Das Feld

 

 

 

 

 

Robert Seethaler, Das Feld, Hanser Berlin 2018, ISBN 978-3-446-26038-2

 

Bei zahllosen Besuchen der Gräber meiner Verwandten auf unserem Friedhof in den letzten Jahren und bei unzähligen Beerdigungen, die ich als Pfarrer leitete, in den letzten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts habe mich oft gefragt, was wohl all die Toten um mich herum erzählen würden, wenn sie auf ihr Leben nach einiger Distanz von wo auch immer zurückblicken könnten.

 

Zu Beginn des neuen kleinen Romans von Robert Seethaler, der gleich nach seinem Erscheinen die Bestsellerlisten anführt, sitzt ein alter Mann auf seiner Bank auf dem Friedhof des erdachten Städtchens Paulstadt. Immer sitzt er da und hat sehr oft den Eindruck, die Toten würden ihm ihre Geschichten einflüstern.

 

Und Robert Seethaler lässt sie erzählen. Oft sind es nur wenige Sätze, manchmal bedrückende Lebensgeschichten. Da ist der depressive Pfarrer, der eines Tages die Kirche anzündet und dabei umkommt. Viele andere Tote nehmen in ihren Berichten auf dieses unglaubliche Geschehen Bezug, von dem ganz Paulstadt noch sehr lange spricht.

Da ist die Frau, die 67 Männer hatte, aber nur einen wirklich liebte. Die Frau, die an ihren dicken Mann denkt, mit dem sie viel Spaß hatte, auch im Bett und die einfach glücklich war mit ihm.

 

Die vielen kleinen Porträts verweben sich mit der Zeit miteinander und deutlich wird so etwas wie eine kleine Sozialgeschichte einer kleinen Stadt mit all ihren Geheimnissen und kleinen und großen Geschichten. Egal, was die Toten über ihr Leben zu sagen haben: Robert Seethaler konfrontiert mit ihren Erzählungen den Leser mit existentiellen Fragen: Was macht eigentlich ein Leben aus? Was macht mein Leben aus? Wann kann man am Ende des Lebens sagen, man habe gut gelebt? Gibt es überhaupt so etwas wie ein gutes Leben, wenn es doch früher oder später mit dem Tod endet, ein Tod, der in vielen Geschichten quälend gekommen ist und für nicht wenige eine Erlösung war.

 

Robert Seethalers Buch, in dem 29 Tote auf ihr Leben zurückblicken, übt je länger je mehr einen regelrechten Sog aus auf den Leser, weil er sie so lebendig schildern lässt, was ihr Leben ausmachte. Sehr tröstlich ist, dass die meisten Erzähler ihren Tod relativ gelassen nehmen.

Einer drückt das so aus:

„Im Grunde genommen verstehe ich ja nichts von der Liebe, und vom Leben weiß ich nur, dass man es zu leben hat. Aber immerhin habe ich jetzt vom Sterben eine Ahnung: Es beendet die Sehnsucht, und wenn man stillhält, tut es gar nicht weh.“

 

Ein dichter, poetischer und philosophischer Roman, der die literarische Qualität seines Vorgängers bestätigt.

 

 

 

Kleine Feuer überall

 

 

Celeste Ng, Kleine Feuer überall, DTV 2018, ISBN 978-3-423-28156-0

 

Celeste Ngs neuer Roman „Kleine Feuer überall“ spielt in den Jahren 1997 und 1998 in einem Vorort von Cleveland in Ohio namens Shaker Heights. Vor Jahrzehnten gegründet, hat sich der Anfangsmythos der ersten Bewohner der Siedlung bis in die neunziger Jahre gehalten. Hier leben anständige gutbürgerliche Familien nach klaren Regeln des Zusammenlebens, an die sich nach wie vor alle halten, sei es die Länge des Rasens oder der Anstrich der Häuser.

