Der meistgereiste Mann der Welt

 

 

Mike Spencer Bown, Der meistgereiste Mann der Welt, Riva 2018, ISBN 978-3-7423-0534-3

 

Als Mike Bown im Jahr 1990 begann, seine schon lange in ihn schwelenden Leidenschaft wahr zu machen und seinen Rucksack packte, da wusste er nicht, wie lange er so in der Welt unterwegs sein würde.

 

Mittlerweile, so erzählt er in diesem unterhaltsamen und informativen Buch, ist er seit 23 Jahren unterwegs und hat dabei alle 195 Länder der Welt besucht. Aber wie schon bald nach Beginn der Lektüre wohltuend feststellen kann,. geht es ihm nicht um viele Stempel im Pass, sondern immer darum, das Land, das er gerade besuch und die Menschen, denen er dort begegnet wirklich kennenzulernen. Wovon andere nur träumen können, er hat es gemacht:

Er folgte dem Lauf des Amazonas in einem Boot, durchquerte Wüsten und Dschungelgebiete zu Fuß oder in Militärfahrzeugen, schlief in Stammeshütten, lag an unberührten weißen Sandstränden und wartete das Ende eines Schneesturms in einer tibetischen Höhle ab.

 

Immer will er sich, so authentisch er kann, auf das einlassen, was ihm begegnet.  Man spürt es auf fast jeder Seite seiner wunderbaren Reiseerzählungen. Er bringt dem Leser die Welt ein Stück näher und zeigte ihm das ein oder andere Wunder unserer Erde.

 

Da es nicht so aussieht, als würde er seine Reisen beenden, darf man sich vielleicht über weitere Bücher von ihm freuen.

 

 

 

 

 

 

Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums,(Hörbuch)

 

 

 

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums,(Hörbuch) Herder 2018, ISBN 978-3-451-35194-5

 

Im Jahr 2007 hatte der Münsteraner Religionshistoriker und Priester Arnold Angenendt in einem monumentalen Werk mit dem Titel „Toleranz und Gewalt“ (ist jetzt auch als Taschenbuch lieferbar) letztlich die Grundlage dafür geschaffen, was der Psychotherapeut Manfred Lütz nun in seinem hier vorliegenden Buch „Skandal der Skandale“ als geheime Geschichte des Christentums erzählt.

 

Hauptsächlich geht es um die Tatsache, dass die drei Schwert-Worte im Neuen Testament immer wieder in ihrer wahren Bedeutung beachtet werden müssen, um ihrem neuerlichen Missbrauch entgegenzuwirken:
Einmal das beim ersten Hinhören erschreckende Wort: ‚Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘ (Mt.10,34). Gemeint ist das geistige Schwert der Abtrennung von der blutsverwandten Eigenwelt, also ein metaphorischer Gebrauch zur Bezeichnung schmerzhaft – notwendiger Lebensentscheidungen. Dem zweiten Schwert-Wort zufolge ist das Wort Gottes ’schärfer als jedes zweischneidige Schwert…; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens.‘ Das physische Schwert jedoch wird abgelehnt. Als Jesu Jünger ihn bei seiner Verhaftung mit einen realen Schwert verteidigen wollen, gebietet er: ‚Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.'(Mt. 26,52)

Das sind die theologischen Grundlagen des Christentums und beiden Autoren gebührt Dank dafür, mit ihren nun auch für einen breiten Kreis von Lesern zugänglich gemachten Erkenntnissen erneut darauf hingewiesen zu haben. Ich kann es nur empfehlen für alle die Menschen, die die platte Kritik meiden und es lieber mit der wirklichen Aufklärung halten, eben auch im Diskurs um das strittige Thema Religion.

 

Sich über die positiven Wurzeln der eigenen Religion bewusst zu werden, ohne die dunklen Zeiten zu verdrängen oder sich ihrer zu schämen und sie für die eigentliche Essenz des Christentums zu halten, sondern selbstbewusst und mit Überzeugung die wahre Essenz zu leben und sie auch im Dialog und Streitgespräch mit dem Islam etwa zu vertreten, darum geht es den beiden Autoren.

