Kirche überlebt

 

 

 

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Reinhard Marx, Kirche überlebt, Kösel 2015, ISBN 978-3-466-37152-5

 

In seinem neuen Buch präsentiert der Münchner Kardinal und enge Berater von Papst Franziskus, Reinhard Marx ein Plädoyer für die Erneuerung der katholischen Kirche. Keiner oberflächlichen Anpassung an die Moderne redet er das Wort, sondern einer geistlichen Offensive und einer radikalen Öffnung zur Welt. Das Buch ist, obwohl es wohl in sehr kurzer Zeit geschrieben worden, alles andere als oberflächlich. Es ist eine tiefgehende Analyse der schwierigen gegenwärtigen Situation der Kirche und ein kraftvoller Appell für eine glaubwürdige und zukunftsorientierte Kirche

Die globalisierte Welt und die kulturell vielfältige Gesellschaft brauchen „ das Evangelium und die Kirche als kritische Wegbegleiterin, die sich nicht zurückzieht und sich nur an der Vergangenheit orientiert“. All denen, die dadurch die Substanz gefährdet sehen, sagt er: „Das Alter und die Autorität einer Institution schützen weder vor dem Niedergang noch reichen sie aus als Quelle der Erneuerung. Wer darauf baut, sollte sich eher bemühen, die Kirche zum Weltkulturerbe zu erklären.“ Kirche als Institution sei kein Selbstzweck. Sie sei eine Gemeinschaft, die sich auf die ganze Welt hin richtet, auf alle Menschen. Ihre Aufgabe: diesen Menschen die befreiende Botschaft des Glaubens nahe zu bringen.

Diplomatisch sehr geschickt versucht er durch seine Formulierungen möglichst viele Kritiker mit ins Boot zu nehmen und die Laien zu stärken:

„Der Weg der Erneuerung kann nur in einem neuen Miteinander, im Hören auf das Evangelium und in einer verstärkten, synodalen Suchbewegung gefunden werden.“

Er plädiert für eine größere Dezentralisierung, mehr Eigenständigkeit der Ortskirchen (die keine Filialkirchen Roms seien), bessere Verwaltungen und moderne Personalführung. „Der Umgang mit dem Missbrauchsskandal hat uns da aufgerüttelt und sensibel gemacht für eine ordentliche, stringente Personalverwaltung und Personalführung.“

Alles in allem glaubt Marx fest daran, dass seine Kirche lebt und auch „über“ lebt. Die Familiensynode im Oktober wird zeigen, wie groß die Unterstützung des Klerus in den Fragen ist, die Marx so sehr umtreiben.

Ein wichtiges Buch, das ich als evangelischer Theologe mit großen Interesse und viel Zustimmung gelesen habe.

 

 

Stark wie ein Phönix

 

 

 

 

 

 

 

 

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Michaela Haas, Stark wie ein Phönix, O.W. Barth 2015, ISBN 978-3-426-29240-2

 

Schon seit vielen Jahren hat sich in der psychologischen Forschung ein Begriff etabliert, mit dem die Forscher eine immer wieder bei einigen ihrer Patienten und Klienten beobachtete Kraft bezeichnen, mit Hilfe derer sie aus einer deprimierenden Situation oder nach einem erlebten Trauma wieder in das normale und volle Leben zurückkehren konnten. Mit der sie Widerstand leisten konnten gegen die sie bisher krank machenden Zumutungen ihrer Umwelt und mit der sie wieder optimistisch ihren Blick nach vorne richten und ihr eigenes Leben im Griff behalten konnten.

Die Schweizer Paar-, Familien- und Organisationsberaterin Rosmarie Welter-Enderlin hat Resilienz schon früh ein „Gedeihen trotz widriger Umstände“ genannt. Es bezeichnet eine psychische Fähigkeit von Individuen, die durch verschiedene Gründe vielen Menschen in der heutigen Zeit abhanden gekommen ist, beziehungsweise sie waren gar nicht der Lage, sie in ihrer Kindheit und Jugend zu entwickeln.

