Neujahr (Hörbuch)

 

 

 

Juli Zeh, Neujahr (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2979-1

Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, für den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. Er, der seinen Beruf als Lektor eines Sachbuchverlags liebt, hat sich zusammen mit seiner Frau Theresa für ein Familienmodell entschieden, wie es nach wie vor nur wenige praktizieren. Beide haben sie ihre gut dotierten Arbeitsstellen halbiert und sich auf dem Dachgeschoß ihres Hauses ein Homeoffice eingerichtet, in dem sie zusätzlich (unentgeltlich natürlich) arbeiten können, wenn die Kinder schlafen. Sie kümmern sich im gleichen Maß um die Familie und die Kinder. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation.

Doch Henning geht es zunehmend schlecht. Sein Leben überfordert ihn. Familienernährer soll er sein, Ehemann und begehrenswerter Liebhaber und liebevoller Vater seiner Kinder. Jede dieser Rollen möchte er gerne füllen und findet sich in keiner wirklich und befriedigend wieder. Seit sein zweites Kind, seine Tochter Bibbi vor etwa zwei Jahren geboren wurde, leidet er unter schweren Angstzuständen und Panikattacken. Später, als das Buch zu Ende ist, wird dem Leser deutlich werden, warum diese Begegnungen mit dem, was er „ES“ zu nennen gelernt hat, nicht vorher begonnen haben.

 

Seine Frau Theresa versucht ihm zunächst aufrichtig zu helfen, sie probieren Vieles, doch dann gibt sie auf. Henning ist mit seinen Attacken allein und verbirgt sie.

„Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist zu Hennings Privatsache geworden.“

 

Vielleicht hofft er durch den Urlaub, den er heimlich im Internet über Weihachten und Neujahr 2017/2018 für seine Familie gebucht hat, davon loszukommen, wieder Kraft zu schöpfen. Schon während er wochenlang nach Unterkünften auf Lanzarote sucht, erfasst ihn eine seltsame Erregung.

 

Theresa erklärt sich nach einigen Widerständen einverstanden und so verbringen sie die Weihnachtstage in einem kleinen „Scheibenhaus“ in Playa Blanca. Doch Erholung ist das alles nicht. Die Kinder müssen dauernd beschäftigt werden und nur spät am Abend kommen die Eheleute zu sich selbst.

 

Auch ein spontan wenige Tage vor Silvester gebuchtes Silvestermenü stellt sich als Flop heraus, zumal Theresa dort mit einen Franzosen tanzt, und heftig mit ihm flirtet.

 

Nach einer unruhigen und kurzen Nacht steht Henning am Neujahrsmorgen sehr früh auf und fährt mit einem geliehenen Fahrrad den steilen Anstieg nach Femes hinauf. Er hat kaum gefrühstückt, der Sekt von Silvester steckt ihm noch in den Knochen und er hat weder Proviant noch etwas zu trinken mitgenommen.

Auf der Fahrt blickt er in Gedanken zurück auf die Zeit, seit ES ihn besucht. Er weiß, es ist verrückt, kaum zu schaffen. Doch irgendetwas, was während der Fahrt immer stärker wird, treibt ihn nach oben, als hoffe er dort etwas zu finden, was ihn rettet.

 

Als Henning dann endlich, nach langer Qual das 500 m hoch gelegene Femes erreicht, da trifft es ihn wie einen Schlag und er erkennt, dass er schon einmal hier gewesen ist.  Er schiebt sein Fahrrad bis zu einem hoch über dem Ort gelegenen Haus, das ihn magisch anzieht.

 

Dort oben, so erkennt er, war er einmal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna im Urlaub, zu der ihn bin heute eine ganz besonders enge, aber auch komplizierte Beziehung verbindet. Und er erinnert sich daran, wie sich damals etwas ganz Schreckliches zugetragen hat – so schlimm, dass er es bis heute verdrängt hat, bis ES nach der Geburt von Bibbi wieder hoch kommt.  Was damals geschehen ist, von Juli Zeh über weite Strecken des Buches gekonnt beschrieben, verfolgt ihn  bis heute.

