Munin oder Chaos im Kopf

 

 

 

 

Monika Maron, Munin oder Chaos im Kopf, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10048840-4

 

In ihrem neuen, politisch wenig korrekten Roman, lässt die mittlerweile 76-jährige Schriftstellerin Monika Maron ihre Ich-Erzählerin eine ganze Menge wohl eigener Beobachtungen und Einschätzungen formulieren und aussprechen.

 

Die Ich-Erzählerin heißt Mina Wolf. Sie arbeitet als journalistische Freelancerin und Gelegenheitstexterin und hat, auf welchem Wege auch immer, von der kommunalen Spitze einer westfälischen Kleinstadt den Auftrag erhalten, für eine städtische Festschrift einen Beitrag über der Dreißigjährigen Krieg zu verfassen.

Zunächst eher widerwillig (sie hat ja den ganzen Sommer Zeit) beginnt sie zu recherchieren, und zu lesen, denkt nach über deutsche Befindlichkeiten und die Verwerfungen der Welt und über Religionskriege damals und heute. Ihre Beobachtungen und Vergleiche bewegen sich gegen den medialen Mainstream der letzten Jahre, politisch sehr unkorrekt, aber durchaus im Rahmen dessen, was eine Mehrheit einer zunehmend schweigenden Bevölkerung schon lange denkt über die Schwierigkeiten der Integration von Millionen junger muslimischer Männer (Maron spricht tatsächlich von „Millionen“) und über die Gefahr von Parallelgesellschaften.

Mina Wolf ist zunächst zögernd, dann aber immer zutraulicher werdend, eine einbeinige Krähe zugeflogen. Sie kommt nicht täglich, aber wenn sie da ist und das ausgelegte Futter verspeist hat, ist sie der Journalistin eine skeptisch-pessimistische, aber sehr meinungsfreudige Gesprächspartnerin. Diese Dialoge mit der klugen Krähe, die so was symbolisiert wie eine zweite innere Stimme der Erzählerin, bilden das literarische Zentrum des Romans und sind für den Leser eine wahre intellektuelle Freude.

 

Schon bald hat Mina Wolf den Eindruck, in einer sogenannten Vorkriegszeit zu leben, so wie es Michael Stürmer in der Ausgabe der WELT vom 19.12.2016 formulierte. Gestützt und befeuert wird dieser für sie bestürzende Eindruck durch das, was die Rahmenhandlung des Romans bildet und eine literarisch gelungene Parabel darstellt für das Wutpotential in unserer Gesellschaft, das sich an den unterschiedlichsten Stellen Bahn bricht, das aber niemand wirklich richtig verstanden hat. In der direkten Nachbarschaft der ansonsten recht stillen und unauffälligen Wohnstraße in Berlin-Schöneberg, in der Mina Wolf lebt, lebt auch eine psychisch kranke Frau, die jeden Tag von morgens bis abends lauthals auf ihrem Balkon singt. Ihr Singen ist eher eine disharmonisches Schreien, das schon bald die anderen Anwohner nervt und in einer Einwohnerversammlung zusammenbringt. Doch diese Versammlung bringt keine Einigung, sondern bringt die Unterschiede in der politischen Haltung der Anwohner erst zu Tage (linke, liberale und stramm rechte) mit schlimmen Folgen für das weitere Zusammenleben.

 

Dieser immer weiter zunehmende Aufruhr und die damit verbundene Aggression in der kleinen, engen Straße, der auch vor Anschlägen und persönlichen Beleidigungen und Angriffen nicht Halt macht und der tägliche Terror und Krieg in den Medien vermischen sich in Minas Kopf mit dem, was sie über den Dreißigjährigen Krieg herausfindet.

 

Sie schläft mittlerweile tagsüber, um nachts vor dem Geschrei der irren Nachbarin geschützt zu sein. In vielen Nächten ist die Krähe, der sie den Namen Munin gegeben hat, ihr kluger und widerborstiger Gesprächspartner, der sie immer mehr von seiner skeptischen Haltung was die Lernfähigkeit des Menschen betrifft, überzeugt.

 

Immer mehr hat sie den Eindruck, dass sie tatsächlich in einer neuen Vorkriegszeit lebt und dass sich der kleine Krieg der Nachbarn im „großen Krieg in Deutschland“ spiegelt.

 

Mit einer wunderbaren Sprache erzählt, voller kluger Beobachtungen und mit viel literarischem Witz, entwirft Monika Maron in diesem Alterswerk nicht nur ein provozierendes Stimmungsbild unserer Zeit, sondern zieht auch ein eher skeptisches Resümee ihrer eigenen politischen Haltung.

 

Ein sehr aktueller Roman, der eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis verdient hätte.