Das Jahr in dem ich lügen lernte

 

 

 

 

Lauren Wolk, Das Jahr, in dem ich lügen lernte, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25494-7

 

Annabelle, die in diesem Buch von dem „Jahr, in dem ich lügen lernte“ erzählt, ist zum Zeitpunkt der Handlung, die sich vom Herbst 1943 an über ein Jahr erstreckt, 12 Jahre alt. Sie lebt in einem kleinen, beschaulichen Dorf in Pennsylvania. Sie hat zwei kleinere Brüder, Henry (9) und James (7), auf die sie oft aufpassen muss und mit denen sie jeden Tag zusammen den Weg durch die Wolfsschlucht in die Schule geht. Der Vater ist Farmer, die Mutter kümmert sich zusammen mit den Großeltern um den Haushalt. Eine ledige Tante namens Lily betreibt die Poststelle im Ort und wird von der Familie trotz ihrer oft rigiden Ansichten wohlwollend toleriert.  Das Leben ist einfach dort, aber es fehlt ihnen an nichts. Die Gemeinschaft im Dorf funktioniert. Seit die USA gegen Nazideutschland in den Krieg gezogen sind, hängt aber eine unsichere Stimmung auch über dieser ländlichen Gemeinschaft und der schon seit Jahrzehnten dort lebende Deutsche Mr. Anselm sieht sich immer wieder Anfeindungen ausgesetzt.

 

Für Annabelle ändert sich ihr Leben schlagartig, als mit Betty ein schwererziehbares Mädchen auf den benachbarten Hof ihrer Großeltern zieht, weil ihre Mutter nicht mehr mit ihr klar kommt, nachdem der Vater verschwunden ist. Betty beginnt sofort Annabelle zu bedrohen und versucht sie einzuschüchtern. In der Schule ist eine bei über 40 Schülern in einer Klasse überforderte Lehrerin nicht in der Lage, der Aufsässigkeit von Betty Einhalt zu gebieten. Alle sind froh, wenn sie und der Bauerssohn Andy, mit dem sie sich angefreundet hat, nicht in die Schule kommen.

 

In der Nähe der Wolfsschlucht, wo Betty Annabelle regelmäßig auflauert, lebt der Einsiedler Toby in einer alten Hütte.  Er spricht nicht viel, aber sieht alles, was in der Umgebung geschieht. So wird er auch Zeuge mehrerer schlimmer Vergehen, die Betty in der Folgezeit begeht. Annabelle und ihre Mutter unterstützen den ehemaligen Soldaten Toby, der im Ersten Weltkrieg in Frankreich Unsägliches erlebt hat und seitdem mit seiner Schuld kämpft, immer wieder mit Kleidung und Essen.

 

Schnell jedoch gerät Toby in Verdacht, jenen Stein geworfen zu haben, der Mr. Anselm galt, aber Annabelles Schulfreundin Ruth traf und ihr ein Auge gekostet hat.

 

Annabelle kämpft mit sich und ihrer Angst. Erst recht, als Toby, mit dem sie sich angefreundet hat und der ihr von seinem Kriegserlebnissen erzählt hat, in Verdacht gerät und gejagt wird. Ein Gedanke gibt ihr Kraft:

„Wenn mein Leben nicht mehr war als eine einzige Note in einer endlosen Sinfonie, musste ich dann nicht diesen einen Ton so lang und so laut spielen, wie ich konnte?“

 

Sie versteckt Toby, offenbart sich schließlich ihren Eltern und diese wunderbaren Menschen mit ihrer klaren Lebenshaltung von Recht und Gerechtigkeit, glauben ihr und unterstützen sie.

Betty macht Erfahrungen von Mitmenschlichkeit und Zivilcourage, die sie ein Leben lang nicht vergessen wird.

 

Lauren Wolks erster Roman bei Hanser ist ein Jugendroman, der menschliche Schwächen schonungslos beschreibt. Ein Roman, der erzählt vom Band der Freundschaft über alle Widerstände hinweg, von Solidarität, von Gerechtigkeit und von der Bindungskraft einer Familie, in der sich Erwachsene und  Kinder ernst nehmen und achten.