Denken um zu leben. Philosophinnen

 

 

 

Marit Rullmann, Werner Schlegel, Denken um zu leben. Philosophinnen, Marix Verlag 2018, ISBN 978-3-7374-1087-8

 

Ist von Philosophie die Rede, dann tauche meist nur Namen von Männern auf. Aristoteles, Sokrates, Platon, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Sartre, Habermas und viele andere. Bei der Frage nach weiblichen Philosophen können die Kenner vielleicht Hannah Arendt nennen oder Simone de Beauvoir, die Vordenkerin des Feminismus.

 

Marit Rullmann und Werner Schlegel zeigen in diesem Buch. Dass es in jedem beliebigen Zeitalter Frauen gegeben hat, die Philosophie betrieben. Sie waren, obwohl heute wenigen bekannt, Vordenkerinnen ihrer jeweiligen Epochen und bewirkten nicht unerhebliche Veränderungen.

Die revolutionäre Gleichheitsdenkerin Olympe de Gouge etwa, oder Dorothea Schlözer, die erste Doktorin der Philosophie in Deutschland, Mary W. Calkins, die sich mit der Philosophie des Selbst auseinandersetzte, Christina von Schweden, die Sinneseindrücke als Grundlage der Erkenntnis beschrieb, oder in der Neuzeit Martha Nussbaum, die sich mit der Gerechtigkeits- und Inklusionsfrage beschäftigt.

 

Lebendig und griffig dargestellt, gibt das Buch auch Laien, die sich bisher nicht viel mit Philosophie beschäftigt haben, verständliche und erhellende Einblicke in das Denken dieser Frauen.

 

Immer wieder zeigen sie auf, wie viel schwerer es für Frauen damals in einer von Männern dominierten Gesellschaft war, sich Gehör zu verschaffen und betonen, wie auch heute noch die männliche Philosophie unser Denken und Handeln bestimmt.

 

Die am Ende jedes Porträts aufgeführten Werke laden ein zur weiteren Beschäftigung mit verschiedenen Ansätzen einer weiblichen Philosophie.
 

 

Wie man die Zeit anhält (Hörbuch)

 

 

 

Matt Haig, Wie man die Zeit anhält (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2896-1

 

Matt Haig beschäftigt sich in seinem neuen Roman „Wie man die Zeit anhält“ auf eine philosophische und dennoch überaus spannende Weise mit Thema Zeit. Hauptperson ist der ich-erzählende Geschichtslehrer Tom Hazard, der nach England gekommen ist, um dort in einer Schule einen neuen Job anzutreten. Schnell begeistert er seine Schüler mit seinem unkonventionellen Unterricht.

 

Privat ist Tom eher ein Einzelgänger, denn er hat eine lange Lebensgeschichte zu verbergen. Er sieht zwar aus wie vierzig, doch 1581 geboren, ist er ein Vielfaches älter. Tom Hazard gehört zu der Spezies der Albatrosse. Anders als normale Menschen („Eintagsfliegen“) altern die Albatrosse kaum. Doch gerade deswegen fallen sie bald auf und sehen sich Verfolgungen von normalen Menschen ausgesetzt Deshalb wechselt Tom alles acht Jahre seinen Aufenthaltsort. Denn  wirkliche Nähe zu anderen Menschen, die bei längerem Aufenthalt zwangsläufig eintreten würde ist für Albatrosse gefährlich. Doch schon kurz nachdem er seine neue Tätigkeit in England aufgenommen hat, verliebt er sich in seine Kollegin Camille.

 

Kann man die Zeit anhalten? Kann Tom sich aus seinem Schicksal als Albatros befreien? Matt Haig lässt ihn quer durch die Jahrhunderte seine Erlebnisse schildern, was für den Leser eine überaus informative Reise durch die Geschichte seit dem 16. Jahrhundert ist. Immer galt die Regel: niemals sich auf Sterbliche einlassen, denn dann, so zeigt die Geschichte sind alle in Gefahr.

 

Geschützt werden die Albatrosse durch einen der Ihren namens Hendrich, der auch Tom immer wieder Aufträge erteilt, die in alle möglichen Ländern führen und bei den er andere Albatrosse vor den Fängern ihrer Häscher retten soll.

