Thomas Müntzer

 

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Hans- Jürgen Goertz, Thomas Müntzer, C.H. Beck 2015, ISBN 978-3-406-68163-9

 

Im Jahr 2017 feiert insbesondere die Ev. Kirche in Deutschland die 500. Wiederkehr der Reformation, die maßgeblich durch Martin Luther beeinflusst wurde.

Dass es aber während der langen und turbulenten Geschichte der Reformation im 16. Jahrhundert auch andere reformatorischen Lesarten des Evangeliums gab, das haben die „Sieger“ bald vergessen und die Kirchen haben das lange totgeschwiegen.

Thomas Müntzer vor allem, von Ernst Bloch als „Theologe der Revolution“ verehrt und beschrieben und von Heinrich Heine der „heldenmütigste und unglücklichste Spohn des deutschen Vaterlandes“ genannt, wurde lange nur in einer Nische der Reformations- und Kirchengeschichte gewürdigt. Der Autor des vorliegenden Biographie, Hans-Jürgen Goertz gilt seit Jahrzehnten als einer der ausgewiesensten Kenner der Theologie Müntzers, auf dessen Texte ich als Theologiestudent schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts angewiesen war, wollte ich auch die andere Seite kennenlernen.

Thomas Müntzer wollte zeit seines Lebens die Grundeinsichten der Reformation, dass Gott gerecht und die Christen frei seien, auch politisch verwirklicht sehen, während Luther sich mit seiner Zwei-Reiche-Lehre aus der Affäre zog. Deshalb schloss sich Müntzer dem Aufstand den Bauern an, den Luther mit scharfen Worte denunzierte. Dafür wurde er später, nach der Niederlage der Bauern 1525, gefoltert und hingerichtet.

In dieser gut lesbaren Biographie erzählt Goertz vom Leben eines Revolutionärs, der sich auf die Naherwartung des NT bezog und das Reich Gottes quasi vor der Tür stehen sah.

Damit erinnert er, kurz vor dem groß angelegten Gedenken an die 500. Wiederkehr der Reformation an eine unterdrückte Bewegung dieser Reformation, die bis heute immer wieder aufbricht und immer noch aktuell ist.

Goertz erzählt das Leben und Wirken Müntzers immer eingebettet in die Geschichte der anderen Flügel der Reformation, widmet sich ausführlich der Rezeption Müntzers und den Verzerrungen seiner Theologie in der Neuzeit und legt mit seine letzten Kapitel mit dem Titel „Thomas Müntzer und die Theologie heute“ sieben bedenkenswerte Ansätze der Inklusion von Müntzers Anliegen in kontemporärer reformatorische Theologie.

Ob seine Stimme aber in dem Hype der nächsten beiden Jahre inklusive Papstbesuch gehört wird, wage ich zu bezweifeln.

 

 

 

Adolf H.

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Thomas Sandkühler, Adolf H. Lebensweg eines Diktators, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24635-5

 

Thomas Sandkühler ist Professor für Geschichtsdidaktik in Berlin und insofern mit der Problematik der Vermittlung geschichtlichen Wissens und Bewusstseins an junge Menschen vertraut. Nun 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erscheint von ihm eine Biographie Adolf Hitlers, die sich nicht nun in ihrer Zielgruppe von den anderen Biographien etwa von Joachim Fest oder in diesem Herbst von Peter Longerich unterscheiden.

Anspruchsvolle Lektüre ist es dennoch, aber Sandkühler traut seinen jugendlichen Lesern viel zu, auch wenn er das Buch wohl auch in der Absicht schrieb, Erwachsenen ohne besondere Geschichtskenntnisse eine Begegnung mit diesem Menschen zu ermöglichen, der ganz Europa in den Abgrund stürzte und dem ein ganzes Volks wie von Sinne zujubelte.

