Familie Maus im Garten

 

 

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Kazuo Iwamura, Familie Maus im Garten, NordSüd 2016, ISBN 978-3-314-10327-8

Mit zauberhaften Bildern schildert der japanische Autor Kazua Iwamura eine lustige Mausfamilie bestehend aus Mama Maus, Papa Maus, Oma Maus, Opa Maus und insgesamt 10 Mäusegeschwistern. Hana Christen hat sie aus dem Japanischen übersetzt und Rose Pflock hat daraus wunderschöne Verse gedichtet, die das Vorlesen dieses Buches und das Betrachten der zauberhaften Bildern zu einem sprachlichen und phonetischen Erlebnis machen können.

Das Buch erzählt davon, wie di gesamte Familie Maus in ihrem Garten arbeitet, wie sie säen, die Pflanzen pflegen und ernten.  Und so ganz nebenbei erfahren die das Buch betrachtenden Kinder, am Beispiel eines Kürbis, wie sich eine Pflanze vom Samenkorn bis zur Ernte entwickelt. Und nicht zu vergessen: all das kann man auch essen, dafür wird es ja angebaut.

Und so heißt es nach der Ernte eines großen Kürbis`:
„Hm – so tolle  leck`re Sachen
Lassen sich mit Kürbis machen!
Opa lacht und ruft: ‚Ich spar
Kerne für das nächste Jahr!“

Ein wunderschönes Bilderbuch, das den Kindern zeigt, wie schön es sein kann einen Garten zu haben und dort sich um Pflanzen zu kümmern. Vielleicht ist es ja für die vorlesenden Eltern und ihr Kind ein Anlass, in ihrem Garten, und sei er noch so klein, eine kleine Ecke für das Kind zur Pflege und Bepflanzung zu reservieren und einzurichten.

Die einsamen Liebenden

 

 

 

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Eshkol Nevo, Die einsamen Liebenden, DTV 2016, ISBN 978-3-423-26088-6

 

Eshkol Nevo zählt mittlerweile zu den auch weit über die israelischen Grenzen hinaus bekannten Schriftstellern. In allen seinen Büchern, insbesondere dem letzten „Neuland“, sind seine Figuren beseelt von einer großen Sehnsucht. Sie suchen nach dem Sinn ihres Lebens, wagen Neuanfänge und sehen sich doch immer wieder eingebunden in ein Netz von Familie und Freunden.

Auch in seinem neuen Roman, einer Art Realsatire geht es um Menschen, die nach Liebe und nach so etwas wie einer Heimat suchen. Angesiedelt hat er die Handlung in einem fiktiven Pilgerort, einer frommen Provinzstadt. Sie wird „Stadt der Gerechten“ genannt und ist Anziehungspunkt für viele „religiosniks“.

Gerade in diesem Ort, in einem Stadtteil namens „Ehrenquell“ sind vor einiger Zeit eine große Anzahl atheistischer russischer Rentner angesiedelt worden. Sie haben keine Idee vom Judentum., aber sie haben so wie fast alle Menschen in Nevos Romanen Träume von einem Neuanfang von einer neuen Heimat, von Zugehörigkeit.  Da sie weder Hebräisch sprechen noch irgendeine Art von Verständnis haben für das, was nach dem Brief eines amerikanischen Juden namens Mandelsturm an den Bürgermeister der Stadt geschieht kommt es in der Folge zu Missverständnis, die Nevo mit viel Komik witzig schildert. Mandelsturm will der Stadt nach dem Tod seiner geliebten Frau eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad stiften.

