

Ursula Krechel erzählt die Geschichte dieser Kinder und die ihrer jeweiligen Eltern. Die Eltern dieser Kinder haben eines gemeinsam: sie schweigen ihren Kindern gegenüber über das, was Jahre zuvor geschehen ist. Sie schweigen über ihr Opfer- und Tätersein.

Wer auf welche Weise überlebt hat, aus Zufall oder durch eigenes geschicktes Zutun, danach fragt niemand. Diese Kinder teilen vieles, nur nicht die Geister der Vergangenheit.

 

Am Beispiel dieser Kinder, ihrer Familien und ihrer Geschichte hängt Ursula Krechel ihren ein knappes Jahrhundert umspannenden Familienroman auf.  Kunstfertig und mit einer wunderbar eleganten und poetischen Sprache, die immer wieder, wie schon in den Büchern zuvor, die Lyrikerin erkennen lässt, beschreibt Ursula Krechel auf eine sehr bewegende und berührende Weise davon, wie sich die Geschichte spiegelt in den Brüchen und den vielfältigen Verheerungen, die sich in die Lebensgeschichte der einzelnen Figuren eingeschrieben, ja geradezu eingebrannt haben.

 

Und wieder, wie schon in den Büchern zuvor, gelingt es ihr mit ihrer seltenen Sprachkunst eine atmosphärische Dichte herzustellen, in der das vermeintlich Vergangene, schon lang Vergangene, auf eine geradezu den Leser bedrängende Weise gegenwärtig und aktuell wird.

 

Die sich über mehrere Weihnachtstage hinziehende Lektüre dieses Buches und meine Erfahrung damit, standen in einem immer wieder verstörenden Gegensatz zu der Botschaft dieses Festes.

 

Sechs Jahre hat es seit dem letzten mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Landgericht“  gedauert, bis die in Berlin lebende Ursula Krechel mit ihrem neuen Buch fertig war.

 

Das Warten hat sich gelohnt. Ursula Krechel zählt für mich zu den wichtigsten  zeitgenössischen Schriftstellerinnen deutscher Sprache.

 

Die schwere Hand. Avi Avraham ermittelt

 

 

Dror Mishani, Die schwere Hand. Avi Avraham ermittelt, Zsolnay 2018, ISBN 978-3-552-05884-2

 

Dror Mishani ist als Literaturprofessor in Jerusalem seit langem spezialisiert auf die Geschichte der Kriminalliteratur. Sich auf diesem Gebiet hervorragend auszukennen, war aber keine Versicherung dafür, dass der erste eigene Versuch, einen Kriminalroman zu schreiben, auch erfolgreich sein würde und eine entsprechende Qualität haben würde. Dennoch schlug im Jahr 2013 sein erster Roman „ Vermisst“ nicht nur in Israel voll ein und begeisterte die Kritik und die Leser. Auch der damals noch lebende Henning Mankell nannte das Buch von seinem Verlag um eine Stellungnahme gebeten „originell und hervorragend“ und war von Mishanis Hauptfigur Avi Avraham begeistert.

 

Mit ihm hat ein ganz spezieller Ermittler die Bühne der internationalen Kriminalliteratur betreten. Seine Fälle spielen in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der zunächst noch alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

Im ersten Band, als er nach einem verschwundenen Jungen sucht, lässt er zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen und leidet in der Folge schwer unter seinen Fehlern.

 

Er nimmt eine Auszeit und lernt in Belgien eine Frau kennen. Die nicht unkomplizierte Entwicklung der Beziehung von Avi Avraham zu dieser Frau ist neben einem neuen Fall das Thema des 2015 erschienenen zweiten Bandes der Reihe.

 

 

Nun, nach dreijähriger Pause. Legt der Zsolnay Verlag den dritten Band der Reihe vor, mit dem sich nach Meining des Krimiexperten der ZEIT, Tobias Gohlis, endgültig in die Weltspitze der Krimiautoren geschrieben hat.

