Jessicas Traum

 

 

 

 

 

Dörthe Binkert, Jessicas Traum, DTV 2016, ISBN 978-3-423-26109-8

 

Als die im neuen Roman von Dörthe Binkert erzählende Ann an einem 13. Februar in Wrexham, Wales am Krankenbett ihrer besten Freundin Jessica steht, kann diese sie nicht erkennen. Nach einem Selbstmordversuch, bei dem auch viele Tabletten im Spiel waren, ist Jessica in tiefe Bewusstlosigkeit gefallen und es ist vollkommen unklar, ob sie jemals wieder daraus aufwachen wird.

 

Um mit diesem Schock irgendwie klar zu kommen und mit einer stillen Hoffnung, dass sie Jessica damit helfen kann, wieder zu sich und ihrem eigentlichen Leben zu kommen, fängt Ann an, ihre gemeinsame Geschichte aufzuschreiben.

Sie beginnt vor sechs Jahren, als sich die beiden deutschen jungen Frauen in London kennenlernen, wo sie beide für ein Jahr am  University College Anglistik studieren.  Sie sitzen zufällig nebeneinander, als Seminararbeiten vergeben werden und entscheiden sich spontan, eine Arbeit über Shakespeare miteinander zu verfassen.

„Sie hatte etwas Verspieltes, Weiches, Anschmiegsames, auch etwas Ungefähres, das noch auf Prägung wartete.“  Jessica wohnt bei einer alten  Witwe zur Untermiete, während die vier Jahre ältere Ann in einer WG lebt.

 

Sie kommen sich näher, und als Jessica dem Maler Nick begegnet, ziehen beide in ein leer gewordenes Zimmer der WG. Nick hat einen Traum, in den er Jessica sehr bald einhüllt. Sie wird nicht nur eins mit ihm, sondern auch mit seinem Traum vom Leben, sein Traum wird ihr Traum. Und sie finden ihn mitten in Wales in einem abgelegenen Tal in einem verfallenen Cottage namens Graig Ddu, ohne fließendes Wasser und ohne Strom.

 

Immer wieder unterbricht Ann ihre Erinnerungen mit drucktechnisch abgesetzten Berichten über den Zustand von Jessica im Krankenhaus. Ann ist Patin von Amy, der kleinen  Tochter von Nick und Jessica und lebt nach einer Station in Frankfurt  mittlerweile mit ihrem Partner Achim in Zürich. Immer wieder ist sie im Verlauf der vergangenen sechs Jahre nach Graig Ddu gefahren um die Freundin zu besuchen und zu unterstützen. Und mit jedem Jahr mehr fällt ihr auf – das wird ihr rückblickend ganz klar – wie sich Jessica zwar an ihrem Traum festhält, während Nick sich in seine Gemälde flüchtet, aber seelisch immer mehr verkümmert. Immer wieder fällt sie in Depressionen, insbesondere wenn nach dem kurzen Herbst der lange walisische Winter kommt und die Lebensbedingungen an ihr nagen.

 

Indem Ann die gemeinsame Geschichte aufschreibt, wird ihr immer deutlicher, was geschehen muss, sollte Jessica jemals wieder aufwachen. Als Achim zu ihr sagt: „ Manche Träume muss man aufgeben, bevor sie einen umbringen“ ist Ann schon dabei, etwas über Jessicas Mutter herauszufinden, die angeblich ihre Kinder verlassen hat, um mit einem anderen Mann zu leben.

 

Als Ann über diese Legende die Wahrheit herausgefunden hat, erhält sie von Nick aus Wrexham eine Botschaft: „Jess ist aufgewacht.“

 

Den Rest überlässt Dörthe Binkert der Phantasie des Lesers. Das was Ann tun konnte, um ihre Freundin zu verstehen und zu retten, hat sie getan. Ob diese nun die Macht der Kindheits- und Mutterlegenden über sich brechen und aus ihrem Traum aufbrechen kann in ein anderes, neues Leben? Wie wird ihr Mann Nick sich verhalten?

 

Stoff für ein weiteres Buch, das der Leser in seinem Kopf entwerfen darf.