In diesem spannenden und sehr lehrreichen Roman geht es um innere  Zerrissenheit, um die große Sehnsucht nach einem Lebenssinn und dem  tiefen Bedürfnis zu „Sein“. Die Geschichte ist durchgehend dramatisch aufgebaut, mit vielen Zeitsprüngen aus der Gegenwart in viele unterschiedliche  Vergangenheiten und wieder zurück und fordert so dem Leser einige Aufmerksamkeit ab.

Tom Hazard flieht sein ganzes jahrhundertelanges  Leben lang, doch immer wieder holt ihn etwas ein was er „Erinnerungsschmerz“ nennt.

 

Nicht nur, weil man nicht weiß, wie Tom mit seiner Liebe zu Camille umgehen wird, sondern auch wegen der im Laufe des Buches zunehmenden Zwielichtigkeit von Hendrich hält Matt Haig mit dieser wunderbar phantasievollen Geschichte den Spannungsbogen hoch bis zum Ende.

 

Ich habe das Buch während nach eine OP im Krankenhaus an einem Tag in einem Rutsch gelesen. Ich war begeistert. Es ist magisch, spannend und an manchen Stellen auch sehr traurig.

 

Die vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung aus dem Hörverlag ist von dem Schauspieler Christoph Maria Herbst auf eine warmherzige und feinfühlige Weise eingelesen worden, der es gelingt, sich in die Person von Tom Hazard und auch von Camille hervorragend hineinzuversetzen.

Er selbst sagt zu dem Buch: “Matt Haig schreibt über die großen Fragen des Lebens warmherzig und nachdenklich und immer unterhaltsam.“

 

 

 

 

Ein unvergänglicher Sommer

 

 

 

 

 

 

I

Isabel Allende, Ein unvergänglicher Sommer, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42830-6

 

Auf mehreren Zeitebenen angesiedelt ist der neue Roman der Erfolgsautorin Isabel Allende. Auf der Gegenwartsebene führt sie ihre Leser in das winterliche Brooklyn in New York. Der an der New York University lateinamerikanische Politik lehrende Richard hat auf den glatten Straßen auf seinem Heimweg einen Auffahrunfall. Er gibt der Unfallgegnerin seine Karte und denkt sich nichts weiter dabei. Die Versicherungen werden das regeln. Doch kaum ist der allein lebende und eigenbrötlerische Professor wieder zu Hause, klingelt es und die Fahrerin des anderen Autos steht vor seiner Tür.

Sie heißt Evelyn, stammt aus Guatemala und arbeitet bei einer Familie als Kindermädchen. Sie ist extrem verängstigt, weil sie als Illegale im Land lebt und steht völlig aufgelöst vor Richard, als sie ihm erzählt, sie habe den Wagen ihres Arbeitsgebers gegen dessen Erlaubnis benutzt um trotz der Glätte dringend benötigte Windeln zu kaufen für das Kind, das sie quasi rund um die Uhr betreut. Und außerdem liege eine gefrorene Leiche im Kofferraum des Wagens.

 

Richard wendet sich an die in seinem ziemlich heruntergekommenen Souterrain wohnende Untermieterin Lucia, die er aus Chile als Dozentin an seinen Fachbereich geholt hat. Lucia hat zwei Bücher über die vielen Verschwundenen nach dem Militärputsch 1973 geschrieben, zu denen auch ihr Bruder gehörte. Schon seit einiger Zeit, so stellt sich heraus, fühlen sich Lucia und Richard zueinander hingezogen, doch erst während der Aktion in den nächsten beiden Tagen kommen sie sich wirklich näher.

 

Es wird nämlich ziemlich schnell klar, dass sie wegen des illegalen Staus von Evelyn auf keinen Fall die Polizei informieren dürfen. Sie beschließen nach anfänglichem Widerstand Richards, die Leiche verschwinden zu lassen. In diese, etwa ein Drittel des Buches umfassende Rahmenhandlung mit der zarten, späten Liebesgeschichte zwischen Lucia und Richard, erzählt Isabel Allende in Rückblenden die durchweg dramatischen und bewegenden Lebensgeschichten von Richard, Lucia und Evelyn.

 

Evelyns Kindheit und Jugend in Guatemala wird erzählt und die dramatische Geschichte ihrer Flucht mit Schleppern in die USA. Mit der Geschichte Lucias reflektiert Isabel Allende viel von ihrer eigenen Geschichte vor und nach dem Militärputsch in Chile 1973. Und auch Richards wechselvolle Vita hat viel mit Lateinamerika zu tun, lebte er doch lange in Brasilien, dessen Politik auch Thema seiner Dissertation war.

