Wo drei Flüsse sich kreuzen

 

 

 

 

Hannah Kent, Wo drei Flüsse sich kreuzen, Droemer 2017, ISBN 978-3-426-19979-4

 

Nach ihrem überzeugenden Debüt „Das Seelenhaus“. Dessen Handlung sie im Island des Jahres 1828 ansiedelte, verlegt die australische Schriftstellerin Hannah Kent das Geschehen ihre neuen Romans „Wo drei Flüsse sich kreuzen“ erneut nach Europa, dieses Mal nach Irland. Wieder schildert das Leben von Menschen im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Ein hartes, schweres Leben, in Irland geprägt von der Religion und von einer immer noch starken Macht eines jahrhundertealten Aberglaubens, gegen den auch Vertreter der Amtskirche nichts auszurichten vermögen.

Die Handlung des hervorragend recherchierten Romans (Hannah Kent hielt sich hierfür monatelang in Irland auf) basiert auf einer wahren Geschichte.

 

Nora Roche ist eine angesehene Bewohnerin ihres Dorfes, als sie einen schweren Schicksalsschlag erlebt, als ihr Mann plötzlich stirbt. Nachdem sie erst kurz davor den Verlust ihrer Tochter zu verkraften hatte, steht sie nun mit ihrem Enkelsohn Michael allein, der nach dem Tod der Tochter zu Nora und ihrem Mann gekommen ist. Vor zwei Jahren haben sie ihn zum letzten Mal gesehen und können ihn nun kaum mehr wieder erkennen. Das Kind, das jetzt bei ihnen ist, ist schwer behindert, sehr verzögert in seiner Entwicklung und sofort beginnen im Dorf die Gerüchte, das Kind sei ein von den Feen verwunschener Wechselbalg. Sogar den Tod von Martin und die Tatsache, dass die Kühe in der Gegend wenig Milch geben oder sterben, bringen die abergläubischen Menschen mit dem Kind in Verbindung.

 

Weil Nora ohne Mann die ganze Arbeit , die sie insbesondere durch das bewegungsunfähige Kind hat, nicht allein  bewältigen kann, verdingt sie mit der 14- jährigen Nora auf einem Markt in der nahe gelegenen Stadt eine Magd, die ihr besonders mit dem Jungen  zur Hand gehen soll.

Für das junge Mädchen ist das eine anspruchsvolle und anstrengende Aufgabe, die sie aber mit viel Empathie annimmt. Bald schon hat sie zu Michael eine starke emotionale Bindung aufgebaut.

Von den immer heftiger aufkommenden Gerüchten, Michael sei ein von den Feen verwunschener Wechselbalg, halt Mary im Gegensatz zu Nora nichts.

 

Nora indes schenkt den Gerüchten große Aufmerksamkeit und verfällt zunehmend dem Glauben, dass ihr kleiner Junge mit einem Feenwesen vertauscht wurde. Sie begibt sich zu der weisen Nance, die fachkundig in der Kräuterlehre ist und von sich selbst behauptet, mit den Feen in Kontakt zu stehen. Sie soll helfen, den wahren Michael wieder von den Feen zurückzuholen.  Der neue Pfarrer, der im Gegensatz zu dem alten vom Aberglauben der Landbevölkerung gar nichts hält,  droht Nora mit Folgen, sollte sie weiter den Kontakt zur weisen Nance halten.

 

Nora, Nance und, mit vielen inneren Widerständen auch Mary, verfolgen aber ihren Weg weiter. Sie wollen Michael von den Feen zurückholen und sie riskieren dabei alles, zuletzt sogar sein Leben und ihrer aller Zukunft.

 

Ein mitreißendes Drama um die Macht von Angst und Aberglaube – basierend auf einer wahren Geschichte aus dem 19. Jahrhundert.

 

 

 

Achtzehn Hiebe

 

 

 

 

Assaf Gavron, Achtzehn Hiebe, Luchterhand 2018, ISBN 978-3-630-87563-7

 

Eitan Einoch, den aufmerksame Leser israelischer Literatur noch kennen  aus dem 2008 erschienenen Roman „Ein schönes Attentat“ von Assaf Gavron, in dem er kurz hintereinander drei Attentate überlebte und für kurze Zeit zum Shooting-Star der Medien wurde, ist auch in diesem neuen Roman der ich-erzählende Protagonist.

