Endland

 

 

 

 

Martin Schäuble, Endland, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25702-3

 

Das neue Buch des Schriftstellers Martin Schäuble ist eine hauptsächlich für Jugendliche geschriebene, aber auch für Erwachsene höchst interessante Dystopie, die einem beim Lesen jedoch wegen ihrer Realitätsnähe doch sehr unter die Haut geht.

 

Die Handlung spielt etwa zwei bis drei Jahre in der Zukunft. Eine der AfD sehr ähnliche Partei namens „Die nationale Alternative“ hat mit absoluter Mehrheit die Wahl gewonnen und die Regierung gebildet.

Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt, Flüchtlinge heißen offiziell Invasoren, Deutschland ist aus der EU ausgetreten, hat sich politisch und wirtschaftlich isoliert. Die D-Mark  ist wieder Zahlungsmittel, das Kopftuchverbot wird streng gehandhabt und es gibt neue, national gereinigte Lehrpläne an den Schulen. Genauso wie man es im Programm der AfD lesen kann. Obwohl es bei Houllebecqs „Die Unterwerfung“ die Islamisten sind, die in Frankreich an die Macht kommen, zeichnet Schäuble bis auf ein hoffnungsvolles Ende zunächst ein ähnlich düsteres Bild, in dem mit dem Fall Franco A. die Realität sogar, selbst zu des Autors eigener Überraschung, die Fiktion überholte.

 

Zu den handelnden Personen: Da ist Anton, der gerade seinen Wehrdienst absolviert, politisch stramm rechts eingestellt ist, auf der Linie der „Nationalen Alternative“. Durch seine Homosexualität und die Tatsache, dass sein Partner Noah ein Regierungskritiker ist, ist er erpressbar und kann einen Geheimauftrag, den er bekommt, nicht ablehnen. Eine radikale Splittergruppe der Regierungspartei schickt ihn als angeblichen Flüchtling in ein Flüchtlingslager, damit er dort einen Anschlag verüben soll. Die Begegnung mit den Flüchtlingen dort verändert ihn ganz allmählich, besonders die Begegnung mit der jungen äthiopischen Flüchtlingsfrau Fana, die vor dem Hunger und dem Elend in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen ist und deren Weg von ihrem Leben in Äthiopien bis in das Lager Martin Schäuble sensibel und genau erzählt. Er lässt sie immer abwechselnd mit Anton und Noah zu Wort kommen und erzeugt damit eine ganz besondere Authentizität der drei Personen, ihrem Umgang mit den Verhältnissen und ihrer jeweiligen Veränderung.

 

Das Buch ist gründlich recherchiert. Man spürt, dass Schäuble sich nicht nur in Äthiopien gut auskennt, sondern auch die Politik der Rechten genau studiert hat. Er hat sein Buch jenen 71 Menschen gewidmet, die in Österreich in einem Lastwagen auf der Flucht erstickten. Sie tauchen in seinem Buch auf, überleben dort aber.

 

Ein politischer Thriller für Jugendliche und Erwachsene , wie er aktueller nicht sein könnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sandmaler

 

 

 

 

 

Henning Mankell, Der Sandmaler, Zsolnay 2017, ISBN 978-3-552-05854-5

 

Zwei Jahre nach dem Tod des großen schwedischen Schriftstellers Henning Mankell veröffentlicht sein Hausverlag Zsolnay in Wien sein allererstes in Schweden 1974 schon erschienenes Buch „Der Sandmaler“. In diesem Buch verarbeitet der junge Henning Mankell die Eindrücke, die er auf seiner ersten Afrikareise machte, die ihn 1971 nach Guinea-Bissau führte, das zu diesem Zeitpunkt noch eine portugiesische Kolonie war. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen entstand zwei Jahre später der Roman „Der Sandmaler“, in dem die Themen aller später folgenden Afrikaromane Mankells und sein späteres Engagement mit seinem Theaterprojekt in Maputo schon angelegt sind. Leider haben diese Bücher bei weitem nicht den großen Erfolg gehabt, wie seine Wallander-Romane, aber vielleicht werden sie länger gelesen werden als diese.