Die Psyche besitzt eine Art Schutzschirm, die den Menschen krisenfest macht. Der Kern der Resilienz ist das unerschütterliche Vertrauen in die Fähigkeit, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Dieses Vertrauen stützt sich auf sieben Säulen unserer inneren Stärke: Optimismus, Bewältigungsorientierung, Verlassen der Opferrolle, Akzeptanz, Verantwortung, aktive Zukunftsplanung, Netzwerke und Freundschaften.
Neue Forschungen zum posttraumatischen Wachstum eröffnen eine revolutionäre und überraschende Sicht auf das Thema Trauma. Menschen können auch nach schwersten Krisen Weisheit und Kraft schöpfen, um sich ihr Leben wieder neu aufzubauen. Mit den richtigen Strategien sind sie sogar in der Lage, an den Krisen innerlich zu wachsen und ihre Erfahrung an andere weiterzugeben.
Michaela Haas erklärt das Phänomen in dem vorliegenden Buch anhand von zwölf eindrucksvollen Porträts. Sie interviewte unter anderem die Menschenrechtslegende Maya Angelou, die erfolgreiche Autistin Temple Grandin, den Auschwitz-Überlebenden Coco Schumann und trommelte mit Def Leppard-Schlagzeuger Rick Allen
Die aufbauenden Erkenntnisse dieser von Schicksalsschlägen gezeichneten Menschen werden durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt, und sie zeigen: Diese Fähigkeiten stecken in uns allen! Wie wir sie aktivieren können, zeigt Michaela Haas zusätzlich durch effektive Übungen zum Aufbau von Resilienz.

Denn Resilienz als das unerschütterliche Vertrauen in die Fähigkeit, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen ist etwas, das man nicht einmal erwirbt und dann immer behält, sondern dieses Vertrauen und diese Fähigkeit müssen immer wieder „genährt“ und geübt werden.

Es ist eigentlich gleich, an welchem Punkt man beginnt. Hilfreich ist es jedoch immer, wenn man so etwas wie eine spirituelle Haltung und Lebenspraxis besitzt. Und vor allen Dingen immer für sich selbst entscheidet, was einem gut tut: „Stärke ist immer eine Kombination von vielen Faktoren“.

Diesen Faktoren der eigene Stärke auf die Spur zu kommen und sie dann schrittweise einzuüben und Sie auch in die Erziehung der eigenen Kinder zu integrieren, dazu hilft das vorliegende Buch auf ganz hervorragende Weise.

 

 

 

 

The Alpina Book

 

 

 

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Paolo Tumminelli, The Alpina Book, Delius Klasing 2015, ISBN 978-3-667-10312-3

 

In Buchloe im Ost-Allgäu ist Deutschlands kleinster und nach der Meinung vieler Autofans auch feinster Autohersteller beheimatet: das auf der Grundlage von BMW-Automobilen operierende Fabrikat Alpina des Firmengründers Burkhard Bovensiepen . BMW Alpina feiert in diesem Jahr sein 50jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass ist dieser voluminöse Band erschienen, für dessen Herausgabe der Professor für Automobildesign Paolo Tumminelli verantwortlich zeichnet. Tumminelli, der sich nicht zuletzt durch seine dreiteilige Buchreihe zum „Car Design“ einen Namen gemacht hat, ist jedoch nicht der alleinige Autor; vielmehr ist durch weite Teile des Buchs auch die prägnante und pointierte Handschrift Burkhard Bovensiepens erkennbar.

Der 50jährigen Historie entsprechend ist der Band in 50 Kapitel gegliedert, nicht streng chronologisch, sondern themenorientiert. Nach den Vorworten von Axel Milberg und Norbert Reithofer folgt eine Einführung durch den Herausgeber, die die Bezeichnung „Bedienungsanleitung“ trägt. Es geht darum, dass das Alpina-Buch im Wesentlichen ein Porträt des Firmengründers, geworden ist.