 

Die Handlung spielt 2014 oder 2015 wieder in Cholon. (Das Buch ist in Israel schon 2015 erschienen). Marianka, die Frau, die er Belgien kennen- und lieben gelernt hat, ist mittlerweile zu ihm nach Tel Aviv gezogen und sie kann beruflich auch wegen er mangelnden Sprachkenntnisse noch nicht Fuß fassen. Sehr zum  Leidwesen ihrer Eltern, die sie bei einem Besuch der davon überzeugen wollen, wieder nach Hause nach Belgien zu kommen. Wie schon in Band zwei verfolgt Mishani die Entwicklung dieser Beziehung in einem Nebenstrang, der aber wie zu erwarten war wohl bis zum vierte band offen bleibt. Der Rezensent ist skeptisch ob diese junge Beziehung angesichts der Problem, mit denen sie konfrontiert ist, überleben kann.

 

Zu seiner großen Überraschung ist Avi Avraham vor einiger Zeit zum Leiter der Ermittlungsbehörde von Cholon-Ayalon ernannt worden und wird gleich zu Beginn des neuen Buches mit seinem ersten Mordfall betraut, den er in eigener Verantwortung lösen muss.

Avi kennt die ermordete Lea Jäger, denn sie war vor einigen Jahren das Opfer einer Vergewaltigung, die Avi bearbeitet hat. Der damalige Täter kommt nicht in Frage, weil er wegen der Tat verurteilt, noch im Gefängnis sitzt. Avis Chef und sein bei der Beförderung übergangener missgünstiger Kollege gehen sehr schnell davon aus, dass Lea Jägers Sohn der Täter war.

 

Doch Avi Avraham folgt einer anderen Spur. Denn es taucht in den Ermittlungen bei den Zeugenbefragungen die Figur eines Polizisten auf, der Vergewaltigungsopfer anruft und sie noch einmal verhören will.

 

In einem Erzählstrang, den Dror Mishani geschickt im  Lafe des buches mit dem ersten ich verbinden lässt, wenn er der überraschenden Lösung des Falls näherkommt, wird erzählt von der jungen Mali. Sie ist vor einigen Jahren bei einem betrieblichen Aufenthalt in einem Hotel in Eilat vergewaltigt worden. Die damaligen Ermittler der Polizei hatten damals erhebliche Zweifel an ihrer Darstellung des Geschehens und so  muss sie damit leben, dass der Täter immer noch nicht gefasst worden ist. Immer noch leidet sie unter Albträume, wenn sich „die schwere Hand“ des Täters auf sie legt. Ihr Mann Coby ist ihr bis auf den heutigen Tag immer mit zärtlichem Verständnis begegnet, doch er hat Probleme seine Jobs zu behalten. Immer wieder wird der ehemalige Mitarbeiter des Geheimdienstes entlassen, weil er seine Gefühle nicht im Griff hat. Er zieht sich immer weiter zurück und wird Mali immer fremder. Und zunehmend ahnt Mali zunächst gegen viele innere Widerstände kämpfend, dass ihr Mann Coby nicht nur Probleme damit hat, dass er seine Familie nicht ernähren kann, sondern dass hinter seinem immer seltsamer werdenden Verhalten mehr steckt.

 

Schon bald wird dem Leser deutlich. Dass dieser zweite Erzählstrang etwas mit dem Mordfall zu hat. Doch Mishani kommt es weniger darauf an, die Aufklärung bis zur letzten Seite offen zu lassen, sondern sein Interesse liegt in der sensiblen Beschreibung der seelischen Zustände der Menschen, die auf unterschiedliche Weise Opfer eine Vergewaltigung geworden sind.

 

Auch Mishanis neues Buch ist Krimikunst vom Feinsten, von hoher Intensität. Er wechselt gekonnt zwischen der Sicht des Ermittlers und der der Beteiligten, und doch bleibt bis zum Ende etwas offen, was den Leser lange weiter bewegen wird.

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren.  Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neuen Partnerin weiter reifen. Es ist, nachdem er sich im Beruf wieder gefangen hat, das größte Problem, das er zu lösen haben wird. Sind wir gespannt, ob und wie ihm das im vierten Band gelingen wird.