 

Zehn Jahre nach seiner Karriere in der Hightech-Industrie und den überlebten Attentaten ist seine Ehe gescheitert. Eitan arbeitet durchaus zufrieden als Taxifahrer in Tel Aviv, einer Stadt, die er genauso liebt, wie sein Schöpfer Assaf Gavron. Mit seinen Fahrgästen aus aller Welt liebt er es zu reden und sie mit interessanten Details über die Lebensgeschichte der Menschen zu unterhalten, nach denen die Straßen und  Plätze benannt sind, die er in ihrem Auftrag ansteuert. Er freut sich die ganze Woche auf die Tage, an denen er seine Tochter Noga sehen darf und hält sich fit, indem er zweimal pro Woche zum Boxen geht.

Eines Tages bekommt er einen Auftrag, der für die nächsten Wochen sein Leben durcheinander bringen wird. Die Geschichte, die Gavron hier wie ein Krimi erzählt, spannt sich von der Liebesgeschichte zwischen zwei britischen Soldaten und zwei jüdischen Mädchen im Palästina des Jahres 1946 und ihren angeblich historischen Folgen (aus denen sich der Titel des Buches „Achtzehn Hiebe“ erklären wird) bis zur aktuellen Gegenwart. Denn die Auftraggeberin der die Handlung eröffnenden Fahrt ist eine der beiden jungen jüdischen Frauen. Sie heißt Lotta Perl und besucht ab nun täglich mit Eitan einen weiter entfernt gelegenen exklusiven Friedhof, wo ihr damaliger Geliebter seit einigen Tagen begraben liegt. Auf den langen Fahrten erzählt Lotta Perl dem von dieser Frau und ihrer Geschichte faszinierten Taxifahrer nicht von ihrer großen Liebe zu dem britischen Soldaten, sondern auch über das Leben in Palästina kurz vor der Gründung des Staates Israel.

 

Zusammen mit seinem Freund Bar, mit dem er schon einmal relativ erfolglos eine Detektei betrieb, erhält Eitan von Lotta den Auftrag über den Tod des Briten, mit dem Lotta die alte Liebe erst wenige Wochen zuvor wieder aufgefrischt hatte, zu recherchieren.

 

Was er dann herausfindet nicht nur über die Umstände des Todes von mehreren Personen des damaligen Liebesquartetts, was geschehen ist jetzt in Tel Aviv und damals in Haifa, all das hat Assaf Gavron mit viel jüdischem Humor und literarisch anspruchsvoll in eine krimihafte Geschichte gekleidet, die gleichzeitig erzählt von der sagenumwobenen Gründungszeit des Staates Israel, deren Widersprüche in den letzten Jahren zunehmend von verschiedenen Schriftstellern und Historikern kritisch beleuchtet werden.

 

Mit liebevoller Reminiszenz an seine Heimatstadt Tel Aviv ist Assaf Gavrons Buch trotz ernstem Themas unterhaltsam und spannend zu lesen und kommt auf eine sympathische Weise leichtfüßig und warmherzig zugleich daher.

 

Ob er seinem Taxifahrer Eitan Enoch in den nächsten zehn Jahren ein weiteres, drittes Buch widmen wird? Seien wir gespannt.

 

Munin oder Chaos im Kopf

 

 

 

 

Monika Maron, Munin oder Chaos im Kopf, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10048840-4

 

In ihrem neuen, politisch wenig korrekten Roman, lässt die mittlerweile 76-jährige Schriftstellerin Monika Maron ihre Ich-Erzählerin eine ganze Menge wohl eigener Beobachtungen und Einschätzungen formulieren und aussprechen.

 

Die Ich-Erzählerin heißt Mina Wolf. Sie arbeitet als journalistische Freelancerin und Gelegenheitstexterin und hat, auf welchem Wege auch immer, von der kommunalen Spitze einer westfälischen Kleinstadt den Auftrag erhalten, für eine städtische Festschrift einen Beitrag über der Dreißigjährigen Krieg zu verfassen.

