Helikoptermoral

 

 

 

 

 

Wolfgang Schmidbauer, Helikoptermoral, Murmann 2017, ISBN 978-3-946514-56-5

 

Das neue Buch von Wolfgang Schmidbauer, dem bekannten Psychotherapeuten ist ein gelungenes Beispiel einer selten gewordenen kritischen Sozialpsychologie.

Der Begriff der „Helikoptereltern“, die ihre Kinder nicht loslassen und unter permanenter Kontrolle haben müssen ist mittlerweile auch einem größeren Publikum durchaus geläufig. Wer ein Kind hat und es in der vergangene Jahren durch die Zeit des Kindergartens und der Schule begleitet hat, hat sie in großer Zahl kennengelernt und in sehr unangenehmer Erinnerung.

 

Ähnlich wie diese Eltern von chronischen Ängsten geplagt sind, ihre Kinder könnten  in einer immer härter werdenden Gesellschaft scheitern (und damit natürlich auch ihr Projekt, als das sie ihre Kinder verstehen),  befindet sich unsere ganze Gesellschaft in eine Zustand der Angst.

Schmidbauer spricht nun in seinem Buch analog zu diesem Phänomen von einer „Helikoptermoral“, ein Produkt der durch massive Ängste verursachten Hyperaktivität, sei es des Übereifers, sei es der unverhältnismäßigen, verschwenderischen Reaktion auf konstruierte Gefahren.

 

Er versteht darunter eine Mischung aus „ängstlicher Aufmerksamkeit und hastigen Bewertungen ohne Empathie und ohne Blick auf Zusammenhänge“.  Die Fähigkeit für ein eigenes selbstkritisches Urteil geht verloren, „weil die Urteile so zwischen Überschätzung und Entwertung polarisiert sind, dass das Augenmaß verloren geht. Fantasien von Erlösung und Befreiung gewinnen eine Macht, die am Ende in Katastrophen führen muss“.

Es geht ihm überhaupt nicht darum etwa Moral und moralische Urteile zu kritisieren. „Es geht um ihren Missbrauch, um den Übereifer, die Grenzüberschreitung im Dienst narzisstischer Bedürfnisse der Eiferer.“

 

Ethik und Moral werden so aus dem Kontext gerissen und ihrer wichtigen Bedeutung für menschliche Gesellschaften beraubt. Das ist für diese eine große Gefahr. Schmidbauer sieht keine perfekte Lösung:

„Dem Angstkranken kann durch Einfühlung und Zuwendung geholfen werden. Wer aber wie der Fanatiker Ängste manisch abwehrt, ist unzugänglich. Er plant, eine neue Welkt zu schaffen, in der er keine Angst mehr haben muss, weil dann die Menschheit entweder belehrt oder tot ist. Erst wenn es gelingt, ihn  zu stoppen, und sich die Aussichtslosigkeit seiner Größenfantasie erweist, wird er sich der Einsicht wieder öffnen.“

 

Schlechte Aussichten für die nächste Zeit, findet ein von dem Buch beeindruckter, aber auch ernüchterter Rezensent.