Der neue Iran

 

 

 

Charlotte Wiedemann, Der neue Iran, tb, DTV 2019, ISBN 978-2-423-34944-4

 

Der Iran ist seit der islamischen Revolution 1979 für den Westen zunehmend unzugänglich gewesen. Nicht nur durch die erfolgreichen Verhandlungen über seine Atompolitik ist es dem Westen gelungen, diesen für die Situation im Nahen Osten und damit für den gesamten Weltfrieden so wichtigen Player wieder neu einzubinden und ihn von einen eher geächteten „Schurkenstaat“ zu einem begehrten Partner zu machen.

Die Journalistin Charlotte Wiedemann, die sich gut in islamische Lebenswelten auskennt, hat in  der letzte Zeit den Iran oft bereist und legt mit ihrem neuen Buch einen lesenswerten und lehrreichen Überblick eines Landes vor, das so oder so im Nahen Osten eine zunehmend tragende Rolle spielt und noch spielen wird.

 

Zunächst zeichnet sie eine Entwicklung nach, in der der Iran vom strategischen Partner vor allem der USA in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach 1979 zu einem erbitterten Feind wurde und jeglicher Handel erstarb, wobei sich der Iran vollständig abschottete.

In den letzten 15 Jahren hat vor allem der Atom-Streit die Beziehungen zwischen dem Westen und Iran belastet. Zeitweise wurden die sogar ganz ausgesetzt. Die gegen den Staat verhängten Sanktionen schwächten die Wirtschaft und hatten vor allem Auswirkungen auf die Bevölkerung.

 

Nach der nach jahrelangen Verhandlungen erzielten Einigung im Atomstreit ist nun ein neues Kapitel angebrochen: eines, das die Frage aufwirft, welche Rolle der Staat im Nahen Osten einnehmen wird, heute und vor allem morgen.

 

Charlotte Wiedemann zeigt gut verständlich und nachvollziehbar mögliche Wege auf, auch wenn sie sich zu keiner genauen Vorhersage in der Lage sieht, wie sich vor allem innenpolitisch der Iran in den nächsten Jahren entwickeln wird.

 

Angst vor gar nix?

 

 

Werner Holzwarth, Daniel Kratzke, Angst vor gar nix, Klett Kinderbuch 2019, ISBN 978-3-95470-203-9

 

Alle Eltern wissen das, die meisten Menschen wissen es aus ihrer eigenen Kindheit. Die Ängste von Kindern können ziemlich groß sein und sich je nachdem noch steigern. Was man auch weiß ist, dass solche Ängste gezähmt werden können, wenn man über sie spricht.

 

In der neuen Bilderbuchgeschichte von Werner Holzwarth, die er in wunderbaren Reimen getextet hat und die Daniel Kratzke witzig illustriert hat, geht es um Kinderängste. Verschiedene Kinder überbieten sich auf jeder Seite mehr mit der Schilderung ihrer Ängste. Doch am rechten unteren Bildrand steht ein kleiner Angeber namens Franz und antwortet jedem Kind:

„Das ist doch Firlefanz,

ich hab vor gar nix Angst“, sagt Franz.

 

Immer weiter schaukeln sich die Kinder mit ihren Ängsten gegenseitig  hoch. Solange bis auch der so coole Franz „seine“ Angst kennenlernt, nämlich die „gar nix“ bzw. allein zu sein, ohne Freunde und einsam.

 

Doch die anderen Kinder schaffen Abhilfe:

„Angst ist niemals Firlefanz,

doch es gibt immer Hilfe, Franz.

Meistens ist das gar nicht schwer:

Wir sind ja hier. Komm einfach her.“

 

Eine aufregende Reimgeschichte für mutige Angsthasen, voller Angst-Lust.

 

 

 

 

 

Billys Erdengang. Eine Elephantengeschichte für Kinder

 

 

 

Erich Mühsam, Paul Haase, Billys Erdengang. Eine Elephantengeschichte für Kinder, Walde+Graf Verlag 2018, ISBN 978-3-946896-36-4

 

Dieses klassische Bilderbuch ist im Jahr 1904 zum ersten Mal erschienen und feierte damals mitten in der wilhelminischen Zeit, die durch Härte und Strenge in der Erziehung von Kindern geprägt war, die Freiheit des eigenen Lebens und eigener Entscheidungen.

