Das Kleid meiner Mutter

 

 

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Anna Katharina Hahn, Das Kleid meiner Mutter, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42516-9

Ihre beiden letzten Romane „Kürzere Tage“ und „Am schwarzen Berg“ (für den  Dt. Buchpreis nominiert waren literarisch absolut gelungene Versuche  mit einer kühlen und distanzierten Sprache den Tiefenschichten bürgerlichen Lebens auf die Spur zu kommen. Was sie dabei zu Tage förderte, war für den Leser oft nur schwer zu ertragen. Denn bei aller oberflächlichen Freundlichkeit und allem gelehrten Engagement und Wissen – die Menschen in diesen Büchern bleiben sich fremd, vor allen Dingen sich selbst gegenüber. Jeder findet seine eigene Weise, die Erkenntnis dieser Wahrheit, die sich dem Leser mit jeder Seite mehr aufdrängt, vor sich selbst zu verbergen. Vor allem mit Alkohol, aber auch mit Arbeit oder im letzten Buch mit einem zerstörenden wutbürgerlichen Engagement.

In ihrem neuen Roman „Das Kleid meiner Mutter“ hat sie Stuttgart verlassen und siedelt die Handlung im Madrid des Sommers 2012 an. Dort leiden die Menschen an den Folgen der jüngsten Wirtschaftskrise, vor allem die jungen, die sich in einem verzweifelten Protest zu wehren versuchen.

Zu dieser verlorenen Generation, die keine Möglichkeit des Aufbaus einer selbstbestimmten Existenz hat und zu großen Teil immer noch in den Kinderzimmern ihrer Elternhäuser leben, gehört auch Ana Maria, genannt Anita. Ihr promovierter Bruder ist bereits nach Berlin ausgewandert und arbeitet dort auf dem Bau.

Sie findet Unterstützung bei ihrer Familie und ihren Freunden, auch seit langem gut ausgebildet arbeitslos und bei den regelmäßigen Demonstrationen auf der Puerta del Sol. Doch eines Tages liegen beide Eltern tot in der Wohnung. Und sie schlüpft in die Kleider ihrer Mutter: „Es fühlte sich gut an, meine Mutter zu sein. Ich war schön, auf eine mir unbekannte Weise. Selbst in den Gesichtern mancher Frauen sah ich ein Aufleuchten.“

In diesem Roman, in dem man von den Hintergründen und der sozialen Auswirkungen der spanischen Krise nicht viel mehr erfährt als man als aufmerksamer Nutzer hiesiger Medien schon seit Jahren weiß, versucht die Autorin den Bogen zu spannen zwischen einem Liebesroman und einem engagierten Sozialroman quer durch die Generationen immer auf den Hintergrund der Finanzkrise, aber über lange Teile des Buches verliert der Bogen seine Stabilität und Statik.

Deshalb ist das neue Buch bei weitem nicht so gut wie die beiden letzten.