Die Schlacht von Karlawatsch

 

 

 

Heinz Janisch, Aljoscha Blau, Die Schlacht von Karlawatsch, Atlantis 2018, ISBN 978-3-7152-0735-3

 

Auf der ersten Seite des hier vorliegenden Bilderbuchs von Heinz Janisch und Aljoscha Blau, die schon oft kreativ zusammengearbeitet haben, sind, wenn man genau hinschaut, eine mange Leute zu erkennen. Ein Straßenfeger, Menschen, die einkaufen, mit dem Fahrrad unterwegs sind und viele andere. Auf der linken Seite wecken die Farben blau und rot die Aufmerksamkeit des Betrachters. Blau ist das Eis, das in einem unaufmerksamen Augenblick auf den roten Hund eines gerade vorbeilaufenden Spaziergängers tropft. Der Hundebesitzer regt sich furchtbar darüber auf, andere Leute kommen hinzugelaufen, diskutieren mit und plötzlich haben sich zwei Lager gebildet, die einen heftigen Streit austragen. Und aus diesem Streit um eine Lappalie entwickelt sich, man weiß nicht recht wie ein Krieg zwischen den Rotröcken und den Blauröcken.  Sie bewerfen sich mit allem, was sie anhaben, Stiefeln, Knöpfen, Jacken und Hosen.

Plötzlich stehen alle in Unterhosen da und niemand weiß mehr, wer zu welchem Heer gehört. „Ich habe Hunger!“, ruft einer. „Ich auch, ich auch!“, tönt es von allen Seiten. Schon locken der Geruch von Bratwurst und der Gedanke an die Liebsten zu Hause die Männer vom Schlachtfeld. Nur die Feldherren bleiben starr wie Denkmäler zurück.

 

Wenige aber ausdrucksstrake Worte von Heinz Janisch erzählen davon, wie aus einem Streit ein Kampf und dann ein Krieg werden kann. Aber auch davon, wie Freunde und Feinde daraus einen Ausweg finden können.

 

Die Illustrationen von Aljoscha Blau, in denen es viel zu entdecken gibt, unterstreichen mit ihrer ganz eigene Sprache und Ausdruckskraft die Botschaft dieser entlarvenden Parabel über die Absurdität des Krieges.

 

 

 

Leuchttürme 2019

 

 

 

 

Gabi Reichert, Leuchttürme 2019, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11135-7

 

Seit vielen Jahren schon gehört der Leuchturmkalender der Fotografin Gabi Reichert zu den meistverkauften Kalendern des Delius Klasing Verlags. In ihrem hier vorliegenden mittlerweile siebten Kalender ist es ihr wieder gelungen, wunderbare Leuchttürme aus verschiedenen Ländern abzubilden.

 

Schon in früheren Zeiten dienten Leuchttürme nicht nur der Navigation. Doch besonders heute, wo GPS u.a ihre Funktion mehr und mehr übernehmen, üben sie auf ihre Betrachter eine ganz besondere Anziehung und Faszination aus. Der Zauber dieser hier vorliegenden Fotografien liegt in ihrem besonderen Blick für Licht und Farben, der die einmalige Faszination dieser historischen Bauwerke sichtbar werden lässt. Seit Jahrhunderten trotzen die Wachtposten an den Küsten Sturm und Wellen. Noch heute umspülen Mythen und Geschichten ihre Mauern.

Zu jedem Bild gibt es zusätzlich zur Bildlegende noch einen QR-Code, über den man ausführlichere Informationen und Geschichten zum abgebildeten Leuchtturm bekommt.

 

Ein wunderbarer Kalender, der in unserem Haus schon einen Platz reserviert bekommen hat.

 

 

Vom Zauber alter Bäume 2019

 

 

 

 

Heinz Wohler, Vom Zauber alter Bäume 2019, Dumont Kalenderverlag 2018, ISBN 978-3-.8320-3900-4

 

Seit über einem Jahrzehnt ist der Kalender „Vom Zauber alter Bäume“ des Fotografen Heinz Wohner einer der beliebtesten Kalender im umfangreichen Programm des Dumont Kalenderverlags.