Zunächst eher widerwillig (sie hat ja den ganzen Sommer Zeit) beginnt sie zu recherchieren, und zu lesen, denkt nach über deutsche Befindlichkeiten und die Verwerfungen der Welt und über Religionskriege damals und heute. Ihre Beobachtungen und Vergleiche bewegen sich gegen den medialen Mainstream der letzten Jahre, politisch sehr unkorrekt, aber durchaus im Rahmen dessen, was eine Mehrheit einer zunehmend schweigenden Bevölkerung schon lange denkt über die Schwierigkeiten der Integration von Millionen junger muslimischer Männer (Maron spricht tatsächlich von „Millionen“) und über die Gefahr von Parallelgesellschaften.

Mina Wolf ist zunächst zögernd, dann aber immer zutraulicher werdend, eine einbeinige Krähe zugeflogen. Sie kommt nicht täglich, aber wenn sie da ist und das ausgelegte Futter verspeist hat, ist sie der Journalistin eine skeptisch-pessimistische, aber sehr meinungsfreudige Gesprächspartnerin. Diese Dialoge mit der klugen Krähe, die so was symbolisiert wie eine zweite innere Stimme der Erzählerin, bilden das literarische Zentrum des Romans und sind für den Leser eine wahre intellektuelle Freude.

 

Schon bald hat Mina Wolf den Eindruck, in einer sogenannten Vorkriegszeit zu leben, so wie es Michael Stürmer in der Ausgabe der WELT vom 19.12.2016 formulierte. Gestützt und befeuert wird dieser für sie bestürzende Eindruck durch das, was die Rahmenhandlung des Romans bildet und eine literarisch gelungene Parabel darstellt für das Wutpotential in unserer Gesellschaft, das sich an den unterschiedlichsten Stellen Bahn bricht, das aber niemand wirklich richtig verstanden hat. In der direkten Nachbarschaft der ansonsten recht stillen und unauffälligen Wohnstraße in Berlin-Schöneberg, in der Mina Wolf lebt, lebt auch eine psychisch kranke Frau, die jeden Tag von morgens bis abends lauthals auf ihrem Balkon singt. Ihr Singen ist eher eine disharmonisches Schreien, das schon bald die anderen Anwohner nervt und in einer Einwohnerversammlung zusammenbringt. Doch diese Versammlung bringt keine Einigung, sondern bringt die Unterschiede in der politischen Haltung der Anwohner erst zu Tage (linke, liberale und stramm rechte) mit schlimmen Folgen für das weitere Zusammenleben.

 

Dieser immer weiter zunehmende Aufruhr und die damit verbundene Aggression in der kleinen, engen Straße, der auch vor Anschlägen und persönlichen Beleidigungen und Angriffen nicht Halt macht und der tägliche Terror und Krieg in den Medien vermischen sich in Minas Kopf mit dem, was sie über den Dreißigjährigen Krieg herausfindet.

 

Sie schläft mittlerweile tagsüber, um nachts vor dem Geschrei der irren Nachbarin geschützt zu sein. In vielen Nächten ist die Krähe, der sie den Namen Munin gegeben hat, ihr kluger und widerborstiger Gesprächspartner, der sie immer mehr von seiner skeptischen Haltung was die Lernfähigkeit des Menschen betrifft, überzeugt.

 

Immer mehr hat sie den Eindruck, dass sie tatsächlich in einer neuen Vorkriegszeit lebt und dass sich der kleine Krieg der Nachbarn im „großen Krieg in Deutschland“ spiegelt.

 

Mit einer wunderbaren Sprache erzählt, voller kluger Beobachtungen und mit viel literarischem Witz, entwirft Monika Maron in diesem Alterswerk nicht nur ein provozierendes Stimmungsbild unserer Zeit, sondern zieht auch ein eher skeptisches Resümee ihrer eigenen politischen Haltung.

 

Ein sehr aktueller Roman, der eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis verdient hätte.

