Gelassen gärtnern

 

 

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Charles Dowding, Gelassen gärtnern.99 Gartenmythen und was von ihnen  zu halten ist, Oekom 2016, ISBN 978-3-86581-769-3

Glauben Sie auch, dass Gemüsesorten definierte Abstände voneinander brauchen, das Entfernen von Tomatenblättern bei der Reifung der Früchte hilft oder Gießen bei praller Sonne die Blätter schädigt?

Dieses reich illustrierte Buch zeigt auf, welche Mythen rund um den Garten ernst zu nehmen sind – und welche Sie am besten ignorieren, wenn ihr Obst und Gemüse gedeihen soll.

Zahlreiche Mythen halten sich beharrlich, selbst wenn sie voller Widersprüche stecken. Auch unter Gärtnerinnen und Gärtnern kursiert ein großer Fundus solcher „Weisheiten“. Sie kommen aus einer langen Tradition und keiner weiß, wie sie zu „unabänderlichem“ Wissen wurden.

Für den Praktiker entscheidend ist jedoch: Mythen verstellen unseren Blick und verhindern nicht selten den erhofften Erfolg im Garten. Der renommierte Bio-Gärtner Charles Dowding unterzieht gängige Mythen rund ums Säen und Pflanzen, Gießen, Kompostieren und Düngen sowie der Gartenplanung, Schädlingsbekämpfung und Bodenbearbeitung einer kritischen Prüfung. Und bei den allermeisten kommt er aus seiner über 30 – jährigen Erfahrung als Bio-Gärtner zu dem Schluss, dass die Mythen falsch sind.

Charles Dowding hat sich schon früh dem Biogärtnern zugewandt hat. In Großbritannien zählt er zu den bekanntesten Experten für Organic Gardening, auf Deutsch erschien zuletzt sein erfolgreicher Ratgeber „Gemüsegärtnern wie die Profis“ (BLV 2013)

Iron Curtain Trail

 

 

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Joachim Franz, Matthias Huthmacher, Iron Curtain Trail. Mit dem E-Bike von Norwegen bis zum Schwarzen Meer, Delius Klasing 2016, ISBN 978-3-667-10450-2

 

Der Eiserne Vorhang teilte Europa für nahezu ein halbes Jahrhundert von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer in Ost und West. Entlang des ehemaligen Grenzstreifens entstand auf Initiative des Europa-Abgeordneten Michael Cramer an der Westgrenze der ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten der ca. 10.000 km lange Europa-Radweg Eiserner Vorhang (Iron Curtain Trail), der europäische Geschichte, Politik, Natur und Kultur erlebbar macht.

Entlang des ehemaligen Grenzstreifens wurde auf circa 10.000 km ein Radweg geschaffen, der europäische Geschichte mit nachhaltigen Tourismus verbindet und so einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas leistet. Bereits im Jahr 2005 hat das Europäische Parlament auf Initiative des Berliner Europa-Abgeordneten Michael Cramer mit großer Mehrheit beschlossen, den Iron Curtain Trail als beispielhaftes europäisches Projekt für nachhaltigen Tourismus zu unterstützen.

 

Mittlerweile gibt es dafür zahlreiche GPS-Programme und auch zahlreiche Reiseveranstalter laden zu organisierten Fahrten auf dieser Strecke ein. Einen Vorgeschmack dafür kann man sich mit dem bei Delius Klasing erschienenen Buch holen, in dem Joachim Franz und Matthias Huthmacher ihre insgesamt vierwöchige Tour auf dem Iron Curtain Trail in Wort und Bild dokumentieren.

 

Bei Tagesstrecken von mehr als 300 Kilometern (sie haben auch lange und ausgiebig vorher trainiert) und mit entsprechender Unterstützung durch Begleitfahrzuge können sie nicht nur zeigen, zu welchen Leistungen moderne E-Bikes mittlerweile bei entsprechender unterstützender Technik in der Lage sind, sondern ihr Buch und seine begeisterten Beschreibungen sind auch ein Hohelied der Freiheit der Grenzen im Europa nach 1989.

 

Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments hat am 24.März 2014 zu diesem Buch und Projekt ein Vorwort geschrieben, als er und andere noch nicht ahnen konnten und wohl auch niemals für möglich hielten, dass nur zwei Jahre später in Europa wieder Grenzzäune errichtet werden, um Menschen an der freien Fortbewegung zu hindern. Ob Martin Schulz in diesen Tagen an sein Vorwort denkt?