 

Das hängt sicher damit zusammen, dass alte und große Bäume seit jeher Menschen angezogen haben. Sie waren  in alter Zeit Stätte der Zusammenkunft, heilige Stätten der spirituellen Selbstvergewisserung, Orte, die Generationen und nicht selten viele Jahrhunderte überlebt haben und so eine Brücke sind zwischen Vergangenheit und Zukunft.

 

Auch in diesem Kalender für 2019 präsentieren sich zwölf verwitterte und steinalte Baumriesen in ihrer ganzen Würde und Macht. Heinz Wohner hat die Buchen, Linden, Eichen in Deutschland aufgespürt und in Schwarzweiß fotografiert. Im Atelier werden die großformatigen Fotoabzüge dann detailgetreu und kunstvoll mit Eiweißlasur-Farben von Hand koloriert. Das nimmt pro Bild mehrere Wochen Zeit in Anspruch. Das Ergebnis ist eine sehr persönliche feine Interpretation des Gesehenen.

 

Eine Wohltat für das Auge sind diese Bilder und laden seinen Betrachter täglich ein, darüber nachzudenken, wie kurz doch seine Frist ist im Gegensatz zum Alter der Bäume.

 

Wer wir sein könnten

 

 

Robert Habeck, Wer wir sein könnten, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3-462-05307-4

 

Seit er zusammen mit Annalena Baerbock die Grünen führt, die dortigen Grabenkämpfe überwunden scheinen und die Grünen in Bayern und Hessen in einem regelrechten Hype ihre Stimmen geradezu verdoppelt haben, ist der ehemalige schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister und Schriftsteller Robert Habeck in aller Munde. Fast wöchentlich ist er gern gesehener Gast in den Talkshows der Fernsehsender, nicht nur weil er Erfolg hat, sondern weil er wirklich was zu sagen hat. Denn wenn Robert Habeck spricht, spürt man einen anderen Ton. Seine Statements wollen nicht verletzen, er orientiert sie an der praktischen Vernunft, soweit es im täglichen Politikgeschäft geht.

 

In seinem neuen Buch, das er wahrscheinlich in der Sommerpause geschrieben hat, als noch nicht abzusehen war, dass die Grünen in Bayern und Hessen auf nie geahnte Größe wachsen und auch in den Umfragen im Bund schon längst die SPD und  die AfD überholen würden, gibt er Rechenschaft über diese Sprache, der er sich verpflichtet weiß.

Denn nach einer langen Zeit, die eher von politischer Sprachlosigkeit geprägt war, ist  eine Zeit des politischen Brüllens und Niedermachens angebrochen – nicht nur von Seiten der AfD. Doch was passiert da eigentlich genau? Wo verläuft die Grenze zwischen konstruktivem demokratischem Streit und einer Sprache, die das Gespräch zerstört, die ausgrenzt, entmenschlicht? Und ist das alles nur eine Frage des mangelnden Stils?

Robert Habeck sagt: „Wie wir sprechen, entscheidet darüber, wer wir sind – auch und gerade in der Politik.“

In dem hier vorliegenden schmalen Band träumt er davon „wer wir sein könnten“, „warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht und bringt damit zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie Phantasie und Utopie in die Debatte um den Weg, den unsere mittlerweile doch arg zerrissene und gespaltene  Gesellschaft gehen sollte. Habeck entwirft die Skizze eines politischen Sprechens, das offen und vielfältig genug ist, um Menschen in all ihrer Verschiedenheit zusammenzubringen und in ein Gespräch darüber zu verwickeln, wer wir sein könnten, wer wir sein wollen.

 

Egal, ob man Robert Habeck im Fernsehen beobachtet oder beim hessischen Straßenwahlkampf mit ihm ins Gespräch kommt ( er war in meinem Wohnort), begegnet man einem Mann, der den Erfolg nicht für sein Ego braucht, dem es um die Sache geht, der zunächst einmal zuhört und nachdenkt, bevor er mit einer Sprache spricht, die auch Andersdenkende einlädt und nie ausgrenzt.

