Das Glück des Augenblicks. Liebeserklärung an den Moment

 

 

Marc Auge, Das Glück des Augenblicks. Liebeserklärung an den Moment, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73135-8

 

Die Menge der in jedem Jahr zuverlässig erscheinenden Glücksratgeber ist unüberschaubar. Ihre schiere Zahl und die Tatsache, dass sehr viele Verlage solche Bücher in ihrem Programm haben (manche bestreiten es ausschließlich mit solchen Büchern), zeigt ein Bedürfnis vieler Menschen an, über ihr von Hektik und Stress geprägtes Leben nachzudenken und zeigen ihre Hoffnung, in den Ratgebern einen Hinweis dafür zu finden, wie sie aus dem Hamsterrad ihres Alltags aussteigen und wieder einen Sinn für ihr Leben finden können.

 

Der französische Intellektuelle Marc Auge gilt als Begründer einer Ethnologie des Nahen. Er ist sozusagen ein Anthropologe des Augenblicks, der in kurzen Momenten, flüchtigen Sinneseindrücken und allzu zerbrechlichen Erinnerungen Zeitfenster des Lebens sucht und entdeckt, die den Widrigkeiten des Lebens und der menschlichen Existenz Widerstand bieten und um derentwillen, so ist er überzeugt, es sich zu leben lohnt.

 

Mit seinem auch stark biographisch geprägten Essay, den er eine „Liebeserklärung an den Moment“ nennt, decouvriert der altersweise Marc Auge die herkömmlichen Glücksversprechen der mannigfaltigen Ratgeber und sonstiger „Glücksverwalter“  als leer und ohne wirkliche Substanz.

 

In insgesamt 11 Teilen seines Essays spürt Marc Auge sensibel und aufmerksam den großen und den kleinen Momenten der Menschlichkeit nach. Oft sind es unscheinbare, nicht selten Sekundenaugenblicke währende Situationen und Wahrnehmungen, die uns als Menschen glücklich machen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie, anders als die unzähligen Werbeversprechen für persönliches Glück, immateriell sind.

 

Da ist der tiefe Eindruck einer wunderbaren Landschaft, ein Lied, ein geschmackvolles Gericht, da ist das unvergessene Wort oder die Umarmung eines lieben Menschen. Für mich persönlich etwa wird das Erlebnis der Geburt meines Sohnes solch eine Erfahrung bleiben, die mich bis zu meinem Tod beglücken wird. Viele solcher kleinen Schätze können wir in der Kammer unserer Erinnerung sammeln und sie immer wieder wachrufen. Denn erst wenn diese flüchtigen Augenblicke des Glücks vergangen sind, wird uns klar, wie notwendig und wertvoll sie sind.

 

Ein nachdenkliches Buch, das den kleinen unscheinbaren Dingen des Lebens und der Welt ihre wahre Bedeutung zurückgibt.

All das zu verlieren

 

 

 

 

 

Leila Slimani, All das zu verlieren, Luchterhand Verlag 2019, ISBN 978-3-630-87553-8

 

Nach ihrem großen Erfolg „Dann schlaf auch du“ hat sich der Luchterhand Verlag in München entschlossen, nun auch Leila Slimanis ersten in Frankreich schon 2015 erschienenen Roman unter dem deutschen Titel „Alles zu verlieren“ zu veröffentlichen. Schon in diesem Erstling zeigt sich die enorme erzählerische Kraft der 1981 in Rabat in Marokko geborenen und nun mit ihrer Familie in Paris lebenden Schriftstellerin.

 

Selten zuvor hat eine Schriftstellerin die weibliche Perspektive einer destruktiven und gewaltbreiten Sexualität mit ihren selbstzerstörerischen Folgen so überzeugend, aber schockierend zu Papier gebracht und beschrieben. Zu lesen, was sich die Protagonistin Adele in ihrem suchthaften Begehren, das man kaum mehr als solches akzeptieren mag, antut, ist  über weite Strecken verstörend.