 

 

 

 

 

 

 

Kühn hat Ärger

 

 

 

 

Jan Weiler, Kühn hat Ärger, Piper 2018, ISBN 978-3-492-05757-8

 

Nachdem sich der Schriftsteller Jan Weiler, einer der erfolgreichsten seiner Zunft in Deutschland, nach seinem ersten Roman über den Münchner Kommissar Martin Kühn, den er 2015 veröffentlichte, in den letzten beiden Jahren vorwiegend mit seinem „Pubertier“ und anderen literarischen Projekten beschäftigte, legt er nun mit „Kühn hat Ärger“ seinen zweiten und hoffentlich nicht letzten Roman über das Leben und die Arbeit eines ganz besonderen Kommissars vor, mit dem er wie beim ersten auch sehr subtile und kluge Beobachtungen gesellschaftlicher Phänomen literarisch gekonnt verknüpft mit Einsichten in menschliche Innenwelten ( nicht nur die des Kommissars selbst).

 

In der letzten Zeit ist es Martin Kühn nicht eben gut gegangen. Nachdem er seinem ungesunden Lebensstil und den immer stärker werdenden Anstrengungen seines Berufs Tribut zollen musste und nach einem Zusammenbruch sich in einem Reha-Zentrum für Beamte mehr oder weniger gut erholt hat, kann er sich nach seiner Heimkehr nicht lange mit der ich n nach wie vor quälenden Frage auseinandersetzen, ob er in seinem Leben eher Opfer oder Täter ist.

 

Nachdem sie direkt nach seiner Rückkehr aus der Reha eine recht gute Zeit miteinander hatten, muss Martin Kühn nun wieder seiner Arbeit nachgehen und feststellen, dass seine Frau Susanne sich merkwürdig verhält. Das wird in der Folge der Handlung so weit gehen, dass Martin sie unter dem Verdacht hat, mit seinem rechtsradikalen Nachbarn ein Verhältnis zu haben und er selbst auf ihm bisher unbekannte Weise versucht ist, selbst einen intimen Fehltritt zu begehen.

 

Und die früher eher gelöste Stimmung unter seinen Kollegen ist angespannt, seit eine neue Leitungsstalle ausgeschrieben worden ist, und jeder den anderen unter den Bewerbern vermutet.

 

Auf solch doppelte Weise verunsichert, wird Kühn zusammen mit seinem Kollegen Steierer mit den Ermittlungen im Todesfall eines aus Libanon stammenden Jugendlichen namens Amir beauftragt. Er wurde nachts an einer Bushaltestelle von einer Gruppe anderer Jugendlicher brutal erschlagen, so jedenfalls ist die erste Vermutung. Amir war befreundet mit Julia, Tochter aus guten Hause. Die Familie van Hauten ist durch zweifelhafte Patentgeschäfte der Vorfahren sehr reich geworden. Neben der Tochter Julia gibt es noch den etwas älteren Sohn Florin, von dem sich herausstellen wird, dass sich hinter seiner freundlichen Fassade etwas verbirgt, was seine Eltern schon seit seiner Geburt übertünchen wollen.

 

Als Kühn die Familie zum ersten Mal besucht, ist er sehr angetan von dem Umgangsformen und der wohltuenden Freundlichkeit der Familie, die er als echt wahrnimmt. Er erfährt, dass der ehemals kleinkriminelle Amir, kaum hat er Julia kennengelernt, eine wahre Metamorphose in seinem verhakten und seinem Auftreten durchläuft,. Er geht wieder in die Schule, lernt, schreibt gute Noten und erfolgreiches Abitur liegt zum ersten Mal in seinem bisher verkorksten Leben im Rahmen des Möglichen. Das legt auch an der überaus freundlichen Aufnahme, die Amir durch Julias Familien erfährt, die ihn sogar im Sommer für drei Wochen mit in den Familienurlaub nimmt.

 

Doch warum und von wem wurde Amir dann ermordet, brutal erschlagen und dann auf der Straße liegen gelassen? Mit aller seiner Kraft hängt sich Kühn in diesen Fall, versucht die geheimnisvolle Dynamik der Familie van Hauten  zu verstehen, die er schon beim  allerersten Besuch gespürt hat.