 

Wenn nun nach dem Rücktritt von Angela Merkel vom Vorsitz der CDU und dem immer wahrscheinlicher werdenden vorzeitigen Ende ihrer Kanzlerschaft neue Kräfte in der CDU, Christian Lindner und seine FDP und eben Robert Habeck mit den mittlerweile einigen Grünen möglicherweise eine Jamaikakoalition schmieden, die etwas abbilden kann von einer neue Politik auch in der Sprache und im gegenseitigen Umgang, dann werden sie versuchen zu bewirken, dass unsere zerrissene Gesellschaft wieder mehr zusammenwächst und so die AfD irgendwann kein Gehör mehr findet mit ihren Hassbotschaften.

 

Zu optimistisch? Vielleicht. Doch so wie Habeck in seinem Buch und in den aktuellen Debatten einen ganz anderen Ton setzt und Hoffnung weckt, Lust auf Politik macht, könnte seine Stimme zusammen anderen eine Erneuerung bringen, auf die das Land wartet.

 

 

 

Mama Muh spielt Sommer

 

 

 

Jujja Wieslander, Sven Nordquist, Mama Muh spielt Sommer, Oetinger 2018, ISBN 978-3-7891-0955-3

 

Seit  25 Jahren publiziert der mit seinen  Bücher über Petterson und seinen klugen und eigensinnigen Kater Findus bei uns berühmt gewordene Sven Nordqvist in der Kooperation mit Jujja Wieslander, die mit ihrem 1996 verstorbenen Mann Tomas die Figur der Mama Muh erfunden hat, lustige Bilderbücher mit Abenteuern einer unternehmenslustigen Kuh namens Mama Muh.

 

Nun zum 25. Geburtstag veröffentlichen die beiden Erfolgsautoren eine neue Geschichte dieser bei Kindern so beliebten Bilderbuchkuh und ihrer Freundin, der Krähe. Im letzten Buch war es Sommer und die beiden haben ein Boot miteinander gebaut. Doch nun ist es Winter, trist und kalt. Mama Muh steht in ihrem Stall und sehnt sich nach dem Sommer. Sie überredet  die Krähe, mit ihr nach draußen zu kommen und trotz der widrigen Bedingungen einen  Ausflug zu machen. Man kann doch einfach mal so tun, als wäre es Sommer. Eiszapfen statt Erdbeereis zu  Beispiel. Und obwohl ihr L:iebslingsbaum voller Eis und Schnee ist, klettert sie hinauf, während die Krähe frierend dabei steht und auch die Rutsche voller Schnee hält sie nicht davon ab, hinunterzurutschen.

Irgendwann fliegt die Krähe erschöpft nach Hause, doch Mama Muh dichtet zufrieden:

Zu tun als ob und zu toben im Schnee,

ist genauso schon wie ein Bad im See.

Der Tag ist gleich viel, weniger dunkel,

verbringt man ich mit einem Kumpel.

 

Ein wieder sehr witzig erzähltes und auch entsprechend illustriertes Buch mit einer der bekanntesten Figuren der jüngeren Bilderbuchgeschichte.

 

 

 

Der Narr und seine Maschine

 

 

 

 

 

Friedrich Ani, Der Narr und seine Maschine, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42820-7

 

Wohl zum allerletzten Mal lässt Friedrich Ani seinen Tabor Süden nach einem vermissten Menschen suchen. Nachdem Neonazis die Detektei von Edith Liebergesell abgefackelt haben ist Tabor Süden nicht nur beschäftigungslos, sondern es ergeht ihm zunehmend so, wie den Menschen denen er in seiner Berufsleben nachgespürt hat. Er wohnt in „leeren Zimmern“.

 

Edith Liebergesell finden Süden auf dem Bahnhof, wo er offenbar seit Stunden vor der Abfahrtstafel steht und nicht weiß, was er machen soll. Dem Leser vermittelt sich der Eindruck, dass er vorhatte, endgültig zu verschwinden aus dieser Welt, und sich endlich mit denen zu verbinden, die er doch zeitlebens so gut verstehen konnte, dass er sie immer fand.