 

Juli Zeh beschreibt in einem gut aufgebauten Familienroman, wie stark unsere Kindheit unser Lebensgefühl bestimmt. Ein Roman, der in der zweiten Hälfte zu einem regelrechten Thriller sich verwandelt, den man atemlos verschlingt. Gekonnt und fast spielerisch arbeitet sie immer wieder mit verschiedenen Ebenen von Zeit und Wahrnehmung. Ihr Psychogramm einer modernen und emanzipierten Ehe und Familie geht unter die Haut, weil es so nahe am eigenen Leben sich abspielt.

 

Auch mit „Neujahr“ zeigt Juli Zeh wieder neu, dass man einen unterhaltsamen Roman schreiben kann, ohne die literarische Qualität aus dem Auge zu verlieren. Ich wünsche mir, dass viele berufstätige Familienmänner und – frauen dieses Buch lesen, sowohl zur Unterhaltung, als auch als Anregung, öfter einmal darüber nachzudenken, wie ihre Kindheit und ihre vielleicht ungeklärte Beziehung zu den Großeltern ihrer Kinder ihr eigenes Leben umschattet und behindert.

Florian Lukas gelingt es in der hier vorliegenden ungekürzten Lesung des Buches für den Hörverlag in München hervorragend sich in den Protagonisten Henning hineinzuversetzen und setzt sowohl das Psychogramm seiner Geschichte und Persönlichkeit als auch die schrecklichen Erlebnisse seiner Kindheit gekonnt und spannend in Szene.

 

 

 

 

 

Der kleine Trommler

 

 

 

Bernadette Watts, Der kleine Trommler, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10450-3

 

Seit Beginn ihrer Karriere vor über 50 Jahren schon illustriert die 1942 geborene und in Kent in England lebende Künstlerin Bernadette Watts Bücher, vorzugsweise für Kinder, für den Nord Süd- Verlag in Zürich.

 

In England ist es ein berühmtes und allen Menschen bekanntes Weihnachtslied. In Deutschland hat es der junge Heintje vor Jahrzehnten bekannt gemacht.

 

Nun erzählt Bernadette Watts für Kinder die Geschichte dieses Liedes. Sie erzählt von dem kleinen Trommler Benjamin, der am Heiligen Abend auf drei stolze Reiter trifft. Sie wollen zu dem neugeborenen König und ihn mit ihren großzügigen Gaben beschenken.

 

Auch Benjamin würde gerne dem Kind etwas schenken, doch er denkt, er habe nichts, was dem Christuskind angemessen sein könnte. Dennoch macht er sich zusammen mit seiner Freundin Rachel auf zum Stall. Sie, die als Bedienung im örtlichen Gasthaus arbeitet, will dem Kind ein Paar kleine warme Schuhe bringen. Sein Zögern angesichts ihrer Armut kommentiert Rachel so: „Er wird nicht auf unsere Kleider achten, er wird nur in unsere Herzen sehen!“

 

Dort am Stall angekommen, lacht das Kind, als Rachel ihm die Schuhe schenkt. Und Benjamin hat nichts. Ein Lächeln der Mutter des Kindes ermutigt ihn zu fragen: „Soll ich für den neugeborenen König etwas auf meiner Trommel spielen?“

 

Und er spielt und spielt. „Der kleine Trommler fühlte, wie sein Herz sich mit Glück füllte. Er spürte die Wärme. Er fühlte sich geliebt und spielte weiter und weiter.“

 

Sehr warmherzig und zartfühlend hat Bernadette ihre eigene Geschichte, die Elisa Martins ins Deutsche übersetzt hat, illustriert.

 

Ein schönes Bilderbuch zur Weihnachtszeit.

