Nis Randers

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Otto Ernst, Hans Krejtschi, Nis Randers, Kindermann Verlag, 2015, ISBN 978-3-934029-65-1

 

Otto Ernst (1862-1926) war nach seiner Tätigkeit als Lehrer ab 1900, als er sich ganz seiner schriftstellerischen Arbeit widmete, ein nicht nur in Norddeutschland bekannter Autor und Theatermann.

„Nis Randers“ ist eine seiner bekanntesten Balladen, die erzählt von dem jungen Nis Randers, der wie selbstverständlich bei den Vorgängern der Seenotrettung arbeitet und mit dem Ruderboot aufs stürmische Meer hinaus fährt um einen Menschen von einem Schiff zu retten, den er durch seinen Feldstecher erspäht hat.

Seine Mutter weint und will ihn davon abhalten, ist doch der ältere Sohn Uwe schon seit drei Jahren auf dem Meer verschollen. Doch Nis sagt nur: „Und seine Mutter? “ und springt mit sechs anderen mutigen jungen Männern ins Boot.

„Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer

Die menschenfressenden Rosse daher;

Sie schnauben und schäumen.“

Und sie retten einen Mann. Es ist Uwe, sein seit langem verschollener Bruder.

Hans Krejtschi, mehrfach prämierter Bilderbuchillustrator, hat diese eindrucksvolle Ballade mit faszinierenden Bildern, die die Gewalt des Meeres und die Entschlossenheit der Männer der Seenotrettung gelungen einfangen, illustriert.

Wieder ein ganz besonderes Bilderbuch aus dem Kindermann Verlag in seiner anspruchsvollen Reihe „Poesie für Kinder.“

 

 

 

Wunderlich fährt nach Norden

 

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Marion Brasch, Wunderlich fährt nach Norden, S. Fischer 2014, ISBN 978-3-10-001368-2

 

Wunderlich, die Hauptperson des neuen Romans von Marion Brasch ist 43 Jahre alt. Er lebt in einer kleinen Stadt und ist einsam, nachdem ihn seine Marie unerwartet verlassen hat. Als er auf dem Dach seines Hauses sitzt und überlegt, was er tun kann, meldet sich plötzlich sein Handy mit einer SMS bei ihm: „Guck nach vorn“. Doch die Botschaft kommt nicht von Marie, sondern von „Anonym“. Aber wer ist anonym? Dass es Marie ist, schließt Wunderlich aus.

Der knorrige Kerl, der seinen Namen zurecht trägt, lässt sich von „Anonym“, der (oder die) ihm regelmäßig Hinweise schickt, zu einer Abenteuerreise verleiten. Das bedeutet für ihn: Im Lande bleiben, mit dem Zug nach Norden fahren und schauen, was passiert. Dabei trifft er auf Personen, die er bewundert und mit denen er sich unterhält. Nach jeder dieser Begegnungen bekommt er von „Anonym“ ungefragt eine Lebensbeschreibung des jeweiligen Menschen, sogar deren Zukunft wird ihm per SMS vorausgesagt.
Doch dann wird er vom Zugpersonal wieder hinausgeworfen, worauf er einen Obdachlosen und später Toni, eine merkwürdige, junge Frau, kennenlernt. Besonders für Toni empfindet Wunderlich eine starke Zuneigung. Von ihr lässt er sich das Landstreicherleben zeigen und probiert auch die Wirkung von „Blauharz“ aus – doch das ist erst der Anfang, denn „Anonym“ meldet sich immer wieder, was mit gewissen Nebenwirkungen einhergeht …

Der Beginn des Roman liest sich erfrischend, und man fragt sich, ob Marion Brasch das Tempo bis zum Ende durchhält. Sie tut es – und auch wieder nicht. Viel zu lange hält sich Wunderlich bei Toni und Konsorten auf und man möchte ihm zurufen, doch endlich weiterzufahren. Manche Passage entpuppt sich als durchaus entbehrlich, doch als er dann endlich die Weiterreise antritt, ist man auch wieder ernüchtert, denn anstatt mit Toni zusammen reist er allein weiter.
Aber ist so nicht das Leben schlechthin? Ankunft und Abfahrt … Wiedersehen und Trennung? Schließlich will Wunderlich ein neues Leben beginnen …

Die Autorin versteht es gut, ihren Figuren Leben einzuhauchen, und auch, wenn am Ende die Geschichte nicht so ausgeht, wie man es sich gerne gewünscht hätte, bleibt ein nachhaltiger, positiver Eindruck zurück: Der „Mensch“ zählt, und „Hutmann“ (so nannte Toni ihren Wunderlich liebend gern) ist trotz (oder gerade) wegen seines tumben Auftretens ein sympathischer Kerl, den man am liebsten umarmen möchte. Manch einer, der sich von der Gesellschaft unverstanden fühlt, dürfte sich gut mit ihm identifizieren können.

