Lila

 

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Marilynne Robinson, Lila, S. Fischer 2015, ISBN 978-3-10-002430-5

 

Marilynne Robinson, geboren 1943, gilt seit langem als eine der besten Schriftstellerinnen Amerikas. Die Protagonisten ihrer Bücher zeichnen sich durchweg aus durch eine Fähigkeit zur Empathie, die selten ist, und wie nicht von dieser Welt.

So auch die Menschen, die in dem Roman „Lila“ beschrieben werden. „Lila“ bildet den Abschluss einer Trilogie, deren beiden ersten Teile „Gilead“ (2004) und „Home“ jeweils mit Preisen überhäuft wurden.

Lila ist zur der Zeit, in der die Haupthandlung des Buches spielt, Anfang der 50 er Jahre – die USA führen Krieg in Korea – eine erwachsene Frau, die es irgendwann in den kleinen Ort Gilead in Iowa verschlägt. Mit diesem Ort und den Menschen, die dort wohnen, erinnert Marilynne Robinson an die vergessene Geschichte des Mittleren Westens der USA. Hier in Gilead wird sie von dem gütigen, weit über 70 Jahre alten Prediger John Ames aufgenommen. Er heiratet Lila und zeugt einen Sohn mit ihr, den sie auch glücklich zur Welt bringt. Das alles weiß der Leser des Romans schon nach wenigen Seiten.

In zwei Zeitebenen, der Gegenwart des neuen Lebens von Lila mit dem alten Prediger in Gilead und ihrem Versuch, die Güte und den für einen calvinistischen Theologen erstaunlich offenen und zweiflerisch-philosophischen Glauben ihres Mannes zu verstehen und anzunehmen, und der Vergangenheit Lilas in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wird die Geschichte Lilas erzählt.

Von der Zeit, als sie als Findelkind von der Wanderarbeiterin Doll mitgenommen wird. Doll schließt sich einer Gruppe von Wanderarbeitern unter der Führung von Doane an. Acht Jahre lang ziehen sie mit ihm und seinen Leuten durchs Land, doch wegen einer großen Dürre und wegen der im Crash von 1929 gipfelnden Wirtschaftskrise finden sie bald keine Arbeit mehr bei den Farmern.

Nachdem Doll mit ihrem Messer einen Mann getötet hat (war es Lilas Vater?) sieht sie sich auf sich allein zurückgeworfen und muss sich fortan unter anderem in einem Hurenhaus in St. Louis allein durchs Leben kämpfen. Als sie von dort weggeht, findet sie unterwegs eine alte Hütte, in der sie unterschlüpft und wo sie nach wenigen Tagen von John Ames gefunden wird.

Langsam werden dem Leser in zahlreichen Rückblenden das Leben und das Schicksal Lilas vor dieser Zeit beschrieben. Immer wieder zweifelt sie, was sie davon ihrem Mann, der sich rührend um sie kümmert, offenbaren kann und was sie lieber für sich behält, zumal sie als Frau des Pfarrers in dessen Gemeinde nun eine öffentliche Person ist.

Ganz am Ende, der Sohn ist geboren und hat nach einer kurzen lebensbedrohlichen Schwäche nach der Geburt überlebt, nach vielen Gesprächen darüber, dass Lila angesichts des hohen Alters ihres Mannes noch vor dem Erwachsenwerden des Kindes wieder alleine sein wird, ist ihr Vertrauen und ihre Liebe zu dem alten Mann so stark geworden, dass die Autorin sicher ist: „Eines Tages würde sie ihm sagen, was sie wusste.“

Für mich stehen die zahllosen Gespräche von John Ames und Lila Dahl, wie man sie bald bei den Wanderarbeitern nannte, über theologische und philosophische Fragen im Mittelpunkt eines Buches, von dem die Autorin Zsuzsa Bank, die in ihrem Entwicklungsroman „Die hellen Tage“ 2012 auf ähnliche Weise das Erwachsenwerden dreier vom Schicksal schwer getroffener Kinder beschrieb, sagt:

„Etwas zutiefst Tröstliches liegt in dem Wissen, das zwei sich nicht nur finden können – sondern auch schützen und halten. Diese Annäherung wird so zurückgenommen, so tastend behutsam erzählt, dass man sich ein wenig schämt, wenn man Lila und John weiter beobachtet, während sie reden, sich öffnen und bekennen.“

„Lila“ ist so etwas wie der andere Zwilling von „Gilead“, wo die Geschichte von John und Lila aus einem anderen Blickwinkel erzählt wird, steht aber als Buch völlig für sich. Es ist ein Buch, das in die Tiefe geht und den Leser dort auch ansprechen will.