Mein Papa ist der größte der Welt

 

Daan Remmerts de Vries, Marije Tolman, Mein Papa ist der größte der Welt, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-6004-5

 

Lynn wird wie jeden Morgen von ihrem Papa in den Kindergarten gebracht. Sie fahren mit dem Fahrrad und der Wind zerwühlt Papas Haare. Das findet Lynn lustig und die Bäume auch. Lynn wird von Frau Merklebach, ihrer Erzieherin in Empfang genommen du Papa muss schnell los.

 

Während Lynn zuerst im Stuhlkreis und dann an einem Tisch sitzt und malt, denkt sie in gereimten Versen darüber nach, was ihr Papa eigentlich tut, während sie im Kindergarten ist. Ihr ist schnell klar: ihr Papa rettet die Welt, denn er ist der größte Held der Welt. Zuerst besiegt er in Afrika ein Gruselmonsterbiest, das aussieht wie eine Kuh. Dann fliegt er nach Mexiko, wo er vom dortigen Präsidenten schon dringend erwartet wird, der seine Hilfe braucht. Und dann ist da noch ein Dieb auf einem Hochhausdach…

 

Lynns gereimte Phantasie ist schier grenzenlos und die preisgekrönte Künstlerin Marije Tolman lässt in traumhaften Bildern Realität und kindliche Vorstellungswelt fließend ineinander übergehen. Doch Lynns Papa ist natürlich rechtzeitig am Kindergarten zurück um sie nachmittags wieder abzuholen.

 

Das Bilderbuch ist eine Hommage an die kindliche Phantasie und ein schönes Beispiel für die Bedeutung, die Väter für ihre kleinen Kinder haben.

 

 

 

Kein Platz für uns. Jede Geschichte hat zwei Seiten

 

Kate & Jol Temple, Terri Rose Baynton, Kein Platz für uns. Jede Geschichte hat zwei Seiten, Annette Betz Verlag 2019, ISBN 978-3-219-11793-6

 

Kate und Jol Temple schreiben Bilder- und Kinderbücher, die in Australien bereits mehrfach ausgezeichnet wurden. Das Paar lebt mit seinen Söhnen und seinem Hund in Sydney. Zusammen mit der Illustratorin Terri Rose Baynton haben die beiden ein von der seit Jahren aktuellen Debatte über Flucht und Heimat inspiriertes Bilderbuch gemacht, das Bernd Stratthaus ins Deutsche übersetzt hat und das handelt über das Ausschließen und das Aufnehmen.

Der Clou des Buches ist es, dass die Handlung, je nachdem ob man es von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne liest, zwei völlig unterschiedliche Verläufe nimmt.

 

Da sitzen drei Seehunden auf ihrem Felsen. Wie lange dieser Felsen schon ihr Zuhause ist, wissen wir nicht, klar ist nur, sie betrachten ihn als ihr Eigentum. Als andere Seehunde angeschwommen kommen und sagen, hier sie doch noch viel Platz für andere, sagen die einheimischen Seehunde: das ist unser Platz. Ihr wollt hier nur stören. Ihr seid nicht willkommen. Sie wollen ihren Platz nicht mit anderen teilen.

 

So geht die Geschichte, wenn man sie von vorne nach hinten anschaut. Doch auf der letzten Seite werden die das Buch betrachtenden Kinder aufgefordert, das Buch noch einmal von hinten nach vorne zu lesen. Und wenn man das tut, nimmt die Geschichte eine ganz andere Wendung.

 

Jede Geschichte hat also zwei Seiten, immer gibt es auch die andere Möglichkeit. Man kann sich verschließen und man kann sich öffnen.

 

Ein Bilderbuch, das anregt über Gespräche zu Themen wie Teilen und Mitgefühl, aber auch zu aktuellen Parallelen über Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen und bei uns einen Ort suchen, wo sie und ihre Kinder sicher sind.

