Vom Glück mit Hühnern zu leben. Hühnerfreunde und ihre Geschichten,

 

Manuela von Perfall, Jessica Jungbauer, Vom Glück mit Hühnern zu leben. Hühnerfreunde und ihre Geschichten, Callwey 2019, ISBN 978-3-7667-2377-2

 

Besonders auf unseren Dörfern gab es schon immer Menschen, hauptsächlich Männer, die sich in Geflügelzuchtvereinen organisierten und die verschiedensten Hühnerrassen züchteten und sie einml n jahr auch ausstellten.

 

Doch der Trend, den das vorliegende Buch von Manuela von Perfall und Jessica Jungbauer beschreibt, hat mit dieser alten Tradition nicht mehr viel  zu tun.  Die beiden Autorinnen haben Hühnerfreunde besucht (ausschließlich Frauen), sie fotografiert inmitten ihrer gefiederten Freunde und lassen sie ihre Geschichte erzählen.

 

Dazu geben sie eine Mange Tipps und Tricks zur richtigen Hühnerhaltung, zeigen sehr viel Wissenswertes über verschiedene Hühnerarten und verraten ihre besten Rezepte rund um das Huhn.

 

Ein neuer Haustiertrend.

 

 

Rein ins Grüne, raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten

 

 

Renate Künast, Victoria Wegner, Rein ins Grüne, raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten, Callwey 2019, ISBN 978-3-7667-2409-0

 

Dieses Buch macht Hoffnung, weil es zeigt, dass mitten in der Stadt, mitten in Beton und vielen Gebäuden und anderen versiegelten Flächen die Natur sprießen kann und Menschen, die sich dem Urban-Gardening verschrieben haben viele grüne Oasen  geschaffen werden. Da es immer mehr werden in großen Städten und sie oft nahe beieinanderliegen, sind diese Oasen nicht nur ein grüner Hort für geschützte Pflanzen, sondern locken auch Insekten und anderen Tiere an.

 

Seien die Flächen teilweise auch noch so klein, der Drang und das Verlangen vieler Menschen, im Kontakt mit der Natur zu stehen und sich dafür zu engagieren ist groß.

 

Der vorliegende Gartenführer erzählt die Mut machende Geschichte grüner Projekte und deutschen und in internationalen Städten. Er porträtiert den Garten an sich und die Köpfe und Charaktere dahinter. Das Gartenbuch der etwas anderen Art soll einen Einblick in bestehende Urban Gardening Projekte aus Deutschland und anderen Ländern geben. Jedes Projekt wird in einem Porträt vorgestellt und beinhaltet Hintergrund, Geschichte, Besonderheiten, Gartentipps, Kochrezepte und Pflanzentipps. Ein umfassendes Verzeichnis gibt einen Überblick über alle öffentlichen Gartenprojekte.

 

Eine spannende und unterhaltsame Reise durch urbane Gärten.

 

 

 

Frauen Power made in Europe. Große europäische Frauen im Porträt

 

 

 

Petra Bachmann, Frauen Power made in Europe. Große europäische Frauen im Porträt, arsedition 2019, ISBN 978-3-8458-3031-5

 

In Zeiten von „Germanys Next Top Model“ und diverser Bachelor Serien sind hochgestylte, meist sehr dünne junge Frauen mit meist großen Oberweiten und recht brotlosen Beschäftigungen mit wenig Ausbildung zum Leidwesen vieler Eltern für nicht wenige Mädchen ab 11-12 Jahren zu zumindest zeitweisen Vorbildern geworden, denen sie nacheifern wollen.

 

Sozusagen im Kontrast zu diesen modernen „Vorbildern“ hat Petra Bachmann über 70 Frauen aus Europa porträtiert, von Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert bis zu der jüngsten Weltumseglerin Laura Dekker, die 1995 geboren ist.