 

Das Buch ist nicht nur für Freunde des Fahrradsports eine interessante Lektüre, sondern auch eine Hommage an ein friedliches Europa, das in diesen Zeiten zu vergessen droht, aus welcher Geschichte es kommt und welchen Entwicklungen es seine Freiheit zu verdanken hat. Dass das Vergessen gerade in jenen Ländern besonders groß ist, die unter der Unfreiheit am meisten zu leiden hatten, macht nachdenklich und ist schwer zu verstehen.

 

 

 

Nonna Annas Tagebuch

 

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Bianca Mattern, Nonna Annas Tagebuch, Verlag Modernes Lernen 2014, ISBN 978-3-8080-0737-2

Dieses Buch ist als ein Tagebuch konzipiert ist, und überzeugt durch seine außergewöhnliche Art, sich dem Thema Demenz zu stellen, Es zeigt, wie die Lebensqualität trotz der Krankheit erhalten werden kann bzw. wie man mit Demenz umgehen kann.

Das Tagebuch beschreibt das Leben und die Tage der NONNA ANNA, einer in Rom geborenen und in Italien auf Elba lebenden Frau. Mit Humor, Klarheit und alltagsgewöhnlichen Erklärungen werden die Leser an das ernste Thema herangeführt, ohne dass es aber lächerlich gemacht wird. Vielmehr erfährt man die Vielfalt und Differenziertheit des Themas. Ziel ist, dass man sich empathischer auf demenziell erkrankte Menschen einstellen kann.

Die 13 Kapitel gehen zunächst auf die Biographie von NONNA ANNA ein und beschreiben notwendige Rituale, ehe auf die Demenz als Krankheit eingegangen wird und die Chancen für ein weiteres selbständiges Leben dargelegt werden.

Danach wird das pädagogische Betreuungs- und Beschäftigungskonzept für demenziell veränderte Menschen und Hochaltrige mit Hilfe dieser speziellen Tagebuchform beschrieben – und zwar nicht nur mit Zielen, sondern verknüpft mit einer Vielzahl an Fotos und Illustrationen. Damit ergibt sich eine gewisse „Leichtigkeit“ bei der Beschäftigung mit dem Thema Demenz.
Das gesamte Konzept NONNA ANNA ist ausgesprochen überzeugend und wird im Anhang gut ergänzt durch Informationen über Umsetzungsmöglichkeiten. Die Autorin Bianca Mattern ist selbst seit bald 20 Jahren im Hochaltrigenbereich tätig und verfügt über Ausbildungen in Montessoripädagogik und -therapie.

Gerade für altenpflegerische Fach- und Ergänzungskräfte ein ausgesprochen wegweisendes Buch, aber auch für Angehörige eine gute Verständnishilfe.

Wächst das noch oder war`s das schon

 

 

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Delphine Godard, Wächst das noch oder war`s das schon. Liebe, Sex und andere Zwischenfälle, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-55432-4

 

Dieses schon 2013 in Frankreich erschienene und dort sehr erfolgreiche Buch für Mädchen und Jungen zu Beginn und während ihrer Pubertät ist nun im Ravensburger Verlag auch auf Deutsch erschienen. Es behandelt alle wichtigen Fragen und Probleme und arbeitet mit zahlreichen Klappen, die die jungen Leser nutzen und dahinter eine Menge Informationen finden können. Diese Aufklapptechnik wird seit vielen Jahren bei Bilderbücher verwendet, sodass sie den mittlerweile in die Pubertät gekommenen früheren Bilderbuchbetrachtern bekannt sein dürften und sie motivieren können, mit dem Buch zu arbeiten.

Das Buch, das auf jegliche Bilder verzichtet und nur mit zum Teil lustigen und witzigen Zeichnungen arbeitet, ist klar und systematisch aufgebaut und reflektiert all die körperlichen und psychischen Veränderungen, mit denen sich Mädchen und Jungen, die einen früher, die anderen später, zu Beginn und während der Pubertät konfrontiert sehen.

Ich halte das Buch für eine gut geeignete Grundlage für den Sexualkundeunterricht in der 6.Klasse. Es sollte dort den Kindern als Lektüre empfohlen werden

Keiner gruselt sich vor Gustav

 

 

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Guido van Genechten, Keiner gruselt sich vor Gustav, Annette Betz 2015, ISBN 978-3-219-11657-1

 

Schon bei seiner Geburt war Gustav anders. Nicht wie die anderen Gespenster seiner großen Familie, weiß, sondern rosa kam er auf die Welt. Seine Eltern sind dennoch sehr stolz auf ihn, und geben ihm den Namen Gustav, weil der so gut zu einem besonderen Gespenst passt.

