Die einsamen Liebenden

 

 

 

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Eshkol Nevo, Die einsamen Liebenden, DTV 2016, ISBN 978-3-423-26088-6

 

Eshkol Nevo zählt mittlerweile zu den auch weit über die israelischen Grenzen hinaus bekannten Schriftstellern. In allen seinen Büchern, insbesondere dem letzten „Neuland“, sind seine Figuren beseelt von einer großen Sehnsucht. Sie suchen nach dem Sinn ihres Lebens, wagen Neuanfänge und sehen sich doch immer wieder eingebunden in ein Netz von Familie und Freunden.

Auch in seinem neuen Roman, einer Art Realsatire geht es um Menschen, die nach Liebe und nach so etwas wie einer Heimat suchen. Angesiedelt hat er die Handlung in einem fiktiven Pilgerort, einer frommen Provinzstadt. Sie wird „Stadt der Gerechten“ genannt und ist Anziehungspunkt für viele „religiosniks“.

Gerade in diesem Ort, in einem Stadtteil namens „Ehrenquell“ sind vor einiger Zeit eine große Anzahl atheistischer russischer Rentner angesiedelt worden. Sie haben keine Idee vom Judentum., aber sie haben so wie fast alle Menschen in Nevos Romanen Träume von einem Neuanfang von einer neuen Heimat, von Zugehörigkeit.  Da sie weder Hebräisch sprechen noch irgendeine Art von Verständnis haben für das, was nach dem Brief eines amerikanischen Juden namens Mandelsturm an den Bürgermeister der Stadt geschieht kommt es in der Folge zu Missverständnis, die Nevo mit viel Komik witzig schildert. Mandelsturm will der Stadt nach dem Tod seiner geliebten Frau eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad stiften.

Moshe, ehemaliger Kibbuznik und Eliteoffizier der israelischen Armee, ist nach schwerer Lebenskrise ultraorthodox geworden  und hat eine Familie gegründet. Nun arbeitet er als Berater des Bürgermeisters und wird von diesem mit dem Auftrag betraut, den Bau der Mikwe zu beaufsichtigen. Da es schon sehr viele Mikwes in der Stadt der Gerechten gibt, man aber die großzügige Spende aus Amerika nicht ausschlagen will, wird beschlossen, sie im Stadtteil Ehrenquell zu bauen. In direkter Nachbarschaft eines Armeestützpunktes, um den ein großes Geheimnis gemacht wird.,

Die russischen Rentner bekommen natürlich die Bauaktivitäten mit und glauben fälschlicherweise, für sie würde eine Art Clubhaus gebaut. Schneller als man denkt, haben sie einen Schachclub gegründet, und nehmen bei der ersten Gelegenheit dafür die Mikwe in Besitz.

Baumeister der Mikve ist ein arabischer Israeli, Ben Zuk. Man wirft ihn wegen Militärspionage ins Gefängnis. Mutig wehrt er sich solange, bis er frei gelassen wird. Schon immer beobachtet er Zugvögel. Er ist vielleicht der freieste Charakter des Romans. Seine Entschlossenheit, Israel zu verlassen  ähnelt den unerklärlichen Abirrungen von Vögeln, die „plötzlich allein weit ab von ihrer normalen Zugroute in einem Teil der Welt auftauchen, in den sie gar nicht gehören“, den sogenannten „Lost solos“

Moshe begegnet im Rahmen seiner Arbeit seiner alten Jugendliebe Ayelet, was ihn  sehr durcheinander bringt. Doch auch andere Liebende hoffen auf neue Impulse ihres Liebeslebens.

Verschiedene Stränge der Handlung werden von Eshkol Nevo gut miteinander verbunden. Kritik an der Arroganz des Militärs hat genauso ihren Platz wie eine Fülle von in Israel bekannten Klischees über das russische Volk.  Moshe und Ayelet sind zwei einsam Liebende, die von einer gemeinsame Zukunft träumen, aber immer wieder scheitern.

Doch so wie anderen Menschen in dieser märchenhaften Komödie geben sie nicht auf, sich zu sehen nach Veränderung, nach eine Art Wunder, das ihrem Leben Sinn und Erdung gibt.

Vielleicht ein starkes Symbol für eine Haltung vieler Menschen im heutigen  krisengeschüttelten Israel.