Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912-1923

 

 

 

Wlodzimierz Borodziej, Maciej Gorny, Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912-1923, wbgTheiss 2018, ISBN 978-3-8062-3820-4

 

In diesem Tagen ist in vielen Veranstaltungen auf hoher Ebene in Europa an die 100. Wiederkehr des Endes des Ersten Weltkrieges erinnert worden.  So wie schon damals Helmut Kohl und Francois Mitterand sich auf den ehemaligen Schlachtfeldern um Verdun die Hand zur Versöhnung  reichten, fanden die Erinnerungsfeiern auch 2018 in Frankreich statt. Denn der Erste Weltkrieg wird schon immer mit den Schlachtfeldern in Frankreich assoziiert, wo unzählige Menschen einen sinnlosen Tod fanden

 

Nun ist ein neues historisches Werk erschienen, aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt, das eine faszinierende und großartige Darstellung eines immer wieder wenig beachteten und oft unbekannten Weltkriegs bietet: des Krieges in Osteuropa von 1912 bis 1923. In unserer Geschichtserinnerung reduziert sich der Erste Weltkrieg auf den Stellungskrieg und die Materialschlachten in Nordfrankreich. Welche unermesslichen Tragödien sich im Osten abspielten, ist aus dem Bewusstsein gestrichen.
Die mit feiner Erzählkunst beschriebenen Schauplätze dieses großen Krieges im Osten reichen vom 1. Balkankrieg 1912 über den habsburgischen Teil der Ukraine bis nach Russland Anfang der 20er Jahre. Schon die Aufteilung der beiden Bände „Imperien 1912-1916“ und  „Nationen 1917-1923“ ist faszinierend neu. Die Perspektive weitet sich aber noch inhaltlich, denn im ethnisch und religiös zerklüfteten Osten wurde der Krieg rasch zu einem Rassenkrieg und bildete so den Auftakt zum größeren Rassenkrieg 20 Jahre später.

 

Dieses Werk wird nach Ansicht vieler Historiker noch lange gelesen und diskutiert werden, lässt es doch verstehen, dass und wie das Erbe dieses „vergessenen Weltkriegs“ bis in die Probleme und Auseinandersetzungen der Gegenwart reicht.