Amsel und Papagei

 

 

 

Antonie Schneider, Jana Walczyk, Amsel und Papagei, Nilpferd 2019, ISBN 978-3-7074-5217-4

 

 

Unscheinbar, farblos, von keinem beachtet – so sitzt die graue Amsel täglich stumm und traurig in ihrem Nest. Auch die Ermutigungen der anderen Vögel („Eine Amsel muss singen!“) können sie nicht aufmuntern. Sie ist traurig und wird immer noch grauer und grauer. Wäre sie ein Mensch, würde man sagen, sie hat ein e ausgewachsene Depression.

 

Doch Kinder, für die dieses schöne und im Verlauf immer farbenfroher werdende Bilderbuch geschrieben ist, kennen solche Gefühle, wenn man sich unscheinbar, grau und unbeachtet fühlt, keiner mit einem spielen will.

 

Als der Amsel ein Papagei begegnet, der wegen seiner grellen Buntheit nach eigener Aussage ebenso unbeliebt unter den anderen Vögeln ist, wie die graue Amsel, ändert sich für beide ihr Leben. Der Papagei schenkt der Amsel drei Federn: eine so blau wie der Himmel, eine so rot wie die Mohnblumen, eine so golden wie die Sonne.

 

Vor lauter Glück reißt die Amsel ihren Schnabel auf und: sie singt!

Sing mit uns! , rufen ihr die anderen Vögel zu. Und dann singen sie zusammen das Himmelslied, das Lied vom Mohnblumenfeld und das Lied von der Sonne.

 

„Amsel & Papagei“ ist eine schöne gleichnishafte Geschichte darüber, wie aus Traurigkeit und Tristesse Glück und farbige Lebensfreude werden können. Jana Walczyk hat mit ihren immer bunter und fetter werdenden Illustrationen diese Geschichte eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Ich und meine Angst

 

 

 

 

Francesca Sanna, Ich und meine Angst, NordSüd Verlag 2019, ISBN 978-3-314-10471-8

 

Die in der Schweiz lebende Sardinierin Francesca Sanna hat 2016 mit ihrem ebenfalls bei NordSüd verlegten Bilderbuch „Die Flucht“ ihr überzeugendes Debüt gegeben und war damit  2017 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

 

Nachdem sie in der Zwischenzeit für den Atlantis Verlag zwei Bilderbücher geliefert hat, ist sie mit ihrem neuen Buch wieder bei NordSüd gelandet, wohl auch weil sie mit ihrer Geschichte „Ich und meine Angst“ direkt an die Erzählung des kleinen Mädchens aus „Die Flucht“ anschließt.

 

Schon immer hatte das kleine Mädchen eine winzige Freundin namens Angst. Doch seit sie in das neue Land gekommen sind, ist aus der kleinen Angst eine große geworden, die immer noch weiter wächst. Besonders in der Schule wird das deutlich, wie die Angst das kleine Mädchen in seinen Klauen hat. Tagsüber kann sie sich nicht konzentrieren und nachts lässt die große Angst nicht schlafen.

 

Als sich eines Tages ein Junge ihr nähert, sie zusammen zeichnen und er dann, nachdem sie auf den Spielplatz gegangen sind, einem bellenden Hund mit lauter Stimme ausweicht, da spürt das Mädchen, dass auch er so wie sie selbst eine geheime Angst hat.

 

Francesca Sanna zeigt in ihren Bildern sehr ausdrucksstark, wie mit wachsendem Kontakt zu anderen die als weißes Gespenst gezeichnete Angst immer kleiner wird.

„Es ist immer noch nicht leicht, alles zu verstehen. Aber mir ist aufgefallen, dass auch alle anderen Kinder Ängste haben…“

 

In einem persönlich Nachwort erzählt Francesca Sanna davon, wie ihre eigene Angst sie fast hinderte, das Buch fertigzustellen und wie ihr die vielen Kinder aus fremden Ländern, mit denen sie in Schule und Bibliotheken gesprochen hat, dabei geholfen haben, sie zu überwinde

Über das Marionettentheater

 

 

Heinrich von Kleist, Hanna Jung, Über das Marionettentheater, Kunstanstifter Verlag 2019, ISBN 978-3-942795-77-7

 

Im Jahr 1810, also ein Jahr vor dem zusammen mit der unheilbar kranken Freundin Henriette Vogel verübten Selbstmord veröffentlichte der Dramatiker und Lyriker Heinrich von Kleist die essayistische Erzählung „Über das Marionettentheater in den von ihm selbst herausgegeben Berliner Abendblätter. Nachdem die Zeitschrift kurze Zeit später aufgrund finanzieller Probleme und unter hohem Druck der politischen Zensur eingestellt wurde, wurde die Erzählung in vielen Ausgaben bis in die jüngste Zeit immer wieder verlegt.

