Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Kleiner Floh ganz groß

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Laurie Cohen, Kleiner Floh, ganz groß, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5821-9

 

Dieses kleine handliche Bilderbuch für Kinder ab etwa 2 Jahren erzählt in einfachen Bildern und in knapper, verständlicher Sprache die Geschichte eines kleinen Flohs. Der fühlt sich extrem klein, wäre gerne groß, und beschließt auf verschiedene Dinge zu klettern.

Zuerst versucht er es mit der Erbse, dann mit einem Apfel, einer Blume und einer Kletterpflanze. Dann ist ihm nach Größerem und er setzt sich auf ein Haus, einen Mast, einen Wolkenkratzer und schließlich auf eine Wolke.

Ein Bär, der ihn, in die Luft schauend, dort entdeckt, macht sich lustig über ihn und sagt, er sei klitzeklein, während er dagegen …

Das hätte er lieber nicht gesagt, denn im Fell des Bären, auf den der Floh sich wutentbrannt gestürzt hat, ist der Floh sehr groß: der größte Quälgeist nämlich.

Ein schönes Bilderbuch, in dem die Kinder anschaulich etwas lernen können über Größenverhältnisse.

Noch so eine Tatsache über die Welt

 

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Brooke Davis, Noch so eine Tatsache über die Welt, Kunstmann 2015, ISBN 978-3-95614-053-2

 

Die australische Schriftstellerin Brooke Davis hat mit diesem Erstlingsroman wie mit einem Paukenschlag nicht nur die literarische Bühne ihres Heimatlandes betreten, sondern ihr Buch „Noch so eine Tatsache über die Welt“ ist seit seinem Erscheinen im vergangenen Jahr zu einem internationalen Bestseller geworden, den Kunstmann nun auch dem deutschen Publikum präsentiert.

Erzählt wird die Geschichte von drei Menschen, die nicht nur vom Alter her sich stark unterscheiden. Da ist die siebenjährige Millie Bird, die schon ganz früh immer wieder mit dem Tod und mit schwerem Verlust konfrontiert wird. Zunächst stirbt ihr Hund Rambo, dann auch ihr Vater. Und kurze Zeit später, der Vater ist kaum beerdigt, geht ihre Mutter in einem Kaufhaus „kurz weg“, und kommt nicht mehr wieder. Sie hat sie einfach zurückgelassen wie ein lästiges Stück Gepäck.

Und da ist der siebenundachtzigjährige Karl, der von seinem Sohn in ein Altersheim gebracht wurde, in dem er aber nicht bleiben will und von dort wegläuft. Er geht zuerst mal ins Kaufhaus, bis sich etwas Besseres findet. Und dort trifft er die von der Mutter verlassene Millie.

Als die nach einer sehr unterhaltsamen zu lesenden Episode mit Karl im Kaufhaus allein an ihr Elternhaus kommt, wird das wie alles andere beobachtet von Agatha Pantha, einer zweiundachtzigjährigen Frau, die seit ihr Mann gestorben ist, verbittert nicht mehr das Haus verlassen hat, aber durch ihr Fenster alles sieht und beobachtet.

Diese drei brechen auf eine abenteuerliche Reise auf, um Millies Mutter zu suchen. Was sie dabei finden, ist wie eine Rückkehr zu sich selbst und ins Leben. Und in die Liebe. Denn zwischen dem vereinsamten, aber sehr romantisch veranlagten Karl und der schrägen Agatha bahnt sich im Verlauf des Buches eine ungewöhnliche Liebesbeziehung an. Brooke Davis gelingt es gut, dieses oft belächelte Thema auf eine sehr ernsthafte Weise zu beschreiben, mit Schönheit und Poesie.

Davis lässt ihre Figuren abwechselnd auftreten und so dem Leser immer vertrauter werden. Es geht nicht nur um Liebe und Freundschaft, sondern auch um die ständige Gegenwart und Realität des Todes und vieler anderer Formen von Verlust.

All das erzählt sie auf eine liebevolle, schräge, ernsthafte und gleichwohl lustige Weise, dass man das Buch schnell zu Ende liest und jede unnötige Pause vermeidet.

Ein wunderbares Buch, das geradezu singt vom Glück zu leben.