 

All das natürlich auf dem Hintergrund des unterschwellig gärenden Konkurrenzkampfes im Dezernat, der so jedenfalls neu ist für Kühn und ihm genauso zusetzt, wie die Diagnose seines Amtsarztes, den er erst nach wochenlangen Erinnerungen seiner Vorgesetzten endlich aufsucht und der ihm einen extrem hohen PSA-Wert bei der letzten Blutprobe offenbart, die Vermutung einer ernsten Erkrankung der Prostata äußert und sofort weitere Untersuchungen fordert.

 

Doch dafür hat Kühn zunächst genauso wenig Zeit, wie dafür, sich um eine sich ihm entfremdenden Frau zu kümmern. Immer Zeit aber hat für seine ausufernden philosophischen Gedanken über Gott und die Welt und vor allen seine eigenen Platz darin. Diese Überlegungen sind neben den ironischen und bissigen Hieben Weilers auf die Gesellschaft und der eigentlichen Krimihandlung so etwas wie das literarische Salz in diesem spannenden und unterhaltsamen Roman.

 

Die Beschreibung von Martin Kühns eigenbrötlerischen und außergewöhnlichen Verhörmethoden, die seine Gegenüber, ohne dass sie es merken, zu den entscheidenden Aussagen bringen, ist für jeden Krimiliebhaber ein besonderer Genuss.

 

Weiler hat mit Martin Kühn wieder eine hoffentlich bald wiederkehrende Figur erfunden, die dem Leser menschlich ganz nahe kommt, er hat seine Geschichte eingebunden in den normalen Alltag von Kleinbürgern in einer Münchener Vorstadt und Megareichen außerhalb und seinen ermittelnden Kommissar mit einer Täterstruktur konfrontiert, die ihn alle ihm zu Verfügung stehende Intuition abfordert und ihn dennoch an die Grenze bringt.

 

Ob und wie er diese Grenze überwindet, wird hier nicht verraten. Vieles wird auch erst der dritte Kühn-Roman ans Licht bringen, den wir hoffentlich schon nächstes Jahr werden lesen können.

 

 

 

 

Erhelle meine Nacht. Die 100 schönsten Gebete der Menschheit

 

 

 

 

Bernhard Lang, Erhelle meine Nacht. Die 100 schönsten Gebete der Menschheit, C. H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-71965-3

 

In allen Religionen gibt es Gebete, die auch nach langem Gebrauch nichts von ihrem ursprünglichen Glanz verloren haben. Die schönsten dieser Gebete, deren Ernsthaftigkeit, Lebendigkeit und „Stimmigkeit“ sich uns am unmittelbarsten mitteilt, hat Bernhard Lang in diesem Band versammelt und durch kurze Erläuterungen erschlossen. Das empfehlenswerte Buch erscheint nun in einer vierten Auflage.

Zu Gott oder göttlichen Mächten zu beten, ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten religiösen Äußerungen der Menschheit. Bernhard Lang hat aus den Zeugnissen aller Religionen und Länder die schönsten Gebete zusammengetragen. Indianer kommen hier ebenso zu Wort wie Ägypter, Griechen, Juden, Muslime, Hindus und Christen. Viele Texte stammen von den Großen der Religions-, Literatur- und Kirchengeschichte – von Echnaton, Platon, Jesus, Mohammed, Franziskus von Assisi, Martin Luther, Teresa von Avila, Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein und Else Lasker-Schüler. Das Buch richtet sich an Leser, die sich an früher einmal gehörte oder gesprochene Gebete erinnern wollen, sei es das Vaterunser, einfache Tischgebete oder poetische Gebete wie das Morgenlied „Führe mich, o Herr, und leite / meinen Gang nach deinem Wort …“. Es spricht alle an, die sich für Gebete aus anderen Religionen interessieren, weil sie den Dialog suchen oder weil sie diese Gebete selber sprechen wollen. Und nicht zuletzt will diese Anthologie Menschen erreichen, die in der Einsamkeit oder in Gemeinschaft Gebete neu entdecken wollen.

