In einer anderen Haut

 

 

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Alix Ohlin, In einer anderen Haut, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14459-9

 

 

Warum eigentlich helfen sich Menschen gegenseitig? Was treibt Menschen dazu, sich für andere regelrecht aufzuopfern? Tun sie es, weil sie sich lieben? Weil sie sich danach besser fühlen? Oder etwa auch, weil sie das Gefühl der Macht, das das Helfen ihnen vermittelt, genießen, auch wenn sie es sich selbst niemals eingestehen würden?

Die Protagonisten in dem hier vorliegenden in vielen Sprachen übersetzten Roman der Kanadierin Alix Ohlin haben alle miteinander in irgendeiner Weise von diesem „Helfergen“ etwas abbekommen und es bringt sie in unterschiedliche, manchmal auch unmögliche Situationen.

Da ist zunächst die Psychotherapeutin Grace, die eines Tages während eines Langlaufs einen leblosen Mann im Schnee findet mit einem Strick um den Hals. Sie lockert die Schlinge, ruft den Notarzt und begleitet den lebensmüden, bewusstlosen Mann in die Klinik. Vielleicht schon ein Schritt zuviel. Doch es kommt noch härter: als der Mann, bald erwacht, dem behandelnden Arzt erzählt, er und Grace seien ein Ehepaar, das sich gestritten habe und er habe lediglich die Hilfsbereitschaft seiner Frau testen wollen, wird sie, indem sie nicht widerspricht, Teil einer großen Lügengeschichte. Sie hat, von ihrem Mann Mitch geschieden, der Anziehungskraft, die dieser Mann im Schnee in offensichtlicher Not auf sie ausübte, nicht professionell widerstanden. Sich selbst redet sie ein, in den Augen des Mannes einen „Lebensfunken“ entdeckt zu haben bei der Lüge, den sie „unbedingt bewahren, vom leisen Flackern zu einer richtigen Flamme fächeln“ will.

Grace fährt Tugwell, so heißt der Mann, nach Hause und bleibt über Nacht bei ihm – die nächste Grenzüberschreitung. Tugwell wird sich bedeckt halten, kaum mit Grace sprechen in der nächsten Zeit, und doch trifft sie sich immer wieder mit ihm und beginnt sogar eine Beziehung. Warum Tugwell sich umbringen wollte, bleibt lange im Dunkeln, die Beziehung zwischen Helfer und Opfer, wie immer beim Helfersyndrom, von Angst und Unfreiheit geprägt.

Es gibt aber noch zwei andere Hauptfiguren, deren Lebenswege Alix Ohlin verfolgt und die beide mit dem Leben von Grace verwoben sind. Das ist zum einen Annie, ein junges Mädchen, die an ihren Eltern leidet. Ohne Gefühle wird sie von ihnen bevormundet und klein gehalten. Annie schnippelt immer wieder an sich herum und hat eine Technik entwickelt, mit der es ihr gelingt, Menschen dazu zu bringen ihr weh zu tun. Sozusagen das Spiegelbild des Helfersyndroms. Grace kann ihr kaum helfen. Erst als Annie viel später nach New York gezogen und fluchtartig alles hinter sich gelassen hat, um dort Schauspielerin zu werden, erlebt sie zum ersten Mal so etwas wie Familie, als sie, in einem ihr unbegreiflichen Helferimpuls eine junge Frau und einen jungen Mann bei sich wohnen lässt und beide vor der Obdachlosigkeit bewahrt.

Und da ist Graces ehemaliger Mann Mitch, der ebenfalls als Therapeut arbeitet und seine zweite Frau zurücklässt, um in die Arktis zu gehen. Dort will er in einer befristeten Tätigkeit einer Inuit – Gemeinde helfen, mit ihren Alkoholproblemen zurecht zu kommen- ein hoffnungsloses Unterfangen eines „hilflosen Helfers“ (Wolfgang Schmidbauer). Als sich einer seiner Patienten dort umbringt, kehrt er nach Kanada zurück, als gebrochener Mann.

In wechselnden Zeitzonen („Montreal 1996 – New York 2002- Igaliut 2006“) verfolgt Alix Ohlin den Lebensweg und das Lebensschicksal ihrer Personen, die durch eine mächtige Kraft miteinander verbunden sind. Sie sind alle in der Tiefe ihrer Existenz einsam und suchen die Nähe zu anderen Menschen, indem sie, ihnen helfen wollend, sie von sich abhängig machen.

Alix Ohlin gelingt es hervorragend, diese Geschichten miteinander zu verbinden, und bei aller scharf herausgearbeiteten Beschreibung der negativen Folgen nicht reflektierten Helfens, hält sie für ihre Protagonisten auch immer etwas bereit wie sinnvolles, an sein Ziel gekommenes Leben.

Ein beeindruckender Roman mit tragischen und dennoch irgendwie schönen Lebensgeschichten.