 

Edith Liebergesell hat einen Auftrag bekommen und bittet Süden ihr zu helfen. Der ehemals sehr erfolgreiche Kriminalschriftsteller Cornelius Hallig ist verschwunden und der Eigentümer des alten heruntergekommenen Hotels, in der er seit Jahrzehnten wohnt, lässt nach ihm suchen. Sehr überraschend verschiebt Süden sein eigenes Unsichtbarwerden und beginnt nach Cornelius Hallig zu suchen.

 

In wechselnden Kapiteln erzählt Friedrich Ani, wie Hallig seinen Abgang aus dem Leben vorbereitet und wie Süden auf der anderen Seite sich ihm durch seine Intuition immer weiter annähert.

 

Als sie dann zusammentreffen, reden und schweigen und vor allen Dingen trinken sie 12 Stunden in einer alten dunklen Stammkneipen von Hallig. Sie verstehen sich.

Doch bald wird Hallig tot sein, Süden wird seine alte Schreibmaschine an sich nehmen und dessen Pistole und sich erneut auf den Weg zum Bahnhof machen.

Friedrich Ani gelingt es wieder, die Zerrissenheit, die Hoffnungslosigkeit, die Düsternis, die in den beiden Einzelgängern wüten, zu beschreiben.

In einer Zeitungsrezension war einmal über Anis Bücher folgender Satz zu lesen: „Wer Anis Geschichten liest, lernt anders denken“. Das trifft auch und erst recht auf das neue Buch zu. Aber ich möchte ergänzen: er lernt auch anders mitfühlen und anders über Menschen urteilen, die die Gesellschaft längst abgeschrieben hat, die lebendig tot sind, und schon lange, bevor sie abtauchen, längst in sich selbst verschwunden sind, in „leeren Zimmern“ leben.

Reich an intensiver Sprache mit starken und ausdruckskräftigen Bildern nimmt Friedrich Ani seine Leser wieder mit auf eine spannende Reise durch Bereiche unserer Gesellschaft, die er seinen Tabor Süden erkunden lässt wie kaum ein anderer Krimiautor der Gegenwart. Anspruchsvolle Literatur voller Poesie und Kraft von höchster Qualität.

Man darf annehmen, dass Tabor Süden nach diesem Buch nie mehr auftauchen wird, oder doch ?
 

 

 

 

In Staub und Asche

 

 

 

Anne Holt, In Staub und Asche, Piper Verlag 2018, ISBN 978-3-492-05697-7

Der neue Roman von Anne Holt „In Staub und Asche“ schließt direkt an den 2017 auf Deutsch erschienen Roman „Ein kalter Fall“ an, mit dem Holt ihre berühmte, nach einem Unfall im Rollstuhl sitzende Ermittlerin Hanne Wilhelmsen zurück brachte und soll nach Angaben von Insidern die Serie mit dem 10 Band beenden, auch wenn das Ende des Romans das seltsam offen lässt.

 

Es geht in diesem Buch um einen Mord, der möglicherweis ein Selbstmord gewesen ist und einen Selbstmord, der vermutlich ein Mord war. Es sind zwei inoffizielle Fälle, die dem ungewöhnlichen Ermittlerteam Hanne Wilhelmsen und Hendrik Holme da begegnen. Hanne glaubt einfach nicht an den Selbstmord der rechtradikalen Iselin Havorn, die sie selbst im letzten Band überführt hatte und Hendrik ist geradezu besessen davon, die Unschuld von Jonas Abrahamsen zu beweisen, der nie darüber hinweggekommen ist, seine kleine Tochter bei einem tragischen Unfall verloren zu haben und für einen Mord an seiner Frau zu 12 Jahren Haft verurteilt worden zu sein , den er nie begangen hat.

 

Mit großer Hartnäckigkeit  und Leidenschaft arbeiten die beiden Ermittler an diesen Fällen, abseits offizieller Aufträge und auch abseits der herkömmlichen Regeln, die Hanne nicht mehr so wichtig sind. Der Roman ist spannend und durch die Beschäftigung mit den Ideen rechtsradikaler Gruppen hochpolitisch.