 

 

Blödes Bild

 

 

 

 

Johanna Tydell, Emma Adbage, Blödes Bild, Kunstmann Verlag 2019, ISBN 978-3-95614-327-4

 

Die in Schweden sehr bekannte und erfolgreiche Schriftstellerin für Jugend- und Kinderbücher hat in ihrem hier in der deutschen Übersetzung von Maike Dörrie vorliegenden zweiten Bilderbuch eine schöne Geschichte erzählt, die allen kleinen Schwestern, größeren Brüdern und allen anderen Kindern, die manchmal etwas so richtig blöd finden, sicher gefallen wird.

 

Dazu tragen auch die witzigen und originellen Illustrationen von Emma Adbage bei, die die Geschichte auf ihre eigene Weise erzählen.

 

Das Buch handelt von der kleinen Minze. Wir wissen nicht ganz genau, wie alt sie ist, nur eins steht fest: ihr Bruder Max ist drei Jahre älter als sie. Und deshalb kann er auch vieles besser und schöner als Minze, zum Beispiel Malen.

 

Minze möchte auch so schön malen wie ihr Bruder, doch als sie, wohl an einem Wintertag, zusammen am Küchentisch sitzen, fällt ihr noch nicht einmal etwas ein, während ihr Bruder konzentriert an seinem Bild arbeitet, um das er seinen Arm wie eine Mauer legt, dass Minze nichts abschauen kann.

 

Doch dann hat Minze eine Idee: sie könnte doch Schnee malen. Doch weiß auf weiß geht nicht. Und dann geht alles schief. Kater Klas springt auf den Tisch und stösst die Blumenvase um. Während Max sein Bild rechtzeitig weggenommen hat, ist das von Minze klatschnass. Nachdem Minze es mit dem Fön getrocknet hat, sieht es furchtbar aus und aus lauter Wut knüllt sie es zusammen und schneidet mit ihrer Schere in den Papierball hinein.

 

Sie findet alles blöd, und schaut wütend aus dem Fenster, als ihr Bruder sie ruft und ihr zeigt, was aus dem zerschnittenen Papierball geworden ist: eine perfekte Schneeflocke. Max zeigt ihr sein Bild, ein schönes Porträt von Minze.

 

Und dann machen sie noch mehr Schneeflocken, die sie ans Fenster hängen. Und Minze zeigt ihren großen Bruder, wie es geht.

 

„Blödes Bild“  ist nicht nur eine warmherzig erzählte und witzig illustrierte Geschichte über Lust und Frust des kreativen Schaffens, sondern auch das wunderbare Porträt einer kleinen Schwester, die gerne alles so gut können möchte wie ihr Bruder und die sehr, sehr wütend wird, wenn nichts so gelingt, wie sie sich das vorstellt. Und es ist das sympathische Beispiel eines älteren Bruders, der seine Schwester sehr lieb hat und ihr am Ende ein große Freude macht, indem er ihr zeigt, dass sie viel mehr kann, als sie glaubt.

 

 

 

Bei mir zu Hause wohnt ein Tiger. Kleine Geschichten zum Vorlesen

 

 

 

Charlotte Inden, Bei mir zu Hause wohnt ein Tiger. Kleine Geschichten zum Vorlesen, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-26215-7

 

Charlotte Inden hat für ihr neues Kinderbuch bei Hanser die Figur des kleinen dreijährigen Oskar erfunden. Oskar geht in den Kindergarten, hat eine größere Schwester namens Klara und hat immer seinen Plüschtiger Theo dabei, den er zu seinem zweiten Geburtstag bekam.

 

Charlotte Inden lässt den kleinen Oskar in kurzen Sätzen in insgesamt 42 kleinen Geschichten erzählen, was er in dem Jahr zwischen seinem dritten und vierten Geburtstag alles erlebt. Es sind Alltagsgeschichten ohne besondere Botschaft. Sie erzählen einfach aus dem Leben eines kleinen Jungen. Vom ungeliebten Haarewaschen, vom Puppentheater mit seinem Papa, von besonderen Ereignissen im Kindergarten, von seinem Roller, seinem Bett, seinen Großeltern und dem unvergesslichen Urlaub mit den beiden in den Bergen. Und von vielem mehr.