Das Christentum ist, wie Lütz und Angenendt schreiben, „die Geschichte der Heiligen, der spirituellen Aufbrüche, aber auch der großen und vor allem der stillen Leidenden.“

Das Buch ist ein Weckruf zur „Hoffnung auf den barmherzigen Gott, an den die Christen glauben und dem sie es zuschreiben, diese 2000-jährige Geschichte trotz aller schrecklichen menschlichen Schwächen auch der Christen tatsächlich zur Heilsgeschichte gemacht zu haben.“

 

Es ist eine große Leistung, die wissenschaftliche Erkenntnis von „Toleranz und Gewalt“ nun auf knapp 300 Seiten ohne Fußnoten einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

 

Vielleicht erreicht die hier vorliegende ungekürzte Lesung des Autors mir ihrer Frische und Lebendigkeit noch mehr Menschen.  Noch mehr als das Buch selbst baut die Lesung eine an einen Krimi erinnernde Spannung auf, die ganz erstaunliche und vielen Menschen bislang unbekannte Ergebnisse zeitigt. Immer auf dem Stand der wissenschaftlichen Forschung.

Der Anfang von etwas Schönem

 

 

 

Lizzie Doron, Der Anfang von etwas Schönem, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14630-2

 

 

Lizzie Dorons dritter ins Deutsche übersetzte Roman erzählt verfremdet von ihrer Kindheit im Tel Aviver Viertel Yad Elijahu, einem kleinen, aber geschlossen wirkenden Viertel, in das damals fast nur Überlebende der Konzentrationslager zogen.
Schon in ihrer autobiographischen Novelle „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“ hat die 1953 geborene Lizzie Doron von Yad Elijahu erzählt, von ihrer prinzipienfesten Mutter, die über ihre Vergangenheit in den Lagern der Nazis wie so viele andere beharrlich schwieg. Doron hat erzählt von den Aufträgen und Botschaften der Mutter, die wollte, dass die Tochter ihr Leben ganz auf die Zukunft ausrichtet. Dass ihre Tochter sich womöglich für ein Leben m Kibbuz entscheiden könnte, war ihr ein schrecklicher Gedanke. Und doch kam es genauso.

In ihrem Roman „Der Anfang von etwas Schönem“ erzählt die Autorin von drei Menschen, die in Yad Elijahu geboren sind und miteinander aufwachsen und deren Lebenswege sich 40 (!) Jahre später wieder kreuzen. Dabei hat sie jeder Figur ein eigenes Kapitel gewidmet, lässt sie jeweils in der Ich-Form erzählen, sich erinnern und die sich langsam bei der Lektüre erschließenden Zusammenhänge zwischen den Lebensgeschichten der drei Menschen schildern.

Da ist Malinka Zuckmayer, die sich Amalia Ben Ami nennt und seit drei Jahrzehnten allein im Haus ihrer Mutter lebt. Verkaufen kann sie es nicht, denn die Mutter hat verfügt, dass sie zuvor erst heiraten müsse. So lebt sie, mit wechselnden Affären mit verheirateten Männer auch sinnbildlich „im Haus der Mutter“ und arbeitet, vorzugsweise nachts, als Moderatorin beim israelischen Armeesender.

Da ist Gadi. Durch eine Kinderlähmung behindert, wurde der hinkende junge Mann vom Armeedienst befreit. Seit Kindertagen ist er in Malinka verliebt und träumt von einer Hochzeit mit ihr. Um ihn vor der Schande der militärischen Untauglichkeit zu bewahren, organisiert seine Mutter Sarke seine Auswanderung nach Amerika, wo man „kein Brot aus Erinnerungen backt“, wie sie sagt. Sarke war mit Etka, Malinkas Mutter zusammen in Auschwitz und sie leben in Yad Elijahu als direkte Nachbarn.

Gadi wird in Amerika ein erfolgreicher Mann, doch er beginnt sich immer heftiger nach seinem Geburtsort zu sehnen, sehr zum Unwillen seiner Frau Dina, die ihr Judentum verlassen zu haben glaubt, und mit Gadi kontroverse Diskussionen darüber führt, welche Bedeutung Israel für die Juden hat. Er will zurück und mit Amalia leben.