Die 1972 in Tschernowitz in der Ukraine geborene und in Stade aufgewachsene Illustratorin Hannah Jung hat sie für ihr Bachelorprojekt über den Begriff der natürlichen Grazie wieder ausgegraben und sie auf eine faszinierende Weise illustriert.

 

In Kleist Erzählung geht es um Fragen bleibender Aktualität: Sind Marionetten geeigneter, um natürliche Grazie in ihre Bewegungen einzubauen? Beschädigt die menschliche Reflexion diese Fähigkeit? Hat der Mensch seine Unschuld verloren und kann nie wieder die ideale Anmut erreichen?

 

Hanna Jung setzt den Klassiker in ihrem Bilderbuchdebüt phantasievoll in Szene und ermöglicht durch ihre Illustrationen einen neuen Blickwinkel auf das Werk.

Als der Trecker kam und das Pferd verschwand. Landwirte erinnern sich

 

 

 

Marion Wilk, Ernst Matthiesen (Hg.), Als der Trecker kam und das Pferd verschwand. Landwirte erinnern sich, LV Verlag 2019, ISBN 978-3-7843-5608-2

 

Waren in der Landwirtschaft unseres Landes  in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts starke und extra für die Feldarbeit gezüchtete Pferde noch unentbehrlich, wurde die Landwirtschaft in den Jahren nach 1950 und in den folgenden Jahrzehnte immer mehr durch die Vollmotorisierung vollständig umgekrempelt. Immer mehr und immer größere Traktoren wurden zugelassen und revolutionierten nicht die Feldarbeit sondern auch den Berufsalltag vieler Landwirte und ihrer Familien.

 

Wie haben die Landwirte und ihre Familien diese Veränderungen erlebt? Welche Herausforderungen  durch die neue Technik mussten bewältigt werden und wie sind die Bauern damit umgegangen, etwa durch die Gründung von Maschinenringen, die die enormen Investitionen für den Einzelnen finanzierbar machten?

 

Die beiden Autoren des vorliegenden reich mit Originalfotografien bebilderten Buches haben bei ihren Recherchen mit drei der wenigen Zeitzeugen gesprochen, die diese Zeit noch persönlich erlebt haben.

Rudolf Schwarting, Heinrich Fricke und Hermann Dieck lassen mit ihren kenntnisreichen und humorvollen Schilderungen diese Zeit und ihre kulturellen Umbrüche in der Landwirtschaft noch einmal lebendig werden.

 

Ein Buch voller Erinnerungen Anekdoten und interessanten kulturgeschichtlichen Betrachtungen. Ein wichtiges Zeitzeugnis auch für Historiker lehrreich.

 

 

Der Crash ist da. Was Sie jetzt tun müssen

 

 

 

Florian Homm, Moritz Hessel, Der Crash ist da. Was Sie jetzt tun müssen, Finanzbuchverlag 2019, ISBN 978-395972-231-2

 

Dass die Entwicklung der letzten Jahre mit immer weiter steigenden Aktienkursen und einem schon schwindelig machenden Steueraufkommen der öffentlichen Hände nicht lange mehr so weiter gehen würde, war jedem vernünftig denkenden Menschen angesichts der Schwankungen der letzten Jahrzehnten schon länger klar.

Während die Haushaltspolitiker des Bundes und auch viele Börsenjournalisten von einer leichten Krise sprechen, sieht der bekannte und erfolgreiche Berater Florian Homm den Crash schon im Anmarsch.