 

Viele alltägliche Tätigkeiten beschreibt Oskar und viele Erlebnisse auf dem Weg zum Kindergarten und zurück. Er besucht den Zoo, die Bibliothek und isst gerne Eis, leidet unter der Hitze im Sommer und freut sich auf Weihnachten und über Silvester.

 

Und bald wird er schon vier! Deshalb schläft er schon lange nicht mehr im Kindergarten, denn er ist ja kein Baby mehr. Nein, sondern ein sympathischer kleiner Junge, dessen Geschichten Kinder in seinem Alter im Kindergarten und zu Hause gerne hören werden.

 

Die lustigen Illustrationen von Pe Grigo tun ihr Übriges, dass Kinder immer wieder aus diesem Buch vorgelesen haben wollen. Und sie werden sich nicht mit nur einer Geschichte zufrieden geben, denn sie können sich gut mit diesem kleinen Jungen, seiner Familie und seinem Alltag identifizieren.

 

 

 

 

 

 

Keine halben Sachen

 

 

 

 

Antje Herden, Keine halben Sachen, Beltz & Gelberg 2019, ISBN 978-3-407-81248-3

Die in Darmstadt als freie Autorin lebende Schriftstellerin Antje Herden hat für ihren hier vorliegenden ersten Jugendroman den Peter-Härtling-Preis 2019 erhalten.

Die ich-erzählende Hauptfigur in diesem knappen, aber dicht erzählten Jugendroman ist der fünfzehnjährige Robin. Er lebt allein mit seiner Mutter, pubertiert heftig und findet ansonsten sein Leben und die Schule extrem langweilig. Er fühlt sich einsam, hat keine Freunde und auch keine richtigen Plan für sein Leben. Langweilig und „grauschwarz“ ziehen sich seine Tage dahin.

 

Dann trifft Robin den coolen und selbstsicheren Leo, der mit seinem Auftreten und seiner Art all das verkörpert, wie Robin auch gerne wäre. Leo fällt es nicht schwer, den labilen und unsicheren Robin bald schon zum Rauchen, Kiffen und zum Saufen zu verführen. Sie verbringen nach der Schule viel Zeit zusammen in einem Park, und unterhakten sich über ihre Zweifel, Ängste, Hoffnungen und Träume. Wobei es immer Robin ist, der spricht, während Leo nur zuhört und von sich kaum etwas preisgibt.

Als die beiden Anna und Karla kennenlernen, erfährt Robin mit Karla, in die er sich verliebt auch den körperlichen Rausch. Während Robin immer mehr abstürzt, bleibt Leo scheinbar cool und gelassen.

 

Schonungslos lässt Antje Herden ihre Hauptfigur Robin die Geschichte seines Absturzes erzählen. Obwohl er nicht unbedingt sympathisch für den jungen Leser rüberkommt, fühlt man doch gespannt mit ihm und glaubt bald, das dramatische Ende schon zu kennen.

 

Die Jury des Peter-Härtling-Preises schreibt treffend zu diesem von ihr preisgekrönten Buch:

„Meisterhaft und äußerst glaubwürdig erzählt Antje Herden, wie sich ein Junge auf der Suche nach dem richtigen Leben in einer Parallelwelt verliert. Diese Erzählung vermeidet glücklicherweise jeden pädagogischen Eifer. Sie nimmt ihre Protagonisten ernst und konfrontiert sie zugleich mit einer klaren Haltung, die aus der Geschichte heraus erwächst. Ungeheuer nuanciert und konsequent aus der Sicht von Robin erzählt, der seine Selbstironie nie verliert, führt Antje Herden den Leser durch ein echtes Leben – mit einem glänzend entworfenen, fulminanten Ende, das alles auf den Kopf stellt.«

 

Ein starkes Jugendbuch, das seine Leser sehr schnell in einen regelrechten Sog zieht und ihn in seinem Spannungsbogen bis zu einem sehr überraschenden Ende nicht mehr los lässt.