Und da ist Chesi als dritter im Bunde. Er ist nach Paris gegangen und hat dort als Zeithistoriker Karriere gemacht. Er ist wie besessen von der Idee, dass der Zweite Weltkrieg erst vorbei sei, wenn die Juden bzw. ihre Nachkommen wieder in ihre ursprünglichen Orte in Polen zurückkehren und dort die jüdischen Häuser und Gebetstätten wieder aufbauen. Als er während eines Israelbesuchs Amalias Stimme im Radio hört, die sich mit einen „Schlager aus dem Lager“ nämlich dem Lied „Still, still, mein Kind, schweig still, hier wachsen Gräber“ von ihren Hörern verabschiedet, trifft er sich mit Amalia. Dieses Lied war die Hymne ihrer Kindheit. Er versucht sie zu überzeugen, dass ihre Begegnung „der Anfang von etwas Schönem“ sei, doch sie endet schlussendlich in einem Fiasko, nachdem er sie mit nach Polen zu seinem „Wiederaufbauprojekt“ genommen hat.
Es ist der Umgang mit dem geschichtlichen Erbe, an dem sich in Dorons Büchern entscheidet, ob sich etwas Schönes oder eine versöhnende Idee in einen Schrecken verwandelt oder nicht.

Dorons Figuren sitzen allesamt wie in einer Falle. So wie sie sie schildert, versucht sie nachzuweisen, dass es keinen „richtigen“ Umgang mit dem Gedenken an die Shoa und ihre Opfer geben kann.
Die zweite Generation, aufgewachsen im auch aggressiv vorgetragenen Schweigen ihrer Eltern, hat für ihr ganzes Leben wirksame Beschädigungen erlitten, weil sie ihr Leben nur verstehen können als Trost für die Eltern. So behutsam zum Beispiel Etka und Sarke miteinander umgehen, so aggressiv und lieblos reagieren alle beide auf die Selbstbehauptungsversuche ihrer Kinder.
Die suchen so wie Amalia, Chesi und Gadi ihr eigenes Leben und stoßen doch immer wieder auf die Gräber der Vergangenheit: „chweig still, mein Kind, hier wachsen Gräber“.

Lizzie Doron versucht mit ihren Büchern das Schweigen zu brechen. Es gibt niemand sonst, der in der Lage ist, die widerstrebenden Gefühle der Nachkommen der Überlebenden tiefer und schmerzhafter auszuloten. Man spürt der sensiblen und gelungenen Übersetzung Mirjam Presslers ab, welche unsagbare Anstrengung das Schreiben dieser Bücher für Lizzie Doron bedeutet.

Wie wir wohl die dritte Generation damit umgehen?
Etwa so wie Jonathan Littel in „Die Wohlgesinnten“?

 

Das Leben ist gut

 

Alex Capus, Das Leben ist gut, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14631-9

 

In seinem Roman lässt der in der Schweiz lebende Schriftsteller Alex Capus seinen Ich-Erzähler einfach und in ruhiger Sprache erzählen, davon, wie es sich anfühlt mit sich und seinem Leben zufrieden, im Reinen zu sein. Eher ungewohnt in der ganzen Reihe der zeitgenössischen Romane, die oft Lebensschicksale beschreiben, die gestört oder unglücklich verlaufen. Vielleicht rühren daher auch die Verwunderung so manches Rezensenten und die oft benutzte Abwertung des Buches als belanglos.

 

Alex Capus hat in seinen früheren Büchern bewiesen, dass er ein hervorragender Erzähler ist. Das stellt er in „Das Leben ist gut“ erneut unter Beweis. Sein Ich-Erzähler Max, dem er offenbar viele eigene Beobachtungen und Lebenseindrücke geschenkt hat, und der wie ein Alter Ego von Capus gelesen werden kann, hat vor einigen Jahren mit einem dicken Roman viel Geld verdient. Statt danach weiter zu schreiben, hat er von der Gemeinde, in der er wohnt, ein Haus gekauft, dessen bewegte Geschichte er eindrucksvoll beschreibt. Er richtet dort eine Bar ein, die vom späten Nachmittag an zum  Treffpunkt sehr unterschiedlicher Menschen wird, die er liebevoll beschreibt. Morgens sieht man ihn das Altglas entsorgen und in seiner Bar das eine oder andere reparieren.

 

Er ist mit sich im Reinen und hat die außergewöhnliche Fähigkeit, alles das wahrzunehmen und auch engagiert zu verteidigen, was in der Hektik des Alltags gerne übersehen wird.

 

Als seine Frau Tina zu einem Aufenthalt nach Paris aufbricht (sie hat dort eine Gastprofessur erhalten), schläft Max seit 25 Jahren zum ersten nicht mit seiner Frau in einem Bett. Die Tage, bis sie zum ersten Mal für ein Wochenende wieder nach Hause kommt, verbringt er damit, über sein Leben nachzudenken und zu erzählen davon, was ihm im Leben wirklich wichtig ist.