 

Hinter dem damaligen Pseudonym Onkel Frank verbargen sich der Schriftsteller Erich Mühsam und der Anstifter des Buches, Hanns Heinz Ewers.

 

In zügellosen Reimen, erzählt Mühsam eine „Elephantengeschichte in Knittelversen“, wie er selbst in seinem Buch „Namen und Menschen“ erzählt.

 

„Billy`s Erdengang“ ist ein sehr phantasievolles Buch voller hintergründigem Humor. Es strahlt in Wort und Bild eine für die damalige Zeit unerhörte Weltoffenheit aus.

 

Gerade in einer Zeit, in der diese Weltoffenheit wieder gefährdet ist, ist es sehr zu begrüßen, dass Walde+Graf diesen Kinderbuchklassiker wiederentdeckt und neu aufgelegt hat.

 

Die ZEIT schrieb dazu: „Man spürt den Spaß, den die beiden beim Reimen hatten. Es holpert zwar oft, was das Versmaß betrifft; aber genau das macht nun noch einen zusätzlichen Reiz dieses rundum, bis in den Umbrich hinein, gelungenen und in seinem künstlerischen Anspruch vorbildlichen Kinderbuchs aus.“

 

Kinder liebe Reime. Und vom Versmaß wissen sie noch nichts.  Ich wünsche diesem Klassiker auch im 21. Jahrhundert viel Erfolg.

 

 

Geht`s noch, Deutschland

 

 

 

 

Claus Strunz, Geht`s noch, Deutschland, Plassen 2018, ISBN 978-3-86470-596-0

 

Claus Strunz ist einer der wenigen im Fernsehen tätigen Journalisten, der noch in der Lage ist, jenseits ideologischer Festlegungen Klartext zu reden und zugespitzt zu fragen und zu formulieren.

 

Das spürt man auch auf fast jeder Seite seines neuen provokativen Buches, das er unter dem Titel „Geht`s noch, Deutschland?“ im Plassen Verlag vorgelegt hat. Ob auf der Bundesebene , auf der Länderebene  oder direkt in der eigenen Kommune – in den letzten Jahren haben die Bürger dieses Landes  viele politische Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen erlebt, die nicht nur Kopfschütteln ausgelöst haben, sondern auch bei nicht wenigen den Frust und die Enttäuschung über die Politik und die Politiker haben wachsen lassen. Der Zuwachs der AfD und eine für Deutschland völlig neue Art des Protestes auf der Straße (vgl. in Stuttgart) , der an die französischen Gelbwesten erinnert, zeigen, dass dies nicht folgenlos bleibt für unseren inneren Frieden und  für unsere Demokratie.

 

Claus Strunz greift an vielen Beispielen die aktuelle labile und geladene Stimmung in Deutschland auf. Er benennt die Probleme und ihre Ursachen, kommentiert zahllose Missstände und Ungeheuerlichkeiten, die sich die deutsche Politik in den letzten Jahren geleistet hat. Aber er versucht auch, Probleme neu zu denken und jeweils Lösungsansätze zu liefern. Die allerdings haben mich nicht immer überzeugt. Ich glaube auch nicht, dass sie, umgesetzt, wirklich weiter helfen würden.

 

Das Buch klärt auf, kann aber nicht den Leseeindruck verhindern, dass all das nicht weiterhelfen wird, sondern dass die innenpolitische Lage in Deutschland sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen wird. Die Wahlen in diesem Jahr könnte der Beginn größerer Umwälzungen sein. Keine schönen Aussichten.

 

 

Unser Baum

 

 

Gerda Muller, Unser Baum, Moritz Verlag 2018, ISBN 978-3-89565-366-7

 

Gerda Muller hat in vielen Büchern Kindern erfolgreich versucht, Phänomene der Natur und die Achtung vor ihnen zu vermitteln. In der hier vorliegenden Neuausgabe eines Buches, das im Jahr 1991 zum ersten Mal erschienen ist, tut sie es am Beispiel des Lebens einer alten Eiche wieder. Eingebettet in eine schöne und Kinder ansprechende Geschichte erklärt sie mit zauberhaften Illustrationen und verständlichen Texten natürliche Prozesse und weckt das kindliche Verständnis für sie.