 

Indem Isabel Allende abwechselnd mit der fortschreitenden Rahmenhandlung in den Rückblicken von Richard, Evelyn und Lucia viel lateinamerikanische Geschichte der letzten Jahrzehnte reflektiert (oft Thema ihrer Romane), verschafft sie insbesondere ihren jüngeren Lesern, die diese Zeit nicht persönlich erlebt haben, eine wichtige Informationsquelle. Besonders Evelyns Geschichte reflektiert die Erfahrungen von Flüchtenden überall auf der Welt.

 

Nach einer ersten unsicheren Nacht in Richards Wohnung machen die drei sich noch im Morgengrauen auf den Weg in die nördlichen Wälder zu einer Hütte an einem See. Dort wollen sie das Auto mit der Leiche versenken.  Diese abenteuerliche Reise mit einem völlig überraschenden Ausgang wird alle drei Protagonisten des Romans verändern. Während sie unterwegs sind, die Leiche, deren Identität Evelyn mittlerweile offenbart hat, verschwinden zu lassen entwickelt sich zwischen Richard und Lucia eine Liebesgeschichte, von der beide nicht mehr gedacht hatten, sie zu Lebzeiten zu erleben.

 

„Ein unvergänglicher Sommer“ ist ein politischer Roman mit vielen spirituellen Notizen, ein Roman mit drei unterschiedlichen Fluchtgeschichten und ein Buch voller Hoffnung auf  Erlösung von einer als schrecklich erlebten Vergangenheit, auf neuen Anfang und neue Liebe auch im späten Alter.

 

Das Buch passt mit seiner Fluchtthematik in unsere Zeit und erzählt wie immer bei Allende von starken Frauen.

 

Die im eisigen Schnee spielende Gegenwartshandlung lässt den Titel lange unverständlich erscheinen, bis er am Ende einen tiefen lyrischen Sinn erhält.

 

 

 

 

 

 

Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall

 

 

 

 

 

 

 

Donna Leon, Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07019-4

 

Dieser neue, der mittlerweile 27. Roman von Donna Leon mit ihrem Commissario Guido Brunetti aus Venedig hat mir im Gegensatz zu den letzten Romanen wieder richtig gut gefallen. Zwar muss man sich nach wie vor mit einer zunächst langsam sich abzeichnenden Handlung arrangieren und einem Stil, der recht wenig mit anderen Krimis zu tun hat. Leons Romane entwickeln sich in den letzten Jahren zunehmend zu mehr oder weniger resignierten Beschreibungen des bewusst in Kauf genommenen Verfalls einer alten und ehrwürdigen Stadt, die jedes Jahr über 1000 alteingesessene Einwohner verliert und der die Millionen Touristen, insbesondere die, die von den Kreuzfahrtschiffen angelandet werden, den Rest geben. Leon lässt ihren Commissario immer deutlicher darüber reflektieren.

 

Im vorliegenden Buch spricht eines Tages eine alte Bekannte von Brunettis Ehefrau Paolo in der Questura vor. Eine Architekturprofessorin macht sich Sorgen um ihren heranwachsenden Sohn, von dem sie vermutet, dass er Drogen konsumiert. Brunetti wird aus ihren Schilderungen nicht recht klug, zumal sie sich bei seinen Nachfragen nach einem Dealer sehr seltsam verhält.

Kurze Zeit später ruft man Brunetti mitten in der Nacht zu einem Tatort. Ein schwer verletzter Mann liegt neben einer Brücke. Es ist völlig unklar, ob es ein Unfall war oder ob der Mann, der sich als der Ehemann der Professorin, die ihn in der Questura aufsuchte, herausstellt, einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

 

Hat er sich etwa mit dem Dealer seines Sohnes getroffen und die Sache ist aus dem Ruder gelaufen?  Brunetti hat keine konkreten Anhaltspunkte. Er findet keine wirklichen Fakten, geschweige denn einen Täter. In der Questura steht die sonst so korrekte Signorina Elletra unter dem Verdacht , der Ausgangspunkt eines Informationslecks zu sein, was Brunetti extrem irritiert. Dafür ist sein Chef Patta dieses Mal sehr kooperativ und unterstützend.

 

Der Roman war für mich eine unterhaltsame Lektüre. Ich lese Leons Bücher auch schon lange nicht mehr als Krimis, sondern als Milieustudien einer verfallenden Stadt und als Charakterstudien von interessanten Menschen.