 

Und obwohl er am Ende von einem Aufenthalt in der Everglades träumt, wo Tom Stark wohnt, den er in seiner Bar kennengelernt hat, möchte er doch nie woanders sein als in seiner Stadt, seiner Bar, mit seiner Frau und Familie und mit seinen vielen Freunden.

 

Max erzählt von Freundschaften und vom Leben, wie er es sich vorstellt. Er ist zufrieden mit seinem Alltag. Da passiert nichts Spektakuläres. Indem er jeden Tag vielen seiner Kunden zuhört, indem er mit seiner Bar Menschen die Gelegenheit zur Begegnung gibt, erfährt er Sinn. Und im Leben mit seiner geliebten Frau. Eng verbunden, lassen sich die beiden die Freiheit, die sie zum glücklichen Leben brauchen.

 

Ich habe das unaufgeregte, viele kleine Alltagsbeobachtungen in den Mittelpunkt stellende Buch gerne gelesen.

 

 

 

 

 

 

Fabelhaftes Meer

 

 

Willy Puchner, Fabelhaftes Meer, Nilpferd 2017, ISBN 978-3-7074-5186-3

 

„Ich träumte vom großen Ozean. Von Schiffen, Meerestieren und Inseln, von wunderbaren Menschen, kostbaren Pflanzen und fabelhaften Tieren…“

 

Willy Puchners Phantasien über das Meer ist ein Buch für Poeten, egal ob es Kinder oder Erwachsene lesen und betrachten. Es ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung eines Künstlers an alles Leben im Meer und um es herum. In unzähligen Facetten aufgefächert verbinden sich Beobachtung und Phantasie, Gedanke, Idee und Poesie.

 

Es ist eine  geheimnisvolle Sehnsuchtswelt, die wir so gut zu kennen meinen und die doch immer neue Überraschungen bereithält in die Puchner die entführt, die das großformatige Bilderbuch in ihren Händen halten.

 

Ein beglückendes Buch für alle, die das Meer lieben.

Susi Schimmel. Vom Verfaulen und Vergammeln

Leonora Leitl, Susi Schimmel. Vom Verfaulen und Vergammeln, Tyrolia 2018, ISBN 978-3-7022-3665-6

 

Sie hat eine Mission, sie ist unerbittlich und sie ist nicht allein: Susi Schimmel die Hauptperson des hier vorliegenden Sachbilderbuchs von Leonora Leitl. Sie widmet sich zusammen mit ihren verschiedenen Artgenossen dem Verfaulen und Vergammeln, in den Jausenboxen der Kinder, hinter Schlafzimmerschränken und sogar auf Babypopos.

 
Nach „Gerda Gelse“ und „Willi Virus“  legt Leonora Leitl nun mit „Susi Schimmel“ das dritte Sachbilderbuch vor. Informativ berichtet Susi Schimmel aus ihrem Pilzleben, schwärmt von den wunderbaren Farben, mit denen sie Lebensmittel und Wände überzieht, schimpft über ihre ruhmsüchtigen Verwandten, die bei der Erzeugung von edlem Käse und Penicillin mithelfen, und berichtet von so mancher großer Errungenschaft.
Mit Witz und Humor bringt dieses Buch den Kindern von klein auf bei, was Schimmel ist, woher er kommt und was man dagegen tun kann. Aber auch die vielen Arten von Schimmel werden lexikonartig vorgestellt.. Die Bilder sind farbig, modern und kindgerecht illustriert und verbildlichen die kurzen Sachtexte sehr gut.

No Man‘ s Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte

 

 

Henk van Rensbergen, No Man‘ s Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte, Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-153-1

 

Der belgische Fotograf Henk van Rensbergen legt mit „No Man’s Land“ ein Buch vor, das zunächst scheinbar an die nur im Englischen erschienene Reihe Abandoned Places anknüpft. In „No Man‘ s Land“ zeigt er eine ansprechende und Neugier erweckende Melange aus postapokalyptisch anmutenden Szenen, die er meisterhaft festgehalten hat mit seiner Kamera. Der Verhaltensforscher Desmnd Morris hat ein nachdenkliches Vorwort beigesteuert. „Logbuch“ eine fpür dieses Buch verfasste Kurzgeschichte des flämischen Dichters Peter Verhelst steht am Ende eines beeindruckenden Buches.

 

Ein Buch, in dem Palazzi, stillgelegte Fabriken und leerstehende Krankenhäuser zu einer faszinierend-unheimlichen Gegenwelt sich wandeln, in der sich Tiere das zurückerobern, was einst der Mensch dominierte.