 

Die Ferien haben begonnen und die beiden Geschwister Leo und Caroline dürfen ihren Cousin Timm besuchen. Der wohnt mit dem Onkel der Geschwister in einem Forsthaus mitten im Wald. Wer hätte als Kind nicht von einem solchen Ferienaufenthalt geträumt? Die Kinder sind begeistert und verbringen jede freie Minute in der Natur. Sie nehmen wahr und lernen kennen viele unterschiedliche Tiere und Pflanzen und wissen bald viel über deren Lebensumstände und  -gewohnheiten.

 

In den Mittelpunkt der lehrreichen Geschichte hat Gerda Muller eine dreihundert Jahre alte mächtige und beeindruckende Eiche gestellt, Lebensraum für zahlreiche Tiere, die die Kinder nach und nach entdecken.

 

Doch im inhaltlichen Zentrum dieses Sachbilderbuchs stehen die auch künstlerisch wertvollen Bilder und die vielen Informationen zu einzelnen Pflanzen und Tieren, die Gerda Muller mit gesonderten kleineren Bildern versehen hat.

 

Wer mit diesem Buch Gerda Muller neu kennengelernt hat, dem seien auch ihre vielen anderen ähnlichen Sachbilderbücher beim Moritz-Verlag empfohlen.

 

 

Die Glocke im See (Hörbuch)

 

 

 

Lars Mytting, Die Glocke im See (Hörbuch), Steinbach Sprechende Bücher 2019, ISBN 978-3-86974-333-2

 

In seinem neuen Roman, der als Beginn einer Trilogie angekündigt wird, verlegt der norwegische Schriftsteller Lars Mytting die Handlung in das Jahr 1880 und den Ort der Geschichte in das Gudbrandsdalen, wo er auch selbst herstammt. Man spürt fast auf jeder Seite, wie sehr er mit den Mythen, Traditionen und Bräuchen dieser abgeschiedenen Gegend verwachsen ist.

Im Zentrum des Buches steht eine Stabkirche in Butangen, einem kleinen Dorf mit vielen zum Teil weit auseinanderliegenden Höfen und ihren beiden „Schwesternglocken“. Deren mythologische bis ins 13. Jahrhundert zurückreichende Geschichte wird zum Beginn des Romans erzählt und sie beeinflussen die Handlung bis zum Ende.

 

Zwei männliche Hauptrollen sind vergeben. Da ist zum einen der junge lutherische Pfarrer Kai Schweigaard, der gerade die kleine Pfarrei mit der 700 Jahre alten Stabkirche übernommen hat und sich bemüht, die alten, teils noch aus den nordischen Naturreligionen stammenden Traditionen der Gemeinde zu verändern. Dafür will er zunächst die alte Stabkirche abreißen und eine neue bauen. Er hat erfahren, dass es in Dresden in Sachsen in der dortigen Kunstakademie Wissenschaftler gibt, die sich für alte Stabkirchen interessieren. Die Dresdner Akademie schickt im Auftrag des sächsischen Königshauses den jungen und begabten Architekturstudenten Gerhard Schönauer nach Butangen, der die alte Kirche vermessen, ihren Abbau überwachen und dann in Dresden ihren Wiederaufbau leiten soll. Vom Erlös soll die neue Kirche finanziert werden.

 

Die dritte Hauptperson ist die junge Astrid Hekne, die seit ihrer Kindheit schon anders ist als alle anderen Mädchen im Dorf. Früh schon träumt sie von einem Leben, das aus mehr besteht als aus Heirat, Kinderkriegen und harter Feldarbeit bis zum frühen Tod. Als der neue Pfarrer seine Tätigkeit aufnimmt, sucht Astrid, die zunächst noch im Pfarrhaus arbeitet, wo sie auch für den alten Pfarrer im Haushalt half, dessen Nähe. Kai Schweigaard leiht ihr seine Zeitungen und findet nicht nur Gefallen an ihrem Wissendurst. Obwohl schon lange verlobt, fühlt er sich zu Astrid hingezogen. Auch Astrid träumt, wenn sie alleine ist, von einem möglichen Leben als Pfarrfrau.