Helden der Meere

 

 

 

York Hovest, Helden der Meere, teNeues 2019, ISBN 978-3-96171-214-4

 

Seit es Menschen gibt, haben sie sich angezogen gefühlt von der Kraft, der Gewalt und der Schönheit des Meeres. Es gab ihnen Nahrung und bot ihnen Wege zu anderen neuen Kontinenten. Immer aber löste das Meer im Menschen so etwas wie Ehrfrucht aus.

 

Doch seit längerer Zeit schon sind unsere Weltmeere bedroht und die Bedrohung nimmt mit jedem Jahr zu. Zunächst war es die Überfischung, die lange im Zentrum der Kritik stand. Mittlerweile ist es die grassierende und alle Meereslebewesen bedrohende Verschmutzung der Meere durch Plastik, die die Meere in den Fokus weltweiter Aufmerksamkeit rücken. Und dazu kommt unaufhaltbar: Die Erderwärmung und der daraus resultierende Klimawandel führen zu immer größeren Schäden im marinen Ökosystem.
York Hovest, erfolgreicher Fotograf, Abenteurer und Autor, hat sich zur Aufgabe gemacht, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Er hat die unterschiedlichsten „Helden der Meere“ begleitet,  Menschen, die der oben beschriebenen Entwicklung etwas entgegensetzen wollen. Hoivest hat mit ihnen gesprochen und ihre Lösungen beschrieben. Da sind  Wissenschaftler, Aktivisten und Visionäre, die Projekte entwickelt haben, wie unsere Ozeane gerettet werden können.  Doch auf diesen Reisen in alle Teile der Welt hat er auch wunderbare Bilder gemacht, Bilder, die die Schönheit und die Bedrohung des Meeres gleichermaßen zeigen über und unter Wasser.

 

Der Dalai Lama hat für dieses Buch ein Vorwort geschrieben, in dem er die Bedeutung von Mitgefühl ausweitet auf die gesamte Schöpfung, auch auf die bedrohten Meere.

 

Ein beeindruckender Band, der betroffen  macht, aber auch durch die Beschreibung der Arbeit der „Helden der Meere“ Hoffnung macht.

 

 

 

 

Käfer-Helden. Die VW –Edition

 

Christian Banck, Käfer-Helden. Die VW –Edition, Delius Klasing 2019, ISBN 978-3-667-11688-8

 

Schon in seinem Buch „Kinderzimmerhelden“ ließ der Fotograf Christian Blanck die Modellautos seiner Kindheit wiederauferstehen,  setzte das dann in einem Buch mit Porschemodellautos fort und legt nun ein drittes Buch vor, in dem er seine Sammlung von VW Käfer Spielzeugautos unverwechselbar in Szene setzt.

 

Kratzer und Dellen zeugen von heißen Rennen, bei denen sich die Kontrahenten nichts geschenkt haben. Hier blättert die Farbe ab, dort fehlt ein Rad, dort eine Tür. Sie sind alle das, was man abgespielt nennen würde. Verkratz, zerbeult, aber in der Kindheit unendlich geliebt.

 

Blanck hat seine Sammlung in verschiedene Kapitel unterteilt und sie zum schnellen Wiederfinden mit Symbolen versehen. Jedes Kapitel (z.B. Helden der Arbeit, Blumenkinder, dein Freund und Helfer) hat er mit einem einseitigen Text eingeleitet, die erklären, in welcher Vielfalt die VW-Helden über viele Jahrzehnte eingesetzt waren und ihren Dienst taten.

Wunderschöne VW-Käfer – Modellautos, liebevoll und einzigartig fotografiert.  Eine  sehr persönlicher Liebeserklärung, bei der der eine oder andere Leser sicher das eine oder andere Auto wiederfinden wird, das er selbst besaß und bespielte.