 

 

 

 

Giraffe und ab ins Bett

 

 

 

David Grossman, Giraffe und ab ins Bett, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26053-5

 

 

Zum größten Teil in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als seine eigenen Enkel noch klein waren, hat der große israelische Schriftsteller und Friedenspreisträger David Grossmann eine ganze Menge Gutenachtgeschichten für sie geschrieben. Teilweise sind sie damals in eigenen Bilderbüchern erschienen, lange waren sie nicht mehr zugänglich.

Nun hat der Hanser Verlag alle Geschichten von Ruthi, Jonathan, Joram und anderen in einem von Henrike Wilson traumhaft illustrierten Hardcoverband wieder aufgelegt und sie so einer ganz neuen Generation von vorlesenden Eltern und ihren Kindern wieder zugänglich gemacht. Die älteren Geschichten von Joram hat schon damals Mirjam Pressler übersetzt. Die anderen, die in diesem schönen Buch versammelt sind, hat Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.

David Grossmann, neben dem gerade verstorbenen Amos Oz für mich der größte Schriftsteller Israels der letzten 50 Jahre, sagt zu seinen Geschichten und zu den Wesen, für er sie geschaffen hat:
„Diese Energie, die Welt zu erforschen – ich liebe es, für Kinder zu schreiben.“

Das letzte Buch, das er für Erwachsene vorlegte, war das Buch „Kommt ein Pferd in die Bar“ aus dem Jahr 2016, dessen Sog, Dramatik und Emotionalität ich mich damals nicht entziehen konnte. Nun wo die Stimme von Amos Oz fehlt, erhoffe ich mir bald einen neuen Roman von Grossman.

Verwirrnis

 

 

 

 

Christoph Hein, Verwirrnis, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-51842822-1

 

Der neue Roman von Christoph Hein erzählt auf dem Hintergrund der Nachkriegsgeschichte der DDR die Geschichte zwei homosexueller Freunde.

Friedeward Ringeling und Wolfgang Zernick wachsen beide in Heiligenstadt im streng katholischen Eichsfeld auf. In beiden Elternhäusern spielt die Religion auch im neuen sozialistischen Staat eine große Rolle. Friedewards Vater ist ein strenger Lehrer, der ihn und seinen Bruder Hartwig bei jedem möglichen Vergehen mit dem Siebenstriemer schlägt. Wolfgangs Vater ist Kantor der örtlichen Kirchengemeinde und regiert in seiner Familie weitaus weniger streng.

 

Friedewald und Wolfgang lieben sich und erleben auf vielen Zelturlauben an der Ostsee ihr Coming-Out. Natürlich darf keiner im katholischen Heiligenstadt von ihrer verbotenen Liebe erfahren. Würde ihre Beziehung entdeckt, würden die beiden in der Schule sehr erfolgreichen jungen Männer alles verlieren.

 

Nach ihrem erfolgreichen Abitur gehen beide nach Leipzig zum Studium. Während Friedeward nach einem Semester in Jena schon sein Fach wechselt, nach Leipzig zieht und schließlich mit wachsender Begeisterung und großem Erfolg Germanistik studiert, widmet sich Wolfgang dem Studium der Musik und wird später mit wechselndem Erfolg als Kantor arbeiten.

 

In Leipzig entfliehen sie der Enge des Eichsfelds, tauchen ein in eine Welt von berühmten und gefeierten Intellektuellen und erleben eine vorher nicht gekannte Freiheit. Sie lernen die sympathische Jacqueline kennen, die eine heimliche Beziehung zu einer älteren Dozentin namens Herlinde hat, die sie ein Leben lang führen wird. Diese Freundschaft zu Jacqueline wird Friedeward lange schützen und auch die junge Frau hat mit ihrer Beziehung zu dem bald zum Assistenten aufsteigenden Friedeward ein willkommenes Alibi.