 

Adele ist eine Journalistin, die den Job in ihrer Redaktion durch Beziehungen ihres Ehemannes bekommen hat. Ihr Arbeitsleben und auch ihr Ehe- und Familienleben öden sie an. In einer ärmlichen Arbeiterfamilie aufgewachsen, hat sie immer von dem geträumt, was sie jetzt hat. Einen erfolgreichen Arzt als Ehemann, einen süßen und gesunden kleinen Sohn und genug Geld, sich alle Träume zu erfüllen.

 

Doch sie langweilt sich hier wie dort und gibt sich einer selbstzerstörerischen Sexsucht hin. Sie muss zwanghaft mit möglichst vielen, oft ihr auch völlig fremden Männern schaffen, nicht selten brutal und ungeschützt und meist unter erheblichem Konsum von Alkohol. Sie tut das alles hinter dem Rücken ihres Mannes während dessen Nachtdiensten und unter erheblicher Vernachlässigung ihres kleinen Sohns. Was sie da treibt ist abstoßend und man fragt sich, wieso sie so geworden ist. Etliche Rückblicke in ihre Kindheit und Jugend geben aber für die Entstehung ihrer Sucht kaum Aufschluss.

 

Während Adele regelrecht läufig durch Paris streift auf der Suche nach dem nächsten beliebigen Mann, der sie benutzen darf, träumt ihr als Arzt sehr erfolgreicher Mann Richard davon, aufs Land zu ziehen und sich in eine Klinik einzukaufen und mit Adele ein weiteres Kind zu haben. Es ist ihm nicht klar, dass er seine Frau mit diesen immer wieder verbindlich vorgetragenen Plänen immer weiter in die Einsamkeit ihrer Sucht drängt.

 

Die Sucht wird stärker und stärker, der Sohn und die Arbeit lästig, das Lügenkonstrukt immer brüchiger und irgendwann  bricht es in sich zusammen. Alles fliegt auf.

 

Dann macht Leila Slimani in der Handlung einen radikalen Schnitt. Wo der Leser erwartet hatte, der Arzt hätte Adele den Laufpass gegeben, leben sie jetzt alle in einem schönen Haus auf dem Land und Adele bemüht sich, eine ordentliche Ehefrau zu sein. Er kontrolliert sie Tag und Nacht, was sie akzeptiert, weil sie Angst hat, „all das zu verlieren“, was ihr eben auch wichtig ist, ihren Sohn und ihre Familie.

 

Als ihr Vater stirbt, erlaubt Richard Adele, alleine zu dessen Beerdigung zu reisen. Schon als sie aufbricht, ahnt man, dass nichts vorbei ist, dass sie wieder rückfällig werden und den lange erfolgreichen Kampf gegen ihre Sucht verlieren wird.

 

Der Schluss des Buches lässt offen, wie das Leben von Adele weitergehen wird und deutet an, dass es auch in dieser Form der Sexsucht eine Co-Abhängigkeit gibt.

 

Zurückbleibt ein erschütterter Leser, der angesichts der Ausweglosigkeit des Schicksals der Protagonistin und ihrer Familie sich fragt, ob es für eine solche Sucht wirklich keine Heilung gibt.

 

Leila Slimani jedoch enthält sich jeglichen Urteils. Nüchtern und schmerzhaft beschreibt sie Adeles Schicksal aus einer streng weiblichen Perspektive. Das Porträt einer zerrissenen Frau. Wie viele von mögen unsichtbar unter uns leben?

 

 

Lieber woanders

 

 

Marion Brasch, Lieber woanders, S. Fischer 2019, ISBn 978-3-10-397413-3

 

Marion Braschs neuer Roman „Lieber woanders“  erzählt auf knappem Raum eine intensive, den Leser sofort auf seltsam persönliche Weise packende Geschichte zweier Menschen, die handelt von Zufall und Schicksal, eine bewegende Geschichte über Schuld und Verluste. Eine Geschichte auch über schmerzhafte Abschiede – alles Erfahrungen, die jeder Mensch, auch der vom Buch sofort gefesselte Leser, in seinem Leben macht und auf die er eine persönliche Antwort finden muss.