 

 

Über den Dächern von New York

 

 

 

 

George Steinmetz, Über den Dächern von New York, Dumont Kalenderverlag 2018, ISBN 978-3-8320-3899-1

 

Der international renommierte amerikanische Fotograf George Steinmetz ist spezialisiert auf Luftaufnahmen. Immer wieder  fliegt er auch über New York und fotografiert den Big Apple für sein „newyorkairbook“ auf Instagram.

Dabei entstehen sehr oft absolut ungewöhnliche und  faszinierende Stadtansichten. Blickwinkel und Perspektiven, aus der man die schon hundert Mal abgebildeten Sehenswürdigkeiten New Yorks so noch nie gesehen hat.

Zwölf seiner besten Bilder haben die Lektoren des Dumontkalenderverlags in diesem opulenten Wandkalender für das Jahr 2019 versammelt. Sie lassen den Betrachter und New York-Liebhaber einen Blick von oben werfen auf den Central Park, auf die mit gelben Taxis gesäumten Avenues oder auf die Aussichtsplattform des Rockefeller Center.

 

Ein wunderschöner Kalender für alle, die New York lieben. Er entschädigt bis zur nächsten Reise.

Eine zauberhafte Reise im Märlitram

 

 

 

Boni Koller, Christiane Schöngart, Eine zauberhafte Reise im Märlitram, Nord Süd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10454-1

 

Der 1913 gebaute Wagen der Züricher Straßenbahn is der älteste ihrer Flotte und verkehrt seit 1958 in der Weihnachtszeit auf einem Rundkurs in der Zürcher Innenstadt. Zum weihnachtlich verzierten Tram – früher in weiss, heute in rot – haben nur Kinder im Alter zwischen vier und zehn Jahren Zutritt. Eine Fahrt dauert etwa 25 Minuten. Im roten Märlitram werden den Kindern von zwei Engeln Weihnachtsmärchen vorgelesen, während das Tram vom Samichlaus gelenkt wird. Jedes Jahr werden 7000 bis 10.000 Kinder befördert. Das Sondertram verkehrt mit Unterstützung des Warenhauses Jelmoli, das auch den Verkauf der Billette durchführt.

 

Züricher Kindern ist die berühmte Märlitram seit jeher ein Begriff. Kaum eines, das nicht mindestens einmal mit ihr gefahren wäre. Für alle anderen Kinder, auch die in Deutschland und Österreich hat sich Boni Koller eine stimmungsvolle und heitere Weihnachtsgeschichte ausgedacht und Christiane Schöngart hat sie zauberhaft illustriert.

 

Sie erzählt von der kleinen Mia, die heute zum ersten Mal auf der Märlitramn mitfahren darf.  Sie wartet aufgeregt am Bahnsteig , als ihr ein weinender Junge begegnet, der kein Ticket hat, aber auch mitfahren möchte. Soll sie dem Jungen namens Nico ihr Ticket schenken und selbst auf die Fahrt verzichten?  Als sie genau das getan hat, intervenieren die beiden Engel und der Samichlaus und holen Mia in die Tram. Gemeinsam genießen sie dann eine wunderbare Fahrt.

 

Das Lied, das die Kinder auf der Märlitram singen ist gegen Ende des Buches abgedruckt mit einem Link zu einem Download.

 

 

Mein Andersopa

 

 

 

Rolf Barth, Daniela Bunge, Mein Andersopa, Hanser 2018 , ISBN 978-3-446-26057-3

 

Immer mehr Menschen erkranken in ihrem Alter an irgendeiner Form von Demenz. Und in der Folge, sind immer mehr Kinder von einem Phänomen betroffen, dass sich ihre geliebten Großeltern, manchmal sehr schnell in ihrer Persönlichkeit verwandeln und unsinnige Dinge tun und sagen.

 

Die hier von Rolf Barth erzählte Geschichte, von Daniel Bunge eindrucksvoll illustriert versucht auf anrührende und ermutigende Weise sich diesem Thema zu stellen.

