Der Nussknacker

 

 

 

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E.T.A. Hoffmann, Lisbeth Zwerger, Der Nussknacker, NordSüd 2016, ISBN 978-3-314-10354-4

 

Über 35 Jahre, nachdem die Künstlerin Lisbeth Zwerger 1980 am Anfang ihrer Karriere zum ersten Mal das hier vorliegende Märchen von E.T.A. Hoffmann illustriert hatte, versucht sie es mit dieser gekürzten, in seinem Humor, seiner Fantastik und Lautmalerei aber so gut es ging erhaltenen Form, noch ein zweites Mal.

 

Die Künstlerin tritt sozusagen mit sich selbst in Konkurrenz. Da die alten Ausgaben alle noch erhältlich sind, kann man vergleichen und feststellen: Lisbeth Zwerger hat sich – wieder einmal- selbst übertroffen.

 

Ein wunderschönes und faszinierendes Buch für kleine und große Märchenfreunde.

Der Garten von Hermann Hesse

 

 

 

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Eva Eberwein, Der Garten von Hermann Hesse, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04034-3

 

Wenig bekannt ist vielen Liebhabern der Bücher von Hermann Hesse, dass er ab 1907, nachdem er ein Haus mit Grundstück in Gaienhofen am Bodensee gekauft hatte und dessen Grundfläche durch weitere Grundstückskäufe vergrößerte in den folgenden Jahren, sich dort einen Garten anlegte mit Obstbäumen, Sträuchern, Gemüsebeeten und Blumen.

Bis 1912, als die Familie Hesse nach Bern zog und Haus und Garten in Gaienhofen verkaufte, investierte der Schriftsteller viel Zeit in die Gestaltung dieses Gartens. An späteren Wohnorten übernahm er jeweils Gärten zu den Häusern, die er bewohnte, und gestaltete sie lediglich um.

 

Dennoch hat Hermann Hesse fast die Hälfe seine Lebens in einem eigenen Garten sich von seiner schriftstellerischen Arbeit erholt.

 

Nach mehrfachen Besitzerwechseln zwischen 1912 (am Ende des Buches gut dokumentiert) kaufte die Autorin des vorliegenden Bandes, Eva Eberwein zusammen mit ihrem Mann das Anwesen mit dem Ziel, den ehemaligen Garten von Hermann Hesse wiederherzustellen.

 

Seit 2009 ist der Garten für die Öffentlichkeit geöffnet und Führungen durch Eva Eberwein können gebucht werden.

 

Die Fotografien von Ferdinand Graf von  Luckner geben ein eindrucksvolles Zeugnis von diesem wunderbaren Kleinod der Natur.

 

Für Freunde der Bücher von Hermann Hesse ist dieser auch mit historischen Fotos versehen Band eine weitere Ergänzung seiner Biographie.

 

 

Was ich noch weiß

 

 

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Diane Broeckhoven, Was ich noch weiß, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-69678-7

 

Ihre Bücher „Ein Tag mit Herrn Jules“ (2006), „Eine Reise mit Alice“ (2008), Herrn Sylvains verschlungener Weg zum Glück“ (2008) und insbesondere das theologisch schwergewichtige Buch „Kreuzweg“ (2012) habe ich jeweils mit großer innerer Anteilnahme gelesen. Diane Broeckhovens kurze, aber mit viel Herzenswärme und Einfühlungsvermögen geschriebene Romane machen mit einer nüchternen und einfachen Sprache die verschlungene und reiche Innenwelt ihrer jeweiligen Protagonisten auf eine selten gelesene Weise lebendig.

 

So ist es auch in ihrem neuen Buch. In „Was ich noch weiß“ erzählt Diane Broeckhoven von einem komplizierten Mutter-Sohn-Verhältnis, von Liebe und Abwendung, von Vertrauen und Verrat und von der Möglichkeit der Versöhnung mit dem, was gewesen ist.