 

 

Auf jeweils einer bzw. zwei Doppelseiten werden die Frauen, ihr Leben und ihr Wirken vorgestellt. Das Layout ist für junge Leser/innen ansprechend und locker aufgebaut.

 

All diese Frauen haben zu ihrer Zeit Mut, Fantasie, Klugheit und Durchhaltevermögen bewiesen. Die meisten von ihnen haben großen Wert auf eine gute Ausbildung gelegt, die für viele damals noch nicht selbstverständlich war.

 

Ein wertvolles Buch und ein schönes Geschenk für junge  Menschen ab etwa 12 Jahren.

Baby Animals

 

 

Michael Poliza, Baby Animals, teNeues Verlag 2018, ISBN 978-3-96171-141-3

 

Auf seinen vielen Reisen auf dem afrikanischen Kontinent hat der bekannte Fotograf Michael Poliza auch immer wieder Jungtiere fotografiert, die aber in seinen meist voluminösen Bildbänden bisher keine Aufnahme fanden. Nun hat er sie alle zusammengestellt und darunter viele bisher unbekannte Aufnahmen ausgewählt. Es begegnen dem Betrachter Löwen aus Botswana, Schimpansen und Gorillas aus Tansania und viele andere wildlebende Tiere.

 

Michael Poliza ist immer sehr nahe an seinen Objekten dran, egal ob er auf dem afrikanischen Kontinent tätig ist oder etwa in den Eislandlandschaften der Arktis und Antarktis. Wenn man in Betracht zieht, mit welcher hohen Aufmerksamkeit Muttertiere überall auf der Welt ihre Jungen bewachen und beschützen, ist es sehr erstaunlich, wie und dass es Poliza, ein wahrer Meister der Wildlife- Fotografie, gelingt, so nahe an die Tiere heranzukommen und solche Aufnahme zu machen.

 

„Baby Animals“ ist eine wunderbare Sammlung sehr bewegender Bilder. Vielleicht mögen die Kleinen in der Familie dieses Buch auch betrachten?

 

 

 

Rheinblick (Hörbuch)

 

 

 

Brigitte Glaser, Rheinblick (Hörbuch), Hörbuch Hamburg 2019, ISBN 978-3-95713-158-4

 

In ihrem Roman „Bühlerhöhe“ entführte Brigitte Glaser ihre Leser 2016 in das Deutschland der frühen fünfziger Jahre, in die Zeit der Debatten über die Wiederbewaffnung und der Wiedergutmachungszahlungen an Israel. Dem gelungenen Roman gelang eine sehr gute Mischung aus dem Porträt zweier starker Frauen und ihren Lebensgeschichten und – träumen und einer spannenden Handlung auf dem Hintergrund der innenpolitischen Debatten der frühen fünfziger Jahre in der BRD, die die meisten der heutigen Leser nicht selbst miterlebt haben.

 

Wohl auch durch den Erfolg dieses Buches ermutigt, hat Brigitte Glaser für ihr neues Buch einen ähnlichen Plot gewählt. Und wieder sind zwei starke Frauen die Hauptfiguren. Es ist das Jahr 1972. Nachdem Rainer Barzel mit einem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt gescheitert ist, wobei ein später aufgeklärter Bestechungsskandal eine wichtige Rolle spielte, hat Willy Brandt am 19.11. 1972 nach einem fulminanten und kräftezehrenden Wahlkampf („Willy muss Kanzler bleiben“) mit einem sensationellen Ergebnis für die SPD die Wahl gewonnen. Koalitionsgespräche mit der FDP stehen an.

 

Doch Willy Brandt hat seine Stimme verloren und wird in einer Bonner Klinik an den Stimmbändern operiert. Für die nächsten beiden Wochen muss er in der Klinik bleiben und darf nicht sprechen. Die Logopädin Sonja Engel soll sich neben dem medizinischen Personal um seine Genesung kümmern.