 

Konnte man in den beiden letzten Büchern von Henning Mankell „Treibsand“ und „Die schwedischen Gummistiefel“ den sich selbst todkrank wissenden Schriftsteller bei einer einzigartigen literarischen Bilanz seines Lebens und seiner Erfahrungen begleiten, kann der Leser von „Der Sandmaler“ Mankells erste zugegebenermaßen noch etwas unsicheren Schritte als Schriftsteller mitgehen. 23 Jahre war er damals alt und doch schon in der Lage, mittels seiner Hauptfiguren Wesentliches einzufangen von Afrika und dem Kolonialismus, das er dann später auf viel tieferem Niveau und mit immer erfahrener literarischer Kunst beschrieben hat.

 

Elisabeth und Stefan, die sich schon seit einiger Zeit kennen, treffen sich zufällig auf dem Flughafen, weil sie die gleiche Reise nach Westafrika gebucht haben. In einem Land, das ohne Namen bleibt, wollen sie zwei Wochen Urlaub machen und viel im Meer baden. Auch an Bord ist Sven, den Mankell als männlichen Gegenpart zu dem nur auf Genuss und Lustgewinn bedachten voller rassistischer Vorurteile steckenden Stefan zeichnet. Er hat eine ziemlich klare Analyse, kritisiert den Kolonialismus und den Kapitalismus, die die Menschen dort so arm halten.

 

 

Elisabeth, mit der sich Mankell stark identifiziert, bemüht sich, die Menschen, die sie dort trifft, die Bräuche und ihre Lebenseinstellungen wirklich kennenzulernen und zu achten. Sie trifft auf Ndou, einen kleinen Jungen, der ihr seine Dienste anbietet, und mit dem sie so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Auch seiner großen Schwester Yene kommt sie näher, und verachtet sie auch nicht, als sie mitbekommt, dass Sven mit diesem Mädchen, das sich ihm aus Not angeboten hat, sexuellen Verkehr hat.

Aus vielen kleinen Episoden zusammengesetzt, die die einzelnen Personen einzeln oder in wechselnden Konstellationen zusammen erleben, ergibt sich ein  beeindruckend vielfältiges Panorama aus Eindrücken und Erfahrungen. Mankell will schon hier eine Botschaft senden, der er später sein halbes Leben widmen sollte, nämlich Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln mit Achtung und Respekt aufgeschlossen zu begegnen.

 

Der  „Sandmaler“, der dem Buch seinen Titel gab, ist ein etwa Zwanzigjähriger junger Mann, auf dessen in den Sand gemaltes Porträt Elisabeth eines Tages trifft. Der junge Mann beobachtet sie, malt dann in Minutenschnelle ein Porträt Elisabeths und schreibt zwei Sätze in den Sand. „Die Zukunft ist ein sozialistisches Afrika“ und  „Der Sozialismus rettet auch euch“.

 

Damals, so denke ich, war auch Henning Mankell noch dieser Meinung. Heute wissen wir, dass dieses Modell Afrika nicht das gebracht hat, was es braucht, und es scheint, als stünde der Kontinent noch immer am Anfang. Wenn Angela Merkel sagt, Afrika wird uns noch jahrzehntelang beschäftigen, dann ist das richtig und das nicht nur wegen der Millionen von Menschen, die aus mangelnder Perspektive diesen Kontinent in Richtung Europa verlassen wollen.

 

„Der Sandmaler“ ist noch längst nicht das literarische Meisterstück, das Mankells spätere Werke auszeichnet. Es zeigt aber die Anfänge eines Schriftstellers, der wie kaum ein anderer sein literarisches unermüdliches Schaffen mit einem nicht weniger engagierten politischen Engagement vor Ort verband.