 

 

Die Möglichkeit eines Verbrechens

 

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Dror Mishani, Die Möglichkeit eines Verbrechens, Zsolnay 2015, ISBN 978-3-552-05737-1

 

Henning Mankell, der nun wirklich Ahnung hat von guter Kriminalliteratur, hat den vor zwei Jahren erschienenen Debütroman „Vermisst“ des israelischen Literaturprofessors und Lektors Dror Mishani „originell und beeindruckend“ genannt und war insbesondere angetan von Avi Avraham, mit dem ein neuer, sehr spezieller Ermittler die Krimibühne betrat.

Auch sein neuer, hier vorliegender Roman „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ spielt in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

Nach seinem letzten Fall, als er beim Verschwinden eines 16- jährigen Jungen insbesondere zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen ließ, leidet Avi Avraham unter diesen Fehlern. Während einer Auszeit in Belgien hat er eine Frau kennengelernt und auch neuen Mut für sein eigenes, eher einsames Leben geschöpft. Neben der spannenden Handlung des zu lösenden Falles, verfolgt Dror Mishani auch sensibel die beginnende Geschichte dieser nicht ganz unproblematischen Beziehung.

Im neuen Fall wird vor einem Kindergarten in Cholon eine Bombenattrappe gefunden. Ein am Tatort Festgenommener muss wieder freigelassen werden. Als Avraham mit der Betreiberin spricht, spürt, dass die nicht die Wahrheit sagt und irgendetwas zu verbergen hat. Als wenig später die Betreiberin des Kindergartens auch noch Opfer einer gewalttätigen Attacke wird, und ins Koma fällt, gerät der Cateringunternehmer Chaim Sara schnell in Tatverdacht. Denn der hatte, wie er auch zugibt, vor kurzem mit Frau einen heftigen Streit um die Qualität ihrer Arbeit. Und er verwickelt sich in Widersprüche, insbesondere über seine philippinische Frau, die angeblich zu ihren Eltern auf die Philippinnen geflogen ist.

Dror Mishani fängt sehr sensibel das Leben und den Alltag in Cholon ein, von den „typischen“ israelischen Themen ist kaum die Rede, wohl aber vom Alltag und den Sorgen der auftretenden Personen. So entsteht nicht nur eine faszinierende Milieustudie, sondern auch ein spannender Psychothriller, dessen Handlung sich zuspitzt und am Ende mit einem völlig unerwarteten Höhepunkt glänzt.

Avi Avraham ist ein Ermittler ganz anderer Art. Er will keine Fehler machen und entscheidet dennoch fast nur aus dem Bauch. Aus seiner Sicht ist der ganze Roman erzählt und auch Chaim Saras Perspektive wird immer wieder dargestellt. Erst allmählich löst sich die Verwirrung beim Leser und die Fäden einer wieder nicht ganz fehlerfreien Ermittlung laufen zusammen.

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren. Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neue Partnerin die persönliche Bodenhaftung bekommen, die im noch fehlt. Sind wir auf den dritten Band mal gespannt.

Mir jedenfalls hat auch das neue Buch ausgesprochen gut gefallen.

 

 

 

Hunkelers Geheimnis

 

 

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Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06937-2

 

Der pensionierte Basler Kommissär Peter Hunkeler liegt im Krankenhaus. Er ist an der Prostata operiert worden, und es hat sich herausgestellt, dass es kein Krebs war. Hunkeler fühlt sich verschont und spürt, wie schon in den früheren Jahren so etwas wie Dankbarkeit für sein Leben, auch wenn seine Erinnerungen mit steigendem Alter immer intensiver werden.

Hansjörg Schneider, der in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.

Hunkeler liegt also im Krankenhaus und neben ihm im gleichen Zimmer ein alter Bekannter: Stephan Fankhauser, einst wie Hunkeler bei den Achtundsechzigern, ist er durch die Institutionen marschiert und Leiter der Balser Volkssparkasse geworden. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts beobachtet Hunkeler, wie eine Krankenschwester mit einen Rubinring an der Hand, Fankhauser eine Spritze setzt. Der wehrt sich heftig und ist am nächsten Morgen tot. Hunkeler weiß nicht recht, ob er einer Täuschung durch die eigenen Medikamente aufgesessen ist, doch es wird sich später herausstellen, dass er richtig beobachtet hat.

Später, während einer Handlung, in der Schneider wieder in die Schweizer Geschichte zurückgeht und sie parallel setzt zu zeitgenössischen Ereignissen, hier die Finanzkrise.