Um dem Leser die Struktur und die Gestaltung des Buchs näher zu bringen, schreibt Tumminelli : „Die chronologisch nicht lineare und stilistisch schizophrene Sammlung von 50 Geschichten bemüht sich, dieser Vielschichtigkeit gerecht zu werden……Der Austausch mit Burkhard Bovensiepen – der nach wie vor ein begnadeter Texter ist – war dabei essenziell für das Resultat“. Natürlich drängt sich da, insbesondere auch unter Berücksichtigung des in den Firmenfarben von Alpina gehaltenen Layouts, der Verdacht eines Promotion-Bandes auf. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass sich Tumminelli trotz eindeutigen Lobes und großer Bewunderung für das Lebenswerk Bovensiepens den kritischen Blick für die eine oder andere „diplomatische Ungeschicklichkeit“ des Firmenpatriarchen bewahrt hat.
Die Geschichte von Alpina beginnt mit dem von Otto Rudolf Bovensiepen gegründeten Unternehmen zur Herstellung von Büromaschinen, bevor sich dessen Sohn Burkhard Bovensiepen 1963 erstmals mit der Leistungssteigerung von BMW-Automobilen durch seine „Alpina-Anlagen“ beschäftigte. Das Buch beschreibt die Entwicklung vom anfänglichen Tuning-Betrieb über die Zulassung als Hersteller von Automobilen 1983 bis zum weltweit anerkannten Produzenten von leistungsstarken Luxusfahrzeugen auf der Grundlage von BMW-Automobilen. Durch die enge Einbindung Burkhard Bovensiepens ist es gelungen, wirklich zahlreiche Hintergrundgeschichten und bisher im Verborgenen gebliebenen Informationen zu verarbeiten. Besonders interessant ist die Beschreibung des Kontakts von Alpina zur jeweiligen Leitung von BMW – von Paul G.Hahnemann bis zu Norbert Reithofer. Waren diese Verbindungen in der Regel auch sehr konstruktiv, so gab es doch durchaus auch Konflikte, in denen Bovensiepen sein Geschick, seine Überzeugungskraft und seine Durchsetzungsfähigkeit nachdrücklich unter Beweis stellte

Der auf edlem Papier produzierte Band ist mit 310 Abbildungen reichhaltig illustriert. Besonders beeindruckend sind die doppelseitigen Ablichtungen von 14 besonders prägnanten Alpina-Automobile vom 1800 TI bis zum gegenwärtigen 5er, die Aufnahmen von der handwerklichen Herstellung der Fahrzeuge und von der Bearbeitung der Motoren. Auch die Bilder von den Renneinsätzen der Alpina-Tourenwagen sind gelungen. Allerdings ist bei der Illustration auch Kritik angebracht: Es erscheint wenig sinnvoll, ausgerechnet kleine Fotos mittig im Buchknick über zwei Seiten zu platzieren, so dass man sich bemühen muss, zu erkennen, was dort überhaupt abgebildet ist.

Insgesamt ist dieser sehr repräsentative und zweisprachig verfasste Band eine angemessene Würdigung zum Jubiläum von BMW-Alpina.

Der Zauberlehrling

 

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Marko Simsa, Doris Eisenburger, Der Zauberlehrling, Annette Betz 2015, 32 Seiten, ISBN 978-3-219-11651-9

 

In seiner sehr erfolgreichen und durchweg empfehlenswerten Reihe „Musikalische Bilderbücher“ veröffentlicht der Annette Betz Verlag aus Wien in diesem Jahr unter anderem „Der Zauberlehrling“, eine von Paul Dukas vertonte Ballade von Johann Wolfgang von Goethe.

 

Das von Doris Eisenburger sehr ansprechend illustrierte Bilderbuch und die dem Buch beigefügte CD ergänzen sich, können unabhängig voneinander gelesen und gehört werden. Es empfiehlt sich jedoch, an den im Buch angeführten Stellen den jeweiligen Abschnitt auf der CD zu hören, von Marko Simsa einfühlsam gesprochen, da im Text immer wieder auf die Musik von Dukas Bezug genommen wird.

