Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Der stinkesaure Braunbär

 

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Martina Badstuber, Der stinkesaure Braunbär, Oetinger 2015, ISBN 978-3-78917783-5

Das kennen nicht nur Erwachsene, sondern auch schon kleine Kinder. Da wachst du morgens auf und du spürst sofort: das wird heute nichts. Schlechte Stimmung, miese Laune, gereizte Nerven. Nichts kann einen aufheitern und schon ganz in der Früh scheint der Tag gelaufen.

Dieses kleine und handliche Bilderbuch von Martina Badstuber über schlechte Laune versucht Kindern ab 2 Jahren in dieses Thema einzuführen und zu zeigen, wie man sie sozusagen wegzaubert.

Dem Braunbär, der Hauptfigur des Bilderbuchs geht es nämlich genau so. Schon morgens ist er stinkesauer und hängt ein Schild an den Baum vor seinem Haus, dass auch ja alle anderen Tiere Beschied wissen. Die aber geben sich wie echte Freunde nicht damit zufrieden und versuchen ihn  aufzuheitern. Der Hase und der Fuchs versuchen es mit Honig. Vergeblich. Doch Hase und Fuchs geben nicht auf. Ein Ausflug und saure Drops helfen auch nicht weiter.

Da kommen die beiden Freunde auf eine fantastische Idee. Obwohl sie viel kleiner sind als der stinkesaure Bär, beginnen sie ihn zu umarmen. Und ein Wunder geschieht…

Ein wunderschönes Buch über das Geheimnis, wie man bei einem anderen Menschen, schlechte Laube wegzaubern kann. Es ist gar nicht so schwer. Versuchen Sie es!

Der Wolf, der aus dem Buch fiel

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Thierry Robberecht, Der  Wolf, der aus dem Buch fiel,  Ravensburger Buchverlag 2015, ISBN 978-3-473-44668-1

 

Das ist ein wunderbares Bilderbuch aus Frankreich für alle Kinder, die Bücher lieben und in deren Zimmern es nicht nur Kuscheltiere gibt, sondern auch richtige Regale mit all den vielen Büchern drin, die ihnen die Eltern seit ihrer Geburt gekauft und hoffentlich auch immer wieder vorgelesen haben.  Unser Sohn hat so ein Regal, das aber irgendwann während der Grundschule wegen Überfüllung in ein anderes Zimmer ausgelagert werden musste, dessen Inhalt er aber auch im sechsten Schuljahr noch verteidigt, obwohl er all die schönen Bilderbücher, die ich vom Vorlesen fast auswendig kenne, nicht mehr anschaut. Sie gehören zu einer früheren Phase seiner Kindheit und die will er sich bewahren.

Vor dem Hintergrund eines solchen Kinderbuchregals spielt sich die Geschichte dieses von Gregoire Mabire beeindruckend illustrierten Bilderbuches ab. Als eines Tages aus dem vollen Regal in einem Kinderzimmer (sein Bewohner ist wohl gerade im Kindergarten) ein Buch herausfällt, da purzelt ein Wolf heraus, von dem es handelt. Schon während er sich verdutzt umschaut, entdeckt er eine Katze im Regal, die es schnell auf ihn abgesehen hat. Als er in sein Buch zurück will, wird er von einem Schaf vertrieben, weil er in eine der ersten Seiten geschlüpft ist und deshalb noch lange nicht dran ist.

Auch in vielen anderen Büchern findet er auf der Flucht vor der Katze kein Obdach. Erst als er in einem dicken Märchenbuch die richtige Stelle erwischt und in der Geschichte von Rotkäppchen landet,  scheint er gerettet. Denn das Mädchen weint, weil es in seiner Geschichte auf den Wolf wartet, der aber bisher nicht gekommen ist. Der Wolf tröstet das Mädchen und begleitet es den Weg zu seiner Großmutter. Aber kurz zuvor trennen sie sich  „um den Kindern den Spaß nicht zu verderben.“

Eine schöne Reise durch die Welt der Bücher und Märchen mit einer lustigen Geschichte, die die Kinder zum Mitmachen und Erzählen einlädt.