Und während der er Hunkeler seien eigenen Gedanken denken lässt:

„In seiner Jugend, dachte Hunkeler, waren die Schweizer stolz gewesen auf ihr Land. Man sprach vom freien Schweizer und meinte sich selbst. Man war stolz darauf, dass man den Flüchtlingen Asyl gewährte. Man war auch stolz auf die Banken. Denn in ihnen lag das Geld unschuldig Verfolgter in sicherer Verwahrung. Ein Stück vom Freiheitskämpfer Wilhelm Tell steckte in jedem Eidgenossen und jeder Eidgenossin.“

Doch die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt. Und was zunächst aussieht wie eine Sinnestäuschung hat Zusammenhänge bis in die ferne Vergangenheit.

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine Bücher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf höchstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war früher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber spärlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genießen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespräche ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Schöpfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem „Gspüri“. Auch diesen Fall, er ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankhaus keine Ruhe lässt. Und wie schon zu seiner aktiven Zeit meiden ihn die Kollegen, mit denen er wieder zu tun bekommt. Seine Eigenständigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst, erst recht, wo er nun keine Verpflichtungen mehr hat. Und wie schon damals erweist sich der Staatsanwalt Suter als heimlicher Unterstützer.

Das vorliegende Buch Schneiders ist vielleicht der Beste aller neun Hunkelerbände. Seine Altersweisheit und sein unideologischer Blick auch auf seine eigene Vergangenheit lassen ihn erkennen, was trotz allem sein Basel für ihn liebenswert macht, auch als politische Heimat.

 

 

 

 

Mein großes Baustellenbuch

 

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Anne-Sophie Baumann, Didier Balicevic, Mein großes Baustellenbuch, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5861-5

 

Solche Bücher hat mein Sohn als er klein war, geliebt. Baustellen, Fahrzeuge, die dort gebraucht werden, Menschen, die dort die unterschiedlichsten Bauwerke errichten und vor allen Dingen viele Informationen über den Ablauf der Arbeiten und über deren Techniken.

Und wenn dann noch, wie in dem vorliegenden Buch von Anne-Sophie Baumann und Didier Balicevic, unzählige Aufklappen und Drehräder mit weiteren Entdeckungen dazukommen, dann ist der Buchgenuss für einen kleinen Jungen vollkommen.

Gezeigt werden auf je einer Doppelseite die Baustelle eines Hauses, wie ein Kran gebaut wird und eine Straße, eine U-Bahn und eine Brücke. Der Aufbau einer Achterbahn wird gezeigt und wie ein Flugzeug gebaut wird. Der Bau eines Schiffes und der Aufbau eines Zirkuszeltes bilden den Abschluss in einem Buch, mit dem sie jedem Jungen eine Freude machen werden, die lange anhält. Denn über viele Jahre wird er dieses Buch immer wieder in Hand nehmen, immer mehr verstehen und immer wieder Neues entdecken.

Bald ist Weihnachten. Für Jungen ab etwa vier Jahren ein ideales Geschenk.

Dsa sind alles Bilder und Wörter

 

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Yayo Kawamura, Das alles sind Bilder und Wörter, Coppenrath 2015, ISBN 978-3-649-61869-0

Dies ist ein wunderbares Buch für alle Kinder ab etwa 18 Monaten, also genau der Zeit, in der die Sprachentwicklung explodiert, der Wortschatz zunimmt und die Kleinen auf eine Weise wissbegierig sind und lernbereit, wie es später nur noch selten in dieser Intensität vorkommt.

Über 200 Begriffe aus der ganzen Welt des Kleinkindes sind nach Themen geordnet abgebildet und benannt. Was lässt sich das alles erkennen und benennen: Im Zuhause, im Garten, bei den Tieren und bei den Fahrzeugen, in der Küche und im Ablauf des Jahres mit den Jahreszeiten.

Jedes einzelnen Bild ist eine Einladung an die Kinder zum Sprechen und Erzählen. Ähnlich wie bei den Wimmelbüchern brauchen sie hierzu aber auch die Unterstützung und die Begeisterung von Erwachsenen, die mit ihren zusammen dieses Buch anschauen und die unzähligen Geschichten entdecken, die mit der fantasievollen Zusammenfügung einzelner Begriffe zum Leben erweckt und erzählt werden wollen.

Irlands schönste Gärten

 

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Jane Powers, Irlands schönste Gärten, DVA 2015, ISBN 978-3-421-03839-5

 

Dieser wunderbare Bildband, der durch die ausgewogene Balance zwischen aufschlussreichen Texten und geradezu magischen Bildern besticht, entführt den Leser in die fantastische Welt der irischen Gärten.