 

Das große Handbuch der Abenteuer, für drinnen und draußen

 

 

 

Paul Beaupere, Das große Handbuch der Abenteuer, für drinnen und draußen, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-473-55464-5

 

Das vorliegende zuerst in Frankreich erschienene und von Silvia Bartholl ins Deutsche übertragene Buch für Kinder und Jugendliche will sie locken. Weglocken vom Smartphone und von anderen digitalen Spielzeugen, hin zu Beschäftigungen und Abenteuern, die sie sowohl in der Wohnung als auch draußen erleben können.

 

„Sei dein eigener Held!“ fordert es seine jungen Leser auf und entführt sie an unzählige Stellen zuhause, in der Stadt, auf dem Land, im Wald, in den Bergen oder am Meer.

 

Überall entdeckt Paul Beaupere spannende Abenteuer und interessante Tätigkeiten, die die Langeweile vor dem digitalen Spielzeug vertreiben helfen.

 

Da werden viele Spiel-und Bastelideen, Experimente und Aktionen vorgestellt. Anleitungen zum Selbermachen dominieren, und viele praktische Hinweise wollen die Kinder dazu verführen, sich zu trauen, aufzustehen, nach draußen zu gehen, Abenteuer zu erleben, neue  Erfahrungen zu machen und vor allen Dingen vieles selbst zu tun.

 

Vielleicht finden sich ein oder zwei Freunde oder auch mehr, denn die meisten der in diesem Buch vorgestellten und beschriebenen Abenteuer machen in der Gemeinschaft mehr Spaß und man kann sich gegenseitig helfen.

 

In einer Zeit, in der meisten Kinder aus verschiedenen Gründen nicht mehr draußen spielen und dort ihre Erfahrungen machen, ist das Buch eine Einladung, ihr Spektrum zu erweitern, ihre Hände und Füße zu benutzen und der Langeweile etwas entgegenzusetzen. Und mit anderen zusammen mehr zu erleben, als das Handy bieten kann.

 

 

Dieser weite Weg (Hörbuch)

 

 

 

Isabel Allende, Dieser weite Weg (Hörbuch), der Hörverlag 2019, ISBN 978-3-8445-3592-1

 

In ihrem neuen Roman, der in seiner epischen Kraft und sprachlichen Qualität nach vielen anderen Romanen endlich wieder an den Zauber von „ Das Geisterhaus“ anschließen kann, spannt Isabel ihren erzählerischen Bogen vom spanischen Bürgerkrieg bis ins Chile Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

 

„Dieser weite Weg“ ist die Geschichte des Schicksals der Familie der Dalmaus. Seit Generationen ist diese gebildete und wohlhabende Familie in Barcelona ansässig. Das Leben dieser katalanischen Familie ändert sich schlagartig, als 1936 der Spanische Bürgerkrieg beginnt. Victor Dalmau, der gerade kurz zuvor begonnen hat, als Arzt zu praktizieren, tut in den Reihen der Republikaner als Sanitäter und Arzt Dienst an der Front. Während des Bürgerkrieges stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt und sein Bruder Guillem findet auf dem Schlachtfeld den Tod.

 

Nachdem Franco nach seinem Militärputsch eine Diktatur errichtet, flieht Victor Dalmau aus Barcelona nach Frankreich. Bei ihm ist die talentierte Pianistin Roser Bruguera, die von seinem toten Bruder schwanger ist. Victor bringt es lange Zeit nicht über sich, Roser die Wahrheit über den Tod des Bruders zu sagen. Auf dieser Flucht verschwindet die Mutter Victors und alle, auch der schon hier gebannte Leser, glauben, sie sei tot. Die Szenen, die sich in Frankreich abspielen, die Ablehnung, die den politischen Flüchtlingen dort begegnet, erinnert in vielem an heutige Zustände: „Niemand wollte diese Ausländer haben, diese Roten, diese widerwärtigen, dreckigen Fahnenflüchtigen und Verbrecher, wie sie in der Zeitung genannt wurden, sie würden Seuchen verbreiten, stehlen und vergewaltigen und einen kommunistischen Umsturz anzetteln.“

 

An dieser Stelle baut Isabel Allende zum ersten Mal den Teil ihres Romans ein, der in Chile spielt. Sie lässt den damals noch jungen Dichter Pablo Neruda ein Schiff namens „Winnipeg“ chartern, das weit über tausend spanische Bürgerkriegsflüchtlingen nach Südamerika bringen soll. Er sorgt selbst dafür, dass auch Intellektuelle und politisch links verorte Menschen auf das Schiff dürfen, darunter Viktor Dalmau und Roser, die der als seine Frau ausgibt.

