Der Sommer meiner Mutter

 

 

 

Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73449-6

 

Schon nach dem ersten Satz des neuen Romans von Ulrich Woelk ist klar, was am Ende geschehen wird. „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

 

Mit diesen Worten beginnt der 11-jährige Ich-Erzähler Tobias die Geschichte eines kurzen aber heftigen und ereignisreichen Sommers 196, eine Geschichte, die für ihn selbst und seine Eltern massive Veränderungen mit sich bringen sollte. Tobias lebt mit seinen Eltern – der Vater ist gut verdienender Ingenieur, seine Mutter Hausfrau- in einem 1964 in einem Kölner Vorort gebauten modernen Wohnhaus mit angebauter Doppelgarage und Waschbetonterrasse und einer großen Panorama-Fensterfront zum Garten.

Tobias ist Einzelkind, interessiert sich für alles, was mit dem Weltraum und der Raumfahrt zu tun hat, und fiebert schon im Frühjahr 1969 der ersten bemannten Mondlandung entgegen, die für den Juli geplant ist. Schon zu diesem Zeitpunkt nimmt der Elfjährige die Spannungen in der Ehe seiner Eltern wahr, und nachdem er einen Streit zwischen Vater und Mutter Ahrens belauscht hat, weiß er auch, dass die Spannungen damit zu tun haben, dass die Mutter für „es“ seit Jahren keine Lust mehr hat und das dem ansonsten sehr verständigen Vater nicht gefällt und er darüber frustriert ist.

 

Kurze Zeit zieht in das lange unbewohnte Nachbarhaus die Familie Leinhard ein mit einer knapp dreizehnjährigen Tochter namens Rosa. Diese Rosa wird Tobias in diesem Sommer nicht nur in die Musik der damaligen Zeit einführen( Doors und Janis Joplin) sondern auch in die körperliche Liebe.

Die Eltern Rosas sind überzeugte Linke. Der Vater lehrt an der Uni Köln Philosophie, „Adorno, Bloch und die Frankfurter Schule“ und die Mutter übersetzt Kriminalromane aus dem Amerikanischen. Obwohl die eher konservativen Ahrens` mit den Einstellungen der Leinhards nicht übereinstimmen, freunden sie sich im Laufe der nächsten Wochen und Monate an. Insbesondere die beiden Frauen kommen sich nahe. Als Tobias` Mutter beginnt, selbst für einen Verlag zu übersetzen, weht ein Hauch von Frauenbefreiung durch das neue Haus.

Die beiden Frauen und die Jugendlichen nehmen ohne  Wissen der Männer an der ersten Kölner Vietnamdemonstration teil. Bei vielen Festen, zu denen die beiden Familien sich gegenseitig einladen, wird engagiert diskutiert, geraucht und getrunken. Obwohl es erhebliche kulturelle und politische Unterschiede gibt zwischen ihnen, mag man sich.

 

Und immer stehen im Hintergrund die verschiedenen Apollomissionen der NASA, die nicht nur Tobias gespannt verfolgt. Sie sind wie ein Zeichen, dass da eine ganze Welt sich im Aufbruch befindet zu neuen Ufern. Keinen der beteiligten Personen hinterlässt diese Stimmung, die Ulrich Woelk mit der Stimme von Tobias wunderbar einfängt, unbeteiligt und vor allen Dingen unverändert.

 

Immer wieder erinnert man sich beim Lesen an den ersten Satz des Buches und fragt sich, ob der Freitod von Frau Ahrens mit irgendetwas zu tun haben wird, was sich da zwischen den beiden Familien und den beiden Frauen im Besonderen entwickelt.

 

Und während Armstrong und Aldrin ihre Füße in den Staub der Mondoberfläche drücken, haben Tobias und Rosa auf der einen und Frau Ahrens und Frau Leinhard ganz spezielle erotische Erlebnisse. Während Tobias das gut verkraftet und er Jahrzehnte später als für die Mission „Rosetta“ bei der ESOC in Darmstadt verantwortlicher Wissenschaftler der erfolgreichen Schriftstellerin Rosa Leinhard nach einer unerkannten Begegnung auf der Frankfurter Buchmesse einen Brief schreiben wird, endet der persönliche und politische Aufbruch für Tobias` Mutter tragisch.