 

Gleichzeitig ist in der Bonner Traditionsgaststätte „Rheinblick“ der Teufel los. Seit vielen Jahren schon ist die Wirtin Hilde Kessel dort der Mittelpunkt einer bunten Gästeschar aus Abgeordneten und Regierungsmitarbeitern. Sie kennt sie alle, und bewahrt über all das, was ihr zu Ohren kommt, Stillschweigen. Seit ihr Mann Arnold vor drei Jahren gestorben ist, führt sie die Gaststätte mit einem treuen Mitarbeiter alleine.

 

Sonja, die stundenlang im Vorraum zu Brandts Zimmer auf ihre knapp bemessenen Übungszeiten mit dem Kanzler wartet, bekommt zwangsläufig mit, wie bei Brandt nicht nur sein Kanzleramtsminister Ehmke und sein Vertrauter Egon Bahr hektisch ein und aus gehen, weil sie ihn, letztlich vergeblich, versuchen, in die Koalitionsverhandlungen und in die Postenvergabe einzubinden.  Hier hat sich Helmut Schmidt schon längst Vorteile verschafft, die den Anfang von Ende der Kanzlerschaft Brandts einläuten werden. Er wird sich von seinem Klinikaufenthalt politisch jedenfalls nie mehr wirklich erholen und bald schon Helmut Schmidt Platz machen müssen.

 

In dem Roman gibt es neben der Klinik, in der Sonja arbeitet, zwei Zentren: zum einen den „Rheinblick“ und Hilde Kessel mit ihrer verwickelten Geschichte und eine Wohngemeinschaft, in der Sonja mit anderen zusammenwohnt.

 

Sonja ist mit einem SPD- Abgeordneten verwandt, der zusammen mit seinen Genossen nicht nur Stammgast bei Hilde Kessel ist, sondern auch in den politischen Auseinandersetzung  nach der gewonnenen Wahl eine wichtige Rolle spielt.

 

Auch der Taxifahrer und Student Max Dorando, Mitbewohner der WG, wird eine wichtige Rolle spielen, bekommt er doch in seinem Taxi Vorgänge mit, die zu tun haben mit dem Verschwinden eines Mädchens aus der Provinz, mit dem sich die in der WG vorübergehend untergekommene junge Journalistin Lotti aus Baden-Württemberg befasst. Sie wird während ihres Aufenthaltes in Bonn Wolfgang Schäuble interviewen, sich in Max verlieben und Wesentliches zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen, das zunächst mit dem politischen Bonn in Verbindung gebracht wird und auch in Hilde Kessels Rheinblick Unruhe  auslöst.

 

Wer hat damit zu tun und wer war vor dem Misstrauensvotum in die Bestechungen verwickelt? Auch Hildes mühsam geheim gehaltene Vergangenheit kommt durch einen Abgeordneten wieder ans Tageslicht und gefährdet ihre Zukunft.

 

Brigitte Glaser hat auf eine geniale Weise die Lebensgeschichten der handelnden Personen miteinander verwoben und daraus einen nicht nur spannenden Roman gemacht, sondern sie ermöglicht dem jüngeren Leser, der diese Zeit nicht persönlich erlebt hat, einen wichtigen Einblick in eine Zeit, die zentral war für die Geschichte der Bundesrepublik.

 

Die gesamte Handlung umfasst nur den Zeitraum zwischen dem 18.11.1972 und dem 4.12.1972, eine Zeit, in dem politisch die Weichen für ein ganzes Jahrzehnt gestellt wurden.

 

Brigitte Glaser zeigt sich erneut als eine großartige Erzählerin. Sie ist sehr geschickt darin, die einzelnen Geschichten zu verweben und ihre Charaktere beinahe beiläufig in die anderen Handlungsstränge treten zu lassen.

 

Ein großer Roman.

 

Mit der vorliegenden gekürzten Lesung hat die Schauspielerin Tessa Mittelstaedt diese bewegende Geschichte von zwei selbstbewussten Frauen im Schatten der politischen Macht in Bonn auf eine sehr lebendige Weise in Szene gesetzt.