Als Gustav in die Gespensterschule kommt, macht er gerne bei vielen Sachen mit den anderen kleinen Gespenstern mit. Er liebt den Schwebe-Unterricht und die Geistergeschichtsstunden. Doch den Direktor bringt er zur Weißglut, denn statt eines richtigen Geisterrufs kommt bei Gustav nur ein unsicheres „Bahu!“ heraus.

Die anderen Geisterschüler lachen ihn aus und der strenge Direktor schickt Gustav in den Verlassenen Turm. Dort soll er bleiben, bis er richtig spuken kann. Da schweigen auch die anderen Geisterschüler betroffen.

Im Verlassenen Turm lernt Gustav Miau kennen, eine kleine schwarze Katze, und miteinander machen sie den Turm zu einem wohnlichen Ort, in dem sie sich pudelwohl fühlen und dicke Freunde werden.

Die anderen haben mittlerweile alle das Spuken gelernt, doch sie kommen gerne in den Verlassenen Turm und genießen die gemütliche Gastfreundschaft der beiden Außenseiter.

Ein schönes, von Meike Blatnik aus den Niederländischen ins Deutsche übertragenes Bilderbuch über das Anderssein, und wie schön es ist, so zu bleiben wie man ist.

 

 

 

 

 

 

Die Stille unter dem Eis

 

 

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Rachel Weaver, Die Stille unter dem Eis, Pendo 2015, ISBN 978-3-86612-397-7

 

Ein ganz außerordentlich gelungenes literarisches Debüt aus Amerika ist hier anzuzeigen. In ihrem Roman „Die Stille unter dem Eis“ erzählt Rachel Weaver, die lange in Alaska für den Alaska Forest Serice gearbeitet und geforscht hat, die Geschichte zweier zunächst sehr unterschiedlicher Menschen und der Beziehung, die sich zwischen ihnen entwickelt.

Anna ist per Autostop auf dem Weg nach Alaska. Als sie der junge Kyle zufällig mitnimmt, ist Anna zunächst sehr reserviert und misstrauisch, Doch bald knüpft sich durch ihren Austausch und ihre Gespräche ein zartes Band der Freundschaft, aus der so etwas wie Liebe wird. Denn es stellt sich heraus, dass beide eine schwere Vergangenheit mit sich herum schleppen, die tiefe und schmerzhafte Wunden in ihre jeweiligen Seelen geschlagen hat.

Die gegenseitige Heilung macht Fortschritte, als sie die Entscheidung treffen, gemeinsam im Leuchturm von Hibler Rock zu wohnen, zunächst für neun Monate.

Rachel Weaver nimmt ihre Leser mit auf eine bewegende emotionale Reise in die innere Welt ihrer Protagonisten und in die Geheimnisse ihrer Lebensgeschichte, denen sie sich langsam und behutsam stellen. Anna und Kyle lernen langsam miteinander das Leben zu bejahen und trotz aller Trauer über das Vergangene und die damit verbundene Schuld wieder Lebensmut und Hoffnung zu schöpfen.

Vor dem Hintergrund wunderbarer Landschaftsbeschreibungen der Natur Alaskas geht es in diesem gelungenen Debüt um Liebe und Freundschaft, um Einsamkeit und ihre Durchdringung und immer wieder um die große Macht menschlicher Gefühle.

Auf den zweiten Roman dieser vielversprechenden Schriftstellerin darf man gespannt sein.

 

 

 

 

Die fremde Reformation

 

 

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Volker Leppin, Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-40669081-5

Volker Leppin ist Professor für Kirchengeschichte in Tübingen, Mitglied der Sächsischen und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Er wurde mit dem Ruprecht-Karls-Preis der Universität Heidelberg geehrt.

Sein Buch ist ein verständliches Plädoyer für ein tieferes Verständnis für Luther und seine Zeit. Eine Zeit des Umbruchs, vor der wir, so scheint es in den letzten Jahren dem kritischen Zeitgenossen, erneut stehen. Wendepunkte allenthalben. So könnte in den Monaten vor den großen Feierlichkeiten zum 500- jährigen Jubiläum der Reformation 2017 zu so etwas wie einen Spiegel werden. Obwohl er uns, nicht nur den Theologen, heute fremder scheint denn je.