 

Doch als sie Gerhard Schönauer kennenlernt, verliebt sie sich in ihn, obwohl sie gegen den Abbau der Kirche rebelliert, denn mit der Kirche würden auch die beiden Glocken verschwinden, die einer ihrer Vorfahren einst der Kirche gestiftet hat. Man sagt ihnen übernatürliche Kräfte nach und dass sie von selbst läuten, wenn ein Unglück bevorsteht.

 

Astrid ist von dem modernen und weltoffenen Gerhard fasziniert und er erwidert ihre Zuneigung. Doch auch ihre Gefühle für den Pastor sind noch da. Wie soll sie sich entscheiden?

 

Man kann dieses fast 500 Seiten starke Buch nicht mehr lange aus der Hand legen, hat man sich gleich zu Beginn von der wunderbaren Sprache Myttings und seiner warmherzigen Beschreibung nicht nur der Menschen Butangens, sondern auch der rauen Landschaft des Gudbrandsdalen anstecken lassen.

 

Ich bin sehr gespannt, ob der zweite Band der Trilogie eine Fortsetzung des ersten sein wird.  Das Ende von „Die Glocke am See“, das natürlich nicht verraten wird, legt eine solche mögliche Fortsetzung nahe. Ich werde sie mir jedenfalls nicht entgehen lassen.

 

Ein wunderbares, poetisches Buch, mit großer Sprachmacht erzählt.

 

Mit einer ähnlichen „Sprechmacht“ hat die Schauspielerin und Nachrichtensprecherin Beate Rysopp diesen wunderbaren Roman für eine ungekürzte Hörbuchfassung eingelesen. Ihre Stimme lässt die Charaktere und die Landschaften so deutlich werden, dass man glaubt, mitten im Geschehen zu sein und am Kampf der Menschen gegen die Naturgewalten und dem Ringen um ihre Gefühle teilzunehmen.

 

Ein echtes Hörerlebnis.
 

 

 

 

Spaziergang mit Hund

 

 

 

Sven Nordqvist, Spaziergang mit Hund, Oetinger 2019, ISBN 978-3-7891-1060-3

 

Sven Nordqvists neues Bilderbuch ist ein großes Kunstwerk, das seine kleinen Betrachter in eine wunderbare Welt und in grenzenlose Weiten der menschlichen Phantasie führt.

 

Völlig ohne Worte erzählt Nordqvist auf der ersten Seite, wie sich ein kleiner Junge vor der Haustür seiner Großmutter von ihr verabschiedet und ihr zuwinkt. Vielleicht zum ersten Mal (?) darf er den großen wuscheligen weißen Hund der Großmutter ausführen.

 

Damit lässt Nordqvist nicht nur für den kleinen Jungen, sondern auch für seine kleinen Leser einen ungewöhnlichen und überaus farbenprächtigen Spaziergang durch fantastische Bilderwelten beginnen. Zunächst fahren der Junge und sein Hund mit einem Zug durch wunderbare Landschaften, dann führt es sie in einen Park, danach durch wilde Welten voller ungewöhnlicher Figuren, über das Meer, durch die Stadt und dort in verrückte Läden, durch einen paradiesischen Garten und eine geheimnisvolle Burg, bis er zurück in seiner Stadt voller Leben und dem Haus seiner Großmutter kommt. Ein  herrlicher Tag geht zu Ende.

 

Voller zu entdeckender Geschichten ist dieses großformatige Bilderbuch für Erwachsene ein Augenschmaus und für Kinder ein schöner Wimmelspaß.

 

Wie groß doch die menschliche Vorstellungskraft ist – davon erzählt ganz ohne Worte dieses fantastische Bilderbuch.

 

 

 

 

 

Abendrot

 

 

 

 

Kent Haruf, Abendrot, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07045-3

 

Vor zwei Jahr hatte ich mit vielen anderen überraschten Lesern das Glück, den amerikanischen Schriftsteller Kent Haruf mit seinem letzten Roman kennenzulernen, der wohl auch zur großen Überraschung des Diogenes Lektorats sich zu einem großen Verkaufserfolg mit begeisterten Kritiken entwickelte und 2017 verfilmt wurde.