 

The Art of Ducati

 

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Ian Falloon, The Art of Ducati,  Delius Klasing 2015, ISBN 978-3-667-10035-1

 

Dieser wertvolle Band aus dem unter anderem auf solche Bücher spezialisierten Delius Klasing Verlag wird nicht nur die Herzen der wohl ausnahmslos männlichen Eigentümer von Ducati – Motorraedern höher schlagen lassen, sondern auch die derjenigen,  die vielleicht schon ihr Leben lang davon träumen, irgendwann einmal eines zu besitzen und auch zu fahren. Auch hier wird der Anteil der männlichen Personen nahe an hundert Prozent gehen.

Denn die Marke Ducati, die in diesem Buch eine absolut verdiente Würdigung erfährt,  ist seit ihrer Gründung in den schwierigen Jahren eines darnieder liegenden Nachkriegs-Italien ein Synonym für sportliches Fähren und für Erfolg im internationalen Motorradsport.

Wie dieses reich bebilderte Buch zeigt, wurde um die Jahrtausendwende die Produktlinie dahingehend geändert, dass auch Freizeitfahrer Maschinen im Angebot finden,  die aber an Schönheit und Kraft den nach wie vor produzierten Rennmaschinen in nichts nachstehen.

Von der Gründung der Firma bis in die Gegenwart sind die wichtigsten Maschinen abgebildet und mit ihren technischen Daten beschrieben.

Ducati ist ein Mythos. Dieses Buch macht ihn lebendig und nachvollziehbar.

Ganz schön langweilig

 

 

 

 

 

 

 

 

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Henrike Wilson, Ganz schön langweilig, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5939-4

„Mir ist langweilig! “

Dieser Ausruf ihres Kindes versetzt viele Eltern heutzutage in helle Aufregung und hektische Aktivitäten.  Dabei kann Langeweile so ein kreativer Zustand sein,  wenn man den Mut und die Traute hat,  ihn auch mal auszuhalten und zu sehen, was dann passiert.

Henrike Wilson lässt ihren kleinen Bär im großen Wald, seinerHeimat, diese Erfahrung machen.  Am Anfang trödelt er ohne Ziel durch den Wald und weiß nicht wohin mit sich. Seine Freunde sind zu beschäftigt um ihn auch nur wahrzunehmen, und auch seine Mutter hat gerade keine Zeit. Nachdem er eine ganze Weile hin und her und her und hin gelaufen ist,  legt er sich auf den Boden und tut gar nichts.

Nach einer Zeit bekommt er ein Gefühl für seine Umgebung. Er spürt den Wind, dann sieht er die Wolken, und indem er den Wolken nachschaut, findet er immer mehr Freude am Schauen. Und was es da alles zu sehen gibt!

Plötzlich entdeckt er direkt vor sich einen Maulwurf, der aus einem Hügel kriecht. Er will ihm noch gerade hinterher,  da weckt schon ein zwitschernder Vogel sein Interesse und bringt ihn auf eine fabelhafte Idee. Er ist ein Adler……

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tod eines glücklichen Menschen

 

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Giorgio Fontana, Tod eines glücklichen Menschen, Nagel & Kimche 2015, ISBN 978-3-312-00664-9

 

Giorgio Fontana, ein junger 1981 geborener italienischer Schriftsteller aus Mailand, gehört seit seinem Debütroman  „Im Namen der Gerechtigkeit“ zu der glücklicherweise immer größer werdenden Zahl italienischer Schriftsteller und Intellektueller, die den moralischen Zustand und Verfall ihres Heimatlandes nicht länger hinnehmen wollen und mit ihren Büchern und öffentlichen Auftritten dem etwas entgegen setzen, das für Italien hoffen lässt.

In seinem hier vorliegenden Roman geht es zum einen um die Aufarbeitung der Zeit des Terrors der Roten Brigaden in Mailand und zum anderen um das Streben nach Gerechtigkeit und wie schnell es geschehen kann, dass sich ein Staatsanwalt in seinen Prinzipien denen annähert, die er aus moralisch und juristischen absolut lauteren Gründen verfolgt.