 

Als die Hausfrau und Mutter von drei Kindern Manon eines Tages von ihrem Mann verlassen wird, der eine jüngere Frau kennengelernt und mit ihr noch ein Kind gezeugt hat, ist sie über Nacht auf sich allein gestellt. Von 1987 bis zum Jahr 2009 erzählen Manon und ihr Sohn Peter die lange und schwierige Geschichte ihrer Beziehung. Als Peter mit seinem Opa, der nur PP genannt wird, bei einem Urlaub in der Toskana, zu dem ihn sein Großvater eingeladen hat, das Verhalten des alten Mannes auffällig findet, offenbart sich ihm kurz nach der Heimkehr die Aufklärung: seine Mutter Manon hatte mit PP nach dem Tod der Schwiegermutter einer kurze Affäre.

Voller Entrüstung zieht der junge Peter aus und geht zu seinem Vater, ohne dass er seiner Mutter die Möglichkeit gegeben hätte, ihr Verhalten zu erklären.

 

Lange Jahre später, Peter will gerade mit seiner Frau nach Japan gehen, erleidet Manon einen Schlaganfall und Peter legt seine Auslandspläne zunächst auf Eis, um seiner Mutter beizustehen. Die wiederum kann mit der Pflege und dem Beistand ihrer Kinder und ihres früheren Ehemanns, den seine junge Frau verlassen hat, langsam genesen und beginnt „was ich noch weiß“ aufzuschreiben. Und schlussendlich findet sie auch ihren roten Ohrensessel wieder, den Peter nach ihrem Schlaganfall verkauft hatte, als er Manons Haushalt auflöste.

 

Sehr warmherzig erzählt, ist Diane Broeckhovens neues Buch ein erneutes Zeugnis von der Fähigkeit von Menschen, zu lieben und immer wieder neu miteinander anzufangen.

 

 

Wir leben alle unter demselben Himmel

 

 

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Manfred Mai, Wir leben alle unter demselben Himmel. Die 5 Weltreligionen für Kinder, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25300-1

 

Das vorliegende Buch des bekannten Kinder- und Jugendbuchautors Manfred Mai will Kindern im Alter ab etwa 10 Jahren einen leicht verständlichen ersten Überblick über die fünf großen Weltreligionen geben. Nicht erst seit im letzten Jahr über eine Million meist arabisch-moslemische Flüchtlinge in unser Land gekommen sind, darunter sehr viele Kinder und Jugendliche, wird die Notwendigkeit offenbar, mehr voneinander zu wissen, kennenzulernen und zu verstehen.

 

Anders als für viele heutigen deutschen Kinder ist für die moslemischen Kinder und ihre Eltern ihre Religion das entscheidende Merkmal ihrer Identität und für sie von immenser Bedeutung. Deshalb ist gerade das Kapitel über den Islam in diesem Buch so wichtig. Aber auch die Kenntnisse über die eigene Religion, das Christentum und seine Wurzeln im Judentum  sind heute so schwach vorhanden, das auch diese Kapitel wichtig sind nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, denen man dieses Buch genauso empfehlen kann.

 

Es erzählt von der Entstehung und der Geschichte der verschiedenen Konfessionen, von ihren zentralen Glaubensinhalten, ihren Ritualen, Festen und Symbolen. Immer wieder wird auf Gemeinsamkeiten hingewiesen, aber auch die Unterschiede werden festgehalten.

Ziel ist es zu erkennen, dass die großen Religionen viel mehr gemeinsam haben, als man denkt. Wenn Schüler das im Hinblick auf ihren andersgläubigen Mitschüler oder Nachbarn erkennen, sind die ersten Schritte zu einer gegenseitigen Achtung schon gemacht.

 

Das gut aufgebaute und mit Illustrationen von Marine Ludin bebilderte Buch eignet sich auch hervorragend zum Einsatz im Religions- oder Ethikunterricht in der Sekundarstufe I.

Montecristo

 

 

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Martin Suter, Montecristo, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-24366-6

 

Jonas Brand, der junge Protagonist von Martin Suters neuem Roman, ist ein mäßig erfolgreicher freischaffender Videojournalist. Er träumt davon, irgendwann richtige Filme zu machen und sein schon jahrelang in ihm reifendes Projekt „Montecristo“ hat, wie er findet, das Zeug zu einem Blockbuster.