 

Hier in diesem relativ wohlhabenden Vorort einer eher tristen Industriestadt lebt auch Elena Richardson mit ihrer Familie. Ihr Mann ist erfolgreicher Partner einer Anwaltskanzlei, sie selbst hätte als Journalistin auch eine große Karriere machen können, hat ich aber nach der Geburt der Kinder entschlossen, nur für die Lokalzeitung Kolumnen zu schreiben. Aus ihrer Ausbildungszeit hat sie noch viele Kontakte zu Berufskollegen, die sie später im Laufe einer sehr spannenden Handlung nutzen wird. Mit ihren vier Kindern Lexie, Trip, Moody und Izzy ist die Familie schon lange ein fester Bestandteil einer Gesellschaft, in der das Aufregendste der Klatsch über Nicht-Angepasste ist.

 

Das Buch beginnt mit einem Brand. In jedem der Schlafzimmer des Hauses hat jemand Feuer gelegt. Fassungslos steht Elena Richardson vor ihrem Haus. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Erfahrung gemacht, »dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer«. Deshalb passte sie so gut nach Shaker Heights. Celeste Ng lässt von Anfang an keinen Zweifel, dass es die jüngste Tochter der Richardsons war, die nach vielen „kleine Feuern überall“, wie sie später den Leser aufklärt, schlussendlich ein großes Feuer alles niederbrennen lässt. Aber warum hat Isabel, genannt Izzy, das getan, sie, die  zum Ärger ihrer nach außen hin perfekten und wohltätigen Mutter Elena nicht nur eigenständige Gedanken hat, sondern diese auch immer wieder unverblümt ausspricht.

 

Die nach außen hin so perfekte Fassade der Richardsons beginnt langsam und im Verlauf der Handlung dann immer mehr zu bröckeln, als Elena ein Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hat, an die alleinerziehende Künstlerin und Lebenskünstlerin Mia und deren Tochter Pearl vermietet.

Mia ist eine selbstbewusste Frau, deren Lebensgeschichte im Verlauf des Buches langsam deutlich wird. Nachdem sie zusammen mit ihrer Tochter Pearl (auch deren Geschichte wird langsam immer offensichtlicher)  jahrelang von einem Ort zum anderen gezogen ist,  hat sie ihrer Tochter nun aber versprochen, in Shaker Heights seßhaft zu werden. Alles scheint so weit in Ordnung. Pearl freundet sich mit einer Tochter von Elena an und verbringt schon bald jeden Nachmittag bei den Richardsons. Mia sieht das eher ungern, duldet es aber. Was diese selbstbewusste Individualistin aber nicht duldet, ist das Verhalten einer guten Freundin von Elena, die das Kind einer Arbeitskollegin von Mia adoptieren und es so seiner Mutter wegnehmen will. Die Heftigkeit des Engagements  Mias weckt schon früh im Leser den Verdacht, dass es hier biographische Hintergründe geben könnte.

 

Elena beschließt, ihrer Freundin zu helfen, indem sie beginnt in der  Vergangenheit  Mias herumzuschnüffeln, um eine Waffe gegen sie in der Hand zu haben. Und schon bald gibt es viele „kleine Feuer überall“.

Jeder einzelne Romancharakter ist von Celeste Ng genau ausgemalt und beschrieben mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit ausgestattet. Insbesondere Elena verändert ihr zunächst durchaus sympathisches Wesen in eine Frau, die andere manipuliert und verleumdet.

 

Im Hintergrund thematisiert Celeste Ng das Thema des Verhältnisses von Müttern zu ihren Kindern und ob sie in jedem Fall, auch wenn sie einmal in einer persönlichen Notlage anders entschieden haben, ein Recht auf ihr Kind haben.

 

Durch den permanenten Wechsel der Erzählperspektive erzeugt sie nicht nur eine für einen normalen Roman sehr große Spannung, die sie bis zum Ende, das ja eigentlich vom Beginn schon bekannt ist, aufrechterhält, sondern sie schenkt allen Figuren eine unverwechselbare Persönlichkeit.

