Einer von uns

 

 

 

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Asne Seierstad, Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders, Kein & Aber 2016, ISBN 978-3-0369-5740-1

 

Als am 22. Juli 2011 Anders Behring Breivik in der Hauptstadt Oslo im Regierungsviertel und kurz danach auf der Insel Utoya insgesamt 77 meist junge Menschen tötete, da stand ein ganzes Land unter Schock. Ein friedliches, ein wohlhabendes Land, das stolz darauf war, alle seine Probleme, insbesondere die Integration so vieler Flüchtlinge bisher gut gemeistert zu haben.

In einer sehr umfangreichen und von der New York Times als eines der besten zehn Bücher des Jahres bezeichneten Reportage verfolgt die norwegische Journalistin Asne Seierstadt nicht nur die Lebensgeschichte des Attentäters bis zu seiner Tat, sondern in vielen Erzählsträngen folgt sie der Lebensgeschichte der Opfer und ihrer Familien, ihrer Träume und Hoffnungen und wie sie, nicht selten mit Migrationshintergrund, versuchen ihren Platz und ihre Heimat in der norwegischen Gesellschaft zu finden. Über viele Hundert Seiten und viel Jahre folgt sie deren Geschichten und gibt den Opfern und ihren Familien ein Gesicht.

Doch auch in der hervorragend recherchierten Beschreibung des Lebenswegs von Anders Behring Breivik hütet sie sich vor Pathologisierung und Dämonisierung. Immer wieder sucht sie nach den sozialen und psychologischen Hintergründen seiner Tat, die dadurch aber keinen Deut verständlicher wird. Im Gegenteil. Dass die ganze Gesellschaft für eine solche Entwicklung ein Stück mit Verantwortung trägt, steht für Asne Seierstadt außer Frage.  Bei der Beschreibung der Quellen, die Breivik nutzte, um sein abstruses Weltbild zu formen, war ich mehr als einmal an die jüngsten Nachrichten aus unserem Land erinnert, besonders durch unabhängige Medien wie etwa die Huffington Post, die nachweisen, in welchem Dunstkreis rechtsradikaler und faschistischer Ideen und Haltungen sich die AfD bewegt.

Wie gerade gestern das Massaker in Orlando gezeigt hat, ist die Tat von Breivik kein Einzelfall geblieben. Umso wertvoller scheint mir das vorliegende Buch, ein Meisterstück der literarischen Reportage. Ein Buch, das wegen der Grausamkeit, das es beschreibt, nur sehr schwer zu verdauen ist. Das Land Norwegen hat sich längst davon erholt, wie man am Ende erfährt, aber die betroffenen Familien werden das niemals können. Die Wunden bleiben.