Irgendwohin oder der Tag, an dem George das Fliegen lernte

 

 

 

Gus Gordon, Irgendwohin oder der Tag, an dem George das Fliegen lernte, Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-026-8

 

Es gibt viele verschiedene Vögel. Allen ist gemeinsam. Dass sie irgendwohin fliegen. Manche in den Süden. Manche in der Norden. Wenige von ihnen nehmen lieber den Bus. Doch die Gans George Laurent ist da ganz anders. Er fliegt nicht hierhin und auch nicht dorthin, weil es ihm zuhause am besten gefällt. Weil er dort seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann, dem Backen. Er backt so gut, dass viele Freunde zu ihm geflogen kommen, um seine Naschereien aus der Backstube zu probieren.

Das gefällt George gut, nur: im Winter, wenn die Freunde alle weit weg sind wo es warm ist, das fühlt er sich alleine.  In einem solchen  Winter lernt er den Bären Pascal Lombard kennen, der gerade auf der Suche nach einem warmen Ort ist, wo er den Winter verbringen kann. Sie finden sich beide sympathisch, und Pascal beginnt systematisch nachzufragen, warum George nicht fliegen will oder kann.  Pascal lässt sich von mannigfaltigen und sehr fantasiereichen Ausreden Georges nicht irritieren und endlich gelingt es ihm, George in einen Ballon zu bekommen, mit dem sie zuerst nach Paris fliegen. Es folgen die Arktis und viele weitere Gegenden in der Welt, zu denen sie auf ihrer monatelangen Reise gelangen.

 

Wieder zuhause kredenzt George seine selbstgebackenen Kuchen und antwortet auf Pascals Frage, wo sie denn im nächsten Winter hinfliegen: „Einfach irgendwohin!“

 

Eine schönes Bilderbuch über die Freude am Reise und Entdecken und über den schönste Ort auf der ganzen  Welt: das eigene zuhause.

 

 

 

 

 

 

Haselnusstage

 

 

 

 

Emannuel Bourdier, Haselnusstage, minedition 2017, ISBN 978-3-86566-323-8

 

„Eine Stunde.

Eine Stunde mit ihm. Um mich in sein Lachen zu kuscheln,

seinen Haselnussduft zu atmen,

ihm beim Muskelaufpumpen und Ohrenwackeln zuzuschauen,

von ihm ‚mein Sohn‘ genannt zu werden und den Hals

nach draußen zu den Wolken zu recken. Nur eine mickrige Stunde.“

 

Diese eine Stunde im Leben eine Jungen wird in dem schon 2014 in Frankreich erschienenen traurigen und düsteren Bilderbuch erzählt, eine Stunde an einem Mittwoch zwischen 14 und 15 Uhr, als er seinen Vater, der zu einer sehr langen Gefängnisstrafe verurteilt ist, im Besucherzimmer des Gefängnisses gegenüber sitzt.

Es ist für den Jungen eine Stunde einer extremen emotionalen Achterbahnfahrt. Bourdier beschreibt seine Gefühle, Gedanken und Hoffnungen in knappen Sätzen und mit düsteren, farblosen und tief traurigen Bildern.

 

Einmal, als er sich vorstellt, nach der Entlassung des Vaters mit ihm ein Wettrennen zu veranstalten, keimt kurz so etwas wie Hoffnung, die aber sofort von der Erkenntnis zerstört wird, dass der Vater dann  zu alt sein wird.

 

Der Junge lebt mit seiner Mutter ein armseliges Leben. Wenn  er in ihrer Augen schaut, dann hasst er den Vater. In der Schule ist er schlecht und wird von den anderen Kindern gemieden und gemobbt. Sein Vater will, dass er besser in der Schule wird, dass er nicht so wird wie er selbst.

 

Als seine Mutter und der Jungen sich nach einer Stunde verabschieden, weint der Vater. Und der Junge versucht seinen Haselnussgeruch in der Nase zu behalten. Bis zum nächsten Mittwoch um 14 Uhr.

 

„Haselnusstage“ ist ein Wagnis. Ein mutiges, weil so tief trauriges und hoffnungsloses Bilderbuch, das den Blick öffnen und schärfen will für die Kinder, die schon zu Beginn ihres Lebens auf der Verliererseite sind, und dort wohl auch bleiben werden.