 

Seiner neuen Freundin Marina Ruiz erklärt er den Plot so: „Ein junger Mann hat eine Dotcom-Firma gegründet, mit der er Millionen macht. Während seiner Ferien in Thailand wird ihm eine große Menge Heroin ins Gepäck geschmuggelt. Er wird erwischt und kommt als Dealer ins Gefängnis. Der Fall erregt Aufsehen in seiner Heimat, aber als seine drei Geschäftspartner, die sein Anwalt als Zeugen bestellt hat, ihn überraschend belasten, verliert die Öffentlichkeit das Interesse. Der Mann bekommt lebenslänglich und verschwindet in einem der berüchtigten Gefängnisse Thailands. Seine Geschäftspartner  erhalten die Kontrolle über die Firma und verkaufen sie für ein Vermögen.“

Doch wie dem literarischen Vorbild von Dumas gelingt Montecristo nach einigen Jahren die Flucht. Er sinnt auf Rache, unterzieht sich mit dem Geld, das er von früher auf der Seite hat, etlichen kosmetischen Operationen. Er kehrt zurück und treibt, als Investor getarnt, seine ehemaligen Partner in den Ruin.

 

Zu diesem Zeitpunkt ahnt er nicht, dass schon bald ein Vorfall zweieinhalb Monate vorher nicht nur sein Leben verändern, sondern ihn selbst  seiner filmischen Hauptfigur so nahe bringen sollte, wie er es nicht für möglich gehalten hätte.

 

Auf dem Weg nach Basel, wo er für die Zeitschrift „Highlife“ über einen Fundraisingball berichten soll, hält sein Zug auf offener Strecke. Ein Mann ist offenbar aus dem Zug gestürzt und ums Leben gekommen. Jonas Brand hält geistesgegenwärtig die Szene und Gespräche im Speisewagen fest, auch die Frage eines Mannes an einen anderen, ob er Paolo gesehen habe.

 

Doch schon bald nach seiner Rückkehr nach Zürich vergisst Jonas diesen Vorfall. Das Video allerdings behält er in seiner Wohnung. Erst als nach etwa drei Monaten Jonas der Zufall zwei Hundertfrankenscheine mit identischer Seriennummer in die Hand fallen, und seine Bank ihm die Echtheit beider Scheine bestätigt, taucht der Vorfall im IC nach Basel wieder auf. Zwischen den Scheinen und dem Tod im Zug scheint es Zusammenhänge zu geben. Jonas Brands Wohnung wird durchwühlt und er selbst wird zusammengeschlagen und beraubt.

 

Da will jemand Spuren beseitigen, Ungereimtheiten aus der Welt schaffen und gleichzeitig die Reputation  staatstragender Persönlichkeiten schützen. Paolo, das Unfallopfer im IC, so stellt sich heraus, war ein Banker, der risikoreiche Investments tätigte und sich verzockte.

 

Jonas Brand gerät immer mehr in einen Strudel von politischen Intrigen und bald ist ihm sein Filmplot näher, als er es für möglich gehalten hätte.

 

Martin Suter führt auch in seinem neuen Roman die Leser wieder in „high places“, dieses Mal in die Welt der Banker, Börsenhändler, Spekulanten, Journalisten und Politiker. Er entwirft ein abgründiges Szenario, das der Leser aber nach dem, was der Öffentlichkeit während der letzten Jahre der Finanzkrise präsentiert wurde, für absolut realistisch und möglich hält.

 

Spannender Lesespaß in gewohnter Suter`scher Qualität.

 

 

 

 

 

 

Fremde Seele, dunkler Wald

 

 

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Reinhard Kaiser-Mühlecker, Fremde Seele, dunkler Wald, S. Fischer 2016, ISBN 978-3-10-002428-2

 

Der österreichische Schriftsteller Reinhard Kaiser- Mühlecker erzählt in seinem neuen Roman, der es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, die Geschichte von zwei unterschiedlichen Brüdern und deren lange vergeblichen, schlussendlich aber doch Erfolg gekrönten Versuche, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und für sich selbst ein neues Leben zu beginnen.