 

 

Halali

 

 

 

 

Ingrid Noll, Halali, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-06996-9

 

Mit den Büchern von Ingrid Noll geht es mir seit Jahren so ähnlich wie mit den Brunetti – Romanen von Donna Leon, die wie Nolls Romane ebenfalls bei Diogenes in Zürich erscheinen.  Weil ihre Vorgänger so überaus erfolgreich waren, neigen die Autorinnen dazu, auch im nächsten,  von einer treuen und nicht kleiner werdenden Fangemeinde sehnlichst erwarteten Buch mit dem gleichen Strickmuster zu arbeiten.

 

Bei Ingrid Noll sind es vorzugsweise Frauen, die, mit viel schwarzem Humor beschrieben, auf die eine oder andere geniale Weise unliebsame Zeitgenossen entsorgen und sie sich vom Hals schaffen.

 

Im vorliegenden neuen Roman erzählt die über 80-jährige Holda ihrer mit ihr im gleichen Hochhaus wohnenden Enkelin Laura eine Geschichte aus den Gründungstagen der Bonner Republik. In der kurzen Rahmenhandlung, den Gesprächen mit ihrer hippen Enkelin, die eigentlich nur dazu dient, die Erzählung ab und zu unterbrechen zu können, zeigt sich die alte Erzählerin als auch der modernen Sprache mächtige Frau, die sich perfekt mit ihrer Enkelin versteht und es schafft, ihre Spannung und ihr Interesse an einer unglaubliche Geschichte wachzuhalten, der eine originelle Mischung aus Kriminalkomödie und Agentenroman gelingt.

 

Holda arbeitet zusammen mit Karin im Innenministerium der neuen Republik. Sie im Vorzimmer, Karin in der Dunkelkammer. Eines Tages stoßen sie in einem Versteck auf eine kryptische Botschaft. Schnell haben sie einen Vorgesetzten namens Jäger im Verdacht und furchtlos wird ihnen bald klar, dass dieser wohl in einen Spionagefall verwickelt ist. Furchtlos und bald selbst gegenspionagemäßig in Aktion tretend werden die beiden jungen Frauen aktiv. Nicht zu ihrem eigenen Nachteil wie sich bald herausstellen wird.

 

Wie in allen früheren Romanen bietet  Ingrid Noll köstliche und leichte Unterhaltung mit Menschen, deren böse Seite ihrer  Persönlichkeit sie vorzugsweise  zum Ausdruck bringt und mit selbstbewussten  Frauen, die meist ohne strafrechtliche Folgen sich Probleme vom Hals schaffen.

 

Witzig und überaus amüsant  ist eine solche Lektüre  und ihre treuen  Fans wünschen sich von der agilen Ingrid Noll noch viele weitere  Romane.

 

Trump verrückt die Welt. Wie der US-Präsident sein Land und die Geopolitik verändert

 

 

 

 

 

Ansgar Graw, Trump verrückt die Welt. Wie der US-Präsident sein Land und die Geopolitik verändert, Herbig 2017, ISBN 978-3-7766-2807-4

 

Dieses aktuelle Buch des langjährigen USA Korrespondenten der WELT, Ansgar Graw wurde in mit dem „Journalisten Award 2017“ ausgezeichnet und liefert viele neue erhellende Informationen und Eichsichten zum dem Phänomen Trump. Es wird sicher nicht das letzte bleiben, denn der Erklärungsbedarf von Trumps Wesen wird nicht nachlassen, im Gegenteil.

 

Für die ganze eine furchtbare Zumutung, ist sich Trump der Unterstützung seiner Wählerschaft nach wie vor sicher. Ansgar Graw schöpft aus acht Jahren Erfahrung in den USA, Reisen durch das ganze Land, wenn der Donald Trump vor aller aktuellen Empörung in einen politischen, gesellschaftlichen und erfreulicherweise auch historischen Kontext setzt. Bei der Wahl Trumps hat sich die USA in mehrere Bruchlinien gespalten, Brüche, die schon lange schwelten und nun sich verfestigen, sodass manche nach den Unruhen von Charlottesville schon von einem möglichen neuen Bürgerkrieg sprachen.