Jane Powers, die Autorin dieses beeindruckenden Buches wurde in Irland als Tochter amerikanischer Eltern geboren und verbrachte ihre Kindheit in Irland und den USA. Sie schreibt seit über 20 Jahren über Gartenthemen, Umweltfragen, Kunsthandwerk und anderes mehr in irischen und englischen Zeitschriften und Gartenmagazinen wie Gardens Illustrated und The Garden Design Journal; mehr als 15 Jahre war sie gardening correspondent der irischen Sunday Times. Ihre große Liebe gehört den Gärten und dem Gärtnern sowie den damit verbundenen Menschen, Pflanzen und Schauplätzen. Jane Powers lebt in Dún Laoghaire, einem kleinen Küstenort in der Nähe von Dublin; ihren eigenen Garten pflegt sie nach ökologischen Gesichtspunkten.

Etwa 60 Gartenrefugien umfasst die Reise, auf die sie zusammen mit ihrem Fotograf Jonathan Hession ihre Leser mitnimmt. Sie führt von den großen Anwesen berühmter Adelsfamilien über die der Natur abgetrotzten ummauerten Gärten von Klöstern und Herrenhäusern bis hin zu den blühenden Paradiesen passionierter Pflanzensammler. Allesamt Gärten voller Blumenvielfalt und mit einer berauschenden Farbenpracht, wie sie Irlandliebhaber schon lange von ihren Besuchen kennen.

Natur, die begeistert.

Der Tod auf dem Apfelbaum

 

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Kathrin Schärer, Der Tod auf dem Apfelbaum, Atlantis 2015, ISBN 978-3-7152-0701-8

Das neue Bilderbuch von Kathrin Schärer ist ein wahres Kunstwerk. In Wort und Bild erzählt sie, ein altes Märchenmotiv aufgreifend, von einem Fuchs, der tatsächlich glaubt, den Tod überlisten zu können. Doch ein gutes Leben, und das hat der Fuchs zusammen mit seiner Frau durchaus geführt, bracht auch sein Ende. Doch es dauert, bis der Fuchs das verstehen und akzeptieren kann.

Zunächst ist es ein Zauberwiesel, das der alte und hungrige Fuchs, vor dem sonst alle rechtzeitig davonlaufen, gerade so fange kann. Dieses Wiesel verspricht ihm gegen seine Freilassung, dass durch einen Zauber ab sofort jeder Apfeldieb auf dem Baum den der Fuchs als seinen eigenen betrachtet, kleben bleibt. Das funktioniert und der Fuchs kann ungestört sein Obst genießen. Da kommt irgendwann der Tod und will ihn holen. Der Fuchs, schlau wie er ist, bittet den Tod ihm einen letzten Apfel zu pflücken. Schon sitzt der Tod auf dem Baum fest und der Fuchs jubiliert. Doch nicht lange. Denn er wird im er älter und schwächer, seine Frau stirbt und auch die ersten seiner Kinder. Er gehört nirgends mehr dazu.

Schließlich bittet er den Tod, zu ihm herunterzusteigen und ihn mitzunehmen.

„Für den Tod ist keine Zeit verstrichen, für ihn gibt es weder Zeit noch Raum. Er pflückt einen schönen, roten Apfel und steigt langsam vom Baum. Abwechslungsweise beißen die beiden in den Apfel – ohne zu sprechen. Dann umarmen sie sich, und dem alten Fuchs wird ganz leicht dabei. Er nickt und zusammen ziehen sie davon.“

Ein gutes Leben braucht auch sein Ende. Der Tod gehört zum Leben. Diese Weisheit hat Kathrin Schärer in beeindruckenden Bildern und einem poetischen Text umgesetzt. Ein preiswürdiges Bilderbuch.

 

 

 

 

 

Grillen

 

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Ralf Frenzel, Grillen. Meisterstücke für Männer, Tre Torri 2015, ISBN 978-3-9446298-61-5

 

Nachdem in dem ersten Buch der auf fünf Bände angelegten Reihe von Kochbüchern des Magazins „BEEF! Für Männer mit Geschmack“ unter dem Titel „Steak“ das Fleisch von der Aufzucht der Tiere über die Schlachtung bis hin zum fertig gegrillten Steak auf dem Teller nachverfolgt wurde, und Porterhouse, T-Bone, Cote de boeuf, Entrecote, Rumpsteak. Chateaubriand, Filet, Hüftsteak, Tafelspitz, Bürgermeisterstück, Semerrolle, Flanksteak und Strip Loin vom Txogitxu ( von den letzten vier genannten habe ich nie zuvor gehört oder gelesen) mit ausführlichen und verständliche Rezepten vorgestellt wurden, geht es im zweiten Band „Grillen“ hauptsächlich um den Grill und seine Technik.

