Launen der Zeit

 

 

Anne Tyler, Launen der Zeit, Kein & Aber 2018, ISBN 978-3-0369-5775-3

 

In ihrem neuen Roman „Launen der Zeit“, der im Original den Titel „Clock Dance“ trägt, erzählt die berühmte Schriftstellerin Anne Tyler die Lebensgeschichte von Willa Drake, einer Frau, die von Jugend an gelernt hat, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und sich anzupassen. Anne Tyler begleitet diese Frau in Zehnjahres-Abschnitten durch ihre Lebensjahrzehnte.

 

Zuerst begegnen wir der 11-jährigen Willa im Jahr 1967, an einem Tag, an dem ihre launisch-hysterische Mutter wieder einmal, dieses Mal für längere Zeit, das Haus verlässt und Willa, ihre Schwester und den Vater alleine zurücklässt.

 

Mit der Schwester wird Willa zeitlebens ein schwieriges, distanziertes Verhältnis haben. Und der stille, immer Verständnis für alles zeigende Vater wird bis zu seinem frühen Tod Willa mehr prägen, als sie wahr haben will. An einer Stelle beschreibt Anne Tyler den Vater so: mit ihm zu leben wäre wie mit Gandhi verheiratet zu sein.

 

Willa ist eine gute Schülerin, obwohl sie wenig wirklichen Kontakt in der Highschool hat. Als sie 1977 von ihrem Freund Derek einen Heiratsantrag bekommt, gibt sie ihre eigenen sehr aussichtsreichen beruflichen Pläne auf, bricht ihr Studium ab und folgt Derek an die andere Ecke der USA nach Kalifornien. Sie trifft diese Entscheidung unter anderem deshalb, weil sie spürt, dass ihre Eltern sie gut heißen. Vor der psychisch schwierigen und pathologischen Situation im Elternhaus 10 Jahre vorher konnte sie schlecht fliehen. Aber hier vor ihrer Eheschließung hätte sie anders, für sich selbst entscheiden können. Sie tut es nicht, folgt ihrem Mann zu dessen neuer Arbeitsstelle und bekommt schnell nacheinander zwei Söhne. Ihre eigene hoffnungsvolle berufliche Karriere wird auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben.

 

Dann springt die Handlung ins Jahr 1997.  Hier beschreibt Tyler Willas Charakter ziemlich deutlich. Nachdem ihr Ehemann Derek selbstverschuldet verunglückt ist, findet sie sich als Witwe wieder, die verzweifelt versucht ihr Leben in den Griff zu bekommen. Doch sie hat durch jahrzehntelange Anpassung fast vollständig verlernt, eine eigene Meinung zu formulieren, fügt sich meist dem, was andere sagen. Sie fühlt diese Fremdsteuerung, kann aber nichts dagegen setzen. Bisher ihr nahestehende Menschen wenden sich von ihr ab, ohne  dass sie dagegen aktiv werden kann.

 

Ein weiterer Zeitsprung führt die Leser in das Leben Willas im Jahr 2017, in die aktuelle Gegenwart. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet mit dem erfolgreichen Anwalt Peter. Zwar hat der sich längst zur Ruhe gesetzt, doch seine geschäftlichen Termine bestimmen nach wie vor auch das Leben und den Alltag Willas. Eines Tages erfährt sie, dass die Ex-Freundin ihres Sohnes angeschossen wurde. Ohne jeglichen Zweifel entscheidet sie, sofort dorthin nach Baltimore zu fliegen und ihr beizustehen, obwohl sie sie kaum kennt. Nach kurzer heftiger Auseinandersetzung entschließt sich Peter mitzukommen, doch er wird nicht lange dort bleiben.

 

Diese impulsive, scheinbar zunächst völlig unwesentliche Entscheidung, für diese Frau, die Willa persönlich noch nie getroffen hat, und ihre elfjährige Tochter zu sorgen, führt Willa in ein ihr bisher unbekanntes Territorium. Ein kleines Sozialsystem von Nachbarn und viele tägliche Rituale lassen sie im Gegensatz zu Peter in dem kleinen Haus von  Denise  und ihrer Tochter Cheryl und deren Hund Airplane schon nach wenigen Tagen heimisch werden. Peter reist bald wieder ab unter dem Vorwand Termine einhalten zu müssen.

Und Willa, die zum ersten Mal eine eigene Entscheidung getroffen zu haben scheint, lässt sich nicht beirren. Als die Anzeichen einer Wiederherstellung von Denises‘ Bein nicht mehr zu übersehen sind, sucht sie immer wieder Ausreden zu bleiben und verschweigt Peter die Wahrheit. Als in der Nachbarschaft das Haus einer alten Frau, die zu ihrer Tochter zieht, frei wird, ahnt man schon, was kommen wird. Doch erst als sie nach dem Rückflug auf ihrem Heimatflug gelandet ist, trifft sie eine Entscheidung, die außer den Menschen in der Straße in Baltimore niemand verstehen wird.

 

Doch Willa ist zum ersten Mal in ihrem Leben glücklich. Sie hat sich endlich für sich selbst entschieden. „Launen der Zeit“ ist ein unterhaltsamer Roman über einen langsamen, späten  und stillen Aufbruch einer Frau aus einem jahrzehntelang fremdbestimmten Leben.