 

Später, als nach dem 17. Juni 1953 und erst recht nach dem Mauerbau 1963 die Verhältnisse rigider werden und auch der berühmte Hans Mayer, der bald schon zum väterlichen Mentor von Friedeward geworden ist, seine Privilegien verliert und schließlich in den Westen flieht, kann nur noch die Heirat Friedewards mit Jacqueline ihn in der Fakultät weiter schützen.

 

Christoph Hein nimmt seinen Leser mit in die Geschichte Leipzig zwischen 1950 und 1993, seine berühmte Universität und ihre auch im Westen bekannten und anerkannten Gelehrten, „auf die ganz Leipzig stolz war und die überall in der Stadt, in jedem Café mit bewundernden Blicken bedacht wurden und deren Namen selbst den Taxifahrern vertraut waren…, die heimlichen, die eigentlichen Fürsten von Leipzig“.

Sein Roman ist eine berührende Geschichte zweier homosexueller Männer, die sich später trotz verschiedener Wege nie aus den Augen verlieren und gleichzeitig ein lebendiges Panorama deutschen Geisteswesens.

 

Er wirft, wenn er die Zeit nach der Wende beschreibt, einen sehr kritischen Blick darauf, wie nach der Wende auch die Universitäten abgewickelt und unzählige wissenschaftliche Existenzen für immer zerstört wurden. Gleichzeitig ist es eine Hommage an den unvergessenen Germanisten Hans Mayer, in dessen geistige Nähe Hein seinen Protagonisten Friedeward angesiedelt hat.

 

Friedewards trauriges Lebensende 1993 zeigt nicht nur die persönlichen Folgen einer rigiden Wendepolitik, sondern auch, wie noch vor 25 Jahren bei aller Liberalität Homosexuelle ihre Sexualität und Liebe verstecken mussten.

 

„Verwirrnis“ ist deshalb ein doppeldeutiger Titel eines Buches, das nüchtern erzählt ist und doch zu seinen Figuren eine große Nähe spüren lässt.

 

Nicht nur wegen diesem neuen Buch zählt Christoph Hein zu den wichtigsten Zeitzeugen der Geschichte der DDR und der Wendezeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und jeden Morgen das Meer

 

Karl-Heinz Ott, Und jeden Morgen das Meer, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25995-9

 

In seinem neuen kleinen aber inhaltlich und stilistisch schwergewichtigen Roman erzählt der Schriftsteller Karl-Heinz Ott die Geschichte der in der Jetztzeit des Romans 62-jährigen Sonja. Über dreißig Jahre lang war sie Chefin eines altehrwürdigen Familienhotels am Bodensee. Und jetzt führt sie eine abgetakelte Pension in einem Dorf am Meer in einer der einsamsten Gegenden des ansonsten schon hinterwäldlerischen Wales. Jeden Morgen hört sie das Meer und geht auch zu einem Felsen, voller Gedanken an ihren eigenen Tod, den sie imaginiert und manchmal regelrecht herbeisehnt. Nur ein Sprung und sie wäre erlöst von einem Schicksal, das sie hart getroffen hat.

 

Doch Sonja gibt nicht auf. Immer zwischen der Gegenwart im verlassenen Wales, wo sie sich um die wenigen Gäste der heruntergekommenen Pension eines Onkels von Mister Pettibone kümmert – die einzige Zuflucht, die sie nach dem Debakel mit dem eigenen Hotel gefunden hat – und den Stationen ihre Lebens wechselnd, setzt Karl-Heinz Ott nicht immer chronologisch die Bruchstücke eines im Grunde genommen traurigen Lebens zusammen.

 

Dieser Mister Pettibone hat über die ganzen dreißig Jahre auch in den letzten, als die Schwierigkeiten des Hotels nicht mehr zu übersehen waren, ihr als Gast die Treue gehalten und hat jedes Jahr auf dem Weg in die Schweiz bei ihr Station gemacht. Er hat ihr nach dem großen Debakel diesen zugigen und öden Ort vermittelt.