 

Mit der einfachen und dem jungen Alter entsprechend naiven Stimme von Tobias Ahrens ist es Ulrich Woelk hervorragend gelungen, etwas einzufangen von jenem Aufbruch und jener Veränderung, die mit dem Jahr 1969 selbst ehedem konservative Menschen langsam ihr Leben umkrempeln ließ. Meist mit vielen Konflikten, auch Trennungen, aber mehr oder weniger unwiderruflich.

 

Ich bin 1954 geboren und habe mich in manchem, was in diesem unterhaltsamen Roman erzählt wird, wiedergefunden, vor allen Dingen in der Musik, den zarten ersten sexuellen Erfahrungen und dem Erwachen eines politischen Bewusstseins.

 

 

 

 

Wer hat meinen Vater umgebracht

 

 

 

Edouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht, S. Fischer 2019, ISBN 978-3-10-397428-7

 

Der junge französische Schriftsteller Edouard Louis hatte 2016 in seinem in Frankreich und auch in Deutschland von der Kritik begeistert aufgenommenen autobiographischen Debütroman „Das Ende von Eddy“ eine harte und verbitterte Abrechnung mit seiner Kindheit und insbesondere mit seinem Vater geschrieben, der ihn wegen seiner Homosexualität verachtete und quälte. „An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung“  lautete damals der erste Satz in seinem Roman.

Nachdem er ein Jahr später in dem Roman „Im Herzen der Gewalt“ die autobiographische Auseinandersetzung mit seinem Leben und seiner Homosexualität fortsetzte hat, legt er nun mit „“Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinen dritten Roman vor. In diesem schmalen in drei Teile gegliederten Buch gibt er ein engagiertes Beispiel für seine neue Art des Schreibens, für eine neue Art einer „konfrontativen“ Literatur. Er sagt dazu: „Literatur muss kämpfen – für all jene, die selbst nicht kämpfen können.“

 

Hatte er 2016, seine Kindheit reflektierend, für seinen Vater und dessen Gewaltausbrüche gegenüber seinem homosexuellen Sohn nur Verachtung und Spott übrig, nimmt Louis in seinem neuen Buch dem Vater gegenüber eine andere Haltung ein. Denn in seiner Sicht auf die Gesellschaft, in der er lebt, radikaler geworden, liest er die Gewalt und den Alkoholmissbrauch seines Vaters als verständliche Reaktionen eines Mannes an, der ohne große Bildung sein Leben lang in der Fabrik arbeiten musste und nach einem schweren Arbeitsunfall aussortiert wird.

Louis erinnert sich in den Zeilen, die er an seinen Vater richtet, auch an einen liebevollen und fürsorglichen Vater, der unter Tränen seinem Sohn gesteht, er wisse auch nicht, warum er immer so heftig sei. Er lernt ihn sehen und lieben als einen einfachen Mann, der seinem Sohn immer wünschte, dass er aus jenen Verhältnissen ausbrechen könnte, unter denen er sein Leben lang gelitten hat.

 

Je mehr der Sohn selbst sich aus diesen Verhältnissen befreit, desto mehr Verständnis wächst in ihm für seinen Vater und dessen, so sieht er es, von der Gesellschaft und der Politik zerstörtes Leben.

 

Und zornig und voller Emotionen klagt er sie alle an, jene Politiker von Chirac bis Macron, die den Reichen gaben und durch Kürzungen von Sozialleistungen den Armen nahmen. „Du wusstest“, schreibt er seinem Vater, „dass Politik für dich eine Frage von Leben und Tod bedeutete.“ Und: „Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“

 

Das Buch ist eine versöhnende Trauerrede auf einen geliebten Vater und gleichzeitig ein Aufruf zum Aufstand, ein eindringlicher Text darüber, dass die Dinge in Frankreich und anderswo nicht so bleiben können, wie sie sind. Es zeigt, dass es in Frankreichs Gesellschaft brodelt, nicht nur unter gelben Westen.