Grillgeschichten von Feuer und Fleisch stehen am Anfang. Dem folgen ein Kapitel zur Küchenpraxis vom Holzfeuer bis zum Infrarotbrenner und eine Anleitung zum Anfeuern eines Grills. Eine Menge weitere Tipps und vor allen Dingen eine Unzahl von leckeren Rezepten für die verschiedenen Grilltypen vervollständigen ein Buch, das vor allen Dingen Männerherzen höher schlagen lassen soll. Es gibt immer mehr Männer, die gerne kochen, aber das perfekte Grillen und die entsprechende Fleischauswahl sind zu einem ähnlichen Kult geworden, wie früher in den Achtzigern der Hype um die italienischen Weine, mit denen viele Männer bei ihren Festen Eindruck machten.

Vieles aus dem ersten Band, etwa die Kapitel über die Gewürze und Zutaten und die Hinweise auf das Zubereiten von Marinaden, Saucen und Chutneys sind auch für das Buch „Grillen“ wichtig und können zu Rate gezogen werden.

Für den, der gerne grillt und sich hier perfektionieren will in Wissen und Technik ein empfehlenswertes Buch.
 

Das Gift

 

 

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Samanta Schweblin, Das Gift, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42503-9

 

Nach ihren bemerkenswerten Erzählungen „Die Wahrheit über die Zukunft“ , mit denen Suhrkamp 2010 die argentinische Schriftstellerin Samanta Schweblin einem deutschen Publikum vorstellte, präsentiert der Verlag nun ihren ersten Roman, der in ihrer Heimat gefeiert wurde und nicht nur deshalb wohl in über 20 Ländern gleichzeitig erscheint.

Es ist ein vom Umfang her dünner Roman, der es aber in Inhalt und Stil mit den Großen aufnehmen kann. Irgendwo im argentinischen Landesinneren trinkt ein wertvoller Zuchthengst , der vom Gut der Großgrundbesitzer Sotomayor ausgeliehen wurde, giftiges Wasser. Die Heldin des Romans namens Carla kümmert sich um das Tier, doch sie kann nicht vermeiden, dass ihr Sohn David mit dem giftigen Wasser in Berührung kommt. Das Pferd stirbt, der Sohn kann gerettet werden. Hilfreich ist dabei die „Frau im grünen Haus“, eine Heilerin, die mit Transmigration arbeitet, bei der der Geist den Körper verlässt, sich einen anderen sucht und der Körper wiederum von einem anderen Geist besetzt wird. So wird jedenfalls erklärt, warum sich das Kind nach der Vergiftung so verändert hat in seinem Wesen.

Als viele Jahre später Amanda, eine Frau aus der Stadt, die mit ihrer Familie Urlaub macht, genau diesen David trifft, versucht sie herauszufinden, was damals geschehen ist:

„‚Als ich eine Entscheidung getroffen hatte, gab es kein Zurück mehr, und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr schien es mir der einzig mögliche Weg zu sein. Ich habe David auf den Arm genommen, und er weinte, vermutlich spürte er meine Angst. Dann verließ ich das Haus. Omar stand mit zwei Männern neben dem Pferd und diskutierte, wobei er sich unentwegt die Haare raufte. Zwei weitere Nachbarn sahen vom hinteren Teil der Koppel aus zu und mischten sich gelegentlich in das Gespräch ein, indem sie ihre Meinung quer über das Feld brüllten. Ich ging weg, ohne dass sie es bemerkten, und gelangte auf die Straße‘, sagt Carla und zeigt ans Ende meines Gartens, hinter das Tor. ‚Dann ging ich zu dem grünen Haus.'“

Als dann auch Amandas Tochter Nina mit dem pestizidverseuchten Wasser in Berührung kommt, wird die ganze Sache sehr verwirrend. Diese Verwirrung , die wohl bewusst von Samanta Schweblin über ihren Text gelegt wurde, durchzieht weite Teile des Buches und schmälern so die Qualität eines Buches, das spannend hätte sein können, spannend und kritisch.

So aber habe ich es eher unsicher aus der Hand gelegt, bin mir aber sicher, dass das dritte Buch dieser Autorin, die derzeit in Berlin lebt, eine neue Chance verdient hat.