 

Sie erzählt von Nele und ihrem Opa. Opa ist ein feiner Mann, der sehr viel Wert auf sein Äußeres legt, stets in weißem Hemd und Sakko auftritt und jeden freundlich grüßt. Nele ist stolz auf ihn, auch weil er immer Zeit für sie hat und auf sie achtgibt. Sie gehen miteinander spazieren, besuchen die Oma auf dem Friedhof und machen viele andere schöne Sache gemeinsam.

 

Doch eines Tages, als Nele wieder ihren Opa besucht, trifft sie ihn am helllichten Nachmittag unrasiert im Schlafanzug an. Diesen Großvater nennt sie fortan ihren Andersopa.

 

Sie lernt keine Angst vor seinen Veränderungen zu haben, und zieht sich nicht vor ihm zurück. Ihre Mutter nimmt sie mit zu Opas Hausarzt, der ihr erklärt, was in Opas Gehirn vor sich geht und warum er so geworden ist.

 

Und als er dann bald seine eigene Wohnung aufgeben muss und zu Neles Familie und seiner Tochter zieht, da lernt sie das wertzuschätzen, was ihre Mutter ihr gesagt hat, nachdem sie vom Arzt erfahren haben, dass man nichts machen kann: „Eigentlich hat das auch etwas Gutes. Du hast eben zwei Opas: den von früher –und deinen Andersopa“.

 

Eine berührende und ermutigende Geschichte, die kleinen Kindern verständlich machen kann, was mit Menschen vor sich geht, die an Demenz erkranken. Die Familien und Angehörigen belastenden und stellenweise unerträglichen Begleitumstände dieser Krankheit, besonders in ihrem fortgeschrittenen Stadium, sind bewusst nicht angesprochen.

 

 

Neujahr

 

 

 

Juli Zeh, Neujahr, Luchterhand Verlag 2018, ISBN 978-3-630-87572-9

 

Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, für den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. Er, der seinen Beruf als Lektor eines Sachbuchverlags liebt, hat sich zusammen mit seiner Frau Theresa für ein Familienmodell entschieden, wie es nach wie vor nur wenige praktizieren. Beide haben sie ihre gut dotierten Arbeitsstellen halbiert und sich auf dem Dachgeschoß ihres Hauses ein Homeoffice eingerichtet, in dem sie zusätzlich (unentgeltlich natürlich) arbeiten können, wenn die Kinder schlafen. Sie kümmern sich im gleichen Maß um die Familie und die Kinder. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation.

Doch Henning geht es zunehmend schlecht. Sein Leben überfordert ihn. Familienernährer soll er sein, Ehemann und begehrenswerter Liebhaber und liebevoller Vater seiner Kinder. Jede dieser Rollen möchte er gerne füllen und findet sich in keiner wirklich und befriedigend wieder. Seit sein zweites Kind, seine Tochter Bibbi vor etwa zwei Jahren geboren wurde, leidet er unter schweren Angstzuständen und Panikattacken. Später, als das Buch zu Ende ist, wird dem Leser deutlich werden, warum diese Begegnungen mit dem, was er „ES“ zu nennen gelernt hat, nicht vorher begonnen haben.

 

Seine Frau Theresa versucht ihm zunächst aufrichtig zu helfen, sie probieren Vieles, doch dann gibt sie auf. Henning ist mit seinen Attacken allein und verbirgt sie.

„Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist zu Hennings Privatsache geworden.“

 

Vielleicht hofft er durch den Urlaub, den er heimlich im Internet über Weihachten und Neujahr 2017/2018 für seine Familie gebucht hat, davon loszukommen, wieder Kraft zu schöpfen. Schon während er wochenlang nach Unterkünften auf Lanzarote sucht, erfasst ihn eine seltsame Erregung.

 

Theresa erklärt sich nach einigen Widerständen einverstanden und so verbringen sie die Weihnachtstage in einem kleinen „Scheibenhaus“ in Playa Blanca. Doch Erholung ist das alles nicht. Die Kinder müssen dauernd beschäftigt werden und nur spät am Abend kommen die Eheleute zu sich selbst.