 

Das Buch erzählt von der 28-jährigen Toni, die irgendwo in ihrem Wohnwagen auf dem Land lebt. Eines Tages macht sie sich auf den Weg in die Stadt, wo sie für ihre Bildergeschichten von einem Verlag zu Verhandlungen eingeladen ist. Mit dem ersehnten Geld will sie in Neuseeland einen alten Schulfreund wiedersehen.

 

Alex hat Autoklempner gelernt, als LKW-fahrer gearbeitet und ist zurzeit als Roadie mit einer Band unterwegs. Er ist verheiratet und hat eine neunjährige Tochter, aber seit etlichen Jahren betrügt er seine Frau mit einer anderen. Als er erfährt, dass seine Tochter ins Krankenhaus gekommen ist, macht er sich auf den Weg nach Hause.

 

Die beiden Hauptpersonen, die sich in der Handlung des Buches nun innerhalb von 24 Stunden aufeinander zubewegen werden, kennen sich nicht, sind aber dennoch auf eine verhängnisvolle Weise miteinander verbunden, denn sie tragen beide an einer Schuld. Toni macht sich für den Tod ihres kleinen Bruders verantwortlich und Alex leidet in seinem Doppelleben an einer Schuld, über die er noch nie gesprochen hat.

 

Irgendwann kreuzen sich ihre Wege, nachdem sie viele Umwege gemacht, Hindernisse überwunden und komische Zufälle erlebt haben. Und der Leser erinnert sich an eine Bemerkung der Autorin in einem kurzen Prolog, dass sich Toni und Alex schon einmal begegnet sind. Diese Begegnung hat das Leben beider beeinflusst. Sie haben es nicht vergessen, obwohl sie damals „lieber woanders“ gewesen wären.

 

Das, was Marion Brasch in ihrem Roman beschreibt, kann jedem von uns geschehen. Auch deshalb ist die Geschichte so nachvollziehbar und berührt den Leser persönlich, weil es ihn erinnert an Szenen und Menschen in seinem eigenen Leben und dessen Weggabelungen.

 

Marion Brasch will deutlich machen, dass wir Menschen das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, was uns geprägt und auch verändert hat, was wir an Schuld auf uns geladen haben, indem wir uns entschieden oder eben nicht entschieden haben, was wir getan oder unterlassen haben, eben nicht ändern können. Es bleibt nur, all das zu akzeptieren und zu lernen damit weiterzuleben.

 

Sie hat ihre Geschichte sehr warmherzig erzählt und mit einem feinfühligen Gespür für jene kurzen Augenblicke, die für ein ganzes Leben entscheiden können.

 

Ein starkes und sehr intensives Buch, das den Leser nicht immer angenehm mit sich selbst und seinem Leben konfrontiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Sohn ist uns gegeben. Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall

 

 

 

Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07060-6

 

Donna Leons Kriminalromane um den Commissario Guido Brunetti aus Venedig erfreuen mich jedes Jahr im Frühsommer aufs Neue.  Habe ich früher schon mal kritisiert, dass seine handelnden Personen, insbesondere Brunetti selbst und seine Familie, aber auch seine Kollegen und Kolleginnen und Vorgesetzten sich über all die Jahre nicht verändern, finde ich das mittlerweile fast angenehm. Das reale Venedig mit seinen Belastungen durch den Tourismus und die drastische Veränderung vieler alter Strukturen kommt seit vielen Jahren in Donna Leons Romane immer wieder kritisch zur Sprache, doch die Personen bleiben immer im gleichen Alter. Brunettis Kinder Chiara und Raffi gehen immer noch in die Schule, seine Frau Paolo lehrt Literatur an der Universität und ihr ganzes Familienleben ist wohltuend konfliktfrei.