 

Kinder können auf diese Weise gut an die klassische Musik herangeführt werden und bekommen sie gleichzeitig auch noch gut erklärt. Ich kann das Buch ebenso empfehlen wie die anderen aus dieser schönen Reihe.

Die Stunde der Kurden

 

 

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Hans- Joachim Löwer, Die Stunde der Kurden, Styria 2015, ISBN 978-3-222-13493-7

 

Noch vor einigen Monaten war der Widerstand der Kurden gegen das Vorrücken des IS in allen Medien präsent. Nahe der türkischen Grenzen (Kobane) und im Irak selbst. Nach der letzten Wahl hat der Erfgolg der kurdischen HDP eine absolute Mehrheit von Erdogans Partei verhindert und dazu geführt, dass der türkischen Staat die Verhandlungen mit der PKK abbrach und diese zu ihre blutigen Anschlägen zurückkehrte.

Löwer bietet in seinem gut lesbaren Buch eine lebendige Darstellung, nah an den Menschen, interessant im Stil, ein „Blick aus der Nähe“ auf eine Region und ein Volk, dessen Name zwar geläufig ist, über dessen konkrete Geschichte und über dessen aktuelle Vision eines freien, eigenen Staates, in dem dann auch demokratische Freiheit selbstverständlich sein soll, relativ wenig Wissen herrscht Bekanntheit vorliegt.

Ein Jahrhundert der Repressalien in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran haben eine ganz eigene Geschichte geschrieben, in der deutlich wird: Geduld und Beharrungsvermögen beginnen, sich in labilen Verhältnisses des Umfeldes langsam auszuzahlen.
Dennoch kann man die aktuelle Entwicklung nur als einen weiteren Rückschlag in dieser Entwicklung ansehen, den Löwer, als er das Buch schrieb, so nicht voraussehen konnte. Den Kampf um einen eigenen Staat wird das aber nicht schmälern
 

 

 

 

 

Vom Schmerz

 

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Gustav Dobos, Vom Schmerz, Elisabeth Sandmann 2015, ISBN 978-3-945543-11-5

 

Dieses Buch ist ein Plädoyer für einen ganzheitlichen Ansatz der Schmerztherapie. Mit konkreten Fallbeispielen und Patientengeschichten Patientengeschichten wird eine Vision deutlich einer Medizin mit Hand und Herz
Vielen Menschen, die unter Schmerz leiden, kann nicht geholfen werden, weil die seelischen Zusammenhänge und Kausalketten von Ärzten nicht gesehen oder zu wenig beachtet werden. Die Mind-Body-Medizin von Professor Gustav Dobos setzt genau hier an und stellt den Patienten ganzheitlich in den Mittelpunkt. In diesem Buch werden anhand vieler konkreter Patientengeschichten neue Sichtweisen und Behandlungskonzepte aufgezeigt, die zu seinem überaus erfolgreichen Therapieprogramm gehören. Dieses Buch erscheint zu seinem 60. Geburtstag und ist ein Plädoyer, sich mit chronischen Krankheiten anders auseinander zu setzen.

„13 Millionen Menschen leiden in Deutschland an chronischen Schmerzen. Sie verkrampfen sich unter Stress..“ heisst es in der Einleitung des handlichen Buches des Autorenteams Prof. Dr. Gustav Dobos und Dr. Petra Thorbrietz. Dort findet sich zum Stress auch eine überzeugend anschauliche Strukturskizze. Sie zeigt links einen ‚Stress-Stausee‘ mit folgenden Austritten aus dem Stauseedamm: Diese austretenden, betroffenen ‚Stressstrahlen‘ benennt das Autorenteam mit Schlaf, Bewegung, Ernährung, Entspannung, Verhaltensänderung, Medikamente, soziale Beziehungen, Humor, Spiritualität und ‚gebirgiges Naturumfeld‘. Als Lösungsfeld zum Schmerz stuft der Naturheilkundler Dobos das Thema Schmerz als ein schwieriges Syndrom ein, und bittet die „Einbahnstrasse Medikamente“ zu verlassen. Wichtig sei, den Körper so zu behandeln, dass dabei die  Seele berührt wird. Dazu verhilft die Mind-Body-Medizin zur Erfahrungsänderung. Als Quintessenz sieht er die Integrative Medizin als Heilmethode der Zukunft. Es ist ein schlüssiger Weg zum Ertragen und Heilen.

