Ein unvergänglicher Sommer

 

 

 

 

 

 

I

Isabel Allende, Ein unvergänglicher Sommer, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42830-6

 

Auf mehreren Zeitebenen angesiedelt ist der neue Roman der Erfolgsautorin Isabel Allende. Auf der Gegenwartsebene führt sie ihre Leser in das winterliche Brooklyn in New York. Der an der New York University lateinamerikanische Politik lehrende Richard hat auf den glatten Straßen auf seinem Heimweg einen Auffahrunfall. Er gibt der Unfallgegnerin seine Karte und denkt sich nichts weiter dabei. Die Versicherungen werden das regeln. Doch kaum ist der allein lebende und eigenbrötlerische Professor wieder zu Hause, klingelt es und die Fahrerin des anderen Autos steht vor seiner Tür.

Sie heißt Evelyn, stammt aus Guatemala und arbeitet bei einer Familie als Kindermädchen. Sie ist extrem verängstigt, weil sie als Illegale im Land lebt und steht völlig aufgelöst vor Richard, als sie ihm erzählt, sie habe den Wagen ihres Arbeitsgebers gegen dessen Erlaubnis benutzt um trotz der Glätte dringend benötigte Windeln zu kaufen für das Kind, das sie quasi rund um die Uhr betreut. Und außerdem liege eine gefrorene Leiche im Kofferraum des Wagens.

 

Richard wendet sich an die in seinem ziemlich heruntergekommenen Souterrain wohnende Untermieterin Lucia, die er aus Chile als Dozentin an seinen Fachbereich geholt hat. Lucia hat zwei Bücher über die vielen Verschwundenen nach dem Militärputsch 1973 geschrieben, zu denen auch ihr Bruder gehörte. Schon seit einiger Zeit, so stellt sich heraus, fühlen sich Lucia und Richard zueinander hingezogen, doch erst während der Aktion in den nächsten beiden Tagen kommen sie sich wirklich näher.

 

Es wird nämlich ziemlich schnell klar, dass sie wegen des illegalen Staus von Evelyn auf keinen Fall die Polizei informieren dürfen. Sie beschließen nach anfänglichem Widerstand Richards, die Leiche verschwinden zu lassen. In diese, etwa ein Drittel des Buches umfassende Rahmenhandlung mit der zarten, späten Liebesgeschichte zwischen Lucia und Richard, erzählt Isabel Allende in Rückblenden die durchweg dramatischen und bewegenden Lebensgeschichten von Richard, Lucia und Evelyn.

 

Evelyns Kindheit und Jugend in Guatemala wird erzählt und die dramatische Geschichte ihrer Flucht mit Schleppern in die USA. Mit der Geschichte Lucias reflektiert Isabel Allende viel von ihrer eigenen Geschichte vor und nach dem Militärputsch in Chile 1973. Und auch Richards wechselvolle Vita hat viel mit Lateinamerika zu tun, lebte er doch lange in Brasilien, dessen Politik auch Thema seiner Dissertation war.

 

Indem Isabel Allende abwechselnd mit der fortschreitenden Rahmenhandlung in den Rückblicken von Richard, Evelyn und Lucia viel lateinamerikanische Geschichte der letzten Jahrzehnte reflektiert (oft Thema ihrer Romane), verschafft sie insbesondere ihren jüngeren Lesern, die diese Zeit nicht persönlich erlebt haben, eine wichtige Informationsquelle. Besonders Evelyns Geschichte reflektiert die Erfahrungen von Flüchtenden überall auf der Welt.

 

Nach einer ersten unsicheren Nacht in Richards Wohnung machen die drei sich noch im Morgengrauen auf den Weg in die nördlichen Wälder zu einer Hütte an einem See. Dort wollen sie das Auto mit der Leiche versenken.  Diese abenteuerliche Reise mit einem völlig überraschenden Ausgang wird alle drei Protagonisten des Romans verändern. Während sie unterwegs sind, die Leiche, deren Identität Evelyn mittlerweile offenbart hat, verschwinden zu lassen entwickelt sich zwischen Richard und Lucia eine Liebesgeschichte, von der beide nicht mehr gedacht hatten, sie zu Lebzeiten zu erleben.

 

„Ein unvergänglicher Sommer“ ist ein politischer Roman mit vielen spirituellen Notizen, ein Roman mit drei unterschiedlichen Fluchtgeschichten und ein Buch voller Hoffnung auf  Erlösung von einer als schrecklich erlebten Vergangenheit, auf neuen Anfang und neue Liebe auch im späten Alter.

 

Das Buch passt mit seiner Fluchtthematik in unsere Zeit und erzählt wie immer bei Allende von starken Frauen.

 

Die im eisigen Schnee spielende Gegenwartshandlung lässt den Titel lange unverständlich erscheinen, bis er am Ende einen tiefen lyrischen Sinn erhält.