 

Mit ihrer Stimme und ihrer Interpretation führt sie den Hörer mitten hinein in ein für die Bundesrepublik folgenreiches Geschehen im November 1972 und lässt die zwei weiblichen Hauptpersonen, Sonja Engel und Hilde Kessel dem Hörer ganz nahe kommen.

 

Eine sehr gelungene Lesung. Auch die Kürzungen sind gut gewählt.

 

 

 

 

 

Kuss

 

 

 

Simone Meier, Kuss, Kein & Aber 2019, ISBN 978-3-0369-5794-4

 

Der neue Roman von Simone Meier hat es in sich. Auf eine witzige und  dennoch total ernsthafte, auf eine schonungslose und dennoch augenzwinkernde Weise beschreibt und dekonstruiert sie die Beziehungen und Fantasien von drei modernen Menschen, die geradezu aus unserer eigenen Umgebung stammen könnten. Ich bin davon überzeugt, dass es bei aller Überzeichnung in der Gegenwart sehr viele solche Menschen gibt, die mit ihren Beziehungen und mit ihren Lebensplanungen nicht wirklich zurechtkommen.

 

Da ist zunächst das Paar Gerda und Yann. Sie sind beide in den Dreißigern und haben, wohl in Zürich, in einer alten Siedlung am Stadtrand ein heruntergekommenes altes Haus bezogen. Gerda ist vor einiger Zeit arbeitslos geworden, könnte spielend einen neuen Job bekommen, lügt sich aber damit in die Tasche, dass sie auf eine übersteigerte Weise sich um die Renovierung und Verschönerung des Hauses kümmert. Die nötigt ihrem Partner Yann Respekt ab und hindert ihn gleichzeitig daran, zwei Fragen zu stellen, die ihm eigentlich auf den Nägeln brennen. Wann wird Gerda wieder arbeiten gehen und falls nicht, wann werden sie eine Familie gründen? Genau diese Fragen meidet Gerda wie der Teufel das Weihwasser, während Yann seinen anspruchsvollen Job klaglos erledigt.

 

Doch beide sind sie unzufrieden. Gerda flüchtet sich in eine imaginäre Affäre, die zunächst wie ein Spiel sich für sie anfühlt, doch bald  sie mit aller Macht zu verzehren beginnt.  Yann zeigt sich auch nicht sicher, als er ein rätselhaftes Mädchen voller anspruchsvoller Forderungen  kennenlernt.

 

Und die zunächst lange unsichtbar bleibende, dann aber mit Macht im Roman agierende Nachbarin Valerie, eine etwa 50- jährige Journalistin sieht sich nach einer folgenreichen Nacht plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob das Leben ausgerechnet für sie noch einmal einen neuen Anfang bereit hält.

„Kuss“ ist ein Roman über moderne Beziehungen und was sie verhindert bzw. zerstört.  Er beschreibt die Lücke, die Leere, wenn das Prickeln und die Schmetterlinge am Anfang einer Beziehung abgelöst worden sind von einem Alltag, in dem die Langeweile Menschen dazu treibt, ihr Seelenheil und Glück, ja auch das Prickeln in fantasierten oder tatsächlichen  Anderen zu suchen. Und was geschieht, wenn sie dadurch etwas in Gang setzen, was sie alle zusammen unwiderruflich ins Unglück stürzt?

 

Obwohl sehr unterhaltsam, weil überaus witzig geschrieben, ist „Kuss“ dennoch ein verstörender Roman über die Beziehungsunfähigkeit junger Menschen. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass hier nicht nur drei Protagonisten beschrieben werden, sondern dass es viele, zu viele sind, denen es in der Gegenwart so geht. Man mag sich das einsame Elend dieser Menschen im Alter gar nicht vorstellen.