 

 

 

 

 

 

 

Am Ende der Reise

 

Edward Docx, Am Ende der Reise, Kein & Aber 2017, ISBN 978-3- 0369-5765-4

 

Es ist eine Situation, in die man selbst niemals kommen möchte, die der britisch-russische Schriftsteller Edward Docx in seinem neuen Roman seinen Ich-Erzähler Lou schildern lässt.   Er fährt zusammen mit seinem todkranken Vater Larry, seines Zeichens Literaturprofessor, der unter der unheilbaren Krankheit ALS leidet, die ihn bald bewegungsunfähig machen wird, in einem alten VW-Bus von England aus quer durch Europa nach Zürich, wo der Vater die lange von ihm geplante und vorbereitete Sterbehilfe bei Dignitas in Anspruch nehmen will.

 

Auch die Reise selbst hat der Vater minutiös vorbereitet und alle Stationen genauestens geplant. Orte, die er vor seinem Tod noch einmal sehen, Dinge, die er noch einmal machen möchte. Über eine lange Zeit hat Larry mit Lou Gespräche geführt, und es scheint zunächst so, dass der Sohn mit der Entscheidung seines Vaters einverstanden ist. Und irgendwann dazwischen wird ihm Folgendes klar: „Erstens: Der Tod macht die Liebe stärker. Das Unterbewusstsein (das weiß, dass es nicht ewig leben wird) nährt das Bewusstsein (das weiß, dass es im Moment noch am Leben ist). Zweitens: Im Leben geht es darum, seinen Frieden mit der beständig wachsenden Liste der erlittenen Verluste zu machen. Drittens: Intellektuelles Verständnis hat praktisch keinen Einfluss auf die Gefühle, die dabei mit im Spiel sind.“

 

Die Erfahrung machen mehr oder weniger auch die beiden Stiefbrüder von Lou, die im Laufe der Reise zu den beiden stoßen und sofort nicht nur in die immer nur angedeuteten Gespräche über das, was bevorsteht hineingezogen werden, sondern mit immer mehr innerfamiliären Befindlichkeiten und Erinnerungen sich konfrontiert sehen.

 

In zahlreichen Rückblenden lässt Docx nicht nur seine Figuren, sondern auf eine berührende Art auch seine Leser die Familiengeschichte der vier Protagonisten erleben, überraschend lustige Momente werden da beschrieben, die Fehler kommen zur schmerzhaften Sprache,  die Versäumnisse werden spürbar. Und die tiefe Liebe, die alle füreinander empfinden. Und die Angst vor einer Entscheidung. Sie kommen schlussendlich ans „Ende der Reise“, nach Zürich. Welches Ende aber die Geschichte der vier nimmt, soll hier offen bleiben. Lesen Sie selbst diesen Roadtrip zwischen Weinen und Lachen, dieses gefühlvolle, witzige, hintergründige Buch voll wunderbarer Formulierungen mit einem Thema , das keinen Leser kalt lassen wird, weil er sich konfrontiert sieht mit der eigenen Endlichkeit.,

 

 

 

 

 

Die Geschichte des verlorenen Kindes

 

 

 

 

Elena Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42576-3

 

Der lange von einer immer größeren Fangemeinde erwartete Abschluss einer literarisch einzigartigen Tetralogie einer sich immer noch erfolgreich in der Anonymität haltenden italienischen Autorin liegt nun vor und ich nehme an, zehntausende von Lesern haben in den letzten Tagen so wie der Rezensent kaum etwas anderes getan, als die letzten 600 Seiten dieses monumentalen Werkes über eine absolut ungewöhnliche lebenslange Frauenfreundschaft zu verschlingen und zu erfahren, wie sich das im ersten Band als Grund für dieses Werk genannte plötzliche Verschwinden von Lila im Alter von 66 Jahren erklärt.

 

Zunächst blendet Elena Ferrante zurück in die Zeit Mitte der siebziger Jahre, als Elena, eine mittlerweile auch in anderen Ländern bekannte Schriftstellerin jeglichen Kontakt zu ihrer lebenslangen Freundin Lila vermeidet. Doch 1979 zieht sie, offiziell um authentischer schreiben zu können, wieder in den Rione in Neapel zurück und die alte Nähe zu Lila wird neu belebt. Die ist mittlerweile zusammen mit ihrem Partner eine erfolgreiche Unternehmerin geworden. Beide Freundinnen erfolgreich und reif geworden – das hätte normalerweise die Grundlage sein können für eine Abkehr von der jahrzehntealten Konkurrenz, die sie beide pflegen bis hin zur Grenze der Selbstzerstörung.

