Gräser der Nacht

 

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Patrick Modiano, Gräser der Nacht, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14494-0

Der vorliegende Roman von Patrick Modiano ist das erste von ihm auf Deutsch veröffentlichte Buch seit der Verleihung des Literaturnobelpreises. Entsprechend beworben, waren die Erwartungen sicher nicht nur des Rezensenten an dieses Buch groß.

Doch schon zu Beginn der Lektüre dieses Liebesromans auf dem historischen Hintergrund der bis heute wenig verarbeiteten französischen Kolonialpolitik in Nordafrika, stellt sich Verwunderung ein.  Wie als hätte er mittlerweile eine andere Auffassung vom Schreiben, experimentiert Modiano mit seinem Stoff und mutet zunächst dem Leser auch sprachlich einiges zu.

Der Ich-Erzähler Jean erinnert sich aus dem zeitlichen Anstand eines halben Jahrhunderts und seines ganzen Lebens daran, wie und unter welchen Umständen er Mitte der sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts die rätselhafte und bezaubernde Dannie kennenlernt. Sie bewegt sich in konspirativen Kreisen und durch das Nachwort der Übersetzerin Elisabeth Edl schon sensibilisiert, ahnt der aufmerksame Leser, dass all diese Männer, denen Jean da begegnet, etwas zu tun haben mit den marokkanischen Exilpolitikern und ihrem Widerstand, der am 29.Oktober 1965 in der Entführung und Ermordung von Ben Barka gipfelte. Ein Mord, in den französische Polizei- und Geheimdienstkräfte verwickelt waren und dessen Umstände bis heue nicht geklärt sind. Regierungen von rechts bis links haben sich einer Aufklärung bisher verweigert.

Jean und Dannie kommen sich näher, und er schreckt auch nicht zurück, als sie ihn  fragt, was er tun würde, wenn sich herausstellen würde, dass sie jemanden umgebracht hat:
„‘Was ich sagen würde? Nichts‘, erwiderte er und war sich sicher, dass er auch heute, Jahrzehnte später, dieselbe Antwort geben würde. ‚Denn haben wir das Recht, über die zu urteilen, die wir lieben?‘, überlegte er jetzt wie damals.“
Doch als Dannie, mittlerweile von der Polizei gesucht, plötzlich spurlos verschwindet, sind Jeans Hoffnungen dahin.

Jean erinnert sich nun am Ende seines Lebens mit Hilfe seines damaligen schwarzen Notizbuchs nicht nur an die Namen sondern auch an die Orte, die er nun in der Gegenwart wieder aufsucht in der Hoffnung weitere Erinnerungen zu lösen aus seinem Gedächtnis. Er schreibt unchronologisch auf für sich selbst und die Nachwelt, an was er sich erinnert. Er zieht seine Kreise um die Schauplätze von damals, die heute anders genutzt werden und immer wieder dreht  es sich um den zuletzt pensionierten Kommissar Langlais, den Hüter seines Lebensgeheimnisses.

Auf dem Klappentext wird das Buch mit einem Film noir verglichen. Vielleicht ist es das, was den neuen Roman von Modiano so fremd und geheimnisvoll macht. Die Auseinandersetzung mit den Explosionen des 20. Jahrhunderts ist Modianos Thema. Dieses Mal ist es nicht der Holocaust, sondern die französische Politik in den sechziger Jahren und die Affäre um Ben Barka.