 

„Unsere Seelen bei Nacht“ erschien in den USA als Kent Harufs fünfter Roman, kurz bevor er starb. Im vergangenen Jahr hat Diogenes nach diesem großen Erfolg den zuerst 1999 erschienenen Roman „Plainsong“ unter dem deutschen  Titel „Lied der Weite“ vorgelegt und gezeigt, dass er beabsichtigt, in den nächsten Jahren alle Bücher von Kent Haruf zu verlegen. Ich begrüße das sehr. Als im Jahr 2001 bei btb das gleiche Buch unter dem Titel „Flüchtiges Glück“ erschien, hat es kaum jemand bemerkt.

 

Kent Harufs Romane spielen alle in der fiktiven Kleinstadt Holt in der Prärie des US-Bundesstaats Colorado, die wahrscheinlich viel Ähnlichkeit hat mit der Stadt, in der er mit seiner Familie als Lehrer und Autor lebte.

 

Mit „Lied der Weite“ begann Kent Haruf seinen fünfteiligen Zyklus über das Leben, Leiden und Lieben von unterschiedlichen Menschen in einer ganz normalen amerikanischen Kleinstadt. Es geht mit vielen Nebenhandlungen und -personen um das Schicksal des 17- jährigen Mädchens Victoria Roubideaux, die ungewollt schwanger geworden, von ihrer tendenziell asozialen Mutter aus dem Haus geworfen wird. Victoria flüchtet sich zu Maggie Jones, eine Lehrerin ihrer Schule, die sie zunächst tröstet und verständnisvoll aufnimmt. Zur gleichen Zeit gerät die Ehe vom Maggies Lehrerkollegen Guthrie in die Krise und Haruf verfolgt sehr einfühlsam, wie sich die Krankheit der Mutter auf den Vater und seine beiden Sohne Ike und Bobby auswirkt.

 

Etliche Meilen außerhalb von Holt leben die beiden älteren Brüder McPherson relativ abgeschieden und schlicht auf einer Farm, mit der sie mit Viehzucht seit Jahrzehnten ihren Lebensunterhalt bestreiten, nachdem die Eltern gestorben waren. Maggie Jones verfolgt nun zielstrebig und schlußendlich auch erfolgreich ihren Plan, Victoria Roubideaux bei diesen beiden alten Männern unterzubringen, bis sie ihr Kind zur Welt gebracht hat und sich mehr darüber klar geworden ist, wie ihr Leben weiter gehen soll.

 

Zunächst eher widerstrebend, willigen die beiden Männer in Maggies ungewöhnliches Begehren ein, doch dann geschieht nicht nur mit den beiden, sondern auch mit Victoria und den anderen beschrieben Protagonisten Guthrie, Maggie, Ike und Bobby etwas ganz Ungewöhnliches. Aus einem Akt der Güte werden liebevolle und heilende Beziehungen, die die daran beteiligten Menschen wohl für ihr ganzes Leben verwandeln werden.

 

Ein warmherziges, stellenweise den Leser sehr bewegendes  Buch über Liebe und sozialen Zusammenhalt, über menschliche Stärken und Schwächen und über Menschlichkeit und Hoffnung, die man nie aufgeben darf, egal was passiert und gleich, wie ausweglos die Lage scheint.

 

Mit „Abendrot“ (im Original: „Eventide“) folgt nun der zweite Band der Reihe, der sich liest wie eine Fortsetzung des ersten Bandes. Wie begegnen den beiden McPherson- Brüdern wieder, die nun die meiste Zeit des Jahres wieder alleine lebe, nachdem ihre Ziehtochter Victoria Roubideaux mit ihrer kleine Tochter in die Stadt gezogen ist um dort zu studieren. Auch Maggie und Guthrie tauchen wieder auf.

 

Wir begegnen aber auch neuen Bewohnern jener Kleinstadt in Colorado, wo alles den Rhythmen der Natur in den ungeschriebenen Gesetzen einer Kleinstadt gehorcht. Da sind etwa Betty und Luther, die zusammen mit ihren Kindern in großer Armut in einem verwahrlosten Trailer ihr tristes Leben fristen, und täglich um ein Stück Würde für sich und ihre Kinder kämpfen. Sie werden von der Sozialarbeiterin Rose betreut, die im Verlauf des Buches nach einem schrecklichen  Unglück einem der beiden alten Brüder nahe kommen wird.

 

Ein Junge namens DJ kümmert sich rührend um seinen alten kranken Großvater. Zusammen mit der ebenfalls elfjährigen Dena, deren Familie gerade zusammenbricht, schafft er sich in einem verlassenen Haus ein Ersatzzuhause.

