Wunderlich fährt nach Norden

 

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Marion Brasch, Wunderlich fährt nach Norden, S. Fischer 2014, ISBN 978-3-10-001368-2

 

Wunderlich, die Hauptperson des neuen Romans von Marion Brasch ist 43 Jahre alt. Er lebt in einer kleinen Stadt und ist einsam, nachdem ihn seine Marie unerwartet verlassen hat. Als er auf dem Dach seines Hauses sitzt und überlegt, was er tun kann, meldet sich plötzlich sein Handy mit einer SMS bei ihm: „Guck nach vorn“. Doch die Botschaft kommt nicht von Marie, sondern von „Anonym“. Aber wer ist anonym? Dass es Marie ist, schließt Wunderlich aus.

Der knorrige Kerl, der seinen Namen zurecht trägt, lässt sich von „Anonym“, der (oder die) ihm regelmäßig Hinweise schickt, zu einer Abenteuerreise verleiten. Das bedeutet für ihn: Im Lande bleiben, mit dem Zug nach Norden fahren und schauen, was passiert. Dabei trifft er auf Personen, die er bewundert und mit denen er sich unterhält. Nach jeder dieser Begegnungen bekommt er von „Anonym“ ungefragt eine Lebensbeschreibung des jeweiligen Menschen, sogar deren Zukunft wird ihm per SMS vorausgesagt.
Doch dann wird er vom Zugpersonal wieder hinausgeworfen, worauf er einen Obdachlosen und später Toni, eine merkwürdige, junge Frau, kennenlernt. Besonders für Toni empfindet Wunderlich eine starke Zuneigung. Von ihr lässt er sich das Landstreicherleben zeigen und probiert auch die Wirkung von „Blauharz“ aus – doch das ist erst der Anfang, denn „Anonym“ meldet sich immer wieder, was mit gewissen Nebenwirkungen einhergeht …

Der Beginn des Roman liest sich erfrischend, und man fragt sich, ob Marion Brasch das Tempo bis zum Ende durchhält. Sie tut es – und auch wieder nicht. Viel zu lange hält sich Wunderlich bei Toni und Konsorten auf und man möchte ihm zurufen, doch endlich weiterzufahren. Manche Passage entpuppt sich als durchaus entbehrlich, doch als er dann endlich die Weiterreise antritt, ist man auch wieder ernüchtert, denn anstatt mit Toni zusammen reist er allein weiter.
Aber ist so nicht das Leben schlechthin? Ankunft und Abfahrt … Wiedersehen und Trennung? Schließlich will Wunderlich ein neues Leben beginnen …

Die Autorin versteht es gut, ihren Figuren Leben einzuhauchen, und auch, wenn am Ende die Geschichte nicht so ausgeht, wie man es sich gerne gewünscht hätte, bleibt ein nachhaltiger, positiver Eindruck zurück: Der „Mensch“ zählt, und „Hutmann“ (so nannte Toni ihren Wunderlich liebend gern) ist trotz (oder gerade) wegen seines tumben Auftretens ein sympathischer Kerl, den man am liebsten umarmen möchte. Manch einer, der sich von der Gesellschaft unverstanden fühlt, dürfte sich gut mit ihm identifizieren können.

 

Ein eigensinniger, komischer und berührender Roman.