Staatsanwalt Colnaghi, die Hauptperson seines neuen, wieder bei Nagel & Kimche erschienenen Romans, hat  dieses Engagement von seinem Vater geerbt, der im Krieg im Widerstand gegen die Nazis kämpfte und dabei seine Familie und seinen Sohn im Stich ließ.

In schraffiert gedruckten Rückblicken beschreibt Fontana diese Widerstandsgeschichte des Vaters und stellt sie immer wieder  dem im Jahr 1981 angesiedelten Handeln seines Sohnes gegenüber.

Der ist mit missionarischem Eifer damit beschäftigt, den Roten Brigaden auf die Spur zu kommen. Dabei will er beim unermüdlichen Studium von deren aufgeblasenen Manifesten herausfinden, was diese Terroristen bewegt. Welche Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft haben sie und wie unterscheidet sie sich von seiner eigenen? Als er in einer spektakulären Aktion den Top-Terroristen Gianni Meraviglia fassen kann, ist Colnaghi nicht wirklich zufrieden. In unzähligen Gesprächen versucht er zu verstehen, welche Ideale und Werte es rechtfertigen, ein Menschenleben zu vernichten und in der Folge noch mehrere andere von Familienmitgliedern dazu, was Tanja Kinkel in ihrem neuen Roman „Schlaf der Vernunft“   auf beeindruckende Weise gezeigt hat.

Auch Meraviglia träumt von Gleichheit und Gerechtigkeit, aber er wählt einen komplett anderen Weg. An diesen Gegensätzen leidet der Leser, gerade wenn er diese bleiernen Zeiten in Italien und in Deutschland miterlebt hat, mit. Bei Colnaghi kommt noch dazu, dass er sich immer wieder mit seinem  Vater vergleicht, dessen Widerstands- und Lebensgeschichte Fontana parallel erzählt und dabei manches entdeckt, was ihm gar nicht gefallen will.

Ein intensiver Roman, der ein ganzanderes Italien zeigt, eines, das Hoffnung macht.

Dass es in unserer Welt nicht erst seit kurzem eine Form von Gewalt und Terror gibt, für die die Frage nach Gerechtigkeit gar keine Bedeutung mehr hat, steht auf einem anderen Blatt.

 

Der kleine Schneebär sucht ein Zuhause

 

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Tony Mitton, Der kleine Schneebär sucht ein Zuhause, Coppenrath 2015, ISBN 978-3-649-66778-0

 

Jeder, der ein eigenes Kind groß gezogen hat oder der sich gut an seine eigene Kindheit erinnern kann, weiß um das besondere und einzigartige Verhältnis von Kindern zu ihrem ersten Kuscheltier,  das oft bis kurz vor der Pubertät unerschütterlichen Bestand hat. Wenn unser Sohn den abgeliebten Hasen  sieht, der seine Mutter vor über vier Jahrzehnten in den Schlaf half und bei so manchem Kummer tröstete, da weiß er, dass es ganz normal ist,  wenn er seine Tiere hegt und pflegt.

Von jener einzigartigen Freundschaft zwischen einem Teddybär und einem kleinen Mädchen erzählt das vorliegende Bilderbuch aus England von Tony Mitton,  das Alison Brown liebevoll illustriert hat.

Es ist tiefer Winter, als ein kleiner Schneebaer einsam und allein durch den hohen Schnee stapft auf der Suche nach einem richtigen Zuhause. Zweimal wird er fündig, doch sowohl der Fuchs als auch die Eule verweigern ihm einen Platz in ihrer jeweiligen Behausung. Weiter von einem eigenen gemütlichen Zuhause träumend, kämpft er sich weiter durch das heftige Schneetreiben, als er einen warmen Lichtschein wahrnimmt. Das Licht gehört zu einem Haus, aus dem ein kleines Mädchen aus dem Fenster schaut und den
Bären entdeckt. Freudig öffnet sie ihm die Tür und nimmt ihn in ihre wärmenden Arme.  Nachdem sie ihrem neuen Freund eine Geschichte vorgelesen hat, nimmt sie ihn mit in ihr Bett.
„Und während draußen in der kalten Winternacht noch immer die Schneeflocken tanzten, schliefen das Mädchen und der kleine Bär glücklich nebeneinander ein.“