Ungewöhnlich komponierte Bilder voll meditativer Ruhe, die zur Besinnung und zum Nachdenken über den Zustand und die Zukunft der Erde einladen.

 

 

 

 

Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte

 

Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, C.H.Beck 2018, ISBN 978-3-406-71971-4

 

Schon zum 40. Jahrestag von „68“ haben sich vor allem die männlichen Protagonisten der „Bewegung“ in zahllosen Büchern und Interviews geäußert, immer mit dem Ziel ihre eigene Rolle genau zu definieren und unsterblich zu machen.

 

Nun in diesem Jahr, der 50. Wiederkehr von Achtundsechzig sind etliche dieser Bücher noch einmal aufgelegt worden, aber auch andere sind erschienen, die eine differenzierten und neuen Blick auf das Geschehen des Jahres 1968 werfen und seine Bedeutung neu definieren. Nennen will ich hier außer dem vorliegenden Buch das von dem Psychoanalytiker Claus Koch, der das Jahr 1968 in einer Geschichte von drei Generationen analysiert und beschreibt. Seine Frage:

„Die Eltern legten das Land in Schutt und Asche. Dann bauten sie es wieder auf, bis ihre Kinder 1968 in Berlin und anderswo es noch einmal anzünden wollten. Um damit die Vergangenheit endlich zum Schweigen zu bringen. Und ihre Kinder? Können sie, jenseits von Stillstand und trügerischer Ruhe das Land noch einmal zu neuem Leben erwecken?“

Seine Antwort: Die Phantasie und die Kraft der jungen Generation, in die Koch viel Hoffnung setzt, wird nötig sein, diese Welt besser zu machen und die Hoffnung darauf nicht aufzugeben.

 

Christina von Hodenberg hat nach dem Blick auf erstmal ausgewertete Quellen den Eindruck, dass das bisherige Bild der 68 er sehr unvollständig und verzerrt ist. Denn die vor allem männlichen Chronisten haben die prägende Rolle der Frauen damals unterschlagen.

 

Die Frauen fehlen in dem herkömmlichen Bild von 68. Sie kommen in der großen Erzählung der revolutionären Männer nicht vor. In ihrem Buch „Das andere Achtundsechzig“ füllt Christina von Hodenberg diese Leerstelle, erinnert an vergessene Aktivistinnen und zeigt: 1968 war weiblich.
 

 

Türme und Plätze

Niall Ferguson, Türme und Plätze, Propyläen 2018, ISBN 978-3-549-07485-5

 

In seinem neuen hier vorliegenden umfangreichen Buch weist der renommierte Historiker Niall Ferguson, dass „Netzwerke, Hierarchien und der Kampf um die globale Macht“ keine neuen Phänomene der Neuzeit des 21. Jahrhunderts sind, sondern er zeigt, wie die Welt schon immer vernetzt war.

 

In einer gut lesbaren und faszinierenden Analyse beschreibt er die sozialen Netzwerke seit der frühen Neuzeit und erklärt, welche politische und wirtschaftliche Rolle sie seit dieser Zeit bis in die aktuelle Gegenwart in der Weltgeschichte spielen.

 

Vor allem die Erfindung des Buchdrucks erweiterte den Horizont der Menschen. In der frühen Neuzeit begann damit die Hoch-Zeit der Netzwerke. Ferguson erzählt von den Freimaurern und Illuminaten bis zu Google, Facebook und Co., den sozialen Netzwerken der Gegenwart. Sie verbreiteten revolutionäre Ideen und trugen zum Umsturz von Regierungen und Herrschaftssystemen bei.

 

Spione, Banker, Wissenschaftler oder gar Freimaurer forderten die politischen Machthaber heraus. Niall Ferguson zeigt, dass solche Vernetzungen unterhalb der Machtebene der lang übersehene Schlüssel zum Verständnis der Geschichte sind, analysiert aber auch moderne Netzwerke wie Facebook, Google oder den „IS“. Sein Fazit: Hierarchisch organisierte Staaten und Institutionen können sich nur dann dauerhaft halten, wenn sie es schaffen, sich mit den modernen Netzwerken zu arrangieren.

 

 

 

 

Das Böse, es bleibt (Hörbuch)

 

 

 

 

Luca D‘ Andrea, Das Böse, es bleibt (Hörbuch), Der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2873-2

„Das Böse, es bleibt“ ist der zweite Thriller des Südtirolers Luca D’Andrea. Wieder hat er die spannende Handlung in die raue Bergwelt Südtirols verlegt, in der er sich zweifellos gut auskennt und die er liebt.