 

Obwohl die Handlung in der jüngsten Vergangenheit spielt, etwa 2013/14, hat man beim Lesen nicht nur wegen der durchaus angenehmen und ansprechenden Sprache des Autors nicht selten das Gefühl, man befinde sich in einer Zeit in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

 

Alexander, der ältere der beiden Brüder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, verlässt früh sein Dorf, studiert zunächst Medizin, geht aber bald zur Armee und verbringt viele Jahre auf Auslandseinsätzen der UNO. Selten nur kehrt er für kürzere Aufenthalte nach Hause zurück und bleibt dort fremd, fühlt sich nur im Wirtshaus einigermaßen wohl.

 

Der jüngere Bruder Jakob ist all die Jahre der Abwesenheit seines Bruder zu Hause geblieben und führt die Landwirtschaft, an der der Vater schon lange kein Interesse mehr zeigt. Er träumt immer wieder von tollen Geschäftsideen, und muss doch immer wieder Land und dann auch Tiere verkaufen um seine Schulden zu begleichen. An diesen Stellen, wenn der Hof über die Jahre immer kleiner wird, fragt sich der Leser dann doch zunehmend, wie das sein kann, dass sich davon noch eine dreiköpfige Familie ernähren kann. Da hat der Autor ein wenig an der Realität vorbeigeschrieben. Denn die Großmutter, die nach dem Tod des Großvaters dessen in der Nazizeit wohl illegal erworbenes Eigentum geizig verwaltet, gibt keinen Cent her.

 

Die Zeit vergeht, der Vater träumt weiter von seinen spinnerten Ideen und die beiden Söhne hängen zwischen Vergangenheit und Zukunft lange in der Luft. Es passiert nichts – scheinbar.

 

Denn in dieser Zeit, in der der Roman in seiner Gegenwartsebene (es gibt auch Rückblicke) spielt, ereignet sich das Drama der Existenz all dieser Menschen. Menschen, die durch ihr Land, ihre Verwandtschaft, durch all den Dorftratsch miteinander verbunden sind.  Und durch ihre Sehnsucht nach etwas anderem.

 

Dass die beiden Brüder schlussendlich jeder für selbst einen vom Leser nicht mehr für möglich gehaltenen Neuanfang wagen, stimmt trotz seiner Zerbrechlichkeit tröstlich.

 

Man muss den Schreibstil von Reinhard Kaiser-Mühlecker mögen, sonst kann man das Buch nicht genießen.

 

Nackter Mann, der brennt

 

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Friedrich Ani, Nackter Mann, der brennt, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42542-8

 

Als er vierzehn war, vierzig Jahre ist das her, da ist der Ich-Erzähler des neuen unter die Haut gehenden Romans von Friedrich Ani aus seinem bayrischen Heimatdorf Heiligsheim abgehauen. Die Wahl des Ortsnamens ist kein Zufall, sie soll stehen für die Bigotterie eines katholischen Ortes, in dem nicht nur der Priester kleine Junge missbraucht und alle davon wissen und keiner etwas sagt.

 

Nun kehrt er zurück. Er ist voller Wut und Zorn, aber auch voller Schuldgefühle, die sich in der Rache ein Ventil suchen:

„Nach so vielen Jahren, Kriegen, Niederlagen, Auferstehung und gewöhnlichem Tun war meine Wut zurückgekehrt. Meine treue Begleiterin aus Kindertagen. Unversehrt von allen Gebeten und Gedanken. Erhaben über mein erwachsenes Empfinden. Fernab der Logik eines Lebens, das doch funktionierte und mich sogar mit neuem Namen und Verständnis für die allgemeine Not versorgt hatte. Da war sie wieder. Und ich durfte brennen.“

 

Ludwig Dragomir ist zurückgekehrt und sucht diejenigen heim, die damals vor 40 Jahren die Jungen mit in den Wald nahmen und sich dort an ihnen vergingen. Ludwig wusste es, und konnte nichts dagegen tun, dass Ferdl und Hanse, Freunde von ihm, dabei umkamen.