 

All die Jahre

 

 

J.Courtney Sullivan, All die Jahre, Deuticke Verlag 20918, ISBN 978-3-552-06366-2

 

Nach ihren beiden ebenfalls bei Deuticke in Wien erschienenen Romanen „Sommer in Maine“ und „Verlobungen“ legt die in New York lebende Schriftstellerin J. Courtney Sullivan mit „All die Jahre“ ihren nächsten umfangreichen Familienroman vor. Zwischen der Gegenwartsebene im Jahr 2009 und verschiedenen Zeitebenen der Vergangenheit wechselnd erzählt sie die bewegte Geschichte von Nora Flynn und ihrer Schwester Theresa.

 

Nora Flynn ist 21 Jahre alt, als sie mit ihrer jüngeren Schwester Theresa aus Irland nach Amerika auswandert. Sie will mit dieser Emigration ihrem Verlobten folgen, der schon in den USA ist und ihrer Schwester dort eine Ausbildung ermöglichen.

 

Doch Theresa wird schwanger und Nora trifft aus Gründen, die nicht verraten werden sollen, eine schwerwiegende Entscheidung und wählt ein Leben als Nonne.

 

Über fünfzig Jahre später werden die beiden Schwestern nach einem tödlichen Unfall des ältesten Sohnes von Theresa wieder Kontakt miteinander aufnehmen, nachdem eine jahrzehntelanges Schweigen zwischen ihnen herrschte. Und sie sehen sich gezwungen, sich in einem schmerzhaften Erinnerungsprozess mit dem auseinandersetzen, was ihr Leben für immer verändert hat.

 

„All die Jahre“ ist ein gelungener Familienroman, der historische Vergangenheit und Gegenwart einer Familie und zweier Schwestern miteinander verbindet, ein Leben mit vielen Geheimnissen, die Stück für Stück ans Licht kommen. Am Ende lädt Sullivan ihre Leser ein, sich ihr eigenes Ende weiterzuspinnen.

 

 

 

Die Liebe im Ernstfall

 

 

Daniela Krien, Die Liebe im Ernstfall, Diogenes 2019, ISBN 978.-3-257-07053-8

 

Fünf Frauen werden in dem neuen Roman der Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien porträtiert, der der große Diogenes Verlag in  Zürich eine neue Heimat gegeben hat, nachdem ihre beiden ersten, von der Kritik positiv aufgenommenen Bücher noch im kleinen Graf Verlag erschienen waren.

 

Die Lebensgeschichten der fünf beschriebenen Frauen sind teils locker, teils enger miteinander verbunden und sie haben vieles gemeinsam. Sie erzählen von Frauen, die als Kinder und Jugendliche den Fall der Mauer erlebt haben. Sie alle leben in Leipzig oder der direkten Umgebung der prosperierenden Stadt. Wenn man ihr Leben mit einer negativen Brille betrachtet, könnte man zu Meinung gelangen, sie seien alle mehr oder mehr weniger gescheitert. Doch Daniela Krien betrachtet ihre Protagonisten mit viel Sympathie und Einfühlungsvermögen, hat sie doch wahrscheinlich mit der neuen Freiheit nach dem Fall der Mauer ähnliche Erfahrungen gemacht. Eine Freiheit, die sich bald als eine neue und andere Form von Zwang herausgestellt hat: den Zwang zu wählen nämlich.

 

Wie Daniela Krien die Lebensgeschichten von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde miteinander verwoben und beschrieben hat, hat mich beim Lesen sehr an den Schreibstil von Kent Haruf erinnert und seine Menschen in der fiktiven Stadt Holt in Colorado. Harufs Bücher erscheinen ebenfalls bei Diogenes.

 

Bei allen fünf Frauen geht es darum, wie sie sich selbst definieren. In welcher Rolle als Frau sehen sie sich selbst? Welche zugeschriebenen Rollen lehnen sie ab?  Wie halten sie es mit den Männern? Braucht man überhaupt einen, um ein „richtiges“ Leben zu führen, oder kommt frau allein besser zurecht?  Ist man ohne Mann oder Familie eine richtige Frau?