Volker Leppin beschreibt das in seinem Buch so: „Luther ist uns Heutigen fremd. Er ist nicht nur fremd in jenen Zügen, von denen man sich ohnehin gerne lösen will und die man gerne auf das Konto seines mittelalterlichen Erbes schreibt: in seinem unerträglichen Judenhass, seinen Ausfällen gegen Türken oder den Papst. Auch die Wurzeln seines Anliegens, der Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders, liegen für die Menschen des 21. Jahrhunderts fern. Sie entstammen der religiösen Bewegung der Mystik des Mittelalters.“

Leppins Hauptthese in seinem Buch ist, dass die meisten Gedanken Luther nicht wirklich neu waren. Luther und sein ganzes Denken waren tief m mittelalterlichen Denken verwurzelt, der Mystik einer tiefen Frömmigkeit. Die Mystik suchte Antworten auf die Angst vor dem Tod. Wird die Seele aufgrund ihrer Sünden zu ewiger Qual verdammt sein? Ein Mittel gegen diese Angst waren die Ablassbriefe. Sie versprachen gegen Geld einen Nachlass der Sündenstrafen. Doch Luther genügte ein Ablassbrief nicht. Einen Ausweg fand er in der individuellen Erfahrung der Liebe von und zu Gott. Leppin zitiert Luther: “ … dass wahre Buße allein mit der Liebe zur Gerechtigkeit und zu Gott beginne … Denn dann werden die Gebote Gottes süß, wenn wir erkennen, dass sie nicht bloß in Büchern, sondern in den Wunden des allersüßesten Heilands gelesen werden müssen.“

Auch durch die neuen Drucktechniken erfuhren immer mehr Menschen von Luthers Gedanken, von den Unterschieden im Denken und Fühlen. Und da es um das Heil der Seele ging, gab es kein Pardon. Die gelehrte und akademische Diskussion gewann eine Eigendynamik – die mystischen Ideen wurden in Machtansprüche verwandelt, sie verloren ihren tiefen Zauber und wurden manchmal zu Argumenten für Mord und Totschlag. Parallelen zur heutigen Zeit sind nicht übersehbar.

Es ist zu hoffen, dass Leppins Hinweise auf Luthers mystische Wurzeln nicht nur bei den Theologen im Vorfeld der Feierlichkeiten, Reden und Predigten zum Reformationsgedenken auf kritischen Boden fallen.

 

 

 

 

 

 

 

Sternenhimmel und Zauberträume. Gutenacht-Geschichten

 

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Dagmar Henze, Sternenhimmel und Zauberträume, Gutenacht-Geschichten, Ellermann 2016, ISBN 978-3-7707-2503-8

 

Damit Eltern von Kindern ab etwa 4 Jahren der Stoff beim hoffentlich täglichen Erzählen von Gutenacht-Geschichten vor dem Schlafengehen ihrer Kinder nicht ausgeht, hat Cornelia Küpper viele Geschichten von verschiedenen bekannten und weniger bekannten Autoren für Kinder ausgesucht, unter anderen:

Astrid Lindgren: Nein, ich will noch nicht ins Bett.
Angie Westhoff: Die Wunderlampe.
Paul Maar: Anne kann nicht schlafen.
Isabel Abedi: Hexus Plexus: Jetzt bleib ich bei dir.
Henriette Wich: Gespenster bekommen keinen Schnupfen.
Anne Ameling: Wenn Drachen schnarchen.
Margret Rettich: Jan und Julia ganz allein.
Usch Luhn: Hörst du das?
Kirsten Boie: Das Bärenmärchen.
Cornelia Funke: Mick und Mo im Weltraum.
Corinna Gieseler: Schlaf gut, kleine Eule!
Andrea Schütze: Das kleine Nachtseelchen

Die Illustratorin Dagmar Henze, die diese Geschichte liebevoll und feinfühlig anschaulich gemacht hat, wurde 1970 in Stade geboren. Sie studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Illustration und hat seither bei verschiedenen Verlagen zahlreiche Kinderbücher illustriert.

 

Ein schönes, preiswertes Buch für junge Eltern. Auch als Geschenk für sie hervorragend geeignet.

Eine Idee von Glück

 

 

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Carlo Petrini, Luis Sepulveda, Eine Idee von Glück, Oekom Verlag 2015, ISBN 978-3-86581-735-8

 

Mit ihren Ideen für ein besseres Leben und Zusammenleben treten die Autoren Petrini und Sepúlveda in einen Buchdialog. Hier machen sie genau das, wofür sie plädieren: Zuhören, Antworten finden, sich Aufmerksamkeit schenken, einen Austausch der Ideen zum gesunden Genuss von Schönem und Sinnvollem führen.