 

Auch ein spontan wenige Tage vor Silvester gebuchtes Silvestermenü stellt sich als Flop heraus, zumal Theresa dort mit einen Franzosen tanzt, und heftig mit ihm flirtet.

 

Nach einer unruhigen und kurzen Nacht steht Henning am Neujahrsmorgen sehr früh auf und fährt mit einem geliehenen Fahrrad den steilen Anstieg nach Femes hinauf. Er hat kaum gefrühstückt, der Sekt von Silvester steckt ihm noch in den Knochen und er hat weder Proviant noch etwas zu trinken mitgenommen.

Auf der Fahrt blickt er in Gedanken zurück auf die Zeit, seit ES ihn besucht. Er weiß, es ist verrückt, kaum zu schaffen. Doch irgendetwas, was während der Fahrt immer stärker wird, treibt ihn nach oben, als hoffe er dort etwas zu finden, was ihn rettet.

 

Als Henning dann endlich, nach langer Qual das 500 m hoch gelegene Femes erreicht, da trifft es ihn wie einen Schlag und er erkennt, dass er schon einmal hier gewesen ist.  Er schiebt sein Fahrrad bis zu einem hoch über dem Ort gelegenen Haus, das ihn magisch anzieht.

 

Dort oben, so erkennt er, war er einmal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna im Urlaub, zu der ihn bin heute eine ganz besonders enge, aber auch komplizierte Beziehung verbindet. Und er erinnert sich daran, wie sich damals etwas ganz Schreckliches zugetragen hat – so schlimm, dass er es bis heute verdrängt hat, bis ES nach der Geburt von Bibbi wieder hoch kommt.  Was damals geschehen ist, von Juli Zeh über weite Strecken des Buches gekonnt beschrieben, verfolgt ihn  bis heute.

 

Juli Zeh beschreibt in einem gut aufgebauten Familienroman, wie stark unsere Kindheit unser Lebensgefühl bestimmt. Ein Roman, der in der zweiten Hälfte zu einem regelrechten Thriller sich verwandelt, den man atemlos verschlingt. Gekonnt und fast spielerisch arbeitet sie immer wieder mit verschiedenen Ebenen von Zeit und Wahrnehmung. Ihr Psychogramm einer modernen und emanzipierten Ehe und Familie geht unter die Haut, weil es so nahe am eigenen Leben sich abspielt.

 

Auch mit „Neujahr“ zeigt Juli Zeh wieder neu, dass man einen unterhaltsamen Roman schreiben kann, ohne die literarische Qualität aus dem Auge zu verlieren. Ich wünsche mir, dass viele berufstätige Familienmänner und – frauen dieses Buch lesen, sowohl zur Unterhaltung, als auch als Anregung, öfter einmal darüber nachzudenken, wie ihre Kindheit und ihre vielleicht ungeklärte Beziehung zu den Großeltern ihrer Kinder ihr eigenes Leben umschattet und behindert.

 

 

 

 

Gute Reise, Karlchen

 

 

 

Rotraut Susanne Berner, Gute Reise, Karlchen, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26058-0

 

 

Über ein Dutzend Bilderbücher über ihre Lieblingsfigur Karlchen hat die auch durch ihre Wimmelbücher bekannte Autorin und Illustratorin Rotraut Susanne Berner in den letzten zwei Jahrzehnte seit 2001 veröffentlicht und vielen Kindern und den vorlesenden Eltern damit viel Freude gemacht.

 

Karlchen heißt eigentlich Karl Nickel, ist drei bis vielleicht sechs Jahre alt und geht in den Kindergarte, oder ist er mittlerweile schon in der Schule? Er lebt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Klara in einem kleinen Ort, wo auch seine Oma Nickel, sein Freund Ole und seine Cousine Käthe wohnen.