 

Ein eigensinniger, komischer und berührender Roman.

Becks letzter Sommer

 

 

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Benedict Wells, Becks letzter Sommer, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-24022-1

 

Dieser Roman ist das sensationelle Debüt eines 1984 geborenen jungen Schriftstellers, der sich im Jahr 2008 mit „Becks letzter Sommer“ wie mit einem Paukenschlag auf die deutsche Literaturbühne katapultiert und große Beachtung gefunden hat. Zu Recht, wie der Rezensent findet, der sich über das ganze Buch immer wieder gefragt hat, woher ein gerade 23-Jähriger die Erfahrung und den Tiefgang nimmt, um sich dermaßen in seine fast doppelt so alten Hauptfiguren hineinzuversetzen.

Mehrmals war ich erinnert an das Debüt von Aron Grünberg, der ähnlich kräftig und unkonventionell wie Benedict Wells vor langer Zeit die Literaturszene aufmischte, aus der er längst nicht mehr weg zu denken ist.

Benedict Wells erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen einem Lehrer und einem Schüler. Der Lehrer, Robert Beck, ist ein im Schulalltag abgestumpfter Pädagoge, der selbst als Musiker irgendwann stehen geblieben ist, und dennoch niemals aufgehört hat, davon zu träumen, mit seinen Texten, die er pausenlos schreibt, irgendwann groß im Musikgeschäft herauszukommen. Er hasst Bob Dylan, weil sein Vater dessen Musik nahezu ununterbrochen hörte und hat dennoch in der Mitte des Buches eine erhellende und ernüchternde Begegnung mit ihm.

Als der siebzehnjährige Rauli aus Litauen in Becks Musikklasse kommt, nimmt der Lehrer diesen Außenseiter , wie die Schüler auch, zunächst nicht wahr. Dann aber entdeckt er zufällig, dass Rauli eine unbeschreibliche Begabung hat. Eines Tages fragt er Beck, ob er dessen E-Gitarre, eine Stratocaster, ausleihen darf und fängt an, darauf zu spielen. Die Musik und die Melodien, die da hervorbrechen, zerreißen Beck fast das Herz. So etwas hat er noch nie gehört. Ein wahnsinniges Talent hat er da entdeckt, einen ungeschliffenen Diamanten. Selbst als Musiker schon vor Jahren kläglich gescheitert, wittert Robert Beck mit Rauli eine neue Chance. Er könnte mit seinen Texten und Raulis Musik als Manager Rauli zu einer beispiellosen Karriere verhelfen und sich selbst den lange gehegten Traum erfüllen, als Shootingstar in die Musikszene zurückzukehren.

Benedict Wells beschreibt nun diese schwierige Beziehung, die Robert Beck mit der undurchsichtigen litauischen Familie des Schülers zusammenführt. Wie er sich in die Seelenwelt eines letztlich am Leben und an der Liebe gescheiterten , fast 40- Jährigen hineinversetzt, ist genial und hat möglicherweise selbst erlebte Vorbilder. Robert Beck versucht verzweifelt, sich der Welt Raulis zu nähern, ihn für sich zu gewinnen, doch der Junge entzieht sich ihm immer wieder.

Eine Melodie mit dem Titel „Finding Anna“ spielt eine große Rolle, die Rauli auf einem seiner viele gelben Zettel notiert hat, als er in die erotische Anna Lind verliebt war, ein Mädchen in Becks Klasse, deren Bild der auch schon mal bei seinen einsamen und traurigen Masturbationen zu Hause imaginiert.

Eine Kellnerin namens Lara taucht auf, die sich in Beck verliebt hat, verbissen dagegen ankämpft und für die Beck aber gar keine wirkliche Empfindung hegt. Er ist regelrecht beziehungsunfähig. Nur mit seinem Freund Charlie, ein groß gewachsener Deutsch- Afrikaner, der früher mit Beck Musik gemacht hat, kann er reden. Charlie ist ein kleiner Philosoph und sprüht vor sarkastischen Lebenseinsichten, kommt aber mit seinem Leben auch nicht zurecht.

