Fremde Seele, dunkler Wald

 

 

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Reinhard Kaiser-Mühlecker, Fremde Seele, dunkler Wald, S. Fischer 2016, ISBN 978-3-10-002428-2

 

Der österreichische Schriftsteller Reinhard Kaiser- Mühlecker erzählt in seinem neuen Roman, der es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, die Geschichte von zwei unterschiedlichen Brüdern und deren lange vergeblichen, schlussendlich aber doch Erfolg gekrönten Versuche, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und für sich selbst ein neues Leben zu beginnen.

 

Obwohl die Handlung in der jüngsten Vergangenheit spielt, etwa 2013/14, hat man beim Lesen nicht nur wegen der durchaus angenehmen und ansprechenden Sprache des Autors nicht selten das Gefühl, man befinde sich in einer Zeit in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

 

Alexander, der ältere der beiden Brüder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, verlässt früh sein Dorf, studiert zunächst Medizin, geht aber bald zur Armee und verbringt viele Jahre auf Auslandseinsätzen der UNO. Selten nur kehrt er für kürzere Aufenthalte nach Hause zurück und bleibt dort fremd, fühlt sich nur im Wirtshaus einigermaßen wohl.

 

Der jüngere Bruder Jakob ist all die Jahre der Abwesenheit seines Bruder zu Hause geblieben und führt die Landwirtschaft, an der der Vater schon lange kein Interesse mehr zeigt. Er träumt immer wieder von tollen Geschäftsideen, und muss doch immer wieder Land und dann auch Tiere verkaufen um seine Schulden zu begleichen. An diesen Stellen, wenn der Hof über die Jahre immer kleiner wird, fragt sich der Leser dann doch zunehmend, wie das sein kann, dass sich davon noch eine dreiköpfige Familie ernähren kann. Da hat der Autor ein wenig an der Realität vorbeigeschrieben. Denn die Großmutter, die nach dem Tod des Großvaters dessen in der Nazizeit wohl illegal erworbenes Eigentum geizig verwaltet, gibt keinen Cent her.

 

Die Zeit vergeht, der Vater träumt weiter von seinen spinnerten Ideen und die beiden Söhne hängen zwischen Vergangenheit und Zukunft lange in der Luft. Es passiert nichts – scheinbar.

 

Denn in dieser Zeit, in der der Roman in seiner Gegenwartsebene (es gibt auch Rückblicke) spielt, ereignet sich das Drama der Existenz all dieser Menschen. Menschen, die durch ihr Land, ihre Verwandtschaft, durch all den Dorftratsch miteinander verbunden sind.  Und durch ihre Sehnsucht nach etwas anderem.

 

Dass die beiden Brüder schlussendlich jeder für selbst einen vom Leser nicht mehr für möglich gehaltenen Neuanfang wagen, stimmt trotz seiner Zerbrechlichkeit tröstlich.

 

Man muss den Schreibstil von Reinhard Kaiser-Mühlecker mögen, sonst kann man das Buch nicht genießen.