Das Mädchen auf dem Eisfeld

 

 

 

Adelaide Bon, Das Mädchen auf dem Eisfeld, Hanser Berlin 2019, ISBN 978-3-446-26203-4

 

Dieses Buch ist mir wie wenige zuvor unter die Haut gegangen. Die 1981 geborene französische Schauspielerin Adelaide Bon hat in ihrem literarischen Debüt ihre eigene Missbrauchsgeschichte auf eine beeindruckende und bewegende Weise beschrieben, in einem Buch, in dem Gefühle und emotionale Distanz, die direkte Beschreibung eigener Erfahrung (zum Teil in der Ich-Form) und deren nüchterne Analyse eine homogene Mischung bilden, die den Leser von der ersten Seite bis zum Ende an sich bindet und ihn nicht mehr loslässt.

 

Sie ist gerade einmal neun Jahre alt, als sie von einem fremden Mann am Hauseingang angesprochen wird. Er gibt vor, im Haus als Handwerker etwas reparieren zu müssen. Deshalb will sie nicht unhöflich sein, will ihm den Weg zeigen und wird von ihm im Treppenhaus vergewaltigt.

 

Ihr Vater spürt sofort, dass etwas nicht stimmt, als er nach Hause kommt und seine Tochter verstört vorfindet. Sie kann es ihm in Ansätzen erzählen, was der fremde Mann mit ihr gemacht hat. Der Vater geht sofort zur Polizei und zeigt den Vorfall an. Doch niemand kann etwas herausfinden.

 

Adelaide Bon beschreibt die Leere und den wachsenden Selbsthass, die das langsam erwachsen werdende Kind über viele Jahre quälen. Die Eltern sorgen dafür, dass sie über ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch in einer Therapie langsam lernt, darüber zu sprechen. Sie beginnt Theater zu spielen und hat erste Beziehungen, doch immer wenn sie versucht mit einem Mann zu schlafen, kehrt der Ekel zurück. Erst als erwachsene Frau bringt sie den Begriff Vergewaltigung mit dem Erlebnis in Verbindung, das sie so perfekt von sich abgekapselt hat und das doch ihr Leben so radikal bestimmt.

 

Und als sie dann eines Tages einen Anruf von der Polizei bekommt, die nach vielen Jahren einem Mann auf die Spur gekommen ist, der über die Jahre viele Mädchen so missbraucht hat wie Adelaide muss sie sich darauf vorbereiten. Mit der Vorstellung ihrem Peiniger in einem Prozess tatsächlich gegenüber zu treten, kann die endgültige Heilung einsetzen. Kraftvoll und getragen von einer großen Lebenslust erzählt Adelaide Bon furchtlos und voller Mitgefühl für das Kind und die Heranwachsende, die sie einmal war, von der zerstörerischen Kraft sexueller Gewalt und von der schwierigen und schmerzvollen Rückeroberung ihres Lebens.

 

„Das Mädchen auf dem Eisfeld“ ist ein aufrichtiges und auch poetisches Buch. In ihrem literarischen Debüt zeigt sich Adelaide Bons große Erzählkunst, von der ihre Leser hoffentlich bald mehr erfahren können.