 

 

 

 

 

Alt und treu vs. komfortabel und neu. Generationen im Vergleich

 

 

Profi(Hg.), Alt und treu vs. komfortabel und neu. Generationen im Vergleich, LV Buch 2018, ISBN 978-3-7843-5611-2

 

Das ist ein sehr interessantes Buch für alle Menschen, die sich aus beruflichen oder aus anderen Gründen für landwirtschaftliche Fahrzeuge im Wandel interessieren, insbesondere für Schlepper. Elf faszinierende Gegenüberstellungen von markanten Schleppergenerationen werden in Wort und Bild präsentiert und verglichen.

 

Dabei werden die einzelnen Schlepper mit vielen Bildern und Einzeldarstellungen sowie ausführlichen technischen Informationen unter die Lupe genommen. Im Einzelnen werden vorgestellt und miteinander verglichen:
Mercedes-Benz Unimog U1200 gegen U400
Steyr 8165 gegen Steyr 4145 Profi CVT
Fendt 515 Favorit gegen Fendt 516 Vario
JCB Fastrac 150gegen JCB Fastrac 4220
Claas Atles 936 gegen Claas Axion 830
Valtra 8750 gegen Valtra T254 Versu
Case IH 1455 XL gegen Case IH Puma 150 CVX
John Deere 4955 gegen John Deere 6215R
Deutz-Fahr Agroprima 4.51 gegen Deutz-Fahr 5115
Fendt 930 Vario gegen Fendt 930 Vario
Case IH Quadtrac 9370 gegen Quadtrac 600

 

Es gibt sehr viele Nichtlandwirte, die sich dennoch seit langem für alte und neue Schlepper interessieren. Manche Oldtimerfans haben sogar einen eigenen in der Garage oder Scheune stehen, den sie mit viel Liebe aufgepäppelt haben und stolz bei entsprechenden Ausstellungen vorstellen.

Auch für diese Zielgruppe ist das vorliegende Buch interessant.

Der Sternenmann

 

 

Max von Thun, Der Sternenmann, arsedition 2018, ISBN 978-3-8458-2524-3

 

Mit farbenfrohen und detailreichen Bildern von Marta Balmaseda illustriert erzählt der österreichische Schauspieler und Fernsehmoderator Max von Thun in seinem literarischen Debüt eine von seiner warmherzigen Liebe als junger Vater geprägte und genährte Geschichte davon, dass jedes Geschöpf auf der Welt ein einzigartiges Wesen ist und als solches behandelt werden sollte.

 

Die schöne Gutenacht-Geschichte erzählt vom Sternenmann, der auf einem winzig kleinen Planeten in einer sehr weit entfernten Galaxie lebt. Seine einzige und wichtige Aufgabe ist es, jeden Tag die Sterne zum Leuchten zu bringen und  sie am weiten Himmel zu verteilen.

 

Aber eines Tages passiert ihm etwas Schlimmes: sein  kleinster Stern geht ihm verloren.  Eine lange und magische Reise durch die Nacht beginnt nun, bis am guten Ende der kleine Stern wiedergefunden wird und die kleinen Zuhörer und Betrachter des Bilderbuches erfahren, warum der kleine Stern (und sie natürlich auch!) für jemand etwas ganz Besonderes ist…

 

Das Lied vom Sternenmann, das Max von Thun für seinen Sohn geschrieben hat, ist am Ende des Buches abgedruckt, genau wie ein Link zum Anhören des Liedes.

Mein Vater, die Dinge und der Tod

 

 

Rainer Moritz, Mein Vater, die Dinge und der Tod, Kunstmann Verlag 2019, ISBN 978-3-95614-257-4

 

In den letzten Jahren haben Bücher Konjunktur, in denen Frauen und Männer, oft bekannte Autoren, sich nach dem Tod eines Elternteils erinnern, die Beziehung zu Vater oder Mutter reflektieren, sich so manches von der Seele schreiben und danach vielleicht besser weiterleben können, weil sie richtig Abschied genommen und alles, gerade auch das Schwere und Problematische losgelassen haben.