 

Und nun steht sie am Meer und blickt zurück. Auf ihre schwere Kindheit, als sie die unfähigen und überforderten Eltern als kleines Mädchen in ein katholisches Internat stecken. Bei aller Strenge der dortigen Schwestern, ist Sonja nach dem Ende der Schulzeit doch froh, dass sie von diesen nach St. Moritz auf eine Leerstelle in einem Hotel vermittelt wird. Dort lernt sie auch den begabten Koch Bruno kennen, der es schon bald zum Souschef des großen Hauses schafft, wo auch Sonja arbeitet. In Liebesdingen ist er allerdings nicht nur ungeschickt, sondern auch uninteressiert. Das wird leider so bleiben über Jahrzehnte hinweg und so manches Mal wird sich Sonja nach einer auch nur kurzen Umarmung ihres Mannes sehnen. In dieser Beziehung bleibt sie ihr ganzes Leben lang unglücklich

 

Denn als dessen Vater stirbt, verlangt die Mutter, dass Bruno das familieneigenen Hotel am Bodensee übernimmt. Gegen deren Widerstand bauen Sonja und Bruno das Hotel und das angeschlossene Restaurant innerhalb weniger Jahre in eine auch überregional bekannte Location, die schon bald zum Geheimtipp für Gourmets wird.

 

Als Bruno sich dann seinen ersten Michelin-Stern erkocht, kommen sie vor lauter Arbeit kaum mehr zu sich. Sie werden so berühmt, dass sogar Helmut Kohl mit den französischen Präsidenten Chirac bei ihnen absteigt.

 

Sie sind auf dem Höhepunkt. Jeden Tag werden sie vom Pariser Fischmarkt beliefert, aber obwohl sie über Wochen im Voraus ausgebucht sind, bliebt wegen der enormen Kosten, die eine solche Sterneküche verschlingt und die der exquisite Weinkeller verschlingt kaum etwas übrig. Auf der Höhe des Erfolgs haben sie kaum Mittel, das Haus immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen., Die Qualitätsanforderungen haben sich seit sie das Hotel übernahmen extrem erhöht und bald schon ist es eigentlich nur das Sternerestaurant, das die Hotelgäste über die zunehmenden Mängel hinwegsehen lässt.

 

Doch als Bruno nach langen  erfolgreichen Jahren plötzlich der Stern wieder weggenommen wird, bleiben Kreti und Pleti, die sich all die Jahre die Klinke in die Hand gegeben haben, über Nacht weg. Sonja und Bruno müssen ihre Karte anpassen, doch der Weg in den langsamen Untergang ist schon vorgezeichnet. Bruno findet in seiner Verletzung über den verlorenen Status keine Kraft zu einem Neuanfang und die beiden Eheleute kein gemeinsames Zentrum mehr, dass sie außerhalb ihrer Arbeit auch nie besaßen und fängt an nachts im Keller zu trinken, ein Selbstmord auf Raten, den er eines Tages, die Bank gibt schon lange kein Geld mehr, auch mit Tabletten abschließt.

 

Die ehemals so resolute Sonja ist am Boden zerstört. Sie versucht in der nahen Schweiz eine Arbeit zu finden, doch niemand ist bereit, einer offensichtlich gescheiterten älteren Frau noch einmal eine Chance zu geben.

 

Brunos Bruder Arno bietet ihr eine Schuldumschreibung gegen Aufgabe aller Ansprüche an und ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich darauf einzulassen und sich in das öde und nasse Wales zurückzuziehen, wo sie allerdings im Laufe ihres Nachdenkens ober die Stationen ihre Lebens langsam stärker wird und sie denkt: „Vielleicht musste alles so kommen, wie es gekommen ist. Vielleicht hat alles seine Richtigkeit gehabt. Vielleicht gibt es doch eine Vorsehung. Vielleicht erledigt das Schicksal einfach sein Geschäft.“

Und jeden Morgen geht sie ans Meer, „und immer denkt sie, ich könnte springen…“

 

Karl-Heinz Ott hat einen ganz besonderen Roman geschrieben, in dem sogar noch das Unglück seine ganz eigene Poesie entfaltet. Sehr geschickt, unaufdringlich und kunstvoll, fügt er die einzelnen Lebensbruchstücke einer absolut zerstörten Existenz zu einem bewegenden und traurigen Psychogramm zusammen.