 

Ohne seine Figuren zu bewerten, beschreibt Kent Haruf ihr Leben, ihre Einsamkeit und ihre Gefühle. Jeder von ihnen hat in dieser Kleinstadt Holt mit seinen persönlichen Lebensumständen zu kämpfen, tragische und empörende Umstände zuweilen. Doch Haruf ist kein politischer Schriftsteller, er teilt geradezu das Schicksal seiner Figuren, indem er es mit seiner großen Erzählkunst mitfühlend und warmherzig beschreibt. Immer wieder gibt es in seinen Büchern so etwas wie Hilfsbereitschaft und Hoffnungsschimmer, die das zuvor recht dunkle Leben seiner Protagonisten erhellen. Für den Leser macht diese Menschlichkeit die Lektüre seiner Bücher zu einem beglückenden Erlebnis.

 

Wie gut, dass noch zwei Bände seiner Romanreihe zur deutschen Veröffentlichung offen stehen.

 

 

 

 

Drei Grazien. Ein Fall für Kostas Charitos

 

 

 

Petros Markaris, Drei Grazien. Ein Fall für Kostas Charitos, Diogenes 23018, ISBN 978-3-257-07041-5

 

In allen seinen bisherigen Romanen der letzten Jahre hat sich der griechische Schriftsteller Petros Markaris mit seinem Kommissar Kostas Charitos, seiner Familie und seinen Kollegen und Bekannten als ein kritischer und Chronist der griechischen Verhältnisse gezeigt. Insbesondere seine Trilogie zur Finanzkrise mit den Bänden „Faule Kredite“, „Zahltag“ und „Abrechnung“ hat seinen Landsleuten schonungslos den Spiegel vorgehalten, aber auch den Lesern in Deutschland etwa eine ganz andere Sicht der tatsächlichen Lebensverhältnisse in Griechenland unter der Krise und der Knute der EU vermittelt.

 

Markaris nutzt mit Kriminalromamen ein literarisches Genre, um die gesellschaftlichen und politischen Zustände und Veränderungen der griechischen Gesellschaft im Zuge der Globalisierung  zu analysieren und zu beschreiben. Er unterhält nicht nur, sondern macht nachdenklich.

 

In seinem neuen Roman „Drei Grazien“ geht es dem Kommissar und seiner Familie ähnlich wie den meisten anderen Griechen wirtschaftlich wieder sehr viel besser als noch in den Jahren der großen Krise. Außerdem hat er durch den Rückzug seines Chefs Gikas auf das Altenteil die Chance auf eine nicht mehr für möglich gehaltene Beförderung.

 

Doch zunächst einmal macht er zusammen mit seiner Frau Adriani seit vielen Jahren zum ersten Mal richtig Urlaub. Sie fahren nach Epirus in ihre alte Heimat und lernen in dem Hotel, in dem sie sich einquartiert haben, drei ältere Frauen kennen, die Kostas bald die „drei Grazien“ nennt. Durchaus wohlwollend, denn Kostas und Adriani freunden sich mit den drei Frauen richtig an. Auch nach der Rückkehr nach Athen werden sie ihren Kontakt aufrechterhalten. Und wie man als aufmerksamer Leser zu Beginn schon richtig vermutet hat, werden die „drei Grazien“ im späteren Verlauf der Handlung noch eine wichtige Rolle spielen.

 

Denn kaum zurückgekehrt ins Athener Polizeipräsidium sieht sich Kostas nicht nur mit etlichen Personalveränderungen konfrontiert, die ihm völlig neue Chancen für seine Karriere eröffnen, sondern auch mit einem Mord an einem Minister. Dieser  mit Gift getötete Minister war bis vor kurzem erfolgreicher Professor an der Athener Universität, bevor er in die Politik wechselte, natürlich ohne die Sicherheit seines Professorenamtes aufzugeben. Ein Bekennerschreiben weist auf den Umstand hin, dass durch solche Praktiken nicht nur die Studenten leiden, sondern auch andere Hochschullehrer mehr unterrichten müssen. Ich nehme an, dass dieses Phänomen nicht nur ein vom Autor erfundenes ist. Als ein weiterer ehemaliger Professor im Regierungsamt auf ähnliche Weise zu Tode kommt und erneut ein Bekennerschreiben den Missbrauch der Beamtenprivilegien anklagt, ist Kostas Charitos sehr schnell involviert in höchste Regierungskreise, die mit Argusaugen seine Ermittlungen beobachten. Da kann er nur von Glück sagen, dass der neue stellvertretende Polizeipräsident ihm wohlgesonnen ist. Noch nie hat Charitos so gut bei einem Fall mit seinem Vorgesetzten kooperieren können. Gute Voraussetzung eigentlich für seine Beförderung.