 

 

 

 

Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können

 

Thomas Vogel, Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können, Oekom 2018, ISBN 978-3-962380-65-6

 

Mäßigung war schon für die alten griechischen Philosophen und später auch bei den christlichen Theologen der Frühzeit eine unverzichtbare Tugend, die es zu befolgen galt, wollte der Mensch ein  zufriedenes und glückliches Leben führen.

 

Mittlerweile leben wir in einer Welt, in der schon das Wort allein als Spaßbremse verstanden wird. Eine Welt, die es seit langer Zeit vergessen hat, sich zu mäßigen und die so in immer schnellerem Tempo in den ökologischen Ruin gerät.

 

Thomas Vogel, Pädagogikprofessor in Heidelberg, will, sich auf die alten griechischen Philosophen berufend, jene Tugend wiederbeleben und schlägt ein paar Synonyme vor, etwa Gelassenheit und Besonnenheit. Doch Mäßigung, so sagt er, im wörtlichen Sinne muss dazu kommen, denn sonst sind wir in unseren postindustriellen Gesellschaften nicht mehr zu retten.

 

Die Frage, die in der letzten Zeit viel diskutiert wird in den Medien ist, warum es dem Menschen in den Industrieländern nicht gelingt, sich zu  beschränken. Kann der Einzelne zum Erhalt diese Welt wirklich etwas beitragen ?

 

Vogel beruft sich auf die antiken Stoiker, aber auch auf Sokrates und vor allem Platon mit der Lehre von den vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Mut und eben die Mäßigung.

 

Jeder, so Vogel in seinem Buch, das eine Vorlesungsreihe in Heidelberg wiedergibt, muss stets neu für sich herausfinden, was Maß und Mitte für ihn bedeuten. Für Vogel jedenfalls bilden sie allein das Fundament für das Glück.

 

Ein Buch mit zahlreichen Anregungen und Vorschlägen, das zum Nachdenken über die eigene Lebenspraxis anregt. Umso erstaunlicher, dass mit keinem Wort auf die modernen Zeitfresser der Smartphones et.al. eingegangen wird.

Den Himmel finden

 

 

 

Erri de Luca, Den Himmel finden, List 2018, ISBN 978-3-471-35171-0

 

Ein namenloser Erzähler ist die Hauptperson von Erri de Lucas neuem Roman „Den Himmel finden“. Er lebt in einem kleinen Bergdorf in Italien, arbeitet als Bildhauer und Restaurator und verdingt sich auch als Bergführer.

 

Eines Tages übernimmt er mit zwei anderen Dorfbewohnern den Auftrag, Flüchtlinge die ins Dorf gekommen waren, gegen Bezahlung über den gefährlichen Weg über die Berge und die Staatsgrenze in Sicherheit zu bringen. Im Gegensatz zu seinen Kameraden, gibt er den Flüchtlingen nach Erreichen des Ziels ihr Geld zurück.

 

Als dieses Verhalten nach ihrer Rückkehr bekannt wird, kommt es zu einer größeren Auseinandersetzung im Dorf über sein Verhalten und das seiner Kollegen, die den einzelgängerischen Erzähler zwingt, das Dorf zu verlassen. Er zieht an einen Ort am Meer. Dort findet er nach langer Suche eine Arbeit. Er soll eine Marmorstatue des Gekreuzigten in Lebensgröße von dem nachträglich angebrachten Lendenschurz „entkleiden“, sodass das männliche Glied, das der Erzähler durchgängig als „Natur“ bezeichnet, wieder zum Vorschein kommt.

 

Er selbst ist nicht gläubig, nimmt aber seinen Auftrag sehr ernst. Und so holt er bei einem Bischof Rat ein, spricht mit einem Rabbiner und lässt sich von einem muslimischen Arbeiter in dessen Religion einführen. Auch im Archäologischen Museum in Neapel lässt er sich beraten. Er lässt sich sogar selbst beschneiden, um sich in den Gekreuzigten, der ja auch beschnitten war, besser einfühlen zu können.

Es ist ein kurzer Roman, der eine Reihe ethischer Aussagen enthält, aber dennoch nicht zu einem theologischen Roman wird, obwohl dem Erzähler, der vorher sich wenig mit dem Glauben befasste, im Laufe seiner Arbeit an der Christusstatue immer mehr vom essentiellen, urchristlichen Gehalt des Glaubens an den Gekreuzigten deutlich wird.

