Vaterhaus

 

42716529z

 

 

Bea Dieker, Vaterhaus, Jung und Jung 2015, ISBN 978-3-99027-074-5

In ihrem ersten,  wohl stark autobiographisch geprägten Roman geht die in Frankfurt lebende Künstlerin Bea Dieker ihren Erinnerungen an ihre Kindheit nach. Sie tut das auf eine derart ehrliche und authentische Weise, dass jedenfalls beim Rezensenten immer wieder Bilder, Worte und Szenen aus seiner eigenen Lebensgeschichte vor das innere Auge traten.

In einem wahren Kraftakt, dessen Sprache man die Anstrengung des ganzen literarischen Unternehmens abspuert, lässt sie das Haus, in dem sie aufwuchs und dem sie schlussendlich in ihre persönliche Freiheit entfloh, wieder auferstehen. Jede detaillierte Beschreibung unzähliger Einzelheiten wie etwa Farben, Gerüche und Einrichtungsgegenstände ist mit konkreten Erinnerungen verbunden. Sie nennt es nicht ohne Grund das „Vaterhaus“, weil dieser Mann so wie ihr ebenfalls im Haus lebender Großvater die ihre Kindheit prägende Figur war. Schildert sie den Großvater in seiner Werkstatt eher mit liebevollen und warmen Toenen, kommt der Vater selbst weniger gut weg. An einer Stelle, die Bea Diekers Sprachkunst deutlich macht, schildert sie atemlos, wie sie vor dem die Mutter schlagenden und misshandelten Vater flieht:
„Nicht umkommen wollen durch ihn. Es selbst tun. Er noch jenseits des Geländers. Drehe mich, wende mich ihm frontal entgegen. Erhobene Hand. Drohe. Einschrittnaeherundichspringe (….) Später, viel später, ungesehene Flucht auf mein Zimmer. Abgeschlossen. Das Bett, die Eisenstange umklammert. Wissen, wenn er käme, töten zu können. Den Vater töten können. ….“

Es ist das Leben der Sechziger- und Siebzigerjahre, das sie beschreibt, eine Zeit, in der die Menschen wie der Vater der Ich-Erzählerin nicht selten betrunken waren von den Versprechungen eines immer noch besseren Lebens. Mit großer Sorgfalt und einem durch den zeitlichen Abstand distanzierten Blick versucht sie sich ihrer Vergangenheit zu nähern um mit sich und ihrer Lebensgeschichte so etwas wie eine Versöhnung herzustellen.

Es bleibt offen, ob ihr das wirklich gelingt. Als sie viele Jahre später gegen Ende des schmalen Romans für einige Tage als ihr Vater im Sterben liegt für mehrere Nächte dort ist, da ist alles fremd. „Im Unbehagen einquartiert“ nennt sie das und ruft damit auf der letzten Seite des Buches bei mir nochmals Erinnerungen wach, die zwischen Schrecken und großer Trauer um etwas endgültig Verlorenes wechseln.  Das Bild der Autorin auf der hinteren Umschlagseite trägt genau diesen Ausdruck. Er lässt mich ihr in diesem Augenblick ganz nahe sein.