 

In seinem vorliegenden Buch, das sich hauptsächlich an Menschen richtet, die an der Börse und mit Immobilien spekulieren und Geld verdienen (wollen), beschreibt er den jüngsten Abschwung an den Märkten nur als eine Vorstufe zu einer langjährigen „Kernschmelze“, die er nicht nur in Deutschland bevorstehen sieht. Und ähnlich wie die letzte Phase des Aufschwungs seit der Finanzkrise 2010 ungewöhnlich lang war, werden, so Homm, der bald bevorstehende Börsenkollaps und die nachfolgende Wirtschaftskrise viel länger anhalten als üblich und mehr Vermögen vernichten und Schaden anrichten als andere Zusammenbrüche seit 90(!) Jahren.

 

Insbesondere das sogenannte „Betongold“, also das Setzen auf steigende Immobilienpreise bei historisch niedrigen Zinsen, das viele auch kleine Sparer zum Investieren in Wohnungen und Häuser gebracht hat, wird seinen Wert in sehr vielen Fällen einbüßen.

 

Viele jetzt noch sicher scheinende Jobs sind gefährdet, was den meisten ihrer Inhaber heute noch gar nicht klar ist.

 

Neben vielen informativen Analysen, die mir allerdings ein wenig übertrieben scheinen, gibt das Buch dem Profianleger, der viel Geld hat und deshalb auch viel verlieren kann, Hinweise „wie Sie mit Krisen ein Vermögen verdienen können“. Es ist ein sehr praxisorientiertes Buch mit vielen Handlungsempfehlungen.

 

 

 

 

 

 

 

Grosse Vogelschau

 

Bibi Dumon Tak, Grosse Vogelschau, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5637-6

 

Nach ihrem wunderschönen 2017 ebenfalls bei Gerstenberg in Hildesheim erschienenen Buch „Mikas Himmel“, einem warmherzigen, sehr tröstlichen Buch über das Abschiednehmen, in dem zwei Geschwister von ihrem geliebten Hund sich lösen müssen, weil er todkrank ist, legt die Niederländerin Bibi Dumon Tak nun ein sehr großformatiges Sachbilderbuch vor, das Meike Blatnik wiederum aus dem Niederländischen übersetzt hat.

 

Bibi Dumon Tak erzählt in einer großen Vogelschau von „Luftakrobaten, Überfliegern und Krachmachern“, wie es im Untertitel heißt. Das prächtige Buch geht zurück auf das zwischen 1770 und 18209 entstandene, sorgfältig mit handkolorierten Kupferstichen ausgestattete vogelkundliche Standardwerk „Nederlandsche Vogelen“.

 

Insgesamt 30 heimische Vögel hat Bibi Dumon Tak daraus ausgewählt. Auf eine humorvolle und informative Weise stellt sie unterschiedliche Vögel vor, von denen viele auch in Deutschland vorkommen.  Es ist die Zusammenschau zwischen den alten Stichen und den neuen Texten der Autorin, die den das Buch studierenden Kindern (und Erwachsenen) einen überaus interessanten und lehrreichen Einblick in die Arbeit von Vogelkundlern damals und heute geben kann.

 

Ein wunderbares Sachbilderbuch, wie es sie auch in dieser prachtvollen Ausstattung nur selten gibt.

 

 

 

Der Wolf, die Ente & die Maus

 

 

Mac Barnett, Jon Klassen, Der Wolf, die Ente & die Maus, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10440-4

 

Ein früher Morgen mitten im Wald. Der Wolf trifft auf eine kleine Maus, und wie es so geht, er verschlingt sie. Im Bauch des Untiers fängt die Maus gleich an zu jammern und wird von einer Stimme zur Ruhe greifen. Die Stimme gehört einer Ente, die schon vor einiger Zeit vom Wolf gefressen wurde und es sich seitdem in seinen Bauch recht gemütlich gemacht.

 

Die beiden lernen  sich schnell kennen, unterhalten sich prächtig, essen sich tüchtig satt und philosophieren über die Annehmlichkeiten des Gefressenwerdens.
 

Denn merke:  wer bereits gefressen worden ist, braucht sich  nicht mehr davor zu fürchten. Am Ende gelingt es den beiden Komplizen sogar den Wolf vor einem Jäger zu retten und so ihr sicheres behagliches Zuhause zu verteidigen. Und der Wolf zeigt sich erkenntlich…

Der bekannte amerikanische Kinderbuchautor Mac Barnett hat ein witziges Bilderbuch geschrieben und Jon Klassen hat es mit gekonnter Reduktion und unvergleichlich scharfem Witz illustriert.