Er geht chronologisch vor von der problematischen Kindheit bis zum Selbstmord im Bunker in Berlin. Alles, was die Wissenschaft über Hitler in den letzten sieben Jahrzehnten herausgefunden hat, hat Sandkühler verarbeitet und beschreibt in einem abschließenden Kapitel nicht nur die Forschungsgeschichte, sondern widmet sich auch Hitler als einem medialen Phänomen.

Wie gesagt chronologisch vorgehend, wechselt Sandkühler andauernd die Perspektive zwischen der individuellen Lebensgeschichte Hitlers und dem historischen Kontext in dem sein Leben und Handeln stand. Seien ganz besondere Stärke hat das Buch darin, dass es ihm gelingt, nicht nur für Jugendliche verständlich aufzuzeigen, was diese heute kaum noch nachvollziehen können. Wie und in welcher Gesellschaft konnte sich ein solcher Versager zu einem „Führer“ wandeln.

Sehr verständlich erklärt er die Zustände in Europa vor und während des 1. Weltkriegs, den Aufstieg der NSDAP und die Rolle ihrer Handlanger in der Gesellschaft. Ein ganzes Volk wurde binnen kurzem zu mitwissenden und auch handelnden Verbrechern. Insofern geht es nicht nur um einen Einzelnen, betont Sandkühler. Für den Holocaust waren viele Menschen nötig, die sich daran beteiligten, teilnahmslos zuschauten oder wegsahen.

Das Buch pädagogisiert nicht und erreicht gerade deshalb das Bewusstsein seiner Leser, die wie von selbst sich fragen werden, wie in einem Land, das sie nur als ein demokratisches kennen gelernt haben, so etwas geschehen konnte. Sie werden sich genau fragen, ob dieses Land und seine Bevölkerung, das heißt auch sie selbst, aus dieser Geschichte etwas gelernt haben für den Umgang mit den gegenwärtigen Herausforderungen, etwa mit dem riesigen Flüchtlingsstrom nach Europa.

Ein anspruchsvolles Buch für Jugendliche, das man aber auch jedem Erwachsenen nur empfehlen kann.

 

Gehe hin, stelle einen Wächter

 

 

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Harper Lee, Gehe hin, stelle eine Wächter, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04719-9

 

Über 40 Millionen Exemplare wurden von ihrem berühmt gewordenen Buch „Wer die Nachtigall stört“ weltweit verkauft. Das Buch von Harper Lee, 1960 in den USA erschienen und auf Deutsch 1962 veröffentlicht, hat unzählige Menschen bewegt und beeinflusst und tut es bis heute. Der Rowohlt Verlag hat gerade in einer Neuübersetzung eine Hardcoverausgabe neu publiziert.

„Wer die Nachtigall stört“ sollte das einzige Buch Harper Lees bleiben, die lange mit Truman Capote befreundet war und ihre ersten Schreibversuche mit ihm teilte. Dabei hatte sie in den fünfziger Jahren schon ein erstes Buch geschrieben, das unter den Titel „Gehe hin, stelle einen Wächter“ nun in mehreren Sprachen erscheint.

In diesem Buch, das sie in relativ kurzer Zeit fertigstellte und von dem ihre Agenten zunächst begeistert waren, erzählt sie, wie die mittlerweile erwachsene und in New York lebende Jean Louise Finch für zwei Wochen nach Hause nach Maycomb zurückkehrt, und dort für sie sehr schwierige Erfahrungen macht, die ihr ganzes Weltbild und vor allen Dingen ihre Sicht auf ihren Vater in Frage stellen. Denn kaum zu Hause angekommen, muss sie erleben, wie ihr Vater und auch ihr Freund Hank, den sie heiraten will, im Gericht in Maycomb einem Redner zuhören, der offen radikal rassistische Sprüche von sich gibt, von der „Wahrung der Lebensweise der Südstaaten“ spricht und die Schwarzen als „filzige Krausköpfe“ bezeichnet, die „noch niedriger als die Kakerlaken“ seien. Und er begründet es natürlich auch religiös: „Gott schuf die Rassen, niemand weiß warum, aber Er wollte, dass sie getrennt bleiben.“

Für Jean Louise bricht ihre ganze Welt zusammen. Ist das noch ihr Vater Atticus Finch, den sie in ihrer Kindheit als engagierten Verteidiger eines Schwarzen kennen gelernt hat, der fälschlicherweise der Vergewaltigung eines weißen Mädchens beschuldigt wurde und für den er einen Freispruch erreichte? Und was ist mit Calpurnia, die sie und ihren mittlerweile verstorbenen Bruder Jem damals als Haushälterin betreute und liebte wie eine Mutter?