„Die Amerikaner sind so uneinig wie nie zuvor nach dem Sezessionskrieg im 19. und der Bürgerrechtsbewegung im 20. Jahrhundert. Ein Ausdruck dessen war, dass Trump zwar die electoral vote der Wahlleute klar für sich entschied, aber Clinton in der popular vote der Direktstimmen mit einem Vorsprung von fast 2,9 Millionen Stimmen deutlich vor ihm landete.“

Ansgar Graw zeichnet in seinem Buch ein ausführliches Bild der familiären und politischen Biographie Trumps – inklusive seiner zahlreichen politischen Kehrtwenden, zweifelhaften geschäftlichen Usancen und unzweifelhaften charakterlichen Schwächen. All das, was die Welt seit seinem Wahlkampf empört – es ist nicht neu. Trump bleibt sich treu. Er ist Teil und Ausdruck eines historischen Stranges der amerikanischen politischen Kultur, des politischen Populismus.

 

Graw ist der Überzeugung, dass auch in einer Zeit nach Trump (mit oder ohne Amtsenthebungsverfahren) diese Brüche und Kontinuitäten bleiben werden.  Dabei bleibe Europa auf die USA angewiesen, sagt er und kritisiert kürzliche Äußerungen Angela Merkels, Europa könne sich nicht mehr auf die USA verlassen:

„Insbesondere für Deutschland wäre eine neue Mittellage zwischen Amerika und Russland fatal, weil sie Misstrauen bei allen Nachbarn, den Polen und Franzosen allen voran, wecken würde. Darum sollte Berlin seine Rüstungsanstrengungen erheblich stärken, aber zugleich intensiv daran arbeiten, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht verwechselt werden mit der Präsidentschaft des Donald Trump. Außenpolitik ist an Interessen orientiert, nicht an einzelnen Akteuren. Europa muss die USA davon überzeugen, dass die gemeinsamen Interessen überwiegen.“

 

Ein wichtiges, kluges, differenziertes und wohltuend unaufgeregtes Buch.

 

 

 

Die Nacht von Rom

 

 

 

 

Giancarlo de Cataldo, Carlo Bonini, Die Nacht von Rom, Folio 2016, ISBN 978-3-85256-700-6

 

Als Papst Franziskus im März 2015 an eigentlich erst 2025 wieder stattfindendes außerordentliches Heiliges Jahr mit den Worten „Das ist die Zeit der Barm­herzig­keit. Es ist wichtig, dass die Gläubigen sie leben und in alle Gesell­schafts­bereiche hinein­tragen. Vorwärts!““ ankündigte, da stöhnten die Römer auf, würden doch statt der 13.4.Millionen Touristen im Jahr 2014 möglicherweise fast 33 Millionen über die Stadt herfalle-.

 

Wie soll man sie alle unter­bringen, wie verkös­tigen, wie trans­portieren, wie ihren Müll entsorgen, wo doch all das mit den fast drei Millionen Römern kaum gelingt? Die Infra­struktur Roms ist ein ewiges Provi­sorium, und seit der Regierung der 5- Sterne Bürgermeister eine Katastrophe.

Doch nicht wenigen Leute kommt diese Ansage des Papstes sehr gelegen. Ein schon in früheren Zeiten eingeschworene Gruppe von Politi­kern, Unter­nehmern, vatika­nischen Würden­trägern und Clan­führern ehren­werter Gesell­schaften wittert lukrative Geschäfte.

Von ihnen erzählen Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini in ihrem Thriller  „Die Nachht von Rom“ den der Folio-Verlag jetzt in der Über­setzung von Karin Fleischanderl dem deutsch­sprachigen Publikum präsentiert. Die beiden Autoren, Richter der eine, Jour­nalist der andere, sind mit den realen Vorgängen bestens vertraut und können deren fiktionale Dar­stellung deshalb so aufbe­reiten, dass manche Schlüssel­figur und mancher Skandal als Anspie­lung verstanden wird.

Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini haben ein ebenso viel­schich­tiges wie span­nendes, amü­santes wie de­primie­rendes Porträt der ewigen Stadt am Tiber gezeich­net. Trotz Chaos und Verfall strotzt sie vor Vitalität und Über­lebens­willen, Initiative und Geschäfts­tüchtig­keit. Um sich in der öffent­lichen Unord­nung durch­zu­schlagen, helfen Improvi­sations­talent, Egoismus und Rück­sichts­losig­keit, und wer besonders viel davon mitbringt, kann es mit Geschick, Geschenken und Gewalt bis an die Spitze schaffen.

 

Wie in seinen früheren, allein verfassten Büchern geht es Giancarlo De Cataldo um eine gnadenlose Kritik an den politischen Zuständen in der italienischen Gesellschaft. Sein Kollege Camilleri hat seine Thriller in einer Kritik in Italien als „ein gigantisches Fresko einer globalen Niederlage, einer Niederlage nicht nur seiner Protagonisten, sondern unserer Gesellschaft insgesamt“ bezeichnet.

 

Da stimmt wohl.

 

Folkeboot Paula

 

 

 

 

 

Nicolas Thon, Folkeboot Paula, Delius Klasing 2017, ISBN 978-3-667-11076-3

 

Ein schönes Buch über einen  Mann und sein Boot ist hier anzuzeigen und über eine Beziehung, die sich nach der ersten Begegnung zu einer großen Liebe entwickelte. Nicolas Thon erzählt in einer auch für Nichtsegler unterhaltenden und informativen Weise über das, was beim Segeln in einem solchen Folkeboot passiert. Da geht es um waghalsige Manöver, kräftezehrendes Kreuzen, begleitet von ruppigen Böen und heftigen Adrenalinstößen. Schräglage. Spritzwasser. Schaukeln im Seegang. Aufreißende Wolkendecke oder Pladderregen aus heiterem Himmel kurz vorm Anlegen: Kaum ein Segeltag vergeht ohne Überraschungen.
Doch besteht nicht das eigentliche Abenteuer darin, in der Morgensonne zu Vogelzwitschern und Möwengeschrei den ersten Schluck Kaffee zu trinken, den Blick über das Ufer der Ankerbucht schweifen zu lassen und zu wissen, dass man nur durch eigenes Geschick und auf eigenem Kiel an diesen traumhaften Ort gelangt ist?

Beide Aspekte – spektakuläres Segeln und tiefen Genuss – erlebt man auf einem kleinen, schlichten Boot besonders intensiv. Ein Folkeboot, das weiß man seit 75 Jahren, ist dafür perfekt.

Wie großartig Glücksmomente sein können, wie tief die Liebe zum Boot, zur See, zum Segeln, erlebt Nicolas Thon seit dem Moment, als er seine Paula erblickte.

Ein Buch voller Charme, Lebensphilosophie und bis zur Wasserlinie geprägt von der Liebe zur See.

The Watch Book Rolex

 

 

 

 

Gisbert L. Brunner, The Watch Book Rolex, Te Neues 2017, ISBN 978-3-96171-035-5

 

Es ist der Traum jedes Uhrenfreundes, einmal in seinem Leben eine Rolex zu besitzen und zu tragen. Leider bleibt dieser teure Wunsch den meisten Normalverdienern ihr Leben lang verwehrt. Dennoch: dieses wunderbare Buch des Starautors Gisbert L. Brunner kann sie für diese Entbehrung entschädigen. Dreisprachig (deutsch, englisch, französisch) präsentiert der Band mit informativen Texten und in einer Vielzahl von Bildern der weltbekannten Marke Rolex ein Denkmal. Der renommierte Armbanduhrexperte und -historiker Gisbert L. Brunner lässt die Leser  an seinem umfangreichen Fachwissen teilhaben.