 

 

Ein besonderer Junge

 

 

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Philippe Grimbert, Ein besonderer Junge, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14425-4

Wenn ein Psychoanalytiker mit dem Schwerpunkt Jugendpsychiatrie beginnt Romane zu schreiben, dann muss man damit rechnen, dass er in seinen Büchern entsprechende Stoffe einbaut. Schon in seinem auch als Film ungeheuer erfolgreichen Buch „Ein Geheimnis“, in dem er seiner jüdischen Kindheit nachspürte, hat Grimbert mit Übertragungsphänomenen gespielt.

In „Ein besonderer Junge“  erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der nach mehreren Versuchen nicht mit seinen Studien an der Universität klarkommt. Da sieht er eines Tages einen Aushang:
„Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados)“

Wie elektrisiert notiert sich Louis die Angaben. Zwei Wörter haben es ihm angetan, berühren etwas in ihm, was im Verlauf der Handlung näher ausgeführt wird. In Horville war das Sommerhaus, in dem Louis mit seiner Familie über viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Horville war der Ort einer jahrelangen tiefen Freundschaft zu Antoine, einem Jungen, dem sich Louis seelenverwandt fühlte. Und er stolpert über das Wort „besonderen“.

Indem er diesen Zettel liest, beginnt seine Erinnerung an seine Kindheit hervorzusprudeln, in der ihn sein Vater immer als einen „besonderen Jungen“ bezeichnete. Louis trifft sich mit dem Vater des zu betreuenden Jugendlichen und fährt dann nach Horville, wo Iannis mit seiner Mutter eine Zeit verbringt, in der sie ihren neuen Roman fertig stellen will.

Viele Helfer haben sich in den letzten Wochen und Monaten schon an der Betreuung des sechzehnjährigen Iannis verhoben und oft schon nach wenigen Tagen ihre Arbeit beendet. Louis wird auch bald klar, warum der stumme Junge nicht nur seiner Mutter eine solche Last ist. Doch er hält durch, baut langsam eine emotionale Beziehung zu dem Jungen auf, der in seinem Verhalten die kleinste Emotion, die in seiner Umgebung spürt, widerspiegelt.

Zunächst widersteht Louis auch den erotischen Avancen der Mutter, bis er sich später von ihr verführen lässt. Diese sexuellen Erfahrungen und die entsprechenden Kindheitserinnerungen an vorpubertäre Sexualität sind nur ein Strang eines Buch, das in kurzen Abschnitten erzählt und in kursiver Schrift den Protagonisten immer wieder in seine Kindheit und seine tiefe Freundschaft zu Antoine führt. Ja, ich wage zu behaupten, dass es diese „durchgearbeiteten“ Erinnerungen sind, die Louis ermöglichen, eine immer stabilere Beziehung zu Iannis aufzubauen, von dem sich herausstellt, dass er hinter dem Rücken seiner eher kalten Eltern schreiben und lesen gelernt hat. Und es ist die zugelassene Trauer um den Verlust seiner Kindheit und die Trennung von Antoine, die es ihm ermöglicht, am Ende auch Iannis gehen zu lassen, doch nicht bevor er etwas absolut Verrücktes tut und sich damit wohl für sein ganzes weiteres Leben befreit.

Eine wunderbare, mit dichter Sprache erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Anderssein.

Charlotte

 

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David Foenkinos, Charlotte, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04708-3

 

Charlotte Salomon, eine jüdische Künstlerin, die 1943 in Auschwitz vergast worden ist, ist lange von der Kunstwelt und Kunstkritik kaum beachtet worden. Dabei hätte sie neben Paula Modersohn-Becker, Marc Chagall und anderen in einem Atemzug genannt werden und zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen de 20. Jahrhunderts gezählt werden können.