 

Haben die beiden „Fälle“ etwas gemeinsam? Mit ihrer aus früheren Fällen bekannten Intuition findet Hanne die Schnittstelle, an der sich der Knoten löst und der verborgene Zusammenhang beider Todesfälle sichtbar wird. Und auch Hendrik erweist sich trotz seiner vielen Tics (Tourette?) wieder als schüchterner aber sehr begabter Ermittler, der unter Einsatz seines eigenen ein Leben retten wird.

 

In beiden Fällen spielt das Buch Hiob aus dem Alten Testament eine Rolle, dem auch der Titel des tiefgründigen Kriminalromans entnommen ist: „Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche“, sagt Hiob, nachdem er unvorstellbares Leid durch Gott erfahren musste. Hanne Wilhelmsen sagt dazu nur: „Shit happens“, während Holme Hiobs Fragen näher gehen. Ich glaube, dass hier Anne Holt eine sie wohl schon lange beschäftigende Frage eruiert und eine Antwort darauf für unmöglich erklärt. Man kann Leid und Unglück nicht erklären und für Gut und  Böse auch nicht immer eine Ursache finden. Man muss sich damit abfinden. Gutem folgen nicht immer Belohnung und Böses wird zu oft nicht bestraft.

 

Für beide Figuren Holts ist es schade, dass sie sie offenbar nun in der literarischen Versenkung verschwinden lassen will.

 

 

 

Was ist der Mensch. Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten

 

 

Eric Kandel, Was ist der Mensch. Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten, Siedler 2018, ISBN 978-3-8275-0114-1

 

Der mittlerweile 88-jährige Nobelpreisträger für Medizin, Eric Kandel, geht in seinem neuen Buch der großen Frage nach, was der Mensch ist, was ihn in seiner Besonderheit anderen Lebewesen gegenüber ausmacht. Er gibt auf dem neuesten Stand der Forschung einen Überblick über die Erkenntnisse der Psychologie und der Hirnforschung. Er verweist dabei auf den enormen Erkenntniszuwachs der Wissenschaft über das menschliche Gehirn, seiner Funktion und seinen Störungen:

„Über das Gehirn, seine Krankheiten und Störungen haben wir in den letzten hundert Jahren mehr gelernt als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor.“

 

Das Verständnis des menschlichen Gehirns ist für ihn essentiell für das Verständnis des Menschen, besonders derjenigen, die anders sind als wir selbst:

„Je mehr wir über den ungewöhnlichen Geist wissen, desto eher sind wir als einzelne und als Gesellschaft in der Lage, Menschen zu verstehen, die anders denken als wir, und Mitgefühl mit ihnen zu haben. Entsprechend weniger werden wir sie stigmatisieren und ausgrenzen.“

 

Mit viel Empathie für den Menschen erweist sich Kandel in diesem Buch als unterhaltsamer Lehrer, der das Verhalten von Menschen verstehen möchte und es anderen, gerade auch Laien erklären möchte. Er bietet besonders ihnen einen profunden Überblick über sein Fach.

 

Seine besonderen Fähigkeiten als Lehrer beweist er in diesem Buch, das nicht nur erhebliche Erkenntnisgewinn verschafft, zur Menschlichkeit einlädt, sondern dessen Lektüre auch ein ganz besonderes intellektuelles Vergnügen ist.

 

 

 

 

 

 

Boy erased. Autobiographische Erzählung

 

 

 

 

Garrard Conley, Boy erased. Autobiographische Erzählung, Secession 2018,ISBN 98-3-906910-26-0

 

 

Diese autobiographische Erzählung von Garrard Conley, als Sohn eines fundamentalistischen Predigers im Bible Belt in Arkansas aufgewachsen, ist keine leichte Lektüre.