Moshe, ehemaliger Kibbuznik und Eliteoffizier der israelischen Armee, ist nach schwerer Lebenskrise ultraorthodox geworden  und hat eine Familie gegründet. Nun arbeitet er als Berater des Bürgermeisters und wird von diesem mit dem Auftrag betraut, den Bau der Mikwe zu beaufsichtigen. Da es schon sehr viele Mikwes in der Stadt der Gerechten gibt, man aber die großzügige Spende aus Amerika nicht ausschlagen will, wird beschlossen, sie im Stadtteil Ehrenquell zu bauen. In direkter Nachbarschaft eines Armeestützpunktes, um den ein großes Geheimnis gemacht wird.,

Die russischen Rentner bekommen natürlich die Bauaktivitäten mit und glauben fälschlicherweise, für sie würde eine Art Clubhaus gebaut. Schneller als man denkt, haben sie einen Schachclub gegründet, und nehmen bei der ersten Gelegenheit dafür die Mikwe in Besitz.

Baumeister der Mikve ist ein arabischer Israeli, Ben Zuk. Man wirft ihn wegen Militärspionage ins Gefängnis. Mutig wehrt er sich solange, bis er frei gelassen wird. Schon immer beobachtet er Zugvögel. Er ist vielleicht der freieste Charakter des Romans. Seine Entschlossenheit, Israel zu verlassen  ähnelt den unerklärlichen Abirrungen von Vögeln, die „plötzlich allein weit ab von ihrer normalen Zugroute in einem Teil der Welt auftauchen, in den sie gar nicht gehören“, den sogenannten „Lost solos“

Moshe begegnet im Rahmen seiner Arbeit seiner alten Jugendliebe Ayelet, was ihn  sehr durcheinander bringt. Doch auch andere Liebende hoffen auf neue Impulse ihres Liebeslebens.

Verschiedene Stränge der Handlung werden von Eshkol Nevo gut miteinander verbunden. Kritik an der Arroganz des Militärs hat genauso ihren Platz wie eine Fülle von in Israel bekannten Klischees über das russische Volk.  Moshe und Ayelet sind zwei einsam Liebende, die von einer gemeinsame Zukunft träumen, aber immer wieder scheitern.

Doch so wie anderen Menschen in dieser märchenhaften Komödie geben sie nicht auf, sich zu sehen nach Veränderung, nach eine Art Wunder, das ihrem Leben Sinn und Erdung gibt.

Vielleicht ein starkes Symbol für eine Haltung vieler Menschen im heutigen  krisengeschüttelten Israel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hector und die Suche nach dem Paradies

 

 

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Francois Lelord, Hector und die Suche nach dem Paradies, Hörbuch Hamburg 2016, ISBN 978-3-86952-212-8

 

In seinem neuen, dem siebten Band seiner erfolgreichen Reihe um den Arzt Hector geht Francois Lelord in der Lebensgeschichte Hectors weit zurück bis in sein 25. Lebensjahr. Wir schreiben das Jahr 1978 und Hector arbeitet als Assistenzarzt in einem Krankenhaus. Er ist noch jung, auf der Suche, und schwere Lebens- und Sinnfragen beschäftigen ihn. Besonders als ein kleiner Patient, der ihm anvertraut war, stirbt, quält er sich mit der Frage so vieler Menschen und Philosophen: wie kann Gott, wenn es ihn gibt, so etwas Grausames zulassen?

Und er ist zum ersten Mal in seinem Leben richtig verliebt und zwar in die unnahbare Clotilde, eine Kollegin aus dem Krankenhaus. Mit ihr, einer überzeugten und der Mystik zugeneigten Christin, die mit einem Leben als Nonne liebäugelt, kann Hector über all diese Fragen gut reden.

Mit ihr bricht er auch im Auftrag ihres Chefs in der Klinik in den Himalaya auf, als mehrere Patienten der Klinik apokalyptische Wahnvorstellungen ausbildeten, nachdem sie einen besonderen Tee getrunken haben.

Sie sollen Doktor Chin, den Eigentümer des Tees aufspüren, der sich dorthin geflüchtet hat. Mit in diesem spannenden Spiel ist auch der Arzt Armand aus der Klinik, der im Auftrag einer Arzneimittelfirma gute Geschäfte wittert.