Zuletzt hat die Schweizerin Cristina Karrer in ihrem bei Orell Füssli erschienenen Buch „Meine Mutter, ihre Liebhaber und mein einsames Herz“ das auf eine bewegende und literarisch anspruchsvolle Weise getan. Bei längerem Nachdenken erinnere ich jedoch auch in der Vergangenheit meines langen Leselebens viele Bücher, die sich dem Vater oder der Mutter genähert haben. Unvergessen bleibt für mich das Buch des jüngst verstorbenen großen Peter Härtling, in dem er unter dem Titel „Nachgetragene Liebe“ 1980 seinem längst verstorbenen Vater ein literarisches Andenken widmete und für viele seiner literarischen Nachfolger Standards setzte.

 

Als der Autor des vorliegenden Buches am 12. Februar 2015 in seinem Büro von seiner Mutter die telefonische Nachricht erhält, sein Vater sei gestorben, kann er erst nicht wirklich begreifen, was sie ihm da mitteilt. Die Bestattung ist lange vorbei, als er sich daran macht, seine Erinnerungen an seinen Vater niederzuschreiben, und sich auf diese Weise so etwas wie einem Begreifen zu nähern.

 

Es geht in seinem sehr persönlichen Buch nicht nur um Verlust und Trauer, sondern auch um die Geschichte einer Generation der jetzt etwa Sechzigjährigen und ihre Beziehung zu ihren Eltern. Und es geht darum, wie wir uns eigentlich erinnern:

„Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.“

Wie bei Cristina Karrers oben erwähntem Buch sind es die Dinge, die lange nicht beachteten, so selbstverständlichen, die nach dem Tod Erinnerungen vermitteln und transportieren.

 

Warmherzig und authentisch vergegenwärtigt sich Rainer Moritz das Leben seines Vaters und damit auch sein eigenes. Es ist vergänglich, wird irgendwann ein schnelles oder quälendes Ende haben. Gerade angesichts dieses Endes ist es gut, sich zu vergewissern, wer wir sind.

 

Ohne es erst recht zu merken, wird der Leser mitgenommen in diese Selbstvergewisserung und beginnt schon bald, sich beim Lesen von Moritz` Erinnerungen mit seinem eigenen Leben zu befassen.

 

Selbst Jahrgang 1954 hat mich neben der Auseinandersetzung mit dem patriarchalischen Vater am meisten angesprochen, wie er das Lebensgefühl einer Generation  beschreibt, zu der ich selbst gehöre.

 

 

Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht der Ferne

 

 

 

Volker Mehnert, Claudia Lieb, Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht der Ferne, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5999-5

 

In diesem Jahr  jährt sich der Geburtstag des großen Wissenschaftlers, Naturforschers und Entdeckers Alexander von Humboldt zum 250. Mal. Aus diesem Anlass hat Volker Mehnert in diesem farbenprächtig mit schönen Illustrationen von Claudia Lieb versehenen Buch das Leben und die Reisen dieses damals berühmtesten Wissenschaftlers nacherzählt.

 

Kinder ab etwa 10 Jahren erfahren zunächst etwas über die Kindheit Alexanders und seines Bruders. Zitiert wird sein Satz, dass er schon früh etwas in sich spürte, was er später als der größte Reisende und Wissenschaftler seiner Zeit verwirklichte: „Ich hatte seit meiner ersten Jugend den glühenden Wunsch nach einer Reise in entfernte Länder.“

 

 

Mit einer unvorstellbaren Reiselust, einem unstillbaren Wissensdurst  und einer Energie, die für zwei Leben gereicht hätte, hat von Humboldt ein wunderbares Leben gelebt und viele Zeitgenossen wie Goethe und Darwin beflügelt. Er war global vernetzt, wie man heute sagen würde,  mit vielen Menschen und Politikern bekannt und gilt als der „wahre Entdecker Amerikas“.

 

Das Buch nimmt seine jungen Leser mit auf seine unzähligen Reisen, wobei die fünfjährige Reise durch Lateinamerika einen Schwerpunkt bildet. Es ist wundervoll illustriert und macht seine Leser zu Humboldts Reisegefährten und lässt uns mit ihm staunen über das Netzwerk des Lebens.