 

Man hat Erri de Luca (68), der als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Italiens gilt, dort oft vorgeworfen, er schreibe theologischen Kitsch.

Ich habe schon etliche seiner Bücher gelesen und war als Theologe und Christ immer von ihrem theologischen Tiefgang und ihrer menschlichen Ernsthaftigkeit beeindruckt.

 

Der Sprengmeister

 

Henning Mankell, Der Sprengmeister, Zsolnay 2018, ISBN 978-3-552-05901-6

 

Im Jahr 1973, Henning Mankell war gerade 21 Jahre alt, wurde in Schweden der erste kleine Roman des später so bekannten Henning Mankell veröffentlicht. Schon in dieser Geschichte über den Sprengmeister Oskar Johansson und sein hartes Arbeiterleben ist Mankells zentrales Thema die fehlende soziale Gerechtigkeit, ein Thema, das ihn in vielen Schattierungen begleiten sollte bis zu seinen letzten Büchern und auch in seinen Wallander-Romanen immer eine wichtige Rolle spielte.

 

Oskar Johansson verliert an einem Samstagnachmittag des Jahres 1911 bei einer Tunnelsprengung nicht nur alle seine blonden Haare und sein linkes Auge, sondern ein Splitter schneidet die rechte Hand direkt am Handgelenk ab. Ein weiterer dringt ihm in den Unterleib und verletzt sein Glied schwer.

 

Nachdem er schon in ganz jungen Jahren sich einem Sprengtrupp angeschlossen und es schließlich bis zum Sprengmeister gebracht hatte, liegt er nun monatelang im Krankenhaus. Seine Freundin Elly besucht ihn zwar tapfer, findet aber bald einen anderen Mann, den sie heiraten wird.

 

Wieder genesen, kann Oskar bei seinem alten Sprengtrupp wieder arbeiten. Er bleibt dort Sprenger, bis er in den fünfziger Jahren in Rente geht. Mit der Schwester Ellys, Elvira, die er bald kennenlernt, ohne erst zu wissen wer sie ist, hat er drei Kinder und eine unverbrüchliche gemeinsame politische Haltung. Als sie irgendwann mit der politischen Richtung der Sozialdemokraten nicht mehr einverstanden sind, treten sie beide aus und schließe sich einer kleineren linken Partei an, deren Name aber nicht genannt wird.

 

Ein „Erzähler“, der Oskar nach seiner Rente oft in seiner kleinen Sauna auf einer der vielen Schären besucht und mit ihm  fischen geht, hat über die Jahre, die er Oskar kennt, immer wieder Mühe, etwas aus ihm herauszubekommen über sein Leben und seine Gedanken:

„Die Informationen, die Oskar darüber gewährt, sind karg und dürftig. Der Erzähler muss die Fragmente zu einem schmutzgrauen Ganzen zusammenfügen. Auskünfte gibt Oskar lediglich als Zugabe, wenn er über andere Dinge spricht.“

 

Der Erzähler sammelt aber so viel, dass es für einen bewegenden Lebensbericht eines Mannes reicht, der sein Leben lang Arbeiter war, wie seine Vorfahren. Ein Mann, der mit Frau und drei Kindern ein bescheidenes Leben führt, weil sonst der Lohn nicht reicht. Ein Mann, der nicht aufgibt nach einem schrecklichen Unfall, der zurückkehrt und zusammen mit seiner Frau politisch aktiv wird. Auf seine zurückhaltende Weise glaubt er an die Revolution. Als sein Wohnblock abgerissen wird und seine Frau gestorben ist, kauft er auf einer Schäre ein Saunahäuschen, wo er im Sommer leben kann. Dort finden auch die zahllosen Begegnungen mit dem Erzähler statt, dessen Interesse an diesem Mann und seinem Leben wohl identisch ist mit dem des jungen Mankell.

 

Der schreibt in einem Nachwort zur 1993 in Schweden erfolgten Wiederauflage des Buches: „Während ich das Buch nach all den Jahren nun aufs Neue lese, stelle ich fest, dass das Vierteljahrhundert eigentlich gar nicht so lang war. Was in diesem Buch steht, gilt auch weiterhin unverändert.“

 

So wie in all seinen späteren Büchern gibt schon der junge Mankell den Benachteiligten und Vergessenen eine unverwechselbare, eindrucksvolle Stimme.