 

Im Ort erkennt ihn niemand wieder. Seit er wieder da ist, sind gleich mehrere ältere Herren verschwunden, manche werden tot irgendwo gefunden. Kommissarin Darko ermittelt und ist von ihrem Gefühl her nahe dran am Täter. Doch man kann Ludwig Dragomir nichts nachweisen, während er weiter in seinem Haus schon seit Wochen einen der Vermissten quält und mit dessen Frau vögelt, ohne allerdings irgendeine Befriedigung dabei zu erfahren.

Die Wut wird übermächtig: „Da stand ich, am Rand der Nacht, zum Morden geboren, zum Sterben bereit und starb nicht und mordete noch lang nicht genug.“  Er ist nackt und sein Schuldgefühl verbrennt ihn von innen.

Die Lektüre dieses Romans von Friedrich Ani, der seinen Erzähler vieles von dem, was damals geschah, in Rückblicken berichten lässt, geht unter die Haut  Ani beschreibt in seinem für ihn typischen Stil, wie aus Opfern Täter werden und wie dieser Prozess abläuft, ein Geschehen, das alle Grenzen der Grausamkeit sprengt und dem damaligen Opfer und heutigen Täter dennoch keine Befreiung bringt.

 

Friedrich Ani ist ein Meister des Noir und stellt das in diesem Roman wieder eindrucksvoll unter Beweis.

Das Gute daran

 

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Anne Rickert, Sabine Heine, Das Gute daran, Tyrolia 2016, ISBN 978-3-7022-3519-2

 

Immer mehr Kinder sind davon betroffen, wenn sich ihre Eltern trennen oder scheiden lassen. In den meisten Fällen wird entschieden, dass sie bei der Mutter bleiben und etwa alle 14 Tage ein Wochenende beim Vater sein können. Für die Ferienzeiten gelten separate Regelungen.

 

Da die Trennung der Eltern für jedes Kind in jedem Alter ab etwa dem Kindergarten ein heftiger Einschnitt in ihrem Leben ist, den sie nur schwer verdauen können und dessen Folge nicht selten ein Leistungsabfall in der Schule und Verhaltensveränderungen sind, wird allenthalben viel darüber räsoniert, wie sehr die Kinder darunter leiden müssen.

 

Nun kann man aber die Tatsache, dass sich Ehepaare und Eltern trennen und scheiden lassen nicht aus der Welt schaffen und es gibt auch viele gute Ratgeber und Erfahrungsberichte aus Patchworkfamilien.

 

Doch die betroffenen Kinder müssen irgendwie damit klarkommen. Anne Rickert (Text) und Sabine Heine (Illustrationen) haben deshalb ein Bilderbuch gemacht, in dem ein Kind (es geht noch in den Kindergarten) anderen Kindern, die dieses Buch betrachten und vorgelesen bekommen, erzählt, was das Gute daran ist, dass Mama und Papa nun in zwei getrennten Wohnungen leben. Zunächst: sie sind wieder glücklich und streiten nicht mehr, wenn sie sich begegnen. Das Kind hat zwei Kinderzimmer.  Sein Papa hat, wenn er bei ihm ist, viel mehr Zeit als früher. Das Kind genießt und schätzt die unterschiedlichen Lebensweisen und Regeln von Papa und Mama und spürt, dass beide stolz auf es sind.

 

Das Bilderbuch nimmt die Tatsache der Trennung ernst, bewertet sie nicht und betont mit viel Humor und Einfühlungsvermögen, dass es immer auf die Geborgenheit ankommt, und auf die Perspektive, aus der man die Dinge sieht.

Stell dir vor ….

 

 

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Rainer Oberthür, Stell dir vor… Gedankenspiele über dich, Gott und die Welt, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-37170-9

 

Schon in seinem 2010 erschienenen wunderbaren „Kalenderbuch für alle im Haus“ war dem Aachener Grundschullehrer und Dozent für Religionspädagogik Rainer Oberthür ein philosophisches und spirituelles Kleinod gelungen, das, so bin ich sicher, in den Familien, die sich zu seinem Kauf entschlossen oder es geschenkt bekamen immer noch genutzt wird.