Immer wieder werden Fragen zu Gott und Jenseits aufgeworfen, und in Nepal erfährt nicht nur Hector,  sondern vermittelt über ihn auch der Leser, mögliche Antworten des Buddhismus und anderer Religionen darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Eingebettet in eine durchaus spannende Rahmenhandlung, erfährt der Leser von Francois Lelord wieder sehr viel über wichtige Fragen des Lebens, über den Sinn von Leiden und über die Liebe, die Liebe zu einem anderen Menschen und die zu Gott.

Eine leichte und dennoch anspruchsvolle Lektüre für alle, die die Bücher über Hector lieben und die nicht aufhören Fragen zu stellen, auch die, auf die sie nie eine Antwort erhalten werden.

Die warme und elegante Stimme des Schauspielers August Zirner gibt der hier vorliegenden ungekürzten Hörbuchfassung gibt diesem Roman über das große Rätsel der Transzendenz eine ganz besondere authentische Wirkung.

 

 

 

 

 

 

 

Der schaurige Schusch

 

 

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SaBine Büchner, Charlotte Habersack, Der schaurige Schusch, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-44670-4

 

In diesem neuen Bilderbuch erzählt Charlotte Habersack in einer schönen und nachdenkenswerten Parabel eine Geschichte von Vorurteilen, Abgrenzung und Ablehnung von Fremden und wie sie schlussendlich überwunden werden kann. Obwohl es keine direkten Andeutungen gibt, ist dich der Bezug zu der aktuellen Flüchtlingsdebatte überdeutlich, die auch Kinder im Kindergarten schon erleben, wenn neue Kinder zu ihnen kommen, die anders sind.

In dem Bergort Doppelspitz wohnen nur wenige Tiere. Das scheue Huhn, der bockige Hirsch, die garstige Gams das maulige Murmeltier und der Party-Hase. Als sie eines Tages erfahren, dass der Schusch zu ihnen ziehen soll, dem es weiter unter zu warm geworden ist, geraten sie alle fünf in helle Aufregung. Und sie überbieten sich mit ihren Vorurteilen über ihn, obwohl sie ihn gar nicht kennen. Das kennt man ja.

Doch als der Schusch, oben angekommen on Doppelspitz eine Einweihungsparty gibt, geraten nicht nur die Vorurteile ins Wanken….

Ein schönes Bilderbuch über Vorurteile. Kinder lernen im Gespräch über dieses Buch, dass man niemand beurteilen soll, den man nicht kennt.

 

 

 

Gräser der Nacht

 

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Patrick Modiano, Gräser der Nacht, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14494-0

Der vorliegende Roman von Patrick Modiano ist das erste von ihm auf Deutsch veröffentlichte Buch seit der Verleihung des Literaturnobelpreises. Entsprechend beworben, waren die Erwartungen sicher nicht nur des Rezensenten an dieses Buch groß.

Doch schon zu Beginn der Lektüre dieses Liebesromans auf dem historischen Hintergrund der bis heute wenig verarbeiteten französischen Kolonialpolitik in Nordafrika, stellt sich Verwunderung ein.  Wie als hätte er mittlerweile eine andere Auffassung vom Schreiben, experimentiert Modiano mit seinem Stoff und mutet zunächst dem Leser auch sprachlich einiges zu.

Der Ich-Erzähler Jean erinnert sich aus dem zeitlichen Anstand eines halben Jahrhunderts und seines ganzen Lebens daran, wie und unter welchen Umständen er Mitte der sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts die rätselhafte und bezaubernde Dannie kennenlernt. Sie bewegt sich in konspirativen Kreisen und durch das Nachwort der Übersetzerin Elisabeth Edl schon sensibilisiert, ahnt der aufmerksame Leser, dass all diese Männer, denen Jean da begegnet, etwas zu tun haben mit den marokkanischen Exilpolitikern und ihrem Widerstand, der am 29.Oktober 1965 in der Entführung und Ermordung von Ben Barka gipfelte. Ein Mord, in den französische Polizei- und Geheimdienstkräfte verwickelt waren und dessen Umstände bis heue nicht geklärt sind. Regierungen von rechts bis links haben sich einer Aufklärung bisher verweigert.