 

Auch der neue Roman von Markaris ist spannend erzählt, es ist schön, all den alten Bekannten wieder zu begegnen und die neue Figuren in Kostas` Team und im Präsidium lassen für die nächsten Bände wirklich frischen Wind erhoffen. Wie für das ganze Land hoffentlich.

 

Der Kommissar und sein Team stochern lange Zeit im Nebel herum, bis ein Versprecher in einer privaten Unterhaltung den entscheidenden Hinweis auf die dann sehr überraschende Auflösung bietet.

 

Mit Kostas Charitos geht es mir so wie mit etlichen anderen Serienkommissaren. Ich freue mich auf jedes neue Buch, genieße den hintergründigen Humor und die gesellschaftskritische Ironie und unterhalte mich auch wegen der außergewöhnlichen Nebenfiguren köstlich.

 

 

 

 

Goldregenrausch

 

 

 

Claudia Schreiber, Goldregenrausch, Kein & Aber 2018, ISBN 978-3-0369-5783-8

 

Das neue Buch von Claudia Schreiber ist wieder ein wunderbares Porträt eines starken Mädchens, das sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzt und schlussendlich sein Glück findet. Ob es die eine oder andere autobiographische Reminiszenz gibt, vermag ich nicht zu sagen, der Roman spielt jedenfalls in einer großen Landwirtsfamilie in der niedersächsischen Provinz zu einer Zeit des 20. Jahrhunderts , in der Claudia Schreiber selbst als zweitjüngstes Kind von Landworten aufwuchs.

 

Marie Lenz, die Hauptperson des Romans, ist das jüngste Kind einer Landwirtsfamilie, die hart arbeiten muss, um ihren Unterhalt zu bestreiten. Sie wächst unter Bedingungen auf, die heutzutage schon nach einigen Tagen das Jugendamt auf den Plan rufen würde.

Nachdem sie beim Stillen fast erstickt, muss sich Marie über die nächsten zwei Jahre die mütterliche Milch mit einem etwas perversen Finanzbeamten teilen, der die Milch von der Mutter kauft. Die macht es sich, angeblich krank, bequem, und setzt schon das kleine Baby immer wieder auf eine Decke in den Garten, in der Hoffnung, dass die verstoßene Schwester des Bauers, Tante Greta, sich um das Kind kümmert. Die weigert sich zunächst standhaft, für das Kind zu sorgen, zu zerrüttet ist das Verhältnis zu ihrem rüpelhaften Bruder. Doch irgendwann erreicht das kleine Mädchen schrittweise ihr Herz und im Laufe der Jahre nähern die beiden sich langsam einander an.

 

Sie entdecken ihr ähnliches Schicksal und Marie übernimmt Maries große Liebe zu Pflanzen und genaue Kenntnis ihrer Wirkungen, besonders die von Goldregen. Über die Jahre werden sie gemeinsam so stark, dass sie auch vor Vergeltungsschlägen gegen ihre Feinde nicht mehr zurückschrecken.

 

Und Marie findet schließlich trotz einer Herkunftsfamilie, in der die Sorge um das nackte Überleben keinerlei Gefühle zuließ, doch noch so etwas wie persönliches Glück.

„Goldregenrausch“ erzählt eine faszinierende und berührende Geschichte über die Kraft der Liebe, die in einem Menschenkind sozusagen nachwachsen kann, auch wenn sie zunächst verweigert wird.

Und es ist eine Geschichte über die Liebe zur Natur und die Kräfte die ihr innewohnen. Zwei Menschen wachsen zusammen, die für eine gemeinsame liebevolle und nahe Beziehung vom Leben eigentlich nicht füreinander vorgesehen waren.

 

Ich habe das mit einer reichen Sprache geschriebene Buch in einem Rutsch gelesen –und es sehr genossen.