Agathe

 

Anne Cathrine Bomann, Agathe, Hanser Verlag 2019, ISBN 978-3-446-26191-4

 

Selbst als Psychologin arbeitend, erzählt die dänische Autorin Anne Cathrine Bomann in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman (Franziska Hüther hat ihn aus den Dänischen übersetzt) von einem Psychoanalytiker. Sie verlegt die Handlung des Romans in das Jahr 1948 in einen Vorort von Paris, in eine Wohnung in der sie selbst Jahrzehnte später selbst für ein Jahr gelebt hat. Der Psychoanalytiker wird in fünf Monaten 72 Jahre alt werden, und hat beschlossen, dann seine Tätigkeit zu beenden. Eine Tätigkeit, die ihm offensichtlich schon seit langem keine Freude mehr macht, wenn er sie denn jemals mit irgendeinem Gefühl für seine Patienten ausgeübt hat. Seit 35 Jahren führt Madame Surrugue seine Patientenverwaltung und hält die Praxisräume in Schuss. Der Arzt selbst lebt ein einsames, ja fast schon armseliges Leben.

Als sich eines Tages –  er zählt noch insgesamt achthundert Gespräche,  die er bis zu seinem Ruhestand führen muss-  eine Frau namens Agathe, die dringend mit dem Arzt sprechen will, nicht abwimmeln lässt und von Madame Surrugue einen Termin bekommt, kommt frischer Wind in sein Leben. Die neue Patientin ist eine manisch-depressive Person, die sich schon seit über zwei Jahrzehnten relativ erfolglos in psychiatrischer Behandlung befindet.

 

Sie mischt schon nach wenigen Gesprächsterminen das Leben des Analytikers auf, das sich in den letzten Jahren dumpf dem Ruhestand entgegen bewegte. Nachdem sie es tatsächlich geschafft hat, sich in seinem Terminkalender einen festen Platz zu erkämpfen, löst sie, mit jedem Gespräch mehr, etwas bei ihm aus, was er schon lange nicht mehr erlebt hat, wenn er es überhaupt jemals kennengelernt hat. Agathe holt ihn aus seiner angeblich professionellen Distanz, die nur noch zur Lethargie degeneriert ist ohne irgendein Gefühl für die Menschen, die ihm gegenüber auf dem Diwan liegen und über ihre Probleme reden.

 

Seit langem hat er wieder einmal ein Gespür für die Seele des Menschen, der da seine Hilfe sucht. Er hört wieder zu. Doch auch sie selbst durchbricht die kühle Distanz und konfrontiert den Analytiker mit seinem Leben und zeigt ihm, wie leer und einsam es ist und wie wenig er eigentlich von den Menschen versteht, für die er doch da sein will. Sie konfrontiert ihn damit, dass er nach dem Ende seiner Tätigkeit, der er doch so entgegenfiebert, nichts mehr haben wird, wofür er morgens aufsteht.

 

Nachdem seine Angestellte Madame Surrugue eine lange Zeit zu Hause bleibt, um ihren krebskranken Mann zu pflegen, verkommt die Praxis regelrecht, was Agathe natürlich treffend bemerkt. Ein Besuch bei dem Ehemann seiner Angestellten und ein eher hilfloses Gespräch mit ihm über die Angst vor dem Tod, tauen den ich-erzählenden Analytiker weiter auf.

 

Und so überrascht es nicht, dass Frau Surrugue, als sie nach der Beerdigung ihres Mannes, an der der Arzt teilnimmt und sogar Worte des Mitgefühls findet, in die Praxis zurückkehrt, einfach entscheidet, dass diese weitergeführt wird. Und es überrascht auch nicht, dass Agathe es am Ende schafft, den Arzt in eine Cafe zu locken: „Na, Doktor, kommen Sie nun oder nicht?“, fragt sie ihn am Ende des Buches. Und der Leser ahnt, dass nicht nur das Privatleben des Arztes eine späte Wendung erfahren wird, sondern auch die professionellen Gespräche, die er weiter führen wird, von mehr Empathie für seine Patienten geprägt sein werden.

Anne Cathrine Bomann hat eine wunderbare  zeitlose Geschichte erzählt  über Nähe und Freundschaft, voller Zärtlichkeit für ihre Personen und mit wamherzigem Humor. Fazit: Es ist nie zu spät, um Nähe zuzulassen.