Hinter Glas

 

 

Julya Rabinovich, Hinter Glas, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-26218-8

 

Als Alice, die jugendliche Ich-Erzählerin des vorliegenden Jugendromans (aber für Erwachsene geeignet!) der Schriftstellerin Julya Rabinovich zu Beginn des Romans auf einem Flohmarkt ihren einstigen Freund Niko wiedersieht und ihr vor lauter Schreck ein vorher gekaufter Spiegel aus der Hand fällt und in Scherben zerfällt, da ist die Geschichte von Alice` Befreiung schon zu Ende.

 

Die einzelnen Spiegelscherben langsam wieder zusammensetzend erinnert sie sich an ihre Emanzipation. Und so sind die einzelnen Kapitel auch überschrieben: Erste Spiegelscherbe, zweite Spiegelscherbe usw.

 

Der zerbrochene Spiegel ist ein Symbol für ihr in tausend Scherben zerbrochenes Leben. Ein tyrannischer Großvater hat nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Eltern voll im Griff. Alice lebt in wohlhabenden Verhältnissen, dennoch hält sie die Enge und die Stille im großen Haus nicht mehr aus. Sie weiß nicht mehr aus und ein, fühlt sich wie ein in einem Glas gefangenes Insekt. Dieses Leben voller Gewalterfahrung nimmt ihr die Luft.

 

Bis sie eines Tages in der Schule Niko kennenlernt, der ihre große Liebe wird. Bei ihm und von ihm erhofft sie sich die Sicherheit und Geborgenheit, die sie zu Hause nie erfahren hat. Sie flüchtet sich zu ihm und gemeinsam verbringen sie einen wunderbaren Sommer voller Ausgelassenheit und Freiheit. Die Eltern und auch der Großvater kümmern sich nicht um ihr Verschwinden, was einen zunächst ziemlich irritiert.

 

Zwischendrin meldet sich, in einer anderen Schrift gedruckt, immer wieder eine Stimme zu Wort, eine Stimme, die alles genau beobachtet, Alice sehr genau zu kennen scheint und auch schon weiß, wie alles ausgehen wird, aber nichts verrät. Schließlich wird sich herausstellen, wer oder was sich hinter dieser allwissenden Stimme verbirgt.

 

Doch bald schon mischen sich in die sommerliche Ausgelassenheit der beiden jungen Liebenden erste Misstöne. Niko zeigt zunehmend Charakterzüge und Verhaltensweisen, denen Alice doch entfliehen wollte. Sein aggressives und unbeherrschtes Verhalten stürzen Alice in einen Strudel widerstrebender Gefühle. Ihre alte Vorsicht kehrt zurück.

 

Doch dann schafft sie es (mithilfe der schon erwähnten Stimme, so viel sei verraten) sich aus dem Sog der Gewalt zu befreien, der sie wieder hinabzuziehen droht.

 

Ein eindringlich und mit großer poetischer Kraft erzählter Jugendroman, ähnlich beeindruckend wie Julya Rabinovichs erstes Jugendbuch „Dazwischen: Ich“, in dem sie 2016 die Geschichte eines Flüchtlingsmädchens erzählte.