Tugend. Über das, was uns Halt gibt

 

 

 

Reimer Gronemeyer, Tugend. Über das, was uns Halt gibt, Edition Körber 2019, ISBN 978-3-89684-269-5

 

Über viele Jahrzehnte hat der Theologe und Soziologe Reimer Gronemeyer nicht nur den Rezensenten in seiner Ausbildung, seinem Studium, seiner pfarramtlichen und beraterischen Praxis und seinem politischen Engagement geprägt und ermutigt.

 

Eine ganze Generation von jungen Menschen glaubte an die Möglichkeit einer besseren Welt, einer gerechteren Gesellschaft und einem schonendem Umgang mit der Schöpfung. Doch dieser Glaube scheint bei vielen verflogen, die Hoffnung geschrumpft auf die reine Bewältigung des täglichen Alltags, und das politische Engagement von einer schleichenden, das eigene Leben seltsam enteignenden Resignation abgelöst.

 

So jedenfalls geht es angesichts der gegenwärtigen Nachrichtenlage über den Zustand und die Zukunft der Welt an nicht wenigen Tagen dem ansonsten immer optimistischen und dem Leben zugewandten Rezensenten.  Doch eine solche Resignation führt nicht weiter. Das betont auch der Autor des vorliegenden Buches in allen seinen letzten Büchern, die er meist mit einer zornigen Sprachgewalt formuliert hat.

 

„Die Tugenden ( ergänze „die Hoffnung“) sind wie die glühenden Kohle, die man neu anfachen muss. Dazu bedarf es der Übung, der Einübung auch in die rettende Freundschaft, den Respekt, das Verzeihen und das großherzige Geben.“

 

Dieses Zitat aus dem Buch steht auf der Umschlagseite und benennt schon, woran es einer hartherzig gewordenen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die ihren inneren Zusammenhalt zu verlieren droht, fehlt.

„Tugenden“ ist eine Rückbesinnung und Neubesinnung auf Werte und Tugenden, die eben nicht überholt sind, sondern die wieder neu angefacht und belebt werden müssen, wie die Glut aus der Asche, wenn unsere Gesellschaft eine menschliche Zukunft behalten soll. Am Ende seines Vorwortes schreibt der unermüdlich hoffende und zuversichtliche Gronemeyer:

„Dieses Buch will sich auf die Suche nach den neuen Tugenden machen, die imstande sein müssen, drohender Verwüstung mit Liebe zu begegnen. Tugenden, die mit kluger Selbstbegrenzung auf die entfesselte Konsumgesellschaft reagieren. Die der Egomanie tapfer das Du entgegensetzen, um den anderen nicht aus dem Auge zu verlieren. Die gegen alle Trends eine gerechte Lebenswelt einfordern. So wachsen in der Anknüpfung an die alten christlichen Tugenden die neuen, die gebraucht werden, auf dem Boden der freundschaftlichen Begegnungen zwischen Menschen. Sie leben aus dem Glauben an die Kraft des hoffenden Menschen. Und diese Tugenden sind so alt und so neu wie die Liebe und so uneingelöst wie die Sehnsucht der Menschen nach Liebe.“

 

Ein leidenschaftliches, kämpferisches und mit Mut und Hoffnung den Leser ansteckendes und infizierendes Buch. Ein Buch, das jeden einzelnen einlädt und auffordert, in seiner eigenen Umgebung, mit den Menschen, die ihm begegnen, diese Tugenden lebendig und wahrnehmbar und spürbar werden zu lassen. Gegen alle Fakten der Zerstörung, gegen alle Prognosen des drohenden Untergangs, gegen das Gift der Resignation und der Hoffnungslosigkeit hofft der Autor auf ein Morgen, das uns allen eine lebenswerte Perspektive bietet.

 

Jeder einzelne wird dazu gebraucht. Jeder einzelne wird ermutigt, jedem einzelnen wird zugemutet, dass er seinen wichtigen Beitrag dazu leisten kann und soll.

 

Ein Buch, das an die Kraft des hoffenden Menschen  glaubt, ein Buch, das Mut macht. „Der Egomanie tapfer das Du entgegensetzen, um den anderen nicht aus dem Auge zu verlieren.“ Dieser Satz lässt mich nicht los.