Das Buch beginnt mit der dramatischen Flucht von Marlene. Sie ist die Frau eines Kriminellen, den sie verlassen hat und vor dessen furchtbarer Rache sie in ein hoffentlich neues Leben flüchtet. Mitten in den Südtiroler Bergen ist sie mit ihrem Auto in einem Schneesturm unterwegs. Bei sich hat sie einen Beutel mit wertvollen Saphiren, den sie quasi als Entschädigung ihrem Mann aus seinem Safe gestohlen hat. Sie sollen die Versicherung ihres neuen Lebens sein. Wegener, so heißt der Mann, älter als Marlene ist der Chef einer Mafiabande, die mit Erpressungen ihr Geschäft macht. Er wird seine Killer auf sie ansetzen, das ist sicher.

Marlene stürzt im Schneesturm mit ihrem Auto in eine Schlucht. Als sie in einer abgelegenen Berghütte des Alten der sie in der Schlucht gefunden und gerettet hat, erwacht, glaubt sie sich zunächst bei dem wortkargen alten Mann und seinen Schweinen sicher. Simon heißt der kräuterkundige Kauz, der den Hof seiner verstorbenen Eltern bewirtschaftet.

 

Zwischen Marlene und Simon entwickelt sich in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes auf dem einsamen Hof ein fast freundschaftliches Verhältnis, bis sie tief im Keller des Hauses Simons Schweine entdeckt und eine immer angsterregendere Ahnung von seinem besonderen Verhältnis zu diesen Tieren, insbesondere zu „Lissy“ bekommt.

 

Doch Marlenes Mann hat schon jemand auf sie angesetzt und er ist schon auf dem Weg zu ihr…

 

Luca D’Andrea nutzt immer wieder wechselnde Erzählperspektiven um zum einen die extrem spannende Handlung ganz langsam und gegen Ende immer schneller voranzubringen, sondern auch um dem Leser die einzelne Charaktere und ihre Vergangenheit vorzustellen. Dies hilft dem Leser, sich mehr und mehr ein Bild zu machen, wie die einzelnen Menschen zu dem geworden sind, was sie heute sind und zu dem kamen, was sie heute antreibt, sie aber auch quält.

 

Es ist, neben den wunderbaren Naturschilderungen, gerade jene besondere Atmosphäre, die dunkle, sich bedrohlich steigernde Ahnung von etwas ganz Bedrohlichem und Schrecklichem, die den Leser das Buch einfach nicht aus der Hand legen lässt, aber auch die Art und Weise, wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Hauptfiguren Simon und Marlene langsam aber sicher in eine Richtung verändert, die nichts Gutes ahnen lässt.
Doch es geht nicht nur um Marlene und Simon oben auf dem Berghof. Immer wieder wird auch erzählt von Simon, der seine Edelsteine zurückhaben will und einem sogenannten im Dunkel bleibenden  „Konsortium“, von dem Simon abhängig ist. Und schicken auch sehr schnell ihren besten Mann auf die Spuren von Marlene. Er hat keinen Namen, man nennt ihn „Mann des Vertrauens“ und trotz aller hervorragender Manieren ist dieser Mann, der nie versagt, ein Ungeheuer mit ungeheuerlicher Vergangenheit.

 

Es ist eine Geschichte voller Kobolde und Märchen, Traditionen und altem Wissen. Eine Reise in Gedanken und Erinnerungen, in Träume und Wahnvorstellungen.
„Entweder hatte man Vertrauen, oder man hatte es nicht. Etwas dazwischen gab es nicht.“

 

Es gelingt Luca D’Andrea ganz hervorragend, seine Leser sofort mit hineinzuziehen in diesen Bann und atemlos in der Lektüre fortzuschreiten, die ihn mit immer neuen ungeahnten Wendungen, völlig gefangen nimmt.

 

Ein wirklich empfehlenswerter Thriller, der in 30 Sprachen gleichzeitig erscheint.

 

Matthias Koeberlin, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler (er hat unter anderem überzeugend Jan Seghers Kommissar Marthaler verkörpert) leistet mit seiner hier im Hörverlag vorliegenden gekürzten Lesung der dem Buch schon innewohnenden Spannung noch Vorschub, weil er sich perfekt in die handelnden Personen hineinversetzten kann.