Jean und Dannie kommen sich näher, und er schreckt auch nicht zurück, als sie ihn  fragt, was er tun würde, wenn sich herausstellen würde, dass sie jemanden umgebracht hat:
„‘Was ich sagen würde? Nichts‘, erwiderte er und war sich sicher, dass er auch heute, Jahrzehnte später, dieselbe Antwort geben würde. ‚Denn haben wir das Recht, über die zu urteilen, die wir lieben?‘, überlegte er jetzt wie damals.“
Doch als Dannie, mittlerweile von der Polizei gesucht, plötzlich spurlos verschwindet, sind Jeans Hoffnungen dahin.

Jean erinnert sich nun am Ende seines Lebens mit Hilfe seines damaligen schwarzen Notizbuchs nicht nur an die Namen sondern auch an die Orte, die er nun in der Gegenwart wieder aufsucht in der Hoffnung weitere Erinnerungen zu lösen aus seinem Gedächtnis. Er schreibt unchronologisch auf für sich selbst und die Nachwelt, an was er sich erinnert. Er zieht seine Kreise um die Schauplätze von damals, die heute anders genutzt werden und immer wieder dreht  es sich um den zuletzt pensionierten Kommissar Langlais, den Hüter seines Lebensgeheimnisses.

Auf dem Klappentext wird das Buch mit einem Film noir verglichen. Vielleicht ist es das, was den neuen Roman von Modiano so fremd und geheimnisvoll macht. Die Auseinandersetzung mit den Explosionen des 20. Jahrhunderts ist Modianos Thema. Dieses Mal ist es nicht der Holocaust, sondern die französische Politik in den sechziger Jahren und die Affäre um Ben Barka.

Andere Wesen. Frauen in der Kirche

 

 

 

 

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Theresia Heimerl, Andere Wesen. Frauen in der Kirche, Styria 2015 , ISBNN 978-3-222-13512-5

 

Die Autorin des vorliegenden Buches, die 1971 geborenen Österreicherin Theresia Heimerl ist Professorin für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität in Graz und schon durch ihr Geschlecht und ihre Konfession sozusagen seit Jahrzehnten gezwungen, sich auf unterschiedliche Weise mit dem Frauenbild ihrer Kirche auseinanderzusetzen.

Brave Ehefrau und Mutter – auf dieses Bild wurden Frauen in den offiziellen Verlautbarungen der Kirche gesehen. Frauen in der Kirche das waren und sind auch Denk- und Handlungsverbote, Ab- und Ausgrenzungen. Frauen in der Kirche sind 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil vor allem eines: eine Provokation. Dieses Buch will pro-vozieren, im Sinne von hervor-rufen: Zu einer kritischen Lektüre kirchlicher Frauenbilder.

Und da entdeckt Theresia Heimerl so Erstaunliches, dass sie zu der flotten Aussage kommt:  „Wer es als Frau bis jetzt in der Kirche ausgehalten hat, sollte bleiben, denn jetzt wird’s erst richtig spannend.“

Denn ihr präziser und wissenschaftlicher Blick in die offiziellen Dokumente zeigt deutlich: „Weder werden Frauen grundsätzlich als Sünderinnen oder gar sündiger als der Mann gesehen noch als bloße Verführerinnen tugendhafter Männer. Das Frauenbild der lehramtlichen Texte seit dem II. Vatikanum ist eben nicht jenes des Hexenhammers, sondern der bürgerlichen Romantik.“

Ein genauer Überblick über die Rolle der Frauen in den Dokumenten der Kirche quer durch die Kirchengeschichte bis zu den aktuellen Verlautbarungen fehlt ebenso wenig , wie eine Reflexion der modernen Lebenswelten von Frauen und Männern, der Populärkultur und der Genderdebatte.

Geerdet an die gesellschaftliche Wirklichkeit ist dieses Buch auch für theologische Laien verständlich und macht vor allem Frauen begründeten Mut, weiter sich in ihrer Kirche zu engagieren. Wichtige Veränderungen in der offiziellen Theologie und Praxis sind absehbar.