 

Es wurde wirklich Zeit, dass dem deutschsprachigen Publikum dieses Romandebüt nun zugänglich gemacht wurde.

 

 

 

Der Gott jenes Sommers (Hörbuch)

 

 

 

Ralf Rothmann, Der Gott jenes Sommers (Hörbuch), Hörbuch Hamburg 2018, ISBN 978-3-95713-129-4

 

Nach der Lektüre des mittlerweile in 25 Sprachen übersetzten  hervorragenden Romans „Im Frühling sterben“ aus dem Jahr 2015, der die dramatische und bewegende Geschichte zweier fast noch jugendlicher deutscher Soldaten erzählte, war meine Erwartung an den neuen Roman Ralf Rothmanns hoch, sehr hoch. Doch wie so viele andere Leser im Netz bleibe ich nach der Lektüre dieses 252 – seitigen Romans eher ratlos und skeptisch zurück. Der Roman fällt hinter die literarische Qualität seines Vorgängers und auch vieler anderer Romane von Rothmann zurück.

In „Der Gott des Sommers“ beschreibt Rothmann, der seine Stimme der zwölfjährigen Luisa Norff leiht, ein Dorf in Schleswig-Holstein in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. So wie in diesem Dorf, in das Luisa zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aus dem ausgebombten Kiel auf das Gut ihres Verwandten und hochrangigen SS- Offiziers Vinzent geflohen ist, mag es damals in vielen deutschen  Ortschaften zugegangen  sein. Ein Alltagsleben voller Verblendung und Denunziation, zunehmende Verzweiflung und Zweifel machen sich breit. Jeder versucht seine eigene Haut zu retten, angesichts näher rückender Alliierter und immer mehr Flüchtlingen aus dem Osten, die im Ort hängen geblieben sind.

 

Vinzent ist mit Luisas sehr viel älterer Halbschwester Gudrun aus der ersten Ehe der Mutter verheiratet und kommt nur sporadisch mit Unmengen von Essen und  anderen kriegsknappen Dingen nach Hause. Verwaltet wird das Gut von dem Ehepaar Thamling, das dafür sorgt, dass der übliche Betrieb aufrechterhalten wird.

 

Es scheint also, als ob Luisa dort die letzten Kriegsmonate gut überleben könnte. Doch sie sieht das brennende Kiel aus ihrem Fenster und begegnet bei verbotenen Besuchen des nahen Waldes ausgehungerten Kriegsgefangenen, die dort in Baracken wie Sklaven als Torfstecher gehalten werden. Ein Massengrab wird man nach dem Krieg dort finden.

 

Immer mehr Flüchtlinge müssen in Ställen und Nebengebäuden des Gutes untergebracht werden, während sich Luisa vor all dem, was sie an Schrecklichem beobachtet, vor all den Fragen, die sich ihr stellen und auf sie keine Antwort erhält oder findet, in ihre Bücher flüchtet.

 

Rothmann besticht nach wie vor durch einen beeindruckenden Stil und eine wirklich schöne Sprache. Dennoch kann man sich bei fortschreitender Lektüre als Leser, der schon viele Romane aus dieser Zeit und mit diesen Themen gelesen hat (zuletzt Rothmanns letzten aus dem Jahr 2015) des Eindrucks nicht erwehren, dass Rothmann sowohl in der Handlung als auch bei seinen Charakteren allzu viele Klischees einsetzt.

 

Ein interessantes Element des Buches ist hingegen der fiktive, von Rothmann kapitelweise eingestreute Bericht des Schreibers Bredelin Merxheim in barockem Deutsch über die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Der Schreiber, der an Grimmelshausen und Gryphius(ein Gedicht von ihm steht dem Buch als Motto vor) erinnert, lässt inmitten der Kriegswirren eine Kapelle bauen, um seinen nach Brandschatzung, Raub, Mord und Vergewaltigung verlorenen Mitmenschen in Gott wieder einen Halt zu geben. Über diese Botschaft Rothmanns habe ich lange nachgedacht und würde gerne mal mit ihm darüber sprechen.