In ausführlichen Rückblicken erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend und in langen konfliktreichen Gesprächen mit ihrem Vater, ihrem Freund Hank und ihrem Onkel Dr. Finch sieht sie sich mit einer vollständig veränderten politischen Situation konfrontiert, mit der sie sich schlussendlich versöhnt.

Dennoch waren damals ihrer Lektorin diese direkten Bezüge zur beginnenden Bürgerrechtsbewegung und den innenpolitischen Konflikten in den USA zu aktuell und unausgegoren und sie überredete Harper Lee, ihr ganzes Manuskript zu überarbeiten, in die 30er Jahre zu verlegen und den Schwerpunkt auf die Ereignisse in der Kindheit von „Scout“ zu legen.

So entstand in zweijähriger harter Arbeit „To Kill A Mockingbird“. Die erste Fassung wurde vergessen und erst 2014 von einer Freundin Harper Lees entdeckt. Ob die 88-jährig in einem Heim in ihrer Heimatstadt Monroeville lebende Harper Lee wirklich mit dieser Veröffentlichung sich einverstanden erklärte (bzw. konnte) bleibt relativ unklar.

Tatsache ist jedoch, dass „Gehe hin, stelle eine Wächter“ ein Buch ist, dass in seiner politischen Thematik dem Klassiker in nichts nachsteht, auch wenn er nicht ganz die literarische Dichte und Qualität des Bestsellers erreicht. Es ist ein Buch, in dem wir allen bekannten Figuren aus dem Klassiker wieder begegnen, sie aber alle mit einer dramatischen gesellschaftspolitischen Veränderung konfrontiert sind, die sie in heftige Konflikte mit früheren liberalen Auffassungen bringt und sie gegenseitig entfremdet.

In einer Zeit, in der sich nicht nur im Süden der USA, dort aber besonders zeigt, dass der Rassismus keinen Deut überwunden ist, und das Land zu spalten droht, ist „Gehe hin, stelle eine Wächter“ von einer unter die Haut gehenden Aktualität.

Pakete an Frau Blech

 

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Rolf Bauerdick, Pakete an Frau Blech, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04645-1

 

In einem so noch nie dagewesenen Trauerzug wird der Sarg des großen Zirkusdirektors Alberto Bellmonti durch Berlin getragen und auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin auf einem Friedhof für hochrangige DDR-Funktionäre bestattet. Auch der Protagonist des neuen Romans von Rolf Bauerdick, Maik Kleine, ist bei diesem Trauerzug für seinen väterlichen Freund dabei, genau wie alles, was in der glitzernden Zirkuswelt Rang und Namen hat.

Kaum ist Alberto unter der Erde, da tauchen Meldungen und Gerüchte auf, der Tote habe eine unrühmliche Stasivergangenheit. Maik will das nicht glauben und macht sich zusammen mit dem Kapellmeister Szymbo und der schwebenden Jungfrau Albina auf eine Spurensuche, die ihn schon bald nicht nur mit der deutschen Geschichte, sondern auch mit der seiner eigenen Familie konfrontiert. Er erfährt die erschütternde Wahrheit über jene Tragödie, die seinen beiden Brüdern das Leben kostete und seiner Mutter die Freiheit nahm.

„Nur wer eine Geschichte hat, kann seien Vergangenheit hinter sich lassen“. Das ist sozusagen das Motto und die Leitidee von Rolf Bauerdick, der mit großer Erzählkunst seine Leser vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Vergangenheit in sehr seltsame Welten entführt.