 

Im neuen Buch beginnt die Handlung mit einem Gespräch Brunettis mit seinem adligen und schwerreichen Schwiegervater, dem Conte Falier, der sich Sorgen um einen alten Freund macht, den ehemaligen Galeristen und Kunstkenner Gonzalo Rodriguez de Tejeda. Dieser homosexuelle Mann ist mittlerweile schon 85 Jahre alt und will, wie der Conte erfahren hat, einen 40 Jahre jüngeren adligen Mann als seinen Sohn adoptieren. Dem Conte gefällt das gar nicht und er bittet Brunetti, ihn etwas abseits der normalen dienstlichen Wege dabei zu unterstützen, mehr über diesen jungen Mann herauszufinden, um seinen Freund von seinen Absichten abzubringen

 

Brunetti sieht sich schnell in der Zwickmühle. Einerseits will er seinem Schwiegervater helfen, andererseits seine dienstlichen Pflichten nicht verletzen. Doch es gelingt ihm, einen Mittelweg zu finden. Natürlich tauchen alle aus den früheren Romanen bekannten Charaktere aus seiner Dienststelle wieder auf, und Brunettis Chef Patta zeigt sich von einer bisher kaum an ihm wahrgenommenen menschlichen Seite, als er in einer Nebenhandlung, die andere zu einem ganzen Buch verarbeitet hätten, seinen Commissario mit einem eher privaten Auftrag konfrontiert.

 

Immer mehr wird in Leons letzten Romanen die philosophische Seite ihres aus einfachen Verhältnissen stammenden hochgebildeten und menschenfreundlichen Commissarios lebendig.  Seine Nachdenklichkeit und seine Gedanken, seine Art zu ermitteln und mit Menschen umzugehen, haben aus Leons Romanen eine ganz eigene spezifische Form des Kriminalromans gemacht, in dem das Verbrechen nur eine Variante möglicher seltsamer Verhaltensweisen ist, die Menschen an den Tag legen. Auch der vorliegende achtundzwanzigste (!) Fall kommt über lange Zeit ganz ohne ein klassisches Verbrechen aus. Der Mord am Ende kommt überraschend, führt aber letztendlich dazu, dass die vorher lange mit allen Hintergründen erzählte Geschichte von Gonzalo in ll seinen Verwicklungen und Geheimnissen klarer wird.

 

Der Roman war für mich eine unterhaltsame Lektüre, auf die ich mich schon seit der Verlagsankündigung gefreut habe. Ich lese Leons Bücher auch schon lange nicht mehr als Krimis, sondern als Milieustudien einer verfallenden Stadt und als Charakterstudien von interessanten Menschen.

 

Es scheint, als würden Leons Figuren mit jedem neuen Buch nachdenklicher und weiser. Vielleicht haben sie das mit ihrer Schöpferin gemeinsam.

 

Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer

 

 

 

Jose Eduardo Agualusa, Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73374-1

Nachdem sein Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, nominiert für den International Man Booker Price, im Jahr 2017 bei C.H. Beck erschienen ist, präsentiert der Münchner Traditionsverlag nun das neue Buch des angolanischen Autors Jose Eduardo Agualusa. Seit vielen Jahren schon gilt er nicht nur als ein wichtiger portugiesischsprachiger Schriftsteller, sondern wird auch als einer der wichtigsten zeitgenössischen literarischen Stimmen Afrikas geschätzt und geachtet.

 

Schon im  allerersten Satz des aus vielen unterschiedlichen, vom Autor  schließlich hervorragend zusammengeführter Erzählsträngen bestehenden Romans wird das Hauptthema formuliert, das Träumen: „Ich wachte früh auf. Durch das schmale Fenster sah ich längliche, schwarze Vögel ziehen. Ich hatte von ihnen geträumt. Als wären sie nun aus dem Traum in den Himmel geflohen, ein feuchtes Blatt Seidenpapier, dunkelblau und mit bitteren, stockigen Rändern.“

 

Der da träumt und immer wieder als Ich-Erzähler die Geschichte weitertreibt, ist der geschiedene Journalist Daniel Benchimol, der schon im Vorgängerroman auftauchte. Er träumt immer wieder von Menschen, die er erst in der Zukunft kennenlernen wird.