Das wird auch positive Folgen haben für das Verhältnis zu den protestantische Kirche, in der der Rezensent seit Jahrzehnten als Theologe tätig ist.
 

 

 

Die Welt auf dem Kopf

 

 

 

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Milena Agus, Die Welt auf dem Kopf, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14491-9

 

In diesem Roman führt Milena Agus ihre Leser nach Cagliari, der Stadt auf Sardinien, wo sie lebt und wo sie als Lehrerin Italienisch und Geschichte unterrichtet. Sie beschreibt das Leben der Bewohner eines alten, einst noblen Palazzos in einem ziemlich heruntergekommenen Stadtviertel der Hafenstadt. In einzelne Wohnungen aufgeteilt leben in dem alten Haus sehr unterschiedliche Menschen, unter anderem die namenslose Erzählerin des Buches, eine Studentin, die vor allem von der großen Liebe träumt

Im obersten Stockwerk wohnt „der Signore von oben“, ein amerikanischer Violinist namens Johnson, der wohl große Tage gesehen hat, nun aber sich mit gelegentlichen Engagements auf Kreuzfahrtschiffen zufrieden gibt. Seine Frau ist ihm seit langem schon davon gelaufen, und da sie das Geld in die Ehe brachte, lebt „der Signore von oben“ recht bescheiden. Wenn er unterwegs ist, darf die Erzählerin seine Blumen gießen.

Im untersten Geschoß wohnt Anna, „die Signora von unten“ zusammen mit ihrer Tochter Natascha. Natascha hat studiert, teilt aber das Los vieler südeuropäischer junger Menschen und ist arbeitslos. Sie ist verlobt mit einem jungen Mann und hat panische Angst, dass der sich in eine andere Frau verlieben könnte, Deshalb darf die Erzählerin auch nie mit beiden zusammenkommen. Anna, Nataschas Mutter, wiederum versucht mit drei verschiedenen Jobs sich und ihre Tochter über Wasser zu halten und ergreift, als sich die Gelegenheit bietet, ihre Chance und wird Mr. Johnsons Haushälterin und wohl auch Geliebte. Ihren schon älteren Körper hüllt sie in verführerische Dessous, um Mr. Johnson etwas Gutes zu tun.

Doch schon bald verändern zwei Menschen, die plötzlich auftauchen die ganze Szene. Zunächst Mr. Johnsons Sohn, in den sich die Erzählerin verliebt, bis sie erkennen muss, dass der Mann ihrer Träume zwar unendlich sympathisch, aber leider schwul ist. Und es taucht auf Mrs. Johnson, die sofort den Braten riecht, Anna wieder nach unten schickt und im oberen Stockwerk wieder die Regie übernehmen möchte.

Mit ihrer aus ihren anderen Romanen bekannten Art erzählt Milena Agus eine ebenso traurige wie lustige Geschichte voller überraschender Wendungen. Und voller genialer Sätze wie diesen:

„Inzwischen glaube ich, wenn man will, das ein Menschen einem unsympathisch bleibt, muss man um jeden Preis verhindern, dass man ihn näher kennenlernt.“

 

Wolfi der Hase

 

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Ame Dyckman, Zachariah Ohora, Wolfi der Hase, NordSüd 2016, ISBN 978-3-314-10332-2

 

Dies ist ein absolut empfehlenswertes Buch über Vorurteile, Anderssein und Freundschaft. Von Zachariah Ohora einfach und ansprechend illustriert, erzählt Ame Dyckman eine Geschichte, die Ohora im New Yorker Park Slope Viertel ansiedelt, wo sie lange in einer Wohnung im Untergeschoss wohnte.

Dort wohnt auch Familie Hase, die eines Tages vor ihrer Haustür in einem Bastkorb ein Wolfsbaby findet. Während die Eltern ohne Vorurteile das kleine Baby aufnehmen und Wolfi nennen, ist die Tochter Nora davon überzeugt, dass der Wolf sie früher oder später alle fressen wird.

