Sommer in Super 8

 

 

Anne Müller, Sommer in Super 8, Penguin 2018, ISBN 978-3-328-60015-2

 

Der in Schleswig-Holstein aufgewachsenen und heute in Berlin lebenden Schriftstellerin Anne Müller ist mit ihrem ersten literarischen Roman ein ganz besonderes Buch gelungen. Ein Buch, das in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt und die Atmosphäre dieser Zeit, ihrer Mode und ihrer Musik auf eine Weise einfängt, die jeden, ob Mann oder Frau, der in diesem Jahrzehnt jung war, das Buch wegen des hohen Wiedererkennungswertes der eigenen Jugend nicht mehr aus der Hand legen lässt.

 

Clara, die die Geschichte ihrer Familie und ihre eigene Rolle darin in diesem Buch erzählt, ist 1963 geboren, an einem Mittwoch, wie sie extra betont, denn alles Wichtige in ihrem Leben passierte an einem Mittwoch. Sie ist das mittlere von schließlich fünf Kindern einer Landarztfamilie in dem imaginären Dorf Schallerup hoch im Norden der Republik. Die Familie König ist gebildet, da gibt es Hausmusik, die Kinder spielen je nach Stimmungslage des Vaters ausgewählte Stücke. Claras Mutter ist eine schöne Frau, elegant und klug und die Partys, die sie regelmäßig organisiert in ihrem Haus und Garten für Menschen aus dem Ort und der Umgebung aus ihrer Schicht, sind legendär.

 

Claras Vater wird von seinen Patienten als ein guter, weltoffener und witziger Arzt geschätzt und geliebt. Dass er ein veritables Alkoholproblem hat, übersehen sie konsequent, ja sie bieten ihm bei Hausbesuchen immer einen an.

 

Für Clara hat der Vater, der schon besonders in Urlauben seine Familie auf Super 8 Filmen festhält, eine große Bedeutung. Sie bewundert ihn, orientiert sich an ihm und spürt deshalb auch schon bald und vielleicht als erstes der Kinder, dass sich der Vater verändert. Sein Alkoholkonsum wird stärker, seien Launen heftiger und seine Eskapaden häufiger.

 

Indem sie älter wird, verändert sich der Fokus ihrer Erinnerungen von der Familie und der ausführlichen Beschreibung ihrer Mitglieder hin zu ihrer eigenen Teenagerzeit mit ihrer eigenen Kultur. Auch hier ein extrem hoher Wiedererkennungswert für LeserInnen, die um diese Zeit erwachsen wurden. Doch sobald sich ihr Blick wieder auf die Familie, insbesondere auf den Vater richtet (die Mutter bleibt erstaunlich blass im Roman), spürt und beschreibt sie, welch dramatische Veränderungen dort vor sich gehen. Und als das Schreckliche und Endgültige passiert, ist es natürlich an einem Mittwoch.

 

Anne Müllers Buch ist ein großer, unterhaltsamer und gleichzeitig tiefgängiger Familienroman.

Die Autorin vermag auf einfühlsame Art und mit einer zarten und poetischen Sprache die Gefühlswelt und Gedankengänge eines Mädchens zu vermitteln, das zwischen unbeschwerter Kindheit und erstem Erwachen lebt, sich zwischen Schule, Kirche und Familie bewegt, seine erste Verliebtheit und die folgende  Enttäuschung und mit dem Schicksal des Vaters die tiefe Trauer des Lebens erfährt und so erwachsen wird.