Das Leben wartet nicht

 

 

 

 

 

Marco Balzano, Das Leben wartet nicht, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-86307-9

 

Viel Persönliches ist sicher eingeflossen in den dritten Roman, den der Gewinner des Premio Campiello 2015, der Mailänder Lehrer und Schriftsteller Marco Balzano, in diesem Frühjahr bei Diogenes in Zürich unter dem Titel „Das Leben wartet nicht“ vorlegt.

 

Selbst ein 1978 geborenes Kind von Süditalienern, die ihr Glück im Norden des Landes suchten und passionierter Lehrer lässt er einen Mann namens Ninetto seine Geschichte erzählen.

 

Sie beginnt mit einer von Ninetto geträumten Szene auf dem Gefängnishof des Knastes, in dem er zehn  Jahre seines Lebens verbringt, um dort eine Strafe abzusitzen. Für welche Tat er verurteilt wurde, bleibt in dem ebenso spannenden wie berührenden Buch lange unklar. Nineetto, wegen seiner spindeldürren Figur auch schon früh „Pelleosa“ genannt, sieht von seiner Zelle aus seinen ehemaligen von ihm verehrten Grundschullehrer Vincenzo über den Gefängnishof gehen. Und Ninetto erinnert sich daran, wie der begnadete Grundschullehrer ihm die Liebe zur Poesie ins Herz pflanzte, ihm von einem Herren namens „Schanschak Russo“ und der Entstehung des Privateigentums mit allen seinen furchtbaren Folgen für die Menschen und die Gesellschaft erzählte und ihm zum Abschied ein Tagebuch schenkte, als im zarten Alter von neun Jahren seinen süditalienischen Heimatort San Cono mit einem erwachsenen Nachbarn verließ, um im Norden, in Mailand sein Glück zu versuchen.

 

Marco Balzano berichtet in seinem Nachwort von seinen Recherchen zu diesem Buch und den Gespräch mit über einen  Dutzend Menschen, die in der Zeit zwischen 1959 und 1962 als Kinder ihre Heimat verließen und im Norden oft ganz auf sich allein gestellt waren.

 

Mit seiner Hauptfigur Ninetto lässt er einen von Ihnen sein Leben erzählen und verleiht so allen eine unverwechselbare Stimme.

Ninetto hat nie wirklich in das Tagebuch geschrieben, das ihm der Lehrer beim Abschied schenkte. Doch er hat ihn nie vergessen und seine Liebe zur Poesie hilft ihm schon früh über manches Leid hinweg. Nachdem er seinen ehemaligen Lehrer  gesehen zu haben glaubt, legt er sich auf seine Gefängnispritsche und lässt seine Geschichte Revue passieren bis zu dem Tag , als er aus dem Gefängnis entlassen wird und zurückkehrt zu seiner Frau Maddalena, die er mit fünfzehn heiratete, mit der er eine Tochter hat, und die ihn trotz seiner Tat nie im Stich ließ.

 

Marco Balzano lässt Ninetto erzählen von seinen ersten Jobs, den regelrechten Löchern, in denen die Emigranten wohnten. Wie dieser Junge, dessen Schicksal für viele steht, dies bewältigte, ist bewundernswert. Doch wie für so viele andere damals, ist der Tag des 15. Geburtstags, als er bei Alfa Romeo in Mailand ans Fließband kommt, eher en Ende als ein ersehnter Neuanfang: „Das Leben wurde eintönig, die Arbeit war entfremdend, einigen bot das herrschende Klima zwar auch Anregungen, doch die meisten waren von der Fabrik enttäuscht, nicht zuletzt wegen der gelegentlich sehr naiven Erwartungen, die sie diesbezüglich gehegt hatten. Kurzum, die anfängliche Begeisterung wich einem verlegenen, nicht selten traurigen Schweigen.“

 

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, er ist 57 Jahre alt, versucht Ninetto wieder Arbeit zu finden, nach ein paar Hilfsarbeiterjobs schließlich erfolglos. An die ersten Orte seiner Mailänder Zeit zurückkehrend, erkennt er in den dort in den Wohnbaracken lebenden Flüchtlingen und Emigranten sein eigenes Schicksal wieder.

 

Was ihn umtreibt, beschreibt er so: „…(dass wir) nicht aufhören dürfen zu hoffen, dass dieses verdammte Leben sich bessert und uns das Unheil, das wir angerichtet haben, verziehen wird.“

 

Ob ihn dies gelingen wird, soll hier offen bleiben. Nicht offen ist allerdings die Einschätzung des Rezensenten, dass es sich bei diesem Roman von Marco Balzano um große engagierte und sozialkritische Literatur handelt.