 

Indem er seine Hauptfigur Sonja ehrlich und selbstkritisch die Trümmer ihrer Existenz auflesen und beschreiben lässt, deutet er bei allem Unglück und aller Hoffnungslosigkeit ganz leise und zart so etwas wie einen Neuanfang an. Vielleicht, so der bewegte Eindruck des Rezensenten, hat diese einsame und ungeliebte Frau doch noch eine Zukunft. Vielleicht gibt es doch irgendwann irgendjemand, mit dem sie so etwas wie Rettung und späte Erfüllung findet.

 

Und es bleibt der Eindruck des gewaltigen Meers und seiner auch zerstörerischen Kräfte, die daran erinnern, dass in unserem Leben nichts sicher ist. Jederzeit kann in ein normales Leben etwas treten, was es in seine Grundfesten erschüttert und manchmal auch zerstört.

 

Und es bleibt die Warnung: wer nur in der Arbeit seinen Lebenssinn sucht, der wird irgendwann scheitern.

 

Karl-Heinz Otts kleiner Roman zeigt seine große sprachliche Kunst und man wartet gespannt auf ein neues Buch bei seinem neuen Verlag.

 

 

 

Zuhause

 

Marilynne Robinson, Zuhause, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-002458-9

 

 

Marilynne Robinson, geboren 1943, gilt seit langem als eine der besten Schriftstellerinnen Amerikas. Die Protagonisten ihrer Bücher zeichnen sich durchweg aus durch eine Fähigkeit zur Empathie, die selten ist, und wie nicht von dieser Welt.

Marilynne Robinsons erst sehr spät in einer deutschen Übersetzung bei S. Fischer erschienene Romantrilogie um den erfundenen Ort Gilead zählt zu dem besten, was die zeitgenössische amerikanische Literatur zu bieten hat. Sie hat, ein Buch nach dem anderen, mit Gilead und seinen Menschen einen Kosmos geschaffen, der seine Leser mit jedem Buch mehr gefangen nimmt. In den USA erschienen die drei Romane in der Reihenfolge „Gilead“, „Zuhause“ und „Lila“.

In Deutschland hat S. Fischer 2018 mit dem letzten Roman begonnen, vielleicht weil die berührende Geschichte der ehemaligen Wanderarbeiterin Lila, die während des Koreakriegs nach Gilead kommt und den kongregationalistischen Prediger John Ames heiratet, dem schon über siebzigjährigen Mann einen Sohn schenkt und mit ihm herrliche und tiefsinnige theologische Debatten führt, auf dem deutschen Markt zunächst mehr Erfolg versprach.

 

Tatsächlich schrieb neben anderen lobenden Rezension die Autorin Zsuzsa Bank schon bald nach Erscheinen des Buches begeistert:

„Etwas zutiefst Tröstliches liegt in dem Wissen, das zwei sich nicht nur finden können – sondern auch schützen und halten. Diese Annäherung wird so zurückgenommen, so tastend behutsam erzählt, dass man sich ein wenig schämt, wenn man Lila und John weiter beobachtet, während sie reden, sich öffnen und bekennen.“

 

Ähnlich wie auch in „Lila“ ging es in dem zweiten bei S. Fischer erschienenen Band „Gilead“ um viel Theologie und Glauben. Immer wieder ist bei Marilynne Robinson  die Rede davon und der Bedeutung des Glaubens dabei, die Ungeheuerlichkeit des Lebens zu begreifen, was allerdings immer nur in der Rückschau funktioniert. Beide Romane atmen eine tiefe Glaubensgewissheit, die tröstet.

 

Tröstend und sehr bewegend ist auch der hier vorliegende Band „Zuhause“, der wie eine Fortsetzung zu „Gilead“ gelesen werden kann.

