Ohne Haar und ohne Namen

 

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Sarah Helm, Ohne Haar und ohne Namen. Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Theiss 2016, ISBN 978-3-8062-3216-5

 

Viele Jahre hat die Londoner Journalistin für dieses nach seinem Erscheinen in England hochgelobte Buch recherchiert. Herausgekommen ist eine über 800 Seiten starke Geschichte des einzigen Konzentrationslagers der Nazis für Frauen in Ravensbrück. Mehr als 130 000 Frauen waren dort in Haft und wurden teilweise bestialisch gequält. Zehntausende von ihnen fanden dort den Tod. Zwangsarbeit, Prügelstrafen, die Heinrich Himmler selbst eingeführt hatte und bei seinen zahlreichen Besuchen auch persönlich überwachte, Folter und Experimente an Leib und Seele waren dort an der Tagesordnung.

„Es gab spezielle Methoden der Disziplinierung und Bestrafung. Ravensbrück war das Zentrum der Verbrechen gegen Frauen“, schreibt Sarah Helm in ihrem Buch. Mit ihrer bewegenden und trotz allem Leid auch hoffnungsvollen Sprache gibt sie den Frauen von Ravensbrück eine Stimme. Kommunistinnen waren darunter und sogenannte Asoziale, Prostituierte, Zeuginnen Jehovas und Jüdinnen, Sinti und Roma. All diejenigen Menschen für die im „deutschen Volkskörper“ kein Platz sein sollte.

 

„Wenn man der Geschichte von Ravensbrück folgt“, so Helm, „sieht man, wie das Ausmaß der Gräueltaten zunimmt und wohin diese Brutalität führt. Man bekommt einen Eindruck, wie Menschen sich unter solchen Bedingungen verhalten und auch verändern – in alle Richtungen.“

 

Nach jahrelangen Recherchen und zahllosen Gesprächen mit Überlebenden, die dem Buch seine Authentizität verleihen und es trotz allem Leid, das darin geschildert wird, auch zu einem Buch der Hoffnung und Menschlichkeit machen, fast Sarah Helm zusammen:

„Viele dieser Frauen hatten nie über ihr Schicksal gesprochen – und als ich dann bei ihnen saß, um mir ihre Geschichte erzählen zu lassen, setzten sich oft ihre Kinder und Enkelkinder dazu und hörten staunend zu. Sie hatten keine Ahnung, was ihre Großmütter erlebt hatten. Diese Frauen hatten immer weitergekämpft – erst an der Front und dann im Lager. Dort kämpften sie darum, sich ihre Menschlichkeit zu erhalten.“

 

Und Zeichen und Taten der Menschlichkeit und Solidarität gab es viele unter den Frauen. Unter Lebensgefahr nach draußen geschmuggelte Aufzeichnung von gequälten Frauen schildern nicht nur unglaubliche Menschenversuche, sondern atmen einen unbedingten Glauben an die Kraft der Gerechtigkeit, die sie hofften dereinst zu erfahren.

 

Der Titel des Buches ist dem Buch von Primo Levi „Ist das ein Mensch?“ entnommen, wo er schreibt:

„Denket, ob dies eine Frau sei,

Die kein Haar mehr hat und keinen Namen,

Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat,

Leer die Augen und kalt der Schoß

Wie im Winter die Kröte.

Denket, dass solches gewesen.

Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.“