Als der Schriftsteller David Foenkinos zum ersten Mal von ihr erfährt und ihre Bilder sieht, treibt die Lebensgeschichte dieser jungen Frau ihn um, sie raubt ihm nachts den Schlaf, wie er berichtet, und sie geistert durch viele seiner letzten und erfolgreichen Romane. „Die Vorstellung, was aus ihr hätte werden können, wäre sie nicht ihrer jüdischen Herkunft wegen von den Nazis ermordet worden, ist zum Verzweifeln.“

Jahrelange Recherchen führen schlussendlich zu einem Roman, mit dem Foenkinos erfolgreich versucht, diesem Leben und dieser Lebensgeschichte gerecht zu werden. Es ist ein Roman geworden, der aus relativ kurzen Sätzen besteht, nach denen er jedes Mal eine neue Zeile beginnt. So entsteht ein sehr dichtes und unter die Haut gehendes Leseerlebnis, das Charlotte Salomon dem Leser ganz nahe kommen lässt.

Charlotte Salomon wird 1917 als Tochter jüdischer Eltern in Berlin geboren und wächst als einziges Kind einer bürgerlichen Familie auf, deren Geschichte vom Dunkel zahlreicher Suizide überschattet ist, die auch Charlotte eine tiefe Traurigkeit eingeprägt haben. Als sie neun Jahre alt nimmt sich die Mutter das Leben und Charlotte wird fortan von wechselnden Kindermädchen betreut, von denen einzig das Fräulein Hase ihr Herz erreicht. Nach der Heirat des Vaters, eines angesehene Chirurgen mit der gefeierten Opernsängerin Paula Lindberg gehen eine Zeitlang berühmte Künstler und Wissenschaftler bei den Salomons ein und aus. Doch die Machtergreifung der Nazis beendet das alles schlagartig. Der Vater verliert die Lehrbefugnis, die Stiefmutter ihre Engagements. Kurz vor dem Abitur muss Charlotte die Schule verlassen. Genau in dieser Zeit entdeckt sie ihre Begeisterung für die Malerei und findet in ihr einen Weg, der düsteren Wirklichkeit zu entfliehen. Foenkinos beschreibt das so:

„Künstler erreichen in ihrem Leben einen bestimmten Punkt.
Einen Punkt, an dem sich eine innere Stimme zu Wort meldet.
Etwas in ihnen breitet sich unaufhaltsam aus, wie Blutstropfen im Wasser.“

Als eine der letzten Jüdinnen wird sie 1935 an der Berliner Kunstakademie zugelassen, doch 1939 muss sie zu den Großeltern nach Villefranche in Südfrankreich fliehen. Dort malt sie wie im Rausch einen Zyklus mit über tausend Gouachen expressionistischen Stils, in denen sie ihr ganzes Leben erzählt. „Leben? Oder Theater?“ betitelt sie dieses „Singspiel“, das sie 1942 mit den Worten „Das ist mein ganzes Leben“ einem Vertrauten übergibt.

Das Versteck in Frankreich, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Alfred Nagel lebt, wird bald zum Verhängnis. Als die SS die schwangere Charlotte Salomon am 21. September 1943 abholt, ist sie 26 Jahre alt.

Ihre Bilder sind heute im „Joods Historisch Museum“ in Amsteramm ausgestellt. Dort hat sie Davoid Foenkino vor vielen Jahren gesehen und hat sie später zur Grundlage seines Romans gemacht, der ihm lange stilistisch Kopfzerbrechen bereitete:

„Ich spürte ständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben muss“.

Jede Zeile ein Satz. Es ist ihm damit ein überaus lebendiges Porträt gelungen. In seinem literarischen Andenken meldet sich Foenkinos immer wieder selbst zu Wort und gibt Rechenschaft über seine Arbeit als Autor. Er überwindet Konzeptionen und gängige Normen für eine Biografie und schafft so ein eigenes Kunstwerk, das dem der Charlotte Salomon gerecht wird.