Hier sind wir. Anleitung zum Leben auf der Erde

 

 

 

Oliver Jeffers, Hier sind wir. Anleitung zum Leben auf der Erde, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10453-4

 

Der bekannte Kinderbuchautor und Illustrator Oliver Jeffers ist Vater geworden. Und er verspürt das Bedürfnis, seinem kleinen Sohn die Welt zu erklären. Die Welt in ihrer ganzen Vielfalt und Schönheit, aber auch in ihre Abhängigkeit vom Tun der Menschen und ihrer Gefährdung.

 

Er erzählt ihm in wunderbaren Bildern vom Weltall, in dem die Erde nur ein kleiner Fleck ist. Und von der einzigartigen Erde, dem Meer und der Wüste, den Bergen und Seen, dem Wetter und von den Menschen und ihrem Körper.

 

Es gibt unter ihnen viel Unterschiede, „Aber lass dich nicht täuschen: Wir sind alle Menschen.“ Kein Mensch ist wie der andere, und  doch haben alle die gleichen Bedürfnisse.

Oliver Jeffers macht seinem Sohn Harland mit wenigen, präzis gewählten Worten und eindrücklichen Bildern die Welt begreifbar. Denn letztlich ist unser Fortbestehen in unserer Verantwortung. „Achte gut auf die Erde, denn es ist die einzige, die wir haben.“

 

Ein kleines Meisterwerk.

 

 

Romantische Gartenreisen in den Niederlanden und Belgien

 

 

 

Anja Birne, Elke Borkowski, Romantische Gartenreisen in den Niederlanden und Belgien, Callwey 2019, ISBN 978-3-7667-2395-6

 

Nicht nur wegen ihrer jahrhundertelangen Traditionen der Tulpenzucht und des Tulpenanbaus sind die Niederlande seit langem eine der großen Gartennationen Europas. Das benachbarte Belgien ist es nicht weniger.

 

In der erfolgreichen Reihe der „Romantischen Gartenreisen“ des Callwey Verlags aus München haben die Bestsellerautorin Anja Birne und ihre Fotografin Elke Borkowski die schönsten Gärten in den Niederlande und Belgien besucht und in Wort und Bild porträtiert. Bekannte und weniger bekannte Gärten, die jeder Gartenfreund gesehen haben sollte.

 

Das Konzept der Reihe ist so aufgebaut, dass der Leser dieses Buches sich von ihm ermutigen lassen soll, in einer oder mehreren Teilreisen diese Gärten selbst aufzusuchen und zu besichtigen.

 

Genaue Reisebeschreibungen und Ortsangaben machen zusammen mit zahlreichen anderen Reisetipps und Wissenswertem das Buch zu einem idealen Reiseführer für jeden Gartenfreund.

 

Porträts besonderer Persönlichkeiten, Einblicke in die junge begeisternde Gartenszene dieser beiden Länder sowie ein umfassender Serviceteil machen das Buch zu einem Leckerbissen für alle Gartenfans.

 

30 beliebte Rezepte aus der Region schließen ein wunderbares Buch ab, das auch für Gartenfreunde von Interesse ist, die keine Gartenreise unternehmen, für die Menschen allerdings, die sich solchen Reisen als Hobby verschrieben haben und die Gärten der Niederlanden und Belgiens kennenlernen wollen, ist es unverzichtbar.

 

 

Eine gewöhnliche Familie

 

 

Sylvie Schenk, Eine gewöhnliche Familie, Hanser b2018, ISBN 978-3-446-25996-6

 

Sylvie Schenk wurde in Chambéry, Frankreich, geboren, studierte in Lyon und lebt seit 1966 in Deutschland  bei Aachen und zeitweise in La Roche-de-Rame, Hautes-Alpes. Sie veröffentlichte zunächst Lyrik auf Französisch und schreibt seit 1992 auf Deutsch.

So richtig bekannt wurde sie nach etlichen bei anderen deutschen Verlagen veröffentlichten Romanen 2016 mit ihrem stark autobiographisch geprägten Roman „Schnell, dein Leben“, ihrem ersten  bei Hanser verlegten Buch.