 

„Kleine Feuer überall“ ist ein faszinierender und großer Roman, das faszinierende Psychogramm zweier Vorstadtfamilien. Ein mit Herzblut geschriebenes Buch, das viele große Fragen aufwirft, gewidmet all jenen „die eigene Wege gehen und überall kleine Feuer legen.“

 

 

 

Der Weg des Menschen

 

 

Martin Buber, Der Weg des Menschen, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08549-4

 

In  ‚Der Weg des Menschen‘, der auf einen Vortrag aus dem Jahre 1947 zurückgeht, beschreibt Martin Buber, was in seiner Sicht für das Leben der ostjüdischen Chassidim wesentlich war und was für Bubers Werk entscheidend wurde. Dieses Buch ist ein idealer Einstieg in Bubers Werke und zugleich ein Anstoß zur Selbstbesinnung. Die  bisher unveröffentlichten Aquarelle von Andreas Felger vervollkommnen einen harmonischen Dialog zwischen Kunst und Literatur.

 

Eine Einführung zu Bubers Leben und Werk erleichtert den Zugang für den, der Buber noch nicht kennt und die Absicht hat, den Grundfragen menschlicher Existenz nachzusinnen.

Martin Buber hat hier aus seinem großen Sammelwerk von den Erzählungen der Chassidim einige wenige und besonders kostbare ausgewählt, um sie im Blick auf den menschlichen Lebensweg zu meditieren. Ein kostbares Buch, das zum Verstehen einlädt, und im Verstandenen tief nachwirkt.

Dieses Buch lässt in seiner Kürze und Dichte die meisten Ratgeber und Glücksbücher verblassen.  Hier wird wirkliches Lebenswasser angeboten, aus der biblischen Quelle.

Bretonische Geheimnisse. Kommissar Dupins siebter Fall

 

 

Jean-Luc Bannalec, Bretonische Geheimnisse. Kommissar Dupins siebter Fall, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 9878-3-462-05201-5

 

Eine neue literarische Stimme macht sich seit einigen Jahren erfolgreich auf dem hart umkämpften deutschen Krimimarkt bemerkbar. Während viele Jahre lang erfolgreiche Serien wie etwa Donna Leons Romane um den Commissario Brunetti aus Venedig schon seit langem an Langeweile und immer mehr von dem Gleichen nicht zu überbieten sind, hat der in Deutschland und in Frankreich lebende Autor unter dem Pseudonym Jean Luc Bannalec mit seinen bisher schon sechs Romanen um seinen im Finstere lebenden Kommissar Dupin auch bei der etablierten Literaturkritik erhebliche Beachtung gefunden.

 

Schon in allen bisherigen Romanen hat Bannalec, vor allem vermittelt durch Dupins Kollegen Riwal eine Menge bretonischer Geschichte und Mythen eingewoben. Doch in seinem neuen Werk geht es fast ausschließlich darum. Für Leser, die sich vor allem für die Artuslegende interessieren, ist das toll, für andere möglicherweise stellenweise etwas langweilig und langatmig.

 

Der Wald von Brocéliande mit seinen malerischen Seen und Schlössern ist das letzte verbliebene Feenreich – glaubt man den Bretonen. Unzählige Legenden aus mehreren Jahrtausenden sind hier verortet. Auch die von König Artus und seiner Tafelrunde. Welche Gegend wäre geeigneter für den längst überfälligen Betriebsausflug von Kommissar Dupin und seinem Team in diesen bretonischen Spätsommertagen, zumal sich mit Riwal ein absolut kundiger Kollege anbietet mit detaillierten Informationen und Führungen.

Als Dupin zu Beginn des mehrtätigen Betriebsausflug noch mit einem berühmten Artus-Forscher in einer anderen Angelegenheit en Gespräch führen will, findet er diesen ermordet vor. Schnell ist Dupin von Paris aus zum nationalen Sonderermittler ernannt mit allen Befugnissen und macht sich mit seinem Team auf die Suche nach dem Täter. Wichtig ist dabei eine Gruppe von an diesem Ort versammelten Wissenschaftlern mit zunächst undurchschaubaren Beziehungen untereinander, die, so findet Dupin bald heraus, von Konkurrenz und Stellenneid geprägt sind.