 

Sehr empfehlenswert.

 

 

 

 

 

Wie du bist, wenn du so bist

 

 

Tanja Szekessy, Wie du bist, wenn du so bist, Klett Kinderbuch 2018, ISBN 978-3-95470-190-2

 

In diesem Buch für kleine Kinder ab 3 Jahren geht es um die Beziehungen und die Interaktionen von Kindern untereinander. Es handelt von einem kleinen Mädchen und einem Hasen. Sie sind seit langem gute Freunde und verstehen sich gut. Aber eben nicht immer. Das gefällt dem Hasen nicht und er sagt zu dem Mädchen: „Ich zeig dir mal, wie das ist, wenn du so bist.“

 

Und dann sehen wir, was das Mädchen macht, wie es den Hasen behandelt und mit ihm auf ganz unterschiedliche Weise umgeht. Und ohne viel, meistens sogar ohne Worte zeigt Tanja Szekessy mit ihren Illustrationen, wie es dem Hasen jeweils geht, wie er sich fühlt. Und sie zeigt, wie er sich fühlt, wenn das Mädchen nicht böse zu ihm ist, sondern zugewandt und lieb.

 

Diesem wunderbaren Bilderbuch gelingt es sehr schnell, Kinder ab 3 Jahren sofort zu erreichen. Denn sie selbst wissen genau, dass auch sie selbst mal gemein und mal lieb sind. Und sie erkennen sich sowohl in dem Mädchen  als auch in dem Hasen sofort wieder.

 

Ein Buch, das geradezu danach ruft, in Kleingruppen in Kitas eingesetzt zu werden, denn Kinder, die andere eher gedankenlos behandeln und sich gegen mündliche Ermahnungen resistent zeigen, können vielleicht mit diesem kleinen Buch erreicht werden.

 

Ein schönes wichtiges Bilderbuch, das zur Empathie ermutigt.

 

 

Ein Kleid voller Geschichten

 

 

Irene Berg, Ingrid Mennen, Ein Kleid voller Geschichten, Kunstanstifter Verlag 2018, ISBN 978-3-942795-66-1

 

Ingrid Mennen erzählt in einer kurzen, poetischen Geschichte, die Rolf Erdorf aus dem Afrikaans ins Deutsche übertragen hat, von der kleinen Tinka. Tinka liebt wie so viele andere Kinder Geschichten, Buchstaben und Wörter über alles. Sie ist ein neugieriges und bücherliebendes Kind, die alles um sich herum entdeckt und zu erfassen versucht.

 

Dazu bastelt sie sich aus einer Zeitung eine eigene Freundin aus Papier, der sie alles erzählt und zeigt von ihrer phantasievollen Welt, die sie sich erschafft.

 

Und noch vieles mehr lässt sich die kleine Tinka einfallen, was den Kindern ab etwa 3 Jahren, denen dieses Buch vorgelesen wird, sehr gefallen wird, zumal Irene Bergs ruhige und farblich sparsame Illustrationen die Geschichte einfühlsam begleiten.

 

 

Chagall

 

 

 

 

 

 

Annette Weber, Chagall, wbg Theiss 2018, ISBN 978-3-8062-3750-4

 

Dieser prächtige und wertvolle Bildband ist eine hervorragende Einführung in das Leben und das wunderbare künstlerische Werk von Marc Chagall. Marc Chagall wurde 1887 als Moische Zagalov in Witesbek im heutigen Weißrussland als Sohn einer strenggläubigen jüdischen Familie geboren. Er hat selbst später einmal zu dieser Herkunft gesagt: „Wäre ich nicht Jude gewesen, wäre ich kein Künstler geworden, oder doch ein ganz anderer.“

 

Die starke Hand seiner Mutter war es, die ihm eine künstlerische Laufbahn ermöglichte. Der Bildband erzählt einiges über sein Leben, seine familiären Hintergründe, seine Ehe mit Bella, seine wechselnden Wohnsitze und vor allem seine Bilder.