 

Auch Luisa Norff will nach Ende der Schreckensjahre im Kloster Halt finden und Nonne werden: an ihrem 13. Geburtstag ist das junge Mädchen überzeugt, nach dem Mord am britischen Piloten,den sie gesehen hat, nach der erlebten Hinrichtung des Schwagers, dem Selbstmord des Vaters, dem Verschwinden der Schwester und ihrer Vergewaltigung durch den eigenen Schwager das weltliche Dasein bereits in allen Facetten gelebt und erlebt zu haben: „Ich hab alles erlebt!“, sagt sie am Ende eines Buches voller Humanität jenseits religiöser Dogmatik.

Christoph Schröder hat Ralf Rothmann einen Schriftsteller genannt, „den nicht die Reflexion, sondern das bloße Erzählen und die Evokation starker, aussagekräftiger Bilder antreibt.“

 

Dass das auch stellenweise eine Schwäche sein kann, zeigt sein neuer Roman.

 

Der von Wiebke Puls hier eingespielten ungekürzten Hörbuchfassung, bei der sie Shenja Lacher unterstützt hat, gelingt es mit viel Empathie, diese Schwächen gar nicht spürbar werden zu lassen. Sie präsentiert Rothmanns erschütternden Roman über das Klima von Verblendung und Denunziation in einem schleswig-holsteinischen Dorf in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs auf eine beeindruckende und berührende Weise.

Steht auf ! Frauen im Markusevangelium als Provokation für heute

 

 

Johannes Eckert, Steht auf. Frauen im Markusevangelium als Provokation für heute, Herder 2018, ISBN 978-3-451-38153-9

 

Schon lange mag er bei seiner Bibellektüre über sie nachgedacht haben. Jene Frauen im Markusevangelium, dem ältesten Evangelium im Neuen Testament. Der 1969 geborene Johannes Eckert, seit 2003 junger Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs hat seine Gedanken dazu nun in einem kleinen Buch zusammengefasst. In diesem Buch mit dem Titel „Steht auf!“ geht er den Geschichten dieser namenlosen Frauen nach und entdeckt dabei provozierende Botschaften für uns und für die Kirche heute.

 

Diese sechs Frauen, alle ohne Namen, die da im Markusevangelium zu Wort kommen bzw. beschrieben werden, waren schon damals eine Provokation. Sie ergreifen das Wort, korrigieren Jesus, ihren Meister und vor allen Dingen vertrauten und glaubten sie ihm und Gott bedingungslos.

 

Auf seiner biblischen Spurensuche durch das älteste Evangelium entdeckt Johanes Eckert provozierende Botschaften für uns als Gläubige und für die katholische Kirche.

 

Schwierige und umstrittene Themen werden aufgegriffen wie Kirchensteuer, Zölibat und die Frage, warum nicht auch Frauen Ämter wie Priester und Kardinal in der Kirche ausüben können.
 

Es ist faszinierend zu lesen, wie Eckert aus den Geschichten und Worten jener namenlosen Frauen wirklich weiterführenden Gedanken für die Gegenwart formuliert, provokativ und ehrlich:

 

Und wieder frage ich mich, warum Eugen Drewermann mit seiner Theologie noch immer ausgeschlossen ist.

 

 

Handballhelden

 

Erik Eggers, Handballhelden, Verlag Die Werkstatt 2018, ISBN 978-3-7307-0419-6

 

Es ist nicht die erste Publikation, mit der der handballbegeisterte Autor Erik Eggers seine Leidenschaft für den Handball in Deutschland dokumentiert.

 

Im vorliegenden Band aus dem Verlag Die Werkstatt hat er „Handballhelden“ wie er sie nennt in Wort und Bild porträtiert. Dabei geht es nicht nur um berühmte und erfolgreiche deutsche Handballer der Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch um eine Auswahl von ausländischen Spielern, die seit langem in deutschen Vereinen spielen und durch ihre Leistung die Handballbundesliga bereichern.

Sie alle und noch viele weitere Handballhelden porträtiert Erik Eggers in diesem reichhaltig illustrierten Buch. Ein Muss für alle Handballfans.

 

Erik Eggers hat dem Buch einen interessanten aber irgendwie logischen Aufbau gegeben, indem er die Spieler (und auch Trainer) nach ihrer jeweiligen  Position ordnet. Da geht es um:

  • Trainerfüchse
  • Verrückte im Tor
  • Strategen auf dem Feld
  • Einzelkämpfer am Kreis
  • Shooter auf der Königsposition
  • Trickser auf dem Flügel
  • Wucht mit Links
  • Türme in der Schlacht

Ein tolles Buch für jeden Handballfreund, deren Zahl in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten erfreulich zugenommen hat.