 

Neben dem überzeugenden und bewegenden autobiographischen Zeugnis bestach dieses Buch damals durch seine feine Beobachtungsgabe über die Entwicklungen in Deutschland und  Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg und die vorsichtige Annäherung der beiden Länder nach dem Elyseevertrag zwischen de Gaulle und Adenauer.

 

Auch der neue Roman ist eine Geschichte über eine Familie, eine Geschichte von vier Geschwistern, die verschiedener nicht sein könnten. Celine, eine der Geschwister wohnt seit langem in Frankfurt am Main. In der Familie nennen sie sie „die Deutsche“. Celine erlebt seit sie nach Deutschland gegangen ist, etwas, worunter die meisten Auswanderer leiden. Zuhause in ihrem Herkunftsland fühlen sie sich immer fremder, je länger sie im Ausland leben und dort im neuen Land können sie nie richtig heimisch werden.

Sylvie Schenks Sprache ist  ist knapp und präzise, genau beobachtet ihre Protagonistin ihre Umwelt und die Menschen, denen sie begegnet. Schon der Anfang des Buches nimmt gefangen: „Frankfurt liegt schon weit zurück, und bis Lyon ist noch genügend Zeit (…) Sie möchte sich auf die Begegnungen vorbereiten. Sie möchte Worte finden, die ihre Empfindungen übertragen, sie möchte sich die Situation ausmalen, die sie erwartet, sie möchte sich sammeln.“

 

Tante Tamara und Onkel Simon sind in Südfrankreich gestorben und Celine fährt mit sehr gemischten Gefühlen zu ihrer Beerdigung. Denn sie wird dort seit langem einmal wieder auf ihre drei anderen Geschwister treffen. Es waren die beiden Verstorbenen, die zu Lebzeiten immer wieder die Familie zusammengehalten haben und die immer wieder aufbrechenden Gräben zwischen den Geschwistern notdürftig zuschaufelten.

 

Doch nun, da sie tot sind, bricht die alte Uneinigkeit wieder auf und schon auf dem Weg zur Trauerhalle fangen die Auseinandersetzungen zwischen den Geschwistern um das Erbe von Tante und Onkel an.

 

Alle leiden schon seit langem an einer gefühlten großen Ungerechtigkeit in der Familie, jeder hat Angst, zu kurz zu kommen, wie schon so viele Male zuvor. Darin ähneln sie vielen anderen Familien in Frankreich aber auch in Deutschland.

 

Doch nicht nur die Gräben zwischen den Geschwistern, deren Eltern schon vor längerer Zeit verstorben sind, werden sichtbar, sondern die in der ganzen großen Familie. Onkel Simon, seines Zeichens erfolgreicher Zahnarzt und Tante Tamara waren reich und kinderlos, Simons Bruder und Celines Vater, obwohl ebenfalls als Zahnarzt tätig, eher kleinbürgerlich und seine Frau eine eher graue Maus. Von ihrer Schwägerin wurde sie auch lange Jahre entsprechend behandelt.

 

Wie in einer Tiefenbohrung fördert Sylvie Schenk immer weitere Sedimente der Familiengeschichte zu Tage, indem sie alle Beteiligten zu Wort kommen lässt und auf wenigen Seiten auf sprachlich dichte und poetische Weise die Geheimnisse der Familie Cardin ans Licht bringt.

 

Es geht um circa eine Million  Euro, die die vier Geschwister erben sollen, doch das Testament ist verschwunden. Aber auch viele andere „Erbstücke“ tragen schwer und sind unter den Geschwistern heftig umstritten.

 

Gegen Ende wird Celine ernüchtert sagen:

„Was ist aus dir, aus uns geworden, die wir hier nun alle um ein Vermögen streiten, die wir der Liebe an den Kragen gegangen sind, die wir den großen Leidenschaften den Garaus gemacht haben, die wir alle Träume über Bord geworfen, alle Visionen zertrümmert haben?“

 

„Eine gewöhnliche Familie“ ist ein  kluges und bewegendes Buch und der Leser wird das Gefühl nicht los, dass diese Familie auch seine eigene sein könnte.