Nora und Wolfi müssen in einem Zimmer schlafen. Zur Sicherheit montiert sie sich eine Taschenlampe auf ein Stirnband. Als ihre Freunde sie besuchen, sind auch die davon überzeugt: der Wolf wird sie fressen. Sie wollen fortan nicht mehr bei Nora spielen. Darüber ist Wolfi sehr traurig und weicht Nora nicht mehr von der Seite. Er wächst auf und verhält sich wie ein Hase. Wird auch von Noras Mutter wie ein Hase verkleidet als sie eines Tages, als keine Lebensmittel mehr im Haus sind, in einem Laden einkaufen gehen. Dort will ein Bär die Kinder verdrängen und greift Wolfi an. Doch Nora schlägt den Bär brüllend in die Flucht.

Als Geschwister gehen sie glücklich zurück. Ein schönes Bilderbuch, das auf eine witzige Weise das Thema Anderssein behandelt.

 

This is not a love song

 

 

 

 

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Jean-Philippe Blondel, This is not an love song, Deuticke 20916, ISBN 978-3-552-06293-1

 

Ähnlich wie in seinem letzten Buch „6 Uhr 41“, einem kleinen, unterhaltsamen und in seiner Thematik doch tiefgründigen Roman, beschreibt der französische Autor in seinem neuen kurzen Roman “This is not an love song“  eine Geschichte, zu einem reizvollen Thema, das sicher schon jeden Menschen mindestens einmal in  seinem Leben beschäftigt hat: was wäre gewesen, wenn?

Protagonist und Ich-Erzähler des Romas ist Vincent, ein in England lebender Franzose, der dort mit einem Freund eine sehr erfolgreiche Unternehmenskette für hochwertiges Fast-Food aufgebaut hat, nachdem es lange in seinem Leben so ausgesehen hatte, als würde er nichts zustanden bringen.

Über Nacht teilt ihm seine englische Ehefrau mit, dass sie eine Auszeit für ihre Ehe brauche:

„Dann erklärte sie mir, das sei bestimmt nicht der Auftakt zu einer Trennung oder der Vorwand für ein amouröses Abenteuer. Sie brauche einfach nur eine kleine Auszeit.“ Gleichzeitig schlägt sie ihm vor, diese Zeit doch zu nutzen und seine Eltern und seine Familie in Frankreich zu besuchen. Sie indessen werde eine Woche lang gar nichts tun und ausspannen. Vincent stimmt zu uns reist ab.

Vermeintlich schon lange vergangen und abgehakt, spürt er, in seinem Heimatort angekommen, sofort, wie ihn seine Vergangenheit einholt: Seine Eltern, die Langeweile des Dorfes, eine ehemalige Jugendliebe, sein Bruder und dessen Frau, mit der ihn keine großen Sympathien verbinden: Sehr rasch merkt er, wie viele unaufgeräumte Punkte es aus seiner Jugendzeit noch gibt.
„Ich schließe die Augen und erstelle im Kopf eine Liste der Dinge, die ich in dieser Woche in Frankreich machen will. Das beste Mittel, um einzuschlafen. Natürlich etwas Zeit mit meinen Eltern verbringen. Meinem Vater helfen, den Hauseingang neu zu streichen, das ist bei ihm eine richtige Obsession geworden … Versuchen, mit Jérôme zu reden – auch wenn keine große Hoffnung besteht, dass das irgendetwas bringen könnte … Vielleicht zufällig Fanny über den Weg laufen. Nein, es nicht dem Zufall überlassen. Sie anrufen und nicht wieder auflegen.“

Doch es kommt anders. Zwar trifft er seine Jugendliebe Fanny zufällig und kommt auch mit seinem Bruder erstaunlich gut zurecht. Aber als ihm die Frau seines Bruders die Wahrheit über dessen private Probleme offenbart, verwandelt sich die Ich-Erzählung in eine für den Leser nicht immer einfache Mischung aus Realität und Phantasie.