 

Aus dieser Gruppe sind bald weitere Opfer zu beklagen. Und Dupin dämmert de Erkenntnis, dass jeder aus dieser Gruppe sowohl das nächste Opfer als auch der nächste Täter sein kann.

 

Unter dem zeitlichen Druck seiner Partnerin Claire, die nach dem Ausflug die neue gemeinsame Wohnung einrichten will, ermittelt Dupin mit seinen Kollegen fieberhaft. Dabei wächst Nolwenn wieder einmal über sich hinaus, indem sie wie ein menschlicher Computer alle Infos bündelt und die ganze, dieses Mal außerordentlich gefährliche Ermittlung koordiniert.

 

Als zwischenzeitlich Kadeg und Riwal spurlos verschwunden sind, scheint sich ein Fiasko anzubahnen. Mit sehr gelungenem Spannungsbogen und psychologischer Raffinesse bei der Beschreibung der Beziehungen innerhalb der mysteriösen Wissenschaftlergruppe gelingt es Bannalec, den Leser in dem, wie ich finde, bisher besten seiner Bücher, den Leser bis zur letzten Seite zu fesseln  und ihn gleichzeitig mit einer Menge an interessanten historischen Informationen zu füttern.

 

Ein hervorragender Kriminalroman mit tiefen Einblicken in die Abgründe des Wissenschaftsbetriebs und die bretonische Mythologie.

 

 

Glaubenssätze. Ein kritischer Katechismus

 

 

Gerd Theißen, Glaubenssätze. Ein  kritischer Katechismus, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08550-0

 

Als Neutestamentler hat Gerd Theißen als Vertreter eine sozialgeschichtliche Auslegung des Neuen Testamentes unter anderem eine neue Theorie des Urchristentums entwickelt. In den letzten Jahren vor und nach seiner Emeritierung ist er auch mit Veröffentlichungen  seiner Predigten in Erscheinung getreten. Unvergessen und nach wie vor empfehlenswert ist sein Jesusbuch „Im Schatten des Galiläers“, in dem er in erzählender Romanform seine Forschungsergebnisse zum frühen Christentum und zur frühen Jesusbewegung für jeden verständlich und spannend umsetzte.

 

Nun legt er in der Tradition des Heidelberger Katechismus, dessen Verfasser Zacharias Ursinus er das Buch widmet, einen kritischen Katechismus vor, der in einer glaubensarmen Zeit, in der völlig zu Recht so etwas beklagt wird wie einen Traditionsabbruch, einer Zeit, in der auch regelmäßige Kirchgänger nicht mehr selbstbewusst und mit Wissen über ihren Glauben sprechen können auf eine verständliche Weise dazu beitragen könnte,  den christlichen Glauben mit den gegenwärtigen Fragen der Menschen wieder in einen fruchtbaren Kontakt zu bringen.

 

Es sind meditative Texte, die sich in Sinnzeilen gegliedert lesen sich wie Gedichte. Sie sind teilweise von Bildern bestimmt, von Reflexion, manchmal auch von Information oder auch Kritik. Ihre Poesie mag erinnern an die Poesie der Bibel, deren Sprache Tiefendimensionen religiöser Erfahrung erschließen kann und deren Sprachkraft einfach gewaltig ist.

 

Im Vorwort notiert er seinen Hintergrund:

„In möglichst knappen Aussagen habe ich für mich niedergeschrieben, was mir am christlichen Glauben wichtig ist, Übereinstimmung mit mir hat Vorrang vor der Übereinstimmung mit Dogmen und Kirchen. Doch ein Protestant steht mit solch einer Überzeugung nicht am Rande seiner Kirche, sondern mitten in ihr. Der Protestantismus ist eine Religion der Freiheit und Vernunft. Diese Glaubenslehre ist daher trotz ihres persönlichen  Charakters konsensorientiert: Sie knüpft an die Tradition an und gibt ihr nicht vorschnellen Abschied. Auch Trinität, Zwei-Naturen-Lehre und Sühnetod Jesu werden als sinnvolle Bilder gedeutet. Konsens kann man ferner nur formulieren, wenn man nicht nur die eigene Glaubensgemeinschaft im Blick hat, sondern auch andere Konfessionen und Religionen, vor allem aber die vielen Menschen, die fern von jeder Religion  leben. Dieses Buch wirbt um Verstehen und Respekt für den Glauben auch dort, wo er keine Zustimmung erfährt.“