All the children

 

 

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Anke Kuhl, All the children, Klett Kinderbuch 2015, ISBN 978-3-95470-128-5

 

 

Dieses außergewöhnliche Bilderbuch ist nichts für zartbesaitete Eltern und Erwachsene. „Entsetzlich lustig und erfrischend böse“ will es ein ABC-Buch für ausgeschlafene Leseanfänger sein. Ein ABC der Schadenfreude, das für die Kinder heute so normal ist wie nur irgendetwas. Etwa jener Reim, der seit langem von einer Schülergenerationen an die andere weitergegeben wird:
„Alle Kinder gehen zum Friedhof.
Außer Hagen – der wird getragen.“

Kinder finden solche schadenfreudigen Reime originell, und auch wenn sie sonst nicht gerne Gedichte lernen und aufsagen, solche Verse können sie alle dichten. Noch ein paar Kostproben gefällig?

„Alle Kinder laufen ins Haus.
Außer Fritz – den trifft der Blitz.“

„Alle Kinder lesen dieses Buch. (nämlich „Alle Kinder“)
Außer Xaver – der ist ein Braver.“

Man muss nicht erschrocken zurückweichen vor diesem trockenen Kinderhumor, der in diesem Buch mit lustigen und originellen Zeichnungen von Anke Kuhl in Szene gesetzt wurde.

Mir hat das Buch gefallen und ich bin sicher, Kinder ab etwa 5 Jahren sind von diesen Reimen begeistert und können sehr wohl den schwarzen Humor dahinter identifizieren.

Die nun veröffentlichte englische Ausgabe ist entstanden in einem Gemeinschaftsprojekt mit dem reimlustigen Klasse 4a der Platanus Schule in Berlin und ihrem Lehrer Simon Gaunt.

 

So macht das Frühenglisch gleich noch mal so viel Freude.

Die Stimmen über dem Meer

 

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Bettina Storks, Die Stimmen über dem Meer, Bloomsbury 2015, ISBN 978-3-8270-1252-4

 

 

Mit ihrem Debütroman „Das Haus am Himmelsrand“ konnte die früher als Redakteurin arbeitende Schriftstellerin Bettina Storks bei Bloomsbury ein breites Publikum begeistern und überzeugen.

In ihrem neuen Roman „Die Stimmen über dem Meer“ entführt sie den mit jeder weiteren Seite mehr gefangenen Leser in „das Land am Ende der Welt“ , wie die Bretonen seit alters her ihre unvergleichlich schöne Heimat nennen. Und auch Bettina Storks,obwohl sie darüber keine Angaben macht, ist dem Zauber dieses Landes am Atlantik und seiner Geschichte voller Kultur und Bräuche offenbar total erlegen, sonst hätte sie diesen bezaubernden, spannenden und kulturell lehrreichen Roman nicht so schreiben können.

Ein Roman, in dem es neben einer auch von einer Liebesgeschichte geprägten Haupthandlung immer wieder geht um bretonische Geschichte und Kultur, um die Einzigartigkeit eines Landstrichs, dem auch Jean-Luc Bannalec mit seinen Kriminalromanen schon viele literarische Denkmäler gesetzt hat.

Morgane, die als Übersetzerin in München mit einem ehrgeizigen beruflich sehr angespannten  Mann in einer von ihr immer für glücklich gehaltenen Beziehung lebt, hat als Kind ihre bretonische Mutter bei einem Unfall ans Meer verloren.