 

Neben vielen historischen Uhren des 1905 von Hans Wilsdorf gegründeten Unternehmens werden in diesen repräsentativen Band auch etliche aktuelle Modelle vorgestellt. Die Preise dieser Uhren findet man allerdings nicht erwähnt.

 

Auf jeden Fall findet der Besitzer oder potentielle Käufer hier alle wichtigen Informationen über die Marke und die Geschichte der wichtigsten Modelle. Und er wird dann auch verstehen, wie aus dem Bestreben, wirklich gute Uhren zu bauen, nicht nur eine Weltmarke sondern auch ein Stück Kultur und Lebensart entstanden ist.

 

 

 

Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

 

 

 

 

 

 

 

Axel Hacke, Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen, Kunstmann 2017, ISBN 978-3-95614-200-0

 

Das neue Buch des SZ-Kolumnisten und Bestsellerautors Axel Hacke ist ein nachdenkliches Plädoyer für „Anstand in schwierigen Zeiten“. Natürlich ist Anstand ein schwammiger Begriff, atmet viel 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wurde damals unter diesem Begriff meist noch auf Manieren etc. geachtet, geht es Axel Hacke in seinem lesenswerten und so gar nicht besserwisserischem Buch hauptsächlich darum, dass wir in unserer gegenwärtigen Gesellschaft weitflächig den Respekt voreinander verloren haben.

 

Die angeblich „sozialen“ Netzwerke sind der Ort, wo sich der Verlust des Anstands so häuft, dass insbesondere ihre Anonymität Menschen ermutigt und verführt, in regelrecht steinzeitliche Verhaltensformen zurückzufallen und die das Übelste hervorbringen, was in ihnen steckt. Das Individuum ist alles, der Gemeinsinn, die Solidarität nichts mehr.

 

Es ist keine Frage, dass das, was unsere und im Übrigen auch andere Gesellschaften zusammenhält und ihr Stabilität gibt, dadurch extrem gefährdet ist. Axel Hacke führt viele Beispiele auf, z.B. die Frage, wie jemand zum Präsident der USA werden kann, der die Respektlosigkeit und den Narzissmus zum Rezept seiner Politik macht. Oder das, was mittlerweile insbesondere nach Unfällen auf unseren Autobahnen alltägliche Praxis ist an Gaffen und Rücksichtslosigkeit.

 

Vieles, was er beschreibt, hat er in Dialoge mit einem Freund gekleidet, was das Buch gut lesbar macht. Er nennt den Anstand eine „Sache jedes Einzelnen und damit eine Sache von uns allen.“

 

Ein wichtiges Buch, das unaufgeregt viele Missstände beschreibt und dennoch die Hoffnung nicht aufgibt, dass viele Einzelne dazu beitragen können und werden, sie zu beheben.

 

 

 

 

 

 

In tiefen Schluchten. Ein Kriminalroman aus dem Süden Frankreichs

 

 

 

 

 

Anne Chaplet, In tiefen Schluchten. Ein Kriminalroman aus dem Süden Frankreichs, Kiepenheuer & Witsch 2017, ISBN  978-3-462-05042-4

 

Anne Chaplet hat eine neue Krimireihe gestartet, die sie in der wilden Landschaft des Vivarais am Fuße der Cevennen spielen lässt, wo sie selbst seit vielen Jahrzehnten einen Teil ihres Lebens verbringt. Man spürt ihren Beschreibungen von Natur und Menschen ab, wie sehr sie dieses Land liebt und wie sie sich immer wieder mit ihm und seinen Bewohnern auseinandersetzt. Die sind nämlich in einer langen auf die Hugenotten zurückgehenden Tradition in ihrer Mehrheit rebellisch. Viele Aussteiger und Propheten leben dort und halten die alten Traditionen hoch. Nicht immer gleich verständlich und nachvollziehbar für Fremde, die sich dort niedergelassen haben. So wie die 42 – jährige, frisch verwitwete Tori Gordon, eine ehemalige Anwältin aus Deutschland, die sich dort niedergelassen hat und nach einer neuen Lebensaufgabe sucht.