Man hat beinahe das Gefühl in einer gemütlichen Runde mit den Autoren zu sitzen und ihren schmunzelnden Ausführungen zu lauschen. Dahinter steckt ein ernster Gedanke: Wie stelle ich mich der Schnelllebigkeit der Zeit entgegen? Das Buch kann scheinbar auch nur mit einer konzentrierten Langsamkeit gelesen werden. Es ist voll mit Fakten und Erfahrungen der Autoren.

Der eine, der sich für faire und hochwertige Lebensmittel einsetzt und der andere, der als politischer Aktivist zeitweise im Exil lebte. Durch die lockere Dialogform kommen beide Schriftsteller zu Wort und vermitteln dem Leser das Fazit: Der Blickwinkel auf das Leben entscheidet oft, wie positiv oder negativ wir es wahrnehmen.

Ein schönes Zitat: „Poesie hilft, das Glück zu finden, wo man es nie vermutet hätte. In Dingen und Tätigkeiten, die auf den ersten Blick vollkommen bedeutungslos erscheinen.“

In jedem Lebensalltag, und sei er auch noch so banal und normal, kann man diese Erfahrung machen, wenn man die Wirklichkeit, sein eigenes Leben und das, was man täglich tut, auch für andere, mit liebevollen Augen und mit einem offene Herzen anschaut. Diese Erfahrung mache ich jeden Tag und ich bin dankbar dafür.

 

 

Aron und der König der Kinder

 

 

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Jim Shepard, Aron und der König der Kinder, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-68959-8

Schon des Öfteren in der Vergangenheit ist das Leben und Leiden der Juden im Warschauer Ghetto literarisch bearbeitet worden, und auch vom Leben und Wirken Janusz Korczaks gibt es zahlreiche Bücher.

Der amerikanische Schriftsteller Jim Shepard hat nun einen Roman geschrieben, in dem er einem neunjährigen polnisch-jüdischen Jungen namens Aron seine Stimme leiht und seine Geschichte erzählen lässt. Indem er diese Perspektive einnimmt, kann er sich mehr mit der menschlich-alltäglichen Lage im Warschauer Ghetto befassen, als mit den politischen Ereignissen, obwohl die an einigen Stellen, wo es zum Beispiel um den Judenrat geht, gestreift wird.

Das Charakteristikum dieses Buches ist der mal ergreifende, mal entwaffnende, dann wieder komische und oft auch wütende Ton, in dem dieser Junge seine Geschichte erzählt. Aron kommt mit seiner Familie vom Land in die Stadt, dort ins Ghetto. Vom Ghetto kommt er, von seiner Familie getrennt, schließlich ins Waisenhaus und wird von da mit den anderen Kindern ins Konzentrationslager gebracht.

Dabei kreuzt sein Weg den einer realen historischen Figur, dem polnischen Arzt und Pädagogen Dr. Janusz Korczak (Henryk Goldszmit), der in Polen eine neue kinderfreundliche Pädagogik etablierte und schon 1912 sein erstes Waisenhaus übernahm. Als dieses Haus 1940 ins Warschauer Ghetto verlegt wurde,  zog er mit und weigerte sich zusammen mit seiner Mitarbeiterin Stefanie Wilcynska, die Kinder ihrem Schicksal zu überlassen. Genauso entschieden die beiden, am 5. August 1942, ihre Kinder nach Treblinka zu begleiten.

Die Geschichte, die Aron erzählt, handelt von Liebe, Freundschaft, Verrat und Tod. In einer Gruppe von Jugendlichen kämpft er mit Schmuggel um das Überleben zuerst seiner Familie und später um sein eigenes. Aron und seine Mitstreiter, und auch der „König der Kinder“, den er später näher kennenlernt (Shepard lässt ihn zu so etwas wie seiner rechten Hand werden), sind in einem sinnlosen Kampf gefangen und geben sich dennoch nicht geschlagen.  Sie sind wie ein Leuchtturm von Menschwerdung und Überleben in einer inhumanen Welt und überstrahlen mit ihrer Menschlichkeit das tiefste Dunkel.

David Safier hat in „28 Tage lang“ eine ähnliche Geschichte erzählt und ebenfalls 2015 haben Irene Cohen-Janca hat mit beeindruckenden und bewegenden Illustrationen von Maurizio Quarello die Geschichte von Janusz Korczak letzten Jahren in dem Kinderbuch „Die letzte Reise“ erzählt.

Beide sind ebenfalls sehr empfehlenswerte Bücher zum Thema.