Nun nach vielen Jahren in Deutschland bekommt sie von ihrer verstorbenen Tante, bei der sie als Kind unzählige unvergessene Ferienaufenthalte erlebt hat, nicht nur ein Haus vererbt, sondern auch die zunächst völlig unzugängliche Paulette, von der sich bald herausstellt, dass sie über eine lange Zeit die Partnerin der Tante war, der diese ein lebenslanges Wohnrecht zusicherte.

Von der Idee, das Haus zu verkaufen, kommt Morgane bald ebenso ab, wie von dem Plan, zu ihrem Partner nach München zurückzukehren. Auch als sich herausstellt, dass das Haus mit erheblichen Schulden belastet ist, wird ihre vom ersten Tag ihres Aufenthaltes geweckte Begeisterung und Faszination für diese raue und wunderschöne Landschaft zwischen den Meeren nicht geschmälert,  zumal die reiche Sagenwelt seiner Kultur sie immer mehr in ihren Bann zieht, scheint sie doch genau ihre Geschichte zu erzählen…..

Ein bezaubernder Roman über das Finstere, der in mir erneut (nach den Romanen von Bannalec) den unbändigen Wunsch weckte, dieses bedrohte Stück Land am Ende der Welt einmal selbst zu besuchen und mich von seiner Schönheit bezaubern zu lassen.

 

 

 

 

Das Buch der Zumutungen

 

 

 

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Stefan aus dem Siepen, Das Buch der Zumutungen,  DTV 2015, ISBN 978-3-423-28061-7

Von dem im deutschen diplomatischen Dienst tätigen Schriftsteller im Nebenberuf Stefan aus dem Siepen habe ich zum ersten Mal gehört und gelesen, als ich vor drei Jahren seinem außergewöhnlichen Roman „Das Seil“ begegnet bin, dessen Lektüre mich nachhaltig beeindruckte.  Auch der Nachfolger „Der Riese“ 2014 konnte mich überzeugen.

Nun legt er ein Buch vor, das er „Das Buch der Zumutungen“ nennt und in dem er in der Tradition der deutschen Kulturkritik in insgesamt 303 kurzen Betrachtungen und Anekdoten unsere moderne Existenz in den Blick nimmt. Da geht es um Phänomene des Alltags, um Fragen religiöser und weltanschaulicher Art, immer wieder um die deutsche Sprache und ihren Niedergang,  um Ereignisse des Zeitgeschehens der letzten Jahre, um Kunst und Literatur und um den Sport und seine Funktion in einer Gesellschaft, die nach dem Rückgang der Religionen unter einer gähnenden metaphysischen Leere leidet.

Stefan aus dem Siepen beobachtet sehr genau und formuliert mit knapper, aber immer treffender Sprache sogenannte Zumutungen – kulturkritische Bemerkungen zwischen Ernst und Humor.

Ein kurzes, aber für das Buch typisches Beispiel:
„Gutes Deutsch. Was nur in Deutschland möglich ist: wer sich fehlerlos und gewandt ausdrückt, gilt als Sonderling. “

Mit viel Esprit und sprachlicher Eleganz zeigt er die Schatten auf und interpretiert ihre Bedeutung und Funktion.

Ein Buch, das mir viele Aha-Erlebnisse bescherte und mir über viele Wochen, die ich mit ihm verbrachte köstliche Unterhaltung bot.

Keine Toleranz den Intoleranten

 

 

 

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Alexander Kissler, Keine Toleranz den Intoleranten, Gütersloher Verlagsanstalt 2015, ISBN 978-3-579-07098-8

 

Dieses Buch ist eine Streitschrift im besten Sinne des Wortes. Der Publizist Alexander Kissler, der in der Vergangenheit sich schon oft mit differenzierten und pointierten Beiträgen in die politischen und kulturellen Debatten in unserem Land eingemischt hat, nimmt in seinem neuen Buch die Reaktionen der Öffentlichkeit und Politik der westlichen Gesellschaften und Kulturen nach den Pariser Anschlägen auf Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015 genau unter seine kritische Lupe.