Benedict Wells zeichnet mit diesem erfrischenden Roman mit lockerer und leichter Sprache Menschen und ihr Schicksal, die sich auf einem langen Weg befinden zu sich selbst, die jedoch viele Umwege machen müssen und in manchen Sackgassen zunächst stecken bleiben. Plötzlich und unerwartet taucht auf Seite 154 zum ersten Mal der Erzähler des Buches auf, ein Redakteur namens Ben, den Robert Beck für die Pressearbeit für ein Konzert mit Rauli kontaktiert hatte und der zwischendurch immer wieder in Einschüben Beck an Ich“ von seiner Arbeit an dem Buch berichtet. Im Jahr 1999 beginnt die erzählte Geschichte und endet im Jahr 2007, kurz bevor Bens Arbeit an dem Roman abgeschlossen ist. 1990, so erzählt Ben zwischendurch, habe er, 11- jährig, Robert Beck kennen gelernt und als er dann seinen Anruf in der Redaktion erhielt, wo er gerade arbeitete, habe er von dessen Geschichte nicht mehr lassen können.

„Becks letzter Sommer“ ist ein schönes Buch, voller Poesie und Sensibilität mit seinen Figuren, Suchende allesamt. Benedict Wells schildert vor allem Robert Beck ohne Häme und mit tiefen Verständnis für einen Mann in der Krise seines Lebens. Erstaunlich, wirklich, für einen bei Erscheinen des Buches gerade mal 23-jährigen Autor. Wells hat mit weiteren Büchern sein Talent bestätigt und die hier vorliegende Ausgabe ist von Diogenes für die Kinofassung des Buches neu aufgelegt worden.

 

Küstenbären

 

 

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Ingo Arndt, Küstenbären, Knesebeck 2014, ISBN 978-3-86873-654-0

 

Es wird in den kurzen, gut geschriebenen Texten deutlich: wenn ein ausgewachsener, männlicher Bär das Feld betritt, sollten alle anderen lieber verschwinden! Diese Tiere sind eben nicht nur niedlich, sondern auch mit großer Kraft ausgestattet. Und so findet sich dann zwischen sehr vielen, sehr niedlichen Fotos auch mal ein Bär mit böser Augenverletzung.

Die Fotos im Buch sind nie seitenfüllend, es bleibt immer mehr oder weniger weisser Rand, in dem dann die Bildunterschriften und die weiteren Texte untergebracht sind.

Bilder ohne Bären gibt es auch, etwa das Watt im Lake Clark National Park, Möwen und andere Vögel, aber zum Großteil eben Bären. Nahezu auf jeder Seite mindestens ein farbiges Foto.

Ein Klimadiagramm zu Beginn wäre nützlich, um einschätzen zu können wie warm es in dieser Region Alaskas ist: auf einigen Bilder sieht es sommerlich warm aus, während gut ein Drittel von Schnee und Kälte zeugt. Wie unwirtlich diese Gegend ist wird gleich zu Anfang in Ingo Arndts lebhafter Beschreibung seines Anflugs in einer kleinen Cessna deutlich. Wackelig und unbehaglich, besonders bei ungünstigem Wetter. Es folgt eine Karte von Alaska: der Nationalpark befindet sich im Süden des US-Bundesstaates.

Der Fotograf Ingo Arndt wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren und veröffentlicht regelmäßig für die Zeitschrift Geo. Bisher sind 15 Bücher von ihm erschienen. Im Anhang verrät er auf einer Seite, welche Kameras er verwendet hat und verweist auf die „ständig wechselnden Wetterbedingungen“ in Alaska. Eines der Fotos thematisiert diese vier Jahreszeiten an nur einem einzigen Tag.

Bären beim Spielen, zwei Bärenjunge, die neugierig den Fotografen beobachten oder Bären, die sich mit der Pfote die Augen reiben – viele der Fotos sind herzerwärmend. Nicht zu verwechseln mit kitschig! Bären beim Jagen und Bären, die dem offenbar eisigen Wind trotzen vermitteln eine andere Stimmung.

Ein sehr informatives, gut geschriebenes Buch mit zahlreichen, beeindruckenden Fotos der Küstenbären von Alaska!