 

In „Gute Reise, Karlchen!“ geht es um das Zugfahren. In jedem Jahr in den Sommerferien fährt Karlchen mit Mama und Papa in den Urlaub. Am liebsten fahren sie mit dem Zug. In diesem Jahr darf Karlchen seine beste Freundin Monika mitnehmen.

Als er ihr kurz nach Beginn der Reise die Lokomotive zeigen will, möchte Monika lieber nach hinten durchgehen, während Karlchen durch fünf Waggons nach vorne geht, am Speisewagen vorbei, wo Süßigkeiten locken.

 

Doch er ist müde und schläft im Fahrradwaggon ein. Als er aufwacht, beginnt ein aufregendes Abenteuer um sein verlorenes Portemonnaie.

 

Doch alles geht gut aus, denn in einem fahrenden Zug kann ja nichts verloren gehen. Ein schönes Bilderbuch für Kinder ab etwa drei Jahren.

 

 

 

 

321 superschlaue Dinge, die du unbedingt wissen musst

 

 

 

 

 

Mathilda Masters, 321 superschlaue Dinge, die du unbedingt wissen musst, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26060-3

 

Als Kind habe ich solche Bücher geliebt, auch wenn ich damals keines fand, das von so hoher Qualität in Wort und Bild war, wie das vorliegende von Mathilda Masters mit den tollen Illustrationen von Louize Perdieus.

 

Auf fast 300 Seiten hat die Autorin insgesamt 321 vergnügliche und überraschende, immer aber lehrreiche Informationen und Fakten aus allen Lebensbereichen gesammelt, die sie so aufgeteilt hat:

  • Wundersame Tierwelt
  • Dein Körper, das Wunderwerk
  • Sport ist (meistens) gesund
  • Berühmte und berüchtigte Menschen
  • Eine Reise durch die Geschichte
  • Unser toller Planet Erde
  • Auf Weltreise
  • Die wunderbare Welt der Wissenschaft
  • Über Wörter und Sprache
  • Alles, was da grünt und blüht
  • Zu den Sternen und weiter

 

In diesem Buch können sich wissbegierige Kinder ab etwa 10 Jahren verlieren. Wundern Sie sich nicht, wenn sie bald nachdem die es verschenkt haben, mit allen möglichen Informationen versorgt werden.

 

Ich hätte es damals geliebt.

 

 

 

Meine geniale Freundin

 

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin , tb,Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-46930-9

 

„Meine geniale Freundin“ ist der erste Band einer vierteiligen Romanreihe, die die unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibende italienische Schriftstellerin in den Jahren 2011 ff. unter dem Titel „Neapolitanische Saga“ veröffentlicht hat, und die der Suhrkamp Verlag, der sich die Rechte an dieser Tetralogie gesichert hat, nun in schneller Folge veröffentlicht. Die Bände 2-4 werden sicher in den nächsten beiden Jahren auch als Taschenbuch erscheinen.

Elena erzählt in diesem Werk ihr Leben. Im ersten hier vorliegenden Band geht es um ihre Kindheit und die frühe Jugend und ihre außerordentliche Freundschaft mit Lila, der Tochter eines kleinen Schusters. Beide wohnen in einem armen Stadtteil Neapels, aus dem sie die ersten zehn Jahre ihres Lebens nicht herauskommen.

 

Elena beschreibt das Auf und Ab einer sehr ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Mädchen, das von ihrer Seite jedenfalls durchgängig geprägt ist von einer Konkurrenz, für die sich Elena oft schämt, aus der sich aber nicht entrinnen kann.  Immer wieder glaubt sie, sich selbst und ihre Freundin zu kennen, genau einschätzen zu können, wie sich ihr Verhältnis gestaltet, und ist dann doch immer wieder überrascht, über die Jahre permanent Neues zu entdecken.