In diesem Buch kehrt die Tochter des presbyterianischen Predigers Robert Boughton im Alter von vierzig Jahren mit relativ leeren Händen und alleinstehend nach Gilead zurück, um dort ihren mittlerweile verwitweten sterbenden Vater zu pflegen und ihm beizustehen.

 

Kurze Zeit später kehrt auch ihr Bruder Jack nach 20 Jahren in der Fremde heim. Jack ist ein Mann, der schon früh bei allen angeeckt ist, viel trinkt und mit nichts richtig Erfolg hat. Dennoch war und ist er den Liebling seines Vaters, der ihn deshalb aber zeitlebens nicht weniger streng angefasst hat.

 

Geschickt mit dem biblischen Thema des verlorenen Sohnes spielend, erzählt Robinson davon, wie sich Glory und Jack langsam annähern und wie auch der Vater versucht, trotz all seiner Enttäuschung wieder einen Draht zu seinem Sohn  zu finden. Doch was ist, wenn der verloren Sohn sich selbst für verloren hält, weil er eben schon immer so ist wie er ist, schlecht und verdorben. Die calvinistische Lehre von der Prädestination, mit der als Kind eines Predigers aufgewachsen ist, hat hier wohl volle Wirkung gezeigt. Alle Liebe seiner Schwester und alle Vergebungsbereitschaft des Vaters scheinen vergeblich.  Und auch dem Vater Robert Boughton scheint so etwas wie ein theologischer Lebensirrtum zu dämmern, als er in einem der zahlreichen theologischen Debatten mit seinem Freund John Ames, die man mit großer Lust in allen drei Romanen verfolgen kann sagt:

„Ja, ich habe lange gegrübelt, wie sich das Rätsel der Prädestination mit dem Rätsel der Erlösung in Einklang bringen lässt.“

 

Wahrscheinlich gar nicht, insinuiert Robinson, die nicht müde wird, in der Liebe und der Vergebung jenes Tor zu sehen, durch das die Menschen gehen müssen, um ihre alte Lasten abzulegen und neu mit ihrem Leben zu beginnen.

Robinsons Romane haben über ihre hohe literarische Qualität hinaus wie nur wenige Bücher eine große visionäre Kraft. Und das hängt mit der Zeitlosigkeit oder Ewigkeit des Glaubens an einen Schöpfer zusammen, aus dem ihre Protagonisten ihr ganzes Leben ihre Kraft und ihren Trost gezogen haben und von dem auch die Autorin tief durchdrungen scheint.

 

Nicht ohne Grund endet dieser ursprünglich zweite Teil der Trilogie mit den Worten „Groß sind die Wunder des Herrn.“ In „Lila“ wird diese Gnade noch einmal aus der Sicht von John  Ames und seiner jungen Frau erzählt.

 

Welche Reihenfolge man wählt bei der Lektüre dieser wunderbaren Bücher, man wird den Eindruck haben, den die jeder religiösen Überzeugung  unverdächtige Carolin Emcke so beschrieben hat:

„Was für ein Geschenk. Marilynne Robinsons Texte üben eine magische Wirkung aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die geheime Bibliothek von Daraya

 

 

 

Delphine Minoui, Die geheime Bibliothek von Daraya, Benevento 2018, ISBN 978-3-7109-0042-6

Delphine Minoui ist eine französisch-iranische Journalistin, die sich seit langem für die Situation im Nahen Osten interessiert und mit vielen Artikeln in französischen Magazinen engagiert. Eines Tages entdeckt sie bei ihren regelmäßigen Recherchen auf Facebook ein Bild:

„Es ist ein ungewöhnliches Bild. Eine rätselhafte Aufnahme aus der syrischen Hölle, ohne jede Spur von Blut oder Kugeln. Zwei Männer im Profil, umgeben von Wänden aus Büchern. Der eine beugt sich über einen in der Mitte aufgeschlagenen Band. Der andere blickt suchend in ein Regal. Sie sind jung, um die zwanzig, der erste trägt eine Trainingsjacke, der zweite eine Baseballkappe. Das künstliche Licht, das in dem fensterlosen Raum auf ihre Gesichter fällt, verstärkt noch den befremdlichen Eindruck der Szene. Wie ein vorsichtiges Atemholen in den Zwischenräumen des Krieges.“