 

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt

 

  • Meditationen über Gott
  • Meditationen über Jesus
  • Meditationen über den Geist

 

Insgesamt 235 hat er sich gestellt und versucht sie zu beantworten. Um den Lesern dieser Rezension und möglichen Interessenten an diesem wirklich außergewöhnlichen Buch für Christen und Nichtchristen einen Eindruck zu vermitteln, zitiere ich nachstehend die Frage 43 und ihre Antwort:

 

„Wie kommen wir mit Gott in Kontakt?

 

Gott berührt unser Herz,

wenn wir darüber staunen,

dass überhaupt etwas ist und nicht nichts.

Dann sind wir unmittelbar verbunden mit der Macht,

die alles aus Nichts schafft

und in Nichts versinken lässt.

Auch für uns gilt:

Vor unserer Geburt

waren wir nicht,

und nach unserem Tod

werden wir nicht mehr sein.

 

Zwischen Geburt und Grab

ist die Gegenwart

wie die Momentaufnahme in einem Film,

der in beide Richtungen ins Nichts versinkt.

Die Vergangenheit ist nicht mehr,

die Zukunft noch nicht,

die Gegenwart ein Übergang

aus einem Nichts

in ein anderes Nichts.

Die Macht,

die aus  Nichts das Sein schafft,

umgibt uns jeden Augenblick.

 

Wir erleben sie als Wunder,

wenn uns das Leben neu geschenkt wird

nach einer guten Diagnose

gegen schlimme Befürchtungen.

Wir erleben sie,

wenn uns ein Mensch sagt:

Es ist wunderbar,

dass es Dich gibt.

 

In diesem Geheimnis von Sein und Nichts

begegnet uns Gott.

Durch ihn sind wir mit allen Dingen verbunden

Durch ihn haben wir Freiheit,

die uns über alle Dinge hinaushebt.“

 

Dieser kritische Katechismus ist eine sprachlich, theologisch und philosophisch gelungene, stellenweise poetische Weise, heute vom christlichen Glauben zu sprechen. In einer Zeit, in der selbst Kirchgängern das grundlegende Wissen über ihre eigenen Glaubenstraditionen fehlt, ist es eine einladende Form der Selbstvergewisserung nach innen und nach außen.

 

 

 

 

 

Das Buch der seltsamen neuen Dinge

 

 

 

Michel Faber, Das Buch der seltsamen neuen Dinge, Kein & Aber 2018, ISBN 978-3-0369-5779-1

 

Der Schriftsteller Michel Faber ist in der gegenwärtigen Literaturszene eine Ausnahmeerscheinung. Während so mancher fast jährlich einen neuen Roman vorlegt, hat Faber sich für dieses Werk, und als solches muss man es bezeichnen, mehr als sechs Jahre Zeit gelassen.

Es ist ein Roman, der davon erzählt, was der Glaube alles aushalten kann, und es schimmert an vielen Stellen die Trauer um seine Frau durch, die während der Entstehung dieses Romans an Krebs erkrankte und starb.

 

Der Rom erzählt die Geschichte des Geistlichen Peter Leigh, der in einer in der Zukunft liegenden Zeit von dem Großkonzern USIC auf einen ferne Planten namens Oasis geschickt wird. Zu seiner großen Überraschung nehmen die dortigen Bewohner die biblischen Geschichten, die Leigh ihnen erzählt, ganz begierig auf. Sie nennen die Bibel „Das Buch der seltsamen Dinge“.