Das Buch besteht aus zwei Zeitebenen. Zum einem die Gegenwart, in der Maik und seine Freunde sich auf eine spannende Spurensuche begeben und zum anderen die Zeit, als Maik ein Jugendlicher war. Spannend konstruiert und in einer wunderbaren Sprache erzählt, öffnet Bauerdick dem Leser immer mehr Zusammenhänge. Und irgendwann wird auch klar, was die Pakete, die Maiks Tante, Frau Blech aus dem Westen schickte, mit den tragischen Ereignissen zu tun haben, die den Brüdern das Leben und der Mutter die Freiheit kostete.

Ein Buch geschrieben mit der Leidenschaft eines großen Erzählers.

 

 

 

Pass auf mich auf!

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Lorenz Pauli, Miriam Zedelius, Pass auf mich auf, Atlantis 2015, ISBN 978-3-7152-0693-6

 

Wer kennt sie nicht, die in immer größerer Zahl auftretenden Helikoptereltern, die aus lauter Angst um ihre Kinder diese permanent kontrollieren und ihnen so jede Freiheit und Souveränität über eine eigenständige Entwicklung nehmen.

Lorenz Pauli hat diese Entwicklung zum Thema seines neuen Bilderbuchs gemacht, das Miriam Zedelius sehr locker und unkonventionell illustriert hat.

Dabei lässt er den kleinen Juri, dessen Mutter offenbar auch von der Gefährlichkeit des Lebens überzeugt ist, einem Mann begegnen, mit dem Eltern ihre Kinder nicht gerne alleine sehen. Er ist nicht mehr jung, wahrscheinlich alleinstehend und sehr eigen. Der Mann, er heißt Herr Schnippel, liegt in einer Hängematte, als ihm der kleine Juri eine hintersinnige Frage stellt: „Denkst du, ich bin alt genug, um auf mich selbst aufzupassen?“ Die Antwort von Herrn Schnippel gefällt Juri offenbar, denn sonst würde er wohl sofort weggehen: „Ich weiß es nicht. Ich kenne Kinder nicht so genau.“

Und dann erleben sie einen ganzen Nachmittag miteinander sehr ungewöhnliche Dinge, die in dem Buch auch ungewöhnlich dargestellt sind und lernen sehr viel voneinander. Man muss das Buch an einer Stelle umdrehen, und es fängt am Ende wieder von vorne an.

Kinder können dieses wunderbar originelle Bilderbuch als eine eigene zauberhafte Welt erfahren, eine Welt, in der die größten Abenteuer ungefährlich sind und nicht unter dem Verdikt der Helikoptermutter stehen.

 

 

 

 

Krieg der Generationen

 

 

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Michael Opoczynski, Krieg der Generationen, Gütersloher Verlagshaus 2015, ISBN 978-3-579-06618-9

 

Eine engagierte und stellenweise zornige Streitschrift legt der ehemalige Leiter der ZDF- Wirtschaftsredaktionund Moderator der Sendung WISO, Michael Opoczynski unter dem Titel „Krieg der Generationen“ vor. Es ist eine Streitschrift, in der er heftig gegen die Gleichgültigkeit der Alten polemisiert, die sehenden Auges die größten Katastrophen in der Geschichte des Planten heraufbeschworen haben. Sie haben innerhalb weniger Jahrzehnte das Werk von Generationen vernichtet, und hinterlassen ihren Kindern und Enkeln eine Wirklichkeit, wie sie selber niemals erleben mussten.