Schon früh spürt er als Junge seine homosexuellen Neigungen, und kämpft vergeblich gegen die Scham, die ihm als einzigen Sohn eines Baptistenpredigers quasi mit der Muttermilch eingeimpft wurde. Er wächst auf in einer starren und rigiden Gesellschaft, vom strengen Glauben an die wörtliche Wahrheit der Bibel bestimmt, eine Gesellschaft, die nicht toleriert oder gar duldet, was nicht ihrer strengen unabänderliche und ewigen Norm entspricht.

 

Im Jahr 2004 beginnt Garrads bewegende Geschichte, als ein Bekannter ihn gegen seinen Willen vor den Augen seiner Eltern als homosexuell outet. Sein Vater fällt aus allen Wolken und fordert von ihm sich einer sogenannten und in gläubigen Kreisen in den USA gängigen Konversionstherapie zu unterziehen. Das ist kirchliches Programm, das ihn in zwölf Schritten „heilen“ soll, sie von unreinen Trieben säubern und, seinen Glauben festigend, aus ihm einen ex-gay machen soll.

 

Soll er sich einem solchen Programm unterziehen oder riskiert er seine Familie und seine Freunde l. aber auch seinen Gott, zu dem er jeden Tag betet, zu verlieren?

 

Garrard Conley spürt in seiner autobiographischen Erzählung  den komplexen Beziehungen von Familie, Glauben und Gemeinschaft nach, Beziehungem wie man sie sich in unseren Kreisen kaum vorstellen kann.  Es entsteht dabei ein Bild von einem Amerika,  das wir in seinen Hintergründen immer mehr beängstigend wahrnehmen, ein Amerika, das Trump hervorgebracht hat.

 

Doch Conley klagt nicht an. Von seiner Lebensgeschichte kann er gar nicht anders als immer auch jene zu verstehen und ihnen zu vergeben, die ihm aus gutem Glauben heraus so viel Schmerz zugefügt haben.

 

Das Buch ist der gelungene(?) Versuch einer Befreiung aus einer religiösen Unterdrückungsgeschichte, ohne die dem Autor wichtige Bindung an Gott und die Bibel aufzugeben. Für manchen Leser ohne  religiöse Sozialisation sicher schwer nachvollziehbar, aber dennoch sehr beeindruckend.

 

 

 

 

Gasolin. Nimmt dir Zeit- und nicht das Leben

 

 

 

 

Ulrich Biene, Gasolin. Nimmt dir Zeit- und nicht das Leben, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11246-0

 

Von 1954, als das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik Deutschland  zu blühen begann bis in das Jahr 1971, als Gasolin während der Ölkrise von ARAL geschluckt wurde, war das dichte Netz der Gasolin Tankstellen mit ihrer unverwechselbaren Architektur und einen einwandfreien Service Garant dafür, dass die immer zahlreicheren Autos aus deutscher Produktion nicht nur mit damals noch billigem Treibstoff versorgt wurden, sondern stand für einen für damaligen Verhältnisse geradezu modernen Service und etwas, was man später Corporate Identity nannte.

Bestimmt erinnern sich einige noch an den Werbeslogan von Gasolin „Nimm dir Zeit – und nicht das Leben“, der auf vielen LKWs prangte. Kaum jemand wird jedoch wissen, dass die Geschichte dieser Firma bis in die 1920er-Jahre zurückreicht.

Das vorliegende Buch in der Delius Klasing Reihe „Bewegte Zeiten“ zeigt die Gasolin Tankstellen im Spiegel der Zeitgeschichte.

Sein Autor Ulrich Biene hat in akribischer Arbeit zeitgenössische Dokumente und Bilder gesichtet und die Markengeschichte von Gasolin recherchiert. Er informiert in diesem Buch über die Historie der Marke von den Anfängen bis hin zu Relikten, die es heute noch zu entdecken gibt. Abgerundet wird die Firmengeschichte durch zum Teil noch nie veröffentlichtes Bildmaterial.
Zahlreiche Fotos haben mich als 1954 Geborenen zurück in meine Kindheit geführt.
Das informative Buch ist zugleich ein Kapitel deutsche Nachkriegsgeschichte und eine Fundgrube für alle an der Geschichte des Autos Interessierte.