Wer hat meinen Vater umgebracht

 

 

 

Edouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht, S. Fischer 2019, ISBN 978-3-10-397428-7

 

Der junge französische Schriftsteller Edouard Louis hatte 2016 in seinem in Frankreich und auch in Deutschland von der Kritik begeistert aufgenommenen autobiographischen Debütroman „Das Ende von Eddy“ eine harte und verbitterte Abrechnung mit seiner Kindheit und insbesondere mit seinem Vater geschrieben, der ihn wegen seiner Homosexualität verachtete und quälte. „An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung“  lautete damals der erste Satz in seinem Roman.

Nachdem er ein Jahr später in dem Roman „Im Herzen der Gewalt“ die autobiographische Auseinandersetzung mit seinem Leben und seiner Homosexualität fortsetzte hat, legt er nun mit „“Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinen dritten Roman vor. In diesem schmalen in drei Teile gegliederten Buch gibt er ein engagiertes Beispiel für seine neue Art des Schreibens, für eine neue Art einer „konfrontativen“ Literatur. Er sagt dazu: „Literatur muss kämpfen – für all jene, die selbst nicht kämpfen können.“

 

Hatte er 2016, seine Kindheit reflektierend, für seinen Vater und dessen Gewaltausbrüche gegenüber seinem homosexuellen Sohn nur Verachtung und Spott übrig, nimmt Louis in seinem neuen Buch dem Vater gegenüber eine andere Haltung ein. Denn in seiner Sicht auf die Gesellschaft, in der er lebt, radikaler geworden, liest er die Gewalt und den Alkoholmissbrauch seines Vaters als verständliche Reaktionen eines Mannes an, der ohne große Bildung sein Leben lang in der Fabrik arbeiten musste und nach einem schweren Arbeitsunfall aussortiert wird.

Louis erinnert sich in den Zeilen, die er an seinen Vater richtet, auch an einen liebevollen und fürsorglichen Vater, der unter Tränen seinem Sohn gesteht, er wisse auch nicht, warum er immer so heftig sei. Er lernt ihn sehen und lieben als einen einfachen Mann, der seinem Sohn immer wünschte, dass er aus jenen Verhältnissen ausbrechen könnte, unter denen er sein Leben lang gelitten hat.

 

Je mehr der Sohn selbst sich aus diesen Verhältnissen befreit, desto mehr Verständnis wächst in ihm für seinen Vater und dessen, so sieht er es, von der Gesellschaft und der Politik zerstörtes Leben.

 

Und zornig und voller Emotionen klagt er sie alle an, jene Politiker von Chirac bis Macron, die den Reichen gaben und durch Kürzungen von Sozialleistungen den Armen nahmen. „Du wusstest“, schreibt er seinem Vater, „dass Politik für dich eine Frage von Leben und Tod bedeutete.“ Und: „Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“

 

Das Buch ist eine versöhnende Trauerrede auf einen geliebten Vater und gleichzeitig ein Aufruf zum Aufstand, ein eindringlicher Text darüber, dass die Dinge in Frankreich und anderswo nicht so bleiben können, wie sie sind. Es zeigt, dass es in Frankreichs Gesellschaft brodelt, nicht nur unter gelben Westen.