Dass wir uns haben

 

 

 

 

 

Luise Maier, Dass wir uns haben, Wallstein 2017, ISBN 978-3-8353-3045-0

 

Dieser kleine Roman der 1991 geborenen, nun in der Schweiz lebenden Luise Maier ist ein kraftvolles, ein bewegendes und ein den Leser tief erschütterndes Buch. Es handelt in kurzen Abschnitten, teilweise wie aus einem Notizbuch, vom Familienleben der namenlosen Erzählerin. Zusammen mit den Eltern und dem großen Bruder lebt sie in einem grünen Haus in einem kleinen Dorf vermutlich in Bayern, wie man aus einigen Hinweisen entnehmen kann.

 

Es geht in dieser Familie vorrangig um gegenseitigen Terror durch Gewalt und durch Schweigen. Schon gleich zu Beginn des Buches fesselt der Vater den Bruder und misshandelt ihn übel, weil der wiederum seine Schwester geschlagen hatte. Mutter und Tochter, die gleiches ebenfalls oft erleben in diesen grausamen Erinnerung versuche n ihn zu trösten:

„Er weinte den restlichen Nachmittag. Mutter und ich saßen abwechselnd an seiner Bettkante und streichelten über seinen Rücken. Der Rücken hörte nicht auf zu zucken. Ich streichelte nur ganz vorsichtig, dort, wo ich auch am liebsten gestreichelt werde, wenn ich weine.“

 

Diese widersprüchliche Gleichzeitigkeit zwischen erbarmungsloser Brutalität gegeneinander und beeindruckender Zärtlichkeit füreinander, zieht sich durch die ganzen 150 Seiten des Buches, das man deshalb mehr als einmal aus der Hand legen möchte, weil man diese Schilderung kaum aushalten kann, auch deshalb, weil die Ätiologie dieser familiären Gewalt im Unklaren bleibt.

Die enorme erzählerische Kraft und sprachliche Wucht, mit der Luise Maier diese wohl biographisch konnotierte Familiengeschichte erzählt, lässt vermuten und hoffen, dass diese junge Frau mit ihrem Debüt einen ersten Schritt aus dieser verhängnisvollen Gewaltgeschichte heraus getan hat und der Beginn, wo sie wie in Rage immer wieder auf einen Notizzettel schreibt: „Ich darf keine Kinder haben“ irgendwann in ihrem Leben keine Bedeutung mehr haben wird.

 

Ich hoffe, sie meldet sich bald mit einem zweiten Roman zurück. Denn Schreiben kann  tatsächlich heilen.