 

Der Roman ist nicht nur eine absolut lesenswerte und spannende Kulturgeschichte  und ein Sittenbild des armen Neapels nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern führt auch in der frühen Lebensgeschichte Elenas, die in den folgenden Bänden  fortgesetzt wird, schon den Einfluss der Camorra ein, die auf das Leben ihrer Freundin Lila bald einen wichtigen Einfluss haben wird.

 

Sechs Jahrzehnte werden Elena und Lila Freundinnen bleiben, bis die eine spurlos verschwindet (dies wird in einem Prolog beschrieben) und die andere daraufhin beginnt, auf alles Gemeinsame zurückzublicken, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.

 

Das Buch und die ganze Reihe ist von der Literaturkritik gelobt worden, wie ich finde zu Recht. Ich halte es für ein mit großer Kraft geschriebenes Meisterwerk über die große Macht und Kraft einer lebenslangen Freundschaft.

 

Ich war atemlos begeistert von diesem auch sprachlich anspruchsvollen Buch.

 

 

 

 

Stille Nacht. Ein Lied geht um die Welt

 

 

 

 

 

 

 

Brigitte Weninger, Julie Wintz-Litty, Stille Nacht. Ein Lied geht um die Welt, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10445-9

 

Es ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder ist „Stille Nacht“, ein Lied, das Menschen in aller Welt verbindet und bis heute in mehr als 300 Sprachen gesungen wird, immer dann wenn die Feier der Geburt Jesu Menschen in Kirchen, Häusern und Hütten zusammenbringt. Als ich zu Beginn der 80 er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in einem Dezember meine erste Pfarrstelle übernahm und am Heiligen Abend in den Gottesdiensten dieses Lied mit der Gemeinde singen wollte, musste ich Kopien herstellen, denn das Lied war im Gesangbuch nicht zu finden. Über eine sehr lange Zeit hatte zumindest die protestantische Theologie dieses wunderbare Lied als kitschig denunziert und ihm die Aufnahme in die Gesangbücher verweigert. Wie froh war meine neue Gemeinde, als sie endlich in der dunklen, nur von den Lichtern des Weihnachtsbaums erleuchteten Kirche ihr beliebtes Lied singen konnten. Ich werde diese Stimmung nie vergessen und habe dieses schöne Lied seitdem an jedem Heiligen Abend in die Liturgie eingebaut.

 

In dem vorliegenden von Julie Wintz-Litty mit zarten Aquarellbildern illustrierten Bilderbuch erzählt die bekannte Kinderbuchautorin Brigitte Weninger  sehr kindgerecht die spannende und bewegende Entstehungsgeschichte dieses berühmten Weihnachtslieds.

 

Als am Heiligen Abend 1818 in einem bitter kalten Winter in Oberndorf in Österreich die Orgel ausgefallen ist, haben der junge Hilfspriester Joseph Mohr und der Lehrer Franz Xaver Gruber die Idee, ihre Gemeinde, die unter bitterer Armut leidet, in diesem Jahr bei der Christmette mit einem neuen Lied zu erfreuen.

 

Schon an diesem ersten Weihnachten bei der Premiere haben die Menschen gespürt, was das Besondere an diesem Lied ist, wie es ihre Herzen wärmt und ihre Seelen tröstet. Und später, als durch den Orgelbauer Carl Mauracher und die Zillertaler Familien Strasser und Rainer das Lied zunächst in ganz Tirol bekannt wurde und später in der ganzen Welt gesungen wurde, spürten immer mehr Menschen das gleiche.

 

Ich habe hartgesottene Männer bei diesem Lied am Heiligen Abend weinen sehen, und immer wieder in die strahlenden Augen der Kinder blicken dürfen, wenn wir dieses Lied gesungen haben.

 

Es ist ein Stück gelebter Volksfrömmigkeit, die trotz heftiger Missachtung durch die etablierte Theologie auf eine wunderbare Weise lebendig geblieben ist. Es Kindern nahezubringen ist wichtig, denn dieses Lied wird sie später trösten können.