„Wir dürfen nicht die Generation der Heuschrecken sein“, schreibt er leidenschaftlich, „die frisst, was ihr unterkommt, und sich nicht schert, was nach ihr kommt. Wenn unsere Nachfahren in einer unmenschlichen Welt leben müssen, sind wir schuld.“

Besonders an die in der Regel sehr gut situierten Rentner und Pensionäre geht sein Appell, nicht ihr ganzes Geld für teure Urlaube und exklusive Autos zu verjubeln. „Sie können sich und ihre Leistungsfähigkeit in Projekte einbringen, die Nähe herstellen zwischen Jung und Alt.“

Und er fordert jeden Einzelnen auf: „Lasst uns den Generationenkrieg beenden. Und der Jugend dabei helfen, neue Wege zu gehen. Das wird unbequem für uns vermeintliche Sieger, die wir im Schaukelstuhl wippen und es uns gut gehen lassen.“

Viele Menschen über 60 leben weit entfernt von ihren Kindern und Enkeln und leiden darunter. Könnten sie das, was sie denen gerne geben würden, nicht auch anderen Kindern in ihrem Ort geben, in Kitas, Vereinen oder der Nachbarschaft?

Ich stimme dem Autor zu, wenn er die Hoffnung äußert, das es noch eine gute Zukunft für alle geben kann, wenn Alt und Jung gemeinsam den Blick schärfen für die Aufgaben der Gegenwart.

Der ehrgeizige Mr. Duckworth

 

 

 

 

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Tim Parks, Der ehrgeizige Mr. Duckworth, Kunstmann 2015, ISBN 978-3-88897-930-9

Morris Duckworth, der Protagonist dieses schon 1990 erschienenen Buches von Tim Parks stammt aus England. Dort war er trotz guter Studienleistungen wenig erfolgreich und geht nach Italien um dort sein Glück zu machen. Er lebt in Verona und arbeitet dort an einer Schule, aber auch als Privatlehrer für Kinder von Leuten, die alles haben. Alles das, was, wie Duckworth findet, ihm schon lange zusteht. Er fließt über vor Selbstmitleid, hadert mit seinem Schicksal, das ihm wie er findet, arg mitgespielt hat und ihm um sein richtiges Leben betrogen hat und jeden Tag weiter betrügt.

Eine seiner Schülerinnen aus reichem Hause hat sich in Morris verliebt und der wittert seine Chance, mit einer Heirat endlich an das große, alte Geld zu kommen. Massiminas Mutter allerdings hält davon gar nichts, und die beiden beschließen zu fliehen, wobei durchaus das Mädchen die treibende Kraft ist. Da sie aber mit dem mitgenommenen Geld sehr geizig umgeht, ist Morris` Kasse nach wie vor chronisch knapp. Mit verschiedenen Ganovenstreichen versucht er vergeblich an Geld zu kommen. Mit jedem Mal werden seine Straftaten schwerer, doch Massimina merkt nichts.

Mit Morris Duckworth hat Tim Parks einen Ganoven geschaffen, der an Highsmiths Tom Ripley erinnert. Wenig sympathisch lügt und betrügt er sich durch die Welt. Immer ist alles die Schuld der anderen, die sein Genie nicht sehen und ihm nicht das geben, was er für sich permanent in Anspruch nimmt, viel Geld und Ruhm. Zunächst voller Selbstmitleid, wird Morris immer härter, böser und gnadenloser in der Durchsetzung seiner Ziele. Tim Parks gelingt es, dieser Figur so viel Charme zu geben, dass der Leser trotz ihres abstoßenden Charakters das Buch bis zum Ende nicht aus der Hand legen kann.

Ein Ende, das gar keines ist, denn für Juli und September sind von Kunstmann die beiden weiteren Bände der Parks`schen Trilogie über Morris Duckworth schon abgekündigt.

 

 

 

Der Familienmanager

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Susanne Reinhardt, Familienmanager, mvg 2015, ISBN 978-3-86882-593-0

 

Jede Familie, gerade dann wenn Kinder in ihr aufwachsen, ist ein hochkomplexes Gebilde, an das von außen durch Arbeit, Kindergarten Schule, Vereine und Freunde eine ganze Menge an Anforderungen gestellt werden. Doch auch das ganz normale Funktionieren mit der Erfüllung der Grundbedürfnisse erledigt sich in einer Familie nicht einfach von selbst. Gerade dann, wenn, wie in der heutigen Zeit, beide Elternteile ganz oder teilweise berufstätig sind oder durch Patchworkstrukturen besondere Dynamiken zu beachten bzw. Regelungen zu treffen sind.