 

Mir ist gerade in diesem letzten vierten Band, der das Verhältnis der beiden Frauen und ihr jeweiliges unruhiges Leben von Mitte der siebziger Jahre bis hin zu ihrem Alter und Lilas mysteriösem Verschwinden beschreibt, nachdem sie unter ähnlich ungeklärten Umständen lange Zeit vorher ihre Tochter verlor (beide Freundinnen waren etwa zeitgleich von den Männern, die sie am meisten liebten, mit denen sie aber kein Glück finden konnten, schwanger geworden – Grund und Ursache für erneute Konkurrenz und permanente Vergleiche), nicht wirklich klar geworden, von wem diese lebenslange Feindschaft und Missgunst innerhalb einer stellenweise idealen Freundschaft tatsächlich ursächlich ausgegangen ist.

 

Die im vorliegenden abschließenden Band mehr als in den drei vorherigen sehr selbstkritische Einsicht und Lebensbilanz der ich-erzählenden Elena lässt vermuten, dass ihr eigener Anteil daran nicht gering zu schätzen ist.  War man in den ersten Bänden noch relativ sicher, dass es sich bei den vier Romanen um so etwas wie eine Autobiographie handelt, halte ich es mittlerweile für denkbar, das Elena Ferrante, ihr Bekanntes und von ihr in Neapel und anderswo Erlebtes integrierend, die Handlung und die Personen der Tetralogie erfunden hat.

 

So oder so, die „Neapolitanische Saga“, wie sie nach dem ersten Band schon genannt wurde, ist eine der besten und literarisch beeindruckendsten Romanserien, die ich jemals gelesen habe. Ob das große Geheimnis um Lila gelüftet wird, soll hier an dieser Stelle offen bleiben. Bleiben Sie gespannt, auch auf ihr im Sommer 2018 erscheinendes Buch „Frantumiglia: Mein geschriebenes Leben“.

Neues ABC –Buch. Illustriert von Wolf Erlbruch

 

 

 

Karl Philip Moritz, Neues ABC –Buch. Illustriert von Wolf Erlbruch, Kunstmann 2018, ISBN 978-3-95614-225-3

 

 

Lange war es nach seinem ersten Erscheinen im Jahr 2000 vergriffen, nun hat es der Antje Kunstmann Verlag wieder aufgelegt. Die vor langer Zeit Ende des 18. Jahrhunderts erschienene ABC-Fibel von Karl Philipp Moritz in der genialen Übertragung von Wolf Erlbruch, der auch mit den für ihn typischen Foto-Bild-Collagen, das für Erwachsene und Kinder geeignete Buch illustriert hat. Nach wie vor will dieses Buch zum Lesen und zum Schreiben anregen, und daneben grundsätzliche Fragen des Menschseins ansprechen.

Die Beschreibung wichtiger gesellschaftlicher, alltäglicher und moralischer Grundsätze und Erklärungen neben dem Jahres-Kreislauf der Natur, Arbeit, Leben und Tod, die Vergänglichkeit menschlicher und dinglicher Existenz, die Bedeutung von Verstand, Tugend, Genügsamkeit und Bildung werden eindrücklich durch kurze logische Texte nahegebracht.

 

Auf den letzten vier Seiten kann man erfahren, wer Karl Philipp Moritz war, welche Philosophie ihn bewegte. Und bei vielleicht gemeinsamen Lektüre von Erwachsenen und Kindern lernen beide miteinander, was den besonderen pädagogischen Wert dieser Einheit von Wort und Bild ausmacht: der permanente Hinweis auf die Unzulänglichkeit des Menschen, die Aufforderung, sich der Natur anzupassen, sich gegenseitig zu helfen. Bescheidenheit und Demut, in unseren Tagen nahezu abhanden gekommene Qualitäten, hatten zu Moritz´ Zeit einen hohen Stellenwert.

 

An sie zu erinnern ist der Hauptsinn dieses preiswürdigen Buches.