Schon damals und in den dann in der Folge erschienenen Büchern von ihm waren das Fragen und die Frage die grundlegende Herangehensweise an das Leben und den Sinn, den wir ihm geben. Auch und gerade die Frage nach Gott, für die es nie eine letzte Antwort geben wird, liegen Rainer Oberthür am Herzen.

 

Und auch im vorliegenden kleinen Nachdenk- und Fragebuch „Stell dir vor….“  geht es darum.  Oberthür will damit die wunderbare Fähigkeit des Menschen wachrufen, zu denken und zu fantasieren, „alles zu hinterfragen, um so einen neuen Blick auf das wirkliche Leben zu werfen.“

 

Mit Gedankenexperimenten, Gedankenimpulsen und Gedankenübungen will er anregen dazu, bewusster, nachdenklicher und achtsamer zu leben. Und letztlich immer wieder dem auf die Spur zu kommen, ohne den wir auf Dauer wie tot wären – Gott.

 

Das Buch eignet sich nicht nur zur Eigenarbeit, sondern ich finde, ganz hervorragend für den Religionsunterricht  und Ethikunterricht in  der Schule (ab Sek I) und für die unterschiedlichsten Gruppenarbeiten in Kirchengemeinden.

Eine „Gedankenspielreise, ohne an ein letztes Ziel zu kommen. Am Anfang und Ende stehen die Fragen. Und das Fragen endet bekanntlich nie. Sind der Mensch und Gott am Ende etwa nichts anderes als eine einzige Frage?“

 

Der erste Tag vom Rest meines Lebens

 

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Lorenzo Marone, Der erste Tag vom Rest meines Lebens, Piper 2016, ISBN 978-3-492-31019-2

Mit seinem 77 Jahre alten Erzähler Cesare Annunziata hat der italienische Schriftsteller Lorenzo Marone eine literarische Figur erschaffen, die dem Leser mit jeder Seite mehr ans Herz wächst. Dabei ist er selbst nach eigener Auffassung, wenn er auf sein langes Leben zurückblickt, ein wenig sympathischer oder gar liebevoller Mensch gewesen. Und erfolgreich schon gar nicht, weder im Beruf noch privat. Er hat keine Karriere gemacht und auch als Ehemann und Vater auf voller Linie versagt. Der schrullige alte Mann blickt sehr kritisch auf seine angespannte Beziehung zu seinen Kindern Dante, ein Galerist, den Cesare verachtend für schwul hält und Sveva, die er für eine unglückliche und deshalb auch wenig erfolgreiche Frau und Mutter hält.
Zu anderen Menschen pflegt Cesare keinen Kontakt mehr. Er hält sich für einen Versager, und wer ihm begegnet, hält ihn für einen unverbesserlichen Egoisten. Vielleicht machen seine beiden Nachbarn Marino und Eleonora da eine Ausnahme, insbesondere dann, als  in das andere Nachbarhaus eines Tages Emma und ihr Mann einziehen und Cesare sich bald schon zum Handeln gezwungen sieht.

Denn als er immer wieder aus dem Nachbarhaus die unzweifelhaften Geräusche, Töne und Stimmen von lautstarken Auseinandersetzungen des neuen Ehepaars hört, beschließt er, mit Hilfe von Marino und Eleonora den beiden zu helfen. Denn sie sollen, so hat er entschieden, nicht dieselben Fehler begehen wie er, mit denen er sein ganzes Leben ruiniert hat.

Immer wieder von Rückblenden auf sein Leben, seine Ehe und vor allen Dingen seine zahlreichen Affären mit anderen Frauen unterbrochen, lädt Cesare seine Leser schon bald ein, ihr eigenes Leben mit seinen Augen zu betrachten und vielleicht das eine oder andere zu erkennen und zu erinnern.

Nie ist es zu spät, seinem eigenen Leben eine Wendung zu geben, es mit Sinn aufzufüllen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das ist die Botschaft eines Buches, das wundervolle Unterhaltung bietet.