Seine poetisch-reduzierte Sprache, seine hohe Emotionalität, seine Mischung von Tatsachen und Fiktion verschafft dem Leser ein einzigartiges Erlebnis. Die hohen Auflagen in Frankreich und die Auszeichnungen, die das Buch erhalten hat kommen nicht von ungefähr.

Ein ganz außergewöhnliches Buch.

 

Als Paar getrennt, als Eltern zusammen

 

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Jos Willems, Als Paar getrennt, als Eltern zusammen, Patmos 2015, ISBN 978-3-8436-0573-1

 

Die Zahl der Ehen und Beziehungen mit Kinder, die scheitern und die Eltern sich trennen, ist in den letzten Jahrzehnten sehr stark angestiegen. Während die Eltern oft sehr schnell neue Partner finden, sind es die Kinder, die unter solchen Trennungen am meisten leiden, völlig unabhängig von ihrem Alter.

In vielen Fällen solcher Trennungen und Scheidungen geht für die Kinder die intensive Beziehung zu einem Elternteil verloren, den auch gelegentliche Wochenend- oder Ferienbesuche nicht ersetzen können.

Was die Kinder brauchen, ist eine vertrauensvolle Bindung an beide Elternteile, während und auch nach einer Trennung. Das zu ermöglichen, liegt an beiden Elternteilen. Doch wie kann das in dem Durcheinander der Gefühle, in dem Wust gegenseitiger Enttäuschungen und Vorwürfe, die eine Trennung meist mit sich bringen, gelingen? Wie bekommt man das emotional auf die Reihe, ohne die Kinder hineinzuziehen.

Die drei holländischen Autoren dieses aufschlussreichen und verständlichen Ratgebers versuchen zu diesem Thema verschiedene Wege aufzuzeigen, wie zwei Menschen, die als Paar sich getrennt haben, dennoch als Eltern zusammenbleiben können.

An vielen Beispielen aus ihrer Beratungspraxis ( sie sind Anwälte bzw., Beziehungsberater und leben alle in einer Patchworkfamilie) machen sie deutlich, dass es neben den gängigen Betreuungsmodelle (Papawochenende u.ä.) vielfältige Lösungen geben kann, die sich jeweils individuelle erarbeiten können.

Es ist eine besondere Leistung des Buches dass sie Patchworkfamilien nicht idealisiert, sondern immer wieder auf die Probleme und Schwierigkeiten hinweist und sie benennt, die es geben kann und wird, wenn das getrennte Paar es ernsthaft versucht, als Eltern zusammenzubleiben, zum Wohl und zum Segen ihrer Kinder.

Den Ratgeber kann man allen betroffenen empfehlen, weil er in seiner Vielzahl unterschiedlicher Fälle und Beispiele für jeden sicher einige realistische Hinweise enthält, die er in seinem Leben und mit seinen Kindern umsetzen kann.

Kleiner Floh ganz groß

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Laurie Cohen, Kleiner Floh, ganz groß, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5821-9

 

Dieses kleine handliche Bilderbuch für Kinder ab etwa 2 Jahren erzählt in einfachen Bildern und in knapper, verständlicher Sprache die Geschichte eines kleinen Flohs. Der fühlt sich extrem klein, wäre gerne groß, und beschließt auf verschiedene Dinge zu klettern.

Zuerst versucht er es mit der Erbse, dann mit einem Apfel, einer Blume und einer Kletterpflanze. Dann ist ihm nach Größerem und er setzt sich auf ein Haus, einen Mast, einen Wolkenkratzer und schließlich auf eine Wolke.

Ein Bär, der ihn, in die Luft schauend, dort entdeckt, macht sich lustig über ihn und sagt, er sei klitzeklein, während er dagegen …

Das hätte er lieber nicht gesagt, denn im Fell des Bären, auf den der Floh sich wutentbrannt gestürzt hat, ist der Floh sehr groß: der größte Quälgeist nämlich.

Ein schönes Bilderbuch, in dem die Kinder anschaulich etwas lernen können über Größenverhältnisse.