 

Als er wieder einmal sich im Strandhotel seines alten Bekannten Hossi aufhält, findet Daniel eine Kamera im Meer. Ihre unzerstörten Bilder zeigen eine Frau, die ihm schon in seinen Träumen erschienen ist und die er als Moira, eine in Kapstadt lebende Künstlerin identifiziert.

Auch Moira träumt intensiv und lässt ihre Werke von ihren Träumen inspirieren. So wie Daniel ihre Bilder beschreibt, ist bald klar, dass die beiden sich begegnen werden:
„Ich war von den Fotografien besessen. Ich ließ sie ausdrucken, schaute sie mir vor dem Einschlafen an. Und gleich nach dem Aufwachen wieder. Verbrachte viele verlorene Augenblicke damit, diese nackte Frau anzuschauen, so entrückt, so schön. Ich strich mit den Fingern über ihre kleinen Brüste, ihre langen Beine. Und wenn ich einschlief, traf ich sie in meinen Träumen wieder, nur zog sie nun in der Ferne vorbei, nicht wie ein Mensch, sondern wie eine Landschaft. Nur die schlafwandelnden Vögel redeten mit mir.“

 

Hossi hingegen, ehemaliger UNITA-Kämpfer, leidet darunter, dass er gegen seinen Willen anderen Menschen im Traum erscheint, was teilweise drastische Folgen hat.

Daniels Tochter indes träumt davon, den korrupten Staat zu stürzen. Sie schließt sich einer Aktivistengruppe an, die sich die friedliche Stürmung des Parlaments in Luanda als Ziel gesetzt hat. Bei diesem Versuch wird sie verhaftet. Ihren Traum von einer fairen, unkorrupten Regierung gibt sie dennoch nicht auf.

Dieser Strang des Romans basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 2015, als eine Gruppe jugendlicher Aktivisten um den Rapper Luaty Beirão genau das versucht hatte.

 

Eine wichtige Rolle spielt auch noch ein brasilianischer Neurowissenschaftler, der in seinem Labor Träume in Bilder verwandelt. Daniel wird dorthin fliegen, um ihn kennenlernen und die Träume der Menschen besser verstehen.

 

Durch die nichtchronologische Erzählweise Agualusas und die vielen unterschiedlichen Personen und die mit ihnen verbundenen Erzählstränge in Vergangenheit und Gegenwart ist die Lektüre des Buches nicht ganz unanstrengend, jedenfalls solange bis er gekonnt die Stränge zusammenfügt.

 

„Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“, im Original, das Michael Kegler gekonnt ins Deutsche übersetzt hat, schon 2017 in Lissabon erschienen, ist ein rebellischer und gleichwohl komischer Roman voller Poesie. Er handelt von der enormen Sprengkraft von Träumen und ihrem Zauber, die, wenn viele Menschen träumen, sogar, wie in Angola tatsächlich geschehen, ein Regime zum Abtreten zwingen können.

Es geht um private, politische und utopische Träume und um die traumhaft verschlungene, rätselhafte Realität des Lebens selbst.  Ein erzählerisches Gesamtkunstwerk.
 

Sag was

 

 

 

Philipp Stefan, Sag was, Oetinger 2019, ISBN 978-3-8415-0606-1

Das vorliegende kleine Taschenbuch versteht sich als eine Handreichung an junge Menschen, die sich politisch interessieren und sich einmischen wollen. Auch in ihrem Umfeld geraten sie immer wieder an andere Menschen, die mit populistischen Aussagen versuchen, die Meinungen zu bestimmen und zu steuern.

 

Wie man radikal höflich gegen diese Rechtspopulisten argumentieren kann, zeigt Philipp Stefan in seinem Buch. Nach einer längeren instruktiven Einführung über die Notwendigkeit des Widerspruchs gegenüber zunehmendem Rechtspopulismus gibt er fünf radikal höfliche Gesprächstipps:

  • Bleibe cool!
  • Stelle offene Fragen!
  • Höre zu!
  • Formuliere Kritik höflich!
  • Agiere selbst!