In der Nacht

 

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Dennis Lehane, In der Nacht, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-24315-4

Dieser  Roman von Dennis Lehane geht ähnlich wie einer seiner Vorgänger „Im Aufruhr dieser Tage“ (2010) auf vielen hundert, niemals langweilig werdenden Seite zurück in die amerikanische Geschichte.

Damals waren „jene Tage“ in Boston die zwischen dem Frühjahr 1918 und dem Herbst 1919, eine Zeit, die von großer antikommunistischer Hysterie erfüllt war.

Auf dem Hintergrund der Geschichte der beiden Hauptfiguren des Romans, dem Farbigen Luther Laurence und dem Polizisten Danny Coughlin breitete Lehane in epischer Form die ganze Geschichte dieser Zeit aus. Es las sich wie eine Kultur- und Sozialgeschichte nicht nur Bostons, sondern der ganzen USA.

Auch das neue Buch spielt in Boston und beginnt im Jahr 1926 mit einer Szene, die der Handlung vorgreift, aber nichts wirklich über sie verrät.

Es ist die spannende und unterhaltsame Geschichte von Joe Coughlin, der zunächst als kleiner Handlanger eines Bostoner Syndikats sich während eines zweijährigen Aufenthaltes im härtesten Knast des Landes in Charlestown zahlreichen Bewährungsproben ausgesetzt sieht. Wieder entlassen, entwickelt er sich während der Prohibition zu einem Stehaufmännchen, dem es gelingt, immer wieder auf die Füße zu fallen, und der sich geschickt in den verschiedenen sich bekämpfenden Clans positioniert.

Immer mächtiger wird er, bis er am Ende zum mächtigsten Rum-Schmuggler in Florida aufgestiegen ist. Wenn da nur nicht seine unstillbare Faszination für eine Frau wäre, die ihn immer wieder vom Weg abzubringen droht…

Mit zahlreichen Verweisen auf die Politik der Jahre 1926-1935, dem Handlungszeitraum des Romans, gespickt, etwa die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti in Charlestown im August 1927, ist der Roman eine spannende Lektüre, die trotz der Länge an keiner Stelle langweilig wird, und mit dauernden Überraschungen und Wendungen aufwarten kann.

Wer ein richtiges Gangster-Epos mit literarischer Qualität sucht, hier ist es.

Wir wollten nichts. Wir wollten alles

 

 

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Sanne Munk Jensen, Wir wollten nichts. Wir wollten alles, Oetinger 2015, ISBN 978-3-7891-3920-8

 

„Als sie uns aus dem Limfjord ziehen, hängen wir immer noch aneinander. Ich weiß nicht, wie lange wir im Wasser gelegen haben, schwer zu sagen, man verliert irgendwie das Zeitgefühl.“

So beginnt die siebzehnjährige Louise nach ihrem zusammen mitihrem Freund und Geliebten Liam begangenen Selbstmord (sie habensich mit Handschellen aneinander gekettet und sind ins Wassergesprungen) ihre Erzählung.

Eine Erzählung über eine jugendliche Liebe, wie man sie sichabsoluter nicht vorstellen kann. Als Louise, die mit ihren Eltern nahe der Stadt Aalborg in Dänemark lebt, den zwei Jahre älteren Liam

kennenlernt, ist die Tristesse ihres Lebens vorbei. Beide sehen sich als Seelenverwandte, sie träumen von der großen Liebe, davon frei zu sein. Doch dann gerät Liam in einen dunklen Strudle aus Rache, Verrat und untilgbarer Schuld und das Glück der beiden ist dermaßen bedroht, das sie nur im gemeinsamen Suizid den Ausweg sehen.

Louises Elternsind verzweifelt, doch als ihr Vater ihr Tagebuch findet, wird ihm klar, welches Leben seine Tochter und Liam in den vergangenen Monaten geführt haben, und warum sie beide keinen Ausweg mehr sahen.

Es ist ein berührender, starker und mächtiger Roman, der unter die Haut geht. Ein Roman, der nicht nur die die Geschichte einer starken jugendlichen Liebe erzählt, sondern auch sehr einfühlsam beschreiben kann, in welche Verzweiflung und Leere die beiden Familien gestürzt werden.

Ein anspruchsvoller Roman für Jugendliche, der aber Erwachsene sofort anzusprechen vermag. Ganz große skandinavische Erzählkunst.