Eine Familie mit ihrem Haushalt ist ein hochkomplexes Unternehmen, in dem ohne Planung und effektive Organisation wenig bis gar nichts funktioniert. Zum Leidwesen aller Beteiligten, vor allem aber der Kinder.

Der hier vorliegende Familienmanager will dabei helfen und unterstützen, „den Haushalt effektiv (zu) organisieren und (zu) planen“. Er beinhaltet mehrere Dutzend Checklisten zu den Themen:

  • Kinder im Alltag motivieren
  • Wo hab ich die Nummer?
  • Gefahrenquellen im Haus
  • Organisiert einkaufen
  • Es geht ums Geld
  • Familie auf Reisen
  • Abfall und Recycling
  • Feste und Feiern
  • Wieviel Medienkonsum für wen?
  • Freizeitaktivitäten

Die klar und übersichtlich gestalteten Vorlagen und Checklisten sind leicht zu kopieren und können jeder Familie eine große Hilfestellung sein, damit Zeit und Energie gespart wir für die anderen Dinge, die ein Familienleben ausmachen.

Unter den Lebenden

 

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Eyal Megged, Unter den Lebenden, Berlin Verlag 2015, ISBN 978-3-8270-1242-5

 

Was ist das Wesen einer echten Freundschaft unter zwei Männern? Was hält sie zusammen und was trennt sie. Der israelische Schriftsteller Eyal Megged, Ehemann der in Deutschland bekannteren Zeruya Shalev erzählt in seinem von Ruth Achlama sensibel und lebendig übersetzten Roman „Unter den Lebenden“ von einer sehr außergewöhnlichen Freundschaft und von dem was, der Tod des einen aus dem überlebenden Anderen und aus der Freundschaft macht.

Der Ich-Erzähler des Buches ist ein berühmter Chirurg und als solcher mit dem Alltag des Todes vertraut. Doch während er in der Klinik diese Sterblichkeit seiner Patienten abspalten kann und sich auf seine kühle Kunst als Operateur, der sich nach der erfolgten Operation für nichts mehr verantwortlich glaubt, verlässt, ist der frühe und plötzliche Tod seines Freundes Boas Masor für ihn ein Schock, von dem er sich das ganze Buch über nicht zu erholen scheint. Boas` Tod ist für ihn unfassbar, er hält ihn für einen Skandal, der sein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht bringt. Nichts ist mehr so wie früher. Er kann sich nicht mehr auf seine medizinische Routine zurückziehen und bekommt kaum noch OPs zugeteilt.

Der Ich-Erzähler reflektiert nicht nur seine eigenen Gefühle und erinnert sich an unzählige Begebenheiten einer langen gemeinsamen Freundschaft. Er versucht sie auch, gegen die, wie er glaubt, vernichtende Kraft und Macht des Todes am Leben zu erhalten. Was er nie für möglich gehalten hätte, der Tod des Freundes bedroht sein Leben, schient seinen eigenen Tod vorwegzunehmen, raubt ihm jegliche Kraft und jeglichen Lebensmut.

Er erzählt von Liebe, von Streit und Versöhnung und nicht nur an einer Stelle erinnert die Beziehung der beiden Freunde jedenfalls aus der Sicht der Erzählers an die alte Rivalität zwischen Kain und seinem Bruder Abel. Denn auch Boas wollte Arzt werden, beugte sich aber dem vernichtenden Diktum seines Vaters. Nun, da er tot ist, wird sich der Erzähler dieser immer zwischen ihn stehenden Konkurrenz bewusst. Immer wieder geht es um Neid auf den Erfolg des anderen, gerade auch bei den Frauen.

Eyal Megged zwingt seinen Leser, tief in die Reflexionen seines Erzählers einzutauchen über das, was der „die verfluchten Fragen des Lebens“ nennt. Sein Roman ist auf der einen Seite eine zornige Abrechnung mit dem Tod, aber auch ein psalmenartiger Lobgesang auf das Leben.