In neun sich anschließenden Beispielen, die den zweiten Teil des Buches ausmachen, wird gezeigt, wie man rechtspopulistische  Argumentationsmuster entschärfen kann. Immer wieder geht es hier darum, Vorwürfe zu widerlegen und eigene Perspektiven einzubringen.

 

Ob damit jeweils der Gesprächspartner überzeugt werden kann, wird immer offen bleiben, und hängt auch von der spezifischen Gesprächssituation ab. Wichtig ist jedoch, gegenüber rechtspopulistischen Aussagen, denen man begegnet, nicht mehr resignativ oder teilnahmslos zu schweigen, sondern seine eigene Perspektive einzubringen.

 

Das bringt vielleicht den anderen zum Nachdenken, auf jeden Fall aber schärft es das eigene politischen Bewusstsein und die eigene Kritikfähigkeit.

 

Ein wichtiges Buch.

Ossip und der rote Faden

 

 

 

Annemarie van Haeringen, Ossip und der rote Faden, Verlag Freies Geistesleben 2018, ISBN 978-3-7725-2838-5

 

 

Das neue Bilderbuch der Niederländerin Annemarie van Haeringen, das Rolf Erdorf ins Deutsche übertragen hat, erzählt fantasievoll und originell von dem kleinen Wichtel Ossip. Er trägt eine rote, spitze Zipfelmütze, die größer ist als er selbst. Ossip hat gerade süße Brötchen gebacken und nimmt sie aus dem Ofen. Doch weil er warten muss und das tut er überhaupt nicht gerne, schaut er sich im Garten um und entdeckt einen roten Faden. Die das Buch betrachtenden Kinder fragen sich, wohin der wohl führt, doch wenn sie genau zuhören gibt Ossip ihnen gleich einen Hinweis. Er sagt nämlich zu selbst, indem er dem Faden folgt: „Hoffentlich ist sie auch zu Hause!“ Das heißt, er will zu jemand gehen, ihr vielleicht die Brötchen bringen?

 

Unterwegs, dem roten Faden folgend, erlebt Ossip einiges Abenteuerliche auf einer Reise voller fantasievoller Bilder. Das Ende ist schön und für den, der am Anfang genau zugehört hat, auch nicht mehr überraschend.

 

Eine schöne Geschichte in der es viel zu entdecken gibt.

 

 

 

 

 

Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße

 

 

Paolo Rumiz, Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße, Folio Verlag 2019, ISBN 978-3-85256-774-7

 

Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest darf sicher als bekannteste italienische Reisende gelten. Er berichtete für die Tageszeitung La Repubblica über den Afghanistan- und den Jugoslawien-Krieg. Zahlreiche Essays, Romane und Erzählungen hat er veröffentlicht über seine Reisen an die entlegensten Orte Europas. Seine Bücher stehen kontinuierlich auf den italienischen Bestsellerlisten.

 

Mit dem hier vorliegenden Buch erfüllt er sich einen lange gehegten Wunsch. Er hat die 540 km lange legendäre Römerstraße „Via Appia“ von Rom bis nach Brindisi erwandert und eine wunderbare Reiseerzählung darüber geschrieben.

 

Viele Jahrhunderte hat man in Italien diesen alten Weg vernachlässigt und ignoriert. Mit einigen ebenfalls leidenschaftlichen Reisegefährten hat sich Paolo Rumiz auf den Weg gemacht und ist den alten Pfaden und Wegen gefolgt. Auf allerlei antike Villen und halb verfallene Baudenkmäler sind sie dabei gestoßen, haben Kirchen und Burgen aus dem Mittelalter erkundet und die Wunder der Gastfreundschaft erlebt, von der vielen andere Menschen, die sich auf den Fußweg gemacht haben auf anderen historischen Pfaden , auch berichtet haben.

