Ein besonderer Junge

 

 

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Philippe Grimbert, Ein besonderer Junge, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14425-4

Wenn ein Psychoanalytiker mit dem Schwerpunkt Jugendpsychiatrie beginnt Romane zu schreiben, dann muss man damit rechnen, dass er in seinen Büchern entsprechende Stoffe einbaut. Schon in seinem auch als Film ungeheuer erfolgreichen Buch „Ein Geheimnis“, in dem er seiner jüdischen Kindheit nachspürte, hat Grimbert mit Übertragungsphänomenen gespielt.

In „Ein besonderer Junge“  erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der nach mehreren Versuchen nicht mit seinen Studien an der Universität klarkommt. Da sieht er eines Tages einen Aushang:
„Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados)“

Wie elektrisiert notiert sich Louis die Angaben. Zwei Wörter haben es ihm angetan, berühren etwas in ihm, was im Verlauf der Handlung näher ausgeführt wird. In Horville war das Sommerhaus, in dem Louis mit seiner Familie über viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Horville war der Ort einer jahrelangen tiefen Freundschaft zu Antoine, einem Jungen, dem sich Louis seelenverwandt fühlte. Und er stolpert über das Wort „besonderen“.

Indem er diesen Zettel liest, beginnt seine Erinnerung an seine Kindheit hervorzusprudeln, in der ihn sein Vater immer als einen „besonderen Jungen“ bezeichnete. Louis trifft sich mit dem Vater des zu betreuenden Jugendlichen und fährt dann nach Horville, wo Iannis mit seiner Mutter eine Zeit verbringt, in der sie ihren neuen Roman fertig stellen will.

Viele Helfer haben sich in den letzten Wochen und Monaten schon an der Betreuung des sechzehnjährigen Iannis verhoben und oft schon nach wenigen Tagen ihre Arbeit beendet. Louis wird auch bald klar, warum der stumme Junge nicht nur seiner Mutter eine solche Last ist. Doch er hält durch, baut langsam eine emotionale Beziehung zu dem Jungen auf, der in seinem Verhalten die kleinste Emotion, die in seiner Umgebung spürt, widerspiegelt.

Zunächst widersteht Louis auch den erotischen Avancen der Mutter, bis er sich später von ihr verführen lässt. Diese sexuellen Erfahrungen und die entsprechenden Kindheitserinnerungen an vorpubertäre Sexualität sind nur ein Strang eines Buch, das in kurzen Abschnitten erzählt und in kursiver Schrift den Protagonisten immer wieder in seine Kindheit und seine tiefe Freundschaft zu Antoine führt. Ja, ich wage zu behaupten, dass es diese „durchgearbeiteten“ Erinnerungen sind, die Louis ermöglichen, eine immer stabilere Beziehung zu Iannis aufzubauen, von dem sich herausstellt, dass er hinter dem Rücken seiner eher kalten Eltern schreiben und lesen gelernt hat. Und es ist die zugelassene Trauer um den Verlust seiner Kindheit und die Trennung von Antoine, die es ihm ermöglicht, am Ende auch Iannis gehen zu lassen, doch nicht bevor er etwas absolut Verrücktes tut und sich damit wohl für sein ganzes weiteres Leben befreit.

Eine wunderbare, mit dichter Sprache erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Anderssein.