Dass schon wenig später ein noch viel schwererer Anschlag von fanatischen Islamisten die französische Weltmetropole treffen würde, konnte er beim Schreiben dieses Buches noch nicht ahnen. Aber ich bin sicher, es hat ihn nicht überrascht. Denn die Reaktionen bisher unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im Januar.

Da wird verbal aufgerüstet, es wird nach schärferen Gesetzen gerufen und so die über eine lange Zeit erkämpfte Freiheit der westlichen Demokratien in Frage gestellt. Und damit wird genau in die Falle getappt, die die Islamisten aufgestellt haben.

Doch Alexander Kissler geht es um mehr als nur die aktuelle Analyse. Er verfolgt mit stellenweise bissigen und auch bitteren Kommentaren,  hauptsächlich natürlich mit dem Fokus auf Deutschland, wie die Medien, die Politiker, die Kirchen und die Intellektuellen, wenn sie sich denn überhaupt zu Wort melden, lieber eine Position und einen Wert nach dem anderen verwässern oder gar ganz aufgeben, als klar und deutlich zu erkennen und es dann auch auszusprechen,  dass durch immer mehr Verständnis dem Islam gegenüber die nötigen Abgrenzungen und Distanzierung ausbleiben und eine Werteposition nach der anderen aufgegeben wird.

Mir persönlich etwa ärgert es zunehmend, dass meine evangelische Kirche, auf deren Liberalität und Humanität ich stolz bin im Zusammenhang mit den Flüchtlingen zur Zeit nur von ihrer genuinen Aufgabe spricht, Fremde aufzunehmen anstatt darauf hinzuweisen, dass sich schon bald moslemische Parallel-Gesellschaften und Kulturen herausbilden werden, die unsere christlichen Werte nicht anerkennen und das auch niemals tun werden. Es gibt kein einziges Beispiel, dass in irgendeinem Land islamische Migranten das getan hätten.  Der Reflex, den Kissler scharf angreift, ist der, jede solcher Entwicklungen zu erklären und zu entschuldigen mit Verweisen auf den Kolonialismus und die Unrechtsgeschichte des Westens und seiner jüdisch-christlich geprägten Kultur. Kein Wort hingegen zu Angriffen von Moslems auf Christen in vielen Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge.

Kissler zitiert mehrfach unter anderen den linken Philosophen Slavo Zizek, der in seinem Buch „Blasphemische Gedanken. Islam und   Moderne “ immer wieder betont, dass die auf ihre Sünden regelrecht stolze Larmoyanz des Westens den Feinden des Westens in die Karten spielt. Als Hauptsatz der „politisch korrekten Selbstbezichtigung des Westens“ identifiziert er den Satz: „Wenn etwas Schreckliches in der Dritten Welt geschieht, dann muss es auf irgendeine Weise eine Folge des (Neo-) Kolonialismus sein. “

Viele weitere Stimmen von Zeitgenossen ruft Kissler auf, die allesamt stehen für eine aufgeklärte und liberale, demokratische begründete Haltung und Philosophie.

Es ist sowas wie ein Schuldkomplex und stellenweise bis zum Selbsthass sich steigernde der Öffentlichkeit der westlichen Gesellschaften,  die seinen erklärten Feinden ein zunehmend leichtes Seite bieten.

Ein Wandel ist dringend nötig: „Der Westen muss wieder fähig werden Auskunft zu geben,  jedem und jeder, ueber die Genesen seiner Freiheiten. Er muss neu ausbuchstabieren und verteidigen können,  wie er wurde, was er ist: ein Versprechen auf Glück, eine Geschichte von der Würde eines jeden Menschen, die unverlierbar ist, weil jeder Mensch gleich geboren wird, weil jeder Mensch als Person mit einem Schrei ins Leben tritt und noch immer weiß,  was er zu Voltaires Zeiten wusste,  ‚was du nicht willst, das man dir tun soll, das tue du auch nicht.'“

Das, darauf weist der Rezensent hin,  steht schon im Neuen Testament. Auch so ein Dokument unserer Kultur, das uns
Orientierung geben könnte, von  dem aber immer mehr immer weniger wissen.