 

Hauptthema allerdings ist seine Kunst. Seine leuchtenden, in intensiv farbigen Bilder sprechen sehr viele Menschen an, und so sind Ausstellungen mit seinen  Werken regelmäßig überlaufen. Auch Kirchen, wie etwa  St. Stephan in Mainz, für die er Fenster entworfen hat, sind zu Publikumsmagneten geworden.

 

Seine Bilder werden häufig als Metaphern seiner verlorenen ostjüdischen Lebenswelt gedeutet. Seine unverwechselbare figurative Bildsprache und ihre emotionale Botschaft machen das Werk Chagalls einzig in der Kunst des 20. Jahrhunderts und sind auch von Laien sehr schnell zu identifizieren.

 

Annette Weber erklärt in ihrem wunderbaren Buch die künstlerische Entwicklung Chagalls entlang seiner Biografie, die durch die Erfahrung von Exil und Holocaust geprägt war. Großformatige Abbildungen zeigen Gemälde, Graphiken und Gouachen aus allen Schaffensphasen, darunter auch die berühmten Bibel-Illustrationen und Glasfenster.

 

Für Chagallkenner und Kunstgeschichtler interessant ist ihre Neubewertung des Frühwerks Chagalls und die Einordnung bisher nicht zugänglicher Werkle aus russischem Besitz.

 

Das Buch verschafft seinem Leser und Betrachter einen ästhetischen Hochgenuss und einen frischen Blick auf einen der populärsten Künstler unserer Zeit.

 

 

 

Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs

 

 

Rainer Sorries, Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs, Butzon und Bercker 2011, 330 Seiten, ISBN 978-3-7666-1316-5

 

Der in Erlangen lehrende evangelische Theologe und Professor für christliche Archäologie und Kunstgeschichte, Rainer Sörries, ist nebenbei auch Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel.

 

Schon in mehreren anderen Veröffentlichungen hat er sich als ein profunder Kenner der Geschichte und des Wandels der Bestattungskultur gezeigt. In diesem Buch nun legt er sozusagen die Summe seiner Forschungen vor: eine „Kulturgeschichte des Friedhofs“. Er geht zurück bis in die Antike und verfolgt dann die verschiedenen Bestattungskulturen und -riten quer durch die Geschichten bis in die Neuzeit.

 

Ab da beginnt das bisher nur für kulturgeschichtlich interessierten Leser wichtige Buch eine Aktualität zu entfalten, der sich kein Leser entziehen kann, der auf dem örtlichen Friedhof oder auf irgendeinem anderen Gräber von verstorbenen Angehörigen zu versorgen hat, oder der sich Gedanken darüber macht, wie er selbst einmal bestattet werden möchte in Zeiten, in denen die eigene Kinder schon lange nicht mehr am Ort leben. Für die wachsende Zahl der Menschen, die ohne Nachkommen irgendwann sterben werden, stellt sich diese Frage noch deutlicher. Es ist aber nicht nur diese Entwicklung, die zu einer großen Veränderung in der modernen Bestattungskultur geführt hat. Es ist auch die immer weiter voranschreitende Entchristlichung unserer Gesellschaft und das Auswandern bisheriger Jenseitsvorstellungen, die immer in der Geschichte Auswirkungen auf die Kultur des Friedhofs hatten, in bunte, nicht schwarze Formen der Esoterik.

 

Die manchmal recht trostlosen Trauerfeiern der beiden christlichen Kirchen, die fehlende Individualität bei vielen Ansprachen und Reden haben diese Entwicklung zugespitzt. Freie Trauerredner mit nicht selten erheblicher theologischer, seelsorgerlicher und ritueller Kompetenz haben mittlerweile ein buntes Spektrum an verschiedenen Bestattungsformen und -riten entwickelt. Sie sind wie immer in der Geschichte, ein Spiegel einer sich wandelnden Gesellschaft.

 

Der Blick auf die Geschichte des Bestattens ist somit immer auch ein Blick auf die Geschichte des Menschen und seiner jeweiligen Kultur. Unsentimental diese Veränderungen bis in die aktuelle Gegenwart aufgezeigt zu haben, ist das große Verdienst dieses Buches. Es sollte privatfortbildnerische Pflichtlektüre jedes Menschen sein, der professionell im Bestattungswesen tätig ist.