 

In vielen Briefen berichtet er seiner zu Hause gebliebenen Frau Bea von dieser offensichtlich bequemen Mission. Sie dagegen berichtet in ihren Briefen an ihren Mann Peter von einer alten Welt, in der Erdbeben und Flutwellen ganze Staaten vernichten, Lebensmittel zur Mangelware werden und sich Chais allenthalben ausbreitet. Doch für Peter ist das alles sehr weit weg: „Unter den gegebenen Umständen war es schwierig, Gefühle festzuhalten und ihnen einen Namen zu geben. Er konnte sich allenfalls noch einen Reim auf die Geschehnisse auf Oasis machen, aber auch nur, weil er am selben Ort war. Herz und Verstand waren in seinem Körper gefangen, und sein Körper war nun mal hier.“

 

All das erzählt Michel Faber in einer wunderbar leichten Prosa, langsam und intensiv und den Leser auf betörende Weise mitnehmend. Immer wieder geht es ihm um den Glauben, darum, wie er sich zeigt und war er alles zu ertragen weiß. Der Roman kreist beständig um die Themen Erinnern und Vergessen,  Fremdheit und Vertrautheit, um Nähe und Abschied.

Während seine ursprüngliche Welt der Zerstörung anheimfällt, entfernt sich Peter auf Oasis immer weiter. Die Trauer um seine Frau ist auf vielen Seiten zu spüren. Dennoch hat Michel Faber ein Werk geschaffen, in dem man als Leser ganz aufgeht. Es ist ein besonderer Zauber, der sich langsam über die Lektüre legt und bis zum Ende nicht verschwinden wird.

 

 

Von der Provence bis nach Ponicherry. Rezepte aus Frankreich und weiter Ferne

 

 

 

Tessa Kiros, Von der Provence bis nach Ponicherry. Rezepte aus Frankreich und weiter Ferne, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-2141-1

 

Mit diesem außergewöhnlichen Rezeptbuch nimmt Tessa Kiros ihre Leser mit auf eine spannende und ungewöhnliche Reise. Von der Provence ausgehend geht es auf die Reise in die einstigen Kolonien Frankreichs, an exotische Orte wie Guadeloupe, La Réunion, Vietnam und Pondicherry im Süden Indiens. Ausgangspunkt ist die Provence, Endpunkt die Normandie.

 

Auch den Menschen, die nicht gerne exotisch kochen, kann dieses Buch etwas bieten. Denn bevor Tessa Kiros jeweils zu den besonderen Rezepten einer jeden Region, die sie bereist hat, kommt, beschreibt sie diese Region in einem historischen Text, informiert darüber, welche Produkte dort besonders gedeihen und genossen werden und somit auch die speziellen Rezepte dominieren, die sie dann beschreibt und abbildet.

 

Viele schöne Fotografien geben einen guten Eindruck von den verschiedenen Ländern, die sie bereist hat, bevor sie in der Normandie am Ende des Buches ihre kulinarische Reise beendet.

 

 

 

 

F 2: World of Football. Spielen wie die Profis

 

 

 

 

Billy Wingrove, Jeremy Lynch, F 2: World of Football. Spielen wie die Profis, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11269-9

 

Bei der vergangenen Fußballweltmeisterschaft in Russland hat man sie wieder bewundern können, die Fußballtricks und Kunststücke der Stars. Viele Amateur- und Jugendfußballer träumen davon, selbst einmal zu einem solchen Fußballzauberer zu werden.
Die Fußballtricks von Messi, Neymar oder Ronaldo werden weltweit bewundert und viele große und kleine Amateur-Fußballspieler wollen so schießen lernen wie die Fußballstars. Mit dem richtigen Training ist das möglich!

Das jedenfalls behaupten die beiden Autoren des vorliegenden Buches aus dem Delius Klasing Verlag. Die weltweit bekannten Social Media Stars Billy Wingrove und Jeremy Lynch von F2 zeigen, wie es richtig geht. Wenn Sie wie Messi Fußball spielen wollen, dann ist dieses Buch das, was Sie brauchen. Schritt für Schritt erklären Billy und Jez die Tricks, Kunststücke und Schusstechniken der berühmtesten Fußballspieler. Mit diesen Anleitungen können Sie die Torschussübungen nachvollziehen und so selbst aktiv werden:

• Mit Tipps von Fußball Stars wie Gareth Bale, Ronaldinho, Mesut Özil, Pelé & Neymar
• Informationen über die besten Fußballspieler von heute
• Alles über The F2 und ihre Fußball & Social Media Karriere
• App mit Videos, Tricks und Wettbewerben zum kostenlosen Download
• Kreative Spiele, die für Abwechslung sorgen
• Trainingsplan zum Festhalten Ihrer eigenen Entwicklung
• Für alle Fußballfans, Ballkünstler und die, die es noch werden wollen

Ziehen Sie Ihre Fußballschuhe an: einfach das Buch lesen, die App downloaden, üben und selbst zum Fußballstar werden.

Das Gott-Mensch-Projekt. Was Kirche ist und wozu es sie gibt

 

Martin Abraham, Das Gott-Mensch-Projekt. Was Kirche ist und wozu es sie gibt, Neukirchener Verlag 2018, ISBN 978-3-7615-6498-1

 

Der 1970 geborene in Bruchköbel bei Hanau in Hessen als Gemeindepfarrer arbeitende Martin Abraham legt in diesem Buch seine Ergebnisse vor, die sein langes Nachdenken über die seit vielen Jahren sehr aktuelle Frage „Was ist, wenn Kirche frustriert?“ ergeben haben.

 

Seine These: Kirche ist Gottes Neustart mit einer heillosen Welt.  Dabei geht es Abraham anders als in vielen anderen aktuellen Veröffentlichungen zum Thema Kirche nicht um Institutionenkritik oder Kirchensteuer, sondern er setzt ganz grundsätzlich an: Bei dem, wovon Christen leben – beim Evangelium.

Kirche entsteht, so Abraham, wo Menschen Gottes Zuwendung begegnen und sie annehmen.  Doch Gott mit dem eigenen unvollkommenen Leben zu entsprechen – wie kann das aussehen? Welche Lebenspraxis folgt daraus? Wo steht Kirche dabei im Gesellschafts- und Strukturwandel? Unter welchen (Selbst)-Missverständnissen leidet sie? Und: Warum ist sie für den Glauben überhaupt nötig? Das sind nur einige der Fragen, zu denen das Buch wichtige Impulse bietet für Christen, Pfarrerkolleg/innen und in der Kirche Aktive.

Aus dem Inhalt:
Religion – wie wir nach Höherem streben
Glaube – wie wir Gott antworten
Gottesdienst – wo wir neu werden
Vielfalt – wie wir mit Differenzen umgehen

Und Abraham verschweigt nicht, was Kirche alles nicht ist – weder Spezialfall von Religion noch Verein, weder System zur psychosozialen Stabilisierung noch machtfreier Raum.

 

Ein lesenswerter Beitrag zu einer immer wichtiger werdenden Debatte innerhalb der schrumpfenden Volkskirchen.

 

 

Launen der Zeit

 

 

Anne Tyler, Launen der Zeit, Kein & Aber 2018, ISBN 978-3-0369-5775-3

 

In ihrem neuen Roman „Launen der Zeit“, der im Original den Titel „Clock Dance“ trägt, erzählt die berühmte Schriftstellerin Anne Tyler die Lebensgeschichte von Willa Drake, einer Frau, die von Jugend an gelernt hat, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und sich anzupassen. Anne Tyler begleitet diese Frau in Zehnjahres-Abschnitten durch ihre Lebensjahrzehnte.

 

Zuerst begegnen wir der 11-jährigen Willa im Jahr 1967, an einem Tag, an dem ihre launisch-hysterische Mutter wieder einmal, dieses Mal für längere Zeit, das Haus verlässt und Willa, ihre Schwester und den Vater alleine zurücklässt.

 

Mit der Schwester wird Willa zeitlebens ein schwieriges, distanziertes Verhältnis haben. Und der stille, immer Verständnis für alles zeigende Vater wird bis zu seinem frühen Tod Willa mehr prägen, als sie wahr haben will. An einer Stelle beschreibt Anne Tyler den Vater so: mit ihm zu leben wäre wie mit Gandhi verheiratet zu sein.