„This is not a love song“ ist ein eigenwilliger Roman, der schnell gelesen ist, aber wegen seiner übertragbaren Familiendynamik mit vielen dunklen und geheimnisvollen Stellen zur Identifikation einlädt.  Der Leser wird mitgenommen auf eine spannenden und sehr überraschend Reise in die eigene Jugend und der Erfahrung , dass es keinen besseren Spiegel gibt als alte Freunde.

 

 

 

Gorsky

 

 

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Vesna Goldsworthy, Gorsky, Deuticke 2016, ISBN 978-3-552-06310-5

 

Über Vesna Goldsworthys erste auf Deutsch erschienenes Buch „Heimweh nach Nirgendwo“ (2005) schirbe ch damalks begeistert in einer Rezension:

„Vesna Goldsworthys Buch ist ein bewegendes Zeugnis aus dem Herzen von Europa, ein trauriges Epos über den Verlust einer Kultur, die für die Betroffenen eben doch mehr war als ein liberal-kommunistischer Überwachungsstaat, ein Land, das auch Heimat war und ihr Wurzeln schenkte, die im neuen Land nur mühsam wieder wachsen können.

Wie schön wäre es, wenn diese wunderbare Schriftstellerin weiterleben könnte und uns noch weitere Bücher mit dieser wunderbaren Sprachmacht schenken könnte!“

Leider fanden ihre beiden nächsten Bücher offenbar keinen Verleger im deutschsprachigen Raum. „Inventing Ruritania“ blieb bisher leider ebenso unübersetzt wie ihr Gedichtband „The Angel of Salonika“ (2011). Wenn man die bisher spärliche Kritikerreaktion auf ihr neues Buch berücksichtigt, stehen die Chancen wohl auch sehr schlecht, dass in absehbarer Zeit sich daran etwas ändert.

Dabei ist der Roman „Gorsky“, der 2015 in England erschienen ist und nun bei Deuticke in der Übersetzung von Henriette Heise vorliegt, wieder voller Eleganz und sprachlicher Anmut verfasst. Inspiriert unter anderem von F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“ und voller Verehrung für die russische Literatur erzählt sie eine Geschichte, die beiden viel verdankt.

Es geht um Roman Gorsky, einen russischen Oligarchen, der so reich ist, dass er selbst nicht genau weiß, wieviel Geld er hat. Er besitzt unter anderem mitten in London ein großes und repräsentatives Anwesen. Er lässt es auf eine Weise renovieren und umbauen, die jegliche Vorstellungskraft sprengt und alles, was London diesbezüglich bisher erlebt, übersteigt.

Das Zentrum dieses Anwesens, um das sich alles andere dreht und anordnet, ist eine riesige Bibliothek, die alexandrinische Ausmaße annehmen soll. Er beauftragt den Buchhändler und Ich-Erzähler des Roman Nikola mit der Zusammenstellung der Bibliothek. Gorsky will mit diesem Werk voller bibliophilen Raritäten, bei dem ihn Nikola fachkundig unterstützen soll, eine von ihm verehrte und angebetete Frau namens Natalia aus Russland beeindrucken und von seiner Liebe zu ihr überzeugen.

Nikola ist in den neunziger Jahren vor dem Krieg aus Serbien geflohen und der Auftrag, den er erhält, fasziniert ihn, weil nicht nur er, sondern auch der Leser mit einer Fülle ganz besonderer und wertvoller Literatur, oft in Erstausgaben in Verbindung kommt. Doch die Welt des Oligarchen, mit der er dadurch in Kontakt kommt, stößt ihn auch ab.

Vesna Goldsworthy hat in „Gorsky“ eine spannende und hintergründige Geschichte erzählt über einen reichen und einsamen Mann und seine Welt. Einen Mann, dem sein ganzes Geld nichts nutzt und das ihn nicht glücklich macht und der Erfüllung seiner großen Liebe regelrecht im Weg steht.

Ich habe das Buch gerne und mit großer Begeisterung über die Sprachkunst der Autorin gelesen.