 

In Chile angekommen, holt Viktor sein Arztdiplom an der Universität Santiago nach und Roser macht Karriere als Pianistin. Über die Jahre und Jahrzehnte wird aus einer liebe- und respektvollen Vernunftehe eine große Liebe.

 

Viktor wird den noch jungen Salvador Allende kennenlernen, mit ihm regelmäßig Schach spielen, aber er kritisiert auch seine „bourgeoise Gewohnheiten, seine Maßanzüge, sein erlesener Geschmack, der sich in den Kunstgegenständen zeigte, mit denen er sich umgab.“

 

Isabel Allende erzählt mit viel Temperament, wie Victor und Roser und deren Sohn Marcel sich in Chile einen Namen schaffen und versuchen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich in der chilenischen Klassengesellschaft zurechtzufinden. Doch der Leser ahnt schon früh, dass der Militärputsch 1973 die Familie erneut zur Flucht zwingen wird, dieses Mal nach Venezuela. Dort, so berichtet Isabel Allende, habe sie auch während ihres eigenen Exils jenen Victor Pey getroffen, der für die Romanfigur des Victor Pate stand und erst im Alter von 103 gestorben ist.

 

„Dieser weite Weg“ ist die bewegende und auf vielen historischen Tatsachen beruhende Geschichte eines Paares durch die turbulenten Zeitläufe des vergangenen Jahrhunderts.

Wie weit ist der Weg, den Menschen manchmal gehen müssen, um im Leben anzukommen? Eine Geschichte von Flucht und Neuanfang, von politischem Engagement und von Intrigen und Gewalt.

Und eine wundervolle Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich erst langsam näher kommen, nachdem sie vorher schon unendlich viel miteinander erlebt und bewältigt haben.

 

Mit diesem neuen Roman hat Isabel Allende nach etlichen eher durchschnittlichen Romanen zu ihrer alten Qualität zurückgefunden. Weil besonders die Teile, die nach der historisch belegten Überfahrt der „Winnipeg“ in Lateinamerika spielen, von vielen autobiographischen Erfahrungen geprägt, besonders authentisch und leidenschaftlich erzählt sind.

 

Ein Roman, den man als auch historisch und politisch interessierter Leser nicht aus der Hand legen möchte und der von Menschen erzählt, die trotz Flucht und Verfolgung niemals die Hoffnung aufgeben, dass das Leben einen Sinn hat und die Liebe sie weiter trägt, als sie es für möglich hielten.

 

In der hier vorliegenden gekürzten Lesung  aus dem Hörverlag gelingt es Wiebke Puls ganz hervorragend, die Geschichte von Victor, Roser und anderen als eine persönliche Tragödie in Szene zu setzen, eine Tragödie, in der es geht um Vertreibung, Flucht, Exil und die Unmöglichkeit, an einem Ort dauerhaft anzukommen.

 

Die Interpretation der Hauptfiguren ist überzeugend und der leidenschaftliche Sprachstill Allendes findet in der Stimme von Wiebke Puls einen engagierten Widerhall.

 

Ein gelungenes Hörbuch, das trotz seiner notwendigen, aber gelungenen Kürzungen dem Buch ebenbürtig ist.

 

 

 

Geblendet (Hörbuch)

 

 

 

Andreas Pflüger, Geblendet (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4393-5

 

Mit dem vorliegenden dritten Band der Thrillerreihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron  schließt Andreas Pflüger seine Trilogie ab. Viele Fragen blieben nach dem zweiten Band offen, die nun geklärt und zu einem vorläufigen (?) Abschluss gebracht werden.