Im Frühling sterben

 

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Ralf Rothmann. Im Frühling sterben, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42475-9

 

In seinem neuen Roman „Im Frühling sterben“ erzählt Ralf Rothmann die Geschichte von zwei siebzehnjährigen Jungen, Walter und Fiete, die Anfang 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen werden und in Ungarn auf eine dramatische Weise sich ein letztes Mal gegenüberstehen.

Ralf Rothmann hat die Geschichte von Walter und Fiete in eine Rahmenhandlung gekleidet, die zu der Vermutung Anlass gibt, dass der Roman den einen oder anderen autobiographischen Hintergrund hat.

Er stellt seinen Roman unter ein biblisches Motto aus dem Buch des Propheten Ezechiel: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“

Wir befinden uns zu Beginn der Erzählung Anfang des Jahres 1945 auf einem großen Bauernhof in Schleswig-Holstein. Walter (ist in ihm die Vaterfigur Rothmanns versteckt?) und Fiete, beide gerade mal 17 Jahre alt, arbeiten dort als Melker, als sie bei einem geschickt getarnten Fest der NS- Bauernorganisation quasi gezwungen werden, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Die Ausbildung erleben sie noch zusammen, doch dann werden sie an getrennte Einsatzorte geschickt. Walter arbeitet als Ungarn als Fahrer, immer hinter der Front. Was er dort allerdings sieht und erlebt, ist erschütternd und wird ihn später sein ganzes Leben lang stumm machen und verschlossen und seinem Sohn ein Rätsel, das er damit zu lösen versucht, indem er sich schreibend dem Schicksal seines Vaters nähert.

Höhepunkt des Dramas ist die Wiederbegegnung Walters und Fietes auf dem Richtplatz, nachdem Fiete wegen eines im betrunkenen Zustand versuchten Fluchtversuchs exekutiert wird. Vorher hatte Walter noch unter Lebensgefahr seinen Vorgesetzten, der ihm etwas schuldig war, um Gnade für seinen Freund gebeten.

Wie Ralf Rothmann sich diesem Schicksal nähert, ist große Literatur. Mit einer einfühlsamen und poetischen Sprache gelingt es ihm, die letzten Monate des Krieges zu beschreiben und die erste Zeit nach dem Krieg, als Walter über mehrere Stationen glücklich wieder nach Hause kommt (ohne Verletzung und Behinderung) und seine Freundin seinen Heiratsantrag annimmt. Doch auch ihr gegenüber und erst recht später seinem eigenen Sohn gegenüber, dessen Erzählung diesen beeindruckenden Roman umschließt, kann er sich nicht öffnen, und wie so viele andere aus dem Krieg an Leib und Seele Versehrten schweigt er sein ganzes Leben lang, bis auf sein Totenbett.

Indem Ralf Rothmann den Sohn sich in die Geschichte seines Vaters erzählend hineinversetzen lässt, verschafft er nicht nur ihm eine literarische Art von Befreiung, sondern gibt auch vielen älteren Lesern, die wie der 1954 geborene Rezensent in ihrer Kindheit und Jugend lange mit dem Schweigen der Großväter und Väter leben mussten, so etwas wie eine späte Antwort.

Walters Freund Fiete lässt er an einer Stelle, als Walter in ihn der Todeszelle besucht, etwas sagen, was die Situation dieser Nachgeborenen gut beschreibt. Fiete erwähnt seinen Vater, einen Arzt:

„Und einmal, als ich meine Träume erwähnte, sagte er mir, dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch den Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden macht etwas mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und später, wie liebevoll behütet sie auch heranwachsen mögen, haben sie panische Angst davor, gekränkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den Träumen.“

Das lange quälend Unausgesprochene bekommt mit diesem Roman Ausdruck und Form. Auf eine so überzeugende Weise, dass dieses Buch für mich ein Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2015 ist.