 

Willa ist eine gute Schülerin, obwohl sie wenig wirklichen Kontakt in der Highschool hat. Als sie 1977 von ihrem Freund Derek einen Heiratsantrag bekommt, gibt sie ihre eigenen sehr aussichtsreichen beruflichen Pläne auf, bricht ihr Studium ab und folgt Derek an die andere Ecke der USA nach Kalifornien. Sie trifft diese Entscheidung unter anderem deshalb, weil sie spürt, dass ihre Eltern sie gut heißen. Vor der psychisch schwierigen und pathologischen Situation im Elternhaus 10 Jahre vorher konnte sie schlecht fliehen. Aber hier vor ihrer Eheschließung hätte sie anders, für sich selbst entscheiden können. Sie tut es nicht, folgt ihrem Mann zu dessen neuer Arbeitsstelle und bekommt schnell nacheinander zwei Söhne. Ihre eigene hoffnungsvolle berufliche Karriere wird auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben.

 

Dann springt die Handlung ins Jahr 1997.  Hier beschreibt Tyler Willas Charakter ziemlich deutlich. Nachdem ihr Ehemann Derek selbstverschuldet verunglückt ist, findet sie sich als Witwe wieder, die verzweifelt versucht ihr Leben in den Griff zu bekommen. Doch sie hat durch jahrzehntelange Anpassung fast vollständig verlernt, eine eigene Meinung zu formulieren, fügt sich meist dem, was andere sagen. Sie fühlt diese Fremdsteuerung, kann aber nichts dagegen setzen. Bisher ihr nahestehende Menschen wenden sich von ihr ab, ohne  dass sie dagegen aktiv werden kann.

 

Ein weiterer Zeitsprung führt die Leser in das Leben Willas im Jahr 2017, in die aktuelle Gegenwart. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet mit dem erfolgreichen Anwalt Peter. Zwar hat der sich längst zur Ruhe gesetzt, doch seine geschäftlichen Termine bestimmen nach wie vor auch das Leben und den Alltag Willas. Eines Tages erfährt sie, dass die Ex-Freundin ihres Sohnes angeschossen wurde. Ohne jeglichen Zweifel entscheidet sie, sofort dorthin nach Baltimore zu fliegen und ihr beizustehen, obwohl sie sie kaum kennt. Nach kurzer heftiger Auseinandersetzung entschließt sich Peter mitzukommen, doch er wird nicht lange dort bleiben.

 

Diese impulsive, scheinbar zunächst völlig unwesentliche Entscheidung, für diese Frau, die Willa persönlich noch nie getroffen hat, und ihre elfjährige Tochter zu sorgen, führt Willa in ein ihr bisher unbekanntes Territorium. Ein kleines Sozialsystem von Nachbarn und viele tägliche Rituale lassen sie im Gegensatz zu Peter in dem kleinen Haus von  Denise  und ihrer Tochter Cheryl und deren Hund Airplane schon nach wenigen Tagen heimisch werden. Peter reist bald wieder ab unter dem Vorwand Termine einhalten zu müssen.

Und Willa, die zum ersten Mal eine eigene Entscheidung getroffen zu haben scheint, lässt sich nicht beirren. Als die Anzeichen einer Wiederherstellung von Denises‘ Bein nicht mehr zu übersehen sind, sucht sie immer wieder Ausreden zu bleiben und verschweigt Peter die Wahrheit. Als in der Nachbarschaft das Haus einer alten Frau, die zu ihrer Tochter zieht, frei wird, ahnt man schon, was kommen wird. Doch erst als sie nach dem Rückflug auf ihrem Heimatflug gelandet ist, trifft sie eine Entscheidung, die außer den Menschen in der Straße in Baltimore niemand verstehen wird.

 

Doch Willa ist zum ersten Mal in ihrem Leben glücklich. Sie hat sich endlich für sich selbst entschieden. „Launen der Zeit“ ist ein unterhaltsamer Roman über einen langsamen, späten  und stillen Aufbruch einer Frau aus einem jahrzehntelang fremdbestimmten Leben.