 

Unter dem Bild ist die Rede von einer geheimen Bibliothek im Untergrund Darayas, einem Vorort von Damaskus, der von den Regierungstruppen permanent bombardiert und dem Erdboden nahezu gleichgemacht wurde. Minoui ist fasziniert und es gelingt ihr unter sehr schwierigen Umständen mit den Gründern dieser „Bibliothek als Waffe gegen die Diktatur“ Kontakt aufzunehmen und diesen zu halten. Über etwa zwei Jahre begleitet sie über das Internet die Gründer dieser Bibliothek durch alle ihre Erlebnisse, bei allen Wendepunkten und Tiefschlägen, die der Krieg ihrem wunderbaren Projekt zufügt.

 

Der faszinierte und sehr berührte Leser begegnet Einzelschicksalen, die durch Bücher verbunden werden und sich so gegen Verzweiflung und Resignation stemmen. Es ist eine Mut machende Geschichte von der Macht des Lesens und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

 

 

Der unterlegene Mensch

 

 

 

Armin Grunwald, Der unterlegene Mensch, Riva 2018, ISBN 978-3-7423-0718-7

 

Der Autor des vorliegenden Buches  Armin Grunwald ist Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITAS) in Karlsruhe und berät den Deutschen Bundestag in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels. In diesem Bundestag konnte man in den Debatten des letzten Jahres, wenn es um die Digitalisierung ging, beides hören, um was es in dem Buch geht. Zum einen war da die begeisterte Rede von den Chancen der Digitalisierung und dass man auf keinen Fall den internationalen Anschluss verpassen dürfen. Um anderen aber mischten sich mehr und mehr Stimmen und den Kanon der Begeisterten, die warnten vor den Folgen dieser scheinbar unaufhaltsamen Entwicklung. Denn die angeblich wunderbaren Zukunftsperspektiven dieser Entwicklung sind nur eine Seite der Medaille. Zunehmende Abhängigkeit von digitalen Technologien, das Risiko totaler Überwachung, massenweise Übernahme menschlicher Arbeitsplätze durch Roboter, die Manipulation öffentlicher Meinung, der drohende Kontrollverlust des Menschen über die Technik – diese andere Seite zeigt bedrohliche Züge.

 

Armin Grunwald plädiert in diesem Buch dafür, dass Politik und Einzelne die Digitalisierung bewusst gestalten sollten. Der Mensch sollte nicht komplett ersetzbar werden. Er darf seine Souveränität nicht immer mehr an die digitale Technik abgeben.

Ob  die ganze Entwicklung noch aufzuhalten ist? Der Titel des Buches „Der unterlegene Mensch“ spielt mit dem Gedanken, der Zug sei schon längst angefahren. Bei aller kritischen Analyse und allen Warnungen, die der Fachmann da ausspricht, liest sich seine Zusammenfassung aber eher optimistisch: „Unsere Aufgabe ist es, die digitalen Technologien so zu entwickeln und einzusetzen, dass wir ein möglichst gutes analoges Leben führen können.“

 

So richtig das sein mag, für so unwahrscheinlich halte ich es angesichts internationaler Tendenzen, dass dies so gelingt, wie Grunwald sich das wünscht. Einsatz digitaler Techniken zum Wohl des Menschen: was da wohl so mancher Autokrat (sie werden immer zahlreicher auch in ehedem westlichen Ländern) dazu sagen wird, die profitorientierten Global Players und die Digitalkriminellen, die kaum noch mit herkömmlichen Methoden aufzuspüren sind?

 

„Der unterlegene Mensch“ ist ein gutes, informatives und aufklärendes Buch, das mich aber eher skeptisch zurückgelassen hat, was die Zukunft betrifft.

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