 

Dazu führt er zu Beginn der wieder absolut spannenden und auch sprachlich mitreißenden Handlung eine neue Figur ein. Zunächst weiß man bei der Geschichte des 12-jährigen Mädchens und ihres Vaters, die im Prolog erzählt wird, nicht, um wen es sich handelt, aber sie wird später einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die der von Jenny Aaron wie ein Spiegelbild ähnelt und ihr auf eine beeindruckende Weise helfen wird, endlich zu sich selbst zu kommen.

 

Zunächst hält sie sich in den USA auf bei einem spirituellen Lehrer fernöstlicher Kampf- und Meditationstechniken. Von dort kehrt sie nach Berlin zurück, um sich einer lange verschobenen speziellen Therapie zu unterziehen, die ihr das Augenlicht zurückbringen soll.

 

Diese Therapie bei Dr. Reimers aber bringt Jenny schnell an ihre Grenzen. Trugbilder verstören zunehmend ihre Wahrnehmung, die regelrecht verrücktspielt. Was noch schlimmer ist: mit zunehmendem Sehen entwickeln sich ihre überscharfen anderen Sinne zurück auf das normale Maß.

 

Mitten in diese vom Autor lang und ausführlich geschilderte prekäre persönliche Situation ereilt Jenny Aaron eine Bitte der Abteilung, wie ihre Eliteeinheit genannt wird. Die Abteilung unter der Leitung von Demirci hat die Möglichkeit, den Mann im Hintergrund zur Strecke zu bringen, jene dunkle Gestalt, die für den Tod so manches ehemaligen Mitglieds der Abteilung verantwortlich ist. Dafür brauchen sie Jennys schnelle Hilfe.

 

Und nun entspannt sich ein Kampf zwischen diesen beiden Mächten und das am Anfang beschriebene, mittlerweile erwachsen gewordene Mädchen spielt eine entscheidende Rolle auf der anderen, feindlichen Seite.

 

Zu diesem Kampf, der die Abteilung fast auszulöschen droht, kommt für Jenny noch ein dramatischer innerer Kampf dazu. Wieder mit zahlreichen Rückblicken in Jennys früheres Leben versehen (dennoch sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, um in diesen dritten, die Reihe abschließenden wirklich hinein zu kommen), schildert Pflüger in einem aus den anderen Büchern bekannten Wechsel zwischen Action und Reflexion, auch spiritueller Reflexion, den Kampf der Abteilung gegen ihre Feinde, die auch im deutschen Geheimdienstsystem sich befinden und befanden und den tapferen Kampf Jennys mit sich selbst. Die zu Anfang des Buches beschriebene Person wird dabei eine wichtige Rolle spielen und  sie auf eine völlig überraschende Art und Weise retten.

 

Am Ende sagt sie sich, dass nichts, was sie in den letzten Jahren erlebt hat, vergebens war. Und sie hätte gar nicht früher erkennen können, was sie jetzt weiß und wo sie nun angekommen ist: „dass es ihr nicht bestimmt war, wieder zu sehen, sondern wieder zu lieben.“

 

Vielleicht hängt mein durchgängiger Eindruck beim Lesen, dass der abschließende Band schwächer ist als die beiden ersten, auch damit zusammen. Dass nämlich die Geschichte von Jenny Aaron an ein Ende kommt, ein offenes Ende zwar, aber wohl ein endgültiges.

 

Was wird sie als Liebende in Zukunft mit all ihren Fähigkeiten anfangen? Wie wird sie leben, was wird sie tun und für wen?  Wird sie ihre Vergangenheit je wieder einholen?

 

Ob Andreas Pflüger dem Reiz widerstehen kann,  sie in einer neuen Reihe noch einmal in anderer Konstellation ins literarische Leben zu rufen?

 

Ein auch literarisch sehr gelungenes Buch, dessen hier anzuzeigende ungekürzte Hörbuchfassung so gut von Nina Kunzendorf  eingelesen ist, dass man es vor spannendem Kitzel kaum aushält. Insbesondere die inneren Kämpfe von Jenny Aaron hat sie sehr einfühlsam interpretiert.