 

Wie verhält es sich mit der Liebe in diesen Zeiten?  Ist sie eine Falle oder ist sie eher das ersehnte Ziel des Lebens?

 

Fünf Frauen auf der Suche nach ihrer eigenen Bestimmung, fünf Frauen, für die Daniela Krien ähnlich wie Kent Haruf für seine Figuren, nach teilweise dramatischen Lebensentscheidungen  und -krisen jeweils ein versöhnliches bzw. hoffnungsvolles Ende findet. Ein Ende jedenfalls, das der „Liebe im Ernstfall“ eine Chance offen lässt und den Frauen eine Perspektive und Lebensaufgabe.

 

Ein berührendes Buch über Frauen, die trotz aller Anfechtungen und Probleme nicht aus ihrem Leben herausfallen und sich nicht brechen lassen, vom wem oder was auch immer.

 

 

 

 

Blutmond

 

 

 

 

 

Katrine Engberg, Blutmond, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07058-3

 

Ein Jahr nach dem großen Erfolg ihres Krimidebüts „Krokodilwächter“ um die beiden Kopenhagener Kriminalassistenten Jeppe Korner und Anette Werner legt die dänischen Autorin Katrine Engberg ihren zweiten Fall vor.

 

Jeppe Korner ist nach einem längeren Urlaub in Australien, wo er eine junge Dänin kennengelernt hat, psychisch wiederhergestellt, nachdem er im ersten Band in einem schlimmen seelischen Zustand war. Dafür schleppt sich seine Kollegin Anette Werner, die im ersten Band einen sehr stabilen und ausgeglichenen Eindruck machte, während der gesamten Ermittlungen mehr schlecht als recht hin, bevor der Leser ganz am Ende eine sehr überraschende Erklärung ihres schlechten körperlichen Zustandes erfährt.

 

Es ist Januar in Kopenhagen und klirrend kalt, als der in der Modewelt bekannte Designer und Modezar Alpha Bartholdy am frühen Morgen auf dem Parkplatz des Geologischen Museums tot aufgefunden wird. Vorher fand in den prunkvollen Sälen dieses Museums ein Empfang im Vorfeld der Copenhagen Fashion Week statt, an dem nicht nur Bartholdy teilnahm, sondern, wie sich bald herausstellt, auch Jeppe Korners Freund Johannes. Die Leser des ersten Bandes erinnern sich: bei diesem Freund war Jeppe während seines Durchhängers untergekommen.

 

Doch Johannes ist unauffindbar, als Jeppe und Anette, die sich kurz vor einem Herzinfarkt wähnt, aber dennoch die Zähne zusammenbeißt und weiter arbeitet, ihre Ermittlungen aufnehmen. Bald schon stellt sich heraus, dass Alpha Bartholdy durch eine sehr ätzende Flüssigkeit, die er getrunken hat, qualvoll zu Tode gekommen ist.

 

Die beiden sind noch nicht recht vorangekommen bei ihren Ermittlungen als zwei Tage später ein zweiter Mord auf die gleiche Weise geschieht. Gibt es weitere Parallelen zwischen diesen beiden Mordfällen?  Was und wer konnte dahinter stecken?

 

Wie im ersten Band schon taucht die alte Krimischriftstellerin Esther de Laurenti zusammen mit ihrem Partner Gregers wieder auf, und ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihre Leidenschaft für eine bestimmte Radiosendung werden für die sehr überraschende und lange von Engberg vorbereitete Lösung des Falles noch sehr wichtig werden. Genauso wie übrigens etliche schon sehr früh im Buch eingeführte und weiterverfolgte Personen, die mehr oder weniger in die Handlung verwoben sind und die man als Leser von Anfang an im Auge behalten sollte.