 

 

 

Die andere Hälfte der Hoffnung

 

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Mechtild Borrmann, Die andere Hälfte der Hoffnung, Droemer 2014, ISBN 978-3-426-28100-0

 

Mit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ legt Mechtild Borrmann erneut ein beeindruckendes Buch vor, in dem sie geschickt die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft.

Das Buch teilt sich zu Beginn in drei Handlungsstränge auf. Da ist zum einen Walentyna, eine ältere Frau, die in der verbotenen Zone um den Unglücksreaktor von Tschernobyl lebt. Sie schreibt einen Brief an ihre Tochter, die als Studentin nach Deutschland gegangen ist und dort verschollen scheint. So erlebt man als Leser die Geschichte des atomaren GAUs hautnah aus Augenzeugensicht mit. Walentyna beschreibt, wie stolz und glücklich sie waren, damals dort arbeiten zu dürfen, wie später das Unglück erst kleingeredet wurde und doch ihr ganzes weiteres Leben beeinflusste.
Parallel hierzu wird erzählt, wie in Deutschland, nahe der holländischen Grenze, eine junge Frau ihren brutalen Zuhältern entkommt und sich auf den Hof von Matthias Lessmann retten kann. Der Witwer lebt sehr zurückgezogen und spricht oft tagelang nur mit seinem Hund und seinen Schafen. Dennoch fühlt er sich von dem hilflosen Mädchen berührt und gibt ihr bei sich Unterschlupf und Schutz. Sie fasst nach und nach Vertrauen zu ihm und bittet ihn, nach ihrer Freundin zu suchen, die sie in der Gewalt der Zuhälter zurücklassen musste.

Der dritte Erzählstrang handelt von dem ehrgeizigen ukrainischen Ermittler Leonid, der mit seiner Abteilung in Fällen von zahlreichen verschwundenen Mädchen ermittelt. Er kommt in Kontakt mit Walentyna, die all ihre Hoffnungen, ihre Tochter Kateryna wiederzufinden, in ihn setzt. Doch seinen Vorgesetzten gehen Leonids Nachforschungen zu weit und so muss er sich auch gegen interne Widerstände behaupten und durchsetzen.

Natürlich weiß man als Leser, dass diese drei Handlungsstränge sicher irgendwie miteinander verbunden sein müssen, doch die genauen Verbindungspunkte ergeben sich erst nach und nach ähnlich wie bei ihrem letzten Buch „Der Geiger“, von dem ich in einer Rezension schrieb:

„‘Der Geiger‘ ist ein bewegendes und erschütterndes Buch, dem es gelingt, ohne große Effekte das System des russischen Terrors in den Straflagern zu schildern und seine Ausläufer bis in die Gegenwart. Die historischen Fakten sind gut recherchiert und bieten dem Leser gute Informationen über dieses System.

Es ist spannend zu lesen und ganz hervorragend komponiert in den sich aufeinander zu bewegenden Erzählsträngen.“

Gleiches gilt – nur mit andrer Hauptthematik auch für dieses Buch. Eine Geschichte voller Schwermut über verlorenes Glück, über den menschenverachtenden Umgang der Sowjetunion mit der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl, und über den grausamen Umgang mit Menschen im Zusammenhang mit Menschenhandel und Prostitution.

Eine Geschichte aber auch über Menschen, die nicht aufgeben und kämpfen um ihr Leben und ihre Selbstachtung.

 

 

 

Lebensstufen

 

 

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Julian Barnes. Lebensstufen, Kiepenheuer & Witsch 2015, ISBN 978-3-462-04727-1

Julian Barnes neues Buch „Lebensstufen“ ist ein beeindruckendes und den Lesern anrührendes Buch über das große menschliche Wagnis, zu lieben. Mit vielen Metaphern versehen erzählt Julian Barnes in drei Kapiteln zunächst wie in einem historischen Roman von Ballonfahrern des 19. und 20. Jahrhunderts und gestaltet die Geschichte als eine Metapher für das Leben.

In einem zweiten Teil schreibt er einen sehr persönlichen Lebensbericht über den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen, nämlich Barnes’ Ehefrau. Besonders dieser Teil des Buches, geht unter die Haut, erfordert die ganze auch seelische Aufmerksamkeit des Lesers, sonst kann man diese ernsten Gedanken über Leben und Tod weder aushalten noch in sich aufnehmen.

Alle Menschen, die irgendwann einmal einen geliebten Menschen verloren haben, werden sich in Julian Barnes Gedanken wieder finden. Alle aber werden sich umhüllt und angerührt fühlen von einer Sprache, die ihresgleichen sucht.
 

