Monster

 

 

 

 

 

 

Yishai Sarid, Monster, Kein & Aber 2019, ISBN 978-3-0369-5796-8

 

Der Ich-Erzähler des neuen bei Kein & Aber erschienenen und von Ruth Achlama aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzten Romans von Yishai Sarid schreibt einen langen Brief an seinen Chef, den Leiter der Gedächtnisstätte Yad Vaschem in Israel.

 

Er versucht darin zu erklären, wie es dazu kam, dass er als anerkannter Führer, der Besucher, die hauptsächlich aus Israel kommen, durch die nationalsozialistischen Vernichtungslager in Polen führt, irgendwann am Ende der ganzen Handlung im Lager Treblinka einen deutschen Dokumentarfilmer mit einem Faustschlag niederstreckt.

 

Yishai Sarid hat in seiner Hauptfigur einen Menschen beschrieben, der vielleicht überzeichnet, aber nicht weniger realistisch zeigt, wie Grausamkeiten Menschen auch dann in ihren Bann ziehen, wenn sie längst vergangen sind und der Erinnerung angehören.

 

„Monster“, damit sind die Monster der Vergangenheit gemeint, die bis in die aktuelle Gegenwart hineinreichen und ihr Werk treiben, hat er sein Buch genannt. So beschreibt er seinem kleinen Kind, das ihn fragt, warum er immer solange in Polen unterwegs ist, was er dort tut: gegen die Monster kämpfen.

 

Der Erzähler, der in seiner Dissertation die Techniken der unterschiedlichen Konzentrations-und Vernichtungslager beschrieben hat und zum Fachmann in diesen Fragen geworden ist, beschreibt nicht nur die spezielle israelische Erinnerungskultur kritisch, in der Schulklassen aus dem ganzen Land nach Polen reisen und dort auf eine fast einstudierte Weise trauern. Er rührt aber auch an ein Tabu, indem er beschreibt, wie die jungen Leute seltsam fasziniert sind von der Systematik der deutschen Lager und ihren Hass eher auf die Polen richten als auf die Deutschen. An mehreren Stellen berichtet er davon, wie die jungen Israels unter sich raunen, dass sie gerne genauso mit den Arabern zu Hause umgehen würden.

 

Sarid formuliert mutig Fragen, die in Israel nur hinter vorgehaltener Hand gestellt werden:  was ist die Verbindung zwischen den vernichteten Juden damals und den Israelis heute?  Wo verläuft die Grenze zwischen einer aufrichtigen Erinnerungskultur, die er nicht in Frage stellt und der Vereinnahmung des Gedenkens für die eigenen persönlichen bzw. politischen Zwecke, die er sehr wohl kritisiert?

 

Sarids Buch handelt von Moral und von Opferrollen. In seiner Direktheit und Offenheit zielt er auch beim deutschsprachigen Leser mitten ins Herz und hat sicher in Israel selbst für etliche Debatten gesorgt.

 

Es ist ein ehrlicher, starker Roman, der unter die Haut geht und mich jedenfalls sehr nachdenklich gemacht hat.