Abendrot

 

 

 

 

Kent Haruf, Abendrot, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07045-3

 

Vor zwei Jahr hatte ich mit vielen anderen überraschten Lesern das Glück, den amerikanischen Schriftsteller Kent Haruf mit seinem letzten Roman kennenzulernen, der wohl auch zur großen Überraschung des Diogenes Lektorats sich zu einem großen Verkaufserfolg mit begeisterten Kritiken entwickelte und 2017 verfilmt wurde.

 

„Unsere Seelen bei Nacht“ erschien in den USA als Kent Harufs fünfter Roman, kurz bevor er starb. Im vergangenen Jahr hat Diogenes nach diesem großen Erfolg den zuerst 1999 erschienenen Roman „Plainsong“ unter dem deutschen  Titel „Lied der Weite“ vorgelegt und gezeigt, dass er beabsichtigt, in den nächsten Jahren alle Bücher von Kent Haruf zu verlegen. Ich begrüße das sehr. Als im Jahr 2001 bei btb das gleiche Buch unter dem Titel „Flüchtiges Glück“ erschien, hat es kaum jemand bemerkt.

 

Kent Harufs Romane spielen alle in der fiktiven Kleinstadt Holt in der Prärie des US-Bundesstaats Colorado, die wahrscheinlich viel Ähnlichkeit hat mit der Stadt, in der er mit seiner Familie als Lehrer und Autor lebte.

 

Mit „Lied der Weite“ begann Kent Haruf seinen fünfteiligen Zyklus über das Leben, Leiden und Lieben von unterschiedlichen Menschen in einer ganz normalen amerikanischen Kleinstadt. Es geht mit vielen Nebenhandlungen und -personen um das Schicksal des 17- jährigen Mädchens Victoria Roubideaux, die ungewollt schwanger geworden, von ihrer tendenziell asozialen Mutter aus dem Haus geworfen wird. Victoria flüchtet sich zu Maggie Jones, eine Lehrerin ihrer Schule, die sie zunächst tröstet und verständnisvoll aufnimmt. Zur gleichen Zeit gerät die Ehe vom Maggies Lehrerkollegen Guthrie in die Krise und Haruf verfolgt sehr einfühlsam, wie sich die Krankheit der Mutter auf den Vater und seine beiden Sohne Ike und Bobby auswirkt.

 

Etliche Meilen außerhalb von Holt leben die beiden älteren Brüder McPherson relativ abgeschieden und schlicht auf einer Farm, mit der sie mit Viehzucht seit Jahrzehnten ihren Lebensunterhalt bestreiten, nachdem die Eltern gestorben waren. Maggie Jones verfolgt nun zielstrebig und schlußendlich auch erfolgreich ihren Plan, Victoria Roubideaux bei diesen beiden alten Männern unterzubringen, bis sie ihr Kind zur Welt gebracht hat und sich mehr darüber klar geworden ist, wie ihr Leben weiter gehen soll.

 

Zunächst eher widerstrebend, willigen die beiden Männer in Maggies ungewöhnliches Begehren ein, doch dann geschieht nicht nur mit den beiden, sondern auch mit Victoria und den anderen beschrieben Protagonisten Guthrie, Maggie, Ike und Bobby etwas ganz Ungewöhnliches. Aus einem Akt der Güte werden liebevolle und heilende Beziehungen, die die daran beteiligten Menschen wohl für ihr ganzes Leben verwandeln werden.

 

Ein warmherziges, stellenweise den Leser sehr bewegendes  Buch über Liebe und sozialen Zusammenhalt, über menschliche Stärken und Schwächen und über Menschlichkeit und Hoffnung, die man nie aufgeben darf, egal was passiert und gleich, wie ausweglos die Lage scheint.

 

Mit „Abendrot“ (im Original: „Eventide“) folgt nun der zweite Band der Reihe, der sich liest wie eine Fortsetzung des ersten Bandes. Wie begegnen den beiden McPherson- Brüdern wieder, die nun die meiste Zeit des Jahres wieder alleine lebe, nachdem ihre Ziehtochter Victoria Roubideaux mit ihrer kleine Tochter in die Stadt gezogen ist um dort zu studieren. Auch Maggie und Guthrie tauchen wieder auf.

 

Wir begegnen aber auch neuen Bewohnern jener Kleinstadt in Colorado, wo alles den Rhythmen der Natur in den ungeschriebenen Gesetzen einer Kleinstadt gehorcht. Da sind etwa Betty und Luther, die zusammen mit ihren Kindern in großer Armut in einem verwahrlosten Trailer ihr tristes Leben fristen, und täglich um ein Stück Würde für sich und ihre Kinder kämpfen. Sie werden von der Sozialarbeiterin Rose betreut, die im Verlauf des Buches nach einem schrecklichen  Unglück einem der beiden alten Brüder nahe kommen wird.

 

Ein Junge namens DJ kümmert sich rührend um seinen alten kranken Großvater. Zusammen mit der ebenfalls elfjährigen Dena, deren Familie gerade zusammenbricht, schafft er sich in einem verlassenen Haus ein Ersatzzuhause.

 

Ohne seine Figuren zu bewerten, beschreibt Kent Haruf ihr Leben, ihre Einsamkeit und ihre Gefühle. Jeder von ihnen hat in dieser Kleinstadt Holt mit seinen persönlichen Lebensumständen zu kämpfen, tragische und empörende Umstände zuweilen. Doch Haruf ist kein politischer Schriftsteller, er teilt geradezu das Schicksal seiner Figuren, indem er es mit seiner großen Erzählkunst mitfühlend und warmherzig beschreibt. Immer wieder gibt es in seinen Büchern so etwas wie Hilfsbereitschaft und Hoffnungsschimmer, die das zuvor recht dunkle Leben seiner Protagonisten erhellen. Für den Leser macht diese Menschlichkeit die Lektüre seiner Bücher zu einem beglückenden Erlebnis.

 

Wie gut, dass noch zwei Bände seiner Romanreihe zur deutschen Veröffentlichung offen stehen.