Flüchtige Seelen

 

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Madeleine Thien, Flüchtige Seelen, Luchterhand 2014, ISBN 978-3-630-87384-8

Wo kommen wir her ? Wer waren meine Vorfahren, welche Geschichte haben sie erlebt und was hat sie mit mir zu tun ? Welche Kräfte, mir bewusste und noch mehr meinem Bewußtsein nicht zugängliche, wirken aus der Vergangenheit auf mich ein ? Besonders aus den Teilen der Vergangenheit, die unklar, mit Schuld beladen und dunkel sind.

Schon in ihrem Erstlingsroman „Jene Sehnsucht nach Gewissheit“ 2008 hat die die mit asiatischen Wurzeln in Kanada geborene Schriftstellerin Madeleine Thien immer wieder diese Fragen gestellt.

Auch in ihrem neuen Roman „Flüchtige Seelen“ geht es um dieses Thema. Thien folgt den Erinnerungen, Verletzungen und Träumen ihrer Figuren aus dem Kanada der Gegenwart in die tropischen Wälder des Dschungels Kambodschas in den siebziger Jahren, als dort die Roten Khmer mit brutalen Terror und der Ermordung von Millionen von Menschen eine neue Gesellschaftsordnung errichten wollten.

Hauptperson ist Janie, eine vor vielen Jahren aus Kambodscha geflohene Neurologin an der Universität in Montreal. Als mitten im Winter ihr alter Mentor Hiroji Matsui spurlos verschwindet, ist sie sehr verstört und versucht herauszubekommen, wo er steckt

Offenbar hat er sich auf die Suche nach seinem lange verschollenen Bruder gemacht hat, der als Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Kambodscha gelebt hat. Diese Hinwiese lassen mit Macht alte, schmerzhafte Erinnerungen in Janie hochkommen. Erinnerungen, wie sie als kleines Mädchen mit ihrer Familie die Hauptstadt verlassen musste, an die Deportation ihres Vaters, an die Fronarbeit der Mutter mit den Kindern auf dem Land. Die ganze Schreckensherrschaft der Roten Khmer ist präsent.

Doch indem sie die Suche nach ihrem Mentor fortsetzt, der seinerseits auf einer schmerzhaften Suche ist kann sie die Bruchstücke ihrer Vergangenheit wieder zusammensetzen und ihr Leben in der neuen Heimat noch einmal neu beginnen.

Ein wunderbarer, berührender Roman, der erzählt vom schmerzhaften Verlust der Menschlichkeit und von dem Glück, sie wiederzufinden.

Die freie Liebe

 

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Volker Hage, Die freie Liebe, Luchterhand 2015, ISBN 978-3-630-87468-5

 

Nun hat sich auch Volker Hage, der ehemalige Kultur-Chef des „Spiegel“ unter die Romanautoren gewagt, In „Die freie Liebe“ erzählt er die Geschichte einer Dreiecksbeziehung in den 70ern. Zwischen Umsturz und Revolution probieren eine junge Frau und zwei Männer in Sachen Erotik alles Mögliche aus.

In einer Rahmenhandlung treffen sich nach 40 Jahren zwei Männer wieder. Sie lebten in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in München zusammen mit einer Frau in einer WG. Sie tauschen die eine oder andere Erinnerung aus, wollen sich auch wiedersehen, doch zu sagen haben sie sich nicht viel.

Kurze Zeit später findet der Ich-Erzähler in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter sein altes Tagebuch aus dieser Zeit. Dieses Tagebuch macht den größten Teil des Romans aus.

Es handelt von einer Zeit, in der alles Mögliche ausprobiert wurde, freie Sexualität, Umsturz, Revolution – doch viel merkt man davon nicht. Die Zeitumstände werden nur kurz angerissen, hauptsächlich geht es im Stile eines Softpornos („So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen, ihre dunkle Haut, ihr schmaler Körper, große Brüste, pechschwarzes Schamhaar. Alles im Kerzenlicht.“) um eine Dreiecksbeziehung.

Vergleiche des jungen Tagebuchschreibers mit Goethes Stella, mit Max Frisch, aber auch Philip Roth und John Updike werden erwähnt, zeigen meiner Meinung nach, in welcher literarischen Klasse sich Volker Hage selbst ansiedelt. Ob er da hingehört? Reich-Ranicki wusste schon genau, warum er keine Romane schrieb.