 

Engberg lockt ihren Leser genauso wie ihre beiden Ermittler von einer heißen Spur zur nächsten, um dann am Ende wieder völlig überraschend ihre kaum für möglich gehaltene Lösung zu präsentieren.

 

Man darf gespannt sein, wie diese neue Serie weitergeht. „Blutmond“ jedenfalls ist ein spannender Thriller über das glitzernde Leben in der Modewelt, ein Roman über Betrug, Eifersucht, Rache und falschen Schein.

 

 

 

 

 

 

 

Sommer in Super 8

 

 

Anne Müller, Sommer in Super 8, Penguin 2018, ISBN 978-3-328-60015-2

 

Der in Schleswig-Holstein aufgewachsenen und heute in Berlin lebenden Schriftstellerin Anne Müller ist mit ihrem ersten literarischen Roman ein ganz besonderes Buch gelungen. Ein Buch, das in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt und die Atmosphäre dieser Zeit, ihrer Mode und ihrer Musik auf eine Weise einfängt, die jeden, ob Mann oder Frau, der in diesem Jahrzehnt jung war, das Buch wegen des hohen Wiedererkennungswertes der eigenen Jugend nicht mehr aus der Hand legen lässt.

 

Clara, die die Geschichte ihrer Familie und ihre eigene Rolle darin in diesem Buch erzählt, ist 1963 geboren, an einem Mittwoch, wie sie extra betont, denn alles Wichtige in ihrem Leben passierte an einem Mittwoch. Sie ist das mittlere von schließlich fünf Kindern einer Landarztfamilie in dem imaginären Dorf Schallerup hoch im Norden der Republik. Die Familie König ist gebildet, da gibt es Hausmusik, die Kinder spielen je nach Stimmungslage des Vaters ausgewählte Stücke. Claras Mutter ist eine schöne Frau, elegant und klug und die Partys, die sie regelmäßig organisiert in ihrem Haus und Garten für Menschen aus dem Ort und der Umgebung aus ihrer Schicht, sind legendär.

 

Claras Vater wird von seinen Patienten als ein guter, weltoffener und witziger Arzt geschätzt und geliebt. Dass er ein veritables Alkoholproblem hat, übersehen sie konsequent, ja sie bieten ihm bei Hausbesuchen immer einen an.

 

Für Clara hat der Vater, der schon besonders in Urlauben seine Familie auf Super 8 Filmen festhält, eine große Bedeutung. Sie bewundert ihn, orientiert sich an ihm und spürt deshalb auch schon bald und vielleicht als erstes der Kinder, dass sich der Vater verändert. Sein Alkoholkonsum wird stärker, seien Launen heftiger und seine Eskapaden häufiger.

 

Indem sie älter wird, verändert sich der Fokus ihrer Erinnerungen von der Familie und der ausführlichen Beschreibung ihrer Mitglieder hin zu ihrer eigenen Teenagerzeit mit ihrer eigenen Kultur. Auch hier ein extrem hoher Wiedererkennungswert für LeserInnen, die um diese Zeit erwachsen wurden. Doch sobald sich ihr Blick wieder auf die Familie, insbesondere auf den Vater richtet (die Mutter bleibt erstaunlich blass im Roman), spürt und beschreibt sie, welch dramatische Veränderungen dort vor sich gehen. Und als das Schreckliche und Endgültige passiert, ist es natürlich an einem Mittwoch.

 

Anne Müllers Buch ist ein großer, unterhaltsamer und gleichzeitig tiefgängiger Familienroman.

Die Autorin vermag auf einfühlsame Art und mit einer zarten und poetischen Sprache die Gefühlswelt und Gedankengänge eines Mädchens zu vermitteln, das zwischen unbeschwerter Kindheit und erstem Erwachen lebt, sich zwischen Schule, Kirche und Familie bewegt, seine erste Verliebtheit und die folgende  Enttäuschung und mit dem Schicksal des Vaters die tiefe Trauer des Lebens erfährt und so erwachsen wird.