 

Ihre Freundin Eva betreibt eine kleine Pension. Dort ist ein niederländischer Höhlenforscher abgestiegen. Nach wenigen Tagen schon ist er spurlos verschwunden und Eva ist nicht geneigt, viel zu einer Suche nach ihm beizutragen. Tori allerdings ist von der ersten Minute an beunruhigt, erst recht, nachdem der alte Didier Thibon, der ihr schon seit langem immer wieder von sagenhaften Schätzen und Schmugglerverstecken in den zahlreichen Höhlen der Umgebung erzählte, tot aufgefunden wird. Tori wird misstrauisch und macht sich in der Schluchten der wilden Landschaft auf die Suche und bringt sich dabei selber in Lebensgefahr.

 

Wie hängen die Aktivitäten des Holländers mit den Hugenotten zusammen, die in dieser Region einst Zuflucht fanden? Und was hat das alles mit der Geschichte des Dorfes zu tun? Das fragt sie sich, während sie selbst auf Rettung wartet.

 

Anne Chaplet verbindet, ähnlich wie das Martin Walker und Jean-Luc Bannalec mit ihren Krimireihen seit etlichen Jahren tun, spannende Kriminalfälle mit französischer Geschichte, hauptsächlich der dort noch weitgehend unbearbeiteten Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung. Bei Chaplet kommt in der neuen Reihe noch dazu, dass die spezielle, durch die rebellischen Hugenotten geprägte Eigenart der Menschen und Traditionen in den Cevennen beschrieben wird.

 

Ich war von der ersten Seite an in der Handlung drin, und konnte das Buch kaum aus der Hand legen, bis ich zu einem sehr überraschenden Ende gelangt war.

 

Ich freue mich auf den hoffentlich zweiten Band der Reihe.

 

 

 

Lichter über dem Meer. Leuchttürme an Europas Küsten

 

 

 

 

 

 

Thomas Ebelt, Lichter über dem Meer. Leuchttürme an Europas Küsten, Delius Klasing 2017, ISBN 978-3-667-10934-7

 

Leuchttürme sind von jeher ein Blickfang. Für viele Menschen sind sie auch Traumgebäude, Orte von Kindheitsphantasien. Sie trotzen den Gewalten des Meeres, weisen Schiffen den Weg und bewahren Seefahrer vor Schiffbruch. Ob aus Stahl, Ziegeln oder Beton, oft unter abenteuerlichen Bedingungen im Wettlauf mit den Gezeiten erbaut, sind Leuchttürme die letzten maritimen Zeugen schönster Industriearchitektur einer vergangenen Epoche. Sie prägen Landschaften und sind an den Orten, an denen sie in den Himmel ragen, oft ein unübersehbarer Touristenmagnet.

Thomas Ebelt nimmt seine Leser mit auf eine Reise zu den architektonisch schönsten Leuchttürmen Europas. In seinem nach Ländern und angrenzenden Meeren gegliederten Band stellt er jedes Bauwerk auf einer Doppelseite vor, liefert interessante Informationen zu Bauart, technischen Details und der zuweilen wechselvollen Historie.

Spannend und bildlich inszeniert bekommen so Leuchttürme von Ostsee über Nordsee (Polen, Estland, Schweden, Dänemark, Deutschland), vom Nordatlantik (Island, Schottland) bis ins Mittelmeer (Portugal, Spanien, Frankreich) einen Platz. Und auch die eine oder andere kurzweilige Anekdote fehlt nicht, was sein Buch “Lichter über dem Meer” zu einem schönen Mitbringsel für Leuchtturm-Liebhaber macht.