Der namenlose Tag

 

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Friedrich Ani, Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42487-2

 

Selbst versierte Krimileser könnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen literarischen Tätigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor Süden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen Büchern ermitteln ließ. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie über ein Dutzend Bücher über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei Büchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser Männer hatte eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.

Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigentümliche Weise in der Lage, das Schicksal der Täter und ihrer Opfer auf eine fast körperliche Art zu spüren und zu erleben, die sie während ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.

Ani lässt sie mit Regelmäßigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungewöhnliche Art, Kriminalfälle zu lösen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Menschenwürde zurück.

Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nach langer Heimstatt bei Droemer nun beim vom Konkurs geretteten und programmatisch und finanziell wieder auferstandenen Suhrkamp Verlag in Berlin präsentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit zwei Monaten im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben jenseits der Toten beginnen zu können, nachdem er über viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener Einschätzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner Vorgänger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein Job als Polizist seine Ehe scheitern ließ. Dass ihn Ani am Ende eines Falles, der ihn in die Katakomben seiner eigenen Vergangenheit führte, diesen zusammen mit seiner Ex-Frau Marion Siedler resümieren lässt, gibt zu der Vermutung Anlass, dass Marion auch im nächsten Buch wieder auftauchen wird.

Dieser Fall jedenfalls ist eigentlich schon seit zwanzig Jahren abgeschlossen. Doch Ludwig Winther, der Franck sozusagen privat beauftragt, glaubt nicht daran, dass seine damals siebzehnjährige Tochter sich selbst erhängt hat, wie der polizeiliche Untersuchungsbericht damals eindeutig feststellte. Nach wie vor ist er davon überzeugt, es könne sich nur um einen Mord handeln. Ex- Kommissar Jakob Franck macht sich daran die näheren Umstände des Todes des Mädchens aufzuklären. Er „erweckt einen toten Fall zu Leben.“

Dazu, so ist er überzeugt, gehört eine Art Leichenfledderei, die sich von der von Emotionen völlig freien Arbeit des Gerichtsmediziners stark unterscheidet. „Was Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn nötig rücksichtsloses Zerstückeln der Umstände, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten, das Offenlegen ebenso verständlicher wie oftmals schmutziger Überlebenstricks. Die Aufklärung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war. Von Grund auf zu erschüttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der Kälte standen und sich ihrer Erbärmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an – davon war Franck überzeugt – gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.“

So wie viele seine Vorgänger ist Franck nicht religiös, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den sündhaften Abgründen menschlicher Existenz. Er nähert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er „Gedankenfühligkeit“ nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.

Das macht bin in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen lässt, dem, was Ani seit vielen Jahren beschäftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.

Man wird sehen, wieviel „Fälle“ Friedrich Ani diesem beeindruckenden neuen Ermittler im Ruhestand schenkt. Der Auftakt jedenfalls überzeugt auf der ganzen Linie.