 

Von einer schwierigen „Rückeroberung“ ist in diesem schönen Buch die Rede, von Vernachlässigung, Schandflecken und Verwüstungen. Rumiz schreibt am Ende:

„Die Kraft des Wanderns liegt darin, dass man allein unterwegs ist, ohne Bewilligung von oben. Sobald ein Weg einmal gezogen ist, wachen die Orte auf, durch die er führt. Er verändert sie zum Besseren. Er kann sogar die beschädigte Beziehung zwischen den Italienern und ihrer Landschaft wieder herstellen.“

 

Und passionierte Wanderer und Italienfreunde zur Nachahmung anstiften.

Komm kuscheln

 

 

Simona Ciraolo, Komm kuscheln, Bohem Verlag 2018, ISBN 978-3-959349-068-2

 

Alle Kinder wollen von Beginn an gerne kuscheln mit ihrer Mutter, ihrem Papa oder Geschwistern. Sie lieben es, es macht ihnen gute Gefühle, sie fühlen sich wohl und behütet. Und die meisten Kinder werden ja auch ausreichend gekuschelt und liebgehabt.

 

Das geht dem kleinen Kaktus Felipe in dem vorliegenden Bilderbuch leider nicht so. Aus einer gepflegten und ordentlichen Kakteenfamilie stammend, die viel Wert darauf legt, gut auszusehen und sich immer vornehm zu verhalten, wächst er auf in dem Bewusstsein, das man anderen niemals zu nahe kommen sollte.

 

Niemand spürt die wahren Bedürfnisse des kleinen Felipe, der nichts anderes möchte, als einmal von jemand anderem in den Arm genommen zu werden und zu kuscheln. Als er einem leuchtend gelben Luftballon begegnet und sich ihm nähert, dauert es nicht lange, bis das Unglück geschieht.

 

Seine Familie schimpft ihn aus und Felipe zieht sich zurück. Er glaubt gelernt zu haben, dass er niemand braucht und am besten alleine lebt. Doch am Rande des Gartens, in den er sich zurückgezogen hat, lebt noch jemand, der sehr einsam ist. Ein Stein weint bitterlich über sein Schicksal. Doch Felipe weiß genau, was zu tun ist.

 

Denn jeder wünscht sich, einfach mal in den Arm genommen zu werden. Ein schönes und originelles Bilderbuch, das genau dazu einlädt. Komm kuscheln!

 

 

Das grosse Summen

 

Brendan Wenzel, Angela Diterlizzie, Das grosse Summen, arsedition 2019, ISBN 978-3-8458-3263-0

Das große Summen ist schon seit etlichen Jahren in unseren Gärten und auf unseren Wiesen kaum her zu hören. Nach jüngsten Berichten hat sich der Bestand an Insekten in unserem Land um 80 % reduziert. Schuld daran sind eine extensive Landwirtschaft und die vielen Pestizide, die den Tod für die meisten Insekten bedeuten. Schon 2014 haben die beiden Engländer Brendan Wenzel und Angela Diterlizzie das erkennt und ein wunderbares Sachbilderbuch für Kinder geschrieben, das nun im Jahr 2019 zeitgleich in England und Deutschland erscheint und das von Cornelia Boese ins Deutsche übersetzt wurde.

 

Mit einem spärlichen Text, der sich wie ein Gedicht reimend von der ersten bis zur letzten Seite zieht, entdecken in einer Rahmengeschichten ein kleiner Junge und seine Katze eine Menge Insekten in ihrem Garten. Die Insekten sind fantasievoll gezeichnet, immer mit großen Augen, aber sind jeweils als Spezies z erkennen. Auch andere Tiere wie etwa ein Waschbär tauchen im Hintergrund auf und können von den das Buch betrachtenden Kindern entdeckt werden.

 

Kraftvolle und farbenfrohe Bilder laden die Kinder ein, in ihrem eigenen Garten oder auf einer nahe gelegenen Weise selbst auf die Suche nach Insekten und Krabbeltieren zu gehen.

 

Auf der letzten Doppelseite des Buches sind noch einmal alle im Buch dargestellten Insekten in Wort und Bild gezeigt. Erstaunlich vielfältig zeigt sich eine Insektenwelt, die stark gefährdet ist.

 

Ein wunderbares Buch, mit dem sich die Kinder lange beschäftigen können.